"Look up here now / I'm in heaven / I've got scars that can't be seen /
I've got drama, can't be stolen / everybody knows me now"
Montag, 18. Januar 2016
Samstag, 9. Januar 2016
Impressionen No. XLIII: Die Welt des Schattentheaters
"Licht und Schatten, Schwarz und Weiß: Wer durch die Ausstellung wandelt,
taucht ein in eine Unterweltfahrt, auf der Dämonen, Geister, Wünsche
und Träume erscheinen, die sowohl mythische Gattungsfrühe wie vergessene
Kindheitsferne beschwören. (...) Selten
ist man durch eine Ausstellung gegangen, die so existenziell berührte." (Thomas Milz, Reutlinger General-Anzeiger)
"Die Welt des Schattentheaters" ist noch zu sehen bis 3. April im Stuttgarter Lindenmuseum.
Freitag, 1. Januar 2016
Mixtape No. 9: Arbeit und Struktur
1. Sufjan Stevens - Should have known better (2015)
2. Bill Fay - How little (2015)
3. Kamasi Washington - The Message (2015)
4. Die Nerven - Barfuß durch die Scherben (2015)
5. Hiatus Kyote - Breathing underwater (2015)
6. Kendrick Lamar - Alright (2015)
7. Little Simz - Wings (2015)
8. Roots Manuva - Don't breathe out (2015)
9. Fatoni & Dexter - Authitenzität (2015)
10. Dj Shadow - Midnight in a perfect world (1996)
11. Destroyer - Forces from above (2015)
12. Caribou - Can't do without you (2014)
13. Jamie XX - The rest is noise (2015)
...und hier das ganze als Youtube-Playlist
Donnerstag, 31. Dezember 2015
Mittwoch, 30. Dezember 2015
Flüchtige Notizen VII: Diktatorisch
20.11.2005:
Nur soviel: dass die Diktatur des Proletariats in seinen Effekten genau so wenig gerecht sein kann wie die Diktatur einer Minderheit und in seinen Effekten dem ursprünglich gewollten ganz entgegengesetzte Wirkungen erzielen kann, dürfte durch die Geschichte des real existierenden Sozialismus einigermaßen einleuchtend sein. Dass die Menschheit an sich jedoch absolut nicht imstande ist, jemals den Kommunismus zu erreichen erklärt sich für mich durch die Unmöglichkeit, alle Menschen unter einem gleichen Gedanken zu vereinen ohne Zwang auszuüben. Jeder Versuch muss zwangsläufig in eine Überwachungs- und Erziehungsdikatur münden, da jeder Mensch ein gewisses Maß an (zugegebenermaßen oft irrationaler) Distinktion anstrebt, in jedem System. Und damit geht nicht nur die Freiheit, sondern gleichzeitig auch die Gleichheit unter, weil es mindestens eines Ungleichen (eines Tyrannen wie Stalin, einer Parteidiktatur, eines Systems der Systemprofiteure, einer elitären Kontrollinstanz, etc.) bedarf. Damit aber unterläuft und korrumpiert sich das System selbst, wird also ein Unrechts- und Ungleichheitsstaat unter dem Banner von Gleichheit und Gerechtigkeit. Es entsteht Unsicherheit, Angst, und damit die Tendenz zur Anpassung und Unterordnung. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt oder mit Gewalt unterdrückt. Die dynamische Selbstregulierung einer Gesellschaft wird unterlaufen und damit erstarrt das System - oder es gerät auf fatale Irrwege.
Nur soviel: dass die Diktatur des Proletariats in seinen Effekten genau so wenig gerecht sein kann wie die Diktatur einer Minderheit und in seinen Effekten dem ursprünglich gewollten ganz entgegengesetzte Wirkungen erzielen kann, dürfte durch die Geschichte des real existierenden Sozialismus einigermaßen einleuchtend sein. Dass die Menschheit an sich jedoch absolut nicht imstande ist, jemals den Kommunismus zu erreichen erklärt sich für mich durch die Unmöglichkeit, alle Menschen unter einem gleichen Gedanken zu vereinen ohne Zwang auszuüben. Jeder Versuch muss zwangsläufig in eine Überwachungs- und Erziehungsdikatur münden, da jeder Mensch ein gewisses Maß an (zugegebenermaßen oft irrationaler) Distinktion anstrebt, in jedem System. Und damit geht nicht nur die Freiheit, sondern gleichzeitig auch die Gleichheit unter, weil es mindestens eines Ungleichen (eines Tyrannen wie Stalin, einer Parteidiktatur, eines Systems der Systemprofiteure, einer elitären Kontrollinstanz, etc.) bedarf. Damit aber unterläuft und korrumpiert sich das System selbst, wird also ein Unrechts- und Ungleichheitsstaat unter dem Banner von Gleichheit und Gerechtigkeit. Es entsteht Unsicherheit, Angst, und damit die Tendenz zur Anpassung und Unterordnung. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt oder mit Gewalt unterdrückt. Die dynamische Selbstregulierung einer Gesellschaft wird unterlaufen und damit erstarrt das System - oder es gerät auf fatale Irrwege.
Montag, 21. September 2015
Jochen Distelmeyer - die Geschichte eines Scheiterns
Kaum jemand, der es gelesen hat, fand „Otis“ wirklich überzeugend. Genüsslich wurde der erste Roman des Blumfeld-Sängers in den Feuilletons zerrissen. Nicht mal ein Dutzend Zuhörer fanden im März den Weg zur Lesung in der Schorndorfer Manufaktur. Doch warum scheitern Musiker eigentlich so häufig beim Schreiben von Büchern?
Vielleicht, weil das Medium so unterschiedlich ist: auf der einen Seite die dichtende, verdichtete, deklamierende und zugespitzte Sprache des Popsongs. Auf der anderen das Epische, Detailreiche, Vielgestaltige und Ausufernde des Romans. Vielleicht auch, weil sich mancher Sänger aus grandioser Selbstüberschätzung zu Höherem berufen fühlt. Schließlich wird gemeinhin – von Ausnahmen wie Dylan oder Cohen mal abgesehen – nur derjenige als Literat ernst genommen, der seine Texte nicht singend vorträgt, sondern zwischen zwei Buchdeckeln packt. Und weil es der Sänger gewohnt ist, von den Massen gehört und bewundert zu werden, hält er seine Texte für wichtig genug, dass sie da auch hingehören.
Musiker-Romane: Leider allzu oft nur ein großes Missverständnis
Auf eben jene Bekanntheit stürzen sich dann allzu oft auch renommierte Verlage – im hoffentlich vollen Bewusstsein, zwar keine große Literatur, dafür aber einen auflagenstarken Bestseller zu landen. Diese Melange ermöglicht erst jenes Missverständnis, das sich am Ende in den Regalen der Buchläden der Republik findet. Und das von niemandem so recht geschätzt wird.
Das muss beileibe nicht immer so sein. Es gibt auch leuchtende Gegen-Beispiele, allen voran jenes von Sven Regener, der als Sänger von Element of Crime gehaltvolle melancholische Chansons schrieb. Und dann als Schriftsteller eine zweite, ungleich größere Bekanntheit erreichte. Sein lakonisch-komischer „Herr Lehmann“ war völlig zu Recht ein Erfolg. Leander Haußmanns Verfilmung mit Christian Ulmen in der Hauptrolle wurde 2003 sogar ein veritabler Erfolg an den Kinokassen. Aber auch Kollegen aus der deutschen Musikszene wie Peter Licht oder Frank Spilker (Die Sterne) haben als Schriftsteller zumindest nicht gerade unglücklich debütiert.
Jetzt also Distelmeyer, der als Sänger von Blumfeld zunächst Diskurs-Rock, dann Songwriter-Pop machte und unter Musikkritikern lange Zeit als sakrosankt galt. Zumindest bis zum Ende von Blumfeld und seinem Solo-Album „Heavy“. Distelmeyer galt mit seinen wortgewaltigen Texten, zumal den frühen aus den 90er Jahren, als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Hamburger Schule.
