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Donnerstag, 25. September 2025

Colson Whitehead und die amerikanische Ursünde

Ein brutales, ein stellenweise nur schwer zu ertragendes, ein tief in die US-amerikanischen Ursünden abtauchendes Buch. "Underground Railroad" lässt den Leser nicht kalt, sondern verstört und bewegt, erhellt und verdunkelt zugleich. Doch ist es auch ein gutes Buch? Der Pulitzer-Preis, den Colson Whitehead dafür vor acht Jahren erhalten hat, lässt das zumindest vermuten. Wie fällt die Zeittotschläger-Bilanz aus?

Ein konspiratives Helfer-Netzwerk

Dass die "Underground Railroad" eine Metapher und keine tatsächliche Eisenbahnstrecke war, sollte im Hinterkopf behalten, wer sich an dieses stellenweise doch eher fantastische Werk des US-amerikanischen Autors ("Harlem Shuffle", "Nickel Boys") wagt. Dabei ist die tatsächliche Geschichte dieses Hilfsnetzwerks, das im 18. Jahrhundert entstand und schätzungsweise rund 100 000 Menschen aus der Sklaverei befreite, ja bereits fantastisch genug. 

Doch Whitehead lässt die Railroad in seinem Roman tatsächlich verkehren: Mit unterirdischen Stationen, Staaten überschreitenden Tunneln und echten Eisenbahnen. Dabei wird die Bahnstrecke dann doch wieder zu einer Metapher. Während wir der irren Flucht der Protagonistin Cora folgen, die ja weder Ziel noch Ende kennt - auch wenn es stellenweise so scheint - wird klar, was der Autor damit gemeint haben könnte. Dass es nämlich kein Entkommen gibt aus der Ursünde der Vereinigten Staaten: dem Menschenraub, der in "Underground Railroad" so drastisch wie abgründig im Mittelpunkt steht. 

Whitehead spart dabei nicht an grausamen Details, er lässt plastisch werden, was das eigentlich bedeutet: dass Menschen zum Eigentum anderer werden, zur Ware erniedrigt, herabgesetzt, jederzeit der Willkür ausgesetzt, der Züchtigung, der Hinrichtung. Und zwar nicht der schnellen, wie sie heute in den USA üblich ist, sondern der langsamen, die Menschen zur Schau stellenden. 

Kann so eine Flucht überhaupt gelingen?

Cora wird in diese Welt bereits hineingeboren, als Eigentum auf einer Baumwollplantage in Georgia. Und selbst hier lebt sie am Rande, bei den Aussätzigen, Ausgestoßenen. Sie entschließt sich dann zur Flucht. Einer Flucht, die nur durch Helfer, die sich selbst in Lebensgefahr begeben, zumindest zeitweise gelingt. Doch in South Carolina entpuppt sich die vermeintliche Befreiung als Falle, in North Carolina bleibt nur ein Versteck auf dem Dachboden zeitweilige Zuflucht. Selbst die reale Utopie der befreiten Farm währt nicht allzu lange. Währenddessen hat der skrupellose Sklavenjäger Ridgeway ihre Fährte aufgenommen. Mit Coras Mutter, die als bisher einzige aus der Plantage entkam, hat er noch eine Rechnung offen. 

Der Plot des Romans wirkt stellenweise fantastisch, erinnert bisweilen auch an den magischen Realismus eines Jorge Luis Borges. Das Buch liest sich dann weniger als Tatsachenbericht über die Umstände der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, sondern vielmehr wie ein Abenteuerroman. Ein sehr düsterer zwar, aber einer, der auf reale Gegebenheiten verweist. Whitehead hat dafür Berichte aus dieser Zeit studiert, auch solche, die von befreiten Sklaven aufgezeichnet wurden. 

Ein Buch, das noch lange beim Leser nachwirkt

Das ist Stärke und Schwäche des Romans zugleich. Denn vieles hat sich so ähnlich im 19. Jahrhundert tausendfach zugetragen. (Wer sich vertieft über die realen Bezüge informieren will, wird im Literaturverzeichnis am Ende des Textes fündig.) Doch entscheidet der Autor sich an wichtigen Stellen dann doch für die Fiktion. Das mag im Falle der Underground Railroad für die Leserschaft in den USA funktionieren, wo es (noch) ein relativ breites geschichtliches Bewusstsein dafür gibt. Ohne Sekundärliteratur dürfte es bei vielen Lesern außerhalb der Staaten hingegen einen falschen Eindruck hinterlassen. 

Was der Bedeutung des Romans aber keinen grundsätzlichen Abbruch tut. Vermittelt er doch einen plastischen Eindruck davon, woher jene tiefen Risse kommen, die das Land bisweilen zu zerreißen drohen. Und wie tief die beiden Ursünden der USA (nämlich der Menschen- und der Landraub) in der DNA des Landes stecken. Aus westlicher Sicht (auch wir haben ja unsere eigene Kolonial- und Sklavereigeschichte) ist die Lektüre ohnehin beschämend. 

