Sonntag, 28. September 2014

Worte


"Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum...

Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen."

(Paul Auster, Nacht des Orakels)

Foto: György Kepes, Portrait Eva Besnyö, Berlin, Anfang der 1930er Jahre

Mittwoch, 27. August 2014

Historiendrama und Weltraumschlacht

„Wolf 359“ - so heißt das neuste Projekt von Daniel Bubeck und Christian Siglinger. „Komme was wolle“ – unter diesem Motto bietet der Club Zollamt den freien Künsten regelmäßig ein Forum. Eben dort, in den Räumlichkeiten des alten Cannstatter Zollamts, fand nun die Premiere von „Wolf 359“ statt.

Wolf 359, das ist der Name eines schwach leuchtenden Sterns im Sternbild Löwe. Es steht aber auch für den Schauplatz einer vernichtenden Niederlage im Kontext der Science-Fiction-Serie Star Trek. Auf den ersten Blick scheint die Thematik daher zunächst fiktiv und technisch-abstrakt. Das liegt an den digitalen Collagen von Bubeck, die an verfremdete technische Zeichnungen erinnern, die architektonisch, teils futuristisch anmuten – und den Erstbetrachter zunächst im Unklaren lassen. Wenn übermenschlich große Insekten Männerbeine verschlingend über Getreidefelden auftauchen wie bei „All good things must come to an end“. Oder bei „Heaven's Gate“ USB-Kabel, eine zerfetzte Comic-Figur, große Würfel in apokalyptischer Landschaft von geheimnisvollen Augen überwacht werden. Die Collage „Wolf 359“ offenbart schließlich, welche Story hier erzählt wird: die eines prächtigen, fast apokalyptischen interstellaren Schlachtengemäldes.

Eine ganz und gar irdische Schlacht, ein historisches Kriegsdrama, verhandelt dann der Text: Die Seeschlacht von Trafalgar anno 1805 zwischen den Briten und Franzosen während des Dritten Koalitionskriegs. Im Mittelpunkt: Thomas Masterman Hardy, Kapitän der HMS Victory, Spitzname „Wolf“. Ein dichtes, konzentriert geschriebenes und die Collagen von Bubeck gut kontrastierendes Drama im klassisch griechischen Stil, nachzulesen auf der Tischtennisplatte in der Mitte des Raums. Eine Lektüre, die im Kontext der Veranstaltung wohl etwas zu dicht geschrieben ist, an der so mancher Besucher auch scheitern wird. Ein Text, der aber die zweite Lektüre zweifellos Wert ist.
Zu sehen gab es im Zollamt außerdem den Text und die abgründig-schroffen Zeichnungen zu „Ich heiße“, dem gemeinsamen Storybook der Künstler, das bereits zum wiederholten Male an diesem Ort ausgestellt wurde. Viele der rund 50 Besucher – nahezu alle Altersspektren waren dabei vertreten – vertieften sich intensiv in die Lektüre.

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Elektro von DJ Oli Brünemann, Livemusik von Maliph sowie einen charmanten Auftritt des Comedian Andreas Weber.

Ob dystopisch anmutende Entwicklungsgeschichte, Weltraumschlacht oder Historiendrama: die Zusammenarbeit von Bubeck und Siglinger widmet sich vorerst den großen künstlerischen Topoi.

Dienstag, 26. August 2014

Mixtape No. 8: Melancholie und Ungeduld


1. Cursive - Eulogy for no name (2012)
2. La Dispute - King Park (2011)
3. Rodion G.A. - Cantec fulger
4. Ja, Panik - Trouble (2011)
5. Die Sterne - Universal Tellerwäscher (1994)
6. Elliott Smith - Baby Britain
7. Bright Eyes - Method Acting (2002)
8. Sleaford Mods - Tied up in Nottz (2014)
9. Gil Scott-Heron - Me and the devil (2010)
10. Achim Reichel - Der Spieler (1982)
11. Die Goldenen Zitronen - Scheinwerfer und Lautsprecher (2013)

und hier die Youtube-Playlist.


