Montag, 26. Januar 2009

Die drei Schätze


Aus Tao Te King - dem Buch vom Sinn und Leben (Laotse):

Die drei Schätze

Alle Welt sagt, mein SINN sei zwar großartig,
aber er scheine für die Wirklichkeit nicht geschickt.
Aber gerade das ist ja seine Größe,
dass er für die Wirklichkeit nicht geschickt erscheint.
Denn die Geschicklichkeit führt auf die Dauer zu Kleinlichkeit.
Ich habe drei Schätze,
die ich schätze und hüte:
Der eine ist die Liebe,
der zweite ist die Genügsamkeit,
der dritte ist die Demut.
Die Liebe macht, dass man mutig sein kann,
die Genügsamkeit macht, dass man weitherzig sein kann,
die Demut macht, dass man fähig wird zu herrschen.
Heutzutage ist man mutig unter Preisgabe der Liebe,
weitherzig unter Preisgabe der Genügsamkeit,
den andern voran unter Preisgabe der Demut:
das ist der Tod.
Denn die Liebe siegt im Kampfe,
ist fest in der Verteidigung.
Wen der Himmel retten will,
den schützt er durch die Liebe.

Le chien andalou

Le chien andalou - ein surreales Meisterwerk von Salvador Dalí und Louis Buñuel aus dem Jahre 1929. Die Bilder sind traumhaft, scheinbar unzusammenhängend, verstörend, nichts erscheint logisch, angefangen beim Titel. Doch seht selbst…

„Der Film erzielte die von mir erwarteten Resultate. Er machte an einem einzigen Abend zehn Jahre pseudointellektuellen Nachkriegsavantgardismus zunichte. Dieses schändliche Zeug, das man abstrakte Kunst nannte, fiel uns auf den Tod verwundet vor die Füße, um nie wieder aufzustehen, nachdem sie gesehen hatten, wie das Auge eines Mädchens von einer Rasierklinge durchschnitten wird. In Europa war kein Platz mehr für die manischen kleinen Rechtecke von Herrn Mondrian“ (Dalí)

Freitag, 16. Januar 2009

Digitale Evolution

www.last.fm/user/LevyShoemaker

Montag, 22. Dezember 2008

Wir haben die Musik


Wieder einmal fing alles an mit diesem Klopfen an der Tür,
das selten Gutes verspricht, aber Geschichten garantiert.
Es war mitten in der Nacht und draußen stand eine Frau,
drei Meter groß und schüchtern, traurig und grau.
Sie sagte " Du kennst mich nicht - doch ich kenn Deine Lieder,
hab sie alle gehört und Du erzählst immer wieder,
daß niemand wirklich allein ist und dass Du mich verstehst,
und jetzt bin ich hier und hoff ich muss nicht gleich wieder gehn!
Ich bin zu groß - ich pass nicht in meine Familie,
und kann nicht aufhören, sie zu hassen nur weil sie mich nicht lieben.
Auch Freunde mit denen ich reden könnte hab ich keine,
und wenn ich ehrlich bin : am liebsten würd ich bei Dir bleiben !"
Nicht aus Prinzip, sondern weil ich sie irgendwie mochte,
sagte ich erst " bück Dich und komm rein !" und dann, was ich wirklich dachte:
"Du wirst ziemlich bald merken, ich bin nur ein Idiot von vielen
UND ich werd mich immer klein neben Dir fühlen !"
darauf sie: "Bei uns ist das egal, denn wir haben die Musik!"
Langer Rede kurzer Sinn : sie zog bei mir ein
und sie HAT es gemerkt und ich FÜHLTE mich klein,
was uns nicht hinderte, erst Freunde, dann Geliebte zu werden
und alles weitere vorerst unter den Tisch zu kehren.
Wenn wir Sex hatten, dann war sie das Meer
und mal als Wal, mal als Nußschale trieb ich auf ihr umher.
Sie kam wie die Brandung und spülte mich an Land,
wo ich mich in ihren langen, starken Armen wiederfand.
Die Tage vergingen, dann sah ich sie nach ein paar Wochen
immer häufiger verloren in ihrem Frühstück stochern.
Ich wußte, es wird nicht mehr lange dauern bis sie geht,
wenn ihr die Zerrissenheit schon so auf die Stirn geschrieben steht.
Dann eines Morgens sagte sie " ich hab was zu erledigen,
genauer jemanden - um mich von einem ewigen
Schmerz ein für alle mal und für immer zu befreien.
Doch versprich mir vorher eins: Du wirst mir verzeihn..."
Ich sagte: "Geh Du nur und erschieß Deine Eltern,
aber laß Dich nicht erwischen, pass gut auf Dich auf, denn
groß wie Du bist wird es Dir schwerfallen, keine Spuren zu hinterlassen,
also vergiss um Himmels Willen nicht das Denken übers Hassen,
und mach Dir um mich keine Sorgen - ich hab ja die Musik!"
Das Licht am Ende des Tunnels ist kein Licht,
es ist nur ein Spiegel und darin spiegeln sich
unsere Suchscheinwerfer - doch wenn wir uns entfernen,
sehen wir uns nie ins Gesicht und können auch nicht lernen
wer die sind, die in unserer Haut stecken,
weil wir immer nur in allem das andere entdecken.
Wir lieben solche Theorien UND
wir tun alles was wir tun aus irgendeinem Grund.
Sie ging aus dem Haus mit ihrem Seesack auf dem Rücken,
unten an der Tür sah ich sie sich zum letzten mal bücken
Sie ist nie wiedergekommen, doch ich weiß, sie ist da draußen
und sie ist in meinem Herzen: sie ist innen und außen.
Ich setzte mich hin und, wie es so meine Art ist,
tat ich genau das, was Du von mir erwartest:
Ich begann damit, ihr Leuchten im Dunkeln zu beschreiben
und es mir in achtundvierzig Versen einzuverleiben.
Nein: niemand ist allein! Und wir haben die Musik...

