Donnerstag, 3. August 2006
Sklaverei im 21. Jahrhundert
Samstag, 29. Juli 2006
Zeit, time, tiempo, temps, tempo, tijd, tid, aika, timin, laikas, hár, nafasi, zaman, an, ...

An der mehrheitlich gelungenen Kurzfilmzusammenstellung über Zeit namens "Ten minutes older" (15 Filme von 15 Regisseuren, u.a. Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch, Spike Lee, Jean-Luc Godard) war auch Volker Schlöndorff mit "Erleuchtung" beteiligt, dessen Gedanken einer weisen Stechmücke auf einem Campingplatz an einem brandenburgischen See ich hier kurz wiedergeben möchte:
"Was ist Zeit? Wer kann sie erklären? Wer kann nur einen Gedanken darüber ausdrücken? Und doch: was ist uns vertrauter und allgegenwärtiger? Was also ist Zeit? Wenn mich keiner fragt, weiß ich es. Wenn ich es erklären müsste, könnte ich es nicht. Ich weiß nur, wenn nichts vorbeiginge, gäbe es keine Zeit, und wenn nichts auf uns zukäme, gäbe es keine Zukunft. Und es gäbe keine Gegenwart, wenn nichts ist, das da ist. Wie könnten die beiden Zeitbegriffe existieren, die Vergangenheit und die Zukunft, wo doch die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wenn aber die Gegenwart immer gegenwärtig wäre und nicht verginge, dann wäre sie nicht Gegenwart, sondern Ewigkeit. Andererseits gab es nie eine Zeit, in der es keine Zeit gab. Wenn aber die Gegenwart nur existiert, um Vergangenheit zu werden, wie können wir dann überhaupt sagen, dass sie existiert, wo doch ihr Sein so bald schon vergeht? Oder sollten wir behaupten, dass die Zeit nur besteht, weil sie dazu neigt, nicht zu bestehen? Sicher ist, dass weder die Vergangenheit existiert, noch die Zukunft. Die Vergangenheit existiert nicht, weil sie nicht mehr ist, und die Zukunft existiert nicht, weil sie noch nicht ist. Bedeutet das also, dass es nur eine Zeit gibt: die Gegenwart? Oder könnten wir stattdessen von drei verschiedenen Zeiten sprechen: der Gegenwart der Vergangenheit, der Gegenwart der Gegenwart und der Gegenwart der Zukunft?
Die einzige Zeit, die wir tatsächlich erleben, ist die Gegenwart. Aber in unserer Seele fühlen wir trotzdem drei Zeiten: die Gegenwart der Vergangenheit, das heißt die Erinnerung. Die Gegenwart der Gegenwart, das heißt die Betrachtung. Und die Gegenwart der Zukunft, das heißt die Erwartung. Im Laufe unseres Lebens werden alle Taten, die wir für die Zukunft planen, sobald wir sie vollbracht haben, zur Vergangenheit. Im Laufe der Zeit werden unsere Erlebnisse nach und nach zu Erinnerungen. Alles, was wir erinnern wird geringer, wenn es Gegenwart wird. Das gilt sowohl für einen einzigen Tag, als auch für unser ganzes Leben..."
Donnerstag, 13. Juli 2006
Eretz Israel

Mal wieder regt sich in mir Missbehagen, und wieder ist der Nahe Osten Auslöser. Der Einmarsch Israels in den Libanon kündet von einer weiteren Eskalation des allmählich institutionalisierten Konflikts zwischen Israel und Palästina, sowie dem kalten Konflikt zwischen Israel und der arabisch-persischen Welt (mit Ausnahme Ägyptens). Dass die Situation so eskalieren würde, hatte ich zwar nicht erwartet, wäre aber angesichts der über Jahrzehnte verhärteten Fronten absehbar gewesen und deutete sich spätestens in den letzten Wochen nach den Entführungen zweier israelischer Soldaten an.
