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Mittwoch, 1. Januar 2025

Die Freiheit, zu entscheiden

Ist das nicht völlig antiquiert? Interessiert das überhaupt noch jemand? Braucht das die Welt? Brauche ich das noch? 

Und überhaupt: Das Internet, die Blogosphäre, soziale Medien, digitale Vernetzung - alles mal gute Ideen gewesen, reizvolle anarchische Gebilde in ihren Anfängen. 

Aber heute? Im Grunde nicht mehr der Rede wert. Weshalb noch Zeit investieren in diesen weitgehend monopolisierten dauererregten Raum voller Rechthaberei, Zorn und Zoff? 

Also: who cares? Andererseits: Wieso nicht einfach machen, wieder machen, weiter machen, den Faden wieder aufnehmen? Ab und an ein paar Gedankenfetzen in den Raum werfen, auf dass sie womöglich gar jemand aufliest und eine sinnvolle Verwendung für sich findet?

Nicht zuletzt: Einen Unterschied machen, das geht ja nach wie vor.

In diesem Sinne: Prost Neujahr! Gut möglich, dass hier in nächster Zeit wieder etwas zu lesen ist. Lange genug lag der Zeittotschläger schließlich im Winterschlaf...

Auch wenn all das nach wie vor kein Wunschkonzert ist - oder, um es mit Muff Potter zu sagen: "In ungewissen Zeiten ist die Freiheit zu entscheiden ein Luxus".


 

Freitag, 6. Mai 2022

Lange nicht mehr hier gewesen.

Der Zeittotschläger ist sichtlich verwaist. Seit geraumer Zeit habe ich mich nicht mehr um diese Seite gekümmert. Dabei hätte es genügend Gründe gegeben, sich hier zu äußern. Die Weltlage schreit nach einer Kommentierung. Neue oder wieder entdeckte Musik danach, verbreitet zu werden. Ich habe vieles gelesen, das mich inspiriert, bewegt oder zum Nachdenken angeregt hat. Und auch meine Ich-Maschine stand in all der Zeit nicht still.

Doch hatte ich bislang nur selten das innere Bedürfnis mich zu äußern. Im Stimmengewirr des Internets und inmitten der Nachrichtenflut, der ich ja auch beruflich nicht entgehen kann, war mir die Stille ein weitaus größeres. Zumal mich, gerade zur Beginn der Pandemie, der Social-Media-Sog erfasste, ich dem schlimmsten gerade noch entrinnen konnte, aber nach wie vor in unregelmäßigen Abständen Rückfälle erleide.

Der Zeittotschläger hatte zuletzt auch schlicht kaum noch die Gelegenheit, genau das zu tun: nämlich die Zeit totzuschlagen. Und wenn, dann verbrachte er sie nicht damit, diese Seiten hier zu füllen. 

Ob sich dies ändern wird? Ich weiß es nicht.

Ich wollte nur ein Lebenszeichen absetzen. 

Übrigens: Das hier habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört - und die Geschichte dahinter ist durchaus interessant.




Samstag, 7. März 2020

Zeit für drastische Maßnahmen

Seit dieser Woche beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Denn nicht nur in Rudersberg, wo ich beruflich häufig bin, gibt es zwei bestätigte Corona-Fälle. Auch Weinstadt hat seit Freitag seinen ersten bestätigten Fall. Und in beiden Orten sind große Schulen betroffen. Erst am Freitag wurde Südtirol zum Risikogebiet erklärt. In Weinstadt müssen deshalb jetzt 250 Schüler dem Unterricht fernbleiben. Das Schulzentrum Rudersberg hat noch bis Dienstag den Betrieb eingestellt. Richtige Entscheidungen. Allerdings hatte das hochansteckende Virus bis dahin genügend Zeit, sich munter auszubreiten. Und das an Orten, wo sich sehr viele Menschen aufhalten.

Dass Südtirol zur Gefahr werden könnte, war bereits Anfang der Woche abzusehen. Auch dass Corona auf uns zukommt, ist seit Wochen klar. Doch die Behörden reagieren erst jetzt und, wie ich finde, immer einen Tick zu spät. Da ich Verwandtschaft in China habe (die uns inständig darum gebeten hat, nur noch rauszugehen, wenn es unbedingt nötig ist, und wenn, dann mit Maske), weiß ich, was in den kommenden Wochen möglicherweise dräut.

