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Freitag, 26. September 2025

Mixtape No. 22: Goodbye 20th Century

Playlists, Social Media und Spotify haben das Musikhören in den vergangenen Jahren grundlegend verändert - und die Musikbranche ohnehin. Wenn ein Song heute erfolgreich sein will, muss er schnell zünden, in den ersten 30 Sekunden ein Feuerwerk abliefern, gleich mit der Hook kommen. Meistens ist dann aber auch recht bald alles gesagt. Denn vieles, das heute produziert wird, ist optimiert auf den Algorithmus, auf das schnelle, flüchtige Hören. Zeit für Kontemplation oder zumindest eine zweite Chance? Fehlanzeige. Das gilt für die Industrie - aber auch für die Hörerschaft.

Dabei gab es wohl noch nie eine bessere Zeit, um Musik zu entdecken, sich in ihr zu vertiefen. Ist heute doch mit wenigen Klicks ein Großteil der modernen Musikgeschichte verfügbar - und das per Smartphone quasi überall und jederzeit. Und ist für das Entdecken neuer Musik doch längst kein zeitaufwendiges und Graben mehr in Plattenläden notwendig. An die richtigen Platten zu kommen nicht unbedingt mehr eine Frage des Sich-Leisten-Könnens. Können Gatekeeper relativ leicht überwunden werden. Nur; Wer hört heute schon noch ganze Platten? Auch wenn vieles im Argen liegen mag und die KI hier längst Einzug gehalten hat, ist das aber noch lange kein Grund, deswegen in Kulturpessimismus zu verfallen. 

Kassetten mögen ausgedient haben - das Mixtape nicht 

Vielmehr ist es mal wieder an der Zeit, an dieser Stelle ein kleines Mixtape zu präsentieren. Auch das: Einst eine zeitaufwendige Geschichte. Eine Kassette musste bespielt, die dafür passende Musik herausgesucht werden. Wie viele Abende der Zeittotschläger wohl einsam vor seiner Anlage damit in seiner Jugend verbracht hat? Personalisierte Tapes, die eine Geschichte zu erzählen versuchten, gehörten damals zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Ob sie stets beim Hörer zu überzeugen wussten? Hier sind durchaus Zweifel angebracht. Schön war es trotzdem - und forderte zur intensiven Beschäftigung mit der eigenen Plattensammlung heraus. 

Die nun folgende Form der Präsentation kann dafür nur ein schwaches Surrogat darstellen. Allein: Sie ist nun mal die zeitgemäße. Der oder die geneigte Hörer/-in möge es mir zudem verzeihen, dass dafür die zuletzt (und zurecht) vielgeschmähte Plattform Spotify verwendet wird. Sie ist (neben Youtube) aber die meistgenutzte und wird daher im Sinne der Barriefreiheit auch dafür herangezogen. 

Genug der Vorrede. Es folgt nun, nach langer Pause, eine kleine Zusammenstellung aus lauter von mir geschätzten Alben. Dass die meisten Songs darauf die aktuelle Schallgrenze von Zwei-Dreißig locker einreißen, ist sicher kein Zufall...

1. John Coltrane - A love supreme, Pt. 1: Acknowledgement (1965, A Love Supreme
2. Fela Kuti - Zombie (1976, Zombie
3. Can - Paperhouse (1971, Tago Mago
4. Talk Talk - Ascension day (1991, Laughing Stock)
5. Bruce Springsteen - State Trooper (1982, Nebraska)
6. Bob Dylan - Ballad of a thin man (1965, Highway 61 Revisited
7. Beach Boys - God only knows (1965, Pet Sounds
8. La Dispute - Environmental Catastrophe Film (2025, No One Was Driving The Car
9. Blackmail - Ken I die (2001, Bliss Please)
10. Turbostaat - Jedermannsend (2025, Alter Zorn
11. Muff Potter - Ich will nicht mehr mein Sklave sein (2022, Bei Aller Liebe)
12. Erykah Badu - Didn't cha know (2000, Mama's Gun)
13. Little Simz - Lotus (2025, Lotus)

Hier gibt es die gesamte Youtube-Playlist zu hören.

Mittwoch, 30. Juli 2025

Große Auftritte auf denkbar kleiner Bühne

Ein Büro, eine Band und eine gute Viertelstunde Zeit - mehr braucht es nicht für diese Konzertreihe. Seit inzwischen 17 Jahren stellt sie NPR Music in schöner Regelmäßigkeit ins Netz. (Ja, genau jener teils öffentlich finanzierte Radiosender, dem Trump bald den Hahn abdrehen möchte, weil ihm dessen Berichterstattung zu kritisch ist.) Waren es in den ersten Jahren vornehmlich Folk- und Indiebands, die dort ein passendes Forum fanden, erweiterten sich die Genregrenzen mit der Zeit spürbar - und zur Bereicherung dieses Formats. Die Rede ist natürlich von den "Tiny Desk Concerts", die sich mittlerweile der Zahl von 2000 Auftritten annähern. Und immer wieder sind echte Perlen darunter.