Das erschreckende an der Situation ist jedoch, dass es demokratische Wahlen waren, welche zu dieser neuerlichen Zuspitzung geführt haben. Dass die ersten freien, geheimen und fairen Wahlen in Palästina gerade die Hamas an die Spitze befördern würden war absehbar, aber aus meiner Sicht zugleich Chance wie Gefahr: Die völlig korrupte Fatah regierte schon lange vornehmlich in die eigenen Taschen, wohingegen sich die Hamas (im Westen nur als Terrororganisation wahrgenommen) durch Unbestechlichkeit und lebenspraktische soziale Unterstützung der Bevölkerung profilierte und deshalb der Mehrheit des palästinensischen Volkes als legitime demokratische Alternative erschien. In Israel fand zeitgleich eine dramatische Umstrukturierung des politischen Systems statt, ausgelöst durch den Austritt Scharons aus dem rechtskonservativen – im Gefolge der Umwälzungen zunehmend rechtsextremen und in die Bedeutungslosigkeit versinkenden – Likud und seiner Parteineugründung Kadima. Das politische System rückte damit wieder deutlicher Richtung Mitte, verstärkt durch den Wechsel an der Parteispitze der Arbeiterpartei zum linken, arabischen Israeli Amir Peretz (siehe Bild), der sich im Wahlkampf für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung aussprach. In der sich nach den Wahlen gebildeten Koalition zwischen Kadima, Arbeiterpartei (und der kleinen Rentnerpartei) unter Regierungschef Ehud Olmert übernahm Peretz schließlich den Posten des Verteidigungsministers. Mit einer breiten Koalition der Mitte in Israel auf der einen, und der in der palästinensischen Gesellschaft tief verwurzelten (aber zu großen Teilen fundamentalistisch ausgerichteten) Hamas auf der anderen Seite ergab sich aus meiner Sicht in der schwierigen Situation eine historische Chance. Würde es nämlich gelingen, die extremistische Basis Palästinas mittels der Hamas (vergleichbar der allämhlichen Akzeptanz des einstigen Terroristen Arafat und seiner PLo als legitime Integrationskraft) in ein demokratisches, funktionsfähiges politisches System zu integrieren, könnte der Konflikt auf mittlere Frist demokratisch geregelt, und eine vernünftige Zwei-Staaten-Lösung getroffen werden.
Beide Regierungen wussten leider nichts mit ihrer Chance anzufangen: Israel erkannte die demokratisch legitimierte Hamas gar nicht erst an, verwehrte die Zahlung von Gehältern aus Israel in die Autonomiegebiete und kommunizierte mit den Palästinensern (wenn überhaupt) nur noch über Präsident Abbas. Diesem wiederum gelang es nicht, eine palästinensische Einheit herzustellen: zwischen Fatah und Hamas kam es beinahe zu einem Bürgerkrieg. Der fundamentalistischen Exil-Hamas fiel in dieser Situation nichts besseres ein, als ihre pälastinensischen Kämpfer zur Entführung israelischer Soldaten zu ermuntern, wodurch eine Verständigung zwischen der regierenden Hamas und der oppositionellen Fatah wohl vorerst unmöglich scheint. Israel reagierte auf die Entführungen prompt, bombardierte Infrastruktur und Wohngebiete im ohnehin beschämend rückständigen Gazastreifen und verriegelte selbigen, um schließlich mehrere Minister der palästinensischen Regierung gefangen zu nehmen.
Spätestens an dieser Stelle schlug mein Entsetzen in Enttäuschung um, da ich Peretz als Verteidigungsminister wesentlich mehr zugetraut hatte. Zwar musste Peretz, wie alle Israelis seinen Militärdienst leisten, der gerade in die Zeit des Jomm-Kippur-Krieges 1973 fiel, aber selbst einer (in Israel oft gegängelten) Minderheit zugehörig, erwartete ich ein wenig mehr an Sensibilität im Umgang mit seinen arabischen Brüdern. Zum anderen war Peretz jahrelang Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes und trat 1999 aus der Arbeiterpartei aus, um eine linke Abspaltung der Partei zu gründen, welche jedoch 2004 wieder mit der Arbeiterpartei fusionierte. Politische Verortung und Geschichte dieses Mannes sprechen für mich einfach gegen eine solch brachiale, militärische Antwort. Denn es hätte ihm eigentlich klar sein müssen, dass die Bombardierung des einzigen Elektrizitätswerkes im Gazastreifen, des Flughafens in Beirut und die vielen "Kollateralschäden", die bei den Angriffen bisher "entstanden", den Extremisten von Hamas und Hisbollah in den Augen vieler Palästinenser und Libanesen genau die Legitimation für ihre Terrorakte gibt, die sie eigentlich nicht besitzen. Ob es seinem Amt geschuldet ist oder lediglich Mittel zum Zweck, um sich als künftigen Regierungschef attraktiv zu machen, oder ob ich seine friedensstiftende und integrative Rolle schlichtweg überschätzt habe – meine Einschätzung war falsch, ich bin enttäuscht und wieder einmal einer (vielleicht naiven) Hoffnung mehr beraubt...