Deutschland reagiert zu langsam

Denn wie China, wo das Problem zunächst unterdrückt, dann unterschätzt wurde, reagieren auch wir in Deutschland viel zu langsam. Im Gegensatz zu uns hat die Volksrepublik aber an einem entscheidenden Punkt die Notbremse gezogen und die wohl drastischste kollektive Quarantäne der Geschichte verordnet. Seit vier Wochen findet kein wirkliches öffentliches Leben statt. Mit dem Ergebnis, dass es dort inzwischen weniger Neuinfektionen gibt als in Deutschland. Und tausende Menschenleben gerettet wurden.

Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Maßnahmen kürzlich ausdrücklich gelobt und zur Nachahmung empfohlen, zugleich aber auch darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern die nötige Geisteshaltung für solch krasse Alltagseinschränkungen wohl fehlt.

Nicht der Virus, die Epidemie ist das Problem!

Nein, ich möchte hier sicher keine Panik verbreiten. Und ich habe auch keine Angst vor dem Virus - zumal ich nicht zur Hochrisikogruppe gehöre. Das Problem ist aber, dass es hochansteckend ist - und das auch bei Personen, die noch keine Symptome zeigen. Das Problem ist daher vor allem die Epidemie, die auf uns zurollt. Im Ostalbkreis ist schon nach dem zweiten bestätigten Fall zu sehen, welche Auswirkungen das haben könnte. Denn es war auch eine Krankenpflegerin betroffen, weshalb insgesamt zwölf Pflegekräfte unter Quarantäne stehen und die Intensivstation am Virngrundklinikum Ellwangen um vier Betten reduziert werden musste. Und das wegen einem Fall!

Auch der Rudersberger Arzt befindet sich vorsorglich noch in Quarantäne. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unser ohnehin kaputt gespartes Gesundheitssystem in die Knie gehen wird, wenn sich das Virus, so wie es momentan aussieht, schnell und exponentiell ausbreitet. Auch das lässt sich aus China lernen: Den Preis hätten dann nicht nur die Corona-Patienten zu zahlen, sondern alle, die chronisch krank und auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind.

Daher ist es jetzt auch in Deutschland an der Zeit, drastischere Maßnahmen zu ergreifen. 14 Tage Corona-Ferien etwa, wie von Virologe Alexander Kekulé jüngst gefordert. Die Absage aller Großveranstaltungen. Fußball-Bundesliga ohne Publikum. Mehr Tests. Ausreichend Schutzausrüstung für das klinische Personal. Und nicht zuletzt bedarf es auch eines geschärften Bewusstseins für die Risiken in der Bevölkerung.

Update: Dieser Beitrag ist jetzt in aktualisierter Version in der Lokalzeitung erschienen.

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Flüchtige Notizen X: Krise

Grau.
Farblos wie Beton, wie Dreck.
Fahl.
Nichts bringt mehr Licht ins dunkle Sein.
Hart.
Wie Gestein, nur langsam schiebt und drückt es.
Rein.
Lange weit davon entfernt.

Besinnungslos.
Hör ich die Tauben, bin ich selbst bereits?
Nein!
Als Taube fliegte ich schon längst.
Weit weg...
Wohin, das weiß der Wind allein.

Ziele?
Das Sein, Bewegung, Regung.
Ja.
Vielleicht seh ich nur falsch.
Bin.
Höchstens blind, erlahmt und matt.
Vor.
Wohlstand, Essen, Rausch, wer weiß?

Wohin.
Das ist die falsche Frage!
Ins Nichts?
Freiheit gerät ins Stocken...
Leider.
Auf der Leiter, ungebrochen.

Eine Stufe fehlt.

(3/10/2005)

Montag, 16. September 2019

Pause

In der Welt da draußen lärmt und tobt und schreibt es. Doch an dieser Stelle ist zuletzt nicht viel passiert. Das hat mehrere Gründe.

