Samstag, 28. Februar 2015

Ob ich es liebe, weiß ich nicht

Warum man als Linker nicht unbedingt antideutsch sein, sondern für ein gutes Leben hier streiten sollte, erklärte Franz-Josef Degenhardt bereits 1977 in seiner unnachahmlichen Art und Weise. Schon gut drei Jahre ist es nun her, dass der singende Jurist von uns gegangen ist. Eine Stimme, die fehlt.

Dies Land ist unser Land

Ob ich es liebe, weiß ich nicht. Ich lebe hier und lebe gern,
schon weil die anderen Vaterländer auch bloß Vaterländer sind.
Die sind trotz allem ziemlich fremd und sind trotz allem ziemlich fern,
und — weil geschrien hab ich hier in diesem Land nicht nur als Kind;
hineingeschrien in dieses Land wo alles lautlos funktioniert,
die Überwachung und Verwaltung, Todesschuß und Zugverkehr
und wo das Schreien aus Beton und aus Baracken nicht mehr stört,
und wo auch alles seinen Preis hat und der Preis steigt immer mehr.
Und wo die alten Herren neu in alter Phalanx aufgestellt,
mit neuen alten Herren laut nach alten neuen Märkten schrein,
von ihrem Großkotz Deutschland zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt,
ist ihnen bloß der Rest geblieben, zwischen Elbe, Alpen, Rhein.

Dies Land ist unser Land —
So wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land
und wie es kommt, so ist es nicht, wie es mal war.

Der ist in einem Tag durchfahren, dieser abgebhiebene Rest.
Ich fahre gern durch diese schwarz-rot-goldene zweite Republik.
Und abgebhieben ist ja nicht nur dieser Haufen alter Mist,
im Schwarz der Pfaffen, Gold der Händler, gibt‘s das rote Fahnenstück.
Und gibt die lauten bunten Plätze und den Wind vom Wattenmeer,
und diese Brücken über die man immer weiter fahren will
und tausend Tauben Sonntag morgens überm schlafenden Revier,
da ist Amerika noch weit, und manchmal ist es blond und still.
Und hier verstehe ich die Sprüche und den falschen Zungenschlag
und spür im Bauch den Arbeitsrhythmus, hör den Sound der darauf klingt.
Ja — und hier kenn ich die Gerüche zwischen Mitternacht und Tag
aus diesem Land sind meine Lieder, die der Rundfunk nicht mehr bringt.

Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.

Noch spricht man Völkermörder frei und neue Nazis wachsen nach
und die Chemiekonzeme heizen weiter für ein nächstes Mal.
Und gibt Millionen ohne Arbeit, Millionäre gibt es noch,
noch sterben Flüsse, zieht der gelbe, grüne Qualm durchs Gonsbachtal.
Aber auch hier kämpfen Genossen, haben dabei sogar Spaß —
so ganz allein ist man ja nicht in dieser Welt und auch nicht hier,
obwohl der Spaltpilz stinkt und wuchert, aber der wächst ja auch bloß,
wo schon der Boden ziemlich brüchig ist und sauer manches Bier.
So wie es ist, ist es geworden, eben deshalb ändert‘s sich,
in diesem Land; ist schon viel reif trotz alledem ist es noch weit,
und muß verschiedenes passieren — paar Reformen tun es nicht —
wenn unsere Enkel singen sollen: Kein schöner Land in dieser Zeit.

Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.

Ob er dies Land liebt, Rudi Schulte? Der verzieht nur sein Gesicht
so wie er macht, wenn einer labert und von übermorgen spinnt.
Zum Beispiel Jubeln oder Klatschen — so was macht er sicher nicht
wenn FC Bayern gegen Jena 1:0 beim Spiel gewinnt.
Nein — sehr viel Liebes hat dies Land ihm all die Jahre nicht verschafft
So 33 im KZ und daran starb er sogar fast
und 44 war er nochmal in Gestapo-Einzelhaft
und 55 saß er dann in Konrad Adenauer‘s Knast
und 66 die Verhöre, und der Unfall, Atemnot
und ohne Arbeit und die Schatten, wenn er nachts nicht schlafen kann,
und 77 haben seine Enkel ein Berufsverbot
doch 88 — lacht er leise — gilt das noch genauso, Mann:

Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.

Montag, 16. Februar 2015

Earth: Metal mit angezogener Handbremse

Drone Doom – damit sind nicht die verheerenden Drohnenangriffe der US-Armee gemeint. Vielmehr beschreibt es ein musikalisches Genre, das für die Band Earth quasi erfunden wurde. In der Schorndorfer Manufaktur zeigten sie nun, dass sie die Grenzen dieses Genres aber längst gesprengt haben. 

Gleich zwei Vorgruppen aus dem Umfeld der Band aus Olympia, Washington, eröffneten den Auftritt von Earth. Zunächst ein bekanntes Gesicht: Don McGreevy, ehemaliger Bassist der Band, der sich bei diesem Projekt an der Gitarre versucht und zusammen mit Drummer Rogier Smal in Schorndorf eine wilde Jam hinlegte. Zwei zugegebenermaßen gute Musiker, doch vermittelte der Auftritt eher Proberaumatmosphäre, klang so, als hätte die Band noch kein Konzept – oder die Konzeptlosigkeit zum Klangprinzip erhoben. Auch möglich, dass sich irgendwelche Free-Jazz-Reste, für die bei Anthony Braxton die Woche zuvor kein Platz mehr war, hier noch versendeten. 

Ein turbulenter Abend: Von der Strukturlosigkeit zur Präzision

Kaum weniger wild dann auch der Auftritt der Black Spirituals. Faszinierend, wie Drummer Marshall Trammell sein Schlagzeug bearbeitet, malträtiert, den Beat heftig vorantreibt. Ob dieser Höchstleistung läuft ihm der Schweiß dann auch in Strömen über den Krausebart. Schade nur, dass Zachary James Watkins, die andere Hälfte der Band, als Gitarrist dem nichts Entsprechendes entgegenzusetzen weiß. Ziel- und strukturlos jagt dieser seine E-Gitarre durchs Effektgerät. Außer einem konstanten Dröhnen kommt dabei aber nicht sehr viel herum. Watkins hat den Sound der Band in einem Interview mal als „empathische Maschine“ bezeichnet. Etwa mehr Emphase und etwas weniger Maschine hätte den Black Spirituals vielleicht gutgetan.

