Posts mit dem Label Politische Korrekturen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Politische Korrekturen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 25. September 2025

Colson Whitehead und die amerikanische Ursünde

Ein brutales, ein stellenweise nur schwer zu ertragendes, ein tief in die US-amerikanischen Ursünden abtauchendes Buch. "Underground Railroad" lässt den Leser nicht kalt, sondern verstört und bewegt, erhellt und verdunkelt zugleich. Doch ist es auch ein gutes Buch? Der Pulitzer-Preis, den Colson Whitehead dafür vor acht Jahren erhalten hat, lässt das zumindest vermuten. Wie fällt die Zeittotschläger-Bilanz aus?

Ein konspiratives Helfer-Netzwerk

Dass die "Underground Railroad" eine Metapher und keine tatsächliche Eisenbahnstrecke war, sollte im Hinterkopf behalten, wer sich an dieses stellenweise doch eher fantastische Werk des US-amerikanischen Autors ("Harlem Shuffle", "Nickel Boys") wagt. Dabei ist die tatsächliche Geschichte dieses Hilfsnetzwerks, das im 18. Jahrhundert entstand und schätzungsweise rund 100 000 Menschen aus der Sklaverei befreite, ja bereits fantastisch genug. 

Doch Whitehead lässt die Railroad in seinem Roman tatsächlich verkehren: Mit unterirdischen Stationen, Staaten überschreitenden Tunneln und echten Eisenbahnen. Dabei wird die Bahnstrecke dann doch wieder zu einer Metapher. Während wir der irren Flucht der Protagonistin Cora folgen, die ja weder Ziel noch Ende kennt - auch wenn es stellenweise so scheint - wird klar, was der Autor damit gemeint haben könnte. Dass es nämlich kein Entkommen gibt aus der Ursünde der Vereinigten Staaten: dem Menschenraub, der in "Underground Railroad" so drastisch wie abgründig im Mittelpunkt steht. 

Whitehead spart dabei nicht an grausamen Details, er lässt plastisch werden, was das eigentlich bedeutet: dass Menschen zum Eigentum anderer werden, zur Ware erniedrigt, herabgesetzt, jederzeit der Willkür ausgesetzt, der Züchtigung, der Hinrichtung. Und zwar nicht der schnellen, wie sie heute in den USA üblich ist, sondern der langsamen, die Menschen zur Schau stellenden. 

Kann so eine Flucht überhaupt gelingen?

Cora wird in diese Welt bereits hineingeboren, als Eigentum auf einer Baumwollplantage in Georgia. Und selbst hier lebt sie am Rande, bei den Aussätzigen, Ausgestoßenen. Sie entschließt sich dann zur Flucht. Einer Flucht, die nur durch Helfer, die sich selbst in Lebensgefahr begeben, zumindest zeitweise gelingt. Doch in South Carolina entpuppt sich die vermeintliche Befreiung als Falle, in North Carolina bleibt nur ein Versteck auf dem Dachboden zeitweilige Zuflucht. Selbst die reale Utopie der befreiten Farm währt nicht allzu lange. Währenddessen hat der skrupellose Sklavenjäger Ridgeway ihre Fährte aufgenommen. Mit Coras Mutter, die als bisher einzige aus der Plantage entkam, hat er noch eine Rechnung offen. 

Der Plot des Romans wirkt stellenweise fantastisch, erinnert bisweilen auch an den magischen Realismus eines Jorge Luis Borges. Das Buch liest sich dann weniger als Tatsachenbericht über die Umstände der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, sondern vielmehr wie ein Abenteuerroman. Ein sehr düsterer zwar, aber einer, der auf reale Gegebenheiten verweist. Whitehead hat dafür Berichte aus dieser Zeit studiert, auch solche, die von befreiten Sklaven aufgezeichnet wurden. 

Ein Buch, das noch lange beim Leser nachwirkt

Das ist Stärke und Schwäche des Romans zugleich. Denn vieles hat sich so ähnlich im 19. Jahrhundert tausendfach zugetragen. (Wer sich vertieft über die realen Bezüge informieren will, wird im Literaturverzeichnis am Ende des Textes fündig.) Doch entscheidet der Autor sich an wichtigen Stellen dann doch für die Fiktion. Das mag im Falle der Underground Railroad für die Leserschaft in den USA funktionieren, wo es (noch) ein relativ breites geschichtliches Bewusstsein dafür gibt. Ohne Sekundärliteratur dürfte es bei vielen Lesern außerhalb der Staaten hingegen einen falschen Eindruck hinterlassen. 

Was der Bedeutung des Romans aber keinen grundsätzlichen Abbruch tut. Vermittelt er doch einen plastischen Eindruck davon, woher jene tiefen Risse kommen, die das Land bisweilen zu zerreißen drohen. Und wie tief die beiden Ursünden der USA (nämlich der Menschen- und der Landraub) in der DNA des Landes stecken. Aus westlicher Sicht (auch wir haben ja unsere eigene Kolonial- und Sklavereigeschichte) ist die Lektüre ohnehin beschämend. 

Ein Buch, das noch lange nachwirkt. Und nachwirken sollte. 