Es fehlte, erstens, schlicht die Zeit. Denn auch im Leben des Zeittotschlägers lärmt und tobt und schreit es.

Zweitens musste sich der Zeitttotschläger über vieles zunächst selbst einen klaren Kopf verschaffen (was nur bedingt gelang). In dieser Zeit behaupten allzu viele über sich, zumal im Internet, dass sie Dinge durchschaut, Rätsel gelöst und den Nebel durchdrungen hätten. Während der Zeittotschläger sich zuweilen gern in den Nebeln verliert.

Auch weil, drittens, vor lauter Vita activa, zu wenig Zeit blieb für Vita contemplativa.

Und fünftens stellte sich die Frage: Ist ein solch anachronistisches Projekt wirklich noch zeitgemäß?

Doch: Den Zeittotschläger schert das Zeitgemäße nicht, er hat bisweilen Freude an Anachronismen - und demnächst vielleicht auch wieder etwas mehr Zeit zur Kontemplation.

Samstag, 19. Mai 2012

Wozu noch schreiben? II

Schon vor einem knappen halben Jahr hat der Autor diese Frage gestellt. Eine Antwort darauf hat er bis heute nicht gefunden - weder in sich selbst, noch in der Welt da draußen. Er hat immer geschrieben, doch immer seltener hier. Das Ich ist schrittweise verschwunden von dieser Seite.

Er fühlt sich recht wohl damit. Zu vermissen scheint ihn ohnehin kaum jemand.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Wozu noch schreiben?

Nach mehr als fünf Jahren stellt sich die Frage für mich ganz konkret. Wozu noch einen (inzwischen schon anachronistisch anmutenden) Blog pflegen? Haben neue Kommunikationsformen diesen nicht schon längst überflüssig gemacht? Als Medium der Selbstfindung diente der Zeittotschläger ohnehin nicht. Vielmehr bündeln sich hier willkürlich anmutende Repräsentationen von Seinsformen, deren Wesensgehalt weit über die Möglichkeiten der begrenzten Form hinausweisen müssen, zumal sich die Beiträge seit geraumer Zeit ohnehin meist in Verweisen auf fremde Gedanken erschöpfen. Auch deshalb begrenzt sich die Anzahl der regelmäßigen Leser auf eine recht überschaubare Zahl, die von der Anzahl an zufälligen Besuchern weit übertroffen wird. 

Der Autor hadert regelmäßig mit Sinn, Struktur und Inhalt dieser Seite, mit dem Spannungsverhältnis von Intimität und Distanz, Arbeit und Leben, Verblendung und Wahrhaftigkeit, und der damit verbundenen Themensetzung, die von Inkonsistenz und Inkonsequenz geprägt ist. Die zentrale Frage ist daher eine ganz grundsätzliche: Wie lässt sich eine unförmige Form wie diese sinnvoll weiterführen, wo sich nicht einmal die Ich-Maschine sicher ist, wozu genau sie das überhaupt tut?

Dienstag, 13. Dezember 2011

Dein Kerker bist du selbst

Die Welt, die hält dich nicht, du selber bist die Welt,
Die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.

(Angelus Silesius, 1624-1677)

Montag, 8. August 2011

Impressionen XIX

"A change in the weather is known to be extreme
But what's the sense of changing horses in midstream?
I'm going out of my mind, oh, oh,
With a pain that stops and starts
Like a corkscrew to my heart
Ever since we've been apart."

(aus: Bob Dylan, You're a big girl now, 1975)

Dreierlei Erinnerungen:



Dienstag, 2. August 2011

Sad eyed lady of the lowlands


Sad Eyed Lady Of the Low Lands by Bob Dylan on Grooveshark

Bob Dylan (Blonde on Blonde, 1966)

Freitag, 29. Juli 2011

Ende.Neu?

Wer jemanden wirklich liebt, muss auch dazu bereit sein, ihn gehen zu lassen.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Es ist ein Schnee gefallen,
Und es ist doch nit Zeit,
Man wirft mich mit den Ballen,
Der Weg ist mir verschneit.

Mein Haus hat keinen Giebel,
Es ist mir worden alt,
Zerbrochen sind die Riegel,
Mein Stüblein ist mir kalt.