Dass gerade Distelmeyer irgendwann mit einem Roman aufwarten würde, war im Grunde absehbar. Schließlich finden sich in den frühen, diskursiven Texten des Wahl-Hamburgers zahllose literarische Bezüge: von Gottfried Benn bis Rolf-Dieter Brinkmann oder Else Lasker-Schüler. Hardcore-Fans machten es sich einst zur Aufgabe, die Texte darauf abzuklappern und mit Fußnoten zu versehen. Auch hat seine einstige Band ihren Namen von einer Erzählung Kafkas. Und auf zwei Blumfeld-Alben rezitierte der Sänger lange Gedichte. Das Gefühl und der Anspruch für das Literarische schienen also durchaus vorhanden zu sein.
Dennoch entstand „Otis“ nun als Nebenprodukt auf der Suche nach Songtexten. Einer Suche, die so ausuferte, dass der Autor beschloss, daraus einen Roman zu stricken. Das merkt man der Geschichte nun leider auch an: Tristan Funke, Schriftsteller und Protagonist des Romans, flieht aus Liebeskummer in die Hauptstadt und arbeitet dort an einem Romanprojekt zu Homers Odyssee, das am Ende – kaum überraschend – grandios scheitern wird.
In der Zwischenzeit quält sich der Leser durch viele nichtssagende Dialoge, durch Beschreibungen des Innenlebens gelangweilter Hauptstädter – und fragt sich, wohin der Autor mit seiner Geschichte eigentlich will. Daneben serviert Distelmeyer etliche zwar interessante, doch selten für die Geschichte notwendige Exkurse, etwa zum Holocaustmahnmal, der Geschichte des Tierparks und natürlich Homers Odyssee. Oder steigt in eine Nebenerzählung ein, die weder zu Ende erzählt wird noch in irgendeinem Zusammenhang mit der Geschichte steht. In die Mitte des Romans hat der Autor dann ein skurriles Theaterstück namens „Das Loch“ gepackt, was angesichts der eher bescheidenen Rahmenhandlung doch reichlich prätentiös wirkt. Kaum zu fassen, dass der Mann mal für große Texte stand.
Weshalb der Roman dennoch lohnt? Weil er ein gutes Negativ-Beispiel liefert, wie es ein Autor nicht machen sollte. Und der Leser nach rund 80 Seiten erleichtert feststellt, dass „Otis“ dennoch kein Totalausfall ist, sondern durchaus lesbar. Immerhin.
Dienstag, 15. September 2015
Michel Houellebecq: Eine Abrechnung mit der französischen Republik
Es war der Literaturskandal des Jahres: Michel Houellebecqs Beschreibung eines Frankreichs im Ausnahmezustand. Einer Republik, die nicht mehr an sich selbst glaubt und darum ihr Heil im Islam sucht.
Die Wucht, mit der das Buch in der literarischen Welt – und auch darüber hinaus – aufgenommen wurde, sie erklärt sich vor allem aus dem seltsamen historischen Zufall, dass am Tag der Veröffentlichung Terroristen das Büro der Satiriker von Charlie Hebdo stürmten. Auf dem Cover: eine Karikatur des Autors Houellebecq.
Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch ist keine islamfeindliche Hetzschrift, auch wenn der Franzose mit dem seltsamen Haarschnitt und dem ungesunden Lebenswandel gerne provoziert. Auch wenn Houellebecq mit Sicherheit kein großer Menschenfreund ist und sich daher in der Vergangenheit unter anderem abfällig über den Islam geäußert hat. Denn bei der Lektüre von „Unterwerfung“ wird schnell klar, wem hier eigentlich der Frontalangriff gilt: der Französischen Republik und ihren Eliten, die sich Houellebecq nicht scheut zu nennen und – von Hollande und Sarkozy bis Henry-Levy – namentlich zu diffamieren. Zu dieser Elite zählt sich auch Literaturprofessor François, der Ich-Erzähler des Romans. Doch an die Werte der Republik glaubt er schon lange nicht mehr. Stattdessen flüchtet sich der oberflächlich Unpolitische in seine Bücherwelt (der Professor ist Experte für den Schriftsteller Joris-Karl Huysman), unbefriedigende Liebschaften mit seinen Studentinnen und den Alkohol. Doch so einsam und trüb seine Existenz, so klar der Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Und die sind zu Beginn des Romans im Frankreich des Jahres 2012 reichlich prekär. Das Land wird zerrieben zwischen den politischen Extremen, zwischen Front National, Identitärer Bewegung und islamischen Extremisten. Auf den Straßen tobt ein blutiger Bürgerkrieg, von dem das Volk nichts mitbekommen soll. Und bei den Wahlen schickt sich derweil ein Muslim an, Präsident zu werden. Was ihm schließlich auch gelingt.
François nimmt diese gesellschaftlichen Veränderungen vor der Schablone seiner eigenen, zunehmend ins Abseits schlitternden Existenz wahr. Mit dem Sieg der muslimischen Partei und unter dem Präsident Mohamed Ben Abbès kehrt schnell Ruhe ein. Schnell zeigt sich, zumal für die Elite, dass die neue Führung mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Viele, die gerade noch glühende Verfechter der Aufklärung waren, konvertieren – und wechseln die Seiten.
Im Grunde also ein recht simpler Plot, der dennoch eine beachtliche Sogwirkung entfaltet – und am Ende dieses leicht lesbaren Buchs mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Denn das hat Houellebecqs Romane seit jeher ausgezeichnet: dass er bei seiner Gesellschafts- und Kulturkritik niemanden ausnimmt, auf keiner Seite steht, keine Politik betreibt – und sich daher auch nicht so einfach vereinnahmen lässt.
Unterwerfung. Michel Houellebecq. 260 Seiten. DuMont Buchverlag. ISBN: 978-383-2-19795-7
Die Wucht, mit der das Buch in der literarischen Welt – und auch darüber hinaus – aufgenommen wurde, sie erklärt sich vor allem aus dem seltsamen historischen Zufall, dass am Tag der Veröffentlichung Terroristen das Büro der Satiriker von Charlie Hebdo stürmten. Auf dem Cover: eine Karikatur des Autors Houellebecq.
Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch ist keine islamfeindliche Hetzschrift, auch wenn der Franzose mit dem seltsamen Haarschnitt und dem ungesunden Lebenswandel gerne provoziert. Auch wenn Houellebecq mit Sicherheit kein großer Menschenfreund ist und sich daher in der Vergangenheit unter anderem abfällig über den Islam geäußert hat. Denn bei der Lektüre von „Unterwerfung“ wird schnell klar, wem hier eigentlich der Frontalangriff gilt: der Französischen Republik und ihren Eliten, die sich Houellebecq nicht scheut zu nennen und – von Hollande und Sarkozy bis Henry-Levy – namentlich zu diffamieren. Zu dieser Elite zählt sich auch Literaturprofessor François, der Ich-Erzähler des Romans. Doch an die Werte der Republik glaubt er schon lange nicht mehr. Stattdessen flüchtet sich der oberflächlich Unpolitische in seine Bücherwelt (der Professor ist Experte für den Schriftsteller Joris-Karl Huysman), unbefriedigende Liebschaften mit seinen Studentinnen und den Alkohol. Doch so einsam und trüb seine Existenz, so klar der Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Und die sind zu Beginn des Romans im Frankreich des Jahres 2012 reichlich prekär. Das Land wird zerrieben zwischen den politischen Extremen, zwischen Front National, Identitärer Bewegung und islamischen Extremisten. Auf den Straßen tobt ein blutiger Bürgerkrieg, von dem das Volk nichts mitbekommen soll. Und bei den Wahlen schickt sich derweil ein Muslim an, Präsident zu werden. Was ihm schließlich auch gelingt.
François nimmt diese gesellschaftlichen Veränderungen vor der Schablone seiner eigenen, zunehmend ins Abseits schlitternden Existenz wahr. Mit dem Sieg der muslimischen Partei und unter dem Präsident Mohamed Ben Abbès kehrt schnell Ruhe ein. Schnell zeigt sich, zumal für die Elite, dass die neue Führung mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Viele, die gerade noch glühende Verfechter der Aufklärung waren, konvertieren – und wechseln die Seiten.
