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Mittwoch, 11. Dezember 2019

Flüchtige Notizen X: Krise

Grau.
Farblos wie Beton, wie Dreck.
Fahl.
Nichts bringt mehr Licht ins dunkle Sein.
Hart.
Wie Gestein, nur langsam schiebt und drückt es.
Rein.
Lange weit davon entfernt.

Besinnungslos.
Hör ich die Tauben, bin ich selbst bereits?
Nein!
Als Taube fliegte ich schon längst.
Weit weg...
Wohin, das weiß der Wind allein.

Ziele?
Das Sein, Bewegung, Regung.
Ja.
Vielleicht seh ich nur falsch.
Bin.
Höchstens blind, erlahmt und matt.
Vor.
Wohlstand, Essen, Rausch, wer weiß?

Wohin.
Das ist die falsche Frage!
Ins Nichts?
Freiheit gerät ins Stocken...
Leider.
Auf der Leiter, ungebrochen.

Eine Stufe fehlt.

(3/10/2005)

Freitag, 17. November 2017

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Flüchtige Notizen VII: Diktatorisch

20.11.2005:

Nur soviel: dass die Diktatur des Proletariats in seinen Effekten genau so wenig gerecht sein kann wie die Diktatur einer Minderheit und in seinen Effekten dem ursprünglich gewollten ganz entgegengesetzte Wirkungen erzielen kann, dürfte durch die Geschichte des real existierenden Sozialismus einigermaßen einleuchtend sein. Dass die Menschheit an sich jedoch absolut nicht imstande ist, jemals den Kommunismus zu erreichen erklärt sich für mich durch die Unmöglichkeit, alle Menschen unter einem gleichen Gedanken zu vereinen ohne Zwang auszuüben. Jeder Versuch muss zwangsläufig in eine Überwachungs- und Erziehungsdikatur münden, da jeder Mensch ein gewisses Maß an (zugegebenermaßen oft irrationaler) Distinktion anstrebt, in jedem System. Und damit geht nicht nur die Freiheit, sondern gleichzeitig auch die Gleichheit unter, weil es mindestens eines Ungleichen (eines Tyrannen wie Stalin, einer Parteidiktatur, eines Systems der Systemprofiteure, einer elitären Kontrollinstanz, etc.) bedarf. Damit aber unterläuft und korrumpiert sich das System selbst, wird also ein Unrechts- und Ungleichheitsstaat unter dem Banner von Gleichheit und Gerechtigkeit. Es entsteht Unsicherheit, Angst, und damit die Tendenz zur Anpassung und Unterordnung. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt oder mit Gewalt unterdrückt. Die dynamische Selbstregulierung einer Gesellschaft wird unterlaufen und damit erstarrt das System - oder es gerät auf fatale Irrwege.

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Flüchtige Notizen VI: Fragment

5/5/2006:

Was war? Was ist passiert? Welch vollendete Wunder anzuschauen! In der Zauberei war sie mehr. Gekonnte Illusion, und auf der Straße begegnete ich ihr, bekleidet mit einem gelben Umhang...

Es war an jenem Punkt, da ich wusste, dass es gut war, der Suche zu folgen, ohne zu wissen was, noch wen. Wer aufwacht, schläft ein andermal. Wenn es dieses Glück ist, das ich nicht verlieren möchte, schlafe ich ein andermal ein, und sie kommen, zu geben. Danach weiter, den Wind im Gesicht, das Meer atmend.

Einige Zeit später, in einem Schiff, ich könnte sie küssen und wüsste, dass ich sie lieben werde. In ihrem besonderen Schaukelstuhl könnte sie sich nicht entschließen, sich anzuvertrauen, so hypnotisiert sie auch war. Es war dort...

Heute ist wie immer gestern, heute, da genau so ein morgen existiert.

Sonntag, 13. November 2011

Flüchtige Notizen V: Svefn-g-englar


(Sigur Ros, 2001)


Svefn-g-englar erzeugt ambivalente Gefühle: einerseits von Untergang, Bedrohung, Apokalypse, andererseits jedoch auch von tiefer Ruhe - melancholisch, aber optimistisch. Eine fast zeitlose Atmosphäre umgibt dieses Stück, welches in mir einen tiefen Drang erzeugt, aufzustehen, etwas zu tun, der Welt etwas zu geben. Und dies möglichst sofort und so schnell wie möglich, aber reflektiert, anzugehen, weil sonst alles verloren scheint, eben so wie diese Musik, die sich in ihrer Gewalt schon selbst zerstört zu haben scheint, bevor sie überhaupt ihre Kraft entfalten und verstanden werden konnte. 