Ach Lieb, laß dich erbarmen,
Daß ich so elend bin,
Und schleuß mich in dein Arme,
So fährt der Winter dahin.

Ich hört ein Sichellin rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört ein feine Magd klagen,
Sie hätt' ihr Lieb verlorn.

"La rauschen, Lieb, la rauschen!
Ich acht nit, wie es geh:
Ich hab mir ein Buhlen erworben
In Veiel und grünem Klee."

"Hast du ein Buhlen erworben
In Veiel und grünem Klee:
So steh ich hie alleine,
Tut meinem Herzen weh!"

(Dt. Volkslied, um 1535)

Mittwoch, 18. Mai 2011

Bad news

John Bird, Gründer des Big Issue schrieb in seinem letzten ´Letter to the reader` folgendes:

"Too much news is a bad thing, unless it changes your life, and causes you to get involved. And as I am already involved in what I consider important I do not need to be bombarded with incessant updates on what to me doesn't feel like news."

Ich muss zugeben, dass mich der Gedanke ein ganzes Weilchen beschäftigt hat. In Zeiten allverfügbarer Informationen ist es essentiell, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Bei der Flut an Nachrichten, die auf uns einströmen kann es sehr schnell passieren, dass der Einzelne sich ohnmächtig fühlt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Mehrheit Nachrichten weder versteht, noch einordnen kann. Der Trend, alles in Echtzeit, live oder wenigstens in einem Ticker unter das Publikum zu bringen, verschärft diese Unsicherheit noch einmal dramatisch. Daher fällt es immer schwerer, Hintergründe zu verstehen, Entwicklungen einzuordnen, Orientierung zu finden. Und die meisten Themen sind schnell vergessen. 

Nun bin ich selbst jemand, der täglich das Weltgeschehen verfolgt, ein Tag, in dem ich nicht zumindest eine Zeitung gelesen habe, erscheint mir verschwendet. Gleichzeitig bemerke ich jedoch ein zunehmendes Gefühl der Ohnmacht, denn mit der Menge an Information fällt es mir in der Tat immer schwerer, Orientierung zu finden und tatsächlich aktiv zu werden. Anstelle politischen Engagements tritt eine generelle Skepsis, und mein Gefühl sagt mir, dass ich nicht alleine damit bin.

Dienstag, 15. April 2008

Stille.

Weshalb so viel Schweigen an dieser Stelle in letzter Zeit? Weshalb nur so wenige Kommentare? Weshalb so wenig Kritik? Weshalb so wenige Worte, wo doch so viel zu sagen und beklagen wäre ?

Vielleicht, weil ich gerade mehr Fragen als Antworten habe. Vielleicht, weil ich die Stille gerade all dem Lärm vorziehe. Vielleicht, weil ich all der arroganten und selbstgerechten Besinnungsaufsätze überdrüssig bin.

"Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hineingetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert." (Maurice Maeterlinck)

Freitag, 14. Dezember 2007

Mertesdorf


Seit nunmehr fast drei Monaten wohne ich in Mertesdorf. In einem SWR-Beitrag wird dieser (wahrscheinlich älteste deutsche) Weinort gewürdigt, in dem u.a. auch mein Vermieter vom alteingesessenen Weingut Grünhaus, Herr Schubert, zu Wort kommt...

Freitag, 30. November 2007

Welk



Ein heller, warmer Sonnenstrahl,
ein klares, kleines Licht,
doch meine Welt ist grau und fahl,
und faltig mein Gesicht.

Ich schau ins Grün, seh all das Leben,
auch wenn es sichtbar bald verwelkt
von seiner Kraft kann es nichts geben,
bevor es in sich selbst zerfällt,

seh beständig nur das Dunkle,
weil dunkel es auch ist in mir,
dass mein Auge wieder funkle,
wünsche ich mir im Jetzt und Hier.

Lang ist es her, dass Sterne strahlten
über meinem Haupt so klar,
die Tage waren gleich gemalten,
alle Nächte frei und wahr.

Heute gleichen sie grauen Ratten,
die Tage halt ich kaum noch aus,
denk an den Glanz, den sie einst hatten,
geh selten in die Welt hinaus.