Die Idee entstand nach einem misslungenen Festivalerlebnis

Entstanden ist die Reihe übrigens einst, weil Bob Boilen von einem Konzert recht enttäuscht war. Der Host von "All songs considered", einem wöchentlichen Podcast des US-amerikanischen Senders, bekam nämlich wegen des lärmenden Publikum nicht viel von Laura Gibsons Auftritt beim "South by Southwest" mit. Stephen Thompson, der ihn begleitete und ebenfalls bei dem Sender tätig ist, meinte scherzhaft, dass er Gibson doch einfach an seinem "tiny desk", also dem Sendepult, auftreten lassen sollte. Aus dem Scherz wurde eine Idee, wurde Wirklichkeit, und schließlich eine ganze Reihe. Klein, kurz und intim sind die Auftritte - und sie erscheinen seitdem im Wochentakt, manchmal auch häufiger. 

Klein und intim blieb die Reihe in all der Zeit, entwuchs als aber über die Jahre der Nische, aus der sie kam. Als in der Pandemie Auftritte dieser Art zwangsweise zur Regel wurden, war das Format längst etabliert. 

Zwei Auftritte, die in dieser Reihe herausragen  

Nicht alle Bands und Musiker wussten die Vorzüge dieses kompakten Settings zu nutzen. Viele gewannen aber dadurch an Statur. Und einige Musiker stechen mit ihren Auftritten dabei recht deutlich heraus. Anderson Paak etwa, der vor mittlerweile acht Jahren zu Besuch war, damals vornehmlich als Rapper unterwegs war (und später als "Silk Sonic" eine recht erfolgreiche Kollaboration mit Bruno Mars begann), hier aber zeigen konnte). Er konnte zeigen, dass in ihm und seinen Stücken weit mehr steckte als auf den Platten hörbar war. Dessen Songs hier glänzten, und der als dauergrinsender Schlagzeuger mit seinen "Free Nationals" zu überzeugen wusste. Dieses 15-Minuten-Konzert ist eines, das völlig zurecht inzwischen 117 Millionen Aufrufe hat - darunter mindestens zwei Dutzend von mir. 

Nicht weniger eindrucksvoll war Doechii, die vor sieben Monaten dem Desk einen Besuch abstattete. Ihr ohnehin starkes Album "Alligator bites never heal", aus dem sie mehrere Stücke zum Besten gab, ließ bereits erahnen, dass hier ein großes Rap-Talent diese kleine Bühne betreten wird. Was Jaylah Ji’mya Hickmon dann allerdings mit ihrer zehnköpfigen Band in 23 Minuten und 40 Sekunden präsentierte, war dann noch einmal deutlich mehr - und auch deutlich besser. Wie Paak gewann die Musikerin durch das Setting, eine kluge Instrumentierung und eine wirklich gute Band, die alles andere als im Hintergrund agierte, deutlich an Statur. 

Weshalb die Reihe funktioniert: Eine mögliche Erklärung 

Leider ist es ja so: Konzerte oder Festivals sind heute mehr denn je kommerzielle Veranstaltungen, müssen das sein, weil Musiker vom Verkauf ihrer Alben (oder gar den lächerlich geringen Erlösen durch Streams) nur in den seltensten Fällen leben können. Ohne Publikum und im Büro eines Nischenradios spielt dieser kommerzielle Aspekt indes keine Rolle mehr. Hier muss niemand ein Spektakel darbieten, sondern einfach seine Musik darbieten. Vielleicht ist genau dies ja auch das Erfolgsrezept hinter den "Tiny Desk Concerts", die längst Nachahmer gefunden haben (man denke etwa an die KEXP Live Performances). Man darf dem lärmenden Publikum beim "Southwest" anno 2008 dafür durchaus dankbar sein. 

Mittwoch, 1. Januar 2025

Die Freiheit, zu entscheiden

Ist das nicht völlig antiquiert? Interessiert das überhaupt noch jemand? Braucht das die Welt? Brauche ich das noch? 

Und überhaupt: Das Internet, die Blogosphäre, soziale Medien, digitale Vernetzung - alles mal gute Ideen gewesen, reizvolle anarchische Gebilde in ihren Anfängen. 

