Freitag, 9. Februar 2018

Impressionen No. LII: Retrospektiv


 Smerdjakov und die Schuld.


 In der Schwarzwaldhölle.


 An der Schwelle.

Ein Wort
Ein Wort, ein Satz - aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
 (Gottfried Benn, 1941)


Mittwoch, 31. Januar 2018

Knausgards Kampf

 

760 schonungslos offene Seiten über das oft komplizierte, bisweilen auch tragische Familienleben eines weißen, männlichen Schriftstellers - ist das nun große Literatur oder banale Selbstbespiegelung? Nach der Lektüre von "Lieben", dem zweiten Band des  autobiographischen Projekts von Karl-Ove Knausgard fällt die Antwort darauf gar nicht so leicht. 

Denn dieser Roman enthält beides: Höchst banale Alltagsbeschreibungen (Brote schmieren, Kaffee trinken, Windeln wechseln, Zeitung lesen, auf dem Balkon rauchen), aber auch kluge, essayistische Gedanken über das Leben, die Literatur und den schier unmöglichen Versuch, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen und dabei sich auch noch literarisch selbst zu verwirklichen.

Der norwegische Schriftsteller Karl-Ove Knausgard (Jahrgang 1968) ist in diesem Band frisch nach Schweden ausgewandert, hat sich dort in seine zweite Frau verliebt und steckt in einem Dilemma: Er hadert mit seinem bisherigen Schaffen und weiß nicht so recht, worüber er schreiben soll. Das einzige, was für ihn feststeht: Dass er unbedingt schreiben will, denn nur beim Schreiben ist er wirklich glücklich. Und so kämpft er sich schreibend frei, indem er seinen Alltag literarisiert. Und dabei keine Rücksicht auf Familie und Freunde (die er mit Klarnamen benennt) nimmt, am allerwenigsten aber auf sich selbst.

Permanente Selbstzweifel

Wirklich kein Detail ist ihm zu peinlich, um es wegzulassen. Der Leser erfährt alles: dass seine Frau eine bipolare Störung hat, seine Schwiegermutter heimlich Schnaps trinkt, während sie auf seine Kinder aufpasst. Er selbst sich gerne bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, nur um zu vergessen. Wir lesen, wie schwer ihm der Alltag mit vier Kindern fällt, er sich dabei permanent nach seiner einsamen Hütte sehnt, wo er schreiben kann - und dabei doch beständig an sich und seinen Fähigkeiten als Schriftsteller zweifelt.

Wir können dabei zusehen, wie aus stürmischer Liebe kalter, trister, von Streit geprägter Alltag wird. Und erfahren, welche Bücher Knausgard liest, welche Autoren ihn geprägt haben. Wir können manch klugem Gespräch mit Freunden folgen und zugleich banalsten Small Talk lesen. Lernen dabei, wie groß die Unterschiede zwischen Norwegen und Schweden doch sind - weshalb der Autor in seiner neuen Heimat im Alltag meist lieber die Klappe hält.

Das liest sich, so deprimierend und voller Längen die Lektüre auch ist, erstaunlich leicht. An vielen Stellen kann sich der Leser in diesem nicht allzu außergewöhnlichen Leben eines weißen Europäers auch durchaus wiederfinden (sofern er selbst einer von ihnen ist).

Der passende Originaltitel: Min Kamp

Doch bleibt die Frage: Ist das nun große Literatur? Zumal "Lieben" ja nur ein Teil des sechsbändigen Zyklus ist, der es insgesamt auf mehr als 3000 Seiten bringt und im Original den Titel "Min Kamp" trägt. Knausgard also explizit Bezug nimmt auf Hitlers grauenhaft wehleidig geschriebene, doch wirkungsmächtige Autobiographie (worauf er im letzten Band "Kämpfen" näher eingeht). Der mit einer ausführlichen Beschreibung des eigenen Vaters beginnt. Einem Menschen, der Karl-Oves Existenz permanent in Frage stellt, schließlich dem Alkohol verfällt und daran jämmerlich zu Grunde geht.

Keine Frage, der Titel ist klug gewählt. Denn es handelt sich bei dem Roman-Projekt tatsächlich um einen Kampf: Knausgards Kampf mit sich selbst, seiner Geschichte, seinem Leben, dabei die Blumfeld'sche Frage stellend: "War das etwas schon alles?" Ein Kampf, der nach tausenden von Seiten mitnichten zu Ende ist. Auch die folgenden Bücher des Norwegers sind autobiographisch.

Mehr Verdichtung, bitte!

Banal ist das keineswegs. Vieles aus dem zweiten Band "Lieben" klingt nach, bleibt haften. Etwa der verzweifelte Moment, als er sich bei einem Schriftstellertreffen betrunken nachts das Gesicht mit dem Messer zerschneidet und die Scham am nächsten Morgen schier unerträglich wird.

Um große Literatur handelt es sich dabei aber auch nicht. Dazu fehlt es dem opulenten Werk an literarischer Stringenz. Ein sorgsamer Lektor hätte sicher etliche Passagen kürzen können, ohne dass es dem Buch geschadet hätte. So schweigsam und schüchtern Knausgard in der Realität auch sein mag: Das größte Problem dieses durchaus lesenswerten Romans ist seine Geschwätzigkeit.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Mixtape No. 15: Meister und Idiot


1. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi - Im Labyrinth (2017)
2. grim104 - 2. Mai (2013)
3. Tocotronic - Electric Guitar (2017)
4. Faber - In Paris brennen Autos (2017)
5. Sonic Youth - Incinerate (2006)
6. Palm - Dog milk (2018)
7. The Smiths - How soon is now (1985)
8. The Fall - The classical (1982)
9. Dinosaur Jr. - Sludgefeast (1987)
10. Shellac - Watch song (2000)
11. Tortoise - Swung from the gutters / Don't look back (live, 2013)
12. Logh - The smoke will lead you home (2005)

...und hier wie immer das Mixtape als Youtube-Playlist.