(19/11/2001) 

Donnerstag, 24. Februar 2011

Flüchtige Notizen IV: Momente

Sommer 2002:

Manchmal, da bricht das Leben über uns herein wie ein Donner, zumeist jedoch treibt es gemächlich wie ein mäandrierender Fluss. In jenen gewittrigen Momenten aber, in denen Zeit und Raum sich seltsam ineinander verschachteln, die tradierte Ordnung für kurze Zeit aus den Fugen gerät, da lässt sich die enorme Sprengkraft erahnen, die jenen Momenten innewohnt.

Es ist banal, aber nichtsdestotrotz völlig richtig, dass es individuelle Entscheidungen sind, welche die Welt – zumindest jene Welt, die der Mensch zu erfassen mag – stetig verändern und zugleich bewahren. Und stets hätte auch alles völlig anders kommen können. Die letzten Gründe unserer Entscheidungen sind für uns meist selbst nicht nachzuvollziehen und wir neigen daher, aus reinem Selbstschutz, dazu, sie zu rationalisieren.

Die von all den kleinen Schritten ausgehende Dynamik, ist weder absehbar, noch zu kontrollieren. Der Mensch möchte immer alles geordnet, logisch und erklärbar haben, weshalb er allen Dingen nachvollziehbare Strukturen gibt, aus denen eine eigene Logik folgt, die aber ausschließlich daher so oft funktioniert, weil wir an eben diese Ordnung auch glauben.

Mit den „richtigen“ Gründen sind wir leicht zu überzeugen, wir benötigen die Berechenbarkeit des Alltags, um unser Leben bewältigen zu können. Doch ist nicht letztlich alles Zufall, Produkt vieler voneinander unabhängiger Faktoren? Die Strukturen, in die wir gestoßen werden, können wir uns schließlich nicht aussuchen – aber wie wir innerhalb dieser Strukturen unsere Rollen auslegen, bleibt, so scheint es, uns überlassen. Wobei: es gibt immer den oder die Anderen, auf die wir unsere Handlungen beziehen, die uns beeinflussen und die wiederum von Anderen beeinflusst wurden.

Ein buntes Gewirr, das so undurchschaubar ist, dass wir dazu neigen, den mäandrierenden Fluss als Paradies misszuverstehen, wo es doch die Blitze sind, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten sollten auf der Suche nach den Geheimnissen des Lebens. Und vielleicht ist es gerade das, was unser Leben lebenswert machen kann, und jede Anstrengung es zu lüften nicht nur müßig, sondern anmaßend. Aber da müsste man sich ja entscheiden…

Montag, 3. Januar 2011

Flüchtige Notizen III: Apocalypse Now!


Juli 2009:

Vorab: Inhalt und Form sind im Film nicht voneinander zu trennen. Film, das ist auch Philosophie, nur in anderer Form. Denn das Wesen der Philosophie ist nicht allein die Sprache im Text, sondern eine Praxis, die (eben auch in Form von Filmen) vollzogen werden kann. Zum Philosophieren gehört das Beschreiben der möglichen Seinsformen, der Virtualitäten - das sind Gelegenheiten, Variationen immer neuer Darstellungen, die einen stetigen Prozess des Anschließens an Darstellungen ermöglichen und damit die Generierung eigener, neuer Darstellungen. Die überwältigende Wirkung des Kinofilms ermöglicht so eine Reflexion relevanter philosophischen Fragen in gleichnishafter Form.

Eines der gelungensten Beispiele einer solchen Reflexion ist Francis Ford Coppolas Apocalypse Now!. Die zweifellose Erhabenheit des Filmes bei erster Betrachtung führt zu Irritationen, die den Betrachter etwas ratlos zurücklassen, aber auch Ausgangspunkt potentiell unendlicher Analyse sein können, Was Apocalypse Now! zu einem philosophisch fassbaren Film macht ist seine Vielfalt der Gedanken, die Selbstreflexion des Films als Film, seine Prozesshaftigkeit und sein steter Bezug auf Philosophie, Film, Literatur, Geschichte und Kunst.

