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Sonntag, 29. Mai 2022

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Samstag, 24. April 2021

In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern

In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern,
Buchweizen ruft, aus Weiten, endlos großen.
Ich laß die Kate Kate sein, bin fern,
ich streun, ein Dieb, umher im Heimatlosen.

Tag, wie dein Licht sich lockt, so will ich gehn,
im Irgendwo will ich zur Ruh mich setzen.
Was mir bevorsteht, Freund, ich kanns schon sehn:
ich seh am Stiefelschaft dich’s Messer wetzen.

Die gelbe Straße, vor mir läuft sie hin,
der Frühling, er läuft mit, das Wiesenblond, die Helle.
Den Namen grub ich tief in meinen Sinn,
und die ihn trägt, sie jagt mich von der Schwelle.

Ich weiß, mich führts zurück zu Vaters Haus –
Mein ganzer Trost: daß fremde Herzen hüpfen . . .
Ein grüner Abend kommt, ich zieh die Jacke aus,
am Ärmel mich ans Fensterkreuz zu knüpfen.

Die Weiden hängen grau, das Zaungeflecht
steht schief – sie müssen Kummer haben.
Mich Ungewaschnen bettet man zurecht,
die Meute bellt – sie haben mich begraben.

Und oben schwimmt der Mond, er schwimmt und schwebt,
und läßt, wo Seen sind, seine Ruder fallen.
Und Rußland lebt, wie’s immer schon gelebt:
am Zaun, da tanzt es, und die Tränen rollen.

(Sergej Jessenin)

Sonntag, 1. November 2020

Älterwerden

Zögern mitten im Satz.

Nachfragen wenn man glaubt
es verstanden zu haben

Es nicht mehr eilig haben
mit dem Wissenwollen

Einen Stein ein Glas eine Hand
länger festhalten als nötig

Den Ärmel des Gegenüber beim Reden berühren
zu spüren man ist noch da

Ein Buch einen Blick eine Haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

Erinnern statt sehnen

Den Gedanken: Das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen Muskel

Gefühl als wäre jemand im Zimmer


(Ulla Hahn)

Mittwoch, 11. März 2020

Die Corona-Lehre

Quarantänehäuser spriessen,
Ärzte, Betten überall
Forscher forschen, Gelder fliessen -
Politik mit Überschall.

Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.
Also will sie nicht beenden
Das Krepieren in den Kriegen,

Das Verrecken vor den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.

(Thomas Gsella, 2020)

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Flüchtige Notizen X: Krise

Grau.
Farblos wie Beton, wie Dreck.
Fahl.
Nichts bringt mehr Licht ins dunkle Sein.
Hart.
Wie Gestein, nur langsam schiebt und drückt es.
Rein.
Lange weit davon entfernt.

Besinnungslos.
Hör ich die Tauben, bin ich selbst bereits?
Nein!
Als Taube fliegte ich schon längst.
Weit weg...
Wohin, das weiß der Wind allein.

Ziele?
Das Sein, Bewegung, Regung.
Ja.
Vielleicht seh ich nur falsch.
Bin.
Höchstens blind, erlahmt und matt.
Vor.
Wohlstand, Essen, Rausch, wer weiß?

Wohin.
Das ist die falsche Frage!
Ins Nichts?
Freiheit gerät ins Stocken...
Leider.
Auf der Leiter, ungebrochen.

Eine Stufe fehlt.

(3/10/2005)

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Ehekrach

»Ja -!«
»Nein –!«
»Wer ist schuld?

Du!«

»Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!«
– » Du hast Tante Klara vorgeschlagen!
Du läßt dir von keinem Menschen was sagen!
Du hast immer solche Rosinen!
Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen –
Du hörst nie. Ich red dir gut zu . . .
Wer ist schuld –?

Du.«

»Nein.«
»Ja.«

– » Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?
Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?
Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?
Wem passen wieder nicht die Betten?
Wen muß man vorn und hinten bedienen?
Wer dreht sich um nach allen Blondinen?