Im Grunde also ein recht simpler Plot, der dennoch eine beachtliche Sogwirkung entfaltet – und am Ende dieses leicht lesbaren Buchs mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Denn das hat Houellebecqs Romane seit jeher ausgezeichnet: dass er bei seiner Gesellschafts- und Kulturkritik niemanden ausnimmt, auf keiner Seite steht, keine Politik betreibt – und sich daher auch nicht so einfach vereinnahmen lässt.
Unterwerfung. Michel Houellebecq. 260 Seiten. DuMont Buchverlag. ISBN: 978-383-2-19795-7
Freitag, 3. April 2015
Freitag, 20. März 2015
Mittwoch, 18. März 2015
regenwürmer
in jenem sommer lag die erde rissig
und trocken da. mit wechselstrom und drähten
im boden schufen wir ein falsches wetter
und lockten würmer hoch, um jene zwitter
an blanke haken auszuliefern. jahre später
seh ich am himmel ihre schatten ziehen, riesig,
in dunklen wolken, präsentiert sich mir die welt
vorm fenster als kaltes quadrat. ich warte auf das klopfen
an meiner tür und vor der scheibe fällt und fällt
der regen. ich mißtraue jedem tropfen.
(Jan Wagner, Guerickes Sperling, 2004)
Samstag, 14. März 2015
Impressionen No. XL: Wem gehört die Welt?
"Wem gehört die Welt?" - Ausstellung von und mit Asylbewerbern in der Kill Galerie im KunstWerk, Fellbach und ein Bericht von mir darüber.
Montag, 2. März 2015
Die Rettungspolitik ist eine Farce
Die Rettungspolitik der Institutionen - formerly known as Troika - ist eine Farce. Sie basiert auf falschen Prämissen, falschen Versprechungen und einer demokratisch nicht legitimierten Entscheidungsstruktur.
Dabei sind ihre Prämissen recht simpel: Was staatlich ist, funktioniert schlecht, was privat ist hingegen effizient. Arbeitnehmerrechte und Sozialleistungen sind Wettbewerbshemmnisse, die es abzuschaffen gilt. Wenn Staaten Geld sparen entsteht Wirtschaftswachstum, wenn sie zuviel davon ausgeben Rezession. Banken sind systemrelevant, Menschen nicht. Wer eine Uni besucht hat, kennt diesen aus den Untiefen der Wissenschaftsdisziplin Wirtschaft entsprungenen Tunnelblick zur Genüge.
Die neoliberalen Ideen haben jedoch im Ergebnis die europäischen Krisenländer zugrunde gerichtet. Niemand kann das noch ernsthaft bezweifeln. Sie haben Arbeitnehmerrechte abgeschafft, viele Millionen Menschen in die Armut und ein Leben ohne soziale Absicherung, ohne Krankenversicherung befördert. Sie haben Steuereinnahmen und Wirtschaftswachstum abgewürgt und stattdessen eine nie dagewesene Umverteilung von unten nach oben, von Staat zu privat, von der Real- in die Finanzwirtschaft bewirkt. Während immer größere Teile der gebildeten doch chancenlosen jungen Menschen in Portugal, Griechenland, Spanien oder Irland auswandern.
Und doch wird uns diese Politik nach fünf Jahren immer noch als heroische Rettung auf unsere Kosten verkauft. Was skurril anmutet, denn gerettet wurden eigentlich nur Banken, hauptsächlich deutsche und französische, die mit ihren Spekulationen den Zustand mitverursacht haben, der von der europäischen Politik seitdem in regelmäßigen Abständen "gelöst" wird. Profitiert haben zudem Oligarchen, also private Akteure ohne jedes gesamtgesellschaftliche Interesse.
Eine Politik, durchgesetzt von Menschen, die nie gewählt wurden, darum keinem Wähler Rechenschaft schuldig sind, die sich auch keiner Schuld bewusst sind und keine Probleme damit haben, souveräne Staaten schamlos und ihren eigenen Interessen folgend zu entmündigen.
Die Doku von Wirtschaftsjournalist Harald Schumann vertieft das in anderthalb Stunden recht eindeutig, anhand vieler unbestreitbarer Fakten, Zeugen, Betroffener und - als Gegenpol - Vertretern der Institutionen, die sich hinter diese Politik stellen. Die echten Entscheider von EZB, EU-Kommission und IWF hingegen haben sich der Stimme wohlweislich besser enthalten.
Sonntag, 1. März 2015
Schmutzige Kriege
Nichts hat den Terrorismus nach 9/11 mehr gefördert als der "Krieg gegen den Terror" selbst. In "Dirty Wars" berichtet der US-amerikanische Kriegsberichterstatter Jeremy Scahill - unter anderen tätig für "The Nation" - über die verdeckten Aktionen der Joint Special Operations Command (JSOC), die unter Präsident Obama stetig ausgebaut wurden. Mittlerweile ist die 1980 gegründete und zunächst hauptsächlich bei Geiselnahmen zum Einsatz gekommene JSOC in mehr als 75 Ländern aktiv.
Todeslisten, Drohnenangriffe, gezielte Tötungen, nächtliche Angriffe mit zivilen Opfern, die vertuscht werden und investigative Journalisten, die auf persönliche Anweisung Obamas inhaftiert werden - darauf trifft der Autor bei seinen Recherchen in Irak, Afhganistan, Jemen und Somalia. Ein weiteres dunkles Kapitel der US-Außenpolitik.
Todeslisten, Drohnenangriffe, gezielte Tötungen, nächtliche Angriffe mit zivilen Opfern, die vertuscht werden und investigative Journalisten, die auf persönliche Anweisung Obamas inhaftiert werden - darauf trifft der Autor bei seinen Recherchen in Irak, Afhganistan, Jemen und Somalia. Ein weiteres dunkles Kapitel der US-Außenpolitik.
Das dreckige Fleisch
Fleisch aus dem Discounter für drei Euro: Dass so etwas nur mit unwürdiger und hygienisch fragwürdiger Tierhaltung zu bewerkstelligen ist, dürfte jedem einleuchten. Aber die billigen Fleischberge sind auch auf menschlicher Seite mit viel Leid erkauft. Denn die großen Schlachthöfe dieses Landes setzen auf menschenunwürdige Arbeitsbedigungen. Indem man den Arbeitsschutz umgeht, sittenwidrige Löhne zahlt und die Arbeitskraft der Schlachter aufs Äußerste ausbeutet.
Möglich macht das eine Gesetzeslücke namens Werkvertrag. Bei der EU-Osterweiterung hat die Bundesregierung einst durchgesetzt, dass die Osteuropäer bis zu sieben Jahre auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit verzichten. Eigentlich sollte damit genau das verhindert werden, was in der Folge eintrat. Doch die
Dienstleistungsfreiheit galt natürlich trotzdem. Betriebe bzw. als Briefkastenfirmen getarnte Betrieb aus dem Osten konnten also ihre Dienstleistungen - zu den Bedingungen in ihren Ländern wohlgemerkt - auch in Deutschland anbieten.
Die großen Schlachthöfe erkannten darin eine Chance, die Kosten weiter zu senken und setzen verstärkt auf osteuropäische, vornehmlich rumänische und bulgarische Subunternehmer, die gleich ganze Produktionsschritte übernahmen. Im Ergebnis leben nun mitten in Deutschland Schlachthof-Mitarbeiter und sklavenähnlichen Bedingungen, mies bezahlt, im Stall oder gleich im Wald schlafend. Und ständig in Kontakt mit Billigfleisch, verseucht mit Antibiotika und multiresistenten Keimen. Ohne anständigen Arbeitsschutz. Und oft ohne Krankenversicherung.
Nach der Lektüre dessen, was Anne Kunze bereits Ende letzten Jahres da in der Zeit aufdeckte, ist mir buchstäblich schlecht geworden.