Freitag, 30. Mai 2014

Gegen einen Spötter

Nicht alle nenne echte Helden,
die stets kaltblütig sind.
Warum soll der kein starker Mann sein,
der seine Kinder liebt?
Der Tiger läßt mit seinem Brüllen
den Wind im Tanz erzittern.
Und weißt du nicht, wie viele Male
er nach den Jungen sieht?

(Lu Xun)

Sonntag, 25. Mai 2014

Soul

In memoriam Jason Molina:



Soul

I tell all your friends that
you're bound for glory
and how long did you know
that you'd make it there before me
and what is it like
is it worth this misfortune
what is it like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you

I tell all my friends
that I'm bound for heaven
and if I ain't so
you can't blame me for living
I know what it's like
and it's worth this misfortune
I know what it's like on the other side
these 20 years I've loved one thing only
I love what I know about passion
I love what I know about mercy
I love what I know about patience
I love what I know about soul
and I know you
(Songs:Ohia, 2004)

Freitag, 28. März 2014

Bohren entschleunigt

Bohren und der Club of Gore zählt zu den Bands, die schon nach wenigen Takten problemlos zu identifizieren sind. Mit ihrer enigmatischen Mischung aus Jazz, Ambient und Doom haben sie quasi ein eigenes musikalisches Universum erschaffen. In der Manufaktur, der sie anlässlich ihres neuen Albums "Piano Nights" einen Besuch abstatteten, präsentierte sich Bohren nun gewohnt entschleunigt und unprätentiös.

Ein paar verschleppte Drums, tiefer, markanter Bass, das unverkennbar fiese Saxophon und Pianoklänge, die sich im Nichts auflösen: Die Musik der Band aus Mühlheim an der Ruhr ist wie geschaffen für die Nacht, für Autobahnfahrten über dunkle, verlassene Großstadtstraßen, funktioniert aber auch vor Publikum. 

Sie erzeugt eine unwirtliche, abgründige Stimmung, dazu läuft die Nebelmaschine auf Hochtouren, der Saal ist komplett abgedunkelt. Mit Taschenlampen schleichen die Musiker auf die Bühne. Ihre Umrisse nur schemenhaft erkennbar. Nichts soll hier von der Musik ablenken, Kopfkino entstehen. Ab und an macht Saxophonist Christoph Clöser ein paar lakonische Ansagen, bezeichnet dann Bohren selbstironisch als „eine der zahlreichen Unterhaltungskapellen aus Nordrhein-Westfalen“. Nach verdammt kurzen anderthalb Stunden und lediglich zwei Zugaben entlässt Bohren das Publikum wieder ins Dunkel der Nacht. Seltsam entschleunigt.

Samstag, 1. März 2014

Howe Gelb, der Anti-Perfektionist

Wie lässt sich ein Künstler fassen, dessen musikalisches Oeuvre seit den 1970er Jahren schier unüberschaubare Ausmaße angenommen hat? Ein Künstler, der Südstaaten-Americana, diesen eigentümlichen Hybrid aus europäischen und afroamerikanischen Traditionssträngen, geprägt hat wie kein Zweiter; dessen Werk aber auch Elemente von Garagenrock, Jazz und lateinamerikanischer Musik integriert. Und der als bisweilen sarkastischer, stets präziser Geschichtenerzähler nie die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat. Sein Auftritt in der Schorndorfer Manufaktur bot die passende Gelegenheit, dem Phänomen Howe Gelb ein wenig näher zu kommen.

