"Wem gehört die Welt?" - Ausstellung von und mit Asylbewerbern in der Kill Galerie im KunstWerk, Fellbach und ein Bericht von mir darüber.
Samstag, 14. März 2015
Montag, 2. März 2015
Die Rettungspolitik ist eine Farce
Die Rettungspolitik der Institutionen - formerly known as Troika - ist eine Farce. Sie basiert auf falschen Prämissen, falschen Versprechungen und einer demokratisch nicht legitimierten Entscheidungsstruktur.
Dabei sind ihre Prämissen recht simpel: Was staatlich ist, funktioniert schlecht, was privat ist hingegen effizient. Arbeitnehmerrechte und Sozialleistungen sind Wettbewerbshemmnisse, die es abzuschaffen gilt. Wenn Staaten Geld sparen entsteht Wirtschaftswachstum, wenn sie zuviel davon ausgeben Rezession. Banken sind systemrelevant, Menschen nicht. Wer eine Uni besucht hat, kennt diesen aus den Untiefen der Wissenschaftsdisziplin Wirtschaft entsprungenen Tunnelblick zur Genüge.
Die neoliberalen Ideen haben jedoch im Ergebnis die europäischen Krisenländer zugrunde gerichtet. Niemand kann das noch ernsthaft bezweifeln. Sie haben Arbeitnehmerrechte abgeschafft, viele Millionen Menschen in die Armut und ein Leben ohne soziale Absicherung, ohne Krankenversicherung befördert. Sie haben Steuereinnahmen und Wirtschaftswachstum abgewürgt und stattdessen eine nie dagewesene Umverteilung von unten nach oben, von Staat zu privat, von der Real- in die Finanzwirtschaft bewirkt. Während immer größere Teile der gebildeten doch chancenlosen jungen Menschen in Portugal, Griechenland, Spanien oder Irland auswandern.
Und doch wird uns diese Politik nach fünf Jahren immer noch als heroische Rettung auf unsere Kosten verkauft. Was skurril anmutet, denn gerettet wurden eigentlich nur Banken, hauptsächlich deutsche und französische, die mit ihren Spekulationen den Zustand mitverursacht haben, der von der europäischen Politik seitdem in regelmäßigen Abständen "gelöst" wird. Profitiert haben zudem Oligarchen, also private Akteure ohne jedes gesamtgesellschaftliche Interesse.
Eine Politik, durchgesetzt von Menschen, die nie gewählt wurden, darum keinem Wähler Rechenschaft schuldig sind, die sich auch keiner Schuld bewusst sind und keine Probleme damit haben, souveräne Staaten schamlos und ihren eigenen Interessen folgend zu entmündigen.
Die Doku von Wirtschaftsjournalist Harald Schumann vertieft das in anderthalb Stunden recht eindeutig, anhand vieler unbestreitbarer Fakten, Zeugen, Betroffener und - als Gegenpol - Vertretern der Institutionen, die sich hinter diese Politik stellen. Die echten Entscheider von EZB, EU-Kommission und IWF hingegen haben sich der Stimme wohlweislich besser enthalten.
Sonntag, 1. März 2015
Schmutzige Kriege
Nichts hat den Terrorismus nach 9/11 mehr gefördert als der "Krieg gegen den Terror" selbst. In "Dirty Wars" berichtet der US-amerikanische Kriegsberichterstatter Jeremy Scahill - unter anderen tätig für "The Nation" - über die verdeckten Aktionen der Joint Special Operations Command (JSOC), die unter Präsident Obama stetig ausgebaut wurden. Mittlerweile ist die 1980 gegründete und zunächst hauptsächlich bei Geiselnahmen zum Einsatz gekommene JSOC in mehr als 75 Ländern aktiv.
Todeslisten, Drohnenangriffe, gezielte Tötungen, nächtliche Angriffe mit zivilen Opfern, die vertuscht werden und investigative Journalisten, die auf persönliche Anweisung Obamas inhaftiert werden - darauf trifft der Autor bei seinen Recherchen in Irak, Afhganistan, Jemen und Somalia. Ein weiteres dunkles Kapitel der US-Außenpolitik.
Todeslisten, Drohnenangriffe, gezielte Tötungen, nächtliche Angriffe mit zivilen Opfern, die vertuscht werden und investigative Journalisten, die auf persönliche Anweisung Obamas inhaftiert werden - darauf trifft der Autor bei seinen Recherchen in Irak, Afhganistan, Jemen und Somalia. Ein weiteres dunkles Kapitel der US-Außenpolitik.
Das dreckige Fleisch
Fleisch aus dem Discounter für drei Euro: Dass so etwas nur mit unwürdiger und hygienisch fragwürdiger Tierhaltung zu bewerkstelligen ist, dürfte jedem einleuchten. Aber die billigen Fleischberge sind auch auf menschlicher Seite mit viel Leid erkauft. Denn die großen Schlachthöfe dieses Landes setzen auf menschenunwürdige Arbeitsbedigungen. Indem man den Arbeitsschutz umgeht, sittenwidrige Löhne zahlt und die Arbeitskraft der Schlachter aufs Äußerste ausbeutet.
Möglich macht das eine Gesetzeslücke namens Werkvertrag. Bei der EU-Osterweiterung hat die Bundesregierung einst durchgesetzt, dass die Osteuropäer bis zu sieben Jahre auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit verzichten. Eigentlich sollte damit genau das verhindert werden, was in der Folge eintrat. Doch die
Dienstleistungsfreiheit galt natürlich trotzdem. Betriebe bzw. als Briefkastenfirmen getarnte Betrieb aus dem Osten konnten also ihre Dienstleistungen - zu den Bedingungen in ihren Ländern wohlgemerkt - auch in Deutschland anbieten.
Die großen Schlachthöfe erkannten darin eine Chance, die Kosten weiter zu senken und setzen verstärkt auf osteuropäische, vornehmlich rumänische und bulgarische Subunternehmer, die gleich ganze Produktionsschritte übernahmen. Im Ergebnis leben nun mitten in Deutschland Schlachthof-Mitarbeiter und sklavenähnlichen Bedingungen, mies bezahlt, im Stall oder gleich im Wald schlafend. Und ständig in Kontakt mit Billigfleisch, verseucht mit Antibiotika und multiresistenten Keimen. Ohne anständigen Arbeitsschutz. Und oft ohne Krankenversicherung.
Nach der Lektüre dessen, was Anne Kunze bereits Ende letzten Jahres da in der Zeit aufdeckte, ist mir buchstäblich schlecht geworden.
Samstag, 28. Februar 2015
Ob ich es liebe, weiß ich nicht
Warum man als Linker nicht unbedingt antideutsch sein, sondern für ein gutes Leben hier streiten sollte, erklärte Franz-Josef Degenhardt bereits 1977 in seiner unnachahmlichen Art und Weise. Schon gut drei Jahre ist es nun her, dass der singende Jurist von uns gegangen ist. Eine Stimme, die fehlt.
Dies Land ist unser Land
Ob ich es liebe, weiß ich nicht. Ich lebe hier und lebe gern,
schon weil die anderen Vaterländer auch bloß Vaterländer sind.