Mittwoch, 20. August 2025

Ein anderer Blick auf Europa


Mit dem Rucksack den Kontinent bereisen, ein Interrailticket in der Tasche, sich dabei bisweilen treiben zu lassen und neue Einblicke gewinnen: Das ist für weiße Mittelschichtseuropäer längst nichts Besonderes mehr. Der Zeittotschläger selbst hat als Jugendlicher auf diese Weise manch interessante Erfahrungen gemacht. Doch Johny Pits ist kein Mittelschichtsjunge, er stammt aus einer englischen Industriestadt. Und er ist auch nicht weiß, sondern der Sohn eines afroamerikanischen Musikers und einer weißen Industriearbeiterin. Rucksacktourismus gehörte für ihn nicht zu den selbstverständlichen Adoleszenz-Erlebnissen. Und das Ziel seiner fünfmonatigen Reise, die er als erwachsener Mann antrat, war auch ein anderes: Er begab sich auf die Suche nach schwarzen Communities von Lissabon bis Moskau, Marseille bis Stockholm. Auf die Suche nach dem, wofür er selbst den Begriff "afropean" geprägt hat. Jenen Menschen und jener Kultur also, deren Wurzeln gleichermaßen auf dem afrikanischen Kontinent wie in Europa liegen. 

Sein Reisebericht ist daher auch keine reine Selbstbespiegelung, kein Trip auf dem Weg zu sich selbst - auch wenn er das auf eine ganz spezifische Art natürlich trotzdem ist. Diese "Notes from Black Europe" sind darüber hinaus aber viel mehr: eine Hommage an große schwarze Frauen und Männer, die den Kontinent teilweise bereits vor Jahrhunderten mitgeprägt haben. Es ist zugleich ein ungeschönter Blick auf Europa, der für den weißen Mittelschichtsleser, zu denen der Autor fraglos zählt, Ungewohntes, Überraschendes, aber auch Beschämendes mit sich bringt. 

Reisebericht, soziologische Beschreiung, historische Analyse 

Denn wie tief afrikanische Einflüsse Europa geprägt haben, das dürfte den meisten gar nicht bewusst sein - und gilt traurigerweise auch für viele Protagonisten dieses Werks, das zwischen Reisebericht, soziologischer Beschreibung, geschichtlicher Analyse und persönlichen Erfahrungen changiert. Denn so vielfältig und engagiert schwarze Communities zwischen Portugal und Russland auch sein mögen, so disparat sind diese zugleich. Mangelndes Geschichtsbewusstsein, so eine Erkenntnis dieses äußerst lesenwerten und hervorragend geschriebenen Werks, gibt es nämlich auf beiden Seiten: den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften wie den Communities selbst. 

Sicher: es gibt zahlreiche Menschen, die daran arbeiten, dies wieder in Erinnerung zu rufen oder zumindest dem Vergessen entgegenwirken. Viele davon hat Pitts auf seiner Reise getroffen und in ihrem Wirken gewürdigt. Doch sind, so eine weitere Erkenntnis, große Teile der Afroeuropäer zu sehr mit dem alltäglichen Überlebenskampf in einer nicht selten äußerst feindlichen Umgebung beschäftigt, um einen Sinn für den Reichtum schwarzer Geschichte in Europa entwickeln zu können. 

Europa und Afrika sind vielfach ineinander verwoben

Dabei gäbe es hier einiges zu erzählen: über den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin etwa, der mit Abraham Hannibal den Sohn eines afrikanischen Fürsten als Großvater hatte. Über die französischen Truppen, die im Zweiten Weltkrieg das Land von den Nazis befreiten und zu etwa zwei Dritteln aus Menschen mit afrikanischen Wurzeln bestanden. Oder über jene oppositionellen afrikanischen Studenten, die nicht nur einen Teil zum Ende des Salazar-Regimes in Portugal beigetragen haben, sondern später selbst politische Verantwortung auf dem afrikanischen Kontinent übernahmen. Er zeigt damit auf, dass die vermeintliche Dualität zwischen autochtonen Europäern und "fremden" Afrikanern die Wirklichkeit nicht adäquat abbildet. Zumal die Geschichte der beiden Kontinente seit der Kolonialzeit ohnehin vielfach ineinander verwoben ist. 

Sein Reisebericht ist naturgemäß subjektiv und keine systematische Analyse. Viele Begegnungen überlässt Pitts dem Zufall, er lässt sich, dabei ganz neugieriger Rucksacktourist, immer wieder treiben. Der britische Autor und Fotograf (das Buch beinhaltet auch eine Reihe von Schwarz-weiß-Fotografien) zeichnet dabei ein vielschichtes Bild - ohne Schattenseiten zu verschweigen. Und er lässt belässt es nicht beim ersten Eindruck, er reflektiert das Gesehene und Erlebte, ergänzt es um soziologisch-historische Einschübe. Aus deutscher Perspektive besonders interessant etwa ist sein Aufeinandertreffen mit autonomen Antifas, die er zunächst - aufrgund ihres martialischen Auftretens und ihrer modischen Codes - als Rechtsextreme wahrnimmt. Erst am Ende seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt beginnt er zu begreifen, was den besonderen Reiz für deutsche Mittelschichtjugendliche ausmacht, sich auf dieses Spiel einzulassen. Ein Spiel, für das es durchaus ernste Gründe gibt.

Perspektivwechsel erlebt auch der Autor selbst auf seiner Reise 

Für Pitts ändert sich im Laufe der fünf Monate auch immer wieder die eigene Perspektive - etwa auf Schweden, das er ziemlich desillusioniert verlässt, obwohl er durch seine vorherigen Besuche besonders in Stockholm die "afropean idea" am ehesten verwirklicht wähnte. Am härtesten fällt sein Urteil über Frankreich aus - mit Ausnahme der viel gescholtenen Arbeiterstadt Marseille, vielleicht Eurpoas afrikanischste Metropole. 