Montag, 22. Januar 2018

High Fidelity No. 9: Reflexe und Reflexionen


Meine Bücher des Jahres 2017:
1.  Martin Walser - Ehen in Philippsburg
2. Jerome Leroy - Der Block
3. Alec Ash - Wish lantern
4. Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft
5. Thomas Wagner - Die Angstmacher

BELLETRISTIK:

Teju Cole - Jeder Tag gehört dem Dieb: Nüchtern geschriebene Novelle über die Rückkehr eines Emigranten nach Lagos und seine innere Zerissenheit zwischen alter und neuer Heimat. Ein etwas flüchtiges Buch mit vielen Schwarz-Weiß-Fotografien von Cole, der selbst in Nigeria aufgewachsen ist.

Philip Roth - The plot against America: In den 40er Jahren wählen die US-Amerikaner einen Faschisten zum Präsidenten, der sich direkt mit Hitler verbündet. Doch ist er (der Flugpionier Lindbergh) wirklich eine Gefahr für die amerikanischen Juden? Es gibt nämlich auch unter ihnen welche, die ihn unterstützen. Die Familie des Protagonisten, die darüber langsam zerbricht, nicht. So schnörkel- wie schonungslos beschreibt Roth den unaufhaltsamen Niedergang der Familie.

Paul Auster - City of glass: Der erste, sehr gute Teil seiner New York-Trilogie ist ein großes Verwirrspiel, dreht sich um Fragen der Identität und darüber, wie sehr wir unseren Wahrnehmungen trauen können.

Martin Walser - Flugzeuge über dem Haus: Walsers Erstling ist noch sehr geprägt von Kafka, über den er einige Jahre zuvor promovierte. Lesenswert, aber entsprechend kafkaesk sind die gleichnishaften Kurzgeschichten, die gegen Ende hin immer absurder werden.

Martin Walser - Ehen in Philippsburg: Ein wirklich großer deutscher Nachkriegsroman, der im fiktiven Philippsburg spielt, aber (wie ich erst nach der Lektüre erfahren habe) eigentlich Stuttgart in den späten 50er Jahren zeigt (vieles davon trägt wohl autobiografische Züge, schließlich hat Walser eine Zeit lang beim SDR gearbeitet). Dabei zeichnet Walser ein Sittenbild der Wirtschaftswunderzeit, in dem die Schrecken der jüngsten Vergangenheit nur subkutan spürbar sind und in der bei aller spießigen Enge doch ebenso Fürchterliches zu Tage tritt.

Martin Walser - Jenseits der Liebe: Jenes Buch, das Reich-Ranicki (nicht ganz zu unrecht) in der  FAZ so großartig verriss, dass der Autor ihn später literarisch sterben ließ. Stammt aus der kurzen Phase, in der Walser mit dem Kommunismus liebäugelte. Entsprechend hölzern wirkt der Versuch einer Kritik der Arbeitswelt anhand der Arbeitsbiografie des scheiternden Franz Horn.

Martin Walser - Meßmers Gedanken: Eine Sammlung von Aphorismen, die sich mehrmals zu lesen lohnt und in der Walser nicht nur kluge (wenn auch oft widersprüchliche) Sätze formuliert, sondern auch ziemlich offen über seine Schwächen spricht.

Riad Sattouf - Der Araber von morgen, Teil 3: Der dritte Teil der großartigen Graphic Novel, in der Riad Sattouf seine Kindheit zwischen Frankreich und dem Nahen Osten beleuchtet, spielt diesmal größtenteils in Syrien und ist so großartig wie die beiden vorherigen Teile. Weitere werden folgen.

Udo Stein - Mythos Neuseeland: Musste ich für die Arbeit lesen und rezensieren. Der Autor ist emeritierter Professor, lebte lange und arbeitete lange Jahre in Neuseeland und dekonstruiert anhand dieses Romanes den Mythos von Neuseeland als schönster und nettester Fleck der Erde, der sich sowohl innerhalb des Landes als auch bei den Touristen anhaltender Beliebtheit erfreut.

Jerome Leroy - Der Block: Es ist die entscheidende Nacht für den Patriotischen Block: Draußen tobt der Bürgerkrieg, drinnen verhandelt die rechtsradikale Partei über die Regierungsbeteiligung. Wir erleben diese Nacht anhand der Innenansichten eines Parteiintellektuellen, dessen Frau mitverhandelt. Und seines Freundes, des obersten Parteischlägers, der bei einer parteiinternen Säuberungsaktion aus dem Weg geschaffen werden soll und auf der Flucht ist. Der Autor will gar nicht verhehlen, dass er in Teilen über den Front National schreibt. Ein packendes Buch, das einen Tief in die Abgründe rechtsradikalen Denkens führt, aber auch dabei hilft, seinen Erfolg zu verstehen.

Peter Handke - Die Angst des Tormanns beim Elfmeter: Auch bei der zweiten Lektüre hat sich mir die viel beschworene Größe dieses kleinen Buches leider nicht erschlossen.

Irmgard Kleinle-Schneider - Es kann vor Abend anders werden: Musste ich für die Arbeit lesen und rezensieren. Halbautobiografische Lebensgeschichte einer Frau, die das Schicksal hart erwischt, die tief fällt und dank Gottes Hilfe und ihren starken Willen doch noch glücklich wird.


SACHBUCH:

Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft:
Eine luzide soziologische Analyse, die sich obendrein noch gut liest. Sollte auch der ein oder andere linke Politiker mal zur Hand nehmen. Nachtwey zeichnet recht gut nach, wie sich diese Gesellschaft von einer Aufstiegs- in eine Abstiegsgesellschaft gewandelt hat, welche Konsequenzen das hat - und warum sich das gar nicht so leicht ändern lässt.  

Alec Ash - Wish lantern: Ein tiefer Einblick in das Leben junger Menschen in China. Sehr unterschiedlicher Menschen (von einfachen Bauernkindern bis zur Tochter eines Parteikaders), die der Autor lange begleitet und ihren Werdegang in einem halbliterarischen Stil porträtiert hat. Wer etwas über den Alltag in China erfahren möchte, sollte unbedingt "Wish lantern" lesen. Danach sind alle Klischees über "die Chinesen" im Kopf wie weggeblasen.

