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Sonntag, 29. Mai 2022

Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Sonntag, 4. April 2021

Ein Abgrund, in den geschaut werden muss

Selten hat mich ein Radio-Beitrag mehr beschäftigt als dieser. Weil er ein Tabu behandelt, das entweder totgeschwiegen oder über das reißerisch skandalisiert wird. Eines, das aber zugleich so alltäglich ist, dass es verwundert, wie selten offen darüber gesprochen wird. 

Es geht um Kindesmissbrauch, der kein Phänomen von Randgruppen ist, sondern in der Mitte der Gesellschaft stattfindet - und das leider massenhaft (oft übrigens gar nicht mal aus pädophilen Motiven). In den allermeisten Fällen geschieht es von der Öffentlichkeit verborgen im nahen und nächsten Umfeld: der Familie, dem Sportverein, dem Freundeskreis. Immer häufiger bleiben diese Verbrechen nicht im Verborgenen, sondern werden dokumentiert, geteilt, verkauft. 

WDR 5 lässt in dem Radiofeature "Abgrund Kinderpornografie" eine Betroffene zu Wort kommen, die nicht nur vor ihrem eigenen Schicksal erzählt. Die Protagonistin  (aus verständlichen Gründen nur anonym auftretend), wollte verstehen, was die Täter motiviert - und hat sich dafür in Foren begeben, wo Bilder und Fantasien ausgetauscht werden. Sie hat Kontakt zu Pädophilen aufgenommen. Und sie geht dabei der Frage nach, weshalb diese Gesellschaft das Problem so tabuisiert anstatt offensiv darüber zu sprechen. 

Es fällt in der Tat schwer, sich diesem Thema zu stellen. Zumal die Vorstellung, dass in jeder Schulklasse wahrscheinlich ein betroffenes Kind sitzt, nicht nur schwer erträglich, sondern auch kaum vorstellbar ist. Doch wie bei häuslicher Gewalt handelt es sich eben um ein Verbrechen, das massenhaft geschehen, aber kaum sichtbar und leider auch schwer zu beweisen ist. 

Eine gesellschaftliche Debatte und mehr Aufklärung über das Thema täte deshalb Not. Um Kinder besser zu schützen. Um Pädophilen Wege aufzuzeigen, damit sie nicht irgendwann zum Täter zu werden. Und jene, die aus anderen Motiven (wie Macht und Überlegenheitsgefühle) solche Verbrechen begehen, zu warnen, dass diese Gesellschaft wachsam ist. 

Auch wenn es schmerzt, hinter die Fassaden zu sehen - das ist ein Abgrund, in den geschaut werden muss.

Montag, 15. März 2021

Geschichte als Affäre? Über die Kunst des Verisses

Der Verriss ist eine hohe Kunst. Denn Texte so auseinanderzunehmen, dass am Ende der Leser weiß, warum er besser ablassen sollte von einem Buch, das ist stets eine heikle Angelegenheit. Argumente müssen gut begründet und nicht nur durch Animositäten oder den persönlichen Geschmack begründet sein. 

Ein Beispiel fürs Lehrbuch ist diese Kritik von Andreas Wirsching, dem Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Sie beschäftigt sich mit einem Werk von Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität der Bundeswehr, ebenfalls in München. 

Akribisch begründet

Ich habe ihr Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" nicht gelesen. Aber nach dieser vernichtenden und gut begründeten Kritik scheint mir das auch nicht mehr nötig zu sein. Denn akribisch und konzise listet er die Argumente auf, weshalb Richters Sachbuch wissenschaftlichen Standards nicht standhält. Selten habe ich eine lehrreichere Kritik gelesen. (Ob Wersching damit tatsächlich richtig liegt, darüber hat Patrick Bahners in der FAZ gerade eine Feuilleton-Debatte angestoßen.)

Verrisse können aber auch ganz anders aussehen, wie Marcel Reich-Ranicki in einem seiner wohl bekanntesten Texte gezeigt hat. Er thematisiert Martin Walsers Roman "Jenseits der Liebe" - und hier kann ich nahezu jede Zeile unterschreiben. Walser, der später die umstrittene Friedenspreis-Rede halten sollte, hatte damals, Ende der Siebziger Jahre, eine kurze Phase, in der er mit dem Kommunismus liebäugelte. Das Buch ist literarisch schwach, steckt voller Klischees, bleibt völlig unter Walsers Niveau - und ist schon gar nicht vergleichbar mit seinem grandiosen Nachkriegs-Roman "Ehen in Philipsburg", das ich hier einmal kurz rezensiert habe.

Eine vernichtende Kritik

Allein Ranickis einführende Worte sind vernichtend: Er überschreibt den Text vielsagend mit Jenseits der Literatur. Das Buch sei "ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloß deshalb, weil der Roman von Martin Walser stammt, einem Autor also, der einst, um 1960, als eine der größten Hoffnungen der deutschen Nachkriegsliteratur galt – und dies keineswegs zu Unrecht."

Besonders fies: Das Ende verraten

Drittes Beispiel: Michel Houellebecq, der durchaus zu Großem imstande ist (in "Karte und Gebiet" etwa, hier von mir kurz rezensiert), der aber auch ein ziemlich larmoyanter, sexbesessener, alter weißer, reaktionärer Mann ist, wie sein Buch "Serotonin" beweist (hier meine Kurzrezension). Jürgen Ritte fasst in seiner Kritik für den Deutschlandfunk durchaus süffisant alles zusammen, was schlecht daran ist. Und er macht etwas für Autoren ziemlich fieses: Er verrät das Ende des Romans. 

Wer sich für den Totalverriss entscheidet, sollte gute Gründe haben. Und den Mut, sich der Wut des Verfassers zu stellen. Ranicki tauchte später in einem Roman von Walser kaum verhohlen als Figur auf. Er hieß: "Tod eines Kritikers".

P.S. Ein Verriss von mir darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. Er thematisiert den von mir geschätzten Songwriter Jochen Distelmeyer, der als Literat leider ein Totalversager ist. Ob er gelungen ist? Entscheidet selbst!