Immer wieder wird dabei sichtbar, wie tief koloniale Muster bis heute mit Europa nachwirken, Muster, die auf den ersten Blick gar nicht erkennbar sind. Die Reise endet tief im Südwesten, in Lissabon, wo er in Cova de Moura die wohl einzige Favela des Kontinents besucht, große Gemeinschaft, einen capverdischen Jimi Hendrix, aber auch etwas erlebt, das ihm immer wieder begegnet: eine nachwachsende Migratengeneration, die den Glauben, in Europa akzeptiert zu werden und nach den Regeln der Mehrheitsgesellschaft reüssieren zu können, aus verständlichen Gründen verloren hat. Pitts, der politisch links sozialisiert ist, schließt dieses Kapitel mit einer Mahnung: "If the West continues to viliy or close its eyes to global poverty, gross inequality and the necessary environmental and economic migration currently taking place, Cova de Moura is what most of Europe may look like soon enough". 

Das Buch ermöglicht ein besseres Verständnis der Wirklichkeit  

"Afropean - Notes from Black Europe" ist ein außergewöhnliches, ein Augen öffnendes Buch, das sich an beide richtet: die weiße Mehrheitsgesellschaft, wie die afroeuropäischen Communities. Denn es erschließt beiden neue Perspektiven, richtet den Blick auf blinde Flecken und schafft damit Raum für ein besseres Verständnis der Wirklichkeit. 

Oder in den Worten von Pitts, der am Ende seiner Reise einer eigenen Illusion gewahr wurde. Nämlich folgender: "that black Europa was a place without culture, history or geography, which, as I'd now seen first hand, I knew was utterly untrue. As well as experiencing the black European landscape, I'd connected with the knowledge production of its myriad communities, learned about bold, empowering black and working-class traditions that I'd been kept at a distance from my whole life, despite being black and working class myself. These scattered fragments of Afropean experience had formed a mosaic inside my mind, not monolithic, but not entirely amorphous either; rather, the Afropean reality was a bricolage of blackness and I'd experienced an Africa theat was both in and of Europe."  

Dienstag, 5. Oktober 2021

Die alten Wurzeln der Neuen Rechten

Was sind die intellektuellen Ursprünge der Neuen Rechten? Welchen Einfluss hatte sie auf die Entwicklung von Frankreich und Deutschland in der Nachkriegszeit? Und was bedeutet dies für die aktuelle politische Situation? Damit beschäftigt sich diese Arte-Doku von Autor und Regisseur Falko Korth. 

Sie zeichnet dabei eine (metapolitisch durchaus erfolgreiche) Linie von Ernst Jünger über Armin Mohler bis zu Alexander Gauland beziehungsweise von Mohler über Alain de Benoit bis zu Jean-Marie Le Pen. Einige Akteure der Neuen Rechten kommen dabei auch zu Wort.

Sonntag, 4. April 2021

Ein Abgrund, in den geschaut werden muss

Selten hat mich ein Radio-Beitrag mehr beschäftigt als dieser. Weil er ein Tabu behandelt, das entweder totgeschwiegen oder über das reißerisch skandalisiert wird. Eines, das aber zugleich so alltäglich ist, dass es verwundert, wie selten offen darüber gesprochen wird. 

Es geht um Kindesmissbrauch, der kein Phänomen von Randgruppen ist, sondern in der Mitte der Gesellschaft stattfindet - und das leider massenhaft (oft übrigens gar nicht mal aus pädophilen Motiven). In den allermeisten Fällen geschieht es von der Öffentlichkeit verborgen im nahen und nächsten Umfeld: der Familie, dem Sportverein, dem Freundeskreis. Immer häufiger bleiben diese Verbrechen nicht im Verborgenen, sondern werden dokumentiert, geteilt, verkauft. 

WDR 5 lässt in dem Radiofeature "Abgrund Kinderpornografie" eine Betroffene zu Wort kommen, die nicht nur vor ihrem eigenen Schicksal erzählt. Die Protagonistin  (aus verständlichen Gründen nur anonym auftretend), wollte verstehen, was die Täter motiviert - und hat sich dafür in Foren begeben, wo Bilder und Fantasien ausgetauscht werden. Sie hat Kontakt zu Pädophilen aufgenommen. Und sie geht dabei der Frage nach, weshalb diese Gesellschaft das Problem so tabuisiert anstatt offensiv darüber zu sprechen. 

Es fällt in der Tat schwer, sich diesem Thema zu stellen. Zumal die Vorstellung, dass in jeder Schulklasse wahrscheinlich ein betroffenes Kind sitzt, nicht nur schwer erträglich, sondern auch kaum vorstellbar ist. Doch wie bei häuslicher Gewalt handelt es sich eben um ein Verbrechen, das massenhaft geschehen, aber kaum sichtbar und leider auch schwer zu beweisen ist. 

Eine gesellschaftliche Debatte und mehr Aufklärung über das Thema täte deshalb Not. Um Kinder besser zu schützen. Um Pädophilen Wege aufzuzeigen, damit sie nicht irgendwann zum Täter zu werden. Und jene, die aus anderen Motiven (wie Macht und Überlegenheitsgefühle) solche Verbrechen begehen, zu warnen, dass diese Gesellschaft wachsam ist. 

Auch wenn es schmerzt, hinter die Fassaden zu sehen - das ist ein Abgrund, in den geschaut werden muss.

Montag, 15. März 2021

Geschichte als Affäre? Über die Kunst des Verisses

Der Verriss ist eine hohe Kunst. Denn Texte so auseinanderzunehmen, dass am Ende der Leser weiß, warum er besser ablassen sollte von einem Buch, das ist stets eine heikle Angelegenheit. Argumente müssen gut begründet und nicht nur durch Animositäten oder den persönlichen Geschmack begründet sein. 

Ein Beispiel fürs Lehrbuch ist diese Kritik von Andreas Wirsching, dem Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Sie beschäftigt sich mit einem Werk von Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität der Bundeswehr, ebenfalls in München. 