Sie ist mir fremd, ein dunkles Grau,
beweg mich in ihr ungelenk,
verschanz mich stets in meinem Bau,
was immer ich auch mach und denk:

noch selten komm ich da heraus,
aus den Zweifeln und den Ängsten –
wär ich nur keine graue Maus
könnte ich noch selbst den längsten

Weg alleine und erfolgreich gehn,
niemand hielt mich dann noch auf,
die Welt im Innersten auch verstehn
dann bei meinem Lebens-Lauf.

Noch strauchle ich, bin viel zu träge,
noch steigt kein Fünkchen Hoffnung auf,
noch seh ich nichts, und doch erwäge
bald ich schon einen neuen Lauf.

Dinge, die ich vor mir seh,
Wege, die zu gehen sind,
die ich dann alsbald versteh
kommen schließlich nicht geschwind.

Das Leben, es braucht seine Zeit,
neue Wege zu entfalten,
ich hoffe ich bin dann bereit,
mein Leben auch zu erhalten.

Bis dahin bleibt vieles grau,
das muss ich leider akzeptieren,
und ein neues, tiefes Blau
auch weiterhin nur fantasieren.

(Herbst 2007)

Samstag, 27. Oktober 2007

Dem Abgrund bedrohlich nahe




Nicht, dass man es als Kickers-Fan je leicht gehabt hätte, aber was der gemeine Fan diese Saison durchmachen muss, ist schon als äußerst grenzwertig zu bezeichnen. Denn diese Saison wird über das Schicksal des Vereins bestimmen: ab nächster Saison gibt es eine dritte bundesweite Profiliga, welche die Regionalligen ersetzen wird. Platz 10 ist dabei minimales Saisonziel, ansonsten droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, Schulden, gar Insolvenz. Und die glorreichen Zeit der Degerlocher liegen bekanntermaßen schon geraume Zeit zurück, seit nunmehr fünf Jahren spielt der Vizemeister der ewigen 2. Bundesliga in der (finanziell wie spielerisch) wenig attraktiven Regionalliga Süd mit dementsprechend durchwachsenen Leistungen. Schien vor etwa einem Jahr der Aufstieg in die 2. Liga noch greifbar, so spielt sich die Mannschaft seitdem mehr und mehr in die Krise.

Aktueller Tabellenplatz: 10. Allerdings: nach unten ist kaum mehr Luft und der mediokre Tabellenstand entspricht in keinster Weise den katastrophalen Leistungen der Mannschaft, die nur mit viel Glück zu vier Siegen kam und immer noch auf den ersten Heimsieg wartet. Dass sie zudem aus dem WFV-Pokal, den sie in den beiden vorherigen Jahren souverän gewann, schon früh mit einem miserablen 0:3 gegen die Amateurkicker aus Kirchheim ausschied, bildete den vorläufigen Tiefpunkt. Eine ungesunde Trainerdiskussion vergiftet die Stimmung auf der Waldau, auch wenn sich Vereinsführung und Mannschaft unlängst hinter den erfolglosen und unbeliebten Zeidler stellte. Ob das nach diesem Wochenende auch noch der Fall sein wird ist fraglich, da sich die Situation deutlich zuspitzt. Ein wieder einmal unnötig verlorenes Spiel gegen die schwache zweite Mannschaft der 60er (zu dem gerade einmal 40 Fans angereist waren) und laute Rufe der Fans nach einem Trainerwechsel lassen es fraglich erscheinen, dass Zeidler nächste Woche noch Trainer der Degerlocher ist.

Allerdings: die Finanzsituation ist äußerst angespannt, die neue Vereinsführung agiert ungeschickt und Gerüchte um eine mögliche Nichtzulassung zur 3. Liga (die Finanzsituation ist äußerst angespannt, manche sprechen gar von einer drohenden Insolvenz) machen die Runde. Dass zudem die Oberligamannschaft abgeschlagen auf dem letzten Platz steht, wird da fast schon zu einer vernachlässigbaren Fußnote. Es geht um nichts geringeres, als die Zukunft des Vereins!