Michael Winterhoff - Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Ein Buch, das lieber nicht lesen sollte, wer Kinder hat (oder mit ihnen arbeitet). Winterhoff zeichnet ein sehr düsteres Bild der Mädchen und vor allem Jungen, die in Deutschland leben. Vielleicht, weil er als Psychotherapeut ja nur mit Problemfällen zu tun hat. Glücklicherweise hatte ich das Buch nur aus der Bücherei geliehen.

Constantin Schreiber - Inside Islam: Was auch für dieses Buch gilt, das den Besuch deutscher Moscheen in einem reißerischen Ton als eine Art Safari zu den Wilden beschreibt. Immerhin aber Einblicke bietet in das, was in deutschen Moscheen so gepredigt wird. Ganze Predigten in deutschen Übersetzungen inklusive.

Robert & Sarah Levine - Do parents matter? Ein wirklich tolles, fundiertes Buch zweier Ethnologen, die Jahrzehnte lang Erziehungsarten weltweit beobachtet haben. Und die zu dem Ergebnis kommen, dass der Einfluss der Eltern nicht überschätzt werden sollte. Dass gänzlich konträre Formen der Erziehung das gleiche Ergebnis zur Folge haben können. Und dass es daher nicht die eine, richtige geben kann.

Robin Alexander - Die Getriebenen: Zeichnet minutiös nach, wie Politik und Medien im Herbst auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise agierten: ziemlich getrieben. Widerlegt dabei die These, dass die Kanzlerin aus Überzeugung die Willkommenskultur ausrief. Die Grenzschließung, so Alexander, war wohl von Merkel schon fast beschlossene Sache. Im entscheidenden Moment hatte sich aber in der Regierung niemand getraut, auch die Konsequenzen dafür zu übernehmen.

Tuvia Tenenbom - Allein unter Flüchtlingen: Tenenbom ist bekannt für seine Recherchereisen, bei denen er einfachen Menschen begegnet und in durchaus in witziger Art und Weise daraus Bücher strickt. Zuletzt über die Amis, diesmal über die Deutschen, die Flüchtlinge und die Umgang der einen mit den anderen. Der israelische Jude Tenenbom spricht arabisch und kommt deshalb ziemlich nah ran. Das Bild ist an vielen Stellen ziemlich hässlich. Dennoch: Tenenbom wird, wie ich finde, zu Unrecht von den Rechten vereinnahmt.

Peter Kuntze - Chinas konservative Revolution: SZ-Autor im Ruhestand, der in diesem Büchlein, erschienen in einem rechten Kleinverlag, recht klug über die konservative Wende im kommunistischen China schreibt.

Rolf Peter Sieferle - Finis Germania: Hat letztes Jahr einen peinlichen Literatur- und Medienskandal ausgelöst, der nicht hätte sein müssen. Sieferle war zu Lebzeiten ein respektierter Wissenschaftler, driftete aber vor seinem selbst gewählten Tod hart nach rechts. Diese unsortierten, posthum erschienen Aphorismen tragen nicht viel zum Verständnis der Lage bei, lassen aber gut verstehen, warum Sieferle den Freitod wählte. 

Matthias Rüb - Che Guevara: Ein FAZ-Korrespondent, der eine Che-Kurzbiografie schreibt kann wohl a priori nichts Gutes an dem Revolutionär finden. Rüb versucht, den Mythos zu dekonstruieren, was ihm stellenweise auch gelingt. Beschreibt den Revolutionär dabei sehr unvorteilhaft als keineswegs von der Sache überzeugten, blutrünstigen Rassisten. 

Thomas Wagner - Die Angstmacher: Ein Linker, der die Rechten nicht nur studiert, sondern auch mit ihnen redet und dabei etwas kluges beizutragen hat. Das beste Buch über die Neue Rechte, das ich kenne. Wagner geht dabei ziemlich hart ins Gericht mit seinen Linken - und zeigt überzeugend auf, weshalb 68 nicht nur der Beginn einer (gescheiterten) linken Revolte war, sondern auch das Fundament legte für den Aufstieg der Neuen Rechten.

Philipp Blom - Was auf dem Spiel steht: Der Historiker versucht sich in aller Kürze an einem Rundumschlag zur politischen, ökonomischen und ökologischen Lage. Und sieht uns auf recht düstere Zeiten zusteuern. Blom packt meines Erachtens aber etwas zu viel in diesen sehr dichten Text. Weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen.

Daniel Schreiber - Nüchtern: An einem Abend in der entsprechenden Stimmung durchgelesen, zum zweiten Mal. Nach wie vor eines der klügeren Bücher über das Trinken - und warum es irgendwann einfach besser ist, damit aufzuhören.

Stefan Zweig - Die Welt von gestern: Anhand seiner eigenen Biografie zeichnet Zweig eine Welt nach, die mit dem Ersten Weltkrieg verschwand: das Habsburger-Reich. Er tut dies aus der Perspektive der heilen Welt eines Bildungsbürger-Haushalts, die von den Wirren der Zeit schwer erschüttert wird. Das Buch endet recht düster mit dem Zeiten Weltkrieg. Zweig starb, bevor Hitler besiegt wurde. Dazwischen schreibt der überzeugte Europäer viel über seinen Werdegang, seine Reisen nach Russland, Indien, Lateinamerika, wenig persönliches ist darin jedoch zu erfahren. Sollte daber vor allem als Lehrstück gelesen werden von all jenen, die unbedingt zur Nationalstaaterei zurückkehren wollen.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Der Verlorene

Zwanzig Jahre ist es nun her, dass in Weinstadt ein fünfjähriges Kind in seiner Pflegefamilie verhungerte. Eine Katastrophe, die nach wie vor schwer zu verstehen und zu erklären ist. Kollege Peter Schwarz hat vor einem Jahr einen seiner Leidensgenossen besucht, der das Martyrium damals als Neunjähriger nur knapp (auf gerade mal 11,8 Kilo abgemagert) überlebte - und dessen Dasein bis heute eine Tragödie ist. Zitat: "Die Beine sind ihm krumm gewachsen, Spätfolgen der Unterernährung. Er neigt dazu, H-Milch zu horten, die Tetrapacks reihen sich auf in Reih und Glied wie eine Armee, die gegen den Hunger beschützt."