Akribisch begründet

Ich habe ihr Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" nicht gelesen. Aber nach dieser vernichtenden und gut begründeten Kritik scheint mir das auch nicht mehr nötig zu sein. Denn akribisch und konzise listet er die Argumente auf, weshalb Richters Sachbuch wissenschaftlichen Standards nicht standhält. Selten habe ich eine lehrreichere Kritik gelesen. (Ob Wersching damit tatsächlich richtig liegt, darüber hat Patrick Bahners in der FAZ gerade eine Feuilleton-Debatte angestoßen.)

Verrisse können aber auch ganz anders aussehen, wie Marcel Reich-Ranicki in einem seiner wohl bekanntesten Texte gezeigt hat. Er thematisiert Martin Walsers Roman "Jenseits der Liebe" - und hier kann ich nahezu jede Zeile unterschreiben. Walser, der später die umstrittene Friedenspreis-Rede halten sollte, hatte damals, Ende der Siebziger Jahre, eine kurze Phase, in der er mit dem Kommunismus liebäugelte. Das Buch ist literarisch schwach, steckt voller Klischees, bleibt völlig unter Walsers Niveau - und ist schon gar nicht vergleichbar mit seinem grandiosen Nachkriegs-Roman "Ehen in Philipsburg", das ich hier einmal kurz rezensiert habe.

Eine vernichtende Kritik

Allein Ranickis einführende Worte sind vernichtend: Er überschreibt den Text vielsagend mit Jenseits der Literatur. Das Buch sei "ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloß deshalb, weil der Roman von Martin Walser stammt, einem Autor also, der einst, um 1960, als eine der größten Hoffnungen der deutschen Nachkriegsliteratur galt – und dies keineswegs zu Unrecht."

Besonders fies: Das Ende verraten

Drittes Beispiel: Michel Houellebecq, der durchaus zu Großem imstande ist (in "Karte und Gebiet" etwa, hier von mir kurz rezensiert), der aber auch ein ziemlich larmoyanter, sexbesessener, alter weißer, reaktionärer Mann ist, wie sein Buch "Serotonin" beweist (hier meine Kurzrezension). Jürgen Ritte fasst in seiner Kritik für den Deutschlandfunk durchaus süffisant alles zusammen, was schlecht daran ist. Und er macht etwas für Autoren ziemlich fieses: Er verrät das Ende des Romans. 

Wer sich für den Totalverriss entscheidet, sollte gute Gründe haben. Und den Mut, sich der Wut des Verfassers zu stellen. Ranicki tauchte später in einem Roman von Walser kaum verhohlen als Figur auf. Er hieß: "Tod eines Kritikers".

P.S. Ein Verriss von mir darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. Er thematisiert den von mir geschätzten Songwriter Jochen Distelmeyer, der als Literat leider ein Totalversager ist. Ob er gelungen ist? Entscheidet selbst!

Montag, 8. Februar 2021

Das Terrorjahr der Rechten

Die RAF hat sich in die kollektive Erinnerung dieser Republik eingebrannt. Dass es lange vor dem NSU auch längst etablierten Rechsterrorismus in der Bundesrepublik gab, das ist (jenseits des Oktoberfest-Anschlags) jedoch seltsam unterbelichtet. 

Besonders viele Opfer hat das Jahr 1980 hervorgebracht. Doch wer erinnert sich noch an die Deutschen Aktionsgruppen, die im Februar dieses Jahres einen Rohrbomben-Anschlag auf das Haus des Esslinger Landrats verübten? Wer an die rassistischen Morde an Flüchtlingen wie Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân in Hamburg? Und wer an den Mord am Verleger Shlomo Lewin?

Rechtsterrorismus ist wahrlich kein neues Phänomen. SWR2 ist dem kürzlich in einem Feature über das "Terrorjahr der Rechten" nachgegangen.


Dienstag, 7. April 2020

Zeit für eine Bilanz

"Wir machen gerade eine unglaubliche Entdeckung. Dass nämlich im Weltwirtschaftssystem irgendwo doch eine grell rote Alarmlampe vorhanden war mit einem massiven Schalthebel, den die Staatschefs einer nach dem anderen nun mit einem Ruck betätigt haben, um den ,Eilzug des Fortschritts' unter laut kreischendem Bremsen zum Stillstand zu bringen. War die Aufforderung zu einem Wechsel bei unserem Wachstumsmodell im Januar noch eine nette Träumerei, ist sie gerade viel realistischer geworden.

Allerdings sehen leider nicht nur Umweltschützer in dieser jähen Pause des globalen Produktionssystems eine Gelegenheit, ihr Landeprogramm für die Rückkehr auf den Boden der Realität zur Anwendung zu bringen. Jene Globalisierer, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts sich in den Kopf gesetzt haben, man könne die Begrenztheit des Planeten außer Acht lassen, sehen ebenfalls eine Chance, die verbleibenden Hindernisse für ihre Flucht nach vorn aus dieser Welt noch radikaler aus dem Weg zu räumen. (...) Wir müssen von der Hypothese ausgehen, dass diese Globalisierer sich der ökologischen Krise sehr bewusst sind und dass all ihre Anstrengungen seit fünfzig Jahren dahingehen, den Klimawechsel zu leugnen, gleichzeitig aber seinen Folgen zu entkommen, indem sie Bastionen für Privilegierte errichten, die den zahlreichen Anderen unzugänglich bleiben. (...) Es sind jene Globalisierer, die sich täglich auf Fox News zu Wort melden und die von Moskau bis Brasilia, von New Delhi, über London, bis Washington am Klimawandel vorbeiregieren. (...)