Ein Buch, das noch lange nachwirkt. Und nachwirken sollte. 

Mittwoch, 20. August 2025

Ein anderer Blick auf Europa


Mit dem Rucksack den Kontinent bereisen, ein Interrailticket in der Tasche, sich dabei bisweilen treiben zu lassen und neue Einblicke gewinnen: Das ist für weiße Mittelschichtseuropäer längst nichts Besonderes mehr. Der Zeittotschläger selbst hat als Jugendlicher auf diese Weise manch interessante Erfahrungen gemacht. Doch Johny Pits ist kein Mittelschichtsjunge, er stammt aus einer englischen Industriestadt. Und er ist auch nicht weiß, sondern der Sohn eines afroamerikanischen Musikers und einer weißen Industriearbeiterin. Rucksacktourismus gehörte für ihn nicht zu den selbstverständlichen Adoleszenz-Erlebnissen. Und das Ziel seiner fünfmonatigen Reise, die er als erwachsener Mann antrat, war auch ein anderes: Er begab sich auf die Suche nach schwarzen Communities von Lissabon bis Moskau, Marseille bis Stockholm. Auf die Suche nach dem, wofür er selbst den Begriff "afropean" geprägt hat. Jenen Menschen und jener Kultur also, deren Wurzeln gleichermaßen auf dem afrikanischen Kontinent wie in Europa liegen. 

Sein Reisebericht ist daher auch keine reine Selbstbespiegelung, kein Trip auf dem Weg zu sich selbst - auch wenn er das auf eine ganz spezifische Art natürlich trotzdem ist. Diese "Notes from Black Europe" sind darüber hinaus aber viel mehr: eine Hommage an große schwarze Frauen und Männer, die den Kontinent teilweise bereits vor Jahrhunderten mitgeprägt haben. Es ist zugleich ein ungeschönter Blick auf Europa, der für den weißen Mittelschichtsleser, zu denen der Autor fraglos zählt, Ungewohntes, Überraschendes, aber auch Beschämendes mit sich bringt. 

Reisebericht, soziologische Beschreiung, historische Analyse 

Denn wie tief afrikanische Einflüsse Europa geprägt haben, das dürfte den meisten gar nicht bewusst sein - und gilt traurigerweise auch für viele Protagonisten dieses Werks, das zwischen Reisebericht, soziologischer Beschreibung, geschichtlicher Analyse und persönlichen Erfahrungen changiert. Denn so vielfältig und engagiert schwarze Communities zwischen Portugal und Russland auch sein mögen, so disparat sind diese zugleich. Mangelndes Geschichtsbewusstsein, so eine Erkenntnis dieses äußerst lesenwerten und hervorragend geschriebenen Werks, gibt es nämlich auf beiden Seiten: den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften wie den Communities selbst. 

Sicher: es gibt zahlreiche Menschen, die daran arbeiten, dies wieder in Erinnerung zu rufen oder zumindest dem Vergessen entgegenwirken. Viele davon hat Pitts auf seiner Reise getroffen und in ihrem Wirken gewürdigt. Doch sind, so eine weitere Erkenntnis, große Teile der Afroeuropäer zu sehr mit dem alltäglichen Überlebenskampf in einer nicht selten äußerst feindlichen Umgebung beschäftigt, um einen Sinn für den Reichtum schwarzer Geschichte in Europa entwickeln zu können. 

Europa und Afrika sind vielfach ineinander verwoben

Dabei gäbe es hier einiges zu erzählen: über den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin etwa, der mit Abraham Hannibal den Sohn eines afrikanischen Fürsten als Großvater hatte. Über die französischen Truppen, die im Zweiten Weltkrieg das Land von den Nazis befreiten und zu etwa zwei Dritteln aus Menschen mit afrikanischen Wurzeln bestanden. Oder über jene oppositionellen afrikanischen Studenten, die nicht nur einen Teil zum Ende des Salazar-Regimes in Portugal beigetragen haben, sondern später selbst politische Verantwortung auf dem afrikanischen Kontinent übernahmen. Er zeigt damit auf, dass die vermeintliche Dualität zwischen autochtonen Europäern und "fremden" Afrikanern die Wirklichkeit nicht adäquat abbildet. Zumal die Geschichte der beiden Kontinente seit der Kolonialzeit ohnehin vielfach ineinander verwoben ist. 

