Samstag, 21. September 2019
Wir lieben, was wir nicht kriegen
Mehrfamilienhäuser und Bäume, das Daimlerwerk und eine Erdgasanlage in Schwarz-Weiß - damit präsentiert sich die EP "Jod und Tenside" auf dem Cover. Es ist der Blick von der Wangener Höhe. Keiner, den angesichts der Industrie- und Betonästhetik Touristen aufsuchen würden. Einer aber, der die Band "Lenin Riefenstahl" klar verortet: in Stuttgart nämlich. Jener Stadt also, die zuletzt mit einer Reihe interessanter Bands (wie Die Nerven oder Human Abfall) auf sich aufmerksam gemacht hat. Und ihr damit auch ein Stück weit einen musikalischen Stempel aufdrückt: Dass es hier eher düster, melancholisch, gar punkig zugeht, ist durch dieses Foto gesetzt.
Entgrenzung und Reduktion
Doch teilen sich Lenin Riefenstahl* kaum mehr als das Studio mit den Nerven (das Mastering übernahm Ralv Milberg). Die musikalische Vision ist eine ganz andere. Statt programmatischer Distanz und Reduktion setzt das neue Projekt des Songwriters und Hörspiel-Autors Christian Rottler vielmehr auf Entgrenzung.
Und so gibt es ein Wipers-mäßiges Punk-Stück über einen Morphiumtod inklusive Spoken-Word-Teil mit einer Länge von sechs Minuten ("Stumme Apotheker"). Eine traurige Ballade über die letzten, quälenden Minuten vor einer unvermeidlichen Trennung ("Kurz und schmerzlos"), musikalisch inszeniert als fast schon heiter-lakonisches Stück.
Oder das melancholisch-intim arrangierte und titelgebende "Chlor, Jod und Tenside" - eine Art Hohelied auf das Scheitern. In dem Sechs-Minuten-Stück heißt es: "Wir lieben Intrigen / das Leben besteht aus Rückfällen / und wir leben intensiv / und wir lieben / was wir nicht kriegen / diesmal war dein Misstrauen durchaus konstruktiv".
Kompakt und schnörkellos
Trotz stellenweiser Überlängen hinterlässt die sechs Songs umfassende EP insgesamt einen kompakten Eindruck ohne Aussetzer. Musikalisch verzichtet das Trio auf unnötige Ausschmückungen, stellt vielmehr die Stärken des Konzepts Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang (auf Platte an der Gitarre stellenweise unterstützt durch Sad Sir von End of Green) heraus und spielt schnörkellose Rocksongs mit leichten Punk-Einschlägen. Drummer Mathias Menner und Bassist Marc Eggert, der die Platte auch produzierte, ist es zu verdanken, dass die EP an keiner Stelle in Rockismen kippt.
Mit "Jod und Tenside" schlägt Christian Rottler ein neues musikalisches Kapitel auf. Bei den Texten indes bleibt er sich (bis auf "Stumme Apotheker" mit seinem fast schon klassischen Storytelling) treu: Sie sind schonungslos offen und zugleich rätselhaft, stecken voller literarischer Anspielungen und bleiben damit in viele Richtungen anschlussfähig. Massentauglich ist das nach wie vor nicht. Einen angemessenen Platz in der Nische hätte er damit aber allemal verdient.
Die EP "Jod und Tenside" erscheint am 11. Oktober bei Rotte.
* Ein politisches Projekt ist mit dem Bandname übrigens nicht verbunden). Die drei Stuttgarter haben sich, so schreiben sie "aus Gründen der Phonetik und der geballten Tragik" für ihn entschieden.
Donnerstag, 19. September 2019
Dienstag, 17. September 2019
Der Dichter
Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehr er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.
Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst in liebendem Entzünden,
Der Masse Wuszt, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.
(Johann Wolfgang von Goethe)
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehr er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.
Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst in liebendem Entzünden,
Der Masse Wuszt, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.
(Johann Wolfgang von Goethe)
Montag, 16. September 2019
High Fidelity No. 11: Fünf Platten
1. Makaya McCraven: Universal beings (2018)
Vier Städte, vier Bands, vier Auftritte mit improvisiertem Material - im Nachhinein durch Loops verdichtet zu einer Aufnahme, die wie aus einem Guss wirkt. Der in Frankreich geborene und in den USA aufgewachsene Schlagzeuger McCraven nennt das, was er macht treffend "Organic Beat Music". Und so entsteht aus den Gigs in Chicago, L.A., New York und London ein Album zwischen Hip Hop und frei improvisiertem Jazz, das frisch und sehr zeitgemäß klingt.
2. Die Goldenen Zitronen - Mord than a feeling (2019)
Den Pop für sich entdeckt haben die Hamburger Avantgarde-Punks auf ihrem neusten Album. Was ihnen nicht schlecht steht - für Hörer, die nicht mit dem Werk der Band vertraut sind, klingt die Platte indes immer noch recht sperrig. Besonders gelungen: "Die alte Kaufmannsstadt", in der das Drama um die G20-Proteste als musikalisches Hörspiel inszeniert wird.
3. Die Türen - Exoterik (2019)
Krautrock - vor allem in der repetetiv-reduzierten Linie von Neu! - ist der klare Bezugspunkt dieses bisher besten Albums von "Die Türen". Entstanden in einer Session auf dem Lande, zurückgezogen von den Einflüssen der Zeit, gelang ihnen ein Werk, das zugleich opulent wie reduziert ist. Songs mit wenigen Textzeilen, aber vielen Minuten, die Dinge auf den Punkt bringen.
4. Tool - Fear Inoluculum (2019)
13 Jahre hat es gedauert, bis die Band um James Maynard Keenan den Nachfolger von "10 000 Days" auf den Markt brachte. Bemerkenswert an der Musik ist vor allem, wie wenig sie mit der Zeit gegangen ist. Zu hören gibt es klassisches, eher mittelschnelles Material mit wenig Gesang. Für Kenner der Band mag das alles bereits bekannt sein, hörenswert ist es dennoch. Etwas Zeit sollte man als Hörer aber schon mitbringen angesichts der Überlänge von etwa 80 Minuten.