Doch wenn ihnen sich eine Gelegenheit auftut, dann auch uns. Wenn alles zum Stillstand gebracht ist, kann alles auch hinterfragt, überdacht, neu sortiert, endgültig ausgesetzt oder, im Gegenteil, noch stärker vorangetrieben werden. Es ist Zeit für die Bilanz. Dem Ruf des gesunden Menschenverstands: ,Nehmen wir so schnell wie möglich die Produktion wieder auf', müssen wir mit dem Ausruf antworten: ,Das gerade nicht!'. Das letzte, was wir nun tun sollten, wäre, da weiterzumachen, wo wir zuvor waren. (...)

Wenn wir anfangen, jeder für sich, über die verschiedenen Aspekte unseres Produktionssystems uns Gedanken zu machen, werden wir millionenfach ebenso wirksame Globalisierungsunterbrecher sein, wie das durch die Globalisierung schnell sich ausbreitende Coronavirus es paradoxerweise ist. Was das Virus über den Speichelstaub zwischen den Menschen zustande brachte, das Aussetzen der Weltwirtschaft, können wir durch unsere von Mensch zu Mensch weitergegebenen kleinen Gesten nutzbar machen. Mit seinen Fragen errichtet so jeder eine Schranke nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen all jene Teile unseres Produktionsmodells, die wir künftig nicht wiederaufnehmen wollen."

(Bruno Latour)

Samstag, 7. März 2020

Zeit für drastische Maßnahmen

Seit dieser Woche beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Denn nicht nur in Rudersberg, wo ich beruflich häufig bin, gibt es zwei bestätigte Corona-Fälle. Auch Weinstadt hat seit Freitag seinen ersten bestätigten Fall. Und in beiden Orten sind große Schulen betroffen. Erst am Freitag wurde Südtirol zum Risikogebiet erklärt. In Weinstadt müssen deshalb jetzt 250 Schüler dem Unterricht fernbleiben. Das Schulzentrum Rudersberg hat noch bis Dienstag den Betrieb eingestellt. Richtige Entscheidungen. Allerdings hatte das hochansteckende Virus bis dahin genügend Zeit, sich munter auszubreiten. Und das an Orten, wo sich sehr viele Menschen aufhalten.

Dass Südtirol zur Gefahr werden könnte, war bereits Anfang der Woche abzusehen. Auch dass Corona auf uns zukommt, ist seit Wochen klar. Doch die Behörden reagieren erst jetzt und, wie ich finde, immer einen Tick zu spät. Da ich Verwandtschaft in China habe (die uns inständig darum gebeten hat, nur noch rauszugehen, wenn es unbedingt nötig ist, und wenn, dann mit Maske), weiß ich, was in den kommenden Wochen möglicherweise dräut.

Deutschland reagiert zu langsam

Denn wie China, wo das Problem zunächst unterdrückt, dann unterschätzt wurde, reagieren auch wir in Deutschland viel zu langsam. Im Gegensatz zu uns hat die Volksrepublik aber an einem entscheidenden Punkt die Notbremse gezogen und die wohl drastischste kollektive Quarantäne der Geschichte verordnet. Seit vier Wochen findet kein wirkliches öffentliches Leben statt. Mit dem Ergebnis, dass es dort inzwischen weniger Neuinfektionen gibt als in Deutschland. Und tausende Menschenleben gerettet wurden.

Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Maßnahmen kürzlich ausdrücklich gelobt und zur Nachahmung empfohlen, zugleich aber auch darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern die nötige Geisteshaltung für solch krasse Alltagseinschränkungen wohl fehlt.

Nicht der Virus, die Epidemie ist das Problem!

Nein, ich möchte hier sicher keine Panik verbreiten. Und ich habe auch keine Angst vor dem Virus - zumal ich nicht zur Hochrisikogruppe gehöre. Das Problem ist aber, dass es hochansteckend ist - und das auch bei Personen, die noch keine Symptome zeigen. Das Problem ist daher vor allem die Epidemie, die auf uns zurollt. Im Ostalbkreis ist schon nach dem zweiten bestätigten Fall zu sehen, welche Auswirkungen das haben könnte. Denn es war auch eine Krankenpflegerin betroffen, weshalb insgesamt zwölf Pflegekräfte unter Quarantäne stehen und die Intensivstation am Virngrundklinikum Ellwangen um vier Betten reduziert werden musste. Und das wegen einem Fall!

Auch der Rudersberger Arzt befindet sich vorsorglich noch in Quarantäne. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unser ohnehin kaputt gespartes Gesundheitssystem in die Knie gehen wird, wenn sich das Virus, so wie es momentan aussieht, schnell und exponentiell ausbreitet. Auch das lässt sich aus China lernen: Den Preis hätten dann nicht nur die Corona-Patienten zu zahlen, sondern alle, die chronisch krank und auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind.

Daher ist es jetzt auch in Deutschland an der Zeit, drastischere Maßnahmen zu ergreifen. 14 Tage Corona-Ferien etwa, wie von Virologe Alexander Kekulé jüngst gefordert. Die Absage aller Großveranstaltungen. Fußball-Bundesliga ohne Publikum. Mehr Tests. Ausreichend Schutzausrüstung für das klinische Personal. Und nicht zuletzt bedarf es auch eines geschärften Bewusstseins für die Risiken in der Bevölkerung.

Update: Dieser Beitrag ist jetzt in aktualisierter Version in der Lokalzeitung erschienen.

Donnerstag, 27. Februar 2020

Merz und die Macht der Finanzindustrie

Kein Finanzunternehmen der Welt verwaltet mehr Geld (6 Billionen) und keines ist mächtiger als Blackrock. Es hat Beteiligungen an allen großen börsennotierten Unternehmen. Es übt damit Macht aus auf die Finanzmärkte und die Politik. Verwaltet Renten vieler Menschen. Sorgt dafür, dass Mieten und Preise für Produkte steigen, verhindert Konkurrenz. Blackrock hält Anteile an allen 30 Dax-Unternehmen, an Apple, an Microsoft, an der Rüstungsindustrie. 