Sein Reisebericht ist naturgemäß subjektiv und keine systematische Analyse. Viele Begegnungen überlässt Pitts dem Zufall, er lässt sich, dabei ganz neugieriger Rucksacktourist, immer wieder treiben. Der britische Autor und Fotograf (das Buch beinhaltet auch eine Reihe von Schwarz-weiß-Fotografien) zeichnet dabei ein vielschichtes Bild - ohne Schattenseiten zu verschweigen. Und er lässt belässt es nicht beim ersten Eindruck, er reflektiert das Gesehene und Erlebte, ergänzt es um soziologisch-historische Einschübe. Aus deutscher Perspektive besonders interessant etwa ist sein Aufeinandertreffen mit autonomen Antifas, die er zunächst - aufrgund ihres martialischen Auftretens und ihrer modischen Codes - als Rechtsextreme wahrnimmt. Erst am Ende seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt beginnt er zu begreifen, was den besonderen Reiz für deutsche Mittelschichtjugendliche ausmacht, sich auf dieses Spiel einzulassen. Ein Spiel, für das es durchaus ernste Gründe gibt.

Perspektivwechsel erlebt auch der Autor selbst auf seiner Reise 

Für Pitts ändert sich im Laufe der fünf Monate auch immer wieder die eigene Perspektive - etwa auf Schweden, das er ziemlich desillusioniert verlässt, obwohl er durch seine vorherigen Besuche besonders in Stockholm die "afropean idea" am ehesten verwirklicht wähnte. Am härtesten fällt sein Urteil über Frankreich aus - mit Ausnahme der viel gescholtenen Arbeiterstadt Marseille, vielleicht Eurpoas afrikanischste Metropole. 

Immer wieder wird dabei sichtbar, wie tief koloniale Muster bis heute mit Europa nachwirken, Muster, die auf den ersten Blick gar nicht erkennbar sind. Die Reise endet tief im Südwesten, in Lissabon, wo er in Cova de Moura die wohl einzige Favela des Kontinents besucht, große Gemeinschaft, einen capverdischen Jimi Hendrix, aber auch etwas erlebt, das ihm immer wieder begegnet: eine nachwachsende Migratengeneration, die den Glauben, in Europa akzeptiert zu werden und nach den Regeln der Mehrheitsgesellschaft reüssieren zu können, aus verständlichen Gründen verloren hat. Pitts, der politisch links sozialisiert ist, schließt dieses Kapitel mit einer Mahnung: "If the West continues to viliy or close its eyes to global poverty, gross inequality and the necessary environmental and economic migration currently taking place, Cova de Moura is what most of Europe may look like soon enough". 

Das Buch ermöglicht ein besseres Verständnis der Wirklichkeit  

"Afropean - Notes from Black Europe" ist ein außergewöhnliches, ein Augen öffnendes Buch, das sich an beide richtet: die weiße Mehrheitsgesellschaft, wie die afroeuropäischen Communities. Denn es erschließt beiden neue Perspektiven, richtet den Blick auf blinde Flecken und schafft damit Raum für ein besseres Verständnis der Wirklichkeit. 

Oder in den Worten von Pitts, der am Ende seiner Reise einer eigenen Illusion gewahr wurde. Nämlich folgender: "that black Europa was a place without culture, history or geography, which, as I'd now seen first hand, I knew was utterly untrue. As well as experiencing the black European landscape, I'd connected with the knowledge production of its myriad communities, learned about bold, empowering black and working-class traditions that I'd been kept at a distance from my whole life, despite being black and working class myself. These scattered fragments of Afropean experience had formed a mosaic inside my mind, not monolithic, but not entirely amorphous either; rather, the Afropean reality was a bricolage of blackness and I'd experienced an Africa theat was both in and of Europe."  

Sonntag, 29. Mai 2022

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Samstag, 24. April 2021

In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern

In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern,
Buchweizen ruft, aus Weiten, endlos großen.
Ich laß die Kate Kate sein, bin fern,
ich streun, ein Dieb, umher im Heimatlosen.

Tag, wie dein Licht sich lockt, so will ich gehn,
im Irgendwo will ich zur Ruh mich setzen.
Was mir bevorsteht, Freund, ich kanns schon sehn:
ich seh am Stiefelschaft dich’s Messer wetzen.

Die gelbe Straße, vor mir läuft sie hin,
der Frühling, er läuft mit, das Wiesenblond, die Helle.
Den Namen grub ich tief in meinen Sinn,
und die ihn trägt, sie jagt mich von der Schwelle.

Ich weiß, mich führts zurück zu Vaters Haus –
Mein ganzer Trost: daß fremde Herzen hüpfen . . .
Ein grüner Abend kommt, ich zieh die Jacke aus,
am Ärmel mich ans Fensterkreuz zu knüpfen.

Die Weiden hängen grau, das Zaungeflecht
steht schief – sie müssen Kummer haben.
Mich Ungewaschnen bettet man zurecht,
die Meute bellt – sie haben mich begraben.

Und oben schwimmt der Mond, er schwimmt und schwebt,
und läßt, wo Seen sind, seine Ruder fallen.
Und Rußland lebt, wie’s immer schon gelebt:
am Zaun, da tanzt es, und die Tränen rollen.