Die Reportage, in der Schwarz uns so behutsam wie genau in dieses verworfene Leben blicken lässt, wurde kürzlich - völlig zurecht - mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.

Sonntag, 7. Januar 2018

Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die Lebenden lassen die Toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Dass unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hohlwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

(Heinrich Heine, 1869)

Samstag, 6. Januar 2018

Impressionen No. LI: Südwest-Winter

Uff em Wald - Irgendwo im Nirgendwo.

Vor 20 Jahren: Hohenlohische Einöde.

Wo die Alb trauft.

Remstal-Aussichten.

Badische Aufstiege.


Freitag, 5. Januar 2018

Kubitscheks Metapolitik


Wenn es um den Aufstieg der Neuen Rechten geht, fällt immer häufiger ein Name: Götz Kubitschek. Eine 3sat-Dokumentation beleuchtet den Einfluss des Aktivisten und Verlegers - und zeigt, wie stark das, was er als Metapolitik bezeichnet, den politischen Mainstream bereits beeinflusst. 

Im Herzen ist Kubitschek immer noch Soldat. In einem "normalen Land" wäre er das auch heute noch, bekennt er in der Doku "Die rechte Wende - Beobachtungen jenseits der Mitte", die sich mit den neusten Entwicklungen innerhalb der intellektuellen Rechten beschäftigt. Aus der Bundeswehr ist der einstige Oberstleutnant längst ausgeschieden. Doch sein Kampf gilt nach wie vor der Verteidigung des deutschen Volkes.

Seit mehr als 15 Jahren arbeitet Kubitschek als Verleger, Journalist und intellektueller Vordenker an einer geistigen Wende. Seit der Flüchtlingskrise (die wie ein "Brandbeschleuniger" für seine Arbeit gewirkt habe) trägt diese Saat langsam auch Früchte. Längst sind Name und Gesicht des anti-bürgerlich rechten Aussteigers über die Szene hinaus bekannt. Was auf seinem Rittergut in Schnellroda metapolitisch (im Sinne eines Kulturkampfes von rechts) entworfen wurde, findet merklich immer mehr Eingang in den politischen Mainstream. (Sogar die New York Times hat ihn deshalb bereits so ausführlich wie präzise porträtiert.)

Am deutlichsten erkennbar ist sein Einfluss am Aufstieg der AfD. Wurde sein Mitgliedsantrag anno 2015 noch abgelehnt, so wirkt Kubitschek durch seinen Verlag Antaios, die Zeitschrift Sezession sowie dem Institut für Staatspolitik heute stärker in die Partei und vor allem ihren rechten "Flügel" hinein, wie er das als Mitglied wahrscheinlich könnte.

Im Grunde ist Parteipolitik dem gebürtigen Oberschwaben aber ohnehin zuwider. In einer Szene des Films spricht Kubitschek in der ostdeutschen Provinz vor AfD-Parteinachwuchs - und gibt ihnen  statt strategischen Anweisungen den Ratschlag, erst einmal etwas aus ihrem Leben zu machen. Nur wer fest im Leben stehe, könne seiner Meinung nach richtig politisch handeln. Die Jugend dankt dennoch mit Applaus.

Ein rechtes Netzwerk

Aber auch über die AfD entfaltet die politische Arbeit des 47-Jährigen mittlerweile ihre Wirkung. Beim Aufbau der Identitären Bewegung in Deutschland etwa, einem rechten Hausprojekt in Halle oder der fremdenfeindlichen Kampagne "Ein Prozent" (die neben dem Bau von Zähnen auch völkische Rapper wie "Komplott" fördert). Diesen rechten Projekten gemeinsam ist ein junges, modernes Erscheinungsbild und eine Rhetorik, die offen rassistische Formulierungen vermeidet. Stattdessen setzen sie auf linke, fast schon subversive, den 68ern entlehnte Aktionsformen, die sie in zeitgemäß geschnittenen Videos aufbereiten.

Daneben spricht Kubitschek bei Pegida-Demos und hat sich vernetzt mit Grenzgängern wie dem Ex-Anti-Deutschen und neu-völkischen Jürgen Elsässer, durchgeknallten Outlaws wie dem einstigen Katzenkrimi-Autor Akif Pirinci und Renegaten wie dem inzwischen verstorbenen Rolf Peter Sieferle, dessen umstrittene Aphorismen-Sammlung "Finis Germania" im vergangenen Jahr zum skandalösen Bestseller wurde.

Kubitschek wähnt sich dabei, ganz grundsätzlich, ganz soldatisch, im Kampf um den Erhalt des Deutschen, seiner Kultur, seines Volkes. Gerade weil er dabei keine kurzfristigen politischen Strategien verfolgt, sondern vielmehr den politischen Diskurs nach rechts drehen möchte, ist er im Moment so erfolgreich. Und das, was durch seine Arbeit entsteht, so gefährlich für diese Republik.

Sonntag, 26. November 2017

Die schwierige Suche nach einem Atom-Endlager

Der Ausstieg aus der Kernkraft ist längst gesellschaftlicher Konsens. In fünf Jahren wird das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet. Noch völlig ungeklärt ist hingegen die Frage, wo der Atommüll künftig gelagert wird. Über den aktuellen Stand bei der Endlagersuche sprach kürzlich Peter Hocke-Bergler, Experte für Technikfolgenabschätzung, unlängst in Schorndorf.

Eine Million Jahre: Dieser von der Bundesregierung festgelegte Sicherheitszeitraum sprengt die Grenze des menschlich Vorstellbaren. Doch genau so lange muss ein Endlager laut Gesetzgeber sicher sein. Ein Zeitraum, der nicht nur kaum fassbar, sondern auch mit so vielen Unabwägbarkeiten verbunden ist, dass eine wirklich sichere Lösung schier aussichtslos erscheint. Zumal der Müll selbst nach einer Million Jahren nicht völlig ungefährlich ist. Ein Erbe also darstellt, das noch lange nachstrahlen wird.