Es kontrolliert damit nicht nur Märkte. Die Firma sammelt zudem Unmengen an Daten, die sie auch dazu nutzt, um Regierungen zu beraten. Blackrock hat nicht nur das Potenzial, es beeinflusst bereits seit Jahren konkret politische und ökonomische Entscheidungen. Es ist ein Akteur, der nicht nur systemrelevant, sondern auch potenziell systemzerstörend ist. Friedrich Merz, der sich anschickt CDU-Vorsitzender und Kanzler zu werden, ist Aufsichtsrat dieser Firma.


Freitag, 13. Dezember 2019

Ein Sieg für den Populismus

Boris Johnson und seine Tories haben einen Sieg bei den britischen Unterhauswahlen errungen - und was für einen! Alles sieht nach einem Sieg von historischen Ausmaßen aus. So viele Sitze hat nicht einmal Margret Thatcher für ihre Partei bei Wahlen gewinnen können. Umgekehrt kassiert Labour die seit Jahrzehnten höchste Niederlage bei einer Unterhauswahl. Doch was bedeutet das? Drei Thesen zum Wahlergebnis:

1. Die Wähler waren bereit, einen Politiker zu wählen, der zwar wiederholt und offensichtlich lügt, aber dafür für "Klartext" und einfache Lösungen steht. Johnson ist ein Paradebeispiel für diesen Typus. Bereits zu seinen Zeiten als Journalist (er arbeitete für die Times, den Daily Telegraph und war Herausgeber des Spectator) hat er es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Auch den Brexit selbst hat er nicht aus Überzeugung propagiert, um dann umso vehementer eine Kampagne für den Austritt anzuführen. Auch diese basierte auf einer Lüge: nämlich, dass das Vereinigte Königreich pro Woche 350 Millionen Pfund an die EU zahle - und diese besser im Gesundheitssystem investiert wären. Unnötig zu erwähnen, dass der ehemalige Bürgermeister von London die Institutionen verachtet. Johnsons Sieg ist auch und vor allem ein Sieg des Populismus.

2. Identitäre Themen überlagern ökonomische und soziale Fragen. Eigentlich sind die Tories für Arbeiter unwählbar. Unter Thatcher wurde das Land deindustrialisiert und dereguliert, weite Teile der Infrastruktur privatisiert. Mit der Folge, dass die Ungleichheit in kaum einem Industrieland so hoch ist (wozu New Labour unter Tony Blair leider auch beigetragen haben). Dass Johnson das ohnehin gerupfte Gesundheitssystem NHS möglicherweise komplett privatisieren will (das er vor dem Brexit-Referendum noch so großzügig ausbauen wollte), spielte im Wahlkampf aber nur eine untergeordnete Rolle. Labour ist mit seinen linken Forderungen bei vielen ihrer Kernwähler nicht durchgedrungen. Der EU-Austritt hat alle anderen Themen überlagert.

3. Aus der Niederlage von Labour lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass ein Linkskurs der Sozialdemokratie zwangsläufig scheitern muss. Mit derselben, für UK recht radikalen Politik hatte Jeremy Corbyn bei den Unterhauswahlen vor zwei Jahren noch großen Erfolg. Mit rund 40 Prozent der Stimmen gelang es ihm und seiner links gewendeten Partei, viele junge Wähler und mehrere hunderttausend neue Mitglieder zu gewinnen. Dass er diesmal scheiterte liegt vor allen an drei Gründen: Corbyn hatte keine eindeutige Position zum EU-Austritt (auch weil seine Wählerschaft hier klar gespalten ist), auf der identitären Schiene also kein wirkliches Angebot. Soziale und ökonomische Themen spielten bei dieser Wahl, wie gesagt, keine entscheidende Rolle. Er musste zudem gegen Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber seiner Partei ankämpfen - und tat dies nicht entschieden genug. Außerdem ist Corbyn bei weiten Teilen der Bevölkerung eher unbeliebt, obwohl sie seine politischen Forderungen durchaus teilen.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Weshalb wir China brauchen

Die Volksrepublik China hat Anfang der Woche ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert - mit einer riesigen Militärparade und einer perfekt choreografierten Inszenierung der Stärke am Platz des Himmlischen Friedens. Gleichzeitig gingen in Hongkong wieder Hunderttausende auf die Straße.

Die Presse zum Jubiläum war im Westen entsprechend negativ. Drei Beispiele: Die New York Times etwa stellte nüchtern die Bilder von Beijing und Hongkong als Videos direkt nebeneinander, die Süddeutsche schrieb einen Abgesang auf das moderne China und seine Widersprüche. Und die Zeit erzählte die letzten 70 Jahre in China als Gruselgeschichte mit wenigen lichten Momenten.

Gründe, die Volksrepublik kritisch zu sehen gibt es genug: Maos verfehlter Sprung nach vorne mit seinen vielen Hungertoten, die Kulturrevolution mit ihrer Zerstörung und Selbstjustiz, die niedergeschlagene Demokratiebewegung 89, heute die Umerziehungspolitik in Xinjiang oder die zunehmend allgegenwärtige Überwachung oder den Mangel an Meinungsfreiheit. Und das vor dem Hintergrund, dass wir es hier obendrein mit der künftigen globalen Hegemonialmacht zu tun haben.

Dabei wird gerne übersehen, was dieses Land, vor allem in den letzten 40 Jahren, vollbracht hat. Was ihm gelang, wo die Weichen richtig gestellt wurden. Vor allem aber, welch große weltgeschichtliche Leistung es war, 800 Millionen Menschen von Armut und Hunger zu befreien. Mit gutem Grund bezeichnete die New York einmal die Volksrepublik als das "land that failed to fail".