Die sind trotz allem ziemlich fremd und sind trotz allem ziemlich fern,
und — weil geschrien hab ich hier in diesem Land nicht nur als Kind;
hineingeschrien in dieses Land wo alles lautlos funktioniert,
die Überwachung und Verwaltung, Todesschuß und Zugverkehr
und wo das Schreien aus Beton und aus Baracken nicht mehr stört,
und wo auch alles seinen Preis hat und der Preis steigt immer mehr.
Und wo die alten Herren neu in alter Phalanx aufgestellt,
mit neuen alten Herren laut nach alten neuen Märkten schrein,
von ihrem Großkotz Deutschland zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt,
ist ihnen bloß der Rest geblieben, zwischen Elbe, Alpen, Rhein.
Dies Land ist unser Land —
So wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land
und wie es kommt, so ist es nicht, wie es mal war.
Der ist in einem Tag durchfahren, dieser abgebhiebene Rest.
Ich fahre gern durch diese schwarz-rot-goldene zweite Republik.
Und abgebhieben ist ja nicht nur dieser Haufen alter Mist,
im Schwarz der Pfaffen, Gold der Händler, gibt‘s das rote Fahnenstück.
Und gibt die lauten bunten Plätze und den Wind vom Wattenmeer,
und diese Brücken über die man immer weiter fahren will
und tausend Tauben Sonntag morgens überm schlafenden Revier,
da ist Amerika noch weit, und manchmal ist es blond und still.
Und hier verstehe ich die Sprüche und den falschen Zungenschlag
und spür im Bauch den Arbeitsrhythmus, hör den Sound der darauf klingt.
Ja — und hier kenn ich die Gerüche zwischen Mitternacht und Tag
aus diesem Land sind meine Lieder, die der Rundfunk nicht mehr bringt.
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Noch spricht man Völkermörder frei und neue Nazis wachsen nach
und die Chemiekonzeme heizen weiter für ein nächstes Mal.
Und gibt Millionen ohne Arbeit, Millionäre gibt es noch,
noch sterben Flüsse, zieht der gelbe, grüne Qualm durchs Gonsbachtal.
Aber auch hier kämpfen Genossen, haben dabei sogar Spaß —
so ganz allein ist man ja nicht in dieser Welt und auch nicht hier,
obwohl der Spaltpilz stinkt und wuchert, aber der wächst ja auch bloß,
wo schon der Boden ziemlich brüchig ist und sauer manches Bier.
So wie es ist, ist es geworden, eben deshalb ändert‘s sich,
in diesem Land; ist schon viel reif trotz alledem ist es noch weit,
und muß verschiedenes passieren — paar Reformen tun es nicht —
wenn unsere Enkel singen sollen: Kein schöner Land in dieser Zeit.
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Ob er dies Land liebt, Rudi Schulte? Der verzieht nur sein Gesicht
so wie er macht, wenn einer labert und von übermorgen spinnt.
Zum Beispiel Jubeln oder Klatschen — so was macht er sicher nicht
wenn FC Bayern gegen Jena 1:0 beim Spiel gewinnt.
Nein — sehr viel Liebes hat dies Land ihm all die Jahre nicht verschafft
So 33 im KZ und daran starb er sogar fast
und 44 war er nochmal in Gestapo-Einzelhaft
und 55 saß er dann in Konrad Adenauer‘s Knast
und 66 die Verhöre, und der Unfall, Atemnot
und ohne Arbeit und die Schatten, wenn er nachts nicht schlafen kann,
und 77 haben seine Enkel ein Berufsverbot
doch 88 — lacht er leise — gilt das noch genauso, Mann:
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Montag, 16. Februar 2015
Earth: Metal mit angezogener Handbremse
Drone Doom – damit sind nicht die verheerenden Drohnenangriffe der US-Armee gemeint. Vielmehr beschreibt es ein musikalisches Genre, das für die Band Earth quasi erfunden wurde. In der Schorndorfer Manufaktur zeigten sie nun, dass sie die Grenzen dieses Genres aber längst gesprengt haben.
Gleich zwei Vorgruppen aus dem Umfeld der Band aus Olympia, Washington, eröffneten den Auftritt von Earth. Zunächst ein bekanntes Gesicht: Don McGreevy, ehemaliger Bassist der Band, der sich bei diesem Projekt an der Gitarre versucht und zusammen mit Drummer Rogier Smal in Schorndorf eine wilde Jam hinlegte. Zwei zugegebenermaßen gute Musiker, doch vermittelte der Auftritt eher Proberaumatmosphäre, klang so, als hätte die Band noch kein Konzept – oder die Konzeptlosigkeit zum Klangprinzip erhoben. Auch möglich, dass sich irgendwelche Free-Jazz-Reste, für die bei Anthony Braxton die Woche zuvor kein Platz mehr war, hier noch versendeten.
Gleich zwei Vorgruppen aus dem Umfeld der Band aus Olympia, Washington, eröffneten den Auftritt von Earth. Zunächst ein bekanntes Gesicht: Don McGreevy, ehemaliger Bassist der Band, der sich bei diesem Projekt an der Gitarre versucht und zusammen mit Drummer Rogier Smal in Schorndorf eine wilde Jam hinlegte. Zwei zugegebenermaßen gute Musiker, doch vermittelte der Auftritt eher Proberaumatmosphäre, klang so, als hätte die Band noch kein Konzept – oder die Konzeptlosigkeit zum Klangprinzip erhoben. Auch möglich, dass sich irgendwelche Free-Jazz-Reste, für die bei Anthony Braxton die Woche zuvor kein Platz mehr war, hier noch versendeten.
Ein turbulenter Abend: Von der Strukturlosigkeit zur Präzision
Kaum weniger wild dann auch der Auftritt der Black Spirituals. Faszinierend, wie Drummer Marshall Trammell sein Schlagzeug bearbeitet, malträtiert, den Beat heftig vorantreibt. Ob dieser Höchstleistung läuft ihm der Schweiß dann auch in Strömen über den Krausebart. Schade nur, dass Zachary James Watkins, die andere Hälfte der Band, als Gitarrist dem nichts Entsprechendes entgegenzusetzen weiß. Ziel- und strukturlos jagt dieser seine E-Gitarre durchs Effektgerät. Außer einem konstanten Dröhnen kommt dabei aber nicht sehr viel herum. Watkins hat den Sound der Band in einem Interview mal als „empathische Maschine“ bezeichnet. Etwa mehr Emphase und etwas weniger Maschine hätte den Black Spirituals vielleicht gutgetan.
Ganz anders schließlich Earth. Keine Spur von Strukturlosigkeit ist da mehr zu spüren. Hier scheint alles präzise durchkomponiert, an die richtige Stelle gesetzt und konzentriert auf den Punkt gebracht. Klare Strukturen und keine Improvisationen: Die Musik der drei US-Amerikaner ist angenehm frei von Schnörkeln. Das war nicht immer so. Auch die Wurzeln der Urväter des Drone Doom – einer Kombination aus tieftönendem Metal mit angezogener Handbremse und dröhnender Verzerrung der E-Gitarre – liegen im Experimentellen. Auf den frühen Platten der Band lässt sich das noch nachhören. Da schepperte und dröhnte es noch ziemlich archaisch. Und da bestand ein Album von 74 Minuten schon mal aus ganzen drei Liedern. Wirkliche Strukturen hatte die Band zu Beginn noch nicht gefunden.