Ganz anders schließlich Earth. Keine Spur von Strukturlosigkeit ist da mehr zu spüren. Hier scheint alles präzise durchkomponiert, an die richtige Stelle gesetzt und konzentriert auf den Punkt gebracht. Klare Strukturen und keine Improvisationen: Die Musik der drei US-Amerikaner ist angenehm frei von Schnörkeln. Das war nicht immer so. Auch die Wurzeln der Urväter des Drone Doom – einer Kombination aus tieftönendem Metal mit angezogener Handbremse und dröhnender Verzerrung der E-Gitarre – liegen im Experimentellen. Auf den frühen Platten der Band lässt sich das noch nachhören. Da schepperte und dröhnte es noch ziemlich archaisch. Und da bestand ein Album von 74 Minuten schon mal aus ganzen drei Liedern. Wirkliche Strukturen hatte die Band zu Beginn noch nicht gefunden.


Doch spätestens seit Mitte des letzten Jahrzehnts hat Earth den eigenen Sound mit einem engen Korsett festgezurrt, Ecken und Kanten abgeschleift, so dass von Doom und Drone nicht mehr allzu viel übrig blieb und aus dem düsteren Gewand vielmehr eine Art von Postrock-Metal entwich, den so wohl nur Earth spielen. Als „Black Americana“ bezeichnete Gitarrist Dylan Carlson diesen Sound mal in einem Interview.

Gesangslos wie bereits die beiden Vorbands schickt die Band das Publikum dann auch auf einen ziemlich straighten musikalischen Weg. Hypnotisch, ja fast meditativ bearbeitet Earth die Instrumente. Besonders beeindruckt dabei Schlagzeugerin Adrienne Davies und ihr sehr eigenwilliger Drum-Stil. Wie eine Dirigentin schwingt sie die Sticks in einer Mischung aus Theatralik und Konzentration in die Höhe, holt weit aus – um schließlich wie mit angezogener Handbremse ihrem Instrument präzise Schläge zu versetzen. Dabei wippt sie mit dem Oberkörper auch in jenen Momenten vor und zurück, in denen das Schlagzeug schweigt, in denen nur Bass und Gitarre ertönen.

Gitarrist Carlson, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, spielt dazu sanft tönend, wirkt dabei aber auch ein wenig hölzern. Ab und an entweichen ihm auf der Bühne szenetypische Gesten, dann reckt er die Gitarre einem Kreuze gleich in die Höhe – oder formt zwischen zwei Songs mit Zeige- und kleinem Finger das Teufelssymbol. Was ziemlich routiniert wirkt bei dem 46-Jährigen, der nun bald 30 Jahre auf der Bühne steht, darüber ziemlich gealtert wirkt und als solides Fundament des Klangkonzepts Earth schlichtweg unverzichtbar ist. Er verkörpert das Gegenteil von Spektakel und vibrierender Unruhe, das die beiden Vorbands aus dem Umfeld der Gruppe so eindrucksvoll, wenn auch wenig überzeugend darboten.

Überraschenderweise steht Don Mc Greevy an diesem Abend übrigens gleich zweimal auf der Bühne. Er nimmt für einen Abend die Position von Bill Herzog ein, der als Bassist bei Earth im Einsatz ist. McGreevy spielt unspektakulär routiniert. Mit Basslinien, die zumeist fast parallel verlaufen zur Gitarre. Es ist ein schnörkellos auf den Punkt gebrachtes Bassspiel.

Doch hierin liegt auch die größte Schwachstelle im Konzept, das Earth seit gut einem Jahrzehnt fährt: Mit eiserner Konsequenz haben sie einen Sound entwickelt, der in seiner Stringenz durchaus beeindruckt. Leider genügt sich Earth aber damit und variiert in knapp zwei Stunden nie das Tempo, die Stimmung oder die Lautstärke – und verlässt nicht für eine Sekunde den eingeschlagenen Weg. Schade.
Sub Pop und Cobain 
Musikalisch groß geworden ist die Band im Umfeld des Grunge. Ihr erstes Label war Sub Pop in Seattle. Kurt Cobain gehört zu den frühen Wegbegleitern von Bandgründer Carlson. Sie waren beste Freunde. Carlson war es auch, der Cobain jene Waffe lieh, mit der er sich schließlich das Leben nahm – ohne von dessen selbstmörderischen Absichten gewusst zu haben.

Samstag, 31. Januar 2015

High Fidelity Teil 6: Konstrukte

Meine Bücher des Jahres 2014:


1. Tristram Hunt: Friedrich Engels
2. Fjodor Dostojewksi: Die Brüder Karamasow
3. Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente
4. Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent
5. Iwan Turgenjew: Visionen und andere fantastische Erzählungen
Belletristik:
Begonnen hat es mit den besten: mit sehr guten Erzählungen von Turgenjew und einer wirklich rauschhaften Lektüre der "Brüder Karamasow". Ein großes Buch, wenn er auch in ihrer Gesamtaussage ziemlich orthodox-reaktionär. Deshalb bleibt "Der Idiot" auch weiterhin mein Lieblingsbuch von ihm.

Dann folgten ein paar durchwachsene Bücher, angefangen bei Gwisdeks verschwurbeltem unsichtbaren Apfel, der mich unschlüssig zurückließ. Vor allem weil ich gegen Ende immer mehr den Eindruck hatte, dass Gwisdek das Buch auf die Schnelle ziemlich planlos überfrachtet hat, um es nach einer intellektuellen Großtat aussehen zu lassen und am Ende logischerweise nur einen halbgaren Ausweg fand. Anschließend H.P. Lovecraft, den ich als zu wissenschaftlich-trocken und überhaupt nicht furchteinflößend empfand. Vielleicht muss man in der Zeit gelebt haben, um das für eine "Horrorgeschichte" halten zu können.