Wohin also mit dem Atommüll? Auch Peter Hocke-Bergler weiß darauf keine exakte Antwort. Der Sozialwissenschaftler arbeitet am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe und ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet. Eines zumindest sei seiner Ansicht nach sicher: „Keiner kommt gut raus aus dieser Kiste.“

Denn das Thema Atommüll sei doppelt vertrackt. Zum einen aufgrund der alles andere als trivialen technischen Herausforderungen: Der Müll lasse sich nicht wirklich recyceln, Transport und Lagerung seien aufwendig und gefährlich. Ein Endlager müsse deshalb extrem strengen Sicherheitskriterien entsprechen.

Zum anderen sei das Thema politisch höchst kontrovers. Mag sein, dass es einen Konsens über den Ausstieg gebe – über die Entsorgung sei bislang noch keiner gefunden. Die Endlager-Frage sei für die Politik auch höchst unattraktiv: „In einer Legislaturperiode ist das Problem nicht zu lösen. Es zahlt sich politisch nicht aus.“ Und dann gebe es ja noch die gut organisierte und immer noch mobilisierungsfähige Anti-Atom-Bewegung, die Transporte blockiere und Lagerung verhindern wolle.

Die offene Suche nach einem Endlager hat begonnen

Immerhin, so Hocke-Bergler, habe Deutschland zumindest über den Modus der Suche inzwischen einen politischen Konsens erreicht. Durch die Nuklearkatastrophe in Fukushima und den darauf folgenden endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft habe sich die Chance für eine lagerübergreifende politische Lösung ergeben. 2013 wurde vom Bundestag schließlich das Standortauswahlgesetz verabschiedet, das in die Einsetzung einer Experten-Kommission und die Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle mündete.

Eine Suche, die bewusst sehr offen gehalten wurde. Lediglich der Standort Gorleben galt als zur Prüfung gesetzt. „Extrem ungewöhnlich und gut“ sei dies gewesen, so Hocke-Bergler. Der Wissenschaftler hofft nun auf einen möglichst fairen Auswahlprozess.

Wichtig sei zunächst eine gute technische Lösung. Realistischerweise gebe es da nur drei Optionen: die wartungsfreie Lagerung in der Tiefe (im Salzstock, Ton- oder Granitboden), eine Tiefenlagerung mit Wartungsmöglichkeit oder die Langzeitlagerung an der Oberfläche. Hundertprozentige Sicherheit böte keine dieser Optionen. „Auch Salzstöcke sind nicht besonders sicher – nur tief unten.“ Und weil sie schon Millionen Jahre überdauerten, ginge man davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleibe. Ein klassischer Analogieschluss und damit eine reine Wette auf die Zukunft.

Die schiere Menge - Greenpeace schätzt diese in Deutschland auf rund 15 000 Tonnen - sei nicht das Problem. Die große Herausforderung: Radioaktive Behälter strahlen und geben sehr viel Wärme ab. Was genau bei der Lagerung über die Jahrtausende passiere, könne daher niemand mit Sicherheit vorhersagen.

Was bekommt die Region, in der das Endlager schließlich stehen wird?

Bei der Endlager-Suche sei aber nicht alleine die Technik entscheidend. „Wichtig ist auch stets die Frage: Was bekommt die Region, in der das Endlager stehen wird?“ Die Politik müsse genau darauf schauen. Um einen verfestigten Konflikt, wie er in Gorleben seit 40 Jahren tobt, zu verhindern, sei Bürgerbeteiligung dringend erforderlich.

Insgesamt sieht Peter Hocke-Bergler Deutschland aber auf einem guten Weg. Vieles werde nun davon abhängen, wie sich die politische Kultur entwickle, und vor allem, mit welchem Selbstverständnis die Bürger dieser Herausforderung begegnen.

Bis dahin dürften, so vermutet es der Experte, aber noch einige Jahrzehnte ins Land ziehen. Vor 2050 sei nicht mit der Inbetriebnahme eines Endlagers zu rechnen. Der Transport von den Zwischenlagern werde nochmals Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Die Geschichte der Kernenergie ist also noch lange nicht vorbei.“

(Eine andere Version dieses Textes erschien am 9.10.2017 in den Schorndorfer Nachrichten)

Freitag, 17. November 2017

Flüchtige Notizen IX: Democracy

4/9/2002:

Widerspiegelung

Ich seh mich wieder groß an meinen Grenzen
Aufgetaucht ich hatte mich vergessen.
Vogel, flugs die Grenzen zu verwunden,
Frohlocke ich, die Spiegelscherben glänzen.
Ich hungerte, jetzt will ich wieder essen:
Dies Manna der Verletzungen, die munden.

(Elke Erb, 1991)

Die 79-jährige Lyrikerin erhält in diesem Jahr den Mörike-Preis der Stadt Fellbach.

Montag, 13. November 2017

Mixtape No. 14: Low Life

1. The Tower - Motorpsycho (2017)
2. Star roving - Slowdive (2017)
3. Hey du - Tocotronic (2017)
4. Exalted - Thurston Moore (2017)
5. L.A. won't bring you down - Miles Mosley (2016)
6. Blue light - Kelela (2017)
7. Lift - Radiohead (1996)
8. Svefn-g-englar - Sigur Rós (1999)
9. Te Deum - Arvo Pärt (1984)
10. Trois gymnopédies - Eric Satie (1888)

...und hier die ganze Youtube-Playlist.



Mittwoch, 4. Oktober 2017

Hiobs Botschaft

"Aber warum dieses Schicksal ihnen und immer wieder ihnen allein? Was war der Grund, was der Sinn, was das Ziel dieser sinnlosen Verfolgung? Man trieb sie aus den Ländern und gab ihnen kein Land. Man sagte: lebt nicht mit uns, aber man sagte ihnen nicht, wo sie leben sollten. Man gab ihnen Schuld und verweigerte ihnen jedes Mittel, sie zu sühnen. Und so starrten sie sich an auf der Flucht mit brennenden Augen - warum ich? Warum du? Warum ich mit dir, den ich nicht kenne, dessen Sprache ich nicht verstehe, dessen Denkweise ich nicht fasse, mit dem nichts mich verbindet? Warum wir alle? Und keiner wußte Antwort. Selbst Freud, das klarste Ingenium dieser Zeit, mit dem ich oft in jenen Tagen sprach, wußte keinen Weg, keinen Sinn in diesem Widersinn.