(Tom Liwa, 2000)

Freitag, 19. September 2008

Where y'all at ?

Passend zum aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den USA...

Where y'all at (Wynton Marsalis, 2007)

You got to speak the language the people
Are speakin'

Specially when you see the havoc it's wreakin'
Even the rap game started out critiquin'
Now it's all about killing and freakin'

All you '60s radicals and world beaters
Righteous revolutionaries and Camus readers
Liberal students and equal rights pleaders
What's goin' on now that y'all are the leaders

Where y'all at? (That's what I'm talkin' about)
Where y'all at? (Where y'all at?)
Where y'all at?
Where y'all at? (Lord have mercy)

Don't turn up your nose
It's us that's stinkin'
And it all can't be blamed on the party
Of Lincoln
The left and the right got the country sinkin'
Knocked the scales from Justice hand and
Set her eyes a-blinkin'

All you patriots, compatriots, and true
Blue believers
Brilliant thinkers and overachievers
All you "when I was young
We were so naïve'ers
Y'all started like Eldridge and now
You're like Beaver

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

We supposed to symbolize freedom and pride
But we got scared after King and the
Kennedys died
We take corruption and graft in stride
Sittin' around like owls talkin' 'bout "WHO?
Who lied?"

All you po' folks victims of rich folks game
All you rich folks gettin' ripped off in the
Same name
All you gossips cacklin' "It's a dirty shame"
And whistle blowers cryin' 'bout who's to blame

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

Well, it ain't about black and it ain't about
The white
They'll get together to make your pocket light.
When you just keep on payin' do your jaws
Get tight?
Taxes, that's your real inalienable right

All you afro-wearers and barbershop experts
Cultists, sectarians, political disconcerts
Big baggy pants wearers with the long
White T-shirts
The good man that counter what the
Bad man asserts

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

After 9/11 the whole world
Was ready to love us
Now everybody can't wait to rub us
We runnin' all over the world with a blunderbuss
And the Constitution all but forgot in the fuss

All you feminists and mothers, fathers
And brothers
I guess you'd pimp your daughters if you
Had your druthers
All you "It's not me" it's always others
You watch the crimes, you close your shutters

Folks watchin' Fox and CNN News
Seekin' a cure for the Red, White, and Blues
Well, it won't matter which side you choose
If we end up payin' international dues

All you "In my day it used to be" frauds
All you "So what"s and "Leave it to the Lawd"s
All you "I'll just deal with whatever cards"
All you extend adolescent American Bards

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

aus: From the Plantation to the Penitentiary, 2007 (in voller Länge bei last.fm)

Donnerstag, 18. September 2008

High Fidelity Teil 4



Heute: Gitarrensongs mit Überlänge

5. Savoy Grand - Change is an engine: Reduktion, Entschleunigung, Sanftheit und Räumlichkeit sind die Prinzipien dieser englischen Band. Und "Change is an Engine" verkörpert alle Stärken dieser extrem langsamen Musik, die sich Stück für Stück in den Gehörgang fräst.