Sonntag, 7. Februar 2021

Kümmelschnaps aufs Leben

 Ein Abend im Seniorenheim mit Olli Schulz. Herrlich:



Dienstag, 7. April 2020

Zeit für eine Bilanz

"Wir machen gerade eine unglaubliche Entdeckung. Dass nämlich im Weltwirtschaftssystem irgendwo doch eine grell rote Alarmlampe vorhanden war mit einem massiven Schalthebel, den die Staatschefs einer nach dem anderen nun mit einem Ruck betätigt haben, um den ,Eilzug des Fortschritts' unter laut kreischendem Bremsen zum Stillstand zu bringen. War die Aufforderung zu einem Wechsel bei unserem Wachstumsmodell im Januar noch eine nette Träumerei, ist sie gerade viel realistischer geworden.

Allerdings sehen leider nicht nur Umweltschützer in dieser jähen Pause des globalen Produktionssystems eine Gelegenheit, ihr Landeprogramm für die Rückkehr auf den Boden der Realität zur Anwendung zu bringen. Jene Globalisierer, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts sich in den Kopf gesetzt haben, man könne die Begrenztheit des Planeten außer Acht lassen, sehen ebenfalls eine Chance, die verbleibenden Hindernisse für ihre Flucht nach vorn aus dieser Welt noch radikaler aus dem Weg zu räumen. (...) Wir müssen von der Hypothese ausgehen, dass diese Globalisierer sich der ökologischen Krise sehr bewusst sind und dass all ihre Anstrengungen seit fünfzig Jahren dahingehen, den Klimawechsel zu leugnen, gleichzeitig aber seinen Folgen zu entkommen, indem sie Bastionen für Privilegierte errichten, die den zahlreichen Anderen unzugänglich bleiben. (...) Es sind jene Globalisierer, die sich täglich auf Fox News zu Wort melden und die von Moskau bis Brasilia, von New Delhi, über London, bis Washington am Klimawandel vorbeiregieren. (...)

Doch wenn ihnen sich eine Gelegenheit auftut, dann auch uns. Wenn alles zum Stillstand gebracht ist, kann alles auch hinterfragt, überdacht, neu sortiert, endgültig ausgesetzt oder, im Gegenteil, noch stärker vorangetrieben werden. Es ist Zeit für die Bilanz. Dem Ruf des gesunden Menschenverstands: ,Nehmen wir so schnell wie möglich die Produktion wieder auf', müssen wir mit dem Ausruf antworten: ,Das gerade nicht!'. Das letzte, was wir nun tun sollten, wäre, da weiterzumachen, wo wir zuvor waren. (...)

Wenn wir anfangen, jeder für sich, über die verschiedenen Aspekte unseres Produktionssystems uns Gedanken zu machen, werden wir millionenfach ebenso wirksame Globalisierungsunterbrecher sein, wie das durch die Globalisierung schnell sich ausbreitende Coronavirus es paradoxerweise ist. Was das Virus über den Speichelstaub zwischen den Menschen zustande brachte, das Aussetzen der Weltwirtschaft, können wir durch unsere von Mensch zu Mensch weitergegebenen kleinen Gesten nutzbar machen. Mit seinen Fragen errichtet so jeder eine Schranke nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen all jene Teile unseres Produktionsmodells, die wir künftig nicht wiederaufnehmen wollen."

(Bruno Latour)

Samstag, 7. März 2020

Zeit für drastische Maßnahmen

Seit dieser Woche beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Denn nicht nur in Rudersberg, wo ich beruflich häufig bin, gibt es zwei bestätigte Corona-Fälle. Auch Weinstadt hat seit Freitag seinen ersten bestätigten Fall. Und in beiden Orten sind große Schulen betroffen. Erst am Freitag wurde Südtirol zum Risikogebiet erklärt. In Weinstadt müssen deshalb jetzt 250 Schüler dem Unterricht fernbleiben. Das Schulzentrum Rudersberg hat noch bis Dienstag den Betrieb eingestellt. Richtige Entscheidungen. Allerdings hatte das hochansteckende Virus bis dahin genügend Zeit, sich munter auszubreiten. Und das an Orten, wo sich sehr viele Menschen aufhalten.

Dass Südtirol zur Gefahr werden könnte, war bereits Anfang der Woche abzusehen. Auch dass Corona auf uns zukommt, ist seit Wochen klar. Doch die Behörden reagieren erst jetzt und, wie ich finde, immer einen Tick zu spät. Da ich Verwandtschaft in China habe (die uns inständig darum gebeten hat, nur noch rauszugehen, wenn es unbedingt nötig ist, und wenn, dann mit Maske), weiß ich, was in den kommenden Wochen möglicherweise dräut.

Deutschland reagiert zu langsam

Denn wie China, wo das Problem zunächst unterdrückt, dann unterschätzt wurde, reagieren auch wir in Deutschland viel zu langsam. Im Gegensatz zu uns hat die Volksrepublik aber an einem entscheidenden Punkt die Notbremse gezogen und die wohl drastischste kollektive Quarantäne der Geschichte verordnet. Seit vier Wochen findet kein wirkliches öffentliches Leben statt. Mit dem Ergebnis, dass es dort inzwischen weniger Neuinfektionen gibt als in Deutschland. Und tausende Menschenleben gerettet wurden.

Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Maßnahmen kürzlich ausdrücklich gelobt und zur Nachahmung empfohlen, zugleich aber auch darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern die nötige Geisteshaltung für solch krasse Alltagseinschränkungen wohl fehlt.

Nicht der Virus, die Epidemie ist das Problem!

Nein, ich möchte hier sicher keine Panik verbreiten. Und ich habe auch keine Angst vor dem Virus - zumal ich nicht zur Hochrisikogruppe gehöre. Das Problem ist aber, dass es hochansteckend ist - und das auch bei Personen, die noch keine Symptome zeigen. Das Problem ist daher vor allem die Epidemie, die auf uns zurollt. Im Ostalbkreis ist schon nach dem zweiten bestätigten Fall zu sehen, welche Auswirkungen das haben könnte. Denn es war auch eine Krankenpflegerin betroffen, weshalb insgesamt zwölf Pflegekräfte unter Quarantäne stehen und die Intensivstation am Virngrundklinikum Ellwangen um vier Betten reduziert werden musste. Und das wegen einem Fall!