Freitag, 30. Juni 2006
Dylan

Der Provinz entflohen, verschaffte er sich mit 19 Jahren schnell einen guten Ruf in der damals noch äußerst lebendigen New Yorker Folkszene, um nur wenige Jahr später beim legendären March to Washington vor mehr als 250.000 Menschen singen zu dürfen. Doch anstatt sich in seiner Rolle als Politbarde und Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung einzurichten, machte er sich unbeliebt, entwickelte seine Musik weiter, tauschte seine Klampfe für eine E-Gitarre ein und ließ die Anfeindungen seiner einstigen Fans - die zeitweise Dylankonzerte besuchten, nur um ihn auszupfeifen oder zu beleidigen - beinahe stoisch über sich ergehen. Er gab fortan kaum mehr Interviews und lebt bis heute sehr zurückgezogen.
Im folgenden veränderte er seine musikalische Ausrichtung immer wieder, machte einen Haufen exzellenter Alben - leider auch einige schlechte, vor allem im tiefen Tal der Achtziger, die zweifellos als Tiefpunkt seiner Karriere gelten dürften. Er konvertierte Ende der Siebziger vom Judentum zum Christentum, um daraufhin die Welt mit Gospel zu beglücken, und feierte in den Neunzigern seine musikalische Wiederauferstehung, zunächst mit Folk, um dann, da seine Stimme endgültig gebrochen war, sein Meisterwerk Time out of Mind (1997) aufzunehmen.
Inzwischen ist Bob Dylan 65 Jahre alt und befindet sich seit 1988 auf einer Never Ending Tour quer über den Globus, um dort sein umfangreiches Liedgut in immer neuen Variationen zu präsentieren. Sein letztes Album Love and theft (2001) war eine Hommage an die amerikanische Musik des frühen 20. Jahrhunderts und klang zugleich frisch wie zeitlos. Die Musikwelt darf sehr gespannt sein, womit der Meister uns diesmal beglückt...
Sonntag, 25. Juni 2006
Nietzsche
Eine Sprache aus Trauer
Aus Licht eine Mauer
Gedanken aus Stein
Und ein Sein ohne Sein
Lebendige Leichen
Voll Kraft und Gewalt
Von Gott keine Zeichen
So schön von Gestalt
Eine Sehnsucht aus Tränen
Und Perlen von Zähnen
Gesichter aus Stein
Und ein Sein ohne Sein
Wird Schönheit versteigert
Nach Maßen gemessen
Wird Freiheit verweigert
Ganz einfach vergessen
Eine Schale aus Schmerzen
Vom Schmerz brechen Herzen
Muskeln aus Stein
Und ein Sein ohne Sein
Container an Ketten
Und die Haut die dich quält
Kein Gott dich zu retten
Vor dem Feuer das fehlt
Eine Sonne aus Eisen
Mit Qual lächelnd reisen
Götter aus Stein
Und ein Sein ohne Sein
(Rainer Werner Fassbinder)
"Es hat uns niemand gefragt / wir hatten noch kein Gesicht / ob wir leben wollten oder lieber nicht / hin und her und hin und her gerissen / zwischen verstehen wollen und handeln müssen / keine Liebe keine Arbeit kein Leben / an meinem Kissen schlag ich mir den Kopf auf / und wenn der Tag kommt bleibt es kleben / und der Staat ist kein Traum / sondern bleibt wie mein Kissen / ein mich gestaltender, die Fäden, die rissen / und Welt verwaltender Zustand / der sich durch mich und mich bewegt / durch Gedanken aus Stein aus Licht eine Mauer / eine Sonne aus Eisen eine Sprache aus Trauer".