Samstag, 28. Februar 2015
Ob ich es liebe, weiß ich nicht
Warum man als Linker nicht unbedingt antideutsch sein, sondern für ein gutes Leben hier streiten sollte, erklärte Franz-Josef Degenhardt bereits 1977 in seiner unnachahmlichen Art und Weise. Schon gut drei Jahre ist es nun her, dass der singende Jurist von uns gegangen ist. Eine Stimme, die fehlt.
Dies Land ist unser Land
Ob ich es liebe, weiß ich nicht. Ich lebe hier und lebe gern,
schon weil die anderen Vaterländer auch bloß Vaterländer sind.
Die sind trotz allem ziemlich fremd und sind trotz allem ziemlich fern,
und — weil geschrien hab ich hier in diesem Land nicht nur als Kind;
hineingeschrien in dieses Land wo alles lautlos funktioniert,
die Überwachung und Verwaltung, Todesschuß und Zugverkehr
und wo das Schreien aus Beton und aus Baracken nicht mehr stört,
und wo auch alles seinen Preis hat und der Preis steigt immer mehr.
Und wo die alten Herren neu in alter Phalanx aufgestellt,
mit neuen alten Herren laut nach alten neuen Märkten schrein,
von ihrem Großkotz Deutschland zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt,
ist ihnen bloß der Rest geblieben, zwischen Elbe, Alpen, Rhein.
Dies Land ist unser Land —
So wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land
und wie es kommt, so ist es nicht, wie es mal war.
Der ist in einem Tag durchfahren, dieser abgebhiebene Rest.
Ich fahre gern durch diese schwarz-rot-goldene zweite Republik.
Und abgebhieben ist ja nicht nur dieser Haufen alter Mist,
im Schwarz der Pfaffen, Gold der Händler, gibt‘s das rote Fahnenstück.
Und gibt die lauten bunten Plätze und den Wind vom Wattenmeer,
und diese Brücken über die man immer weiter fahren will
und tausend Tauben Sonntag morgens überm schlafenden Revier,
da ist Amerika noch weit, und manchmal ist es blond und still.
Und hier verstehe ich die Sprüche und den falschen Zungenschlag
und spür im Bauch den Arbeitsrhythmus, hör den Sound der darauf klingt.
Ja — und hier kenn ich die Gerüche zwischen Mitternacht und Tag
aus diesem Land sind meine Lieder, die der Rundfunk nicht mehr bringt.
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Noch spricht man Völkermörder frei und neue Nazis wachsen nach
und die Chemiekonzeme heizen weiter für ein nächstes Mal.
Und gibt Millionen ohne Arbeit, Millionäre gibt es noch,
noch sterben Flüsse, zieht der gelbe, grüne Qualm durchs Gonsbachtal.
Aber auch hier kämpfen Genossen, haben dabei sogar Spaß —
so ganz allein ist man ja nicht in dieser Welt und auch nicht hier,
obwohl der Spaltpilz stinkt und wuchert, aber der wächst ja auch bloß,
wo schon der Boden ziemlich brüchig ist und sauer manches Bier.
So wie es ist, ist es geworden, eben deshalb ändert‘s sich,
in diesem Land; ist schon viel reif trotz alledem ist es noch weit,
und muß verschiedenes passieren — paar Reformen tun es nicht —
wenn unsere Enkel singen sollen: Kein schöner Land in dieser Zeit.
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Ob er dies Land liebt, Rudi Schulte? Der verzieht nur sein Gesicht
so wie er macht, wenn einer labert und von übermorgen spinnt.
Zum Beispiel Jubeln oder Klatschen — so was macht er sicher nicht
wenn FC Bayern gegen Jena 1:0 beim Spiel gewinnt.
Nein — sehr viel Liebes hat dies Land ihm all die Jahre nicht verschafft
So 33 im KZ und daran starb er sogar fast
und 44 war er nochmal in Gestapo-Einzelhaft
und 55 saß er dann in Konrad Adenauer‘s Knast
und 66 die Verhöre, und der Unfall, Atemnot
und ohne Arbeit und die Schatten, wenn er nachts nicht schlafen kann,
und 77 haben seine Enkel ein Berufsverbot
doch 88 — lacht er leise — gilt das noch genauso, Mann:
Dies Land ist unser Land —
so wie es ist, so wie es kommt, so wie es war.
Dies Land ist unser Land,
und wie es kommt, so ist es nicht wie es mal war.
Montag, 16. Februar 2015
Earth: Metal mit angezogener Handbremse
Drone Doom – damit sind nicht die verheerenden Drohnenangriffe der US-Armee gemeint. Vielmehr beschreibt es ein musikalisches Genre, das für die Band Earth quasi erfunden wurde. In der Schorndorfer Manufaktur zeigten sie nun, dass sie die Grenzen dieses Genres aber längst gesprengt haben.
Gleich zwei Vorgruppen aus dem Umfeld der Band aus Olympia, Washington, eröffneten den Auftritt von Earth. Zunächst ein bekanntes Gesicht: Don McGreevy, ehemaliger Bassist der Band, der sich bei diesem Projekt an der Gitarre versucht und zusammen mit Drummer Rogier Smal in Schorndorf eine wilde Jam hinlegte. Zwei zugegebenermaßen gute Musiker, doch vermittelte der Auftritt eher Proberaumatmosphäre, klang so, als hätte die Band noch kein Konzept – oder die Konzeptlosigkeit zum Klangprinzip erhoben. Auch möglich, dass sich irgendwelche Free-Jazz-Reste, für die bei Anthony Braxton die Woche zuvor kein Platz mehr war, hier noch versendeten.
Gleich zwei Vorgruppen aus dem Umfeld der Band aus Olympia, Washington, eröffneten den Auftritt von Earth. Zunächst ein bekanntes Gesicht: Don McGreevy, ehemaliger Bassist der Band, der sich bei diesem Projekt an der Gitarre versucht und zusammen mit Drummer Rogier Smal in Schorndorf eine wilde Jam hinlegte. Zwei zugegebenermaßen gute Musiker, doch vermittelte der Auftritt eher Proberaumatmosphäre, klang so, als hätte die Band noch kein Konzept – oder die Konzeptlosigkeit zum Klangprinzip erhoben. Auch möglich, dass sich irgendwelche Free-Jazz-Reste, für die bei Anthony Braxton die Woche zuvor kein Platz mehr war, hier noch versendeten.
Ein turbulenter Abend: Von der Strukturlosigkeit zur Präzision
Kaum weniger wild dann auch der Auftritt der Black Spirituals. Faszinierend, wie Drummer Marshall Trammell sein Schlagzeug bearbeitet, malträtiert, den Beat heftig vorantreibt. Ob dieser Höchstleistung läuft ihm der Schweiß dann auch in Strömen über den Krausebart. Schade nur, dass Zachary James Watkins, die andere Hälfte der Band, als Gitarrist dem nichts Entsprechendes entgegenzusetzen weiß. Ziel- und strukturlos jagt dieser seine E-Gitarre durchs Effektgerät. Außer einem konstanten Dröhnen kommt dabei aber nicht sehr viel herum. Watkins hat den Sound der Band in einem Interview mal als „empathische Maschine“ bezeichnet. Etwa mehr Emphase und etwas weniger Maschine hätte den Black Spirituals vielleicht gutgetan.
Ganz anders schließlich Earth. Keine Spur von Strukturlosigkeit ist da mehr zu spüren. Hier scheint alles präzise durchkomponiert, an die richtige Stelle gesetzt und konzentriert auf den Punkt gebracht. Klare Strukturen und keine Improvisationen: Die Musik der drei US-Amerikaner ist angenehm frei von Schnörkeln. Das war nicht immer so. Auch die Wurzeln der Urväter des Drone Doom – einer Kombination aus tieftönendem Metal mit angezogener Handbremse und dröhnender Verzerrung der E-Gitarre – liegen im Experimentellen. Auf den frühen Platten der Band lässt sich das noch nachhören. Da schepperte und dröhnte es noch ziemlich archaisch. Und da bestand ein Album von 74 Minuten schon mal aus ganzen drei Liedern. Wirkliche Strukturen hatte die Band zu Beginn noch nicht gefunden.