Auch der Rudersberger Arzt befindet sich vorsorglich noch in Quarantäne. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unser ohnehin kaputt gespartes Gesundheitssystem in die Knie gehen wird, wenn sich das Virus, so wie es momentan aussieht, schnell und exponentiell ausbreitet. Auch das lässt sich aus China lernen: Den Preis hätten dann nicht nur die Corona-Patienten zu zahlen, sondern alle, die chronisch krank und auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind.

Daher ist es jetzt auch in Deutschland an der Zeit, drastischere Maßnahmen zu ergreifen. 14 Tage Corona-Ferien etwa, wie von Virologe Alexander Kekulé jüngst gefordert. Die Absage aller Großveranstaltungen. Fußball-Bundesliga ohne Publikum. Mehr Tests. Ausreichend Schutzausrüstung für das klinische Personal. Und nicht zuletzt bedarf es auch eines geschärften Bewusstseins für die Risiken in der Bevölkerung.

Update: Dieser Beitrag ist jetzt in aktualisierter Version in der Lokalzeitung erschienen.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Ehekrach

»Ja -!«
»Nein –!«
»Wer ist schuld?

Du!«

»Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!«
– » Du hast Tante Klara vorgeschlagen!
Du läßt dir von keinem Menschen was sagen!
Du hast immer solche Rosinen!
Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen –
Du hörst nie. Ich red dir gut zu . . .
Wer ist schuld –?

Du.«

»Nein.«
»Ja.«

– » Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?
Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?
Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?
Wem passen wieder nicht die Betten?
Wen muß man vorn und hinten bedienen?
Wer dreht sich um nach allen Blondinen?

Du –!«
»Nein.«
»Ja.«

»Wem ich das erzähle ...!
Ob mir das einer glaubt –!«
– »Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«
»Und überhaupt –!«

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:
Ihr wißt nicht, was euch beide plagt.
Was ist der Nagel jeder Ehe?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.
rallen zurück, wollen weiterwandern ...
Bleiben schließlich ... Diese Resignation:
Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton?
Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht:
Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.
Jahre binden, auch wenn man nicht will.
Das ist schwer: ein Leben zu zwein.
Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

(Kurt Tucholsky)

Dienstag, 24. September 2019

Ist die SPEX noch relevant?

Knapp ein Jahr ist es nun her, dass die Spex ihr Ende als Printmagazin erklärte. Eine Ende, das wohl unvermeidlich war. Denn der bezahlte Musikjournalismus steckt in Zeiten von Spotify und sozialen Medien in einer tiefen Krise. Musiker benötigen heutzutage keine Vermittler mehr, um ihre Zielgruppe anzusprechen.

Schleichender Bedeutungsverlust

Die allermeisten Hörer haben dank des Internets und der Streamingplattformen ohnehin kein Bedürfnis mehr nach Expertenratschlägen. Musik ist ein ubiquitäres Gut geworden, der Zugang ist so leicht wie nie. Die Rolle des Türoffners im Grunde nicht mehr notwendig. Zumindest nicht in Form einer Musikzeitschrift. Diese Aufgabe haben zum Teil die Feuilletons übernommen.

Und Popkultur, ein Begriff über das sich die Spex wie kein zweites Magazin definierte, schon seit geraumer Zeit nur noch bedingt ein Mittel zur Distinktion.

Weitergemacht haben einige der Redakteure dennoch. Seit Januar gibt es die Zeitschrift ausschließlich als Online-Plattform, auf der die meisten Artikel nur für Abonnenten verfügbar sind. Doch funktioniert das? Und ist das, was dort gemacht wird, überhaupt noch relevant? Zeit für eine Zwischenbilanz.

Neoliberale Apps und Zeitgenössisches aus der VRC


Auch als Online-Magazin richtet sich Spex an ein intellektuelles Publikum, mischt neben die Musik Beiträge zu Politik, Ästhetik, Literatur und Film. Es gibt ein Album der Woche, die „Musik zur Zeit“ und Tournee-Präsentationen.

 Vieles davon ist durchaus lesenswert: Wenn etwa Christoph Benkeser die Musik-App "Endel", die endlos personalisierte Sounds kreiert, zum "perfekten neoliberalen Gerät" erklärt, Christoph Kammenhuber den Freiheitskampf des Rappers Meek Mill mit dem der Schwarzen in den USA insgesamt verknüpft. Oder Kristoffer Cornils in seiner Kolumne kaum beachtete zeitgenössische Musik aus der Volksrepublik China präsentiert.


Typisch Spex eben. Und doch fehlt da etwas. Denn diese Zeitschrift war auch immer auch selbst ein popkulturelles Gesamtprodukt. Das Magazin mit seinen grafischen Experimenten. Die Themenschwerpunkten gewidmeten Ausgaben. Jene langen Reportagen, die zuletzt unter der Rubrik Perspektive liefen. Die oft doch recht speziellen Fotos - und eine CD als Beilage, die den Titel "Musik zur Zeit" zurecht trug. Von den vielen Plattenkritiken ganz zu schweigen.

Nüchterne Blog-Ästhetik

All das kein ein Online-Magazin in der nüchternen Form, wie sich die Spex momentan präsentiert, nicht liefern. Und leider überhaupt nicht die in Blog-Ästhetik konzipierte App. Diese glänzt dann auch eher durch ein technisches Problem: Selbst wer als Abonnent eingeloggt ist, kann bisweilen Artikel nicht lesen und muss sich erst wieder ab- und dann anmelden (ein Vorgang, der nach einem Dutzend Mal ziemlich nervt und leider auch auf der Homepage ein Problem ist).

Leider gibt es auch keine Integration der per Soundcloud zusammengestellten "Musik zur Zeit", der seit Januar angekündigte Spex-Podcast lässt auch auf sich warten. Immerhin: die Ausgaben im Archiv lassen sich inzwischen recht flüssig lesen. Kurzum: Da ist noch eine Menge Luft nach oben. Allzu viele dürften es jedenfalls nicht sein, die dafür 24 Euro pro Jahr zu zahlen bereit sind.

Ist die Spex heute also noch relevant? Wenn überhaupt, dann für eine Nische. Doch die wird im Internet mit einem Angebot wie diesem nicht unbedingt größer.