D.B.C. Pierres Drogen-Berlin-Selbstmord-letztes-quasi-religiöses-Rauscherlebnis-erzwingen-Roman begann hingegen großartig. Weil er stellenweise an David Foster Wallace andockte, weil er überraschte, weil es komisch war und geistreich. Am Ende blieb dann aber doch ein leicht fahler Beigeschmack. Wäre mehr drin gewesen, unterhaltsam immerhin. Was die Belletristik anbelangt, kam dann mit "Bullshit nation" der Tiefpunkt, ein wirklich unnötiges Werk.

Besser war dann wieder "Plattform" von Houellebecq, wenn auch eher einer seiner schlechten Romane, dasselbe gilt für Nacht des Orakels für das Werk Paul Austers. Solides Handwerk, mehr nicht. Ödön von Horvaths "Ein Kind seiner Zeit" fand ich wiederum gut und wichtig, genauso wie "Jugend ohne Gott". 

Peter Handkes "Die Stunde der wahren Empfindung" war dann auch schon das letzte Nicht-Sachbuch des Jahres. Ich musste mich stellenweise durchkämpfen und muss es wohl ein zweites Mal lesen, weil es zwar kurz, aber dafür sehr dicht geschrieben war. Typisch Handke eben.

Sachbücher:
Ein Auf und Ab auch bei den Sachbüchern: "Neue Nazis" war durchaus brauchbar für ein kurzes Update über die aktuellen Szeneentwicklungen. Ungleich wichtiger dagegen "The Myth of the Muslim Tide", der aktuelle islamophobe Argumente mit seinen historischen Vorbildern (antikatholisch / antisemitisch) vergleicht und frappierend ähnliche Probleme und Argumente diagnostiziert. In "Arrival City" schlendert Sanders dann panoramaartig durch die Aufnahmestädte der Welt (von Kreuzberg bis Manila), beschreibt die weltweiten Migrationsströme vor allem als eine enorme Landflucht und kommt zu dem verblüffenden Schluss: Das, was ihr als Problemviertel bezeichnet, ist in Wirklichkeit das wichtigste Tor zum sozialen Aufstieg - und es funktioniert fast überall, nur nicht in Deutschland.

Dann "Die letzte Weltmacht": nüchtern-realistischer Blick auf die Weltlage nach dem Ende des Kalten Krieges von einem langjährigen Berater der Amis. Ist von Ende der 90er und prognostiziert ziemlich vieles ziemlich richtig, unter anderem die Rückkehr der Geopolitik - und dass es auf dem "eurasischen Schachbrett", in der Ukraine, knallen wird.

Gewöhnt süffisant-geistreich sind die kurzen Schlaglichter, die Sloterdijk auf ausgewählte "Philosophische Temperamente" wirft. Ein seltenes Zusammentreffen von Kurzweil und Intellekt. Lesenwert auch der nüchterne Blick auf die Roma von Mappes Niedek.

Wirklich groß dann die Engels-Biografie von Tristram Hunt. Man wäre zu gerne Zeitgenosse dieses Mannes gewesen, in dessen Haus jeden Abend bis spät in die Nacht gesoffen wurde, dabei geistreiche Gespräche stattfanden, der stundenlange Korrespondenzen mit Intellektuellen ganz Europas geführt hat, ungemein sprachgewandt war, zeitlebens Marx durchfütterte, seine Texte redigierte, ergänzte, mit Ideen füllte, und nebenbei auch noch ein Unternehmen führte. Kaufen!

Zwiespältig dann die Lektüre von "Nüchtern" (Daniel Schreiber). Zweifellos ein kluger Kopf, der da über seinen jahrzehntelangen Alkoholismus schreibt. Keine Predigt an die Nüchternheit, da schreibt jemand reflektiert und mit Demut. Aber man fühlt sich halt an vielen Stellen selbst ertappt...

Wolfgang Pohrts "Das allerletzte Gefecht" wiederum kann sich absolut sparen, wer nicht selbst einmal überzeugter Kommunist war. Eine bitterböse Abrechnung mit der radikalen Linken, die seltsamerweise im wahrsten Sinne des Wortes theatralisch endet. 

Schließlich "Der taumelnde Kontinent": Ein geistreiches Buch über die Jahre 1900 bis 1914, das den Versuch unternimmt jenseits von Herrschaftsgeschichte die Stimmung in Gesellschaft und Kultur wiederzugeben ohne den Blick auf die aus unserer Sicht unvermeidliche Katastrophe zu richten. Was zwar nicht gelingen kann, aber auch noch in seinem Scheitern lehrreich und lesenwert ist. 

Donnerstag, 1. Januar 2015

Vorsätze


(Woody Guthries zeitlos gültige Neujahrsvorsätze von 1942)

Sonntag, 21. Dezember 2014

Peter Licht und der Kapitalismus, der alte Schlawiner

Der Sprachkünstler unter den Popmusikern dieses Landes gastierte kürzlich in der Schorndorfer Manufaktur. Und irritierte so manchen Besucher mit sparsamer Instrumentierung, szenischen Lesungen und einem wunderbar selbstironischen Umgang mit dem eigenen Werk.

„Sag mir, wo ich beginnen soll“, fordert Peter Licht, sein neustes Buch in der Hand haltend, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Wir sollten so beginnen: Wir singen die Freiheit, wir singen die Möglichkeiten, wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung, die tatsächlich sich erfüllt und die Trauer, die tatsächlich da ist.“ In diesen wenigen Zeilen, mit denen der Kölner das Konzert einläutet, steckt bereits alles, was das Werk des Musikers, Theatermachers und Autors kennzeichnet: Das Wechselspiel von Ernst und Ironie, von Dadaismus und Gesellschaftskritik sowie das Wortmächtige, Listen- und Skizzenhafte seiner Gedanken.