(Sergej Jessenin)

Sonntag, 3. Januar 2021

Drei Bücher

Cemile Sahin - Alle Hunde sterben (2020)

Im Text wird es kein einziges Mal konkret benannt, aber natürlich handelt Cemile Sahins „Alle Hunde sterben“ von der Verfolgung der Kurden in der Türkei. In rund einem Dutzend Episoden erzählt die deutsche Schriftstellerin abgründige Geschichten aus einer Gesellschaft von Geflüchteten, die in einem Hochhaus im Westen des Landes Unterschlupf findet. Das Buch ist teils rechts drastisch, beleuchtet seine Protagonisten kühl und mit der Schärfe eines Drehbuch-Plots.

 

 
Nikolai Gogol – Die toten Seelen (1842)  

Diese Buch hat mir wohl das Jahr 2020 gerettet (den alten Russen ist das bei mir schon öfter gelungen). Denn es beförderte mich von der hektischen Welt der sozialen Medien und dem Familien-Irrsinn im Lockdown in eine gänzlich andere Zeit. Die Bühne für das Stück bildet das ärmliche ländliche Russland, Mitte des 19. Jahrhunderts, wo wir einen Mann bei seinen irrwitzigen Versuchen begleiten dürfen, Gutsbesitzern in Zeiten von Hunger und Not „tote Seelen“, also Leibeigene abzukaufen, die bereits verstorben waren, auf den staatlichen Listen aber noch aufgeführt waren. Sprachlich herausragend, aber auch urkomisch und daher ein wunderbares Stück Weltliteratur.


Christian Baron - Ein Mann seiner Klasse (2020) 

Christian Baron, Redakteur beim „Freitag“, erzählt in diesem Roman die Geschichte seiner Kindheit in der Arbeiterklasse von Kaiserslautern. Es ist die eines unwahrscheinlichen Aufstiegs aus einem prekären Milieu, geprägt von seinem alkoholkranken, prügelnden Vater und einem Frust auf die Schröder-SPD samt ihrer Agenda-Refomen. Baron berichtet davon, wie ihm der Ausbruch aus dem Milieu gelang, dessen Habitus er (und durchaus auch mit Stolz) aber bis heute nie ganz abgelegt hat. Ein starkes Buch, das in seiner soziologischen Schärfe durchaus mit der „Rückkehr aus Reims“ von Didier Eribon vergleichbar ist.

Sonntag, 1. November 2020

Älterwerden

Zögern mitten im Satz.

Nachfragen wenn man glaubt
es verstanden zu haben

Es nicht mehr eilig haben
mit dem Wissenwollen

Einen Stein ein Glas eine Hand
länger festhalten als nötig

Den Ärmel des Gegenüber beim Reden berühren
zu spüren man ist noch da

Ein Buch einen Blick eine Haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

Erinnern statt sehnen

Den Gedanken: Das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen Muskel

Gefühl als wäre jemand im Zimmer


(Ulla Hahn)

Mittwoch, 11. März 2020

Die Corona-Lehre

Quarantänehäuser spriessen,
Ärzte, Betten überall
Forscher forschen, Gelder fliessen -
Politik mit Überschall.

Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.
Also will sie nicht beenden
Das Krepieren in den Kriegen,

Das Verrecken vor den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.

(Thomas Gsella, 2020)

Donnerstag, 23. Januar 2020

High Fidelity No. 12: Fünf Bücher

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 1, 2 und 3
Wer etwas über die Gegenwart in Frankreich erfahren will, dem sei diese Roman-Trilogie von Virginie Despentes empfohlen. Die Autorin wirft darin einen ziemlich schonungslosen, differenzierten Blick auf ihr eigenes Land. Die Protagonisten stammen aus verschiedenen politischen Lagern und Gesellschaftsschichten. Und sie treffen nur deshalb aufeinander, weil sie alle eines verbindet: der ehemalige Plattenladen von Vernon Subutex. Zu Beginn des Romans wird Subutex obdachlos wird und bringt bei seinem Abdriften aus der Gesellschaft das Leben seiner Mitmenschen gehörig durcheinander. Die Trilogie hat einen irre guten Einstieg, ist rasant erzählt, aber auch komplex. Despentes eröffnet viele Handlungsstränge und lässt ihre Roman-Serie zum Ende hin immer absurder werden.
 

Jason Lutes: Berlin I, II und III
Der US-amerikanische Comic-Zeichner Jason Lutes hat intensiv zum Berlin der Vorkriegszeit recherchiert. Und in den drei Bänden, die über mehrere Jahrzehnte entstanden sind, ein Gesellschaftspanorama zwischen den Jahren 28 und 33 erschaffen, das mit Zeitsprüngen, wechselnden Handlungssträngen und Perspektiven arbeitet. Dabei werden verschiedene Schicksale mit ihren ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen porträtiert. Dass die Geschichte im Buch wie in der Realität nicht gut ausgehen kann, ist klar. Weshalb, das macht Lutes mit seiner Arbeit verständlich.
 