Samstag, 9. Februar 2019

High Fidelity No. 10: Fünf Bücher...

Im Höllental.

1. Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein: Falladas wohl wichtigster Roman handelt von einem Berliner Pärchen, das in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand übt, indem es Botschaften auf Postkarten schreibt und in der ganzen Stadt verteilt. Ein beklemmendes Buch, das die Sprache der einfachen Leute wiedergibt, auf Tatsachen beruht, bereits kurz nach dem Untergang des Dritten Reiches erschien und die ganze Menschenfeindlichkeit dieses Regimes im Alltag spürbar macht - ohne dabei auf seine historischen Groß-Verbrechen eingehen zu müssen. (Hier die ausführliche Rezi.) 

2. Heinrich Mann - Der Untertan:
Selten wurde die deutsche Untertanen-Mentalität besser beschrieben als in Manns "Untertan". Ein detailliertes Sittenbild des Deutschen Reiches am Ende des 19. Jahrhunderts, das den unaufhaltsamen Aufstieg des kaisertreuen Patrioten und Opportunisten Diedrich Heßling beschreibt. Ein abstoßender Charakter, den Mann in seiner ganzen gefährlichen Lächerlichkeit zeigt. Genauen Beobachtern dürften dabei gewisse Parallelen mit der Jetzt-Zeit nicht entgehen.

3. Karl-Ove Knausgard - Sterben:
Das autobiografische Projekt von Knausgard literarisiert den Alltag des Norwegers. Viel passiert in diesen Büchern meist nicht. Das gilt auch für "Sterben". Im Mittelpunkt steht hier Knausgards Kindheit und Jugend sowie sein Vater, zu dem er eine sehr komplizierte Beziehung hatte und der jämmerlich am Alkohol zu Grunde ging. Die Abgründe sind fürchterlich - und Knausgard schont den Leser nicht, sondern schreibt alles nüchtern (sic!) auf. Wenn er auf 50 Seiten darüber erzählt, wie er gemeinsam mit seinem Bruder das großmütterliche, komplett verwahrloste Haus aufräumt, in dem der Vater zuletzt gehaust hat, dann ist das durchaus große Literatur.

4. Benjamin von Stuckrad-Barre - Panikherz:
Ein autobiografischer Roman, der (im Gegensatz zu Knausgard) nicht die Tiefe im Alltäglichen findet, sondern eher einer (fast nie) enden wollenden Party gleicht. Eine solche war das Leben von Stuckrad-Barre im Grunde lange Zeit auch. Schien sich der Pfarrersjunge doch früh bewusst zu sein, dass er das Zeug zu Größerem hat. So reüisserte er bereits in jungen Jahren als Journalist, Fernsehmann und Romanautor. Doch die Party wollte irgendwann wirklich nicht mehr enden. Kokain, Bulimie und Alkohol hatten Stuckrad-Barre schließlich jahrelang völlig im Griff. Schonungslos schreibt er über diese Zeit hart am Abgrund. Seine Rettung? Ausgerechnet Udo Lindenberg. Der Sänger und die Drogen nehmen dann auch den größen Platz ein in diesem durchaus lesenswerten Buch. 

5. Christian Y. Schmidt - Der letzte Huelsenbeck:
In seinem ersten Roman lässt der ehemalige Titanic-Redakteur den Dadaismus wieder aufleben - und begibt sich auf eine irrwitzige innere Reise mit seinem Protagonisten Daniel S., der hinter einer Amerika-Fahrt mit seinen früheren Dada-Freunden ein Geheimnis wittert, das seine Lebenskrise erklärt. Auf dieser Suche fährt er unter anderem die Berliner U-Bahn nach den Methoden des Special Agents Dale Cooper (aus Twin Peaks) ab. Realität und Fantasie verschwimmen im Laufe dieses psychotischen Horror-Trips immer mehr. Keine Weltliteratur, aber ich hab's verschlungen.

...Und eine Enttäuschung: 
Alexander Schimmelbusch - Hochdeutschland: Hätte das Buch zur Zeit werden können, wenn der Autor sich nicht unnötig in Details verlieren würde, sondern an seinem Plot gearbeitet hätte. Ein hochintelligenter, gelangweilter, zynischer und unglücklicher Investmentbanker macht sich in der Geschichte Gedanken über Deutschland (das kaputt ist), formuliert schließlich ein Manifest und gründet eine populistische Bewegung. Das stellenweise regelrecht brilliante Buch leidet jedoch unter seiner Kürze. Gerade als es interessant wird, rafft Schimmelbusch die Handlung so zusammen, dass sie am Ende nicht mehr schlüssig wirkt. Dafür hat der Autor aber Zeit für mehrere Seiten inneren Monolog des Protagonisten über die Genialität des Döners oder das Geschäftsprinzip von Vapiano. Schade.

Mittwoch, 4. Juli 2018

Widerstand als Tragödie


Hans Falladas NS-Roman "Jeder stirbt für sich allein" war lange Zeit beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. In den letzten Jahren wurde er wiederentdeckt - und das weit über Deutschland hinaus. Völlig zurecht, denn Falladas letzter Prosatext ist zugleich auch sein wichtigster.

Otto Quangel ist kein Mann der großen Worte. Der Tischlermeister möchte am liebsten seine Ruhe. Doch mit dem zurückgezogenen Leben im Berlin der 40er Jahre ist es schlagartig vorbei, als ihn und seine Frau Anna die Nachricht vom Soldatentod ihres einzigen Sohnes im Westfeldzug erreicht.

Schon vor dieser Nachricht war Quangel kein überzeugter Nationalsozialist. Doch nun wird er zum  Regime-Gegner und beschließt, seine innere Ablehnung nach außen zu tragen, indem er Postkarten mit kritischen Botschaften - in ungelenkem, einfachem Deutsch - schreibt und diese nach der Arbeit und an Wochenenden in Hausfluren des ganzen Stadtgebiets verteilt. Erst mehr als zwei Jahre und annähernd 300 Karten später erwischt sie die Gestapo schließlich. Die beiden kommen in Haft und werden zu Tode verurteilt.