Sonntag, 18. Juni 2006
Ein altes Rätsel

Ein altes Rätsel aus einem (recht bekannten) Kinderbuch, das hier nicht verraten wird, und das ich erst vor kurzem mal wieder zur Hand genommen habe:
"Drei Brüder wohnen in einem Haus,
die sehen wahrhaftig verschieden aus,
doch willst du sie unterscheiden,
gleicht jeder den anderen beiden.
Der erste ist nicht da, er kommt erst nach Haus.
Der zweite ist nicht da, er ging schon hinaus.
Nur der dritte ist da, der Kleinste der drei,
denn ohne ihn gäbs nicht die anderen zwei.
Und doch gibt's den dritten, um den es sich handelt,
nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt.
Denn willst du ihn anschaun, so siehst du nur wieder
immer einen der anderen Brüder!
Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer?
Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar - keiner?
Und kannst du, mein Kind, ihre Namen mir nennen,
so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen.
Sie regieren gemeinsam ein großes Reich -
und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich."
Zeittotschläger

ZEITTOTSCHLÄGER
Zeittotschläger auf ihren Wegen
Heute nacht gehöre ich zu ihnen
Zeittotschläger, für fünf Mark Freiheit
und für dreißig Mark Bier
wegen ihm oder ihr
Falsche Richtung!
Falsche Richtung?
Dummheit lass mich los
Dummheit lass los!
Zeittotschläger laufen um ihr Leben
Bevor die Schulbank sie kriegt
Und ihnen alles wegnimmt
Zeittotschläger laufen um ihr Leben
Irgendwann hält Gott seine Arme auf
Bis hierhin und nicht weiter
Wissen tut weh, Gott nicht
Und 33 war Adolf Hitler Gottes Sohn
Falsche Richtung!
Falsche Richtung?
Dummheit lass mich los
Dummheit lass los!
Ich will, dass Liebe wahr wird
Ich will, dass Liebe wahr wird
Ich weiß, dass Liebe wahr werden kann
Ich weiß, dass Liebe wahr werden kann
(Blumfeld, 1992)
Ja, so war das damals, als die Gitarren noch schrammelig, die Texte noch offensiv, ich noch jung und die Welt noch einfacher war. Jetzt werde ich so langsam älter, beginne zu verstehen und manches davon ergibt sogar Sinn. Am besten lernt der Mensch, indem er Fehler macht, jeder macht sie, andauernd, mit manchen lernen wir zu leben, manche erkennen wir gar nicht als solche, und manche werden zu Ideen. Dann kann es passieren, dass sie Geschichte schreiben, tragische, aber letztlich doch hoffnungsvolle Geschichte. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Katastrophen, der Kriege, der Ungerechtigkeiten, der Fehler, aber auch eine der nie stattgefundenen. Und letztlich steht da die Liebe. Ein Ausweg? Ein Notausgang? Die Rettung? Vielleicht.
Das Göttliche

DAS GÖTTLICHE
Edel sei der Mensch
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös und Gute
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.
Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.
Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im großen,
Was der Beste im kleinen
tut oder möchte.
Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen.
(Johann Wolfgang von Goethe)
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Ja, wäre es nur wirklich so... Eines nämlich hat der Mensch, dass ihn zu den höchsten Taten wie den schlimmsten Verbrechen bewegen kann: die Wahl. Und die Wahl ist es, die uns immer wieder straucheln lässt. Entscheiden wir uns für das Naheliegende, Nützliche, das Glück oder für das Ferne, Anstrengende, gar Altruistische? Und woher wissen wir, dass wir mit unseren Bemühungen auch tatsächlich zu den Ergebnissen kommen, die wir damit bezwecken? Wir können schlicht und ergreifend nicht immer wissen, was unsere Taten bewirken. Das macht in gewisser Weise den Reiz unseres Daseins aus: das Ungewisse, Unbestimmte, Vage. Aber manchmal zerreißt es uns fast, wenn wir Entscheidungen treffen sollen, müssen oder wollen. Und die Moral? Die schwebt über allem, zumeist unbewusst, aber wir können ihr nicht entgehen. Der Mensch muss sich als moralisch verstehen, wie auch immer diese letztlich konkret aussehen mag, gleich ob er sich für das Nützliche, das Glück oder die Tugend entscheidet.