Aber heute? Im Grunde nicht mehr der Rede wert. Weshalb noch Zeit investieren in diesen weitgehend monopolisierten dauererregten Raum voller Rechthaberei, Zorn und Zoff? 

Also: who cares? Andererseits: Wieso nicht einfach machen, wieder machen, weiter machen, den Faden wieder aufnehmen? Ab und an ein paar Gedankenfetzen in den Raum werfen, auf dass sie womöglich gar jemand aufliest und eine sinnvolle Verwendung für sich findet?

Nicht zuletzt: Einen Unterschied machen, das geht ja nach wie vor.

In diesem Sinne: Prost Neujahr! Gut möglich, dass hier in nächster Zeit wieder etwas zu lesen ist. Lange genug lag der Zeittotschläger schließlich im Winterschlaf...

Auch wenn all das nach wie vor kein Wunschkonzert ist - oder, um es mit Muff Potter zu sagen: "In ungewissen Zeiten ist die Freiheit zu entscheiden ein Luxus".


 

Freitag, 6. Mai 2022

Lange nicht mehr hier gewesen.

Der Zeittotschläger ist sichtlich verwaist. Seit geraumer Zeit habe ich mich nicht mehr um diese Seite gekümmert. Dabei hätte es genügend Gründe gegeben, sich hier zu äußern. Die Weltlage schreit nach einer Kommentierung. Neue oder wieder entdeckte Musik danach, verbreitet zu werden. Ich habe vieles gelesen, das mich inspiriert, bewegt oder zum Nachdenken angeregt hat. Und auch meine Ich-Maschine stand in all der Zeit nicht still.

Doch hatte ich bislang nur selten das innere Bedürfnis mich zu äußern. Im Stimmengewirr des Internets und inmitten der Nachrichtenflut, der ich ja auch beruflich nicht entgehen kann, war mir die Stille ein weitaus größeres. Zumal mich, gerade zur Beginn der Pandemie, der Social-Media-Sog erfasste, ich dem schlimmsten gerade noch entrinnen konnte, aber nach wie vor in unregelmäßigen Abständen Rückfälle erleide.

Der Zeittotschläger hatte zuletzt auch schlicht kaum noch die Gelegenheit, genau das zu tun: nämlich die Zeit totzuschlagen. Und wenn, dann verbrachte er sie nicht damit, diese Seiten hier zu füllen. 

Ob sich dies ändern wird? Ich weiß es nicht.

Ich wollte nur ein Lebenszeichen absetzen. 

Übrigens: Das hier habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört - und die Geschichte dahinter ist durchaus interessant.




Sonntag, 3. Oktober 2021

MIxtape No. 21: ...und am siebten Tag ließ Gott die Seele baumeln - und hörte dieses Album.

Dieses Mixtape ist eine Reise in die musikalische und persönliche Vergangenheit - entstanden an einem denkwürdigen Abend im Spätsommer des Jahres 2002. Leider sind nicht mehr alle Songs, die auf der Kassette landeten, digital verfügbar. Die Kassette gibt es aber noch, wie folgendes Foto beweist. 


Und diese Titel schafften es damals auf das 90-Minuten Tape der Marke BASF (FE1):

A-SEITE:
1. Miles Davis: Black Satin (1972
2. Die Fantastischen Vier: Reich (1992)
3. Prefab Sprout: Bonny (1985)
4. David Bowie: Wild is the wind (1976)
5. Cat Stevens: Two fine people (1975)
6. Bob Dylan: Hazel (1974)
7. Joni Mitchell: Roses blue (1969)
8. Tori Amos: Bells for her (1994)
9. Iso 68: Rückkreuzung (2000)
10. Wenn: Flutes of Chi (2000)
11. Kulturni Programm: Easy driving (2001)
12. Frank Zappa: Igors Boogie, Phase one (1970)
13. Franz Zappa: Overtoure to a holiday in Berlin (1970)

B-SEITE
14. Pulser SG: Trucker love (2001)
15. Harald "Sack" Ziegler: Toy tech two (2002)
16. Foyer des Arts: Ein Haus auf den Knochen von Carry Grant (1984)
17. Stella: Words sane like dirt (1998)
18. Fiona Apple: Sleep to dream (1996)
19. Kirmes: Jazz Hollywood (2001)
20. Die Sterne: Verregneter Sommer (1989)
21. Nick Cave and The Bad Seeds: Fifteen feet of pure white snow (2001)
22. Ming: Subculture (2001)
23. Depeche Mode: Comatose (2001)
24. Aphex Twin: Nannou (1999)
25. Tom Waits: God's away on business (2001)
26. Franz Zappa: Why does it hurt when I pee? (1979)

Das Mixtape gibt es hier (mit einigen leider fehlenden Stücken) als Youtube-Playlist. 