Worte, sorgsam abgewägt, hin- und hergedreht und wieder neu zusammengesetzt bilden schließlich den Kern seiner Arbeit. Weil Worte eine so entscheidende Rolle spielen, lässt er seinen Auftritt auch konsequenterweise mit einer Lesung aus seinem neusten Werk „Lob der Realität“ beginnen. Mit einer Hymne an die freie Welt: „Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie.“ Mehr als zehn Minuten muss das Publikum zunächst Zeilen wie diesen zuhören, am besten sehr konzentriert zuhören, denn die Texte, die Peter Licht rezitiert, sind sehr dicht geschrieben. Weil es sich hierbei eben gerade nicht um die wackeligen Versuche eines Musikers handelt, der unbedingt auch mal was zwischen zwei Buchdeckeln packen wollte.

Nein, Peter Licht hat sich nicht nur in der Theaterwelt ein Namen gemacht. Bereits 2003 startete er das Theaterprojekt „Karoshi. Tod durch Überarbeitung“, 2006 dann „Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang“ – beide Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Auch für die Literaturkritik gilt er spätestens seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2007 als ernstzunehmender Autor. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ hatte damals sowohl die Jury wie das Publikum überzeugt.

Ein Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist dabei stets die mal subtile, mal plakative, mal wiederum ironisch-distanzierte Kritik am Kapitalismus, den er als „alten Schlawiner“ bezeichnet – immer kombiniert mit einer gesunden Portion Selbstironie. Mit dem Aufruf „Begrab dein iPhone an der Biegung des Flusses“ beginnt dann auch der musikalische Teil des Abends. Und der gestaltet sich überraschend ruhig und reduziert. Brachte bei seinem letzten Auftritt in der Manufaktur noch eine druckvolle Band die Besucher zum Tanzen, so war an diesem Abend die Atmosphäre eher intim: Peter Licht und seine Gitarre – lediglich sanft begleitet von seinem Pianisten und Schlagzeuger Tobias Philippen – spielten die Songs so leise und aufs Wesentliche reduziert als würden sie gerade ein Wohnzimmerkonzert geben.

Dass der Künstler seine Stücke nicht mehr so druckvoll auf der Bühne präsentiert wie einst, hatte sich bereits auf seinem aktuellen Livealbum angedeutet, das zusammen mit dem Buch „Lob der Realität“ erschien und auch denselben Titel trägt. Doch mit einer so gedämpften musikalischen Darbietung hat wohl kaum jemand im Publikum gerechnet – und damit so manche Erwartungen enttäuscht.

Das Publikum macht sich Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Entsprechend hoffnungsvoll stimmte er die Besucher, als er nach einer halben Stunde einen Wechsel ankündigte, um dann eine Sitar auszupacken und zu den einschläfernden Klängen der indischen Langhalslaute über Leichen zu fabulieren, die am Neckarufer verbrannt würden. Nur um das Publikum schließlich auf „Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ einzustimmen. Ein Klassiker im Bühnenrepertoire des Künstlers, der aber nichts an Charme verloren hat. Und Peter Licht schafft es tatsächlich, dass sein Publikum, von Sitarklängen begleitet, minutenlang den Refrain trällert.

Von da an nimmt der Abend einen heiteren, fast kabarettistischen Verlauf. Dabei nimmt der Künstler sich und seine Songs dann auch selbstironisch in die Mangel, legt seine Gitarre beiseite und beginnt ungelenk auf der Bühne zu tänzeln. Nebenher dekonstruiert er seine Popsongs, macht aus „Meine alten Schuhe (Die große Sonne verbrennt das ganze Geld)“ einen leichtfüßigen Bossa Nova und huscht über Hits wie den „Safarinachmittag“ einfach gnaden- und respektlos hinweg. Zwischendrin schnappt sich der Künstler dann wieder sein neustes Werk und liest daraus eine lakonische Geschichte. Das ergibt in der Summe einen so charmant unprätentiösen Auftritt, dass man es Peter Licht gerne verzeiht, dass er sich immer wieder in seinen eigenen Texten verhakt, Textzeilen vergisst und das mit der Kritik an dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner, am Ende vielleicht doch eher als symbolisches Sprachspiel versteht.

Dienstag, 9. Dezember 2014

DBC Pierre: Die letzte Party vor dem Untergang

Bereits im letzten Jahr erschienen, doch von der Kritik zu Unrecht übersehen, ist „Licht aus im Wunderland“, der dritte Roman des Booker-Preisträgers DBC Pierre.

In Australien geboren und in Mexiko aufgewachsen, versuchte sich der Schriftsteller zunächst als Filmemacher. Anhaltende Erfolglosigkeit, massiver Drogenkonsum und ein riesiger Schuldenberg führten jedoch zum Zusammenbruch mit Ende 20, gefolgt von Drogenentzug, psychiatrischer Therapie und Arbeitslosigkeit. Das Akronym DBC – das für „Dirty but Clean“ steht – gab sich der vor gut 50 Jahren als Peter Finlay in Australien geborene Schriftsteller, nachdem er mit 37 Jahren schließlich seine Drogensucht überwand. Seine literarische Tätigkeit ist insofern auch ein Stück weit Therapie.

Das entfernt autobiografische „Licht aus im Wunderland“ ist nun nicht weniger als ein Abgesang auf den Kapitalismus, der sich in dem Roman von seiner dekadenten, hedonistischen Seite, aber durchaus auch mit Witz zeigt. Gabriel Brockwell, der 25-jährige Protagonist des Romans, ist Engländer, links sozialisiert, dem Rausch nicht abgeneigt und von seinem Leben reichlich desillusioniert. Er beschließt, noch einmal in den Limbus zu gehen, sprich: die Synapsen mit allerlei Genussmitteln tanzen zu lassen, einen „letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit” zu wagen. Um sich dann endgültig von dieser trostlosen Welt zu verabschieden. In Berlin – wo sonst?