"Jeder stirbt für sich allein", der letzte Roman von Hans Fallada, dreht sich zuvorderst um das Schicksal der Quangels, für die es ein reales Vorbild gibt: das Ehepaar Otto und Elise Hampel. Der 1947 erschienene Roman ist einer der ersten Texte der Nachkriegszeit, der sich explizit mit der NS-Herrschaft und dem Widerstand gegen sie befasst.

Ein Haus als Panoptikum der NS-Gesellschaft

Das Berliner Haus, in dem die Quangels leben, ist aber viel mehr. Nämlich ein Spiegel der Gesellschaft unter der entmenschlichten Herrschaft der NSDAP: Es gibt da die jüdische Dame, die Unterschlupf bei einem Nachbarn sucht und sich in der Verzweiflung der einsamen Sicherheit aus dem Fenster stürzt; die alkoholgetränkte SS-Familie, für die das System eine grausame Perspektive bietet, um endlich Macht und Gewalt ausüben zu können; den Kleinganoven, der in seiner Gier nach Geld jegliche Moral und schließlich alles verliert; den intellektuellen Widerständler, der vor lauter Geist die Menschlichkeit vergisst. Sie alle leben unter einem Dach und doch in völlig unterschiedlichen Welten.

Das Dritte Reich hat das Band der Zivilisation zwischen ihnen zerrissen, jeder ist am Ende nur sich selbst der nächste, alle verlieren - und "jeder stirbt für sich allein". Bei den Quangels geht das recht lange gut, sind sie doch besonders isoliert. Deshalb dauert es, bis ihnen die Gestapo auf die Schliche kommt. Nur, um dann umso härter zurückzuschlagen.

Tragische Figuren statt großer Helden

Fallada, der in seiner Prosa sehr nah an der Sprache der einfachen Berliner ist und uns die Geschichte trotzdem aus einer distanzierten, nüchternen Perspektive präsentiert, hat sich keine großen Helden als Protagonisten gesucht, sondern zwei eher einfache, tragische Gestalten, deren Widerstand nicht nur ins Leere läuft sondern obendrein auch andere Menschen mit in den Abgrund reißt.

Er offenbart damit die Tragödie unter diesem totalitären System: Um aufrichtig zu bleiben, muss das Individuum ein Risiko eingehen, das nicht nur andere gefährdet, sondern am Ende, wenn das Regime den Widerstand bricht, zum Verrat führen kann.

Ein wichtiges, ein großes, und ein lange Zeit unterschätztes Buch. Eines, das der Autor in den letzten Wochen vor seinem Tod, körperlich längst gebrochen, in einer Nervenheilanstalt verfasst hat. Und das auch von künftigen Generationen möglichst aufmerksam gelesen werden sollte.

Freitag, 20. April 2018

Gaus und Arendt



Der Journalist Günter Gaus spricht mit Hannah Arendt. Es ist die erste Frau in seiner Reihe "Zur Person" - und knapp 20 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches auch eine der ersten großen unter Hitler verstoßenen und der Vernichtung entgangenen Deutschen.

Die Philosophin erklärt in diesem Interview aus dem Jahr 1964 unter anderen, weshalb sie sich nicht als solche versteht, wie sie als Jüdin die NS-Zeit geprägt hat, warum sie in ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses den Beschuldigten als "Hanswurst" wahrgenommen hat und bisweilen laut lachen musste.

Ein ungemein dichtes, aber zugleich unterhaltsames Gespräch, das in dieser Form im heutigen Fernsehen undenkbar ist. Und das nicht nur, weil die beiden in den 72 Minuten etwa ein Dutzend Zigaretten rauchen.

Freitag, 30. März 2018

Matthäus-Passion



Zum Karfreitag: Johann Sebastian Bachs meisterhaftes Oratorium in einer Interpretation von Masaaki Suzuki und dem Bach-Collegium Japan.

Donnerstag, 22. Februar 2018

"Stuttgart ist eine beschädigte Stadt"



"Stuttgart ist eine beschädigte, eine menschenfeindliche Stadt. Die Bahnhofs-Baustelle im Herzen der Stadt: Dass die grüne Administration, der Oberbürgermeister und der Ministerpräsident, nicht in der Lage ist, den Bürgern diese noch Jahre dauernde Zumutung zu ersparen, ist eine Schande. Dazu der Autowahn. Wenn Sie die Stadt betreten, wissen Sie, wer hier die Macht hat. Die Macht haben Daimler und Porsche. Stuttgart ist im Augenblick eine absolute Katastrophe."

Claus Peymann im Interview mit der Stuttgarter Zeitung (22. Februar 2018)




Mittwoch, 31. Januar 2018

Knausgards Kampf

 

760 schonungslos offene Seiten über das oft komplizierte, bisweilen auch tragische Familienleben eines weißen, männlichen Schriftstellers - ist das nun große Literatur oder banale Selbstbespiegelung? Nach der Lektüre von "Lieben", dem zweiten Band des  autobiographischen Projekts von Karl-Ove Knausgard fällt die Antwort darauf gar nicht so leicht. 

Denn dieser Roman enthält beides: Höchst banale Alltagsbeschreibungen (Brote schmieren, Kaffee trinken, Windeln wechseln, Zeitung lesen, auf dem Balkon rauchen), aber auch kluge, essayistische Gedanken über das Leben, die Literatur und den schier unmöglichen Versuch, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und dabei sich auch noch literarisch selbst zu verwirklichen.

Der norwegische Schriftsteller Karl-Ove Knausgard (Jahrgang 1968) ist in diesem Band frisch nach Schweden ausgewandert, hat sich dort in seine zweite Frau verliebt und steckt in einem Dilemma: Er hadert mit seinem bisherigen Schaffen und weiß nicht so recht, worüber er schreiben soll. Das einzige, was für ihn feststeht: Dass er unbedingt schreiben will, denn nur beim Schreiben ist er wirklich glücklich. Und so kämpft er sich schreibend frei, indem er seinen Alltag literarisiert. Und dabei keine Rücksicht auf Familie und Freunde (die er mit Klarnamen benennt) nimmt, am allerwenigsten aber auf sich selbst.