Mittwoch, 4. April 2007

Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht


Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht - und weiß nicht, wie ich es aushalten konnte. Was Tocotronic vor gut zwölf Jahren - im wahrsten Sinne des Wortes - hingeschrammelt haben ist nach wie vor ein Manifest für alle, die nicht verstehen können, wie die Jahre vergehen und das Leben dennoch weiter geht, wie wir weiter machen können, anstatt uns das Leben zu nehmen, wie wir weiter machen können in dieser Gesellschaft, "in der man bunte Uhren trägt - in einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg".

In einer Gesellschaft, die ewige Jugend zu einem der wichtigsten Ziele auserkoren hat, ist es in der Tat schwer, erwachsen zu werden. Wir sind ein Land der ewig Jugendlichen, wir drücken uns vor der Verantwortung, die das Alter mit sich bringt und wollen stattdessen stets verweilen in der ewigen Rebellion, die zu vollziehen wir doch zu faul sind. "In dem Bett aus dem ich herkam / liegt es sich immer noch unbequem und einsam / ich habe nichts gegen Menschen als solche / meine besten Freunde sind welche / aber leider lebenslänglich mein Platz / an der Seite derer, die randvoll Beischlaf morden / als Lügner gefiel ich dir besser / gefiel ich dir besser?" formulierte schon 1992 Jochen Distelmeyer und traf damit den Nerv der Zeit, die auf Musik, welche die später titulierte Hamburger Schule fabrizieren sollte, nur zu warten schien. Tocotronic verkörperten damals die typischen Jugendkonflikte zwischen Ich und den Anderen, die Blumfeld auf einer höheren, mehr gesellschaftlichen Ebene schon formuliert hatten.

Während Tocotronic sich in ihrer Frühphase mit dem Sujet der Abgrenzung und Ich-Findung, dem Wunder des Lebens in modernen Zeiten und seinen Falltüren beschäftigten, waren Blumfeld mit ihrem ersten Album schon mindestens einen Schritt weiter, der unbedarfte, punkige und auf einzige Art und Weise naiv selbstreflektive Charme der ersten vier Tocotronic-Alben (der spätestens seit KOOK einer neoromantisch weltentrückten Poetik gewichen ist) jedoch bleibt unerreicht. Mit Digital ist besser konnten sich (aufgrund der gewollt diffus-dilletantischen Texte) viele identifizieren. Es heute zu hören erscheint mir wie eine Reise in die Vergangenheit, eine Zeit, in der Lehrer, das Schulsystem und das "System an sich" die größten Feinde waren, eine Welt, die noch Eindeutigkeiten kannte, eine Welt, die noch Orientierung versprach, schwarz und weiß kannte. Die Welt ist Ambivalenz in Reinform, das ist mir inzwischen klar. Dennoch: "Zahme Vögel singen von der Freiheit, wilde Vögel fliegen davon" (SAS)

Ich habe 23 Jahre mit mir verbracht


Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht
Und in 23 Jahren hab ich mich nie mit mir verkracht
Manchmal frag ich mich wie hab ich das gemacht
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht

Ich bin zu jung um meine Biographie zu schreiben
Und zu alt um ewig jung zu bleiben
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht

Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht
Und in 23 Jahren hab ich nie über mich gelacht
Manchmal frag ich mich wie hab ich das gemacht
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht (3x)

Ohhhoo...

Ich hab 23 verdammte Jahre mit mir verbracht

Ohhhoo...

Mittwoch, 28. März 2007

Zueignung

Mein Reisebericht lässt weiter auf sich warten. Stattdessen ein Gedicht von Goethe, das ich in den letzten Wochen wohl an die zwanzig Mal gelesen und mir nach und nach erarbeitet habe. Auf der Reise hatte ich meinen Gedichtband des guten Johann Wolfgang stets dabei und oft die Möglichkeit, mir Gedanken zu machen über sein facettenreiches lyrische Werk, eines der beeindruckendsten und wichtigsten in der Geschichte der Lyrik. „Zueignung“ aus dem Jahre 1808 ist ein schönes Beispiel für die lyrische Meisterschaft des berühmten Hessen.


Zueignung

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.

Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.

Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?

Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!

Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.

Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!

Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?

Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.

Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.

Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.

So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.