Nach seinem Ausbruch aus einer englischen Drogenklinik begibt sich der Protagonist auf eine besinnungslose, letzte Flucht, die ihn zu seinem Jugendfreund Smuts führt. Der arbeitet als Sternekoch in Tokio, wo er in regem Kontakt zur Unterwelt steht. Als er einem Yakuza-Chef giftigen Kugelfisch zubereitet, geht allerdings etwas schief. Und Smuts Schicksal liegt plötzlich in Gabriels Händen. Eine apokalyptische Endzeitparty auf dem Berliner Tempelhof-Gelände, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll, könnte seinen Freund noch retten – wenn Gabriel nicht bluffen würde, was seine angeblichen hochkarätigenVerbindungen ins Berliner Nachtleben angehen würde. In Wahrheit hat er die Stadt nämlich seit Ende der 80er nicht mehr gesehen. Und nur den Namen einer Lokalität im Kopf, die schon lange nicht mehr existiert. Sein Rettungs-Trip nach Berlin, die den größten Teil der Geschichte einnimmt, wird zu einem Wiedersehen mit einer Vergangenheit, die es nie gab.

Das ergibt in der Summe eine so absurd-komische wie gesellschaftskritische Geschichte, die einen erzählerischen Sog entwickelt, der sie viel kürzer erscheinen lässt, als es die 384 Seiten vermuten lassen. In stilistisch teilweise brillanten Worten beschreibt DBC Pierre eine Welt, in der nur noch die Entgrenzung Sinn verspricht, und selbst die einen am Ende verrät. „Der Profit hat das Spiel gewonnen, dabei aber wie ein Infekt seinen Wirt getötet“, schreibt DBC Pierre an einer Stelle des Buches. Das erinnert stellenweise an den genialen David Foster Wallace – ohne jedoch vergleichsweise sperrig, detail- und fußnotenversessen zu sein. „Licht aus im Wunderland“ schillert kurzweilig zwischen persönlich-tragischer Allegorie, Berlin-Roman und Kapitalismus-Satire. Uneingeschränkt empfehlenswert.

„Licht aus im Wunderland“, DBC Pierre, 384 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3746629353

Montag, 8. Dezember 2014

Robert Gwisdek: Reisen durchs Bewusstsein

Robert Gwisdek dürfte manchem Kinogänger bereits als Schauspieler bekannt sein aus Filmen wie „Irren ist männlich“, „NVA“ oder „Neue Vahr Süd“. Und den Konzertgängern vielleicht als Frontmann der inhaltsschweren Indie-Rap-Gruppe Käptn Peng & die Tentakel von Delphi. Nun hat der 30-jährige Berliner als Romanschriftsteller debütiert.

Er hätte es sich dabei leichtmachen und kommensurable Pop-Literatur produzieren können. Gwisdek entschied sich stattdessen für ein sehr forderndes Debüt, eines, das den Leser bisweilen auch überfordert.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Igor, der Welt mit Staunen und Unverständnis gegenüberstehend, stattdessen lieber innere Welten erkundend, sich gesellschaftlich eher am Rande bewegend. Als der einzige Mensch stirbt, der ihm nahe stand, zieht Igor sich komplett ins Innere zurück und startet ein Experiment: 100 Tage in einem völlig abgedunkelten Raum. Es folgt eine Reise durchs Bewusstsein, durch innere Parallelwelten. Diese Reise ins Innere des Protagonisten bricht mit linearen Erzählweisen und spielt mit unterschiedlichen Vorstellungsebenen.

Gwisdeks Protagonist trifft dabei unter anderem auf den Tod und das Nichts, begegnet dem seltsamen Volk der K und durchläuft ein skurriles, kafkaeskes Gerichtsverfahren. Das alles spielt sich in einem riesigen undurchdringbaren Gebäude mit eigenen Regeln statt. Dabei ist viel von Dreiecken und Kreisen die Rede – Symbole für Endlichkeit und Unendlichkeit. In einer zentralen Stelle des Buches versucht Igor dann einen Kreis zu zähmen. Was im Inneren des Protagonisten stattfindet, bleibt bis zuletzt ein Stück weit rätselhaft.

Wahrlich kein leichter Stoff, den Robert Gwisdek seinen Lesern da zumutet. Das in einem zweimonatigen Schreib-Rausch verfasste Werk reiht sich in eine lange Tradition fordernder Literatur über die Krise des eigenen Ich. Wer mit der Lektüre von Franz Kafka oder E. T. A. Hoffmann vertraut ist, deren Spuren unzweifelhaft in dem Roman zu finden sind, dürfte daher auch mit den teils kryptischen Formulierungen Gwisdeks etwas anfangen können. Ein durchaus gelungener Debütroman von einem Autor, den man unbedingt im Auge behalten sollte.

„Der unsichtbare Apfel“, Robert Gwisdek, 368 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-462046410

Freitag, 5. Dezember 2014

Real existent


Wolfgang Pohrt ist ein so streitbarer wie umstrittener Vertreter der so genannten undogmatischen Linken. In seiner Streitschrift "Das allerletzte Gefecht" zeigt sich der Sozialwissenschaftler nun desillusioniert ob der historischen Möglichkeit eines Kommunismus. Er schreibt:

"Ob sie von Anfang an nichts anderes haben sein können oder ob sie erst am Ende sich als das erwiesen: Die Volksrepublik China und die Sowjetunion waren Versuche, einen großen Sprung nach vorne aus dem Mittelalter in die Neuzeit mit Versatzstücken aus dem Fundus kommunistischer Theorie zu organisieren und zu kostümieren, ihr Sozialismus bedeutete nicht die Aufhebung des Kapitalismus, sondern seine Vorbereitung. Er hat die ursprüngliche Akkumulation in Gang gesetzt, ein Proletariat geschaffen, die Gesellschaft an den Ort geführt, von dem die Westeuropäer und Nordamerikaner aufgebrochen sind."

Marxens Geschichtsphilosophie sei im Grunde eine Hollywood-Schnulze, findet Pohrt inzwischen. Und der Kapitalismus?