Samstag, 20. März 2021

Impressionen No. LX: Zeichen der Zeit


1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer.

Oder Hoffnungsträger?
 
 Wer ist hier wahnsinnig?
 
Ein Feindbild.

Ein Impfdesaster.

Meine Hobbies sind Politik und Drogen.

Oh, sweet fire.

 

Dienstag, 30. Juni 2020

Mixtape No. 20: Close to the edge


1. Regulator - Bad brains (1982): Die Bad Brains waren eine der wenigen schwarzen Punkbands - und mit Sicherheit die wichtigste. Als Pioniere des Eastcoast Hardcore mischten sie zwischen den schnellen Punk aber auch Reggae-Stücke. Das Thema von "Regulator" ist immer noch aktuell, auch wenn es mir in der Version auf der "Black Dots" noch etwas besser gefällt.

2. Danny Nedelko - Idles (2018):  Ein Antirassimus-Stück der wunderbaren Idles. "Fear leads to panic / panic leads to pain / Pain leads to anger / anger leads to hate." Word.

3. Rattenlinie Nord - Turbostaat (2020): Auf der Rattenlinie Nord im hohen Norden Deutschlands sind viele Nazis in den letzten Tagen des Dritten Reichs geflüchtet. Karl Dönitz, der in dem Song gesampelt wird, leitete die letzte Reichsregierung. Turbostaat kommen aus der Gegend, an der die Rattenlinie Nord entlangführte. 

4. It was there that I saw you - ...and you will know us by the trail of dead (2002): Trail of Dead gehören zu den Bands, die immer etwas unter meinem Radar flogen. Klar, dass sie irgendwie wichtig sind war mir immer klar, aber ich fand nie einen Zugang. Bis ich kürzlich 18 Jahre nach Erscheinen die wunderbare Platte "Source Tags and Codes" auflegte und zu verstehen begann. Die Band pendelt hier im exakt richtigen Maße zwischen zugänglich und verschroben, dass es so schnell beim Hören nicht langweilig wird.

5. Dream House - Deafheaven (2013): Blackmetal, Postrock und Shoegaze: In und mit diesem Spannungsfeld spielt Deafheaven auf dem Album "Sunbather". Dabei gelingt es ihnen, dass diese Genres nicht nur nebeneinander stehen zu lassen, sondern sie zu einem eigenen Sound zu formen.

6. Slomo - Slowdive (2017): Bei dieser Band ist der Name Programm. Die langsame, gedämpfte Musik mit verschwommenen Lyrics und ätherischem Shoegaze-Sound hat die Band bereits in den Neunzigern relativ erfolglos gespielt. Dass sie nach fast 15 Jahren noch einmal ein Album zustande brachten, das auch noch gut ist, war eine positive Überraschung.

7. Little wing - Neil Young (1975): 35 lange Jahre hat es gedauert, bis "Homegrown" endlich erschien, Neil Young fand die Songs damals zu persönlich, auch weil sie nach einer Trennung entstanden. Die Platte ist von viel Moll und Melancholie geprägt - und sicher die beste, die Young seit langem veröffentlicht hat. "Little Wing" ist wie manche andere Songs bereits auf einem anderen Album erschienen. Im Kontext von "Homegrown" ist er aber am besten aufgehoben.

8. Blue red and grey - The Who (1975): Wenn Pete Townshend hier die Ukulele auspackt und davon singt, dass er alle Zeiten des Tages mag, dann spielt er für uns, auch wenn es zunächst so scheinen mag, kein Gute-Laune-Lied. Der Kopf der britischen Rockband "The Who" litt zu dieser Zeit unter Depressionen. Und so ist es auch eher ironisch zu verstehen, wenn er singt "I get a buzz from being cold an wet".

9. Right around the clock - Sorry (2019): Auf ihrem Debüt "925" vermischt die Band "Sorry" Indie, R'n'B und Elektro zu einem eingängigen, bisweilen aber auch widerborstigen Mix. So gut kann Britpop klingen.

10. Spanish joint - D'Angelo (2000): Ist das noch Soul oder bereits Jazz? Jedenfalls ist es ziemlich gut, was D'Angelo hier auf dem besten Stück seiner Platte "Voodoo" macht. Die war damals so gut, dass er vierzehn Jahre benötigte für "Black Messiah", das (noch ein kleines Stück bessere) Nachfolgealbum.