Permanente Selbstzweifel

Wirklich kein Detail ist ihm zu peinlich, um es wegzulassen. Der Leser erfährt alles: dass seine Frau eine bipolare Störung hat, seine Schwiegermutter heimlich Schnaps trinkt, während sie auf seine Kinder aufpasst. Er selbst sich gerne bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, nur um zu vergessen. Wir lesen, wie schwer ihm der Alltag mit vier Kindern fällt, er sich dabei permanent nach seiner einsamen Hütte sehnt, wo er schreiben kann - und dabei doch beständig an sich und seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifelt.

Wir können dabei zusehen, wie aus stürmischer Liebe kalter, trister, von Streit geprägter Alltag wird. Und erfahren, welche Bücher Knausgard liest, welche Autoren ihn geprägt haben. Wir können manch klugem Gespräch mit Freunden folgen und zugleich banalsten Small Talk lesen. Lernen dabei, wie groß die Unterschiede zwischen Norwegen und Schweden doch sind - weshalb der Autor in seiner neuen Heimat im Alltag meist lieber die Klappe hält.

Das liest sich, so deprimierend und voller Längen die Lektüre auch ist, erstaunlich leicht. An vielen Stellen kann sich der Leser in diesem nicht allzu außergewöhnlichen Leben eines weißen Europäers auch durchaus wiederfinden (sofern er selbst einer von ihnen ist).

Der passende Originaltitel: Min Kamp

Doch bleibt die Frage: Ist das nun große Literatur? Zumal "Lieben" ja nur ein Teil des sechsbändigen Zyklus ist, der es insgesamt auf mehr als 3000 Seiten bringt und im Original den Titel "Min Kamp" trägt. Knausgard also explizit Bezug nimmt auf Hitlers grauenhaft wehleidig geschriebene, doch wirkungsmächtige Autobiographie (worauf er im letzten Band "Kämpfen" näher eingeht). Der mit einer ausführlichen Beschreibung des eigenen Vaters beginnt. Einem Menschen, der Karl-Oves Existenz permanent in Frage stellt, schließlich dem Alkohol verfällt und daran jämmerlich zu Grunde geht.

Keine Frage, der Titel ist klug gewählt. Denn es handelt sich bei dem Roman-Projekt tatsächlich um einen Kampf: Knausgards Kampf mit sich selbst, seiner Geschichte, seinem Leben, dabei die Blumfeld'sche Frage stellend: "War das etwas schon alles?" Ein Kampf, der nach tausenden von Seiten mitnichten zu Ende ist. Auch die folgenden Bücher des Norwegers sind autobiographisch.

Mehr Verdichtung, bitte!

Banal ist das keineswegs. Vieles aus dem zweiten Band "Lieben" klingt nach, bleibt haften. Etwa der verzweifelte Moment, als er sich bei einem Schriftstellertreffen betrunken nachts das Gesicht mit dem Messer zerschneidet und die Scham am nächsten Morgen schier unerträglich wird.

Um große Literatur handelt es sich dabei aber auch nicht. Dazu fehlt es dem opulenten Werk an literarischer Stringenz. Ein sorgsamer Lektor hätte sicher etliche Passagen kürzen können, ohne dass es dem Buch geschadet hätte. So schweigsam und schüchtern Knausgard in der Realität auch sein mag: Das größte Problem dieses durchaus lesenswerten Romans ist seine Geschwätzigkeit.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Der Verlorene

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass in Weinstadt ein fünfjähriges Kind in seiner Pflegefamilie verhungerte. Eine Katastrophe, die nach wie vor schwer zu verstehen und zu erklären ist. Kollege Peter Schwarz hat vor einem Jahr einen seiner Leidensgenossen besucht, der das Martyrium damals als Neunjähriger nur knapp (auf gerade mal 11,8 Kilo abgemagert) überlebte - und dessen Dasein bis heute eine Tragödie ist. Zitat: "Die Beine sind ihm krumm gewachsen, Spätfolgen der Unterernährung. Er neigt dazu, H-Milch zu horten, die Tetrapacks reihen sich auf in Reih und Glied wie eine Armee, die gegen den Hunger beschützt."

Die Reportage, in der Schwarz uns so behutsam wie genau in dieses verworfene Leben blicken lässt, wurde kürzlich - völlig zurecht - mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Hiobs Botschaft

"Aber warum dieses Schicksal ihnen und immer wieder ihnen allein? Was war der Grund, was der Sinn, was das Ziel dieser sinnlosen Verfolgung? Man trieb sie aus den Ländern und gab ihnen kein Land. Man sagte: lebt nicht mit uns, aber man sagte ihnen nicht, wo sie leben sollten. Man gab ihnen Schuld und verweigerte ihnen jedes Mittel, sie zu sühnen. Und so starrten sie sich an auf der Flucht mit brennenden Augen - warum ich? Warum du? Warum ich mit dir, den ich nicht kenne, dessen Sprache ich nicht verstehe, dessen Denkweise ich nicht fasse, mit dem nichts mich verbindet? Warum wir alle? Und keiner wußte Antwort. Selbst Freud, das klarste Ingenium dieser Zeit, mit dem ich oft in jenen Tagen sprach, wußte keinen Weg, keinen Sinn in diesem Widersinn.

Aber vielleicht ist es gerade des Judentums letzter Sinn, durch diese rätselhaft überdauernde Existenz Hiobs ewige Frage an Gott immer wieder zu wieder zu wiederholen, damit sie nicht völlig vergessen wird auf Erden."

Stefan Zweig in: Die Welt von Gestern (1944) über den Exodus der Juden Europas aus ihren Heimatländern Ende der 1930er Jahre.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Im ideologischen Zeitalter

Mit der Revolution im Jahre 1917 begann in Russland eine historische Entwicklung, die das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollte. Die Spaltung der Welt in Ost und West nahm ihren Anfang. Bei einem Vortrag an der Schorndorfer VHS warf der Historiker Dr. Hartmut Jericke  einen kritischen Blick auf dieses epochale Ereignis, seine Hintergründe und Folgen.