T.C. Boyle: America
America ist zwar schon 1995 erschienen, wirkt aber wie ein Buch zur Trump-Ära. Es geht darin um ein Paar, zwei illegale Einwanderer aus Mexico, die einen verzweifelten Überlebenskampf führen, der sie in der kalifornischen Wildnis stranden lässt. Es handelt zugleich von der Fremdenfeindlichkeit und den Ängsten der Mittelschicht, die schließlich zu einem fatalen Mauerbau führen. Und davon, wie diese beiden Welten aufeinander treffen, aber nicht zusammenfinden.


Sibylle Berg: GRM Brainfuck
Dieses Buch ist heftig - inhaltlich wie stilistisch. Berg schreibt hier so direkt und hart, als wäre es ein 640 Seiten langer Grime-Track (nach jener Musikrichtung ist der Roman auch passenderweise benannt). Sie macht wilde Interpunktionen, biegt und bricht die Grammatik und neigt zu drastischen Formulierungen. GRM spielt im zum Total-Überwachungsstaat mutierten Post-Brexit-Britain und ist eine düstere, dreckige Dystopie, die vieles vereint, was gerade passiert oder sich bereits andeutet. Geschrieben ist es aus der Perspektive einer Gruppe von Kindern, die am Rande der Gesellschaft leben und versuchen, aus dem System auszubrechen, was aber letztlich nicht gelingen kann. Nach 160 Seiten musste ich erstmal eine Pause machen und den Stoff verdauen. Ein starkes Buch.
 
Hans Rosling: Factfulness
Alles wird immer schlimmer: Kriege, Hunger, steigende Geburtenraten, mangelnde Bildung - aber ist das wirklich so? Rosling, der inzwischen verstorben ist, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dies mit Statistiken zu widerlegen. Denn, so seine überraschende Erkenntnis: je gebildeter eine Gruppe ist, desto düsterer die Weltsicht und desto schlechter die Einschätzung wie es wirklich steht um die Welt. Dagegen setzte der schwedische Professor Fakten. Jeder kann selbst überprüfen, wie gut seine Einschätzung ist. Rosling hat spezielle Tests dafür entwickelt, die jeder einmal ausgefüllt haben sollte. Hier zum Beispiel. 

...und eine Enttäuschung:

Michel Houellebecq: Serotonin
Nachdem ich von "Karte und Gebiet", aber auch von der "Unterwerfung" recht angetan war, fällt Houellebecq hier wieder weit hinter seine Fähigkeiten zurück. Die Handlung ist öde, wirkt stellenweise arg konstruiert, die Gedanken sind uninspiriert und der Ton ist stellenweise unerträglich larmoyant. Was an dem Buch alles nicht gut ist, hat dieser Deutschlandfunk-Rezensent in seinem Verriss treffend zusammengefasst. Achtung: harter Spoiler!

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Flüchtige Notizen X: Krise

Grau.
Farblos wie Beton, wie Dreck.
Fahl.
Nichts bringt mehr Licht ins dunkle Sein.
Hart.
Wie Gestein, nur langsam schiebt und drückt es.
Rein.
Lange weit davon entfernt.

Besinnungslos.
Hör ich die Tauben, bin ich selbst bereits?
Nein!
Als Taube fliegte ich schon längst.
Weit weg...
Wohin, das weiß der Wind allein.

Ziele?
Das Sein, Bewegung, Regung.
Ja.
Vielleicht seh ich nur falsch.
Bin.
Höchstens blind, erlahmt und matt.
Vor.
Wohlstand, Essen, Rausch, wer weiß?

Wohin.
Das ist die falsche Frage!
Ins Nichts?
Freiheit gerät ins Stocken...
Leider.
Auf der Leiter, ungebrochen.

Eine Stufe fehlt.

(3/10/2005)

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Ehekrach

»Ja -!«
»Nein –!«
»Wer ist schuld?

Du!«

»Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!«
– » Du hast Tante Klara vorgeschlagen!
Du läßt dir von keinem Menschen was sagen!
Du hast immer solche Rosinen!
Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen –
Du hörst nie. Ich red dir gut zu . . .
Wer ist schuld –?

Du.«

»Nein.«
»Ja.«

– » Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?
Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?
Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?
Wem passen wieder nicht die Betten?
Wen muß man vorn und hinten bedienen?
Wer dreht sich um nach allen Blondinen?