Doch spätestens seit Mitte des letzten Jahrzehnts hat Earth den eigenen Sound mit einem engen Korsett festgezurrt, Ecken und Kanten abgeschleift, so dass von Doom und Drone nicht mehr allzu viel übrig blieb und aus dem düsteren Gewand vielmehr eine Art von Postrock-Metal entwich, den so wohl nur Earth spielen. Als „Black Americana“ bezeichnete Gitarrist Dylan Carlson diesen Sound mal in einem Interview.
Gesangslos wie bereits die beiden Vorbands schickt die Band das Publikum dann auch auf einen ziemlich straighten musikalischen Weg. Hypnotisch, ja fast meditativ bearbeitet Earth die Instrumente. Besonders beeindruckt dabei Schlagzeugerin Adrienne Davies und ihr sehr eigenwilliger Drum-Stil. Wie eine Dirigentin schwingt sie die Sticks in einer Mischung aus Theatralik und Konzentration in die Höhe, holt weit aus – um schließlich wie mit angezogener Handbremse ihrem Instrument präzise Schläge zu versetzen. Dabei wippt sie mit dem Oberkörper auch in jenen Momenten vor und zurück, in denen das Schlagzeug schweigt, in denen nur Bass und Gitarre ertönen.
Gitarrist Carlson, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, spielt dazu sanft tönend, wirkt dabei aber auch ein wenig hölzern. Ab und an entweichen ihm auf der Bühne szenetypische Gesten, dann reckt er die Gitarre einem Kreuze gleich in die Höhe – oder formt zwischen zwei Songs mit Zeige- und kleinem Finger das Teufelssymbol. Was ziemlich routiniert wirkt bei dem 46-Jährigen, der nun bald 30 Jahre auf der Bühne steht, darüber ziemlich gealtert wirkt und als solides Fundament des Klangkonzepts Earth schlichtweg unverzichtbar ist. Er verkörpert das Gegenteil von Spektakel und vibrierender Unruhe, das die beiden Vorbands aus dem Umfeld der Gruppe so eindrucksvoll, wenn auch wenig überzeugend darboten.
Überraschenderweise steht Don Mc Greevy an diesem Abend übrigens gleich zweimal auf der Bühne. Er nimmt für einen Abend die Position von Bill Herzog ein, der als Bassist bei Earth im Einsatz ist. McGreevy spielt unspektakulär routiniert. Mit Basslinien, die zumeist fast parallel verlaufen zur Gitarre. Es ist ein schnörkellos auf den Punkt gebrachtes Bassspiel.
Doch hierin liegt auch die größte Schwachstelle im Konzept, das Earth seit gut einem Jahrzehnt fährt: Mit eiserner Konsequenz haben sie einen Sound entwickelt, der in seiner Stringenz durchaus beeindruckt. Leider genügt sich Earth aber damit und variiert in knapp zwei Stunden nie das Tempo, die Stimmung oder die Lautstärke – und verlässt nicht für eine Sekunde den eingeschlagenen Weg. Schade.
Sub Pop und Cobain
Musikalisch groß geworden ist die Band im Umfeld des Grunge. Ihr erstes Label war Sub Pop in Seattle. Kurt Cobain gehört zu den frühen Wegbegleitern von Bandgründer Carlson. Sie waren beste Freunde. Carlson war es auch, der Cobain jene Waffe lieh, mit der er sich schließlich das Leben nahm – ohne von dessen selbstmörderischen Absichten gewusst zu haben.
Samstag, 31. Januar 2015
High Fidelity Teil 6: Konstrukte
Meine Bücher des Jahres 2014:
1. Tristram Hunt: Friedrich Engels
2. Fjodor Dostojewksi: Die Brüder Karamasow
3. Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente
4. Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent
5. Iwan Turgenjew: Visionen und andere fantastische Erzählungen
Belletristik:
Begonnen
hat es mit den besten: mit sehr guten Erzählungen von Turgenjew und
einer wirklich rauschhaften Lektüre der "Brüder Karamasow". Ein großes
Buch, wenn er auch in ihrer Gesamtaussage ziemlich orthodox-reaktionär.
Deshalb bleibt "Der Idiot" auch weiterhin mein Lieblingsbuch von ihm.
Dann
folgten ein paar durchwachsene Bücher, angefangen bei Gwisdeks
verschwurbeltem unsichtbaren Apfel, der mich unschlüssig zurückließ. Vor
allem weil ich gegen Ende immer mehr den Eindruck hatte, dass Gwisdek
das Buch auf die Schnelle ziemlich planlos überfrachtet hat, um es nach
einer intellektuellen Großtat aussehen zu lassen und am Ende
logischerweise nur einen halbgaren Ausweg fand. Anschließend H.P.
Lovecraft, den ich als zu wissenschaftlich-trocken und überhaupt nicht
furchteinflößend empfand. Vielleicht muss man in der Zeit gelebt haben,
um das für eine "Horrorgeschichte" halten zu können.
D.B.C.
Pierres
Drogen-Berlin-Selbstmord-letztes-quasi-religiöses-Rauscherlebnis-erzwingen-Roman
begann hingegen großartig. Weil er stellenweise an David Foster Wallace andockte, weil
er überraschte, weil es komisch war und geistreich. Am Ende blieb dann
aber doch ein leicht fahler Beigeschmack. Wäre mehr drin gewesen,
unterhaltsam immerhin. Was die Belletristik anbelangt, kam dann mit
"Bullshit nation" der Tiefpunkt, ein wirklich unnötiges Werk.
Besser
war dann wieder "Plattform" von Houellebecq, wenn auch eher einer
seiner schlechten Romane, dasselbe gilt für Nacht des Orakels für das
Werk Paul Austers. Solides Handwerk, mehr nicht. Ödön von Horvaths "Ein
Kind seiner Zeit" fand ich wiederum gut und wichtig, genauso wie "Jugend
ohne Gott".
Peter
Handkes "Die Stunde der wahren Empfindung" war dann auch schon das
letzte Nicht-Sachbuch des Jahres. Ich musste mich stellenweise
durchkämpfen und muss es wohl ein zweites Mal lesen, weil es zwar kurz,
aber dafür sehr dicht geschrieben war. Typisch Handke eben.
Sachbücher:
Ein
Auf und Ab auch bei den Sachbüchern: "Neue Nazis" war durchaus
brauchbar für ein kurzes Update über die aktuellen Szeneentwicklungen.
Ungleich wichtiger dagegen "The Myth of the Muslim Tide", der aktuelle
islamophobe Argumente mit seinen historischen Vorbildern (antikatholisch
/ antisemitisch) vergleicht und frappierend ähnliche Probleme und
Argumente diagnostiziert. In "Arrival City" schlendert Sanders dann
panoramaartig durch die Aufnahmestädte der Welt (von Kreuzberg bis
Manila), beschreibt die weltweiten Migrationsströme vor allem als eine
enorme Landflucht und kommt zu dem verblüffenden Schluss: Das, was ihr
als Problemviertel bezeichnet, ist in Wirklichkeit das wichtigste Tor
zum sozialen Aufstieg - und es funktioniert fast überall, nur nicht in
Deutschland.
Dann
"Die letzte Weltmacht": nüchtern-realistischer Blick auf die Weltlage
nach dem Ende des Kalten Krieges von einem langjährigen Berater der
Amis. Ist von Ende der 90er und prognostiziert ziemlich vieles ziemlich
richtig, unter anderem die Rückkehr der Geopolitik - und dass es auf dem
"eurasischen Schachbrett", in der Ukraine, knallen wird.