5. Shabaka and the ancestors - Wisdom of elders (2016)
In nur einer Nacht und ohne Nachbearbeitungen aufgenommen, ist "Wisdom of elders" Zeugnis der musikalischen Vielfalt des Tenor-Saxofonisten Shabaka Hutchings, geboren in London, aufgewachsen in Barbados. Die Platte changiert zwischen Blues, weißem Free Jazz, Spirituals, Calypso und afrikanischem Jazz. Musikalisch ist das in seiner Polyrhythmik teilweise recht fordernd. Doch wer sich für Pharoa Sanders erwärmen kann, dürfte auch an diesem Album seine Freude haben.
Vier Städte, vier Bands, vier Auftritte mit improvisiertem Material - im Nachhinein durch Loops verdichtet zu einer Aufnahme, die wie aus einem Guss wirkt. Der in Frankreich geborene und in den USA aufgewachsene Schlagzeuger McCraven nennt das, was er macht treffend "Organic Beat Music". Und so entsteht aus den Gigs in Chicago, L.A., New York und London ein Album zwischen Hip Hop und frei improvisiertem Jazz, das frisch und sehr zeitgemäß klingt.
2. Die Goldenen Zitronen - Mord than a feeling (2019)
Den Pop für sich entdeckt haben die Hamburger Avantgarde-Punks auf ihrem neusten Album. Was ihnen nicht schlecht steht - für Hörer, die nicht mit dem Werk der Band vertraut sind, klingt die Platte indes immer noch recht sperrig. Besonders gelungen: "Die alte Kaufmannsstadt", in der das Drama um die G20-Proteste als musikalisches Hörspiel inszeniert wird.
3. Die Türen - Exoterik (2019)
Krautrock - vor allem in der repetetiv-reduzierten Linie von Neu! - ist der klare Bezugspunkt dieses bisher besten Albums von "Die Türen". Entstanden in einer Session auf dem Lande, zurückgezogen von den Einflüssen der Zeit, gelang ihnen ein Werk, das zugleich opulent wie reduziert ist. Songs mit wenigen Textzeilen, aber vielen Minuten, die Dinge auf den Punkt bringen.
4. Tool - Fear Inoluculum (2019)
13 Jahre hat es gedauert, bis die Band um James Maynard Keenan den Nachfolger von "10 000 Days" auf den Markt brachte. Bemerkenswert an der Musik ist vor allem, wie wenig sie mit der Zeit gegangen ist. Zu hören gibt es klassisches, eher mittelschnelles Material mit wenig Gesang. Für Kenner der Band mag das alles bereits bekannt sein, hörenswert ist es dennoch. Etwas Zeit sollte man als Hörer aber schon mitbringen angesichts der Überlänge von etwa 80 Minuten.
5. Shabaka and the ancestors - Wisdom of elders (2016)
In nur einer Nacht und ohne Nachbearbeitungen aufgenommen, ist "Wisdom of elders" Zeugnis der musikalischen Vielfalt des Tenor-Saxofonisten Shabaka Hutchings, geboren in London, aufgewachsen in Barbados. Die Platte changiert zwischen Blues, weißem Free Jazz, Spirituals, Calypso und afrikanischem Jazz. Musikalisch ist das in seiner Polyrhythmik teilweise recht fordernd. Doch wer sich für Pharoa Sanders erwärmen kann, dürfte auch an diesem Album seine Freude haben.
Die Rückkehr der deutschen Frage
Robert Kagan, Politikwissenschafter, Publizist und ehemaliger Berater des US-Außenministeriums schreibt in den Blättern über die mögliche Rückkehr der deutschen Frage.
Mit der "deutschen Frage" ist unter anderem jenes Problem der internationalen Politik gemeint, das 1871 mit der gewaltsamen Vereinigung Deutschlands unter Bismarck entstand. Damit war ein großer, bevölkerungsreicher Nationalstaat in der Mitte des Kontinents geschaffen, der mit seinem Expansionsdrang das Kräftegleichgewicht in Europa durcheinanderbrachte. In der Folge kam es zu zwei verheerenden Weltkriegen.
Das Problem schien mit der Westbindung der Bundesrepublik und der Gründung der Europäischen Union vorerst gelöst. Selbst die Wiedervereinigung schien die deutsche Frage zunächst nicht aufkommen zu lassen.
Doch die Bedingungen, unter denen Deutschland eingebunden wurde, sind zunehmend nicht mehr gegeben, sagt Kagan. Trump verabschiedet sich vom Multilateralismus, in der EU gibt es allenthalben illiberale Tendenzen. Das stärke auch in Berlin die Tendenzen zu einer nationalistischen und militärisch gestützten Politik. Doch damit drohe in Europa die Wiederkehr der zerstörerischen Nationenkonkurrenz, befürchtet der US-Amerikaner Kagan.
Mit der "deutschen Frage" ist unter anderem jenes Problem der internationalen Politik gemeint, das 1871 mit der gewaltsamen Vereinigung Deutschlands unter Bismarck entstand. Damit war ein großer, bevölkerungsreicher Nationalstaat in der Mitte des Kontinents geschaffen, der mit seinem Expansionsdrang das Kräftegleichgewicht in Europa durcheinanderbrachte. In der Folge kam es zu zwei verheerenden Weltkriegen.
Das Problem schien mit der Westbindung der Bundesrepublik und der Gründung der Europäischen Union vorerst gelöst. Selbst die Wiedervereinigung schien die deutsche Frage zunächst nicht aufkommen zu lassen.
Doch die Bedingungen, unter denen Deutschland eingebunden wurde, sind zunehmend nicht mehr gegeben, sagt Kagan. Trump verabschiedet sich vom Multilateralismus, in der EU gibt es allenthalben illiberale Tendenzen. Das stärke auch in Berlin die Tendenzen zu einer nationalistischen und militärisch gestützten Politik. Doch damit drohe in Europa die Wiederkehr der zerstörerischen Nationenkonkurrenz, befürchtet der US-Amerikaner Kagan.