Aber vielleicht ist es gerade des Judentums letzter Sinn, durch diese rätselhaft überdauernde Existenz Hiobs ewige Frage an Gott immer wieder zu wieder zu wiederholen, damit sie nicht völlig vergessen wird auf Erden."

Stefan Zweig in: Die Welt von Gestern (1944) über den Exodus der Juden Europas aus ihren Heimatländern Ende der 1930er Jahre.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Im ideologischen Zeitalter

Mit der Revolution im Jahre 1917 begann in Russland eine historische Entwicklung, die das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollte. Die Spaltung der Welt in Ost und West nahm ihren Anfang. Bei einem Vortrag an der Schorndorfer VHS warf der Historiker Dr. Hartmut Jericke  einen kritischen Blick auf dieses epochale Ereignis, seine Hintergründe und Folgen.

Wer die verstehen wolle, müsse aber zuerst auf jenes Jahrhundert schauen, das Jericke als das „optimistischste, fortschrittlichste und friedlichste“ der modernen, europäischen Geschichte bezeichnet. Das 19. Jahrhundert, nach dem Wiener Kongress 1815 durch ein gesundes Mächtegleichgewicht geprägt, brachte aber nicht nur mit der industriellen Revolution einen „unglaublichen Entwicklungsschub“ für die Menschheit. Es war auch jenes Jahrzehnt, in dem die traditionelle Ständegesellschaft überworfen wurde, der Kapitalismus als Wirtschaftssystem aufblühte und mit ihm das Proletariat und seine Ausbeutung entstand.

Niemand habe die Verhältnisse im Frühkapitalismus dann so deutlich beschrieben wie Karl Marx. Klarsichtig habe der Ökonom das Wirtschaftssystem analytisch kritisiert und damit indirekt viel zur Verbesserung der sozialen Verwerfungen beigetragen, findet Jericke: „Wir haben Marx einiges zu verdanken.“ Zumindest dem Ökonom. Bei seinen philosophischen Betrachtungen „irrte Marx aber gewaltig“. Seine Utopie von der klassenlosen Gesellschaft hält der konservative Historiker durch die Geschichte der Sowjetunion für widerlegt.

Bauern statt Proletarier – wie Lenin den Marxismus neu interpretierte

Doch wieso war es überhaupt das Zarenreich, in dem die Ideen des Trierer Ökonomen als Erstes umgesetzt wurden? Denn was Marx als Subjekt der Revolution bezeichnete, machte im zaristischen Russland gerade mal drei Prozent der Bevölkerung aus. Über 90 Prozent der Russen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bauern. Formal freie Bauern zwar, die aber de facto immer noch in feudalen Abhängigkeitsstrukturen lebten.

So war es im Februar 1917 auch zunächst eine bürgerliche Revolution, die das Zarenreich hinwegfegte. Doch die Revolutionäre wollten keinen Frieden und Lenin erkannte die geschichtliche Chance. Er sah die Wut der Bauern und beschloss, diese in Russland zum Subjekt der Revolution zu machen. Lenin versprach ihnen Freiheit und eine eigene Scholle für den Fall, dass sie den Kommunisten folgten. Was sie dann bei der Oktoberrevolution schließlich auch taten.

Doch Lenins Versprechen gegenüber den Bauern blieb letztlich unerfüllt. Er dekretierte zwar die Verteilung von Grund und Boden an sie. Doch der Traum von der eigenen Scholle wurde für sie nur kurz wahr. Im Gegenteil: Unter seinem Nachfolger Stalin wurden sie schließlich zwangskollektiviert und als Kulaken massenhaft verfolgt. Die Opferzahlen gehen in die Millionen.

Und dennoch war mit der Russischen Revolution jener folgenreiche Gedanke in der Welt, dass ein besseres Leben im Hier und Jetzt - und zwar überall - machbar sei. Dies schürte im Westen die Angst vor einer Weltrevolution. Die Arbeiterklasse spaltete sich, auch in Deutschland, wo seit Dezember 1918 eine Kommunistische Partei neben der SPD den Alleinvertretungsanspruch für die Arbeiterklasse beanspruchte.

Es begann das Zeitalter der Ideologien und damit auch der Aufstieg des Faschismus in Europa, der sich das Feindbild Kommunismus zunutze machte.

„Nach 1918 war die liberale bürgerliche Gesellschaft am Ende“, sagt Jericke. Eine misslungene Friedensordnung, die Russland und Deutschland nicht einband, sondern isolierte, tat ihr Übriges dazu.

Und während Stalin den Agrarstaat Sowjetunion mit aller Gewalt industrialisierte, übernahmen in immer mehr europäischen Ländern Faschisten die Macht, bis 1939 kaum ein Land mehr liberal regiert wurde.

Die Tragödie gipfelte im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird. Kaum ein Land hatte mehr Opfer zu beklagen, doch die Sowjetunion gewann den Krieg und besiegte damit den Faschismus. „Die Entscheidung über die Ideologie von Karl Marx blieb aus.“ Nun begann der Kalte Krieg, das Wettrüsten der Großmächte, mithin jene Spaltung der Welt, die sie zeitweise an den Rand des Atomkriegs trieb.

Ohne Russland kein Frieden: Eine wichtige geschichtliche Lektion

Bekanntermaßen verlor die Sowjetunion diesen Wettstreit, ging 1991 sang- und klanglos unter – und mit ihr auch die Attraktivität des Marxismus.

Was bleibt, ist folgende Erkenntnis: „Wer glaubt, dass man die Russen außen vor lassen kann, der irrt.“ Eine Friedensordnung in Europa könne es deshalb nur mit Russland geben.

Das ideologische Zeitalter, es ist noch nicht an sein Ende gekommen.

(Dieser Artikel erschien bereits in den Schorndorfer Nachrichten.)