4. Logh - Thieves in the palace: Mit ihren letzten Album "North" lieferten Logh ihr melodiösestes Meisterstück ab und entfernten sich endgültig von den kühlen, kargen, instrumental geprägten Klanglandschaften der ersten Alben. Was sie dennoch von vergleichbaren Bands unterscheidet ist ihre Fähigkeit, auch über acht Minuten ein schlüssiges, eingängiges und keineswegs aufgeblasenes Kleinod zu erschaffen, an dem keine einzige Note und keine einzige Zeile unnötig erscheint. Und so verbindet dieses Stück, das im Internet leider nirgends verfügbar ist, die Ursprünge der Band im Postrock mit der neuen Lust an klassischen Songstrukturen und Melodien.

3. Long Distance Calling - Fire in the mountain: Im April dieses Jahres hatte ich das Glück, auf dem exzellenten Roadburn-Festival in Tilburg/NL Bekanntschaft zu machen mit dieser noch sehr jungen deutschen Postrockformation, die alle Tugenden dieses Genres verkörpert, und von denen in Zukunft noch einiges zu erwarten ist. Fire in the mountain war der erste Song der Münsteraner überhaupt - und schon der hat es in sich. Langsam, aber heftig entwickelt sich, unterstützt von einem exzellent auf den Punkt spielenden Drummer. eine Gitarrenwand, die gnadenlos vom Hörer Besitz ergreift.

2. Sonic Youth - Trilogy: Die 14minütige Trilogy (im Internet leider nur in seinen einzelnen Teilen verfügbar) bildet den Abschluss von Daydream Nation. Wer sich mit diesem für SY-Verhältnisse recht eingängigen Werk nie so recht hat anfreunden können, der wird mit dem opulenten Noise des letzten Songs definitiv entschädigt. Die ersten beiden Teile übernimmt Thurston Moore, der mit "The Wonder" zunächst schnell beginnt, um dann mit "Hyperstation" das Tempo herauszunehmen und einen repetetiven, hypnotischen Noise aufzubauen, der schließlich in den letzten zweieinhalb Minuten durch Kim Gordons punkiges "Eliminator Jr." gnadenlos zerstört wird. Grandios!

1. Mogwai - Take me somewhere nice: Wer jung und männlich ist und aus einer so hässlichen, regnerischen Stadt wie Glasgow stammt, muss wohl entweder seine Zeit in Pubs & Fußballstadien verbringen - oder er gründet eine Band. Die Herren von Mogwai haben sich glücklicherweise für letzteres entschieden und beglücken uns nun seit mehr als zehn Jahren mit ausufernden, meist instrumentalen Klanglandschaften. "Take me somewhere nice" ist eines der wenigen Stücke, das sich ausgewählter, aber kaum verständlicher Worte bedient, wobei sich die Stimme wie ein weiteres Instrument einfügt und unterordnet und somit den Sinn des mysteriösen Textes mehr verschleiert denn offenbart. In den sieben Minuten dieses Stückes , das sich auf einem der schwächsten Alben der Band befindet, passiert eigentlich recht wenig. Aber das wenige, das passiert, ist mit das Intensivste und Atmosphärischste, was diese sich stets neu erfindende Band je geschaffen hat.

Samstag, 16. August 2008

Right Where it Belongs

Nine Inch Nails - Right where it belongs (2002)

See the animal in his cage that you built,
Are you sure what side you're on?
Better not look him too closely in the eye,
Are you sure what side of the glass you are on?
See the safety of the life you have built,
Everything where it belongs
Feel the hollowness inside of your heart,
And it's all... right where it belongs

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you think you know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is it all you want it to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

What if all the world's inside of your head?
Just creations of your own
Your devils and your gods all the living and the dead
And you're really all alone
You can live in this illusion,
You can choose to believe.
You keep looking but you can't find the woods,
While you're hiding in the trees

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you used to know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is that all you want to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

Mittwoch, 9. Juli 2008

Jungfernflug

Long Distance Calling spielen Postrock vom feinsten, live eine ziemlich mitreißende Band, auf Platte etwas gezügelter, das physische Element fehlt einfach, kommt dank exzellenter, punktgenau präsenter Spielweise nahezu ohne Worte aus...