Pause
In der Welt da draußen lärmt und tobt und schreibt es. Doch an dieser Stelle ist zuletzt nicht viel passiert. Das hat mehrere Gründe.
Es fehlte, erstens, schlicht die Zeit. Denn auch im Leben des Zeittotschlägers lärmt und tobt und schreit es.
Zweitens musste sich der Zeitttotschläger über vieles zunächst selbst einen klaren Kopf verschaffen (was nur bedingt gelang). In dieser Zeit behaupten allzu viele über sich, zumal im Internet, dass sie Dinge durchschaut, Rätsel gelöst und den Nebel durchdrungen hätten. Während der Zeittotschläger sich zuweilen gern in den Nebeln verliert.
Auch weil, drittens, vor lauter Vita activa, zu wenig Zeit blieb für Vita contemplativa.
Und fünftens stellte sich die Frage: Ist ein solch anachronistisches Projekt wirklich noch zeitgemäß?
Doch: Den Zeittotschläger schert das Zeitgemäße nicht, er hat bisweilen Freude an Anachronismen - und demnächst vielleicht auch wieder etwas mehr Zeit zur Kontemplation.
Es fehlte, erstens, schlicht die Zeit. Denn auch im Leben des Zeittotschlägers lärmt und tobt und schreit es.
Zweitens musste sich der Zeitttotschläger über vieles zunächst selbst einen klaren Kopf verschaffen (was nur bedingt gelang). In dieser Zeit behaupten allzu viele über sich, zumal im Internet, dass sie Dinge durchschaut, Rätsel gelöst und den Nebel durchdrungen hätten. Während der Zeittotschläger sich zuweilen gern in den Nebeln verliert.
Auch weil, drittens, vor lauter Vita activa, zu wenig Zeit blieb für Vita contemplativa.
Und fünftens stellte sich die Frage: Ist ein solch anachronistisches Projekt wirklich noch zeitgemäß?
Doch: Den Zeittotschläger schert das Zeitgemäße nicht, er hat bisweilen Freude an Anachronismen - und demnächst vielleicht auch wieder etwas mehr Zeit zur Kontemplation.
Sonntag, 12. Mai 2019
Mittwoch, 13. Februar 2019
Kreuzberg
Die Trödler räumen die Nachlässe aus
Es riecht nach Kebab, Schnaps und Tod
Und jeder wacht morgens doch lieber auf
Und kämpft um das tägliche Brot
Im Sommer hocken sie vor den Häusern
Und warten, daß etwas geschieht
Menschen, die schon lang gewartet haben
Auf etwas, das uns allen blüht
Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
Berlin liegt im Osten von Babylon
Es steht auf allen Mauern geschrieben:
Was andre kriegen, das war hier schon
Hier bleibt das Leben, was es immer war
Es hat ein vertrautes Gesicht
Die Toten loben die Dunkelheit
Die Lebenden brauchen mehr Licht
In tausend Kneipen dröhnt der alte Beat
Die Hunde kriegen auch ihr Bier
Dann wanken sie zusammen durch die Nacht
Mann, Frau, Vergangenheit und Tier
Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
Berlin liegt im Osten von Babylon
Es steht auf allen Mauern geschrieben:
Was andre kriegen, das war hier schon
(Jörg Fauser)
Es riecht nach Kebab, Schnaps und Tod
Und jeder wacht morgens doch lieber auf
Und kämpft um das tägliche Brot
Im Sommer hocken sie vor den Häusern
Und warten, daß etwas geschieht
Menschen, die schon lang gewartet haben
Auf etwas, das uns allen blüht
Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
Berlin liegt im Osten von Babylon
Es steht auf allen Mauern geschrieben:
Was andre kriegen, das war hier schon
Hier bleibt das Leben, was es immer war
Es hat ein vertrautes Gesicht
Die Toten loben die Dunkelheit
Die Lebenden brauchen mehr Licht
In tausend Kneipen dröhnt der alte Beat
Die Hunde kriegen auch ihr Bier
Dann wanken sie zusammen durch die Nacht
Mann, Frau, Vergangenheit und Tier
Kreuzberg liegt im Westen von Berlin
Berlin liegt im Osten von Babylon
Es steht auf allen Mauern geschrieben:
Was andre kriegen, das war hier schon
(Jörg Fauser)
Samstag, 9. Februar 2019
High Fidelity No. 10: Fünf Bücher...
Im Höllental.
1. Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein: Falladas wohl wichtigster Roman handelt von einem Berliner Pärchen, das in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand übt, indem es Botschaften auf Postkarten schreibt und in der ganzen Stadt verteilt. Ein beklemmendes Buch, das die Sprache der einfachen Leute wiedergibt, auf Tatsachen beruht, bereits kurz nach dem Untergang des Dritten Reiches erschien und die ganze Menschenfeindlichkeit dieses Regimes im Alltag spürbar macht - ohne dabei auf seine historischen Groß-Verbrechen eingehen zu müssen. (Hier die ausführliche Rezi.)
2. Heinrich Mann - Der Untertan:
Selten wurde die deutsche Untertanen-Mentalität besser beschrieben als in Manns "Untertan". Ein detailliertes Sittenbild des Deutschen Reiches am Ende des 19. Jahrhunderts, das den unaufhaltsamen Aufstieg des kaisertreuen Patrioten und Opportunisten Diedrich Heßling beschreibt. Ein abstoßender Charakter, den Mann in seiner ganzen gefährlichen Lächerlichkeit zeigt. Genauen Beobachtern dürften dabei gewisse Parallelen mit der Jetzt-Zeit nicht entgehen.
3. Karl-Ove Knausgard - Sterben:
Das autobiografische Projekt von Knausgard literarisiert den Alltag des Norwegers. Viel passiert in diesen Büchern meist nicht. Das gilt auch für "Sterben". Im Mittelpunkt steht hier Knausgards Kindheit und Jugend sowie sein Vater, zu dem er eine sehr komplizierte Beziehung hatte und der jämmerlich am Alkohol zu Grunde ging. Die Abgründe sind fürchterlich - und Knausgard schont den Leser nicht, sondern schreibt alles nüchtern (sic!) auf. Wenn er auf 50 Seiten darüber erzählt, wie er gemeinsam mit seinem Bruder das großmütterliche, komplett verwahrloste Haus aufräumt, in dem der Vater zuletzt gehaust hat, dann ist das durchaus große Literatur.