Freundschaft wird unter Musikern ja oft gepredigt, doch in den seltensten Fällen tatsächlich gelebt. Howe Gelb zählt zu der Sorte Künstler, die das Musik machen stets als eine kollektive Sache begriffen haben. Der Reihe nach: Sein Gitarrist Gabriel Sullivan, dessen Erscheinung ein wenig an den Bob Dylan der späten 1960er Jahre erinnert, eröffnet den Abend mit schweren, getragenen Songwriter-Balladen und rauchiger, markanter Stimme. Der Scotch des Vorabends hat auf ihr deutliche Spuren hinterlassen, was der sympathische Musiker auch nicht verheimlicht. Er spielt zunächst alleine, dann in Begleitung des Kontrabassisten Thøger Tetens Lund. Für einen Song darf dann auch Klaus, ansonsten Fahrer des Tourbusses, das Schlagzeug bedienen.

Und irgendwann gesellt sich schließlich Gelb dazu: groß, hager, mit blauem Karohemd, den braunen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass er die Augen verdeckt. Fast verstohlen schleicht er sich ans Klavier, setzt ein paar Tupfer in den Klangteppich – und ist dann genau so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Ein unmissverständliches Zeichen: entscheidend ist – nicht nicht nur an diesem Abend – die Musik, das Zusammenspiel, das Kollektiv. Die Bühne gehört zunächst voll und ganz seinem Bandkollegen.

Nach einer kurzen Pause betritt dann Gelb zusammen mit Sullivan und Lund erneut das Rampenlicht. Auch da verzichtet der lakonisch auftretende und zu launigen Anekdoten neigende Künstler auf große Gesten. Stattdessen wird es zunächst schräg. „Grumpy songs“ verspricht der US-Amerikaner – und hält sein Wort. Mit ordentlich Echo auf der Stimme versinkt er tief im Blues, dem alten, rohen Blues der Marke Robert Johnson. Zwei akustische Gitarren und ein Kontrabass genügen für diesen dreckigen, rauen Sound. Begleitet wird er dabei von einem gleichmäßigen Surren des Verstärkers. Mit der Nähe zur Eisenbahn erklärt er sich das Störgeräusch und verkündet: „We came here to celebrate the train. I guess it's part of the spirit of this building“. Was viele Musiker zur Weißglut treiben würde, macht Gelb kurzerhand zu einem Teil seines Auftritts.

Dabei arbeiten er und seine beiden Begleiter sich nicht nur an den Soloalben, sondern auch an der vielseitigen Werksgeschichte seiner langjährigen Band Giant Sand ab. Ein wilder Stilmix prägt den Abend. Das sorgt für Überraschungen, zahlreiche Brüche, lässt aber auch eine klare Linie vermissen: Wechselweise spielt Howe Gelb schräg auf der Akustikgitarre, fast impressionistisch auf dem Klavier oder lärmend auf einer Beinahe-Ukulele von E-Gitarre – mit Echo auf der Stimme und dem Surren des Verstärkers als stetigem Begleiter.

Nein, Howe Gelb möchte nicht gefallen. Das ist der vielleicht entscheidende Erklärungsansatz für die Eigentümlichkeit und den eher bescheidenen Erfolg des Künstlers. Gelb mag sich nicht erklären, nicht verkaufen. Gegen Marketing und Promotion habe er eine „slight allergy“. Damit widersetzt er sich ganz einfach den eisernen Spielregeln der Branche. Nur über die Musik kommunizieren zu müssen, das ist eigentlich ein Privileg der ohnehin Erhörten. Doch zu denen wird der Anti-Perfektionist Howe Gelb, soviel ist nach dem Auftritt jedenfalls sicher, wohl auch in Zukunft nie gehören.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Impressionen No. XXXV

Joan Colom I:
Joan Colom II:
Kontrapunktus:
Montserrat:
Smerdjakow:

Montag, 16. Dezember 2013

Die große Fuge



Arnold Schönberg hörte in ihr ein erstes Aufblitzen von Atonalität. Adorno erkannte in dem Stück neben all der Polyphonie zwar Einstimmigkeit, aber keine Harmonie, sondern "wie bei Hegel nur Vermittlung durch die Extreme hindurch". Die große Fuge, sie ist mit Sicherheit Beethovens radikalstes Werk. 