Donnerstag, 3. Juli 2008

En passant

Ursprüngliche Ruhe, Wasser -
keine Menschen, trockne Erde,
und ein irrer, warmer Wind,
der mir fährt durch dünnes Haar.

Dann wieder Lärm und Straßenstaub,
einzeln Lachen, Sonnenstrahlen,
doch die Luft sie riecht nach Fäulnis,
das Licht ist seltsam irreal.

Lauter laute Lärmewesen,
ohnmächtiges Krächzen, Stöhnen,
fern ein monotones Schlagen,
hässliche Fratzen noch und nöcher.

Ein einzig Jammern, Wehen, Klagen,
Busse voller Schnauzbartträger,
Gestank von ungewaschnem Haupt,
wohin mit all dem fahlen Staub?

(28/6/2008)

Samstag, 14. Juni 2008

Electric Junk

Dekonstruktivismus? Orientierungslosigkeit? Oder doch nur exzessiver Drogenkonsum? Was Guru Guru 1973 darboten, ist nicht leicht einzuordnen. In den 70er Jahren entstand der wenig aussagekräftige Ausdruck Krautrock, der für die Experimentierfreude jenseits popkultureller Schubladenso unterschiedlicher deutscher Bands wie Neu!, Amon Düül, Kraftwerk, Grobschnitt, aber auch Tangerine Dream stand.

Anfang dieses Jahres hatte ich die Ehre, einem Auftritt der aktuellen Band des ehemaligen Guru Guru-Drummers beizuwohnen, was einen extrem verstörenden Eindruck auf mich hinterließ. Von jeglichen Strukturen befreit spielte Acid Mothers Guru etwas mehr als anderthalb Stunden einen dreckigen Jam.

Nahezu alle musikalischen Grenzen sind inzwischen gesprengt, Eklektizismus allenthalben. Gibt es nur noch Variationen der Wiederkehr des immer Gleichen? Kann ein Musiker heute noch ähnlich Revolutionäres bewirken? Was kann Musik heute überhaupt noch bewirken? Ist sie nicht längst verkommen zu einem wertlosen Wegwerfprodukt, unreflektiertem Konsum? Oder bietet vielmehr gerade die neue digitale Welt ungeahnte Experimentiermöglichkeiten dank nie dagewesener Unabhängigkeit von der nicht mehr zeitgemäßen Musikindustrie?

Überhaupt: welche Rolle kann Musik noch spielen? Massen zu bewegen gelingt ihr nur noch äußerst selten, und wenn, handelt es sich dabei nicht um eine höchst fragmentierte, atomisierte Ansammlung von Individuen? The times they are a-changin, oder was?

Freitag, 6. Juni 2008

Mephistopheles

The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

Dienstag, 3. Juni 2008

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke)

Dienstag, 27. Mai 2008

Sozialdemokratie


"Der eigentümliche Charakter der Sozial-Demokratie faßte sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung innerhalb der Grenzen des Kleinbürgertums. Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen Repräsentanten nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie können ihre Bildung und ihrer individuellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben."


aus: Marx, Karl: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte (1852), S. 141f.

Montag, 12. Mai 2008

Vom Chinabild der Medien

Angesichts der tibetischen Proteste schien die bundesdeutsche Presse wie gleichgeschaltet. Täglich aufs Neue wurde über die Grausamkeit des brutalen chinesischen Unterdrückungsregimes berichtet. Ein Urteil schien schnell gefällt: China auf der Anklagebank.


Der immanente Widerspruch in der moralisierenden westlichen Berichterstattung ist und bleibt die Doppelmoral mit der Opfer- und Täterschemata vermischt werden. Denn wir erinnern uns: die Vorfälle der vergangenen Monate begannen mit einem Gewaltausbruch von Tibetern gegen Han und Hui, vorwiegend Händler. Ein wütender Mob zog brandschatzend durch die Straßen Lhasas, etliche unschuldige Hui und Han ließen dabei ihr Leben. Die Bilder aus Lhasa ließen eher Erinnerungen an Clichy-sous-Bois als an Tiananmen aufkommen. In den deutschen Medien fand dies allerdings, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung. Stattdessen schoss sich die Presse auf die chinesischen Sicherheitskräfte ein. Tibet sei eine chinesische Kolonie, besetzt und in jeglicher Hinsicht unterdrückt.