4. Benjamin von Stuckrad-Barre - Panikherz:
Ein autobiografischer Roman, der (im Gegensatz zu Knausgard) nicht die Tiefe im Alltäglichen findet, sondern eher einer (fast nie) enden wollenden Party gleicht. Eine solche war das Leben von Stuckrad-Barre im Grunde lange Zeit auch. Schien sich der Pfarrersjunge doch früh bewusst zu sein, dass er das Zeug zu Größerem hat. So reüisserte er bereits in jungen Jahren als Journalist, Fernsehmann und Romanautor. Doch die Party wollte irgendwann wirklich nicht mehr enden. Kokain, Bulimie und Alkohol hatten Stuckrad-Barre schließlich jahrelang völlig im Griff. Schonungslos schreibt er über diese Zeit hart am Abgrund. Seine Rettung? Ausgerechnet Udo Lindenberg. Der Sänger und die Drogen nehmen dann auch den größen Platz ein in diesem durchaus lesenswerten Buch.
5. Christian Y. Schmidt - Der letzte Huelsenbeck:
In seinem ersten Roman lässt der ehemalige Titanic-Redakteur den Dadaismus wieder aufleben - und begibt sich auf eine irrwitzige innere Reise mit seinem Protagonisten Daniel S., der hinter einer Amerika-Fahrt mit seinen früheren Dada-Freunden ein Geheimnis wittert, das seine Lebenskrise erklärt. Auf dieser Suche fährt er unter anderem die Berliner U-Bahn nach den Methoden des Special Agents Dale Cooper (aus Twin Peaks) ab. Realität und Fantasie verschwimmen im Laufe dieses psychotischen Horror-Trips immer mehr. Keine Weltliteratur, aber ich hab's verschlungen.
...Und eine Enttäuschung:
Alexander Schimmelbusch - Hochdeutschland: Hätte das Buch zur Zeit werden können, wenn der Autor sich nicht unnötig in Details verlieren würde, sondern an seinem Plot gearbeitet hätte. Ein hochintelligenter, gelangweilter, zynischer und unglücklicher Investmentbanker macht sich in der Geschichte Gedanken über Deutschland (das kaputt ist), formuliert schließlich ein Manifest und gründet eine populistische Bewegung. Das stellenweise regelrecht brilliante Buch leidet jedoch unter seiner Kürze. Gerade als es interessant wird, rafft Schimmelbusch die Handlung so zusammen, dass sie am Ende nicht mehr schlüssig wirkt. Dafür hat der Autor aber Zeit für mehrere Seiten inneren Monolog des Protagonisten über die Genialität des Döners oder das Geschäftsprinzip von Vapiano. Schade.
Freitag, 8. Februar 2019
Mixtape No. 17: Ich bin eine Krise
1. Ich bin eine Krise (Die Türen, 2019)
2. Intro (Swiss und die Anderen, 2016)
3. Gefahr (Rio Reiser, 1995)
4. Amelia (Joni Mitchell, 1976)
5. Schlichte Perfektion (Christian Rottler & Galakomplex, 2006)
6. Black lion (Makaya McCraven, 2018)
7. Bergschrund (DJ Shadow feat. Nils Frahm, 2016)
8. Weiter nicht (Drangsal, 2018)
9. No fair (Wipers, 1981)
10. The mysterious vanishing of Elektra (Anna von Hausswolff, 2018)
11. Fake / frei (Die Nervern, 2018)
...und das ganze wieder als Youtube-Playlist sowie als Spotify-Playlist (leider ohne Song No. 2)
Montag, 15. Oktober 2018
Impressionen No. LV: Kunstsinn
Pax Profanum.
Duo Kaos.
Django Mobil.
Les Ateliers Denino et La Cie de l'Echelle.
Kunst. Sinn. Festival.
Trotzki, Goethe und das Glück
Kaum war ich von der Spritze runter,
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.
Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kaum aus Paris
und war Trotzkistin.
Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.
Das ist das Glück, dachte ich.
Das ist das Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal'n Gedicht schreiben kann,
et du reste l'amour?
Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Bier, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird!
Von da an ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit dem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauengruppe mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woandershin.
Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.
Louise, sagte das Mädchen -
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.
An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam - es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut déjà vu -
dachte ich, na ja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.
(Jörg Fauser, 1975)
tappte ich in die nächste Falle:
die Revolution.
Die Revolution hieß Louise,
hatte unglaublich schmale Hüften,
blitzende Augen, flatterndes schwarzes
Haar, kaum aus Paris
und war Trotzkistin.
Wir wohnten zusammen in einem
der besetzten Häuser, hielten uns
glänzend in Schuß, hielten es sogar
für Liebe, und ich palaverte,
wenn Palaver gefragt war,
schwenkte Fahnen, wenn Fahnen
gefragt waren, und frühstückte
entgegen allen Lehren
des Großen Vorsitzenden
mit einer Flasche Wermut
und einem netten dekadenten Gefühl
im Bett.
Das ist das Glück, dachte ich.
Das ist das Glück, sagte ich zu Louise.
Warum lassen wir die Revolution nicht sausen,
das sinnlose Palaver und die Fahnen
und die endlosen Auseinandersetzungen
um die Maschinenfabrik in Shanghai,
suchen uns irgendeinen stillen Winkel
wo ich in Ruhe mein Bier trinken und
zwischendurch mal'n Gedicht schreiben kann,
et du reste l'amour?
Und Trotzki? schrie Louise,
und die Genossen im Knast?
Dein bourgeoises Bier, pah! Bier
und Gedichte, während die Revolution
organisiert wird!