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Lloy Cole: ergrauter Dandy mit Gitarre


Zwei Gitarren, zwei Flaschen Wasser und ein Mikro – mehr braucht Lloyd Cole nicht. Die Präsenz des 52-Jährigen, mittlerweile beachtlich ergrauten Songwriters genügt, um das Publikum am Samstagabend in der Schorndorfer Manufaktur für zweieinhalb Stunden in beinahe andächtige Ruhe zu versetzen. 

Ganz alleine, ganz in schwarz gekleidet, steht er da auf der Bühne. Niemand, der ihm die Gitarre bringen würde, kein großes Team im Hintergrund. Nur er und sein Partner Mike, der für den glasklaren Sound in Wohnzimmerlautstärke verantwortlich zeichnet. „Tiny little songs“ habe er mitgebracht. Understatement oder Selbstironie? Cole weiß schließlich nur zu gut, dass seine Songs so viel mehr sind als das. 

Die Karriere des Engländers begann im Umkreis des Post-Punk der frühen Achtziger Jahre mit den Commotions und radiotauglichem Indiepop mit leichtem Soul-Einschlag. 1987 verließ Cole die Band, ging nach New York und startete seine Solokarriere. Ein knappes Dutzend Alben hat er seitdem hinterlassen – und dabei so manche musikalische Grenze überschritten. Etwa bei „Selected Works Vol. 1“, einem gemächlich mäandernden Ambientalbum, das er dieses Jahr zusammen mit dem Elektronikpionier Roedelius veröffentlicht hat. 

Doch von all dem ist an diesem Abend nichts zu merken. Cole bedient sich zwar allen Phasen seines ganzen musikalischen Schaffens, spielt die Stücke aber so auf den Kern reduziert, dass sich nicht mehr so recht einordnen lässt, in welcher Zeit er sie einst schrieb. Was auch letztlich egal ist. Denn es funktioniert erstaunlich gut. Schnörkellos zupft er die Gitarre, sein Gesang ist makellos, klar und frei von Pathos. Besonders die Songs seines ebenfalls 2013 erschienenen Albums „Standards“, wie die ironische Sozialstudie „Kids today“, profitieren von dieser Reduktion. Cole entfernt alles, was auf seinen Platten bisweilen verproduziert klingt. 

Und – so abweisend er auf Fotos auch immer drein blickt – er ist sichtlich gut gelaunt. Cole kokettiert mit seinem Alter, damit dass er manchmal Textzeilen vergisst oder Akkorde falsch spielt. Was dann auch prompt ein paar Mal passiert. Und beinahe beabsichtigt klingt, als er bei „No more love songs“ in der letzten Strophe „no more love songs / still, you might as well...“ singt, dann kurz überlegt, an die Decke schaut, grinst und „...live“ ergänzt. Er sei ja ohnehin nur die Vorband, scherzt Cole. Und verspricht, nach einer kurzen Pause als Hauptact wieder zu kommen. 

Das Publikum lauscht all dem seltsam andächtig. Für den Dandy hat der Veranstalter eigens aufgestuhlt, was die kreuzbraven Besucher zusätzlich zu disziplinieren scheint. Kein Laut ist zu vernehmen, während Cole spielt. So etwas kennt man sonst nur vom Klassikpublikum. Beim alten Commotions-Hit „Jennifer she said“ versucht Cole sie dann aus der Reserve zu locken. Beim denkbar einfachen „Ba da ba“-Refrain sollen sie ihn begleiten. Was nur bedingt gelingt, dem Künstler aber immerhin ein anerkennendes „Nicht schlecht, ich dachte für so was seid ihr zu sehr Indierock“ entlockt. 