Christian Y. Schmidt hat anlässlich des Jubiläums noch ein paar Gründe mehr gefunden, „warum die Welt China braucht“. Dass der Text in einem Verlautbarungsorgan der KP erschien, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Lesenswert ist er aber allemal.

Nachtrag: Es mag aus westlicher Perspektive verblüffen, doch die allermeisten Chinesen finden, dass ihre Regierung eine gute Arbeit macht. Weshalb das so ist, erklärt diese Analyse recht gut.

Nachtrag II: Weshalb sich die Volksrepublik gerade dennoch auf einem politischen Kurs befindet, der problematisch ist, weil er von historischen Vorbildern abweichend auf Nationalismus statt der Toleranz von Diversität setzt, legt James A. Millward, Professor und Autor von "Eurasian Crossroads: A history of Xinjiang" hier dar.

Donnerstag, 19. September 2019

Montag, 16. September 2019

Die Rückkehr der deutschen Frage

Robert Kagan, Politikwissenschafter, Publizist und ehemaliger Berater des US-Außenministeriums schreibt in den Blättern über die mögliche Rückkehr der deutschen Frage.

Mit der "deutschen Frage" ist unter anderem jenes Problem der internationalen Politik gemeint, das 1871 mit der gewaltsamen Vereinigung Deutschlands unter Bismarck entstand. Damit war ein großer, bevölkerungsreicher Nationalstaat in der Mitte des Kontinents geschaffen, der mit seinem Expansionsdrang das Kräftegleichgewicht in Europa durcheinanderbrachte. In der Folge kam es zu zwei verheerenden Weltkriegen.

Das Problem schien mit der Westbindung der Bundesrepublik und der Gründung der Europäischen Union vorerst gelöst. Selbst die Wiedervereinigung schien die deutsche Frage zunächst nicht aufkommen zu lassen.

Doch die Bedingungen, unter denen Deutschland eingebunden wurde, sind zunehmend nicht mehr gegeben, sagt Kagan. Trump verabschiedet sich vom Multilateralismus, in der EU gibt es allenthalben illiberale Tendenzen. Das stärke auch in Berlin die Tendenzen zu einer nationalistischen und militärisch gestützten Politik. Doch damit drohe in Europa die Wiederkehr der zerstörerischen Nationenkonkurrenz, befürchtet der US-Amerikaner Kagan.

Mittwoch, 4. Juli 2018

Widerstand als Tragödie


Hans Falladas NS-Roman "Jeder stirbt für sich allein" war lange Zeit beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. In den letzten Jahren wurde er wiederentdeckt - und das weit über Deutschland hinaus. Völlig zurecht, denn Falladas letzter Prosatext ist zugleich auch sein wichtigster.

Otto Quangel ist kein Mann der großen Worte. Der Tischlermeister möchte am liebsten seine Ruhe. Doch mit dem zurückgezogenen Leben im Berlin der 40er Jahre ist es schlagartig vorbei, als ihn und seine Frau Anna die Nachricht vom Soldatentod ihres einzigen Sohnes im Westfeldzug erreicht.

Schon vor dieser Nachricht war Quangel kein überzeugter Nationalsozialist. Doch nun wird er zum  Regime-Gegner und beschließt, seine innere Ablehnung nach außen zu tragen, indem er Postkarten mit kritischen Botschaften - in ungelenkem, einfachem Deutsch - schreibt und diese nach der Arbeit und an Wochenenden in Hausfluren des ganzen Stadtgebiets verteilt. Erst mehr als zwei Jahre und annähernd 300 Karten später erwischt sie die Gestapo schließlich. Die beiden kommen in Haft und werden zu Tode verurteilt.

"Jeder stirbt für sich allein", der letzte Roman von Hans Fallada, dreht sich zuvorderst um das Schicksal der Quangels, für die es ein reales Vorbild gibt: das Ehepaar Otto und Elise Hampel. Der 1947 erschienene Roman ist einer der ersten Texte der Nachkriegszeit, der sich explizit mit der NS-Herrschaft und dem Widerstand gegen sie befasst.

Ein Haus als Panoptikum der NS-Gesellschaft

Das Berliner Haus, in dem die Quangels leben, ist aber viel mehr. Nämlich ein Spiegel der Gesellschaft unter der entmenschlichten Herrschaft der NSDAP: Es gibt da die jüdische Dame, die Unterschlupf bei einem Nachbarn sucht und sich in der Verzweiflung der einsamen Sicherheit aus dem Fenster stürzt; die alkoholgetränkte SS-Familie, für die das System eine grausame Perspektive bietet, um endlich Macht und Gewalt ausüben zu können; den Kleinganoven, der in seiner Gier nach Geld jegliche Moral und schließlich alles verliert; den intellektuellen Widerständler, der vor lauter Geist die Menschlichkeit vergisst. Sie alle leben unter einem Dach und doch in völlig unterschiedlichen Welten.

Das Dritte Reich hat das Band der Zivilisation zwischen ihnen zerrissen, jeder ist am Ende nur sich selbst der nächste, alle verlieren - und "jeder stirbt für sich allein". Bei den Quangels geht das recht lange gut, sind sie doch besonders isoliert. Deshalb dauert es, bis ihnen die Gestapo auf die Schliche kommt. Nur, um dann umso härter zurückzuschlagen.

Tragische Figuren statt großer Helden

Fallada, der in seiner Prosa sehr nah an der Sprache der einfachen Berliner ist und uns die Geschichte trotzdem aus einer distanzierten, nüchternen Perspektive präsentiert, hat sich keine großen Helden als Protagonisten gesucht, sondern zwei eher einfache, tragische Gestalten, deren Widerstand nicht nur ins Leere läuft sondern obendrein auch andere Menschen mit in den Abgrund reißt.