Von da an ging alles schief. Als ich
im Suff mal mit einer anderen ankam,
ging Louise mit dem Messer
auf mich los. Dann mischte sie
bei einer Frauengruppe mit und ich
mußte nehmen, was kam:
meistens nur Bier und manchmal irgendeine
neurotische Studentin, und später selbst das
nicht mehr, und dann
schmissen sie mich raus,
und ich zog woandershin.
Das alles ist etliche Jahre her, aber neulich
traf ich ein Mädchen, das noch in den Kreisen
verkehrt, und fragte sie nach Louise.
Louise, sagte das Mädchen -
die ist wieder in Paris.
Sitzt sie im Zentralkomitee? fragte ich.
I wo, sagte das Mädchen, die hat irgendson
Goetheforscher geheiratet.
An dem Abend trank ich alles durcheinander,
trank wie lebensmüde, aber als ich gestern
an dem Haus vorbeikam - es sieht
inzwischen ziemlich verkommen aus,
absolut déjà vu -
dachte ich, na ja,
vielleicht hast du doch Glück gehabt.
(Jörg Fauser, 1975)
Mittwoch, 8. August 2018
Für Feng Huixi
(Lu Xun, 1930, aus: Kowallis, Jon: The Lyrical Lu Xun: A Study of His Classical-Style Verse, University of Hawaii Press, 1996)
Mittwoch, 4. Juli 2018
Widerstand als Tragödie
Hans Falladas NS-Roman "Jeder stirbt für sich allein" war lange Zeit beinahe aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. In den letzten Jahren wurde er wiederentdeckt - und das weit über Deutschland hinaus. Völlig zurecht, denn Falladas letzter Prosatext ist zugleich auch sein wichtigster.
Otto Quangel ist kein Mann der großen Worte. Der Tischlermeister möchte am liebsten seine Ruhe. Doch mit dem zurückgezogenen Leben im Berlin der 40er Jahre ist es schlagartig vorbei, als ihn und seine Frau Anna die Nachricht vom Soldatentod ihres einzigen Sohnes im Westfeldzug erreicht.
Schon vor dieser Nachricht war Quangel kein überzeugter Nationalsozialist. Doch nun wird er zum Regime-Gegner und beschließt, seine innere Ablehnung nach außen zu tragen, indem er Postkarten mit kritischen Botschaften - in ungelenkem, einfachem Deutsch - schreibt und diese nach der Arbeit und an Wochenenden in Hausfluren des ganzen Stadtgebiets verteilt. Erst mehr als zwei Jahre und annähernd 300 Karten später erwischt sie die Gestapo schließlich. Die beiden kommen in Haft und werden zu Tode verurteilt.
"Jeder stirbt für sich allein", der letzte Roman von Hans Fallada, dreht sich zuvorderst um das Schicksal der Quangels, für die es ein reales Vorbild gibt: das Ehepaar Otto und Elise Hampel. Der 1947 erschienene Roman ist einer der ersten Texte der Nachkriegszeit, der sich explizit mit der NS-Herrschaft und dem Widerstand gegen sie befasst.
Ein Haus als Panoptikum der NS-Gesellschaft
Das Berliner Haus, in dem die Quangels leben, ist aber viel mehr. Nämlich ein Spiegel der Gesellschaft unter der entmenschlichten Herrschaft der NSDAP: Es gibt da die jüdische Dame, die Unterschlupf bei einem Nachbarn sucht und sich in der Verzweiflung der einsamen Sicherheit aus dem Fenster stürzt; die alkoholgetränkte SS-Familie, für die das System eine grausame Perspektive bietet, um endlich Macht und Gewalt ausüben zu können; den Kleinganoven, der in seiner Gier nach Geld jegliche Moral und schließlich alles verliert; den intellektuellen Widerständler, der vor lauter Geist die Menschlichkeit vergisst. Sie alle leben unter einem Dach und doch in völlig unterschiedlichen Welten.
Das Dritte Reich hat das Band der Zivilisation zwischen ihnen zerrissen, jeder ist am Ende nur sich selbst der nächste, alle verlieren - und "jeder stirbt für sich allein". Bei den Quangels geht das recht lange gut, sind sie doch besonders isoliert. Deshalb dauert es, bis ihnen die Gestapo auf die Schliche kommt. Nur, um dann umso härter zurückzuschlagen.
Tragische Figuren statt großer Helden
Fallada, der in seiner Prosa sehr nah an der Sprache der einfachen Berliner ist und uns die Geschichte trotzdem aus einer distanzierten, nüchternen Perspektive präsentiert, hat sich keine großen Helden als Protagonisten gesucht, sondern zwei eher einfache, tragische Gestalten, deren Widerstand nicht nur ins Leere läuft sondern obendrein auch andere Menschen mit in den Abgrund reißt.
Er offenbart damit die Tragödie unter diesem totalitären System: Um aufrichtig zu bleiben, muss das Individuum ein Risiko eingehen, das nicht nur andere gefährdet, sondern am Ende, wenn das Regime den Widerstand bricht, zum Verrat führen kann.
Ein wichtiges, ein großes, und ein lange Zeit unterschätztes Buch. Eines, das der Autor in den letzten Wochen vor seinem Tod, körperlich längst gebrochen, in einer Nervenheilanstalt verfasst hat. Und das auch von künftigen Generationen möglichst aufmerksam gelesen werden sollte.
Dienstag, 3. Juli 2018
Blaze of suicide glory
Christian Rottler macht jetzt Punkrock - zumindest für seine Verhältnisse. Wer die Gelegenheit hatte, ihn in den letzten zwei Jahren mit seiner Band Lenin Riefenstahl einmal live zu sehen, konnte sich davon bereits ein Bild machen. Auf der Bühne interpretiert er seine verschachtelten Kompositionen längst als straighte Hymnen. Was im Live-Kontext durchaus funktioniert.
Wer Rottler vor allem als den Autor von "Feuer" kennt, dürfte davon vielleicht überrascht sein und sich durchaus schwer tun mit der neuen Einfachheit, die seine Musik prägt. Denn von der feinfühlig-verschrobenen Art, Musik zu machen, die das nach wie vor unveröffentlichte Album "Augenrändercharme" prägte, ist auf der Bühne nur wenig geblieben.