Wer die verstehen wolle, müsse aber zuerst auf jenes Jahrhundert schauen, das Jericke als das „optimistischste, fortschrittlichste und friedlichste“ der modernen, europäischen Geschichte bezeichnet. Das 19. Jahrhundert, nach dem Wiener Kongress 1815 durch ein gesundes Mächtegleichgewicht geprägt, brachte aber nicht nur mit der industriellen Revolution einen „unglaublichen Entwicklungsschub“ für die Menschheit. Es war auch jenes Jahrzehnt, in dem die traditionelle Ständegesellschaft überworfen wurde, der Kapitalismus als Wirtschaftssystem aufblühte und mit ihm das Proletariat und seine Ausbeutung entstand.

Niemand habe die Verhältnisse im Frühkapitalismus dann so deutlich beschrieben wie Karl Marx. Klarsichtig habe der Ökonom das Wirtschaftssystem analytisch kritisiert und damit indirekt viel zur Verbesserung der sozialen Verwerfungen beigetragen, findet Jericke: „Wir haben Marx einiges zu verdanken.“ Zumindest dem Ökonom. Bei seinen philosophischen Betrachtungen „irrte Marx aber gewaltig“. Seine Utopie von der klassenlosen Gesellschaft hält der konservative Historiker durch die Geschichte der Sowjetunion für widerlegt.

Bauern statt Proletarier – wie Lenin den Marxismus neu interpretierte

Doch wieso war es überhaupt das Zarenreich, in dem die Ideen des Trierer Ökonomen als Erstes umgesetzt wurden? Denn was Marx als Subjekt der Revolution bezeichnete, machte im zaristischen Russland gerade mal drei Prozent der Bevölkerung aus. Über 90 Prozent der Russen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bauern. Formal freie Bauern zwar, die aber de facto immer noch in feudalen Abhängigkeitsstrukturen lebten.

So war es im Februar 1917 auch zunächst eine bürgerliche Revolution, die das Zarenreich hinwegfegte. Doch die Revolutionäre wollten keinen Frieden und Lenin erkannte die geschichtliche Chance. Er sah die Wut der Bauern und beschloss, diese in Russland zum Subjekt der Revolution zu machen. Lenin versprach ihnen Freiheit und eine eigene Scholle für den Fall, dass sie den Kommunisten folgten. Was sie dann bei der Oktoberrevolution schließlich auch taten.

Doch Lenins Versprechen gegenüber den Bauern blieb letztlich unerfüllt. Er dekretierte zwar die Verteilung von Grund und Boden an sie. Doch der Traum von der eigenen Scholle wurde für sie nur kurz wahr. Im Gegenteil: Unter seinem Nachfolger Stalin wurden sie schließlich zwangskollektiviert und als Kulaken massenhaft verfolgt. Die Opferzahlen gehen in die Millionen.

Und dennoch war mit der Russischen Revolution jener folgenreiche Gedanke in der Welt, dass ein besseres Leben im Hier und Jetzt - und zwar überall - machbar sei. Dies schürte im Westen die Angst vor einer Weltrevolution. Die Arbeiterklasse spaltete sich, auch in Deutschland, wo seit Dezember 1918 eine Kommunistische Partei neben der SPD den Alleinvertretungsanspruch für die Arbeiterklasse beanspruchte.

Es begann das Zeitalter der Ideologien und damit auch der Aufstieg des Faschismus in Europa, der sich das Feindbild Kommunismus zunutze machte.

„Nach 1918 war die liberale bürgerliche Gesellschaft am Ende“, sagt Jericke. Eine misslungene Friedensordnung, die Russland und Deutschland nicht einband, sondern isolierte, tat ihr Übriges dazu.

Und während Stalin den Agrarstaat Sowjetunion mit aller Gewalt industrialisierte, übernahmen in immer mehr europäischen Ländern Faschisten die Macht, bis 1939 kaum ein Land mehr liberal regiert wurde.

Die Tragödie gipfelte im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird. Kaum ein Land hatte mehr Opfer zu beklagen, doch die Sowjetunion gewann den Krieg und besiegte damit den Faschismus. „Die Entscheidung über die Ideologie von Karl Marx blieb aus.“ Nun begann der Kalte Krieg, das Wettrüsten der Großmächte, mithin jene Spaltung der Welt, die sie zeitweise an den Rand des Atomkriegs trieb.

Ohne Russland kein Frieden: Eine wichtige geschichtliche Lektion

Bekanntermaßen verlor die Sowjetunion diesen Wettstreit, ging 1991 sang- und klanglos unter – und mit ihr auch die Attraktivität des Marxismus.

Was bleibt, ist folgende Erkenntnis: „Wer glaubt, dass man die Russen außen vor lassen kann, der irrt.“ Eine Friedensordnung in Europa könne es deshalb nur mit Russland geben.

Das ideologische Zeitalter, es ist noch nicht an sein Ende gekommen.

(Dieser Artikel erschien bereits in den Schorndorfer Nachrichten.)

Mittwoch, 20. September 2017

Kunstnacht Schorndorf

 Im Namen der Dose (Hardy Zürn): Auf den ersten Blick geht es um profane Dosen und wie sie Form und Zustand verändern. Doch als  rostige, plattgefahrene und kaputte Objekte werden sie dann zu stimmigen Erzählungen geflochten.

Zellformationen (Jenny Winter-Stojanovic): Eine Performance, die das Suchen, Finden und Entstehen, das Abstreifen von Häuten in verschiedenen Lebensphasen thematisiert.

Das Röhm-Areal: In der blauen Stunde entfaltet das Gelände eine faszinierende Aura zwischen Industriearchitektur und modernem Kreativquartier.

Kesselhaus: Ist an diesem Abend in rotes und blaues Licht getaucht. Rote Laserpunkte schwirren durch den Raum. Dazu Musik aus einem Modularsynthesizer.

Abgrenzung Ausgrenzung Eingrenzung (Bernard E.A. Czychi): Auf welcher Seite stehen wir? Wovon grenzen wir uns ab? Sind neue Grenzen oder Abgrenzungen tatsächlich die richtige Lösung?

Landliebe II - Homines et bestias (Annette Schock): Handwerklich starke Porträts von Tieren und Menschen, so präzise wie bizarr.