Allerdings: Tibet ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert Teil von China. Lediglich während der turbulenten Jahre des Bürgerkriegs und der Selbstfindung zwischen 1913 und 1950 war Tibet wirklich autonom, wenn auch von keinem Staat der Welt anerkannt. Was gemeinhin als Besatzung von Tibet bezeichnet wird - der Einmarsch der Volksbefreiungsarmee anno 1950 - war nicht weniger als eine militärische Wiederangliederung eines schwer zugänglichen und deshalb in den Kriegswirren vergessenes Stück Land.


Das "alte Tibet" umweht allerdings eine solch starke Mystik, dass eine objektive Berichterstattung darüber nahezu unmöglich erscheint. Die publizierte Meinung schwankt dabei stets zwischen einer Glorifizierung des weltentrückten Gebirgsreiches als mythisches "Shangri-La" und der Dämonisierung als feudales, mittelalterliches Sklavensystem. Dass aus dem alten Tibet kaum säkulare Schriften überliefert sind, dafür aber umso mehr Reiseberichter westlicher wie östlicher Provenienz existieren, macht eine Bewertung der Lage kaum einfacher. Wirklich objektive Berichte über das Leben existieren wenige und so werden stets aufs Neue Bilder konstruiert.


Der Buddhismus, insbesondere dessen tibetische Variante, scheint zudem die letzte, unhinterfragbare Religion zu sein. Um auch nur einen kritischen Artikel über die alles andere als paradiesisch anmutende Herrschaft der Dalai Lamas im alten Tibet - oder gar seine Heiligkeit Tenzin Gyatso, muss man die ach so kritische deutsche Medienlandschaft schon sehr sorgfältig durchforsten. Es gilt als unerwünscht, kritische Fragen über den Friedensnobelpreisträger zu stellen. Wer dies tut, läuft Gefahr, ins politische Abseits zu geraten, wie Christiane Schneider, die im Hamburger Parlament daran erinnerte, dass die Weltgemeinschaft mit politischen Religionsführern keine all zu guten Erfahrungen gesammelt hätte.

Viel zu lesen war auch von der Unterdrückung der tibetischen Kultur, der Dalai Lama verstieg sich gar zu der Aussage, Bejing betriebe "kulturellen Völkermord". Nicht von der Hand zu weisen sind natürlich die Veränderungen traditioneller tibetischer Lebensformen als Resultat der Öffnung der Region sowohl für in- und ausländische Touristen als auch für Investitionen – was die meisten Tibeter auch nicht prinzipiell ablehnen. Vor allem Lhasa hat sich in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug wirtschaftlich erfolgreicherer Han stark verändert. Nur schaffen die neuen Möglichkeiten eben auch neue (v.a. ökonomische) Disparitäten, und diese scheinen wohl viel mehr Ursache der Unruhen zu sein als eine wie auch immer geartete kulturelle Unterdrückung.


Wenig bis überhaupt nichts zu lesen war dagegen von den Fortschritten, die dank chinesischer Hilfe in Tibet erreicht wurden: der Verbesserung des Lebensstandards (die Autonome Provinz Tibet ist nicht mehr ärmste Provinz Chinas), dem Bau von Krankenhäusern und Schulen, den Infrastrukturmaßnahmen, der Befreiung von jeglichen Steuern, der Bevorzugung von Tibetern (wie allen übrigen Minderheiten) im Hochschulsystem. Tibet ist dank der chinesischen Führung in der Moderne - mit all ihren positiven und negativen Begleiterscheinungen - angekommen. 81 Prozent der Kinder in Tibet besuchen inzwischen eine Schule, während dies im alten Tibet nur einer verschwindend geringen Minderheit möglich war. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt heute bei 67 Jahren, während im alten Tibet nur wenige das vierzigste Lebensjahr überschritten haben. Und nicht zuletzt verzeichnete die tibetische Bevölkerung einen sprunghaften Zuwachs – schließlich ist sie (wie alle Minderheiten im Vielvölkerstaat) von der Ein-Kind-Politik ausgeschlossen, so dass sie sich in den letzten fünfzig Jahren auf 2,5 Millionen verdoppelte. Alle offiziellen Zahlen sind natürlich nur unter Vorbehalt zu genießen…