Apocalyse Now! ist keine realistische Darstellung des Vietnamkrieges, sondern vielmehr eine surreale und daher besonders überzeugende Reflexion zum Thema Krieg an sich. Die Apokalypse ist nicht das Ende, sondern vielmehr der von den Menschen selbst geschaffene Zustand der Welt. Gott ist tot, wurde getötet und niemand ist mehr da, der das Grauen beenden könnte. Kurtz, Gott, Philosoph, Heiliger, Soldat, Ziel und Fixpunkt des Filmes befindet sich jenseits der uns bekannten Welt, in einem permanenten Ausnahmezustand. Er weiß um die Unterscheidungen, aber stellt sich über alle Urteile und Wertungen. Er ist nur denkbar, nicht in dieser Welt lebbar, ist das ausgeschlossene Dritte, daher muss er getötet werden. Und so geht Willard, Hauptdarsteller und Ich-Erzähler, als Wahnsinniger zurück in die Welt. Doch die Denkbarkeit bleibt und damit auch die Paradoxien.

Samstag, 4. September 2010

Flüchtige Notizen II

Bild: D-Day von D.B. (2002)

4/7/2002:

Die Schablone einer Welt, aufgebaut durch Geometrie, Verstand und Expressivität, verblasst, wenn die Realität in existenzialistischer Art und Weise hervortritt. Wie dunkel und fragmentarisch die Realität doch erscheint, und wie gleichzeitig vergleichsweise durchsichtig und
hell die Schablone.

Der Weg in der Mitte ist der Todesmarsch: links und rechts des Weges das "Guten, Wahren und Schönen", rechterhand das mathematisch Fassbare, das keine Farben benötigt. Linkerhand das Sinnliche, das farbenfrohe, aber giftig-unecht-gelbe Auge des Meisters. Geradewegs aber befindet sich nur der Tod, die blanke Realität, mit den Sinnen nur schwer bis überhaupt nicht fassbar, und dem Mathematisch-Analytischen gänzlich verschlossen.

Hier offenbart sich die Tragödie des amerikanischen Volkes (dessen Schablone, nebenbei gesagt, an solch einem Tag besonders überdimensioniert erscheint) besonders deutlich, der jeglicher Blick auf den schimmrigen, dreckigen Mist von Wirklichkeit gänzlich aberzogen wurde. (Hiermit würde sich das Auge als hypnotisches Zentrum der Lachleute, Nettmenschen, aber auch Konzeptkünstler und sonstigem Müll erklären lassen.)

Die amerikanische Gesellschaft jedoch ist tief gespalten. Wer einem der beiden Gipfel nah ist, befindet sich im Gipfelrausch, nahe am Schwachsinn. Links Utopia und rechts Mathematica. Wer auf der Ebene steht, steht im Dreck, ist weder erhaben noch glücklich im menschlich-degenerierten Sinne, sondern kennt nur ein Ziel: das Joch der Unkenntnis und die tiefen Weiten der Hölle - unserer Wirklichkeit.

Montag, 28. Dezember 2009

Flüchtige Notizen I

26. Juni 2001:

Handke. Das Bewusstsein des Gemeinschaftsgefühls und der Verantwortung „für’s eigene Land“ waren Kennzeichen des Faschismus wie des (real existierenden) Sozialismus. In einer Demokratie sterben jene Motive nach kurzer Zeit mangels klarer Identifikationsmöglichkeiten aus. Das ganze Leben wird kategorisiert – man existiert nicht mehr als Ich – alles sind Typen und Temperamente (oder Rassen). Man fühlt sich trotzdem frei, weil man, in diesem Schema einmal zurechtgefunden, Verantwortung von sich schieben kann:„Er ist halt ein verzogener Bauernlümmel“. Das Leben wird oberflächlich und langweilig, aber auch sicher und beherrschbar. Heimat? Apres-Skis die heutigen Dorffeste? Plötzlich ist man fast klassenlos, fühlt sich stark, Hauptsache man ist gesellig…

Nochmals Handke: „Das beweist nichts; ist jeder Beweiskraft entzogen durch das Vorteile-Nachteile-Denken, das böseste der Lebensprinzipien (…) - als Nachteil, der wiederum nichts als eine notwendige Eigenheit jedes Vorteils ist (…) Die Vorteile waren in der Regel nur mangelnde Nachteile: (…) kein Getrenntsein vom Haus und von den Kindern. Die tatsächlichen Nachteile wurden also durch die fehlenden aufgehoben (…); vor Mitgefühl für den anderen von ihr getrennten, fühlte sie sich selber nie einsam.“

Peter Handke - Wunschloses Unglück (1974)