"Weil heute alles Kapitalismus ist, verliert der Begriff jeden Sinn, außer man will vorangegangene Gesellschaftsformationen beschreiben. Weil er so sinnlos ist, eignet der Begriff sich so gut für politische Kontroversen. Es ist ungefähr so, wie wenn ein Schwein zu einem anderen Schwein 'Du Schwein' sagt. Dabei fressen doch alle aus dem gleichen Trog, nur manche können besser drängeln. Und das wissen sie ja auch. Sie grunzen sich kräftig an, und dann vertragen sie sich wieder."

Freitag, 14. November 2014

Mittwoch, 5. November 2014

Plattenläden in Stuttgart

Ratzer Records, Second Hand Records, Pauls Musique, Einklang: Eine Doku des Popbüros porträtiert die vier wichtigsten Stuttgarter Plattenläden und ihre Besitzer. 

Montag, 20. Oktober 2014

Zodiac Shit

Große Videokunst von einem der spannendsten Künstler unserer Zeit: Flying Lotus, der wie kein Zweiter Hip Hop, Jazz und Electronica zu mischen versteht. Zum Video: Gezeigt werden - wie der Songtitel ja bereits vermuten lässt - die chinesischen Tierkreiszeichen.

Den Stil von "Zodiac Shit" (aus dem 2010er Album Cosmogramma) hat Steve Ellison mittlerweile hinter sich gelassen und mit You're dead! gerade ein äußerst schillerndes und vielschichtiges Werk veröffentlicht, das die Stilmix-Daumenschraube noch mal ein gutes Stück weiter dreht. Absolut empfehlenswert. 

Sonntag, 28. September 2014

Worte


"Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum...

Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen."

(Paul Auster, Nacht des Orakels)

Foto: György Kepes, Portrait Eva Besnyö, Berlin, Anfang der 1930er Jahre

Mittwoch, 27. August 2014

Historiendrama und Weltraumschlacht

„Wolf 359“ - so heißt das neuste Projekt von Daniel Bubeck und Christian Siglinger. „Komme was wolle“ – unter diesem Motto bietet der Club Zollamt den freien Künsten regelmäßig ein Forum. Eben dort, in den Räumlichkeiten des alten Cannstatter Zollamts, fand nun die Premiere von „Wolf 359“ statt.

Wolf 359, das ist der Name eines schwach leuchtenden Sterns im Sternbild Löwe. Es steht aber auch für den Schauplatz einer vernichtenden Niederlage im Kontext der Science-Fiction-Serie Star Trek. Auf den ersten Blick scheint die Thematik daher zunächst fiktiv und technisch-abstrakt. Das liegt an den digitalen Collagen von Bubeck, die an verfremdete technische Zeichnungen erinnern, die architektonisch, teils futuristisch anmuten – und den Erstbetrachter zunächst im Unklaren lassen. Wenn übermenschlich große Insekten Männerbeine verschlingend über Getreidefelden auftauchen wie bei „All good things must come to an end“. Oder bei „Heaven's Gate“ USB-Kabel, eine zerfetzte Comic-Figur, große Würfel in apokalyptischer Landschaft von geheimnisvollen Augen überwacht werden. Die Collage „Wolf 359“ offenbart schließlich, welche Story hier erzählt wird: die eines prächtigen, fast apokalyptischen interstellaren Schlachtengemäldes.

Eine ganz und gar irdische Schlacht, ein historisches Kriegsdrama, verhandelt dann der Text: Die Seeschlacht von Trafalgar anno 1805 zwischen den Briten und Franzosen während des Dritten Koalitionskriegs. Im Mittelpunkt: Thomas Masterman Hardy, Kapitän der HMS Victory, Spitzname „Wolf“. Ein dichtes, konzentriert geschriebenes und die Collagen von Bubeck gut kontrastierendes Drama im klassisch griechischen Stil, nachzulesen auf der Tischtennisplatte in der Mitte des Raums. Eine Lektüre, die im Kontext der Veranstaltung wohl etwas zu dicht geschrieben ist, an der so mancher Besucher auch scheitern wird. Ein Text, der aber die zweite Lektüre zweifellos Wert ist.
Zu sehen gab es im Zollamt außerdem den Text und die abgründig-schroffen Zeichnungen zu „Ich heiße“, dem gemeinsamen Storybook der Künstler, das bereits zum wiederholten Male an diesem Ort ausgestellt wurde. Viele der rund 50 Besucher – nahezu alle Altersspektren waren dabei vertreten – vertieften sich intensiv in die Lektüre.

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Elektro von DJ Oli Brünemann, Livemusik von Maliph sowie einen charmanten Auftritt des Comedian Andreas Weber.

Ob dystopisch anmutende Entwicklungsgeschichte, Weltraumschlacht oder Historiendrama: die Zusammenarbeit von Bubeck und Siglinger widmet sich vorerst den großen künstlerischen Topoi.

Dienstag, 26. August 2014

Mixtape No. 8: Melancholie und Ungeduld


1. Cursive - Eulogy for no name (2012)
2. La Dispute - King Park (2011)
3. Rodion G.A. - Cantec fulger
4. Ja, Panik - Trouble (2011)
5. Die Sterne - Universal Tellerwäscher (1994)
6. Elliott Smith - Baby Britain
7. Bright Eyes - Method Acting (2002)
8. Sleaford Mods - Tied up in Nottz (2014)
9. Gil Scott-Heron - Me and the devil (2010)
10. Achim Reichel - Der Spieler (1982)
11. Die Goldenen Zitronen - Scheinwerfer und Lautsprecher (2013)

und hier die Youtube-Playlist.


Freitag, 30. Mai 2014

Gegen einen Spötter

Nicht alle nenne echte Helden,
die stets kaltblütig sind.
Warum soll der kein starker Mann sein,
der seine Kinder liebt?
Der Tiger läßt mit seinem Brüllen
den Wind im Tanz erzittern.
Und weißt du nicht, wie viele Male
er nach den Jungen sieht?