Doch spätestens seit Mitte des letzten Jahrzehnts hat Earth den eigenen Sound mit einem engen Korsett festgezurrt, Ecken und Kanten abgeschleift, so dass von Doom und Drone nicht mehr allzu viel übrig blieb und aus dem düsteren Gewand vielmehr eine Art von Postrock-Metal entwich, den so wohl nur Earth spielen. Als „Black Americana“ bezeichnete Gitarrist Dylan Carlson diesen Sound mal in einem Interview.
Gesangslos wie bereits die beiden Vorbands schickt die Band das Publikum dann auch auf einen ziemlich straighten musikalischen Weg. Hypnotisch, ja fast meditativ bearbeitet Earth die Instrumente. Besonders beeindruckt dabei Schlagzeugerin Adrienne Davies und ihr sehr eigenwilliger Drum-Stil. Wie eine Dirigentin schwingt sie die Sticks in einer Mischung aus Theatralik und Konzentration in die Höhe, holt weit aus – um schließlich wie mit angezogener Handbremse ihrem Instrument präzise Schläge zu versetzen. Dabei wippt sie mit dem Oberkörper auch in jenen Momenten vor und zurück, in denen das Schlagzeug schweigt, in denen nur Bass und Gitarre ertönen.
Gitarrist Carlson, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, spielt dazu sanft tönend, wirkt dabei aber auch ein wenig hölzern. Ab und an entweichen ihm auf der Bühne szenetypische Gesten, dann reckt er die Gitarre einem Kreuze gleich in die Höhe – oder formt zwischen zwei Songs mit Zeige- und kleinem Finger das Teufelssymbol. Was ziemlich routiniert wirkt bei dem 46-Jährigen, der nun bald 30 Jahre auf der Bühne steht, darüber ziemlich gealtert wirkt und als solides Fundament des Klangkonzepts Earth schlichtweg unverzichtbar ist. Er verkörpert das Gegenteil von Spektakel und vibrierender Unruhe, das die beiden Vorbands aus dem Umfeld der Gruppe so eindrucksvoll, wenn auch wenig überzeugend darboten.
Überraschenderweise steht Don Mc Greevy an diesem Abend übrigens gleich zweimal auf der Bühne. Er nimmt für einen Abend die Position von Bill Herzog ein, der als Bassist bei Earth im Einsatz ist. McGreevy spielt unspektakulär routiniert. Mit Basslinien, die zumeist fast parallel verlaufen zur Gitarre. Es ist ein schnörkellos auf den Punkt gebrachtes Bassspiel.
Doch hierin liegt auch die größte Schwachstelle im Konzept, das Earth seit gut einem Jahrzehnt fährt: Mit eiserner Konsequenz haben sie einen Sound entwickelt, der in seiner Stringenz durchaus beeindruckt. Leider genügt sich Earth aber damit und variiert in knapp zwei Stunden nie das Tempo, die Stimmung oder die Lautstärke – und verlässt nicht für eine Sekunde den eingeschlagenen Weg. Schade.
Sub Pop und Cobain
Musikalisch groß geworden ist die Band im Umfeld des Grunge. Ihr erstes Label war Sub Pop in Seattle. Kurt Cobain gehört zu den frühen Wegbegleitern von Bandgründer Carlson. Sie waren beste Freunde. Carlson war es auch, der Cobain jene Waffe lieh, mit der er sich schließlich das Leben nahm – ohne von dessen selbstmörderischen Absichten gewusst zu haben.
Samstag, 31. Januar 2015
High Fidelity Teil 6: Konstrukte
Meine Bücher des Jahres 2014:
1. Tristram Hunt: Friedrich Engels
2. Fjodor Dostojewksi: Die Brüder Karamasow
3. Peter Sloterdijk: Philosophische Temperamente
4. Philipp Blom: Der taumelnde Kontinent
5. Iwan Turgenjew: Visionen und andere fantastische Erzählungen
Belletristik:
Begonnen
hat es mit den besten: mit sehr guten Erzählungen von Turgenjew und
einer wirklich rauschhaften Lektüre der "Brüder Karamasow". Ein großes
Buch, wenn er auch in ihrer Gesamtaussage ziemlich orthodox-reaktionär.
Deshalb bleibt "Der Idiot" auch weiterhin mein Lieblingsbuch von ihm.
Dann
folgten ein paar durchwachsene Bücher, angefangen bei Gwisdeks
verschwurbeltem unsichtbaren Apfel, der mich unschlüssig zurückließ. Vor
allem weil ich gegen Ende immer mehr den Eindruck hatte, dass Gwisdek
das Buch auf die Schnelle ziemlich planlos überfrachtet hat, um es nach
einer intellektuellen Großtat aussehen zu lassen und am Ende
logischerweise nur einen halbgaren Ausweg fand. Anschließend H.P.
Lovecraft, den ich als zu wissenschaftlich-trocken und überhaupt nicht
furchteinflößend empfand. Vielleicht muss man in der Zeit gelebt haben,
um das für eine "Horrorgeschichte" halten zu können.
D.B.C.
Pierres
Drogen-Berlin-Selbstmord-letztes-quasi-religiöses-Rauscherlebnis-erzwingen-Roman
begann hingegen großartig. Weil er stellenweise an David Foster Wallace andockte, weil
er überraschte, weil es komisch war und geistreich. Am Ende blieb dann
aber doch ein leicht fahler Beigeschmack. Wäre mehr drin gewesen,
unterhaltsam immerhin. Was die Belletristik anbelangt, kam dann mit
"Bullshit nation" der Tiefpunkt, ein wirklich unnötiges Werk.
Besser
war dann wieder "Plattform" von Houellebecq, wenn auch eher einer
seiner schlechten Romane, dasselbe gilt für Nacht des Orakels für das
Werk Paul Austers. Solides Handwerk, mehr nicht. Ödön von Horvaths "Ein
Kind seiner Zeit" fand ich wiederum gut und wichtig, genauso wie "Jugend
ohne Gott".
Peter
Handkes "Die Stunde der wahren Empfindung" war dann auch schon das
letzte Nicht-Sachbuch des Jahres. Ich musste mich stellenweise
durchkämpfen und muss es wohl ein zweites Mal lesen, weil es zwar kurz,
aber dafür sehr dicht geschrieben war. Typisch Handke eben.
Sachbücher:
Ein
Auf und Ab auch bei den Sachbüchern: "Neue Nazis" war durchaus
brauchbar für ein kurzes Update über die aktuellen Szeneentwicklungen.
Ungleich wichtiger dagegen "The Myth of the Muslim Tide", der aktuelle
islamophobe Argumente mit seinen historischen Vorbildern (antikatholisch
/ antisemitisch) vergleicht und frappierend ähnliche Probleme und
Argumente diagnostiziert. In "Arrival City" schlendert Sanders dann
panoramaartig durch die Aufnahmestädte der Welt (von Kreuzberg bis
Manila), beschreibt die weltweiten Migrationsströme vor allem als eine
enorme Landflucht und kommt zu dem verblüffenden Schluss: Das, was ihr
als Problemviertel bezeichnet, ist in Wirklichkeit das wichtigste Tor
zum sozialen Aufstieg - und es funktioniert fast überall, nur nicht in
Deutschland.
Dann
"Die letzte Weltmacht": nüchtern-realistischer Blick auf die Weltlage
nach dem Ende des Kalten Krieges von einem langjährigen Berater der
Amis. Ist von Ende der 90er und prognostiziert ziemlich vieles ziemlich
richtig, unter anderem die Rückkehr der Geopolitik - und dass es auf dem
"eurasischen Schachbrett", in der Ukraine, knallen wird.