11. Skin I'm in - Sly and the Family Stone (1973): "Fresh" war das letzte richtig gute Album, auf dem Sly & The Family Stone noch einmal ihr Können zeigten. Es war aber auch schon geprägt von dem Wissen um das Scheitern der Bürgerrechtsbewegung in den USA, zu der sich diese Band - der Männer und Frauen, Schwarze wie Weiße selbstverständlich angehörten - zählte. Wie wenig in Wirklichkeit erreicht wurde, das zeigt sich heute wieder ziemlich deutlich.

12. Happens to the heart - Leonard Cohen (2019): Posthume Veröffentlichungen sind immer eine heikle Sache. Zu groß ist die Gefahr, dass nur Profit aus Material gezogen werden soll, das der Künstler selbst nie veröffentlicht hätte. Bei "Thanks for the dance" von Leonard Cohen ist das anders. Sein Sohn Adam hat sich um diese Aufnahmen gekümmert, die ähnlich intim geworden sind wie auf seinem letzten Album "You want it darker". Sie sind sogar noch ein Stück entrückter geraten. "Happens to the heart" ist eines der besten davon.

13. The wild rover - Lankum (2019). Lankum spielen Irish Folk. Doch sie spielen diesen Folk so, dass die Stimmen und Instrumente anders klingen als in den klassischen Formationen. Wie sie hier Irlands wohl bekanntestes Trinklied zu einem traurigen Klagelied machen und am Ende auch noch postrockig dröhnen lassen, das gefällt mir sehr. 

14. Close to the edge - Yes (1972): Gründe, diese Band (und den Prog-Rock im Allgemeinen) zu hassen, gibt es viele: der Bombast, das prätentiöse Gebaren, die Technikorgien, die Titel mit Überlänge und Unterteilungen in Parts wie bei der klassischen Musik (und auch bei diesem Stück). Das zu hassen ist legitim. Es gibt aber auch viele gute Gründe, das nicht zu tun: die Spielfreude, die technische Klasse, der Ideenreichtum dieser, die in diesem Stück kulminiert. Das zu lieben ist ebenso legitim.

Hier ist die Playlist bei Spotify zu hören - und hier die Youtube-Playlist.

Freitag, 13. Dezember 2019

Mixtape No. 19: Take me somewhere nice, Part 1


1. Take me somewhere nice - Mogwai (2001)
2. Change is an engine - Savoy Grand (2005)
3. Theresa's sound world - Sonic Youth (1992)
4. Explosion - Tocotronic (2007)
5. Thieves in the palace - Logh (2007)
6. Odd said the doe - Nina Nastasja & Jim White (2007)
7. Fever dream - Iron & Wine (2004)
8. Visions - Stevie Wonder (1972)
9. Hey, who really cares? - Linda Perhacs (1970)
10. Première gymnopedie - Eric Satie (1888)
11. Reflets dans l'eau - Claude Debussy (1905)
12. Empty house - Air (2000)
13. Right where it belongs - Nine Inch Nails (2005)
14. Marion Barfs - Clint Mansell (2000)

Das Mixtape gibt es, wie immer, auch als Youtube-Playlist sowie bei Spotify. Dort aber leider ohne Savoy Grand und Nina Nastasja & Jim White.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Drei Rap-Alben

1. OG Keemo - Geist (2019)
Der Tod der eigenen Mutter, die Kindheit in der Siedlung, seine Jugend als Krimineller, das Leben als Mensch mit sudanesischen Wurzeln in Deutschland oder Racial Profiling - alles Themen, die auf diesem kompakten, ziemlich düsteren Debütalbum des Rappers OG Keemo verhandelt werden. Die zwingenden Beats dazu liefert Funkvater Frank. Zusammen ergibt das eines der wenigen Platten des Genres Gangstarap, die wirklich etwas zu erzählen haben. Besonders gut gelungen bei "Geist", "Nebel" und "216".


2. Kummer - Kiox (2019)
Aus einer ganz anderen, spezifisch ostdeutschen Perspektive reflektiert Felix Kummer, Frontmann von Kraftklub auf seinem Debütalbum "Kiox" das Großwerden in Chemnitz. Dabei geht es um das Weglaufen vor Nazis, mit denen er heute nur noch Mitleid hat. Um die ersten Anzeichen der Verspießerung, peinliche Familientreffen, viel zu früh gestorbene Wegbegleiter oder die oberflächliche Fixierung auf Outfit, Image, Körper. Am besten funktioniert das (mit Beats von Blvth und den Drunken Masters produzierte Album) bei "9010", "Der Rest meines Lebens" und "Wieviel ist dein Outfit wert".

3. Fatoni - Andorra (2019)
Über die Phase des Erwachsenwerdens ist Fatoni indes als Rapper und Mensch längst hinaus. Er steuert vielmehr direkt auf die Midlife Crisis zu. Denkt, unterlegt von Dexters zeitgemäßen Trap-Beats, darüber nach, was einmal bleiben wird, wie einstige Weggefährten auf Abwege geraten oder fragt sich, was wohl aus dem Junkie im Park wurde, den er aus seiner Jugend kannte. So abgeklärt, reflektiert und selbstkritisch hat der Münchener nie geklungen. Zum Beispiel auf "Alles zieht vorbei", "Nein Nein Nein Nein Nein", "Mitch" (und nicht zu vergessen "Clint Eastwood", wo er sich im Video als "King of Queens" parodiert).

Freitag, 8. November 2019

Ein zunächst verschmähter Klassiker



A Perfect Circle? Nur ein ganz okayer Abklatsch von Tool - das war bislang meine Meinung über diese Band. Und wie ich bis vor kurzer Zeit fand, durchaus zurecht. Was nicht heißt, dass die Musiker schlechte Musik produzierten  - keinesfalls, die Band hatte durchaus ihre Qualitäten.

Doch es gibt auch bei Musikern, die bereits fast zwanzig Jahre aktiv sind, Überraschungen. Ich muss gestehen, diese im Falle von A Perfect Circle, trotz kundiger Empfehlungen, beim aktuellen Album lange verpasst zu haben. Weshalb ich es zunächst verschmähte, um es jetzt uneingeschränkt zu empfehlen.

Denn "Eat the elephant" (bereits 2018 erschienen) hat für mich die Maßstäbe, mit der diese Band bewertet werden sollte, fundamental verschoben. Nicht zuletzt, weil der große Kryptiker James Maynard Keenan hier so konkret wird wie nie.

Vier Gründe, die aus meiner Sicht für sich sprechen:

No. 1: Disillusioned. Ein Stück über die schöne neue digitale Welt:

No. 2: The Doomed: Hier wird die Bergpredigt radikal gedreht.

No. 3: So Long and thanks for all the fish, eine Hommage an Douglas Adams.

No. 4 Talk Talk, ein religionskritischer Song gegen die Jenseitssucht.

Freitag, 1. November 2019

Mixtape No. 18: Leb so, dass es alle wissen wollen


1. 9010 (Kummer, 2019)
2. Generation Youporn (Faber, 2019)
3. Phototropic (Kyuss, 1995)
4. Love is everywhere, beware (Wilco, 2019)
5. Im Westen (OK Kid, 2019)
6. Kurz und schmerzlos (Lenin Riefenstahl, 2019)
7. Weißes Papier (Element of Crime, 1993)
8. Luciano (Steve Gunn, 2019)
9. Leb so, dass es alle wissen wollen (Keine Zähne im Maul, aber La Paloma pfeifen, 2012)
10. Neptune (Foals, 2019)
11. 7empest (Tool, 2019)

Das Mixtape gibt es wie immer auch als Spotify- sowie Youtube-Playlist.

Dienstag, 24. September 2019

Ist die SPEX noch relevant?

Knapp ein Jahr ist es nun her, dass die Spex ihr Ende als Printmagazin erklärte. Eine Ende, das wohl unvermeidlich war. Denn der bezahlte Musikjournalismus steckt in Zeiten von Spotify und sozialen Medien in einer tiefen Krise. Musiker benötigen heutzutage keine Vermittler mehr, um ihre Zielgruppe anzusprechen.

Schleichender Bedeutungsverlust

Die allermeisten Hörer haben dank des Internets und der Streamingplattformen ohnehin kein Bedürfnis mehr nach Expertenratschlägen. Musik ist ein ubiquitäres Gut geworden, der Zugang ist so leicht wie nie. Die Rolle des Türoffners im Grunde nicht mehr notwendig. Zumindest nicht in Form einer Musikzeitschrift. Diese Aufgabe haben zum Teil die Feuilletons übernommen.

Und Popkultur, ein Begriff über das sich die Spex wie kein zweites Magazin definierte, schon seit geraumer Zeit nur noch bedingt ein Mittel zur Distinktion.

Weitergemacht haben einige der Redakteure dennoch. Seit Januar gibt es die Zeitschrift ausschließlich als Online-Plattform, auf der die meisten Artikel nur für Abonnenten verfügbar sind. Doch funktioniert das? Und ist das, was dort gemacht wird, überhaupt noch relevant? Zeit für eine Zwischenbilanz.

Neoliberale Apps und Zeitgenössisches aus der VRC


Auch als Online-Magazin richtet sich Spex an ein intellektuelles Publikum, mischt neben die Musik Beiträge zu Politik, Ästhetik, Literatur und Film. Es gibt ein Album der Woche, die „Musik zur Zeit“ und Tournee-Präsentationen.

 Vieles davon ist durchaus lesenswert: Wenn etwa Christoph Benkeser die Musik-App "Endel", die endlos personalisierte Sounds kreiert, zum "perfekten neoliberalen Gerät" erklärt, Christoph Kammenhuber den Freiheitskampf des Rappers Meek Mill mit dem der Schwarzen in den USA insgesamt verknüpft. Oder Kristoffer Cornils in seiner Kolumne kaum beachtete zeitgenössische Musik aus der Volksrepublik China präsentiert.


Typisch Spex eben. Und doch fehlt da etwas. Denn diese Zeitschrift war auch immer auch selbst ein popkulturelles Gesamtprodukt. Das Magazin mit seinen grafischen Experimenten. Die Themenschwerpunkten gewidmeten Ausgaben. Jene langen Reportagen, die zuletzt unter der Rubrik Perspektive liefen. Die oft doch recht speziellen Fotos - und eine CD als Beilage, die den Titel "Musik zur Zeit" zurecht trug. Von den vielen Plattenkritiken ganz zu schweigen.

Nüchterne Blog-Ästhetik

All das kein ein Online-Magazin in der nüchternen Form, wie sich die Spex momentan präsentiert, nicht liefern. Und leider überhaupt nicht die in Blog-Ästhetik konzipierte App. Diese glänzt dann auch eher durch ein technisches Problem: Selbst wer als Abonnent eingeloggt ist, kann bisweilen Artikel nicht lesen und muss sich erst wieder ab- und dann anmelden (ein Vorgang, der nach einem Dutzend Mal ziemlich nervt und leider auch auf der Homepage ein Problem ist).

Leider gibt es auch keine Integration der per Soundcloud zusammengestellten "Musik zur Zeit", der seit Januar angekündigte Spex-Podcast lässt auch auf sich warten. Immerhin: die Ausgaben im Archiv lassen sich inzwischen recht flüssig lesen. Kurzum: Da ist noch eine Menge Luft nach oben. Allzu viele dürften es jedenfalls nicht sein, die dafür 24 Euro pro Jahr zu zahlen bereit sind.

Ist die Spex heute also noch relevant? Wenn überhaupt, dann für eine Nische. Doch die wird im Internet mit einem Angebot wie diesem nicht unbedingt größer.

Samstag, 21. September 2019

Wir lieben, was wir nicht kriegen


Mehrfamilienhäuser und Bäume, das Daimlerwerk und eine Erdgasanlage in Schwarz-Weiß - damit präsentiert sich die EP "Jod und Tenside" auf dem Cover. Es ist der Blick von der Wangener Höhe. Keiner, den angesichts der Industrie- und Betonästhetik Touristen aufsuchen würden. Einer aber, der die Band "Lenin Riefenstahl" klar verortet: in Stuttgart nämlich. Jener Stadt also, die zuletzt mit einer Reihe interessanter Bands (wie Die Nerven oder Human Abfall) auf sich aufmerksam gemacht hat. Und ihr damit auch ein Stück weit einen musikalischen Stempel aufdrückt: Dass es hier eher düster, melancholisch, gar punkig zugeht, ist durch dieses Foto gesetzt.

Entgrenzung und Reduktion

Doch teilen sich Lenin Riefenstahl* kaum mehr als das Studio mit den Nerven (das Mastering übernahm Ralv Milberg). Die musikalische Vision ist eine ganz andere. Statt programmatischer Distanz und Reduktion setzt das neue Projekt des Songwriters und Hörspiel-Autors Christian Rottler vielmehr auf Entgrenzung.

Und so gibt es ein Wipers-mäßiges Punk-Stück über einen Morphiumtod inklusive Spoken-Word-Teil mit einer Länge von sechs Minuten ("Stumme Apotheker"). Eine traurige Ballade über die letzten, quälenden Minuten vor einer unvermeidlichen Trennung ("Kurz und schmerzlos"), musikalisch inszeniert als fast schon heiter-lakonisches Stück.

Oder das melancholisch-intim arrangierte und titelgebende "Chlor, Jod und Tenside" - eine Art Hohelied auf das Scheitern. In dem Sechs-Minuten-Stück heißt es: "Wir lieben Intrigen / das Leben besteht aus Rückfällen / und wir leben intensiv / und wir lieben / was wir nicht kriegen / diesmal war dein Misstrauen durchaus konstruktiv". 