Gewöhnt
süffisant-geistreich sind die kurzen Schlaglichter, die Sloterdijk auf
ausgewählte "Philosophische Temperamente" wirft. Ein seltenes
Zusammentreffen von Kurzweil und Intellekt. Lesenwert auch der nüchterne
Blick auf die Roma von Mappes Niedek.
Wirklich
groß dann die Engels-Biografie von Tristram Hunt. Man wäre zu gerne
Zeitgenosse dieses Mannes gewesen, in dessen Haus jeden Abend bis spät
in die Nacht gesoffen wurde, dabei geistreiche Gespräche stattfanden,
der stundenlange Korrespondenzen mit Intellektuellen ganz Europas
geführt hat, ungemein sprachgewandt war, zeitlebens Marx durchfütterte,
seine Texte redigierte, ergänzte, mit Ideen füllte, und nebenbei auch
noch ein Unternehmen führte. Kaufen!
Zwiespältig
dann die Lektüre von "Nüchtern" (Daniel Schreiber). Zweifellos ein
kluger Kopf, der da über seinen jahrzehntelangen Alkoholismus schreibt.
Keine Predigt an die Nüchternheit, da schreibt jemand reflektiert und
mit Demut. Aber man fühlt sich halt an vielen Stellen selbst ertappt...
Wolfgang
Pohrts "Das allerletzte Gefecht" wiederum kann sich absolut sparen, wer
nicht selbst einmal überzeugter Kommunist war. Eine bitterböse
Abrechnung mit der radikalen Linken, die seltsamerweise im wahrsten
Sinne des Wortes theatralisch endet.
Donnerstag, 1. Januar 2015
Sonntag, 21. Dezember 2014
Peter Licht und der Kapitalismus, der alte Schlawiner
Der Sprachkünstler unter den Popmusikern dieses Landes gastierte kürzlich in der Schorndorfer Manufaktur. Und irritierte so manchen Besucher mit sparsamer Instrumentierung, szenischen Lesungen und einem wunderbar selbstironischen Umgang mit dem eigenen Werk.
„Sag mir, wo ich beginnen soll“, fordert Peter Licht, sein neustes Buch in der Hand haltend, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Wir sollten so beginnen: Wir singen die Freiheit, wir singen die Möglichkeiten, wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung, die tatsächlich sich erfüllt und die Trauer, die tatsächlich da ist.“ In diesen wenigen Zeilen, mit denen der Kölner das Konzert einläutet, steckt bereits alles, was das Werk des Musikers, Theatermachers und Autors kennzeichnet: Das Wechselspiel von Ernst und Ironie, von Dadaismus und Gesellschaftskritik sowie das Wortmächtige, Listen- und Skizzenhafte seiner Gedanken.
Worte, sorgsam abgewägt, hin- und hergedreht und wieder neu zusammengesetzt bilden schließlich den Kern seiner Arbeit. Weil Worte eine so entscheidende Rolle spielen, lässt er seinen Auftritt auch konsequenterweise mit einer Lesung aus seinem neusten Werk „Lob der Realität“ beginnen. Mit einer Hymne an die freie Welt: „Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie.“ Mehr als zehn Minuten muss das Publikum zunächst Zeilen wie diesen zuhören, am besten sehr konzentriert zuhören, denn die Texte, die Peter Licht rezitiert, sind sehr dicht geschrieben. Weil es sich hierbei eben gerade nicht um die wackeligen Versuche eines Musikers handelt, der unbedingt auch mal was zwischen zwei Buchdeckeln packen wollte.
Nein, Peter Licht hat sich nicht nur in der Theaterwelt ein Namen gemacht. Bereits 2003 startete er das Theaterprojekt „Karoshi. Tod durch Überarbeitung“, 2006 dann „Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang“ – beide Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Auch für die Literaturkritik gilt er spätestens seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2007 als ernstzunehmender Autor. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ hatte damals sowohl die Jury wie das Publikum überzeugt.
Ein Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist dabei stets die mal subtile, mal plakative, mal wiederum ironisch-distanzierte Kritik am Kapitalismus, den er als „alten Schlawiner“ bezeichnet – immer kombiniert mit einer gesunden Portion Selbstironie. Mit dem Aufruf „Begrab dein iPhone an der Biegung des Flusses“ beginnt dann auch der musikalische Teil des Abends. Und der gestaltet sich überraschend ruhig und reduziert. Brachte bei seinem letzten Auftritt in der Manufaktur noch eine druckvolle Band die Besucher zum Tanzen, so war an diesem Abend die Atmosphäre eher intim: Peter Licht und seine Gitarre – lediglich sanft begleitet von seinem Pianisten und Schlagzeuger Tobias Philippen – spielten die Songs so leise und aufs Wesentliche reduziert als würden sie gerade ein Wohnzimmerkonzert geben.
Dass der Künstler seine Stücke nicht mehr so druckvoll auf der Bühne präsentiert wie einst, hatte sich bereits auf seinem aktuellen Livealbum angedeutet, das zusammen mit dem Buch „Lob der Realität“ erschien und auch denselben Titel trägt. Doch mit einer so gedämpften musikalischen Darbietung hat wohl kaum jemand im Publikum gerechnet – und damit so manche Erwartungen enttäuscht.
Das Publikum macht sich Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Entsprechend hoffnungsvoll stimmte er die Besucher, als er nach einer halben Stunde einen Wechsel ankündigte, um dann eine Sitar auszupacken und zu den einschläfernden Klängen der indischen Langhalslaute über Leichen zu fabulieren, die am Neckarufer verbrannt würden. Nur um das Publikum schließlich auf „Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ einzustimmen. Ein Klassiker im Bühnenrepertoire des Künstlers, der aber nichts an Charme verloren hat. Und Peter Licht schafft es tatsächlich, dass sein Publikum, von Sitarklängen begleitet, minutenlang den Refrain trällert.
Von da an nimmt der Abend einen heiteren, fast kabarettistischen Verlauf. Dabei nimmt der Künstler sich und seine Songs dann auch selbstironisch in die Mangel, legt seine Gitarre beiseite und beginnt ungelenk auf der Bühne zu tänzeln. Nebenher dekonstruiert er seine Popsongs, macht aus „Meine alten Schuhe (Die große Sonne verbrennt das ganze Geld)“ einen leichtfüßigen Bossa Nova und huscht über Hits wie den „Safarinachmittag“ einfach gnaden- und respektlos hinweg. Zwischendrin schnappt sich der Künstler dann wieder sein neustes Werk und liest daraus eine lakonische Geschichte. Das ergibt in der Summe einen so charmant unprätentiösen Auftritt, dass man es Peter Licht gerne verzeiht, dass er sich immer wieder in seinen eigenen Texten verhakt, Textzeilen vergisst und das mit der Kritik an dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner, am Ende vielleicht doch eher als symbolisches Sprachspiel versteht.
„Sag mir, wo ich beginnen soll“, fordert Peter Licht, sein neustes Buch in der Hand haltend, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Wir sollten so beginnen: Wir singen die Freiheit, wir singen die Möglichkeiten, wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung, die tatsächlich sich erfüllt und die Trauer, die tatsächlich da ist.“ In diesen wenigen Zeilen, mit denen der Kölner das Konzert einläutet, steckt bereits alles, was das Werk des Musikers, Theatermachers und Autors kennzeichnet: Das Wechselspiel von Ernst und Ironie, von Dadaismus und Gesellschaftskritik sowie das Wortmächtige, Listen- und Skizzenhafte seiner Gedanken.