Von alldem war in den großen Leitmedien der Republik wenig bis gar nichts zu lesen. Die Journalisten dieses Landes sollten sich selbstkritisch fragen, weshalb sie von alldem nicht ausgewogen berichten und stattdessen lautstarkes China-Bashing betreiben. Denn damit ist weder dem Westen, noch China und schon gar nicht den Tibetern geholfen…



P.S. Einen sehr treffenden Artikel zur selben Thematik gibt es von Altbundeskanzler Helmut Schmidt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zu lesen: Tibet als Prüfstein

Freitag, 25. April 2008

Third


Lang musste der geneigte Hörer warten, beinahe hätte er sie schon abgeschrieben. Aber elf Jahre nach dem letzten, selbstbetitelten Studioalbum und neun Jahre nach dem requiemartigen Livealbum Roseland NYC haben sich die Englander von Portishead doch noch einmal aufgerafft.


„Third“, so der reichlich profane (und mit einem ziemlich hässlichen Cover versehene) Titel des Werks, hat dabei ein schweres Erbe anzutreten, denn es steht im Schatten zweier grandioser Alben, die für sich jeweils den Zeitgeist trafen und doch zugleich zeitlos blieben. Der Erstling „Dummy“ war so etwas wie der Startschuss für die kurze Hochzeit des Trip Hop Mitte der Neunziger – ein klinischer Sound, kalt, düster und distanziert – tief, aber dennoch tauglich als Hintergrundmusik für den gepflegten Small Talk. Von „Portishead“, dem schwierigen zweiten Album ließ sich dies nur noch schwerlich behaupten, der Sound wurde noch ein gutes Stückchen düsterer, abgründiger, schleppender und besser. Es war ein Abgesang auf den zur Formel gewordenen Trip Hop und zugleich ein Abgesang auf Beth Gibbons & Co. Danach konnte erstmal nichts mehr kommen – und das mit einem Orchester eingespielte Livealbum „Roseland NYC“ glich daher auch einem Todesseufzer.


Viel wurde schon im Vorfeld über „Third“ spekuliert und berichtet. Eine Herausforderung solle es sein für die alten Fans, schwer zugänglich und fast ausschließlich mit Instrumenten, dafür gänzlich ohne Samples produziert. Und beim ersten Hören stellt sich durchaus ein etwas ungewohntes – für Kenner des Soloalbums von Beth Gibbons & Rustin Man „Out of Season“ jedoch nicht ganz unbekanntes – Gefühl ein. Denn von der Atmosphäre der folkigen, unzeitgeistigen Zusammenarbeit der Portishead-Sängerin und des Bassisten von Talk Talk profitiert „Third“ ungemein.


In der Tat hat sich einiges getan im Portishead-Kosmos, und dennoch atmet „Third“ in jeder Note den Geist von Portishead. Alte Qualitäten verbinden sich mit einem organischeren, rockigeren Sound. Der Ansatz, weg von den Samples und hin zu echter, dynamischer Musik als Band wirkt sehr schlüssig. Das Spektrum an Klängen hat sich beträchtlich erweitert und schafft auf voller Albumlänge eine hypnotische, düstere Atmosphäre, die zum konzentrierten, aufmerksamen Hören, zum Versinken und sich Verlieren einlädt. Das Spektrum reicht dabei von zerbrechlichen Folksongs à la „Deep Water“ bis zu aggressiven, enervierenden Elektrostücken wie „Machine Gun“ oder „We carry on“ – als Hintergrundmusik ist es völlig untauglich, da zu verschroben, gebrochen, anstrengend und schräg.


Mit „Third“ ist einer der relevantesten Bands der Neunziger Jahre eine äußerst lebendige und gute, da in sich schlüssige Platte gelungen, die all jene Lügen straft, die sie lediglich als Zeitgeistphänomen betrachteten. Der geneigte Hörer darf gespannt sein, was da in den nächsten Jahren noch auf ihn zukommen mag, denn Portishead haben beweisen, dass sie immer noch relevant sind…