Mittwoch, 20. September 2017

Kunstnacht Schorndorf

 Im Namen der Dose (Hardy Zürn): Auf den ersten Blick geht es um profane Dosen und wie sie Form und Zustand verändern. Doch als  rostige, plattgefahrene und kaputte Objekte werden sie dann zu stimmigen Erzählungen geflochten.

Zellformationen (Jenny Winter-Stojanovic): Eine Performance, die das Suchen, Finden und Entstehen, das Abstreifen von Häuten in verschiedenen Lebensphasen thematisiert.

Das Röhm-Areal: In der blauen Stunde entfaltet das Gelände eine faszinierende Aura zwischen Industriearchitektur und modernem Kreativquartier.

Kesselhaus: Ist an diesem Abend in rotes und blaues Licht getaucht. Rote Laserpunkte schwirren durch den Raum. Dazu Musik aus einem Modularsynthesizer.

Abgrenzung Ausgrenzung Eingrenzung (Bernard E.A. Czychi): Auf welcher Seite stehen wir? Wovon grenzen wir uns ab? Sind neue Grenzen oder Abgrenzungen tatsächlich die richtige Lösung?

Landliebe II - Homines et bestias (Annette Schock): Handwerklich starke Porträts von Tieren und Menschen, so präzise wie bizarr.

Kleine Kriegsserie (Bertold Becker): Kriegs-Erinnerungen aus zweiter Hand. Hier: Die Verhaftung. „Mit dem Abstand zu den realen Geschichtsereignissen scheinen die Bilder, die wir uns davon machen oder bewahrt haben einerseits blasser zu werden. So, als würden sie ihre (traumatisierend-bedrängende) Kraft endlich verlieren, sich dem vielleicht herbeigesehnten allmählichen Vergessen anverwandeln. Als ob es nie gewesen sei. (…) Andererseits aber werden die Bilder Beckes durch die bewusste ästhetische Entscheidung zur Unschärfe auch wieder gespenstischer und damit gefährlich. Behaupten sie so doch den Tat-Ort als so real wie gefährdet. Die materiellen Spuren mögen verwischt sein. Anders die unlöschbaren mentalen. Fixiert zu tränenverschleierten Erinnerungsfetischen werden sie als unheimliche Widergänger zurückkehren.“ (Thomas Milz)

Q Galerie: Tausende Stunden Klang, geschmolzen, verfremdet und zu neuer Kunst gewoben. 

...aufgenommen am 16. September in Schorndorf.

Dienstag, 29. August 2017

Impressionen No. L: Folk

Volksdorf.

Volkspalast.

Völkerkunde.

Wählervolk.

Folkstum.

Kunstvolk.

Donnerstag, 3. August 2017

Verliebt ins Scheitern

Lenin Riefenstahl und Christian Rottler beim Auftritt im Merlin

Bleischwer lag die Kohl-Ära über der Republik, als Christoph Schlingensief die „Chance 2000“ gründete. Er nannte sie die „Partei der letzten Chance“ und verpasste ihr das programmatische Motto „Scheitern als Chance“. Für Schlingensief war die Partei „ein in jeder Hinsicht unbegrenztes Theaterstück“, ein „Appell, selbstbewusster zu leben“, mit Richtungslosigkeit als oberstem Prinzip.

Scheitern als Chance

In den Randständigen, Überflüssigen, Arbeitslosen sah er die kommende Avantgarde. Mit Aktionskunst wollte er nicht nur die dröge Ära Kohl überwinden, sondern den Neoliberalismus endlich produktiv und radikal für die Kunst nutzen. „Alles aufgeben! Fehler machen! Scheitern ist Chance! Nicht Wandel, sondern Revolution, nicht Revolution, sondern permanente Revolution, Unsicherheit!“ Gerade in der Sphäre der im kapitalistischen Sinne Nicht-Produktiven werde schließlich gearbeitet, werde Sinn produziert wird. Schlingensiefs Projekt wendete das gesellschaftliche Scheitern seiner Protagonisten in eine künstlerische Chance und begab sich auf die Suche nach dem guten Leben.

Auch Christian Rottler, Absolvent der Weimarer Bauhaus-Universität, ließe sich in diesem Sinne als Gescheiterter beschreiben. Beinahe wäre ihm der Sprung in die professionelle Künstlerexistenz gelungen. Hörspiele im Kulturradio, ein Song auf Motor-FM-Dauerschleife, drei Jahre später dann fast ein Plattenvertrag bei einem Major-Label. Doch der Sprung misslang. Und Rottler geriet in eine künstlerische Krise, aus der er sich nur langsam wieder befreit.

Vom Willen, zu scheitern

Das Scheitern durchzieht sein gesamtes Werk. Im Hörspiel „Nahkampf oder telefonieren“ soll ein letztes Telefonat zwischen den einst Liebenden alles kitten – und kann das Unausweichliche doch nicht verhindern. Die Begegnung mit den Jugendhelden Rottlers gerät zur offenen Therapiesitzung des von Selbstzweifeln geplagten Künstlers. Immer im Hintergrund mitschwingend: Thomas Bernhard, an dessen Werk „Holzfällen“ sich der Titel des Hörspiels anlehnt. Über das Scheitern schrieb der Österreicher einst in „Ja“: „Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrundegehen wollen, was tatsächlich nicht die Absicht sein kann, mit welcher wir da sind.“ 

Kommando Ödipus - live im Merlin

Und dann ist da natürlich Marcel Proust und sein Klassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, an der Rottler scheitert. Der Literatur-Fresser, dessen Stolz auf die prall gefüllten Bücherwände jeder sofort spürt, der sich mit ihm über Literatur unterhält, muss sich die abgebrochene Lektüre zunächst selbst erklären.

In einem dichten Essay verarbeitet er sein Scheitern an Proust. Und kommt dabei zu folgender These: Frei nach Pierre Bourdieu produziert die Lektüre solcher Wälzer eine Art kulturelles Kapital im Paarungsverhalten gebildeter Schichten. Inhalt oder literarische Bedeutung des Werks sind dabei zweitrangig. Entscheidend sei vielmehr, dass der Leser den Stoff überhaupt bewältigt, das Buch zu Ende liest – und damit im intellektuellen Kampf der Geschlechter sexuelle Attraktivität erlangt. Seit Jahren reibt Christian Rottler stolz jedem, dem er gewisse intellektuelle Fähigkeiten attestiert, den Essay unter die Nase.