Worte, sorgsam abgewägt, hin- und hergedreht und wieder neu zusammengesetzt bilden schließlich den Kern seiner Arbeit. Weil Worte eine so entscheidende Rolle spielen, lässt er seinen Auftritt auch konsequenterweise mit einer Lesung aus seinem neusten Werk „Lob der Realität“ beginnen. Mit einer Hymne an die freie Welt: „Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie.“ Mehr als zehn Minuten muss das Publikum zunächst Zeilen wie diesen zuhören, am besten sehr konzentriert zuhören, denn die Texte, die Peter Licht rezitiert, sind sehr dicht geschrieben. Weil es sich hierbei eben gerade nicht um die wackeligen Versuche eines Musikers handelt, der unbedingt auch mal was zwischen zwei Buchdeckeln packen wollte.
Nein, Peter Licht hat sich nicht nur in der Theaterwelt ein Namen gemacht. Bereits 2003 startete er das Theaterprojekt „Karoshi. Tod durch Überarbeitung“, 2006 dann „Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang“ – beide Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Auch für die Literaturkritik gilt er spätestens seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2007 als ernstzunehmender Autor. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ hatte damals sowohl die Jury wie das Publikum überzeugt.
Ein Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist dabei stets die mal subtile, mal plakative, mal wiederum ironisch-distanzierte Kritik am Kapitalismus, den er als „alten Schlawiner“ bezeichnet – immer kombiniert mit einer gesunden Portion Selbstironie. Mit dem Aufruf „Begrab dein iPhone an der Biegung des Flusses“ beginnt dann auch der musikalische Teil des Abends. Und der gestaltet sich überraschend ruhig und reduziert. Brachte bei seinem letzten Auftritt in der Manufaktur noch eine druckvolle Band die Besucher zum Tanzen, so war an diesem Abend die Atmosphäre eher intim: Peter Licht und seine Gitarre – lediglich sanft begleitet von seinem Pianisten und Schlagzeuger Tobias Philippen – spielten die Songs so leise und aufs Wesentliche reduziert als würden sie gerade ein Wohnzimmerkonzert geben.
Dass der Künstler seine Stücke nicht mehr so druckvoll auf der Bühne präsentiert wie einst, hatte sich bereits auf seinem aktuellen Livealbum angedeutet, das zusammen mit dem Buch „Lob der Realität“ erschien und auch denselben Titel trägt. Doch mit einer so gedämpften musikalischen Darbietung hat wohl kaum jemand im Publikum gerechnet – und damit so manche Erwartungen enttäuscht.
Das Publikum macht sich Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Entsprechend hoffnungsvoll stimmte er die Besucher, als er nach einer halben Stunde einen Wechsel ankündigte, um dann eine Sitar auszupacken und zu den einschläfernden Klängen der indischen Langhalslaute über Leichen zu fabulieren, die am Neckarufer verbrannt würden. Nur um das Publikum schließlich auf „Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ einzustimmen. Ein Klassiker im Bühnenrepertoire des Künstlers, der aber nichts an Charme verloren hat. Und Peter Licht schafft es tatsächlich, dass sein Publikum, von Sitarklängen begleitet, minutenlang den Refrain trällert.
Von da an nimmt der Abend einen heiteren, fast kabarettistischen Verlauf. Dabei nimmt der Künstler sich und seine Songs dann auch selbstironisch in die Mangel, legt seine Gitarre beiseite und beginnt ungelenk auf der Bühne zu tänzeln. Nebenher dekonstruiert er seine Popsongs, macht aus „Meine alten Schuhe (Die große Sonne verbrennt das ganze Geld)“ einen leichtfüßigen Bossa Nova und huscht über Hits wie den „Safarinachmittag“ einfach gnaden- und respektlos hinweg. Zwischendrin schnappt sich der Künstler dann wieder sein neustes Werk und liest daraus eine lakonische Geschichte. Das ergibt in der Summe einen so charmant unprätentiösen Auftritt, dass man es Peter Licht gerne verzeiht, dass er sich immer wieder in seinen eigenen Texten verhakt, Textzeilen vergisst und das mit der Kritik an dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner, am Ende vielleicht doch eher als symbolisches Sprachspiel versteht.
Dienstag, 9. Dezember 2014
DBC Pierre: Die letzte Party vor dem Untergang
Bereits im letzten Jahr erschienen, doch von der Kritik zu Unrecht übersehen, ist „Licht aus im Wunderland“, der dritte Roman des Booker-Preisträgers DBC Pierre.
In Australien geboren und in Mexiko aufgewachsen, versuchte sich der Schriftsteller zunächst als Filmemacher. Anhaltende Erfolglosigkeit, massiver Drogenkonsum und ein riesiger Schuldenberg führten jedoch zum Zusammenbruch mit Ende 20, gefolgt von Drogenentzug, psychiatrischer Therapie und Arbeitslosigkeit. Das Akronym DBC – das für „Dirty but Clean“ steht – gab sich der vor gut 50 Jahren als Peter Finlay in Australien geborene Schriftsteller, nachdem er mit 37 Jahren schließlich seine Drogensucht überwand. Seine literarische Tätigkeit ist insofern auch ein Stück weit Therapie.
Das entfernt autobiografische „Licht aus im Wunderland“ ist nun nicht weniger als ein Abgesang auf den Kapitalismus, der sich in dem Roman von seiner dekadenten, hedonistischen Seite, aber durchaus auch mit Witz zeigt. Gabriel Brockwell, der 25-jährige Protagonist des Romans, ist Engländer, links sozialisiert, dem Rausch nicht abgeneigt und von seinem Leben reichlich desillusioniert. Er beschließt, noch einmal in den Limbus zu gehen, sprich: die Synapsen mit allerlei Genussmitteln tanzen zu lassen, einen „letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit” zu wagen. Um sich dann endgültig von dieser trostlosen Welt zu verabschieden. In Berlin – wo sonst?
Nach seinem Ausbruch aus einer englischen Drogenklinik begibt sich der Protagonist auf eine besinnungslose, letzte Flucht, die ihn zu seinem Jugendfreund Smuts führt. Der arbeitet als Sternekoch in Tokio, wo er in regem Kontakt zur Unterwelt steht. Als er einem Yakuza-Chef giftigen Kugelfisch zubereitet, geht allerdings etwas schief. Und Smuts Schicksal liegt plötzlich in Gabriels Händen. Eine apokalyptische Endzeitparty auf dem Berliner Tempelhof-Gelände, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll, könnte seinen Freund noch retten – wenn Gabriel nicht bluffen würde, was seine angeblichen hochkarätigenVerbindungen ins Berliner Nachtleben angehen würde. In Wahrheit hat er die Stadt nämlich seit Ende der 80er nicht mehr gesehen. Und nur den Namen einer Lokalität im Kopf, die schon lange nicht mehr existiert. Sein Rettungs-Trip nach Berlin, die den größten Teil der Geschichte einnimmt, wird zu einem Wiedersehen mit einer Vergangenheit, die es nie gab.