Du –!«
»Nein.«
»Ja.«

»Wem ich das erzähle ...!
Ob mir das einer glaubt –!«
– »Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:
Ihr wißt nicht, was euch beide plagt.
Was ist der Nagel jeder Ehe?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.
rallen zurück, wollen weiterwandern ...
Bleiben schließlich ... Diese Resignation:
Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton?
Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht:
Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.
Jahre binden, auch wenn man nicht will.
Das ist schwer: ein Leben zu zwein.
Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

(Kurt Tucholsky)

Dienstag, 17. September 2019

Der Dichter

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehr er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.

Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst in liebendem Entzünden,
Der Masse Wuszt, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Mittwoch, 13. Februar 2019

Kreuzberg

Die Trödler räumen die Nachlässe aus
Es riecht nach Kebab, Schnaps und Tod
Und jeder wacht morgens doch lieber auf
Und kämpft um das tägliche Brot
Im Sommer hocken sie vor den Häusern
Und warten, daß etwas geschieht
Menschen, die schon lang gewartet haben
Auf etwas, das uns allen blüht

         Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
         Berlin liegt im Osten von Babylon
         Es steht auf allen Mauern geschrieben:
         Was andre kriegen, das war hier schon

Hier bleibt das Leben, was es immer war
Es hat ein vertrautes Gesicht
Die Toten loben die Dunkelheit
Die Lebenden brauchen mehr Licht

In tausend Kneipen dröhnt der alte Beat
Die Hunde kriegen auch ihr Bier
Dann wanken sie zusammen durch die Nacht
Mann, Frau, Vergangenheit und Tier

         Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
         Berlin liegt im Osten von Babylon
         Es steht auf allen Mauern geschrieben:
         Was andre kriegen, das war hier schon

(Jörg Fauser)

Samstag, 9. Februar 2019

High Fidelity No. 10: Fünf Bücher...

Im Höllental.

1. Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein: Falladas wohl wichtigster Roman handelt von einem Berliner Pärchen, das in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand übt, indem es Botschaften auf Postkarten schreibt und in der ganzen Stadt verteilt. Ein beklemmendes Buch, das die Sprache der einfachen Leute wiedergibt, auf Tatsachen beruht, bereits kurz nach dem Untergang des Dritten Reiches erschien und die ganze Menschenfeindlichkeit dieses Regimes im Alltag spürbar macht - ohne dabei auf seine historischen Groß-Verbrechen eingehen zu müssen. (Hier die ausführliche Rezi.) 

2. Heinrich Mann - Der Untertan:
Selten wurde die deutsche Untertanen-Mentalität besser beschrieben als in Manns "Untertan". Ein detailliertes Sittenbild des Deutschen Reiches am Ende des 19. Jahrhunderts, das den unaufhaltsamen Aufstieg des kaisertreuen Patrioten und Opportunisten Diedrich Heßling beschreibt. Ein abstoßender Charakter, den Mann in seiner ganzen gefährlichen Lächerlichkeit zeigt. Genauen Beobachtern dürften dabei gewisse Parallelen mit der Jetzt-Zeit nicht entgehen.

3. Karl-Ove Knausgard - Sterben:
Das autobiografische Projekt von Knausgard literarisiert den Alltag des Norwegers. Viel passiert in diesen Büchern meist nicht. Das gilt auch für "Sterben". Im Mittelpunkt steht hier Knausgards Kindheit und Jugend sowie sein Vater, zu dem er eine sehr komplizierte Beziehung hatte und der jämmerlich am Alkohol zu Grunde ging. Die Abgründe sind fürchterlich - und Knausgard schont den Leser nicht, sondern schreibt alles nüchtern (sic!) auf. Wenn er auf 50 Seiten darüber erzählt, wie er gemeinsam mit seinem Bruder das großmütterliche, komplett verwahrloste Haus aufräumt, in dem der Vater zuletzt gehaust hat, dann ist das durchaus große Literatur.

4. Benjamin von Stuckrad-Barre - Panikherz:
Ein autobiografischer Roman, der (im Gegensatz zu Knausgard) nicht die Tiefe im Alltäglichen findet, sondern eher einer (fast nie) enden wollenden Party gleicht. Eine solche war das Leben von Stuckrad-Barre im Grunde lange Zeit auch. Schien sich der Pfarrersjunge doch früh bewusst zu sein, dass er das Zeug zu Größerem hat. So reüisserte er bereits in jungen Jahren als Journalist, Fernsehmann und Romanautor. Doch die Party wollte irgendwann wirklich nicht mehr enden. Kokain, Bulimie und Alkohol hatten Stuckrad-Barre schließlich jahrelang völlig im Griff. Schonungslos schreibt er über diese Zeit hart am Abgrund. Seine Rettung? Ausgerechnet Udo Lindenberg. Der Sänger und die Drogen nehmen dann auch den größen Platz ein in diesem durchaus lesenswerten Buch. 