Du –!«
»Nein.«
»Ja.«

»Wem ich das erzähle ...!
Ob mir das einer glaubt –!«
– »Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:
Ihr wißt nicht, was euch beide plagt.
Was ist der Nagel jeder Ehe?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.
rallen zurück, wollen weiterwandern ...
Bleiben schließlich ... Diese Resignation:
Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton?
Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht:
Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.
Jahre binden, auch wenn man nicht will.
Das ist schwer: ein Leben zu zwein.
Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

(Kurt Tucholsky)

Dienstag, 17. September 2019

Der Dichter

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehr er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.

Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst in liebendem Entzünden,
Der Masse Wuszt, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Mittwoch, 13. Februar 2019

Kreuzberg

Die Trödler räumen die Nachlässe aus
Es riecht nach Kebab, Schnaps und Tod
Und jeder wacht morgens doch lieber auf
Und kämpft um das tägliche Brot
Im Sommer hocken sie vor den Häusern
Und warten, daß etwas geschieht
Menschen, die schon lang gewartet haben
Auf etwas, das uns allen blüht

         Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
         Berlin liegt im Osten von Babylon
         Es steht auf allen Mauern geschrieben:
         Was andre kriegen, das war hier schon

Hier bleibt das Leben, was es immer war
Es hat ein vertrautes Gesicht
Die Toten loben die Dunkelheit
Die Lebenden brauchen mehr Licht

In tausend Kneipen dröhnt der alte Beat
Die Hunde kriegen auch ihr Bier
Dann wanken sie zusammen durch die Nacht
Mann, Frau, Vergangenheit und Tier

         Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
         Berlin liegt im Osten von Babylon
         Es steht auf allen Mauern geschrieben:
         Was andre kriegen, das war hier schon

(Jörg Fauser)

Montag, 15. Oktober 2018

Trotzki, Goethe und das Glück

Kaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kaum aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist das Glück, dachte ich.

Das ist das Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal'n Gedicht schreiben kann,
et du reste l'amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Bier, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird!

Von da an ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit dem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauengruppe mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woandershin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen -
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam - es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut déjà vu -
dachte ich, na ja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

(Jörg Fauser, 1975)

Mittwoch, 8. August 2018

Für Feng Huixi


(Lu Xun, 1930, aus: Kowallis, Jon: The Lyrical Lu Xun: A Study of His Classical-Style Verse, University of Hawaii Press, 1996)

Freitag, 13. April 2018

Die Zerreißung der Stille am Mittag

In memoriam Seamus Heaney

Wieder das Scharren in der Luft, Gitarren
Aus Stacheldraht, weit übers Land gespannt.
Zikadenfunk, Telephonie der Gliederfüßler,
Die sich die Beine wetzen, sandpapierne Zungen.

Was alles mitschwingt im Gezirp: Befehle
Marschierender Legionen, Peitschenhiebe
Über den Köpfen wilder Söldnerhaufen, Rasseln
Uralter Schlüssel, keiner passt mehr, Haß-

Parolen und Zitate von Cäsaren.

Tief in die Landschaft sägt sich das und kündigt
Vergangene Zukunft an - Vandalenzüge
Und Plünderungen, Feuersbrünste, alles das,
Wovon nur dieses Scharren blieb,
Das in der Luft steht vor den Toren Roms,
Ein Wirbel brennender Papiere -

Zerrissenes, Zerrissenes.

(Durs Grünbein)

Montag, 19. März 2018

Der Störenfried

Der Vorhang wich. Im Saale wurd es stiller.
Das Licht ging aus, die letzte Türe zu.
Man gab was Altes, Lessing oder Schiller,
doch Altes läßt den Neuen keine Ruh.

Nach fünf Minuten kam der erste Nackte.
Auf seinem Rücken stand in Braun: SA.
Braun war auch das, was er dann schreiend kackte
auf jenen Abort, der mal Bühne war.

Urin? Gab’s auch. Ein Yeti wurd geschlachtet,
zwei Hauptpersonen liebten sich im Blut.
Ich hab nicht weiter auf das Stück geachtet:
Ich mußte husten. Das kam gar nicht gut.