Er offenbart damit die Tragödie unter diesem totalitären System: Um aufrichtig zu bleiben, muss das Individuum ein Risiko eingehen, das nicht nur andere gefährdet, sondern am Ende, wenn das Regime den Widerstand bricht, zum Verrat führen kann.

Ein wichtiges, ein großes, und ein lange Zeit unterschätztes Buch. Eines, das der Autor in den letzten Wochen vor seinem Tod, körperlich längst gebrochen, in einer Nervenheilanstalt verfasst hat. Und das auch von künftigen Generationen möglichst aufmerksam gelesen werden sollte.

Dienstag, 22. Mai 2018

Ohne Worte

"Ich wünsche mir so sehr einen Bürgerkrieg und Millione Tote. Frauen, Kinder. Mir egal. Hauptsache es geht los. Insbesondere würde ich laut lachen, wenn sowas auf der Gegendemo passieren würde. Tote, Verkrüppelte. Es wäre so schön. Ich will auf Leichen pissen und auf Gräbern tanzen. SIEG HEIL!"

"Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde."

(G., ein Mitarbeiter der Landtagsabgeordneten und Stellvertretenden AfD-Vorsitzenden in Baden-Württemberg, Christina Baum, die dessen private Aussagen bei Facebook für politisch nicht relevant hält.)

Anmerkung: Der AfD-Mann bestreitet die Aussagen, hält sie für Fälschungen und hat vor Gericht gegen Kontext geklagt. In erster Instanz erfolgreich, weshalb die Links zu den ursprünglichen Artikeln vorläuftig nicht mehr abrufbar sind.

Nachtrag: die Zeitung Kontext hat mittlerweile in zweiter Instanz Recht bekommen, der Name darf wieder genannt und der Artikel verbreitet werden.

Freitag, 20. April 2018

Gaus und Arendt



Der Journalist Günter Gaus spricht mit Hannah Arendt. Es ist die erste Frau in seiner Reihe "Zur Person" - und knapp 20 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches auch eine der ersten großen unter Hitler verstoßenen und der Vernichtung entgangenen Deutschen.

Die Philosophin erklärt in diesem Interview aus dem Jahr 1964 unter anderen, weshalb sie sich nicht als solche versteht, wie sie als Jüdin die NS-Zeit geprägt hat, warum sie in ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses den Beschuldigten als "Hanswurst" wahrgenommen hat und bisweilen laut lachen musste.

Ein ungemein dichtes, aber zugleich unterhaltsames Gespräch, das in dieser Form im heutigen Fernsehen undenkbar ist. Und das nicht nur, weil die beiden in den 72 Minuten etwa ein Dutzend Zigaretten rauchen.

Täter in Uniform

Bei der Einhaltung der Menschenrechte ist Deutschland keineswegs in allen Bereichen der Klassenprimus, für den er sich gerne hält. Besonders deutlich zeigt sich das am Umgang der Justiz mit Tätern in Uniform.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar", heißt es im Grundgesetz. Nicht selten sind es aber gerade staatliche Exekutivorgane, die gegen dieses oberste Grundrecht verstoßen.

Wenn etwa Polizisten mit dem Knüppel gegen unbescholtene Bürger vorgehen, diese in den Zellen misshandeln, rassistisch beleidigen und es bisweilen sogar zu Mord und Totschlag im Dienst kommt.

Dass auch hierzulande Menschenrechte im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werden, hat nicht zuletzt der UN-Menschenrechtsrat wiederholt festgestellt - und dafür als Beispiel den Umgang mit der NSU-Mordserie angeführt.

An wen wenden bei Polizeigewalt?

Wer Polizisten zum Opfer fällt, hat ein großes Problem: An wen soll er sich mit seiner Anzeige wenden? Die Polizei? Wohl kaum. Weshalb viele Opfer die Taten einfach hinnehmen, die Dunkelziffer also sehr hoch sein dürfte.

Wer diesen Schritt dennoch wagt, hat es in Deutschland vor Gericht schwer. Polizeibeamte werden nur in den seltsten Fällen für Körperverletzungen im Amt verurteilt. Wenn Aussage gegen Aussage steht, gilt das Wort eines Staatsdieners in der Regel als glaubhafter.

Dafür erhalten die Opfer in der Regel umgehend eine Gegenanzeige, in der ihnen Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung oder Beleidigung vorgeworfen wird. Was vor deutschen Gerichten deutlich häufiger zu einer Verurteilung führt als Anzeigen gegen Polizisten. So können staatliche Opfer in unserem Rechtsstaat schnell zu Tätern werden.

Amnesty fordert unabhängige Anlaufstelle

Obwohl Amnesty International schon lange eine unabhängige Anlaufstelle für die Opfer fordert (damit dieses sich nicht an die Polizei wenden müssen), gibt es diese bislang in keinem einzigen Bundesland. Auch die Bundesregierung sieht hier nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Statt struktureller Polizeigewalt sieht diese nur bedauerliche Einzelfälle.

Dass es in Deutschland durchaus ein strukturelles Problem gibt, verdeutlicht das SWR2-Radiofeature "Täter in Uniform - Polizeigewalt in Deutschland". Dem Zuhörer geht es dabei ähnlich wie den im Beitrag erwähnten Opfern: Er ist geneigt, ein bisschen den Glauben an diesen Rechtsstaat zu verlieren.

(Von dem dürfte - zumindest in Bayern - demnächst nicht mehr allzu viel übrig bleiben, wenn das, so Heribert Prantl "schärfste, umfassendste, grundrechtsverbrauchendste Polizeigesetz der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte" tatsächlich verabschiedet werden sollte.)