5. Christian Y. Schmidt - Der letzte Huelsenbeck:
In seinem ersten Roman lässt der ehemalige Titanic-Redakteur den Dadaismus wieder aufleben - und begibt sich auf eine irrwitzige innere Reise mit seinem Protagonisten Daniel S., der hinter einer Amerika-Fahrt mit seinen früheren Dada-Freunden ein Geheimnis wittert, das seine Lebenskrise erklärt. Auf dieser Suche fährt er unter anderem die Berliner U-Bahn nach den Methoden des Special Agents Dale Cooper (aus Twin Peaks) ab. Realität und Fantasie verschwimmen im Laufe dieses psychotischen Horror-Trips immer mehr. Keine Weltliteratur, aber ich hab's verschlungen.

...Und eine Enttäuschung: 
Alexander Schimmelbusch - Hochdeutschland: Hätte das Buch zur Zeit werden können, wenn der Autor sich nicht unnötig in Details verlieren würde, sondern an seinem Plot gearbeitet hätte. Ein hochintelligenter, gelangweilter, zynischer und unglücklicher Investmentbanker macht sich in der Geschichte Gedanken über Deutschland (das kaputt ist), formuliert schließlich ein Manifest und gründet eine populistische Bewegung. Das stellenweise regelrecht brilliante Buch leidet jedoch unter seiner Kürze. Gerade als es interessant wird, rafft Schimmelbusch die Handlung so zusammen, dass sie am Ende nicht mehr schlüssig wirkt. Dafür hat der Autor aber Zeit für mehrere Seiten inneren Monolog des Protagonisten über die Genialität des Döners oder das Geschäftsprinzip von Vapiano. Schade.

Montag, 15. Oktober 2018

Trotzki, Goethe und das Glück

Kaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.

Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kaum aus Paris
und war Trotzkistin.

Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.

Das ist das Glück, dachte ich.

Das ist das Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal'n Gedicht schreiben kann,
et du reste l'amour?

Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Bier, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird!

Von da an ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit dem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauengruppe mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woandershin.

Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.

Louise, sagte das Mädchen -
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.

An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam - es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut déjà vu -
dachte ich, na ja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.

(Jörg Fauser, 1975)

Mittwoch, 8. August 2018

Für Feng Huixi


(Lu Xun, 1930, aus: Kowallis, Jon: The Lyrical Lu Xun: A Study of His Classical-Style Verse, University of Hawaii Press, 1996)

Mittwoch, 4. Juli 2018

Widerstand als Tragödie


Hans Falladas NS-Roman "Jeder stirbt für sich allein" war lange Zeit beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. In den letzten Jahren wurde er wiederentdeckt - und das weit über Deutschland hinaus. Völlig zurecht, denn Falladas letzter Prosatext ist zugleich auch sein wichtigster.

Otto Quangel ist kein Mann der großen Worte. Der Tischlermeister möchte am liebsten seine Ruhe. Doch mit dem zurückgezogenen Leben im Berlin der 40er Jahre ist es schlagartig vorbei, als ihn und seine Frau Anna die Nachricht vom Soldatentod ihres einzigen Sohnes im Westfeldzug erreicht.

Schon vor dieser Nachricht war Quangel kein überzeugter Nationalsozialist. Doch nun wird er zum  Regime-Gegner und beschließt, seine innere Ablehnung nach außen zu tragen, indem er Postkarten mit kritischen Botschaften - in ungelenkem, einfachem Deutsch - schreibt und diese nach der Arbeit und an Wochenenden in Hausfluren des ganzen Stadtgebiets verteilt. Erst mehr als zwei Jahre und annähernd 300 Karten später erwischt sie die Gestapo schließlich. Die beiden kommen in Haft und werden zu Tode verurteilt.

"Jeder stirbt für sich allein", der letzte Roman von Hans Fallada, dreht sich zuvorderst um das Schicksal der Quangels, für die es ein reales Vorbild gibt: das Ehepaar Otto und Elise Hampel. Der 1947 erschienene Roman ist einer der ersten Texte der Nachkriegszeit, der sich explizit mit der NS-Herrschaft und dem Widerstand gegen sie befasst.

Ein Haus als Panoptikum der NS-Gesellschaft

Das Berliner Haus, in dem die Quangels leben, ist aber viel mehr. Nämlich ein Spiegel der Gesellschaft unter der entmenschlichten Herrschaft der NSDAP: Es gibt da die jüdische Dame, die Unterschlupf bei einem Nachbarn sucht und sich in der Verzweiflung der einsamen Sicherheit aus dem Fenster stürzt; die alkoholgetränkte SS-Familie, für die das System eine grausame Perspektive bietet, um endlich Macht und Gewalt ausüben zu können; den Kleinganoven, der in seiner Gier nach Geld jegliche Moral und schließlich alles verliert; den intellektuellen Widerständler, der vor lauter Geist die Menschlichkeit vergisst. Sie alle leben unter einem Dach und doch in völlig unterschiedlichen Welten.