Das ergibt in der Summe eine so absurd-komische wie gesellschaftskritische Geschichte, die einen erzählerischen Sog entwickelt, der sie viel kürzer erscheinen lässt, als es die 384 Seiten vermuten lassen. In stilistisch teilweise brillanten Worten beschreibt DBC Pierre eine Welt, in der nur noch die Entgrenzung Sinn verspricht, und selbst die einen am Ende verrät. „Der Profit hat das Spiel gewonnen, dabei aber wie ein Infekt seinen Wirt getötet“, schreibt DBC Pierre an einer Stelle des Buches. Das erinnert stellenweise an den genialen David Foster Wallace – ohne jedoch vergleichsweise sperrig, detail- und fußnotenversessen zu sein. „Licht aus im Wunderland“ schillert kurzweilig zwischen persönlich-tragischer Allegorie, Berlin-Roman und Kapitalismus-Satire. Uneingeschränkt empfehlenswert.
„Licht aus im Wunderland“, DBC Pierre, 384 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3746629353
In Australien geboren und in Mexiko aufgewachsen, versuchte sich der Schriftsteller zunächst als Filmemacher. Anhaltende Erfolglosigkeit, massiver Drogenkonsum und ein riesiger Schuldenberg führten jedoch zum Zusammenbruch mit Ende 20, gefolgt von Drogenentzug, psychiatrischer Therapie und Arbeitslosigkeit. Das Akronym DBC – das für „Dirty but Clean“ steht – gab sich der vor gut 50 Jahren als Peter Finlay in Australien geborene Schriftsteller, nachdem er mit 37 Jahren schließlich seine Drogensucht überwand. Seine literarische Tätigkeit ist insofern auch ein Stück weit Therapie.
Das entfernt autobiografische „Licht aus im Wunderland“ ist nun nicht weniger als ein Abgesang auf den Kapitalismus, der sich in dem Roman von seiner dekadenten, hedonistischen Seite, aber durchaus auch mit Witz zeigt. Gabriel Brockwell, der 25-jährige Protagonist des Romans, ist Engländer, links sozialisiert, dem Rausch nicht abgeneigt und von seinem Leben reichlich desillusioniert. Er beschließt, noch einmal in den Limbus zu gehen, sprich: die Synapsen mit allerlei Genussmitteln tanzen zu lassen, einen „letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit” zu wagen. Um sich dann endgültig von dieser trostlosen Welt zu verabschieden. In Berlin – wo sonst?
Nach seinem Ausbruch aus einer englischen Drogenklinik begibt sich der Protagonist auf eine besinnungslose, letzte Flucht, die ihn zu seinem Jugendfreund Smuts führt. Der arbeitet als Sternekoch in Tokio, wo er in regem Kontakt zur Unterwelt steht. Als er einem Yakuza-Chef giftigen Kugelfisch zubereitet, geht allerdings etwas schief. Und Smuts Schicksal liegt plötzlich in Gabriels Händen. Eine apokalyptische Endzeitparty auf dem Berliner Tempelhof-Gelände, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll, könnte seinen Freund noch retten – wenn Gabriel nicht bluffen würde, was seine angeblichen hochkarätigenVerbindungen ins Berliner Nachtleben angehen würde. In Wahrheit hat er die Stadt nämlich seit Ende der 80er nicht mehr gesehen. Und nur den Namen einer Lokalität im Kopf, die schon lange nicht mehr existiert. Sein Rettungs-Trip nach Berlin, die den größten Teil der Geschichte einnimmt, wird zu einem Wiedersehen mit einer Vergangenheit, die es nie gab.
Das ergibt in der Summe eine so absurd-komische wie gesellschaftskritische Geschichte, die einen erzählerischen Sog entwickelt, der sie viel kürzer erscheinen lässt, als es die 384 Seiten vermuten lassen. In stilistisch teilweise brillanten Worten beschreibt DBC Pierre eine Welt, in der nur noch die Entgrenzung Sinn verspricht, und selbst die einen am Ende verrät. „Der Profit hat das Spiel gewonnen, dabei aber wie ein Infekt seinen Wirt getötet“, schreibt DBC Pierre an einer Stelle des Buches. Das erinnert stellenweise an den genialen David Foster Wallace – ohne jedoch vergleichsweise sperrig, detail- und fußnotenversessen zu sein. „Licht aus im Wunderland“ schillert kurzweilig zwischen persönlich-tragischer Allegorie, Berlin-Roman und Kapitalismus-Satire. Uneingeschränkt empfehlenswert.
„Licht aus im Wunderland“, DBC Pierre, 384 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3746629353
Montag, 8. Dezember 2014
Robert Gwisdek: Reisen durchs Bewusstsein
Robert Gwisdek dürfte manchem Kinogänger bereits als Schauspieler bekannt sein aus Filmen wie „Irren ist männlich“, „NVA“ oder „Neue Vahr Süd“. Und den Konzertgängern vielleicht als Frontmann der inhaltsschweren Indie-Rap-Gruppe Käptn Peng & die Tentakel von Delphi. Nun hat der 30-jährige Berliner als Romanschriftsteller debütiert.
Er hätte es sich dabei leichtmachen und kommensurable Pop-Literatur produzieren können. Gwisdek entschied sich stattdessen für ein sehr forderndes Debüt, eines, das den Leser bisweilen auch überfordert.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Igor, der Welt mit Staunen und Unverständnis gegenüberstehend, stattdessen lieber innere Welten erkundend, sich gesellschaftlich eher am Rande bewegend. Als der einzige Mensch stirbt, der ihm nahe stand, zieht Igor sich komplett ins Innere zurück und startet ein Experiment: 100 Tage in einem völlig abgedunkelten Raum. Es folgt eine Reise durchs Bewusstsein, durch innere Parallelwelten. Diese Reise ins Innere des Protagonisten bricht mit linearen Erzählweisen und spielt mit unterschiedlichen Vorstellungsebenen.
Gwisdeks Protagonist trifft dabei unter anderem auf den Tod und das Nichts, begegnet dem seltsamen Volk der K und durchläuft ein skurriles, kafkaeskes Gerichtsverfahren. Das alles spielt sich in einem riesigen undurchdringbaren Gebäude mit eigenen Regeln statt. Dabei ist viel von Dreiecken und Kreisen die Rede – Symbole für Endlichkeit und Unendlichkeit. In einer zentralen Stelle des Buches versucht Igor dann einen Kreis zu zähmen. Was im Inneren des Protagonisten stattfindet, bleibt bis zuletzt ein Stück weit rätselhaft.
Wahrlich kein leichter Stoff, den Robert Gwisdek seinen Lesern da zumutet. Das in einem zweimonatigen Schreib-Rausch verfasste Werk reiht sich in eine lange Tradition fordernder Literatur über die Krise des eigenen Ich. Wer mit der Lektüre von Franz Kafka oder E. T. A. Hoffmann vertraut ist, deren Spuren unzweifelhaft in dem Roman zu finden sind, dürfte daher auch mit den teils kryptischen Formulierungen Gwisdeks etwas anfangen können. Ein durchaus gelungener Debütroman von einem Autor, den man unbedingt im Auge behalten sollte.