Kleine Kriegsserie (Bertold Becker): Kriegs-Erinnerungen aus zweiter Hand. Hier: Die Verhaftung. „Mit dem Abstand zu den realen Geschichtsereignissen scheinen die Bilder, die wir uns davon machen oder bewahrt haben einerseits blasser zu werden. So, als würden sie ihre (traumatisierend-bedrängende) Kraft endlich verlieren, sich dem vielleicht herbeigesehnten allmählichen Vergessen anverwandeln. Als ob es nie gewesen sei. (…) Andererseits aber werden die Bilder Beckes durch die bewusste ästhetische Entscheidung zur Unschärfe auch wieder gespenstischer und damit gefährlich. Behaupten sie so doch den Tat-Ort als so real wie gefährdet. Die materiellen Spuren mögen verwischt sein. Anders die unlöschbaren mentalen. Fixiert zu tränenverschleierten Erinnerungsfetischen werden sie als unheimliche Widergänger zurückkehren.“ (Thomas Milz)

Q Galerie: Tausende Stunden Klang, geschmolzen, verfremdet und zu neuer Kunst gewoben. 

...aufgenommen am 16. September in Schorndorf.

Donnerstag, 3. August 2017

Verliebt ins Scheitern

Lenin Riefenstahl und Christian Rottler beim Auftritt im Merlin

Bleischwer lag die Kohl-Ära über der Republik, als Christoph Schlingensief die „Chance 2000“ gründete. Er nannte sie die „Partei der letzten Chance“ und verpasste ihr das programmatische Motto „Scheitern als Chance“. Für Schlingensief war die Partei „ein in jeder Hinsicht unbegrenztes Theaterstück“, ein „Appell, selbstbewusster zu leben“, mit Richtungslosigkeit als oberstem Prinzip.

Scheitern als Chance

In den Randständigen, Überflüssigen, Arbeitslosen sah er die kommende Avantgarde. Mit Aktionskunst wollte er nicht nur die dröge Ära Kohl überwinden, sondern den Neoliberalismus endlich produktiv und radikal für die Kunst nutzen. „Alles aufgeben! Fehler machen! Scheitern ist Chance! Nicht Wandel, sondern Revolution, nicht Revolution, sondern permanente Revolution, Unsicherheit!“ Gerade in der Sphäre der im kapitalistischen Sinne Nicht-Produktiven werde schließlich gearbeitet, werde Sinn produziert wird. Schlingensiefs Projekt wendete das gesellschaftliche Scheitern seiner Protagonisten in eine künstlerische Chance und begab sich auf die Suche nach dem guten Leben.

Auch Christian Rottler, Absolvent der Weimarer Bauhaus-Universität, ließe sich in diesem Sinne als Gescheiterter beschreiben. Beinahe wäre ihm der Sprung in die professionelle Künstlerexistenz gelungen. Hörspiele im Kulturradio, ein Song auf Motor-FM-Dauerschleife, drei Jahre später dann fast ein Plattenvertrag bei einem Major-Label. Doch der Sprung misslang. Und Rottler geriet in eine künstlerische Krise, aus der er sich nur langsam wieder befreit.

Vom Willen, zu scheitern

Das Scheitern durchzieht sein gesamtes Werk. Im Hörspiel „Nahkampf oder telefonieren“ soll ein letztes Telefonat zwischen den einst Liebenden alles kitten – und kann das Unausweichliche doch nicht verhindern. Die Begegnung mit den Jugendhelden Rottlers gerät zur offenen Therapiesitzung des von Selbstzweifeln geplagten Künstlers. Immer im Hintergrund mitschwingend: Thomas Bernhard, an dessen Werk „Holzfällen“ sich der Titel des Hörspiels anlehnt. Über das Scheitern schrieb der Österreicher einst in „Ja“: „Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrundegehen wollen, was tatsächlich nicht die Absicht sein kann, mit welcher wir da sind.“ 

Kommando Ödipus - live im Merlin

Und dann ist da natürlich Marcel Proust und sein Klassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, an der Rottler scheitert. Der Literatur-Fresser, dessen Stolz auf die prall gefüllten Bücherwände jeder sofort spürt, der sich mit ihm über Literatur unterhält, muss sich die abgebrochene Lektüre zunächst selbst erklären.

In einem dichten Essay verarbeitet er sein Scheitern an Proust. Und kommt dabei zu folgender These: Frei nach Pierre Bourdieu produziert die Lektüre solcher Wälzer eine Art kulturelles Kapital im Paarungsverhalten gebildeter Schichten. Inhalt oder literarische Bedeutung des Werks sind dabei zweitrangig. Entscheidend sei vielmehr, dass der Leser den Stoff überhaupt bewältigt, das Buch zu Ende liest – und damit im intellektuellen Kampf der Geschlechter sexuelle Attraktivität erlangt. Seit Jahren reibt Christian Rottler stolz jedem, dem er gewisse intellektuelle Fähigkeiten attestiert, den Essay unter die Nase.

Um das Scheitern geht es auch in dem Song „Schlichte Perfektion“. Ja, heute mag alles grau und trüb erscheinen, aber „ab morgen überrasch‘ ich dich täglich mit schlichter Perfektion“. Was natürlich nie passieren wird – und letztlich auch nicht entscheidend ist.

Ein künstlerischer Sieg

Auch Christoph Schlingensief scheiterte mit seinem Projekt „Chance 2000“ gleichermaßen planmäßig wie grandios. Und doch erwuchs ihm daraus ein künstlerischer Sieg. 1998 war Schlingensief auch jenseits avantgardistischer Kreise plötzlich ein Name. Als der Künstler dann einige Jahre später an Krebs erkrankte, machte er seine Krankheit kurzerhand zum Kunstbesitz, deutete das Scheitern des Körpers als künstlerische Chance. Sein letztes, noch unvollendetes Projekt – der Aufbau eines Operndorfes in Burkina Fas – setzte die Kunst schließlich als Kontrapunkt zu Kapitalismus, Kolonialismus und Armut. Und immer im Hintergrund mitschwingend die Frage: Was ist das, das gute Leben?

Dieses existenzielle Thema treibt auch Christian Rottler in seinem noch unvollendeten Werk um. Der undogmatische Linke hat mithin noch viele Fragen an sich selbst und die Welt. Und zum Glück keine Angst vorm Scheitern.