Ich mußte husten! Just als zweie kotzten.
Ich weiß, daß sich das wirklich nicht gehört:
Man hustet nicht. Die Hauptpersonen glotzten,
auch’s Restensemble fühlte sich gestört.

Mit seinen Blicken streute es die Asche
mir bös aufs Haupt, das Haupt des Trampeltiers.
Ein Hustenbonbon zog ich aus der Tasche.
Jedoch wie laut das Knistern das Papiers!

Die um mich saßen, ballten ihre Hände
in Wut zur Faust und schlugen auf mich ein.
Die auf der Bühne kamen bald zum Ende:
Ein Punker-Papst gebar ein wildes Schwein.

Ich hab das Stück, und wie es hieß, vergessen.
Ich weiß nur die Moral von dem Gedicht.
Mag auch ein Störenfried gern Kreide fressen:
Die sich an nichts mehr stören, stört er besser nicht.

(Thomas Gsella, 2011)

Samstag, 17. Februar 2018

Das kulturbefördernde Füll

Ein wünschbar bürgerlich Idyll
erschafft, wenn du ihn trägst, der Füll.

Er kehrt, nach Vorschrift aufgehoben,
die goldne Spitze stets nach oben.

Wärst du ein Tier und sprängst auf Vieren,
er würde seinen Saft verlieren.

Trag einen Füll drum! (Du verstehst:
Damit du immer aufrecht gehst.)

(Christian Morgenstern)

Sonntag, 7. Januar 2018

Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die Lebenden lassen die Toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Dass unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

(Heinrich Heine, 1869)

Freitag, 17. November 2017

Flüchtige Notizen IX: Democracy

4/9/2002:

Widerspiegelung

Ich seh mich wieder groß an meinen Grenzen
Aufgetaucht ich hatte mich vergessen.
Vogel, flugs die Grenzen zu verwunden,
Frohlocke ich, die Spiegelscherben glänzen.
Ich hungerte, jetzt will ich wieder essen:
Dies Manna der Verletzungen, die munden.

(Elke Erb, 1991)

Die 79-jährige Lyrikerin erhält in diesem Jahr den Mörike-Preis der Stadt Fellbach.

Freitag, 26. Mai 2017

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: ‚Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!‘

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.

(Erich Mühsam, 1907, gewidmet der deutschen Sozialdemokratie)

Mittwoch, 12. April 2017

Impressionen No. XLVIII: April

Hazel

Right off, Mr. Miles Davis!

Zufall

Ein Anfang.

Trio.

Weit schweifend.

Oh, beetlebum.


Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser. 
(Rainer Maria Rilke, 1902)

Dienstag, 14. März 2017

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehrt er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.

Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst, in liebendem Entzünden,
Der Masse Wust, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Montag, 9. Januar 2017

Verkehrte Welt

Das ist ja die verkehrte Welt,
Wir gehen auf den Köpfen!
Die Jäger werden dutzendweis
Erschossen von den Schnepfen.

Die Kälber braten jetzt den Koch,
Auf Menschen reiten die Gäule;
Für Lehrfreiheit und Rechte des Lichts
Kämpft die katholische Eule.

Der Häring wird ein Sanskülott,
Die Wahrheit sagt uns Bettine,
Und ein gestiefelter Kater bringt
Den Sophokles auf die Bühne.

Ein Affe läßt ein Pantheon
Erbauen für deutsche Helden.
Der Maßmann hat sich jüngst gekämmt,
Wie deutsche Blätter melden.

Germanische Bären glauben nicht mehr
Und werden Atheisten;
Jedoch die französischen Papagein,
Die werden gute Christen.

Im uckermärkschen Moniteur,
Da hat mans am tollsten getrieben:
Ein Toter hat dem Lebenden dort
Die schnödeste Grabschrift geschrieben. Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom,
Ihr Brüder! Es hilft uns wenig!
Laßt uns besteigen den Templower Berg
Und rufen: es lebe der König!


(Heinrich Heine, 1844)