Das Dritte Reich hat das Band der Zivilisation zwischen ihnen zerrissen, jeder ist am Ende nur sich selbst der nächste, alle verlieren - und "jeder stirbt für sich allein". Bei den Quangels geht das recht lange gut, sind sie doch besonders isoliert. Deshalb dauert es, bis ihnen die Gestapo auf die Schliche kommt. Nur, um dann umso härter zurückzuschlagen.

Tragische Figuren statt großer Helden

Fallada, der in seiner Prosa sehr nah an der Sprache der einfachen Berliner ist und uns die Geschichte trotzdem aus einer distanzierten, nüchternen Perspektive präsentiert, hat sich keine großen Helden als Protagonisten gesucht, sondern zwei eher einfache, tragische Gestalten, deren Widerstand nicht nur ins Leere läuft sondern obendrein auch andere Menschen mit in den Abgrund reißt.

Er offenbart damit die Tragödie unter diesem totalitären System: Um aufrichtig zu bleiben, muss das Individuum ein Risiko eingehen, das nicht nur andere gefährdet, sondern am Ende, wenn das Regime den Widerstand bricht, zum Verrat führen kann.

Ein wichtiges, ein großes, und ein lange Zeit unterschätztes Buch. Eines, das der Autor in den letzten Wochen vor seinem Tod, körperlich längst gebrochen, in einer Nervenheilanstalt verfasst hat. Und das auch von künftigen Generationen möglichst aufmerksam gelesen werden sollte.

Freitag, 13. April 2018

Die Zerreißung der Stille am Mittag

In memoriam Seamus Heaney

Wieder das Scharren in der Luft, Gitarren
Aus Stacheldraht, weit übers Land gespannt.
Zikadenfunk, Telephonie der Gliederfüßler,
Die sich die Beine wetzen, sandpapierne Zungen.

Was alles mitschwingt im Gezirp: Befehle
Marschierender Legionen, Peitschenhiebe
Über den Köpfen wilder Söldnerhaufen, Rasseln
Uralter Schlüssel, keiner passt mehr, Haß-

Parolen und Zitate von Cäsaren.

Tief in die Landschaft sägt sich das und kündigt
Vergangene Zukunft an - Vandalenzüge
Und Plünderungen, Feuersbrünste, alles das,
Wovon nur dieses Scharren blieb,
Das in der Luft steht vor den Toren Roms,
Ein Wirbel brennender Papiere -

Zerrissenes, Zerrissenes.

(Durs Grünbein)

Montag, 19. März 2018

Der Störenfried

Der Vorhang wich. Im Saale wurd es stiller.
Das Licht ging aus, die letzte Türe zu.
Man gab was Altes, Lessing oder Schiller,
doch Altes läßt den Neuen keine Ruh.

Nach fünf Minuten kam der erste Nackte.
Auf seinem Rücken stand in Braun: SA.
Braun war auch das, was er dann schreiend kackte
auf jenen Abort, der mal Bühne war.

Urin? Gab’s auch. Ein Yeti wurd geschlachtet,
zwei Hauptpersonen liebten sich im Blut.
Ich hab nicht weiter auf das Stück geachtet:
Ich mußte husten. Das kam gar nicht gut.

Ich mußte husten! Just als zweie kotzten.
Ich weiß, daß sich das wirklich nicht gehört:
Man hustet nicht. Die Hauptpersonen glotzten,
auch’s Restensemble fühlte sich gestört.

Mit seinen Blicken streute es die Asche
mir bös aufs Haupt, das Haupt des Trampeltiers.
Ein Hustenbonbon zog ich aus der Tasche.
Jedoch wie laut das Knistern das Papiers!

Die um mich saßen, ballten ihre Hände
in Wut zur Faust und schlugen auf mich ein.
Die auf der Bühne kamen bald zum Ende:
Ein Punker-Papst gebar ein wildes Schwein.

Ich hab das Stück, und wie es hieß, vergessen.
Ich weiß nur die Moral von dem Gedicht.
Mag auch ein Störenfried gern Kreide fressen:
Die sich an nichts mehr stören, stört er besser nicht.

(Thomas Gsella, 2011)

Samstag, 17. Februar 2018

Das kulturbefördernde Füll

Ein wünschbar bürgerlich Idyll
erschafft, wenn du ihn trägst, der Füll.

Er kehrt, nach Vorschrift aufgehoben,
die goldne Spitze stets nach oben.

Wärst du ein Tier und sprängst auf Vieren,
er würde seinen Saft verlieren.

Trag einen Füll drum! (Du verstehst:
Damit du immer aufrecht gehst.)

(Christian Morgenstern)

Freitag, 9. Februar 2018

Impressionen No. LII: Retrospektiv


 Smerdjakov und die Schuld.


 In der Schwarzwaldhölle.


 An der Schwelle.

Ein Wort
Ein Wort, ein Satz - aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
 (Gottfried Benn, 1941)