Doch Coles Auftritt selbst fehlt es ein wenig an Dynamik. Er kommt ohne große Höhen und Tiefen aus. Stilistische Variation? Fehlanzeige. Auch Lichteffekte gibt es keine, und so wird Cole den ganzen Abend von einem einzigen hellen Scheinwerfer beleuchtet. Eigenartig sei das auf der Bühne der Manu, stellt er schließlich selbst fest. Er fühle sich da fast wie im Studio. Da wünscht man den Künstler nach dem Konzert dann auch hin. Für eine Platte, ganz akustisch, 45 Minuten. Nur Cole, seine zwei Gitarren und das Mikro. Das könnte funktionieren.

Dienstag, 29. Oktober 2013

Impressionen No. XXXIV


John Coltrane - (Live at the Village Vanguard, 1962)


Ungewißheit


In dieser hellen Finsternis,
auf welcher wir auf Erden stecken,
wird ein Vernünftiger gar leicht entdecken,
daß alles Wissen ungewiß.
Die Ungewißheit geht sogar so weit,
daß man,
mit Recht und Zuverläßigkeit,
daß alles ungewiß, gewiß kaum sagen kann.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)

Sonntag, 20. Oktober 2013

Machine Gun

1968 was the perfect time for something radical like Mr. Peter Brötzmann's free jazz manifest Machine Gun:

Dienstag, 3. September 2013

Rottler reduziert


Angekündigt waren "Christian Rottler and friends", doch am Ende stand er an diesem Sommerabend im Merlin alleine auf der Bühne. Von seiner aktuellen Band Lenin Riefenstahl blieb nur das Herzstück: Christian Rottler und seine Melancholie. Zwei seiner Kollegen waren verhindert und sein Schlagzeuger hatte einen schweren Verkehrsunfall. Ein Auftritt unter äußerst widrigen Umständen.

Angedeutete Akkorde, verhuschtes Zupfen, klarer Fokus auf dem Gesang: Rottler präsentierte sich textlastig, musikalisch reduziert, leidenschaftlich rauchend, provokativ selbstbewusst und doch mit den obligatorischen Selbstzweifeln. Rottler spielte maximal reduziert. Eine besondere Schwere lag diesmal über den Songs, mehr Dringlichkeit als ohnehin. Besonders bei "Chlor, Jod und Tenside", seinem ersten neuen Lied seit langer Zeit. Viel von David Foster Wallace und seinem Meisterwerk "Unendlicher Spaß" steckt in diesem Stück. Er spielte es ungewöhnlich langsam, so als ob er das Publikum dazu zwingen wollte, jedes einzelne Wort dieses an Assoziationen reichen Textes aufzusaugen.

Die Reduktion gelang ihm nicht immer zum Vorteil. An mancher Stelle hätte er durchaus weniger Pathos und mehr Rhythmus anbringen können. Gut hingegen die Brüche: Musikvideos, die einen Eindruck davon vermittelten, wie sich seine Traktate in voller musikalischer Besetzung anhören. Sein Text über die gescheitere Proust-Lektüre. "Crash after crash after crash after crash". Und die Videokunst im Hintergrund als Kontrast zum starken und in Schwarzer Krauser-Rauch eingehüllten Bühnen-Ich. Ein wortmächtiger Auftritt.

Montag, 2. September 2013

Ich heiße...

„Wie heißt du?“ „Ich heiße...“ - jeder von uns kennt diese Frage. Und wir alle haben einen Namen. Doch angenommen, wir hätten keinen, würden ihn nicht kennen, ja, könnten überhaupt nicht sicher sein, wer wir überhaupt sind? Der Protagonist von Christian Siglingers Erzählung „Ich heiße...“ jedenfalls trägt keinen Namen. 

Seine Eltern, die ihm fremd und unverständlich sind, gaben ihm vielleicht einst einen. Doch es hat ihn noch niemand danach gefragt, bis ihm eines Tages schließlich ein Zwerg begegnet. Genau dieser Umstand führt den Jungen auf eine abenteuerliche Suche nach einem Namen – und sich selbst. Dabei begegnet er sonderbaren Gestalten, redet mit Bäumen, Bächen, Menschen und beschreitet einen Weg von der Natur zur Zivilisation. 