Gewöhnt
süffisant-geistreich sind die kurzen Schlaglichter, die Sloterdijk auf
ausgewählte "Philosophische Temperamente" wirft. Ein seltenes
Zusammentreffen von Kurzweil und Intellekt. Lesenwert auch der nüchterne
Blick auf die Roma von Mappes Niedek.
Wirklich
groß dann die Engels-Biografie von Tristram Hunt. Man wäre zu gerne
Zeitgenosse dieses Mannes gewesen, in dessen Haus jeden Abend bis spät
in die Nacht gesoffen wurde, dabei geistreiche Gespräche stattfanden,
der stundenlange Korrespondenzen mit Intellektuellen ganz Europas
geführt hat, ungemein sprachgewandt war, zeitlebens Marx durchfütterte,
seine Texte redigierte, ergänzte, mit Ideen füllte, und nebenbei auch
noch ein Unternehmen führte. Kaufen!
Zwiespältig
dann die Lektüre von "Nüchtern" (Daniel Schreiber). Zweifellos ein
kluger Kopf, der da über seinen jahrzehntelangen Alkoholismus schreibt.
Keine Predigt an die Nüchternheit, da schreibt jemand reflektiert und
mit Demut. Aber man fühlt sich halt an vielen Stellen selbst ertappt...
Wolfgang
Pohrts "Das allerletzte Gefecht" wiederum kann sich absolut sparen, wer
nicht selbst einmal überzeugter Kommunist war. Eine bitterböse
Abrechnung mit der radikalen Linken, die seltsamerweise im wahrsten
Sinne des Wortes theatralisch endet.
Donnerstag, 1. Januar 2015
Sonntag, 21. Dezember 2014
Peter Licht und der Kapitalismus, der alte Schlawiner
Der Sprachkünstler unter den Popmusikern dieses Landes gastierte kürzlich in der Schorndorfer Manufaktur. Und irritierte so manchen Besucher mit sparsamer Instrumentierung, szenischen Lesungen und einem wunderbar selbstironischen Umgang mit dem eigenen Werk.
„Sag mir, wo ich beginnen soll“, fordert Peter Licht, sein neustes Buch in der Hand haltend, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Wir sollten so beginnen: Wir singen die Freiheit, wir singen die Möglichkeiten, wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung, die tatsächlich sich erfüllt und die Trauer, die tatsächlich da ist.“ In diesen wenigen Zeilen, mit denen der Kölner das Konzert einläutet, steckt bereits alles, was das Werk des Musikers, Theatermachers und Autors kennzeichnet: Das Wechselspiel von Ernst und Ironie, von Dadaismus und Gesellschaftskritik sowie das Wortmächtige, Listen- und Skizzenhafte seiner Gedanken.
Worte, sorgsam abgewägt, hin- und hergedreht und wieder neu zusammengesetzt bilden schließlich den Kern seiner Arbeit. Weil Worte eine so entscheidende Rolle spielen, lässt er seinen Auftritt auch konsequenterweise mit einer Lesung aus seinem neusten Werk „Lob der Realität“ beginnen. Mit einer Hymne an die freie Welt: „Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie.“ Mehr als zehn Minuten muss das Publikum zunächst Zeilen wie diesen zuhören, am besten sehr konzentriert zuhören, denn die Texte, die Peter Licht rezitiert, sind sehr dicht geschrieben. Weil es sich hierbei eben gerade nicht um die wackeligen Versuche eines Musikers handelt, der unbedingt auch mal was zwischen zwei Buchdeckeln packen wollte.
Nein, Peter Licht hat sich nicht nur in der Theaterwelt ein Namen gemacht. Bereits 2003 startete er das Theaterprojekt „Karoshi. Tod durch Überarbeitung“, 2006 dann „Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang“ – beide Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Auch für die Literaturkritik gilt er spätestens seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2007 als ernstzunehmender Autor. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ hatte damals sowohl die Jury wie das Publikum überzeugt.
Ein Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist dabei stets die mal subtile, mal plakative, mal wiederum ironisch-distanzierte Kritik am Kapitalismus, den er als „alten Schlawiner“ bezeichnet – immer kombiniert mit einer gesunden Portion Selbstironie. Mit dem Aufruf „Begrab dein iPhone an der Biegung des Flusses“ beginnt dann auch der musikalische Teil des Abends. Und der gestaltet sich überraschend ruhig und reduziert. Brachte bei seinem letzten Auftritt in der Manufaktur noch eine druckvolle Band die Besucher zum Tanzen, so war an diesem Abend die Atmosphäre eher intim: Peter Licht und seine Gitarre – lediglich sanft begleitet von seinem Pianisten und Schlagzeuger Tobias Philippen – spielten die Songs so leise und aufs Wesentliche reduziert als würden sie gerade ein Wohnzimmerkonzert geben.
Dass der Künstler seine Stücke nicht mehr so druckvoll auf der Bühne präsentiert wie einst, hatte sich bereits auf seinem aktuellen Livealbum angedeutet, das zusammen mit dem Buch „Lob der Realität“ erschien und auch denselben Titel trägt. Doch mit einer so gedämpften musikalischen Darbietung hat wohl kaum jemand im Publikum gerechnet – und damit so manche Erwartungen enttäuscht.
Das Publikum macht sich Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Entsprechend hoffnungsvoll stimmte er die Besucher, als er nach einer halben Stunde einen Wechsel ankündigte, um dann eine Sitar auszupacken und zu den einschläfernden Klängen der indischen Langhalslaute über Leichen zu fabulieren, die am Neckarufer verbrannt würden. Nur um das Publikum schließlich auf „Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ einzustimmen. Ein Klassiker im Bühnenrepertoire des Künstlers, der aber nichts an Charme verloren hat. Und Peter Licht schafft es tatsächlich, dass sein Publikum, von Sitarklängen begleitet, minutenlang den Refrain trällert.
Von da an nimmt der Abend einen heiteren, fast kabarettistischen Verlauf. Dabei nimmt der Künstler sich und seine Songs dann auch selbstironisch in die Mangel, legt seine Gitarre beiseite und beginnt ungelenk auf der Bühne zu tänzeln. Nebenher dekonstruiert er seine Popsongs, macht aus „Meine alten Schuhe (Die große Sonne verbrennt das ganze Geld)“ einen leichtfüßigen Bossa Nova und huscht über Hits wie den „Safarinachmittag“ einfach gnaden- und respektlos hinweg. Zwischendrin schnappt sich der Künstler dann wieder sein neustes Werk und liest daraus eine lakonische Geschichte. Das ergibt in der Summe einen so charmant unprätentiösen Auftritt, dass man es Peter Licht gerne verzeiht, dass er sich immer wieder in seinen eigenen Texten verhakt, Textzeilen vergisst und das mit der Kritik an dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner, am Ende vielleicht doch eher als symbolisches Sprachspiel versteht.
„Sag mir, wo ich beginnen soll“, fordert Peter Licht, sein neustes Buch in der Hand haltend, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Wir sollten so beginnen: Wir singen die Freiheit, wir singen die Möglichkeiten, wir singen das Land, den Staat, die Ansammlung, die Ausbreitung, die Einsamkeit, die Hoffnung, die tatsächlich sich erfüllt und die Trauer, die tatsächlich da ist.“ In diesen wenigen Zeilen, mit denen der Kölner das Konzert einläutet, steckt bereits alles, was das Werk des Musikers, Theatermachers und Autors kennzeichnet: Das Wechselspiel von Ernst und Ironie, von Dadaismus und Gesellschaftskritik sowie das Wortmächtige, Listen- und Skizzenhafte seiner Gedanken.
Worte, sorgsam abgewägt, hin- und hergedreht und wieder neu zusammengesetzt bilden schließlich den Kern seiner Arbeit. Weil Worte eine so entscheidende Rolle spielen, lässt er seinen Auftritt auch konsequenterweise mit einer Lesung aus seinem neusten Werk „Lob der Realität“ beginnen. Mit einer Hymne an die freie Welt: „Willkommen im heiligen Zustand ereignisloser ewiger Euphorie.“ Mehr als zehn Minuten muss das Publikum zunächst Zeilen wie diesen zuhören, am besten sehr konzentriert zuhören, denn die Texte, die Peter Licht rezitiert, sind sehr dicht geschrieben. Weil es sich hierbei eben gerade nicht um die wackeligen Versuche eines Musikers handelt, der unbedingt auch mal was zwischen zwei Buchdeckeln packen wollte.