Das kann aber auch eine musikalische Chance sein, wie "Gerald", die demnächst erscheinende erste Single von Lenin Riefenstahl (die ich vorab schon einmal hören konnte) zeigt. Ein düsteres, persönliches Stück, das eine Lebensgeschichte in sechs erstaunlich kurzen Minuten abhandelt: Kind reicher Eltern, weißes Cabrio mit 18, dann Keplerstraße Unipark, Morphium, offene Venen und der bodenlose Sturz in eine Drogenkarriere, schließlich "Suicide Glory".
Kein leichter Stoff - um im Bild zu bleiben, und dem Vernehmen des Künstlers nach auch ein verdammt realer. Der da porträtiert wird hat wirklich gelebt und war offensichtlich ein Freund.
Musikalisch wirkt der Nachruf, trotz aller Punk-Ästhetik, nicht eindimensional. Die ersten Akkorde könnten auch ein Tocotronic-Stück eröffnen, aus dem grölend auf Englisch vorgetragenen Refrain spricht Wipers-Wut - und der Spoken-Word-Teil mit der angefunkten Basslinie erinnert fern an frühe Sterne-Platten.
Gefällig ist das nur bedingt, radiotauglich wie einige seiner früheren Songs schon gar nicht. Eine bemerkswerte Weiterentwicklung aber allemal.
Wer Rottler vor allem als den Autor von "Feuer" kennt, dürfte davon vielleicht überrascht sein und sich durchaus schwer tun mit der neuen Einfachheit, die seine Musik prägt. Denn von der feinfühlig-verschrobenen Art, Musik zu machen, die das nach wie vor unveröffentlichte Album "Augenrändercharme" prägte, ist auf der Bühne nur wenig geblieben.
Das kann aber auch eine musikalische Chance sein, wie "Gerald", die demnächst erscheinende erste Single von Lenin Riefenstahl (die ich vorab schon einmal hören konnte) zeigt. Ein düsteres, persönliches Stück, das eine Lebensgeschichte in sechs erstaunlich kurzen Minuten abhandelt: Kind reicher Eltern, weißes Cabrio mit 18, dann Keplerstraße Unipark, Morphium, offene Venen und der bodenlose Sturz in eine Drogenkarriere, schließlich "Suicide Glory".
Kein leichter Stoff - um im Bild zu bleiben, und dem Vernehmen des Künstlers nach auch ein verdammt realer. Der da porträtiert wird hat wirklich gelebt und war offensichtlich ein Freund.
Musikalisch wirkt der Nachruf, trotz aller Punk-Ästhetik, nicht eindimensional. Die ersten Akkorde könnten auch ein Tocotronic-Stück eröffnen, aus dem grölend auf Englisch vorgetragenen Refrain spricht Wipers-Wut - und der Spoken-Word-Teil mit der angefunkten Basslinie erinnert fern an frühe Sterne-Platten.
Gefällig ist das nur bedingt, radiotauglich wie einige seiner früheren Songs schon gar nicht. Eine bemerkswerte Weiterentwicklung aber allemal.
Dienstag, 22. Mai 2018
Ohne Worte
"Ich wünsche mir so sehr einen Bürgerkrieg und Millione Tote. Frauen, Kinder. Mir egal. Hauptsache es geht los. Insbesondere würde ich laut lachen, wenn sowas auf der Gegendemo passieren würde. Tote, Verkrüppelte. Es wäre so schön. Ich will auf Leichen pissen und auf Gräbern tanzen. SIEG HEIL!"
"Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde."
"Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde."
(G., ein Mitarbeiter der Landtagsabgeordneten und Stellvertretenden AfD-Vorsitzenden in Baden-Württemberg, Christina Baum, die dessen private Aussagen bei Facebook für politisch nicht relevant hält.)
Anmerkung: Der AfD-Mann bestreitet die Aussagen, hält sie für Fälschungen und hat vor Gericht gegen Kontext geklagt. In erster Instanz erfolgreich, weshalb die Links zu den ursprünglichen Artikeln vorläuftig nicht mehr abrufbar sind.
Nachtrag: die Zeitung Kontext hat mittlerweile in zweiter Instanz Recht bekommen, der Name darf wieder genannt und der Artikel verbreitet werden.
Anmerkung: Der AfD-Mann bestreitet die Aussagen, hält sie für Fälschungen und hat vor Gericht gegen Kontext geklagt. In erster Instanz erfolgreich, weshalb die Links zu den ursprünglichen Artikeln vorläuftig nicht mehr abrufbar sind.
Nachtrag: die Zeitung Kontext hat mittlerweile in zweiter Instanz Recht bekommen, der Name darf wieder genannt und der Artikel verbreitet werden.
Freitag, 20. April 2018
Gaus und Arendt
Die Philosophin erklärt in diesem Interview aus dem Jahr 1964 unter anderen, weshalb sie sich nicht als solche versteht, wie sie als Jüdin die NS-Zeit geprägt hat, warum sie in ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses den Beschuldigten als "Hanswurst" wahrgenommen hat und bisweilen laut lachen musste.
Ein ungemein dichtes, aber zugleich unterhaltsames Gespräch, das in dieser Form im heutigen Fernsehen undenkbar ist. Und das nicht nur, weil die beiden in den 72 Minuten etwa ein Dutzend Zigaretten rauchen.
Täter in Uniform
Bei der Einhaltung der Menschenrechte ist Deutschland keineswegs in allen Bereichen der Klassenprimus, für den er sich gerne hält. Besonders deutlich zeigt sich das am Umgang der Justiz mit Tätern in Uniform.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar", heißt es im Grundgesetz. Nicht selten sind es aber gerade staatliche Exekutivorgane, die gegen dieses oberste Grundrecht verstoßen.
Wenn etwa Polizisten mit dem Knüppel gegen unbescholtene Bürger vorgehen, diese in den Zellen misshandeln, rassistisch beleidigen und es bisweilen sogar zu Mord und Totschlag im Dienst kommt.
Dass auch hierzulande Menschenrechte im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werden, hat nicht zuletzt der UN-Menschenrechtsrat wiederholt festgestellt - und dafür als Beispiel den Umgang mit der NSU-Mordserie angeführt.