(Lu Xun)

Sonntag, 25. Mai 2014

Soul

In memoriam Jason Molina:



Soul

I tell all your friends that
you're bound for glory
and how long did you know
that you'd make it there before me
and what is it like
is it worth this misfortune
what is it like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you

I tell all my friends
that I'm bound for heaven
and if I ain't so
you can't blame me for living
I know what it's like
and it's worth this misfortune
I know what it's like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
(Songs:Ohia, 2004)

Freitag, 28. März 2014

Bohren entschleunigt

Bohren und der Club of Gore zählt zu den Bands, die schon nach wenigen Takten problemlos zu identifizieren sind. Mit ihrer enigmatischen Mischung aus Jazz, Ambient und Doom haben sie quasi ein eigenes musikalisches Universum erschaffen. In der Manufaktur, der sie anlässlich ihres neuen Albums "Piano Nights" einen Besuch abstatteten, präsentierte sich Bohren nun gewohnt entschleunigt und unprätentiös.

Ein paar verschleppte Drums, tiefer, markanter Bass, das unverkennbar fiese Saxophon und Pianoklänge, die sich im Nichts auflösen: Die Musik der Band aus Mühlheim an der Ruhr ist wie geschaffen für die Nacht, für Autobahnfahrten über dunkle, verlassene Großstadtstraßen, funktioniert aber auch vor Publikum. 

Sie erzeugt eine unwirtliche, abgründige Stimmung, dazu läuft die Nebelmaschine auf Hochtouren, der Saal ist komplett abgedunkelt. Mit Taschenlampen schleichen die Musiker auf die Bühne. Ihre Umrisse nur schemenhaft erkennbar. Nichts soll hier von der Musik ablenken, Kopfkino entstehen. Ab und an macht Saxophonist Christoph Clöser ein paar lakonische Ansagen, bezeichnet dann Bohren selbstironisch als „eine der zahlreichen Unterhaltungskapellen aus Nordrhein-Westfalen“. Nach verdammt kurzen anderthalb Stunden und lediglich zwei Zugaben entlässt Bohren das Publikum wieder ins Dunkel der Nacht. Seltsam entschleunigt.

Samstag, 1. März 2014

Howe Gelb, der Anti-Perfektionist

Wie lässt sich ein Künstler fassen, dessen musikalisches Oeuvre seit den 1970er Jahren schier unüberschaubare Ausmaße angenommen hat? Ein Künstler, der Südstaaten-Americana, diesen eigentümlichen Hybrid aus europäischen und afroamerikanischen Traditionssträngen, geprägt hat wie kein Zweiter; dessen Werk aber auch Elemente von Garagenrock, Jazz und lateinamerikanischer Musik integriert. Und der als bisweilen sarkastischer, stets präziser Geschichtenerzähler nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Sein Auftritt in der Schorndorfer Manufaktur bot die passende Gelegenheit, dem Phänomen Howe Gelb ein wenig näher zu kommen.

Freundschaft wird unter Musikern ja oft gepredigt, doch in den seltensten Fällen tatsächlich gelebt. Howe Gelb zählt zu der Sorte Künstler, die das Musik machen stets als eine kollektive Sache begriffen haben. Der Reihe nach: Sein Gitarrist Gabriel Sullivan, dessen Erscheinung ein wenig an den Bob Dylan der späten 1960er Jahre erinnert, eröffnet den Abend mit schweren, getragenen Songwriter-Balladen und rauchiger, markanter Stimme. Der Scotch des Vorabends hat auf ihr deutliche Spuren hinterlassen, was der sympathische Musiker auch nicht verheimlicht. Er spielt zunächst alleine, dann in Begleitung des Kontrabassisten Thøger Tetens Lund. Für einen Song darf dann auch Klaus, ansonsten Fahrer des Tourbusses, das Schlagzeug bedienen.

Und irgendwann gesellt sich schließlich Gelb dazu: groß, hager, mit blauem Karohemd, den braunen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass er die Augen verdeckt. Fast verstohlen schleicht er sich ans Klavier, setzt ein paar Tupfer in den Klangteppich – und ist dann genau so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Ein unmissverständliches Zeichen: entscheidend ist – nicht nicht nur an diesem Abend – die Musik, das Zusammenspiel, das Kollektiv. Die Bühne gehört zunächst voll und ganz seinem Bandkollegen.

Nach einer kurzen Pause betritt dann Gelb zusammen mit Sullivan und Lund erneut das Rampenlicht. Auch da verzichtet der lakonisch auftretende und zu launigen Anekdoten neigende Künstler auf große Gesten. Stattdessen wird es zunächst schräg. „Grumpy songs“ verspricht der US-Amerikaner – und hält sein Wort. Mit ordentlich Echo auf der Stimme versinkt er tief im Blues, dem alten, rohen Blues der Marke Robert Johnson. Zwei akustische Gitarren und ein Kontrabass genügen für diesen dreckigen, rauen Sound. Begleitet wird er dabei von einem gleichmäßigen Surren des Verstärkers. Mit der Nähe zur Eisenbahn erklärt er sich das Störgeräusch und verkündet: „We came here to celebrate the train. I guess it's part of the spirit of this building“. Was viele Musiker zur Weißglut treiben würde, macht Gelb kurzerhand zu einem Teil seines Auftritts.

Dabei arbeiten er und seine beiden Begleiter sich nicht nur an den Soloalben, sondern auch an der vielseitigen Werksgeschichte seiner langjährigen Band Giant Sand ab. Ein wilder Stilmix prägt den Abend. Das sorgt für Überraschungen, zahlreiche Brüche, lässt aber auch eine klare Linie vermissen: Wechselweise spielt Howe Gelb schräg auf der Akustikgitarre, fast impressionistisch auf dem Klavier oder lärmend auf einer Beinahe-Ukulele von E-Gitarre – mit Echo auf der Stimme und dem Surren des Verstärkers als stetigem Begleiter.