Nein, Peter Licht hat sich nicht nur in der Theaterwelt ein Namen gemacht. Bereits 2003 startete er das Theaterprojekt „Karoshi. Tod durch Überarbeitung“, 2006 dann „Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang“ – beide Stücke wurden an den Münchner Kammerspielen aufgeführt. Auch für die Literaturkritik gilt er spätestens seit dem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2007 als ernstzunehmender Autor. „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ hatte damals sowohl die Jury wie das Publikum überzeugt.
Ein Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist dabei stets die mal subtile, mal plakative, mal wiederum ironisch-distanzierte Kritik am Kapitalismus, den er als „alten Schlawiner“ bezeichnet – immer kombiniert mit einer gesunden Portion Selbstironie. Mit dem Aufruf „Begrab dein iPhone an der Biegung des Flusses“ beginnt dann auch der musikalische Teil des Abends. Und der gestaltet sich überraschend ruhig und reduziert. Brachte bei seinem letzten Auftritt in der Manufaktur noch eine druckvolle Band die Besucher zum Tanzen, so war an diesem Abend die Atmosphäre eher intim: Peter Licht und seine Gitarre – lediglich sanft begleitet von seinem Pianisten und Schlagzeuger Tobias Philippen – spielten die Songs so leise und aufs Wesentliche reduziert als würden sie gerade ein Wohnzimmerkonzert geben.
Dass der Künstler seine Stücke nicht mehr so druckvoll auf der Bühne präsentiert wie einst, hatte sich bereits auf seinem aktuellen Livealbum angedeutet, das zusammen mit dem Buch „Lob der Realität“ erschien und auch denselben Titel trägt. Doch mit einer so gedämpften musikalischen Darbietung hat wohl kaum jemand im Publikum gerechnet – und damit so manche Erwartungen enttäuscht.
Das Publikum macht sich Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Entsprechend hoffnungsvoll stimmte er die Besucher, als er nach einer halben Stunde einen Wechsel ankündigte, um dann eine Sitar auszupacken und zu den einschläfernden Klängen der indischen Langhalslaute über Leichen zu fabulieren, die am Neckarufer verbrannt würden. Nur um das Publikum schließlich auf „Wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ einzustimmen. Ein Klassiker im Bühnenrepertoire des Künstlers, der aber nichts an Charme verloren hat. Und Peter Licht schafft es tatsächlich, dass sein Publikum, von Sitarklängen begleitet, minutenlang den Refrain trällert.
Von da an nimmt der Abend einen heiteren, fast kabarettistischen Verlauf. Dabei nimmt der Künstler sich und seine Songs dann auch selbstironisch in die Mangel, legt seine Gitarre beiseite und beginnt ungelenk auf der Bühne zu tänzeln. Nebenher dekonstruiert er seine Popsongs, macht aus „Meine alten Schuhe (Die große Sonne verbrennt das ganze Geld)“ einen leichtfüßigen Bossa Nova und huscht über Hits wie den „Safarinachmittag“ einfach gnaden- und respektlos hinweg. Zwischendrin schnappt sich der Künstler dann wieder sein neustes Werk und liest daraus eine lakonische Geschichte. Das ergibt in der Summe einen so charmant unprätentiösen Auftritt, dass man es Peter Licht gerne verzeiht, dass er sich immer wieder in seinen eigenen Texten verhakt, Textzeilen vergisst und das mit der Kritik an dem Kapitalismus, dem alten Schlawiner, am Ende vielleicht doch eher als symbolisches Sprachspiel versteht.
Dienstag, 9. Dezember 2014
DBC Pierre: Die letzte Party vor dem Untergang
Bereits im letzten Jahr erschienen, doch von der Kritik zu Unrecht übersehen, ist „Licht aus im Wunderland“, der dritte Roman des Booker-Preisträgers DBC Pierre.
In Australien geboren und in Mexiko aufgewachsen, versuchte sich der Schriftsteller zunächst als Filmemacher. Anhaltende Erfolglosigkeit, massiver Drogenkonsum und ein riesiger Schuldenberg führten jedoch zum Zusammenbruch mit Ende 20, gefolgt von Drogenentzug, psychiatrischer Therapie und Arbeitslosigkeit. Das Akronym DBC – das für „Dirty but Clean“ steht – gab sich der vor gut 50 Jahren als Peter Finlay in Australien geborene Schriftsteller, nachdem er mit 37 Jahren schließlich seine Drogensucht überwand. Seine literarische Tätigkeit ist insofern auch ein Stück weit Therapie.
Das entfernt autobiografische „Licht aus im Wunderland“ ist nun nicht weniger als ein Abgesang auf den Kapitalismus, der sich in dem Roman von seiner dekadenten, hedonistischen Seite, aber durchaus auch mit Witz zeigt. Gabriel Brockwell, der 25-jährige Protagonist des Romans, ist Engländer, links sozialisiert, dem Rausch nicht abgeneigt und von seinem Leben reichlich desillusioniert. Er beschließt, noch einmal in den Limbus zu gehen, sprich: die Synapsen mit allerlei Genussmitteln tanzen zu lassen, einen „letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit” zu wagen. Um sich dann endgültig von dieser trostlosen Welt zu verabschieden. In Berlin – wo sonst?
Nach seinem Ausbruch aus einer englischen Drogenklinik begibt sich der Protagonist auf eine besinnungslose, letzte Flucht, die ihn zu seinem Jugendfreund Smuts führt. Der arbeitet als Sternekoch in Tokio, wo er in regem Kontakt zur Unterwelt steht. Als er einem Yakuza-Chef giftigen Kugelfisch zubereitet, geht allerdings etwas schief. Und Smuts Schicksal liegt plötzlich in Gabriels Händen. Eine apokalyptische Endzeitparty auf dem Berliner Tempelhof-Gelände, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll, könnte seinen Freund noch retten – wenn Gabriel nicht bluffen würde, was seine angeblichen hochkarätigenVerbindungen ins Berliner Nachtleben angehen würde. In Wahrheit hat er die Stadt nämlich seit Ende der 80er nicht mehr gesehen. Und nur den Namen einer Lokalität im Kopf, die schon lange nicht mehr existiert. Sein Rettungs-Trip nach Berlin, die den größten Teil der Geschichte einnimmt, wird zu einem Wiedersehen mit einer Vergangenheit, die es nie gab.
Das ergibt in der Summe eine so absurd-komische wie gesellschaftskritische Geschichte, die einen erzählerischen Sog entwickelt, der sie viel kürzer erscheinen lässt, als es die 384 Seiten vermuten lassen. In stilistisch teilweise brillanten Worten beschreibt DBC Pierre eine Welt, in der nur noch die Entgrenzung Sinn verspricht, und selbst die einen am Ende verrät. „Der Profit hat das Spiel gewonnen, dabei aber wie ein Infekt seinen Wirt getötet“, schreibt DBC Pierre an einer Stelle des Buches. Das erinnert stellenweise an den genialen David Foster Wallace – ohne jedoch vergleichsweise sperrig, detail- und fußnotenversessen zu sein. „Licht aus im Wunderland“ schillert kurzweilig zwischen persönlich-tragischer Allegorie, Berlin-Roman und Kapitalismus-Satire. Uneingeschränkt empfehlenswert.
„Licht aus im Wunderland“, DBC Pierre, 384 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3746629353
In Australien geboren und in Mexiko aufgewachsen, versuchte sich der Schriftsteller zunächst als Filmemacher. Anhaltende Erfolglosigkeit, massiver Drogenkonsum und ein riesiger Schuldenberg führten jedoch zum Zusammenbruch mit Ende 20, gefolgt von Drogenentzug, psychiatrischer Therapie und Arbeitslosigkeit. Das Akronym DBC – das für „Dirty but Clean“ steht – gab sich der vor gut 50 Jahren als Peter Finlay in Australien geborene Schriftsteller, nachdem er mit 37 Jahren schließlich seine Drogensucht überwand. Seine literarische Tätigkeit ist insofern auch ein Stück weit Therapie.