„Der unsichtbare Apfel“, Robert Gwisdek, 368 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-462046410
Freitag, 5. Dezember 2014
Real existent
Wolfgang Pohrt ist ein so streitbarer wie umstrittener Vertreter der so genannten undogmatischen Linken. In seiner Streitschrift "Das allerletzte Gefecht" zeigt sich der Sozialwissenschaftler nun desillusioniert ob der historischen Möglichkeit eines Kommunismus. Er schreibt:
"Ob sie von Anfang an nichts anderes haben sein können oder ob sie erst am Ende sich als das erwiesen: Die Volksrepublik China und die Sowjetunion waren Versuche, einen großen Sprung nach vorne aus dem Mittelalter in die Neuzeit mit Versatzstücken aus dem Fundus kommunistischer Theorie zu organisieren und zu kostümieren, ihr Sozialismus bedeutete nicht die Aufhebung des Kapitalismus, sondern seine Vorbereitung. Er hat die ursprüngliche Akkumulation in Gang gesetzt, ein Proletariat geschaffen, die Gesellschaft an den Ort geführt, von dem die Westeuropäer und Nordamerikaner aufgebrochen sind."
Marxens Geschichtsphilosophie sei im Grunde eine Hollywood-Schnulze, findet Pohrt inzwischen. Und der Kapitalismus?
"Weil heute alles Kapitalismus ist, verliert der Begriff jeden Sinn, außer man will vorangegangene Gesellschaftsformationen beschreiben. Weil er so sinnlos ist, eignet der Begriff sich so gut für politische Kontroversen. Es ist ungefähr so, wie wenn ein Schwein zu einem anderen Schwein 'Du Schwein' sagt. Dabei fressen doch alle aus dem gleichen Trog, nur manche können besser drängeln. Und das wissen sie ja auch. Sie grunzen sich kräftig an, und dann vertragen sie sich wieder."
Freitag, 14. November 2014
Mittwoch, 5. November 2014
Plattenläden in Stuttgart
Ratzer Records, Second Hand Records, Pauls Musique, Einklang: Eine Doku des Popbüros porträtiert die vier wichtigsten Stuttgarter Plattenläden und ihre Besitzer.
Montag, 20. Oktober 2014
Zodiac Shit
Große Videokunst von einem der spannendsten Künstler unserer Zeit: Flying Lotus, der wie kein Zweiter Hip Hop, Jazz und Electronica zu mischen versteht. Zum Video: Gezeigt werden - wie der Songtitel ja bereits vermuten lässt - die chinesischen Tierkreiszeichen.
Den Stil von "Zodiac Shit" (aus dem 2010er Album Cosmogramma) hat Steve Ellison mittlerweile hinter sich gelassen und mit You're dead! gerade ein äußerst schillerndes und vielschichtiges Werk veröffentlicht, das die Stilmix-Daumenschraube noch mal ein gutes Stück weiter dreht. Absolut empfehlenswert.
Den Stil von "Zodiac Shit" (aus dem 2010er Album Cosmogramma) hat Steve Ellison mittlerweile hinter sich gelassen und mit You're dead! gerade ein äußerst schillerndes und vielschichtiges Werk veröffentlicht, das die Stilmix-Daumenschraube noch mal ein gutes Stück weiter dreht. Absolut empfehlenswert.
Sonntag, 28. September 2014
Worte
"Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum...
Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen."
(Paul Auster, Nacht des Orakels)
Foto: György Kepes, Portrait Eva Besnyö, Berlin, Anfang der 1930er Jahre
Mittwoch, 27. August 2014
Historiendrama und Weltraumschlacht
„Wolf 359“ - so heißt das neuste Projekt von Daniel Bubeck und Christian Siglinger. „Komme was wolle“ – unter diesem Motto bietet der Club Zollamt den freien Künsten regelmäßig ein Forum. Eben dort, in den Räumlichkeiten des alten Cannstatter Zollamts, fand nun die Premiere von „Wolf 359“ statt.
Wolf 359, das ist der Name eines schwach leuchtenden Sterns im Sternbild Löwe. Es steht aber auch für den Schauplatz einer vernichtenden Niederlage im Kontext der Science-Fiction-Serie Star Trek. Auf den ersten Blick scheint die Thematik daher zunächst fiktiv und technisch-abstrakt. Das liegt an den digitalen Collagen von Bubeck, die an verfremdete technische Zeichnungen erinnern, die architektonisch, teils futuristisch anmuten – und den Erstbetrachter zunächst im Unklaren lassen. Wenn übermenschlich große Insekten Männerbeine verschlingend über Getreidefelden auftauchen wie bei „All good things must come to an end“. Oder bei „Heaven's Gate“ USB-Kabel, eine zerfetzte Comic-Figur, große Würfel in apokalyptischer Landschaft von geheimnisvollen Augen überwacht werden. Die Collage „Wolf 359“ offenbart schließlich, welche Story hier erzählt wird: die eines prächtigen, fast apokalyptischen interstellaren Schlachtengemäldes.
Eine ganz und gar irdische Schlacht, ein historisches Kriegsdrama, verhandelt dann der Text: Die Seeschlacht von Trafalgar anno 1805 zwischen den Briten und Franzosen während des Dritten Koalitionskriegs. Im Mittelpunkt: Thomas Masterman Hardy, Kapitän der HMS Victory, Spitzname „Wolf“. Ein dichtes, konzentriert geschriebenes und die Collagen von Bubeck gut kontrastierendes Drama im klassisch griechischen Stil, nachzulesen auf der Tischtennisplatte in der Mitte des Raums. Eine Lektüre, die im Kontext der Veranstaltung wohl etwas zu dicht geschrieben ist, an der so mancher Besucher auch scheitern wird. Ein Text, der aber die zweite Lektüre zweifellos Wert ist.
Zu sehen gab es im Zollamt außerdem den Text und die abgründig-schroffen Zeichnungen zu „Ich heiße“, dem gemeinsamen Storybook der Künstler, das bereits zum wiederholten Male an diesem Ort ausgestellt wurde. Viele der rund 50 Besucher – nahezu alle Altersspektren waren dabei vertreten – vertieften sich intensiv in die Lektüre.
Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Elektro von DJ Oli Brünemann, Livemusik von Maliph sowie einen charmanten Auftritt des Comedian Andreas Weber.
Ob dystopisch anmutende Entwicklungsgeschichte, Weltraumschlacht oder Historiendrama: die Zusammenarbeit von Bubeck und Siglinger widmet sich vorerst den großen künstlerischen Topoi.
Dienstag, 26. August 2014
Mixtape No. 8: Melancholie und Ungeduld
1. Cursive - Eulogy for no name (2012)
2. La Dispute - King Park (2011)
3. Rodion G.A. - Cantec fulger
4. Ja, Panik - Trouble (2011)
5. Die Sterne - Universal Tellerwäscher (1994)
6. Elliott Smith - Baby Britain
7. Bright Eyes - Method Acting (2002)
8. Sleaford Mods - Tied up in Nottz (2014)
9. Gil Scott-Heron - Me and the devil (2010)
10. Achim Reichel - Der Spieler (1982)
11. Die Goldenen Zitronen - Scheinwerfer und Lautsprecher (2013)
und hier die Youtube-Playlist.
Montag, 9. Juni 2014
Freitag, 30. Mai 2014
Gegen einen Spötter
Nicht alle nenne echte Helden,
die stets kaltblütig sind.
Warum soll der kein starker Mann sein,
der seine Kinder liebt?
Der Tiger läßt mit seinem Brüllen
den Wind im Tanz erzittern.
Und weißt du nicht, wie viele Male
er nach den Jungen sieht?
(Lu Xun)
die stets kaltblütig sind.
Warum soll der kein starker Mann sein,
der seine Kinder liebt?
Der Tiger läßt mit seinem Brüllen
den Wind im Tanz erzittern.
Und weißt du nicht, wie viele Male
er nach den Jungen sieht?
(Lu Xun)
Sonntag, 25. Mai 2014
Soul
In memoriam Jason Molina:
Soul
I tell all your friends that
you're bound for glory
and how long did you know
that you'd make it there before me
and what is it like
is it worth this misfortune
what is it like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
Soul
I tell all your friends that
you're bound for glory
and how long did you know
that you'd make it there before me
and what is it like
is it worth this misfortune
what is it like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
I tell all my friends
that I'm bound for heaven
and if I ain't so
you can't blame me for living
I know what it's like
and it's worth this misfortune
I know what it's like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
(Songs:Ohia, 2004)
that I'm bound for heaven
and if I ain't so
you can't blame me for living
I know what it's like
and it's worth this misfortune
I know what it's like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
(Songs:Ohia, 2004)
Freitag, 28. März 2014
Bohren entschleunigt
Bohren und der Club of Gore zählt zu den Bands, die schon nach wenigen Takten problemlos zu identifizieren sind. Mit ihrer enigmatischen Mischung aus Jazz, Ambient und Doom haben sie quasi ein eigenes musikalisches Universum erschaffen. In der Manufaktur, der sie anlässlich ihres neuen Albums "Piano Nights" einen Besuch abstatteten, präsentierte sich Bohren nun gewohnt entschleunigt und unprätentiös.
Ein paar verschleppte Drums, tiefer, markanter Bass, das unverkennbar fiese Saxophon und Pianoklänge, die sich im Nichts auflösen: Die Musik der Band aus Mühlheim an der Ruhr ist wie geschaffen für die Nacht, für Autobahnfahrten über dunkle, verlassene Großstadtstraßen, funktioniert aber auch vor Publikum.
Sie erzeugt eine unwirtliche, abgründige Stimmung, dazu läuft die Nebelmaschine auf Hochtouren, der Saal ist komplett abgedunkelt. Mit Taschenlampen schleichen die Musiker auf die Bühne. Ihre Umrisse nur schemenhaft erkennbar. Nichts soll hier von der Musik ablenken, Kopfkino entstehen. Ab und an macht Saxophonist Christoph Clöser ein paar lakonische Ansagen, bezeichnet dann Bohren selbstironisch als „eine der zahlreichen Unterhaltungskapellen aus Nordrhein-Westfalen“. Nach verdammt kurzen anderthalb Stunden und lediglich zwei Zugaben entlässt Bohren das Publikum wieder ins Dunkel der Nacht. Seltsam entschleunigt.
Samstag, 1. März 2014
Howe Gelb, der Anti-Perfektionist
Wie lässt sich ein Künstler fassen, dessen musikalisches Oeuvre seit den 1970er Jahren schier unüberschaubare Ausmaße angenommen hat? Ein Künstler, der Südstaaten-Americana, diesen eigentümlichen Hybrid aus europäischen und afroamerikanischen Traditionssträngen, geprägt hat wie kein Zweiter; dessen Werk aber auch Elemente von Garagenrock, Jazz und lateinamerikanischer Musik integriert. Und der als bisweilen sarkastischer, stets präziser Geschichtenerzähler nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Sein Auftritt in der Schorndorfer Manufaktur bot die passende Gelegenheit, dem Phänomen Howe Gelb ein wenig näher zu kommen.
Freundschaft wird unter Musikern ja oft gepredigt, doch in den seltensten Fällen tatsächlich gelebt. Howe Gelb zählt zu der Sorte Künstler, die das Musik machen stets als eine kollektive Sache begriffen haben. Der Reihe nach: Sein Gitarrist Gabriel Sullivan, dessen Erscheinung ein wenig an den Bob Dylan der späten 1960er Jahre erinnert, eröffnet den Abend mit schweren, getragenen Songwriter-Balladen und rauchiger, markanter Stimme. Der Scotch des Vorabends hat auf ihr deutliche Spuren hinterlassen, was der sympathische Musiker auch nicht verheimlicht. Er spielt zunächst alleine, dann in Begleitung des Kontrabassisten Thøger Tetens Lund. Für einen Song darf dann auch Klaus, ansonsten Fahrer des Tourbusses, das Schlagzeug bedienen.
Und irgendwann gesellt sich schließlich Gelb dazu: groß, hager, mit blauem Karohemd, den braunen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass er die Augen verdeckt. Fast verstohlen schleicht er sich ans Klavier, setzt ein paar Tupfer in den Klangteppich – und ist dann genau so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Ein unmissverständliches Zeichen: entscheidend ist – nicht nicht nur an diesem Abend – die Musik, das Zusammenspiel, das Kollektiv. Die Bühne gehört zunächst voll und ganz seinem Bandkollegen.
Nach einer kurzen Pause betritt dann Gelb zusammen mit Sullivan und Lund erneut das Rampenlicht. Auch da verzichtet der lakonisch auftretende und zu launigen Anekdoten neigende Künstler auf große Gesten. Stattdessen wird es zunächst schräg. „Grumpy songs“ verspricht der US-Amerikaner – und hält sein Wort. Mit ordentlich Echo auf der Stimme versinkt er tief im Blues, dem alten, rohen Blues der Marke Robert Johnson. Zwei akustische Gitarren und ein Kontrabass genügen für diesen dreckigen, rauen Sound. Begleitet wird er dabei von einem gleichmäßigen Surren des Verstärkers. Mit der Nähe zur Eisenbahn erklärt er sich das Störgeräusch und verkündet: „We came here to celebrate the train. I guess it's part of the spirit of this building“. Was viele Musiker zur Weißglut treiben würde, macht Gelb kurzerhand zu einem Teil seines Auftritts.
Dabei arbeiten er und seine beiden Begleiter sich nicht nur an den Soloalben, sondern auch an der vielseitigen Werksgeschichte seiner langjährigen Band Giant Sand ab. Ein wilder Stilmix prägt den Abend. Das sorgt für Überraschungen, zahlreiche Brüche, lässt aber auch eine klare Linie vermissen: Wechselweise spielt Howe Gelb schräg auf der Akustikgitarre, fast impressionistisch auf dem Klavier oder lärmend auf einer Beinahe-Ukulele von E-Gitarre – mit Echo auf der Stimme und dem Surren des Verstärkers als stetigem Begleiter.
Nein, Howe Gelb möchte nicht gefallen. Das ist der vielleicht entscheidende Erklärungsansatz für die Eigentümlichkeit und den eher bescheidenen Erfolg des Künstlers. Gelb mag sich nicht erklären, nicht verkaufen. Gegen Marketing und Promotion habe er eine „slight allergy“. Damit widersetzt er sich ganz einfach den eisernen Spielregeln der Branche. Nur über die Musik kommunizieren zu müssen, das ist eigentlich ein Privileg der ohnehin Erhörten. Doch zu denen wird der Anti-Perfektionist Howe Gelb, soviel ist nach dem Auftritt jedenfalls sicher, wohl auch in Zukunft nie gehören.
Donnerstag, 16. Januar 2014
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