Um das Scheitern geht es auch in dem Song „Schlichte Perfektion“. Ja, heute mag alles grau und trüb erscheinen, aber „ab morgen überrasch‘ ich dich täglich mit schlichter Perfektion“. Was natürlich nie passieren wird – und letztlich auch nicht entscheidend ist.

Ein künstlerischer Sieg

Auch Christoph Schlingensief scheiterte mit seinem Projekt „Chance 2000“ gleichermaßen planmäßig wie grandios. Und doch erwuchs ihm daraus ein künstlerischer Sieg. 1998 war Schlingensief auch jenseits avantgardistischer Kreise plötzlich ein Name. Als der Künstler dann einige Jahre später an Krebs erkrankte, machte er seine Krankheit kurzerhand zum Kunstbesitz, deutete das Scheitern des Körpers als künstlerische Chance. Sein letztes, noch unvollendetes Projekt – der Aufbau eines Operndorfes in Burkina Fas – setzte die Kunst schließlich als Kontrapunkt zu Kapitalismus, Kolonialismus und Armut. Und immer im Hintergrund mitschwingend die Frage: Was ist das, das gute Leben?

Dieses existenzielle Thema treibt auch Christian Rottler in seinem noch unvollendeten Werk um. Der undogmatische Linke hat mithin noch viele Fragen an sich selbst und die Welt. Und zum Glück keine Angst vorm Scheitern.

Sonntag, 30. Juli 2017

Meine Brüder und Schwestern im Norden




Ein Heimatfilm über Nordkorea von Sung-hyong Cho (leider nicht mehr in Gänze frei verfügbar, daher nur der Trailer...)

Dienstag, 13. Juni 2017

Impressionen No. XLIX: Bildhauer-Symposium

Street sign #1


Street sign #2

Werkstatt #1

 Lederfabrik #1

Werkstatt #2

Street sign #3

 
Planetary prince (Cameron Graves)

Werkstatt #3

Lederfabrik #2

Freitag, 26. Mai 2017

Kinski, Trump und Herzog

"Trump auf Staatsbesuch - das erinnert ein wenig an Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo". Klaus Kinski spielt darin mit irren Augen einen Europäer, der im Amazonas-Dschungel einen Dampfer über einen steilen Bergrücken hinweg von einem Fluss in einen anderen schleppen lässt. Trump gleicht diesem an Land gezogenen Flussdampfer - ein großes, in seiner Wucht unberechenbares und deswegen gefährliches Objekt, das in einem Element unterwegs ist, für das es weder gedacht ist, noch gebaut wurde. Da betet man, dass keines der Haltetaue reißt."

(Daniel Brössler & Hubert Wetzel in der SZ, 26.5.17)



Burden of dreams - Kurzfilm über das Wahnsinnsprojekt von Werner Herzog

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: ‚Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!‘

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.

(Erich Mühsam, 1907, gewidmet der deutschen Sozialdemokratie)

Dienstag, 16. Mai 2017

Mixtape No. 13: Lieder am Rande der Zuversicht


1. Találkozás egy régi szerelemmel - Kati Kovács, Gabor S. Pál (1975)
2. Ain't no love in the heart of the city - Bobby "Blue" Band (1980)
3. They won't go when I go - Stevie Wonder (1974)
4. Fascination street - The Cure (1989)
5. Love will tear us apart - Joy Division (1980)
6. Freefall - A Mountain of One (2008)
7. That's why I'm lonesome - Arthur Crudup (1947)
8. Feel like going home - Muddy Waters (1948)
9. Too much on my mind - The Kinks (1966)
10. Freedom - Richie Havens (1969)
11. Tell her to come back home - John Fahey (1965)
12. Cortez the killer - Neil Young (1975)
13. The night we met - Lord Huron (2015)

...und hier wie immer das ganze als Youtube-Playlist.

Sowie als Spotify-Playlist (leider ohne Lied No. 6):



Mittwoch, 3. Mai 2017

Global Jukebox

 

Eines der größten Archive an Field Recordings ist seit einigen Wochen im Internet frei verfügbar. Die "Association for Cultural Equity" hat in der Global Jukebox mehr als 17 000 Aufnahmen des 2002 verstorbenen Musikforschers Alan Lomax freigegeben.

Sie reichen von bayerischen Gstanzl über US-Folksongs aus der Zeit der Depression bis zu zentralafrikanischen Stammesgesängen in Kanioka, versehen mit Hintergrund-Texten und Anmerkungen. Es lassen sich auch "musical journeys" durch bestimmte Zeiten und Regionen unternehmen. Wer sich für nicht-klassische Musikgeschichte interessiert, wird damit sicher seine Freude haben.

Weitere musikhistorische Aufnahmen von Lomax, darunter Interviews, Witze oder persönliche Geschichten sind übrigens hier verfügbar.

Bild: Screenshot von theglobaljukebox.org

Der Anhalter, Teil 2

Heinrich Kurzrock, der vor einiger Zeit an dieser Stelle bereits erwähnte Anhalter, hat nun ein Porträt in unserer Lokalzeitung bekommen. Kollege Schwarz hat den eigenwilligen Lebenskünstler in seiner "Zelle" auf der Erlacher Höhe besucht.

Die Lektüre des Artikels über diesen außergewöhnlichen Menschen von klarem Verstand, der 44 Jahre seines Lebens auf der Straße verbracht und dabei eine ganz eigentümliche schlitzohrige Lebensweisheit erlangt hat, sei hiermit ausdrücklich empfohlen.

Mittwoch, 12. April 2017

Impressionen No. XLVIII: April

Hazel. 

Right off, Mr. Miles Davis!

Zufall. 

Ein Anfang.

Trio.

Weit schweifend.

Oh, beetlebum.


Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser. 
(Rainer Maria Rilke, 1902)