Nein, Howe Gelb möchte nicht gefallen. Das ist der vielleicht entscheidende Erklärungsansatz für die Eigentümlichkeit und den eher bescheidenen Erfolg des Künstlers. Gelb mag sich nicht erklären, nicht verkaufen. Gegen Marketing und Promotion habe er eine „slight allergy“. Damit widersetzt er sich ganz einfach den eisernen Spielregeln der Branche. Nur über die Musik kommunizieren zu müssen, das ist eigentlich ein Privileg der ohnehin Erhörten. Doch zu denen wird der Anti-Perfektionist Howe Gelb, soviel ist nach dem Auftritt jedenfalls sicher, wohl auch in Zukunft nie gehören.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Impressionen No. XXXV

Joan Colom I:
Joan Colom II:
Kontrapunktus:
Montserrat:
Smerdjakow:

Montag, 16. Dezember 2013

Die große Fuge



Arnold Schönberg hörte in ihr ein erstes Aufblitzen von Atonalität. Adorno erkannte in dem Stück neben all der Polyphonie zwar Einstimmigkeit, aber keine Harmonie, sondern "wie bei Hegel nur Vermittlung durch die Extreme hindurch". Die große Fuge, sie ist mit Sicherheit Beethovens radikalstes Werk. 

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Lloy Cole: ergrauter Dandy mit Gitarre


Zwei Gitarren, zwei Flaschen Wasser und ein Mikro – mehr braucht Lloyd Cole nicht. Die Präsenz des 52-Jährigen, mittlerweile beachtlich ergrauten Songwriters genügt, um das Publikum am Samstagabend in der Schorndorfer Manufaktur für zweieinhalb Stunden in beinahe andächtige Ruhe zu versetzen. 

Ganz alleine, ganz in schwarz gekleidet, steht er da auf der Bühne. Niemand, der ihm die Gitarre bringen würde, kein großes Team im Hintergrund. Nur er und sein Partner Mike, der für den glasklaren Sound in Wohnzimmerlautstärke verantwortlich zeichnet. „Tiny little songs“ habe er mitgebracht. Understatement oder Selbstironie? Cole weiß schließlich nur zu gut, dass seine Songs so viel mehr sind als das. 

Die Karriere des Engländers begann im Umkreis des Post-Punk der frühen Achtziger Jahre mit den Commotions und radiotauglichem Indiepop mit leichtem Soul-Einschlag. 1987 verließ Cole die Band, ging nach New York und startete seine Solokarriere. Ein knappes Dutzend Alben hat er seitdem hinterlassen – und dabei so manche musikalische Grenze überschritten. Etwa bei „Selected Works Vol. 1“, einem gemächlich mäandernden Ambientalbum, das er dieses Jahr zusammen mit dem Elektronikpionier Roedelius veröffentlicht hat. 

Doch von all dem ist an diesem Abend nichts zu merken. Cole bedient sich zwar allen Phasen seines ganzen musikalischen Schaffens, spielt die Stücke aber so auf den Kern reduziert, dass sich nicht mehr so recht einordnen lässt, in welcher Zeit er sie einst schrieb. Was auch letztlich egal ist. Denn es funktioniert erstaunlich gut. Schnörkellos zupft er die Gitarre, sein Gesang ist makellos, klar und frei von Pathos. Besonders die Songs seines ebenfalls 2013 erschienenen Albums „Standards“, wie die ironische Sozialstudie „Kids today“, profitieren von dieser Reduktion. Cole entfernt alles, was auf seinen Platten bisweilen verproduziert klingt. 

Und – so abweisend er auf Fotos auch immer drein blickt – er ist sichtlich gut gelaunt. Cole kokettiert mit seinem Alter, damit dass er manchmal Textzeilen vergisst oder Akkorde falsch spielt. Was dann auch prompt ein paar Mal passiert. Und beinahe beabsichtigt klingt, als er bei „No more love songs“ in der letzten Strophe „no more love songs / still, you might as well...“ singt, dann kurz überlegt, an die Decke schaut, grinst und „...live“ ergänzt. Er sei ja ohnehin nur die Vorband, scherzt Cole. Und verspricht, nach einer kurzen Pause als Hauptact wieder zu kommen. 

Das Publikum lauscht all dem seltsam andächtig. Für den Dandy hat der Veranstalter eigens aufgestuhlt, was die kreuzbraven Besucher zusätzlich zu disziplinieren scheint. Kein Laut ist zu vernehmen, während Cole spielt. So etwas kennt man sonst nur vom Klassikpublikum. Beim alten Commotions-Hit „Jennifer she said“ versucht Cole sie dann aus der Reserve zu locken. Beim denkbar einfachen „Ba da ba“-Refrain sollen sie ihn begleiten. Was nur bedingt gelingt, dem Künstler aber immerhin ein anerkennendes „Nicht schlecht, ich dachte für so was seid ihr zu sehr Indierock“ entlockt. 

Doch Coles Auftritt selbst fehlt es ein wenig an Dynamik. Er kommt ohne große Höhen und Tiefen aus. Stilistische Variation? Fehlanzeige. Auch Lichteffekte gibt es keine, und so wird Cole den ganzen Abend von einem einzigen hellen Scheinwerfer beleuchtet. Eigenartig sei das auf der Bühne der Manu, stellt er schließlich selbst fest. Er fühle sich da fast wie im Studio. Da wünscht man den Künstler nach dem Konzert dann auch hin. Für eine Platte, ganz akustisch, 45 Minuten. Nur Cole, seine zwei Gitarren und das Mikro. Das könnte funktionieren.

Dienstag, 29. Oktober 2013

Impressionen No. XXXIV


John Coltrane - (Live at the Village Vanguard, 1962)


Ungewißheit


In dieser hellen Finsternis,
auf welcher wir auf Erden stecken,
wird ein Vernünftiger gar leicht entdecken,
daß alles Wissen ungewiß.
Die Ungewißheit geht sogar so weit,
daß man,
mit Recht und Zuverläßigkeit,
daß alles ungewiß, gewiß kaum sagen kann.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)

Sonntag, 20. Oktober 2013

Machine Gun

1968 was the perfect time for something radical like Mr. Peter Brötzmann's free jazz manifest Machine Gun: