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Mittwoch, 19. Januar 2011

Meister der Melancholie Teil 5: Steve von Till

Neurosis sind unbestritten eine der großartigsten Bands der letzten beiden Jahrzehnte, doch nicht jeder schafft es, in ihren dunklen Kosmos durchzudringen. Und auch wenn es in der musikalischen Entwicklung von Neurosis durchaus zugänglicheres gibt (wie Crawl back in), so dominiert doch weithin das Abgründige von Through Silver in Blood. Steve von Till, hauptberuflich übrigens Grundschullehrer, ist einer der beiden Sänger der Band und eher dem Melodiösen zugewandt. Dies ließ sich jedoch bei Neurosis nie so recht verwirklichen, weshalb er der Welt drei Soloalben geschenkt hat, die jeglicher Aggression entbehren und stattdessen in ruhigen Songwritergefilden beheimatet sind. Wenn die Lieder dabei auch der Größe, Erhabenheit und epischen Tiefe von Neurosis entbehren, so bleiben doch wunderbare, tief in der amerikanischen Tradition verwurzelte, leise, intime Stücke, so wie dieses hier:



You don't believe what you don't see
Each grain of sand beneath the sea
You have no faith in a dream
Fade into the landspace, unseem

In a field of weeds, killing time
A winding river rushes by
All the while you seem to be going blind
A cold numb grey in your eyes

Breathe in, breathe deep
A lifetime is too long to sleep
Staring at lightning won't keep you warm
You hear the thunder, but can't get out of the storm

Growing weak and thin
This has to end where it begins
Waiting for winter's first snow
To cover your tracks, so no-one will know

That you ever lived, or ever lied
You wouldn't give, never tried
No words worth air ever sound
From a flightless bird, bound to the ground

Breathe in, breathe deep
A lifetime is too long to sleep
Staring at lightning won't keep you warm
You hear the thunder, but can't get out of the storm

Sonntag, 15. Juli 2007

Meister der Melancholie Teil 4


Es ist an der Zeit, einen der unbestrittenen Meister der Melancholie zu würdigen, dessen musikalische Entwicklung völlig konträr zum landläufigen Kommerzialisierungseffekt verlief. Die Karriere von Mark Hollis nahm ihren Anfang in einer der wichtigsten und erfolgreichsten Bands der Achtziger namens Talk Talk. Ihre erfolgreichste Zeit hatte Talk Talk Mitte der Achtziger mit guten, aber nicht besonders außergewöhnlichem Synthiepop à la „It’s my life“. Doch von Album zu Album wurde die Musik differenzierter, eigenwilliger, sperriger, weniger mainstreamtauglich und fand ihren ästhetischen Höhepunkt in den beiden letzten Alben („The Spirit of Eden“ und „The Laughing Stock“), auf denen sie sich durch Improvisation mehr und mehr von klassischen Songstrukturen verabschiedeten und so eine völlig neue Sphäre musikalischen Ausdrucks zwischen Jazz, Klassik und Pop ausloteten (so etwa in „I believe in you“). Nach der Auflösung der Band wurde es ruhig um den scheuen Mark Hollis, der mit seiner Heroinsucht zu kämpfen hatte und sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückzog. Gleichzeitig arbeitete er jedoch manisch an seinem bisher einzigen Soloalbum, das nach fünfjähriger Arbeit 1998 schließlich erschien.

Schlicht „Mark Hollis“ betitelt und dem Prinzip der Reduktion folgend sind alle Klänge und Worte auf diesem Werk sorgsam gewählt, wird der Stille viel Raum gelassen – und dennoch entsteht eine Atmosphäre unvergleichlicher Intensität und Nähe. Klavier, Standbass, akustische Gitarre, Holzbläser, kein elektrisch verstärktes Instrument ist beteiligt, die gesamte Musik nur mit zwei Raummikrofonen aufgenommen. Das Album braucht Zeit, viel Zeit und ist zugleich komplett aus der Zeit entrissen. Es ist weltentrückt und doch eine der wirklichsten Platten. Sie kommt völlig ohne Fassade aus, der Hörer bekommt den Eindruck, direkt in die Seele eines Menschen zu schauen, der mit der Welt und sich hadert. Dennoch ist das Album von einer Ruhe beseelt, die unmittelbar auf den Hörer übergeht, vorausgesetzt er oder sie ist in der Lage, sich auf dieses schwierige, oftmals dissonante Album einzulassen.

„Mark Hollis“ entzieht sich allen Kategorien. Das erste Lied „The Colour of Spring“ (das erst nach zwanzig Sekunden Stille beginnt) mag mit Sicherheit noch das greifbarste Stück sein, doch was in den sieben darauf folgenden Liedern passiert, ist nur schwer in Worte zu fassen. Einer der absoluten Höhepunkte ist das achtminütige A life (1895-1915), das wohl auch ein gewisser Frederik Hahn zu schätzen wusste und zu einem herrlichen Sample in „Kapitel 29“ verarbeitete. 

A life (1895 - 1915)

Uniform
Dream cites freedom
Avow
Relent
Such suffering
Few certain
And here I lay

Es beginnt mit dissonanten Bläsern, die nach zwei Minuten von einem Kontrabass begleitet werden und nach einer furchtbar langen Zeit auch von der gehauchten Stimme Hollis, irgendwann auch ein Schlagzeug, bevor es schließlich in der Mitte des Stückes in einem mantraartigen Klaviermotiv gipfelt, das die vielen Stränge zusammenführt, allerdings wieder in sich zusammenbricht und sich der Dissonanz ergibt. A life endet schließlich wieder, wie es begonnen hat, lediglich mit einer Variation des Ausgangsmotivs und den kaum hörbaren Worten „and here I lay“. Spätestens jetzt wird das der geneigte Hörer auch tun, auf der Wiese, im Bett oder auf dem Boden, erschlagen ob der Gewalt dieses leider viel zu wenig beachteten Jahrhundertalbums. Für den Musikbetrieb ist der melancholische Eigenbrödler wohl einfach zu leise, und so endet das Album auch wie es begann: nach den letzten Takten von „A new Jerusalem“ folgt über eine Minute Stille…

Freitag, 8. Dezember 2006

Meister der Melancholie Teil 3

Schwarz, schwer und unendlich lang wie eine skandinavische Winternacht zieht dich Opeth wie in dieser Liveaufnahme des relativ heftigen The drappery falls hinab in ein tiefes, unentrinnbares Nichts. Es gibt keine Hoffnung, die ganze Schwere des Daseins, alles Leid, alles Negative, alles Tragische, Melancholische komprimiert sich hier in einer Musik, die göttlich und zugleich teuflisch erscheint. In nur wenigen Momenten schaffen sie so eine schmerzhaft mitreißende Stimmung, die zu schaffen nur wenige Musiker imstande sind.
Dass sie dabei das klischeebehaftete Genre des Metals bedienen, kann nur jene abschrecken, welche Opeth noch nicht gehört und erlebt haben. Hier gibt es nämlich mehr als lange, fettige Haare, stinkende Jeans und verkrampftes Männlichkeitsgehabe. Sie schaffen es, auch und vor allem auf Blackwater Park - ihrem vielleicht besten Album - verschiedenste Stilmittel zu einer einzigartigen Stimmung zu komprimieren. Ausgehend von vom Grunzen dominiertem (und von mir wenig geschätztem) Death Metal gehen die Fähigkeiten der Band doch weit über diese eintönige, mit der Zeit extrem nervige Sparte hinaus und so erschaffen sie etwas, das im weitesten Sinne als Prog bezeichnet werden könnte. Selten wurden Gegrunze, Double-Bass, melancholische, wunderschöne Melodien und ausgefeiltes Songwriting besser in Einklang gebracht. Und selten gelang es einer Band, kraftvollere, rundere, tiefere und bewegendere Musik zu kreieren. Gerade in diesen dunklen Tagen die beste Musik, um die – aufgrund des ausfallenden Schnees besonders ausgeprägten – Winter- depressionen zu pflegen…
Und all jenen, die The drappery falls als zu Death Metal-lastig und hart empfinden, seien an dieser Stelle zwei weitere, gänzlich Death-Metal-freie Songs ans Herz gelegt: noch ein wunderschönes Lied aus Blackwater Park : Harvest - und der Opener aus dem ruhigsten Album Damnation (2002): Windowpane.

The drappery falls

"Please remedy my confusion
And thrust me back to the day
The silence of your seclusion
Brings night into all you say
Pull me down again
And guide me into pain
I'm counting nocturnal hours
Drowned visions in haunted sleep
Faint flickering of your powers
Leaks out to show what you keep
Pull me down again
And guide me into
There is failure inside

This test I can't persist
Kept back by the enigma
No criterias demanded here
Deadly patterns made my wreath
Prosperous in your ways
Pale ghost in the corner
Pouring a caress on your shoulder
Puzzled by shrewd innocence
Runs a thick tide beneath
Ushered into inner graves
Nails bleeding from the struggle
It is the end for the weak at heart
Always the same
A lullaby for the ones who've lost all
Reeling inside
My gleaming eye in your necklace reflects

Stare of primal regrets
You turn your back and you walk away
Never again
Spiralling to the ground below
Like Autumn leaves left in the wake to fade away
Waking up to your sound again
And lapse into the ways of misery"




Blackwater Park (2000)








Damnation (2002)

Freitag, 20. Oktober 2006

Meister der Melancholie Teil 2














Ich erwähnte bereits, dass ich durch Elliott Smith auf Nick Drake kam. Zu Elliott wiederum kam ich (sic!) über eine Snippet-CD seines damaligen Albums Figure Eight in der INTRO, die ich zunächst nur ganz nett fand, weshalb ich mich nicht näher mit diesem Mann beschäftigte. Es zogen weitere drei Jahre ins Land, bevor ich (im Freien Radio für Stuttgart) auf Angeles stieß und schlichtweg fasziniert war. Ein solch eindringliches Stück Musik hatte ich lange nicht mehr gehört, und dieses kleine, leise, auf die Gitarre und seine Stimme reduzierte Lied sollte mich in den folgenden Jahren immer wieder begleiten. Der nächste Schritt führte mich in den Plattenladen und das zu Unrecht missachtete Figure Eight fand den Weg in meinen Gehörgang. Nach und nach erschloss sich so für mich das Universum eines sehr einsamen, depressiven und leider heroinabhängigen Songwriters. Denn wenige schaffen es wie er, Leichtigkeit und Tiefe so gut miteinander zu verbinden wie er, so dass er in manch einem seiner Songs schon mal wie ein melancholischer Brian Wilson klingt. Daneben gibt es aber auch immer die etwas schiefen, energischen und lauteren Songs, die seine Ursprünge in der ziemlich erfolglosen Grungeband Heatmiser erahnen lassen, aus der er sich Mitte der Neunziger löste, um der Welt sechs wunderbare Alben zu hinterlassen. Dabei sind seine Alben nie aufdringlich, eher unscheinbar (wie seine Person selbst) und brauchen deshalb ihre Zeit, um sich vollständig zu entfalten, wobei Figure Eight dabei vielleicht noch das eingängigste und direkteste darstellt. Elliott Smith starb 2004 unter nicht einwandfrei geklärten Umständen im Alter von nur 35 Jahren, innerlich und äußerlich durch seinen Drogenkonsum gezeichnet, ohne die Arbeit an seinem – schließlich erst posthum erschienen – Album From a basement on a hill vollenden zu können. R.I.P. Elliott!

Angeles

Someone's always coming around here trailing some new kill
Says I seen your picture on a hundred dollar bill
What's a game of chance to you, to him is one of real skill So glad to meet you
Angeles

Picking up the ticket shows there's money to be made
Go on and lose the gamble that's the history of the trade
Did you add up all the cards left to play to zero
Sign up with evil
Angeles

Don't start me trying now
Uh huh, uh huh, uh huh
Cause I'm all over it
Angeles

I could make you satisfied in everything you do
All your 'secret wishes' could right now be coming true
And be forever with my poison arms around you
No one's gonna fool around with us
No one's gonna fool around with us
So glad to meet you
Angeles

Diskografie


1994 Roman Candle


1996 Elliott Smith



1997 Either/Or



1998 XO


2000 Figure Eight




2004 From a basement on a hill

Samstag, 7. Oktober 2006

Meister der Melancholie Teil 1










In der weiten Welt da draußen gibt und gab es einfach schon immer viel zu viele unglückliche, traurige und melancholische Menschen. An die meisten wird sich leider kaum jemand mehr erinnern, sollten sie einmal freiwillig oder unfreiwillig aus dieser Welt getreten sein. Manche aber hinterlassen etwas, eine Familie, Kinder, Freunde. Und einige wenige bleiben auch im kollektiven Gedächtnis – durch ihre Taten, ihre Ideen, ihre Worte, ihre Musik. Einem dieser Menschen namens Nick Drake, dem die seltene Gabe gegeben war, seine Melancholie in Kreativität verwandeln zu können und der zu Unrecht in Vergessenheit geriet, bin ich in den letzten Wochen durch seine Musik näher gekommen und er wurde mir so zu einem tröstlichen Begleiter. Dass es gerade seine wunderschöne, tröstliche Musik war, an der er letztlich zu Grunde ging – und viel zu früh an einer Überdosis Antidepressiva starb – ist nicht minder tragisch wie der Werdegang eines seiner größten Bewunderer, dem ebenfalls mehr als begnadeten Songwriter Elliott Smith, der ein ähnliches Schicksal nahm, viel zu früh verstarb und dessen Tod bis heute nicht ganz eindeutig geklärt ist. Über eben jenen Elliott Smith gelangte ich nun auch zu Nick Drake, dessen letztes, sparsam instrumentiertes und vielleicht schönstes Album Pink Moon es mir seitdem besonders angetan hat. Er starb 1974 mit gerade mal 26 Jahren und brachte es in dieser Zeit auf ganze drei Alben von solcher Wirkungsmächtigkeit und Schönheit, dass die meisten Musiker davon Zeit ihres Lebens lediglich träumen können. Der River Man aus dem ersten Album Five Leaves Left sei hier stellvertretend angeführt für ein musikalisches Vermächtnis, das hoffentlich noch lange ausstrahlen wird:


RIVER MAN
Betty came by on her way
Said she had a word to say
About things today
And fallen leaves.

Said she hadnt heard the news
Hadnt had the time to choose
A way to lose
But she believes.

Going to see the river man
Going to tell him all I can
About the plan
For lilac time.

If he tells me all he knows
About the way his river flows
And all night shows
In summertime.

Betty said she prayed today
For the sky to blow away
Or maybe stay
She wasnt sure.

For when she thought of summer rain
Calling for her mind again
She lost the pain
And stayed for more.

Going to see the river man
Going to tell him all I can
About the ban
On feeling free.

If he tells me all he knows
About the way his river flows
I dont suppose
Its meant for me.

Oh, how they come and go
Oh, how they come and go

Diskografie

1969 Five leaves left



1970 Bryter Later



1972 Pink Moon