Kompakt und schnörkellos

Trotz stellenweiser Überlängen hinterlässt die sechs Songs umfassende EP insgesamt einen kompakten Eindruck ohne Aussetzer. Musikalisch verzichtet das Trio auf unnötige Ausschmückungen, stellt vielmehr die Stärken des Konzepts Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang (auf Platte an der Gitarre stellenweise unterstützt durch Sad Sir von End of Green) heraus und spielt schnörkellose Rocksongs mit leichten Punk-Einschlägen. Drummer Mathias Menner und Bassist Marc Eggert, der die Platte auch produzierte, ist es zu verdanken, dass die EP an keiner Stelle in Rockismen kippt.

Mit "Jod und Tenside" schlägt Christian Rottler ein neues musikalisches Kapitel auf. Bei den Texten indes bleibt er sich (bis auf "Stumme Apotheker" mit seinem fast schon klassischen Storytelling) treu: Sie sind schonungslos offen und zugleich rätselhaft, stecken voller literarischer Anspielungen und bleiben damit in viele Richtungen anschlussfähig. Massentauglich ist das nach wie vor nicht. Einen angemessenen Platz in der Nische hätte er damit aber allemal verdient.

Die EP "Jod und Tenside" erscheint am 11. Oktober bei Rotte.

* Ein politisches Projekt ist mit dem Bandname übrigens nicht verbunden). Die drei Stuttgarter haben sich, so schreiben sie "aus Gründen der Phonetik und der geballten Tragik" für ihn entschieden.

Donnerstag, 19. September 2019

Montag, 16. September 2019

High Fidelity No. 11: Fünf Platten

1. Makaya McCraven: Universal beings (2018)


Vier Städte, vier Bands, vier Auftritte mit improvisiertem Material - im Nachhinein durch Loops verdichtet zu einer Aufnahme, die wie aus einem Guss wirkt. Der in Frankreich geborene und in den USA aufgewachsene Schlagzeuger McCraven nennt das, was er macht treffend "Organic Beat Music". Und so entsteht aus den Gigs in Chicago, L.A., New York und London ein Album zwischen Hip Hop und frei improvisiertem Jazz, das frisch und sehr zeitgemäß klingt.

2. Die Goldenen Zitronen - Mord than a feeling  (2019)


Den Pop für sich entdeckt haben die Hamburger Avantgarde-Punks auf ihrem neusten Album. Was ihnen nicht schlecht steht - für Hörer, die nicht mit dem Werk der Band vertraut sind, klingt die Platte indes immer noch recht sperrig. Besonders gelungen: "Die alte Kaufmannsstadt", in der das Drama um die G20-Proteste als musikalisches Hörspiel inszeniert wird.

3. Die Türen - Exoterik (2019)

Krautrock - vor allem in der repetetiv-reduzierten Linie von Neu! - ist der klare Bezugspunkt dieses bisher besten Albums von "Die Türen". Entstanden in einer Session auf dem Lande, zurückgezogen von den Einflüssen der Zeit, gelang ihnen ein Werk, das zugleich opulent wie reduziert ist. Songs mit wenigen Textzeilen, aber vielen Minuten, die Dinge auf den Punkt bringen.

4. Tool - Fear Inoluculum (2019)

13 Jahre hat es gedauert, bis die Band um James Maynard Keenan den Nachfolger von "10 000 Days" auf den Markt brachte. Bemerkenswert an der Musik ist vor allem, wie wenig sie mit der Zeit gegangen ist. Zu hören gibt es klassisches, eher mittelschnelles Material mit wenig Gesang. Für Kenner der Band mag das alles bereits bekannt sein, hörenswert ist es dennoch. Etwas Zeit sollte man als Hörer aber schon mitbringen angesichts der Überlänge von etwa 80 Minuten.

5. Shabaka and the ancestors - Wisdom of elders (2016)

In nur einer Nacht und ohne Nachbearbeitungen aufgenommen, ist "Wisdom of elders" Zeugnis der musikalischen Vielfalt des Tenor-Saxofonisten Shabaka Hutchings, geboren in London, aufgewachsen in Barbados. Die Platte changiert zwischen Blues, weißem Free Jazz, Spirituals, Calypso und afrikanischem Jazz. Musikalisch ist das in seiner Polyrhythmik teilweise recht fordernd. Doch wer sich für Pharoa Sanders erwärmen kann, dürfte auch an diesem Album seine Freude haben.