Das entfernt autobiografische „Licht aus im Wunderland“ ist nun nicht weniger als ein Abgesang auf den Kapitalismus, der sich in dem Roman von seiner dekadenten, hedonistischen Seite, aber durchaus auch mit Witz zeigt. Gabriel Brockwell, der 25-jährige Protagonist des Romans, ist Engländer, links sozialisiert, dem Rausch nicht abgeneigt und von seinem Leben reichlich desillusioniert. Er beschließt, noch einmal in den Limbus zu gehen, sprich: die Synapsen mit allerlei Genussmitteln tanzen zu lassen, einen „letzten, mutwilligen Sprung in die Besinnungslosigkeit” zu wagen. Um sich dann endgültig von dieser trostlosen Welt zu verabschieden. In Berlin – wo sonst?
Nach seinem Ausbruch aus einer englischen Drogenklinik begibt sich der Protagonist auf eine besinnungslose, letzte Flucht, die ihn zu seinem Jugendfreund Smuts führt. Der arbeitet als Sternekoch in Tokio, wo er in regem Kontakt zur Unterwelt steht. Als er einem Yakuza-Chef giftigen Kugelfisch zubereitet, geht allerdings etwas schief. Und Smuts Schicksal liegt plötzlich in Gabriels Händen. Eine apokalyptische Endzeitparty auf dem Berliner Tempelhof-Gelände, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll, könnte seinen Freund noch retten – wenn Gabriel nicht bluffen würde, was seine angeblichen hochkarätigenVerbindungen ins Berliner Nachtleben angehen würde. In Wahrheit hat er die Stadt nämlich seit Ende der 80er nicht mehr gesehen. Und nur den Namen einer Lokalität im Kopf, die schon lange nicht mehr existiert. Sein Rettungs-Trip nach Berlin, die den größten Teil der Geschichte einnimmt, wird zu einem Wiedersehen mit einer Vergangenheit, die es nie gab.
Das ergibt in der Summe eine so absurd-komische wie gesellschaftskritische Geschichte, die einen erzählerischen Sog entwickelt, der sie viel kürzer erscheinen lässt, als es die 384 Seiten vermuten lassen. In stilistisch teilweise brillanten Worten beschreibt DBC Pierre eine Welt, in der nur noch die Entgrenzung Sinn verspricht, und selbst die einen am Ende verrät. „Der Profit hat das Spiel gewonnen, dabei aber wie ein Infekt seinen Wirt getötet“, schreibt DBC Pierre an einer Stelle des Buches. Das erinnert stellenweise an den genialen David Foster Wallace – ohne jedoch vergleichsweise sperrig, detail- und fußnotenversessen zu sein. „Licht aus im Wunderland“ schillert kurzweilig zwischen persönlich-tragischer Allegorie, Berlin-Roman und Kapitalismus-Satire. Uneingeschränkt empfehlenswert.
„Licht aus im Wunderland“, DBC Pierre, 384 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 978-3746629353
Montag, 8. Dezember 2014
Robert Gwisdek: Reisen durchs Bewusstsein
Robert Gwisdek dürfte manchem Kinogänger bereits als Schauspieler bekannt sein aus Filmen wie „Irren ist männlich“, „NVA“ oder „Neue Vahr Süd“. Und den Konzertgängern vielleicht als Frontmann der inhaltsschweren Indie-Rap-Gruppe Käptn Peng & die Tentakel von Delphi. Nun hat der 30-jährige Berliner als Romanschriftsteller debütiert.
Er hätte es sich dabei leichtmachen und kommensurable Pop-Literatur produzieren können. Gwisdek entschied sich stattdessen für ein sehr forderndes Debüt, eines, das den Leser bisweilen auch überfordert.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Igor, der Welt mit Staunen und Unverständnis gegenüberstehend, stattdessen lieber innere Welten erkundend, sich gesellschaftlich eher am Rande bewegend. Als der einzige Mensch stirbt, der ihm nahe stand, zieht Igor sich komplett ins Innere zurück und startet ein Experiment: 100 Tage in einem völlig abgedunkelten Raum. Es folgt eine Reise durchs Bewusstsein, durch innere Parallelwelten. Diese Reise ins Innere des Protagonisten bricht mit linearen Erzählweisen und spielt mit unterschiedlichen Vorstellungsebenen.
Gwisdeks Protagonist trifft dabei unter anderem auf den Tod und das Nichts, begegnet dem seltsamen Volk der K und durchläuft ein skurriles, kafkaeskes Gerichtsverfahren. Das alles spielt sich in einem riesigen undurchdringbaren Gebäude mit eigenen Regeln statt. Dabei ist viel von Dreiecken und Kreisen die Rede – Symbole für Endlichkeit und Unendlichkeit. In einer zentralen Stelle des Buches versucht Igor dann einen Kreis zu zähmen. Was im Inneren des Protagonisten stattfindet, bleibt bis zuletzt ein Stück weit rätselhaft.
Wahrlich kein leichter Stoff, den Robert Gwisdek seinen Lesern da zumutet. Das in einem zweimonatigen Schreib-Rausch verfasste Werk reiht sich in eine lange Tradition fordernder Literatur über die Krise des eigenen Ich. Wer mit der Lektüre von Franz Kafka oder E. T. A. Hoffmann vertraut ist, deren Spuren unzweifelhaft in dem Roman zu finden sind, dürfte daher auch mit den teils kryptischen Formulierungen Gwisdeks etwas anfangen können. Ein durchaus gelungener Debütroman von einem Autor, den man unbedingt im Auge behalten sollte.
„Der unsichtbare Apfel“, Robert Gwisdek, 368 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-462046410
Freitag, 5. Dezember 2014
Real existent
Wolfgang Pohrt ist ein so streitbarer wie umstrittener Vertreter der so genannten undogmatischen Linken. In seiner Streitschrift "Das allerletzte Gefecht" zeigt sich der Sozialwissenschaftler nun desillusioniert ob der historischen Möglichkeit eines Kommunismus. Er schreibt:
"Ob sie von Anfang an nichts anderes haben sein können oder ob sie erst am Ende sich als das erwiesen: Die Volksrepublik China und die Sowjetunion waren Versuche, einen großen Sprung nach vorne aus dem Mittelalter in die Neuzeit mit Versatzstücken aus dem Fundus kommunistischer Theorie zu organisieren und zu kostümieren, ihr Sozialismus bedeutete nicht die Aufhebung des Kapitalismus, sondern seine Vorbereitung. Er hat die ursprüngliche Akkumulation in Gang gesetzt, ein Proletariat geschaffen, die Gesellschaft an den Ort geführt, von dem die Westeuropäer und Nordamerikaner aufgebrochen sind."
Marxens Geschichtsphilosophie sei im Grunde eine Hollywood-Schnulze, findet Pohrt inzwischen. Und der Kapitalismus?
"Weil heute alles Kapitalismus ist, verliert der Begriff jeden Sinn, außer man will vorangegangene Gesellschaftsformationen beschreiben. Weil er so sinnlos ist, eignet der Begriff sich so gut für politische Kontroversen. Es ist ungefähr so, wie wenn ein Schwein zu einem anderen Schwein 'Du Schwein' sagt. Dabei fressen doch alle aus dem gleichen Trog, nur manche können besser drängeln. Und das wissen sie ja auch. Sie grunzen sich kräftig an, und dann vertragen sie sich wieder."
Freitag, 14. November 2014
Mittwoch, 5. November 2014
Plattenläden in Stuttgart
Ratzer Records, Second Hand Records, Pauls Musique, Einklang: Eine Doku des Popbüros porträtiert die vier wichtigsten Stuttgarter Plattenläden und ihre Besitzer.
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