An wen wenden bei Polizeigewalt?
Wer Polizisten zum Opfer fällt, hat ein großes Problem: An wen soll er sich mit seiner Anzeige wenden? Die Polizei? Wohl kaum. Weshalb viele Opfer die Taten einfach hinnehmen, die Dunkelziffer also sehr hoch sein dürfte.
Wer diesen Schritt dennoch wagt, hat es in Deutschland vor Gericht schwer. Polizeibeamte werden nur in den seltsten Fällen für Körperverletzungen im Amt verurteilt. Wenn Aussage gegen Aussage steht, gilt das Wort eines Staatsdieners in der Regel als glaubhafter.
Dafür erhalten die Opfer in der Regel umgehend eine Gegenanzeige, in der ihnen Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung oder Beleidigung vorgeworfen wird. Was vor deutschen Gerichten deutlich häufiger zu einer Verurteilung führt als Anzeigen gegen Polizisten. So können staatliche Opfer in unserem Rechtsstaat schnell zu Tätern werden.
Amnesty fordert unabhängige Anlaufstelle
Obwohl Amnesty International schon lange eine unabhängige Anlaufstelle für die Opfer fordert (damit dieses sich nicht an die Polizei wenden müssen), gibt es diese bislang in keinem einzigen Bundesland. Auch die Bundesregierung sieht hier nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Statt struktureller Polizeigewalt sieht diese nur bedauerliche Einzelfälle.
Dass es in Deutschland durchaus ein strukturelles Problem gibt, verdeutlicht das SWR2-Radiofeature "Täter in Uniform - Polizeigewalt in Deutschland". Dem Zuhörer geht es dabei ähnlich wie den im Beitrag erwähnten Opfern: Er ist geneigt, ein bisschen den Glauben an diesen Rechtsstaat zu verlieren.
(Von dem dürfte - zumindest in Bayern - demnächst nicht mehr allzu viel übrig bleiben, wenn das, so Heribert Prantl "schärfste, umfassendste, grundrechtsverbrauchendste Polizeigesetz der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte" tatsächlich verabschiedet werden sollte.)
"Die Würde des Menschen ist unantastbar", heißt es im Grundgesetz. Nicht selten sind es aber gerade staatliche Exekutivorgane, die gegen dieses oberste Grundrecht verstoßen.
Wenn etwa Polizisten mit dem Knüppel gegen unbescholtene Bürger vorgehen, diese in den Zellen misshandeln, rassistisch beleidigen und es bisweilen sogar zu Mord und Totschlag im Dienst kommt.
Dass auch hierzulande Menschenrechte im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werden, hat nicht zuletzt der UN-Menschenrechtsrat wiederholt festgestellt - und dafür als Beispiel den Umgang mit der NSU-Mordserie angeführt.
An wen wenden bei Polizeigewalt?
Wer Polizisten zum Opfer fällt, hat ein großes Problem: An wen soll er sich mit seiner Anzeige wenden? Die Polizei? Wohl kaum. Weshalb viele Opfer die Taten einfach hinnehmen, die Dunkelziffer also sehr hoch sein dürfte.
Wer diesen Schritt dennoch wagt, hat es in Deutschland vor Gericht schwer. Polizeibeamte werden nur in den seltsten Fällen für Körperverletzungen im Amt verurteilt. Wenn Aussage gegen Aussage steht, gilt das Wort eines Staatsdieners in der Regel als glaubhafter.
Dafür erhalten die Opfer in der Regel umgehend eine Gegenanzeige, in der ihnen Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung oder Beleidigung vorgeworfen wird. Was vor deutschen Gerichten deutlich häufiger zu einer Verurteilung führt als Anzeigen gegen Polizisten. So können staatliche Opfer in unserem Rechtsstaat schnell zu Tätern werden.
Amnesty fordert unabhängige Anlaufstelle
Obwohl Amnesty International schon lange eine unabhängige Anlaufstelle für die Opfer fordert (damit dieses sich nicht an die Polizei wenden müssen), gibt es diese bislang in keinem einzigen Bundesland. Auch die Bundesregierung sieht hier nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Statt struktureller Polizeigewalt sieht diese nur bedauerliche Einzelfälle.
Dass es in Deutschland durchaus ein strukturelles Problem gibt, verdeutlicht das SWR2-Radiofeature "Täter in Uniform - Polizeigewalt in Deutschland". Dem Zuhörer geht es dabei ähnlich wie den im Beitrag erwähnten Opfern: Er ist geneigt, ein bisschen den Glauben an diesen Rechtsstaat zu verlieren.
(Von dem dürfte - zumindest in Bayern - demnächst nicht mehr allzu viel übrig bleiben, wenn das, so Heribert Prantl "schärfste, umfassendste, grundrechtsverbrauchendste Polizeigesetz der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte" tatsächlich verabschiedet werden sollte.)
Freitag, 13. April 2018
Impressionen No. LIII: Kontraste
(Puno, Peru)
(Schillerplatz, Stuttgart)
Achtlos.
(Wasenmühle, Urbach)
Die Zerreißung der Stille am Mittag
In memoriam Seamus Heaney
Wieder das Scharren in der Luft, Gitarren
Aus Stacheldraht, weit übers Land gespannt.
Zikadenfunk, Telephonie der Gliederfüßler,
Die sich die Beine wetzen, sandpapierne Zungen.
Was alles mitschwingt im Gezirp: Befehle
Marschierender Legionen, Peitschenhiebe
Über den Köpfen wilder Söldnerhaufen, Rasseln
Uralter Schlüssel, keiner passt mehr, Haß-
Parolen und Zitate von Cäsaren.
Tief in die Landschaft sägt sich das und kündigt
Vergangene Zukunft an - Vandalenzüge
Und Plünderungen, Feuersbrünste, alles das,
Wovon nur dieses Scharren blieb,
Das in der Luft steht vor den Toren Roms,
Ein Wirbel brennender Papiere -
Zerrissenes, Zerrissenes.
(Durs Grünbein)
Samstag, 31. März 2018
Zwischen zwei Welten
Spätestens seit dem gescheiterten Putsch im Juni 2016 geht ein gesellschaftlicher Riss nicht nur durch die Türkei, sondern auch durch dieses Land. Ein Riss, der Bio-Deutsche und Deutsch-Türken genauso voneinander entfremdet, wie die türkischstämmige Community und ihre Familien.
Alte Klischees flammen dabei auf; vermeintliche Loyaltitäten, die bislang kaum eine Rolle gespielt haben, werden plötzlich zu existenziellen Fragen; einstige Freunde werden zu Feinden, tolerante Mitmenschen zu Rassisten; Menschen, die sich längst deutsch gefühlt haben plötzlich wieder zu Türken - und manch einer, der sich längst im akademischen Establishment angekommen wähnte gar zum fanatischen Anhänger des Turanismus.
Ein absolut hörenswertes ARD Radio Feature von Sammy Khamis geht diesen Befindlichkeiten nach und zeichnet das Bild einer innerdeutschen deutsch-türkischen Beziehung, die wahrlich schon mal bessere Zeiten erlebt hat.
Alte Klischees flammen dabei auf; vermeintliche Loyaltitäten, die bislang kaum eine Rolle gespielt haben, werden plötzlich zu existenziellen Fragen; einstige Freunde werden zu Feinden, tolerante Mitmenschen zu Rassisten; Menschen, die sich längst deutsch gefühlt haben plötzlich wieder zu Türken - und manch einer, der sich längst im akademischen Establishment angekommen wähnte gar zum fanatischen Anhänger des Turanismus.
Ein absolut hörenswertes ARD Radio Feature von Sammy Khamis geht diesen Befindlichkeiten nach und zeichnet das Bild einer innerdeutschen deutsch-türkischen Beziehung, die wahrlich schon mal bessere Zeiten erlebt hat.
Freitag, 30. März 2018
Matthäus-Passion
Zum Karfreitag: Johann Sebastian Bachs meisterhaftes Oratorium in einer Interpretation von Masaaki Suzuki und dem Bach-Collegium Japan.
Montag, 19. März 2018
Der Störenfried
Der Vorhang wich. Im Saale wurd es stiller.
Das Licht ging aus, die letzte Türe zu.
Man gab was Altes, Lessing oder Schiller,
doch Altes läßt den Neuen keine Ruh.
Nach fünf Minuten kam der erste Nackte.
Auf seinem Rücken stand in Braun: SA.
Braun war auch das, was er dann schreiend kackte
auf jenen Abort, der mal Bühne war.
Urin? Gab’s auch. Ein Yeti wurd geschlachtet,
zwei Hauptpersonen liebten sich im Blut.
Ich hab nicht weiter auf das Stück geachtet:
Ich mußte husten. Das kam gar nicht gut.
Ich mußte husten! Just als zweie kotzten.
Ich weiß, daß sich das wirklich nicht gehört:
Man hustet nicht. Die Hauptpersonen glotzten,
auch’s Restensemble fühlte sich gestört.
Mit seinen Blicken streute es die Asche
mir bös aufs Haupt, das Haupt des Trampeltiers.
Ein Hustenbonbon zog ich aus der Tasche.
Jedoch wie laut das Knistern das Papiers!
Die um mich saßen, ballten ihre Hände
in Wut zur Faust und schlugen auf mich ein.
Die auf der Bühne kamen bald zum Ende:
Ein Punker-Papst gebar ein wildes Schwein.
Ich hab das Stück, und wie es hieß, vergessen.
Ich weiß nur die Moral von dem Gedicht.
Mag auch ein Störenfried gern Kreide fressen:
Die sich an nichts mehr stören, stört er besser nicht.
Das Licht ging aus, die letzte Türe zu.
Man gab was Altes, Lessing oder Schiller,
doch Altes läßt den Neuen keine Ruh.
Nach fünf Minuten kam der erste Nackte.
Auf seinem Rücken stand in Braun: SA.
Braun war auch das, was er dann schreiend kackte
auf jenen Abort, der mal Bühne war.
Urin? Gab’s auch. Ein Yeti wurd geschlachtet,
zwei Hauptpersonen liebten sich im Blut.
Ich hab nicht weiter auf das Stück geachtet:
Ich mußte husten. Das kam gar nicht gut.
Ich mußte husten! Just als zweie kotzten.
Ich weiß, daß sich das wirklich nicht gehört:
Man hustet nicht. Die Hauptpersonen glotzten,
auch’s Restensemble fühlte sich gestört.
Mit seinen Blicken streute es die Asche
mir bös aufs Haupt, das Haupt des Trampeltiers.
Ein Hustenbonbon zog ich aus der Tasche.
Jedoch wie laut das Knistern das Papiers!
Die um mich saßen, ballten ihre Hände
in Wut zur Faust und schlugen auf mich ein.
Die auf der Bühne kamen bald zum Ende:
Ein Punker-Papst gebar ein wildes Schwein.
Ich hab das Stück, und wie es hieß, vergessen.
Ich weiß nur die Moral von dem Gedicht.
Mag auch ein Störenfried gern Kreide fressen:
Die sich an nichts mehr stören, stört er besser nicht.
(Thomas Gsella, 2011)
Samstag, 24. Februar 2018
Mixtape No. 16: Miles smiles
EIN MILES DAVIS-MIXTAPE
1. Right off (A tribute to Jack Johnson, 1971)
2. Shhh / Peaceful (In a silent way, 1969)
3. Miles runs the voodoo down (Bitches Brew, 1970)
4. Agitation (E.S.P., 1965)
5. All blues (Kind of blue, 1959)
6. Two bass hit (Milestones, 1958)
7. Boplicity (Birth of the cool, 1957)
8. Black satin (On the corner, 1972)
9. Footprints (Miles smiles, 1967)
10. Directions (Black beauty: Live at Filmore East, 1973)
11. So what (Kind of blue, 1959)
12. Bitches brew (Bitches brew, 1970)
...die ganze Youtube-Playlist gibt es hier.
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