Auf jeder Station seiner Reise stellt er immer wieder dieselbe Frage: „Hast du einen Namen für mich?“ Doch keiner hat einen Namen für den Jungen. Und niemand verrät auch den seinen. Denn „ein guter Name ist wie ein gutes Geheimnis“. Der Junge lässt sich durch kein Hindernis aufhalten, so groß ist sein Wunsch, endlich auch einen Namen zu tragen. Denn ohne Namen sind die Menschen sich fremd. 
Weil der Junge nicht so recht weiß wer er ist, möchte er unbedingt eine Rolle spielen, völlig gleich welche. Er irrt umher auf der Suche nach etwas, das er darstellen, das ihn darstellen könnte. Und scheitert dabei scheinbar immer wieder aufs Neue. Doch das Nichtwissen, die Umwege und Unsicherheiten erst führen ihn zur Selbstreflexion und zum Erleben. Auf der Suche nach seinem Namen verlässt er das enge familiäre Korsett aus routinierten Abläufen, deren Sinn der Junge ohnehin nie verstand. Er beginnt zu leben und hört auf, gelebt zu werden. 

„Ich heiße“ erzählt zwar eine Kindergeschichte, doch begnügt sich nicht damit. Die schroffen Illustrationen von Daniel Bubeck zeigen dabei eine menschen- und trostlose Welt, in der sich die Reise abspielt. So entsteht – bewusst oder unbewusst - ein Kontrapunkt zur bildhaften Sprache der Erzählung. Die düsteren und kargen Konturen, in denen die Geschichte dargestellt wird, verstärken die textimmanente Technik- und Zivilisationskritik. Ob der Junge wohl am Ende (s)einen Namen finden wird?

Donnerstag, 1. August 2013

Das sind doch Menschen

Das sind doch Menschen, denkt man,
wenn der Kellner an einen Tisch tritt,
einen unsichtbaren,
Stammtisch oder dergleichen in der Ecke,
das sind doch Zartfühlende, Genüßlinge
sicher auch mit Empfindungen und Leid.

So allein bist du nicht
in deinem Wirrwarr, Unruhe, Zittern,
auch da wird Zweifel sein, Zaudern, Unsicherheit,
wenn auch in Geschäftsabschlüssen,
das Allgemein-Menschliche,
zwar in Wirtschaftsformen,
auch dort!

Unendlich ist der Gram der Herzen
und allgemein,
aber ob sie je geliebt haben
(außerhalb des Bettes)
brennend, verzehrt, wüstendurstig
nach einem Gaumenpfirsichsaft
aus fernem Mund,
untergehend, ertrinkend
in Unvereinbarkeit der Seelen -

das weiß man nicht, kann auch
den Kellner nicht fragen,
der an der Registrierkasse
das neue Helle eindrückt,
den des Bons begierig,
um einen Durst zu löschen anderer Art,
doch auch von tiefer.

(Gottfried Benn)

Mittwoch, 24. Juli 2013

Freitag, 19. Juli 2013

Wettbewerbsfähig oder sozial gerecht?

Am 22. September ist Bundestagswahl. Doch noch ist wenig zu spüren vom Walhkampf. Unlängst hatten die Kandidaten des Wahlkreis Waiblingen auf Einladung des Wirtschaftsforums Welzheimer Wald/Wieslauftal nun eine erste Möglichkeit ihre Positionen – die um den Konflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Gerechtigkeit kreisten – gegeneinander abzugrenzen.

Bereits bei der Zustandsbeschreibung herrschte unter den Kandidaten Uneinigkeit: Geht es Deutschland nun gut? Oder droht sich unsere Gesellschaft in Arm und Reich zu spalten? Ist die Energiewende Wachstumsmotor oder eine Gefahr für unsere Wettbewerbsfähigkeit? Dissenz erst recht bei den Zielen: Sind die rot-grünen Steuerpläne nun eine Form sinnvoller Umverteilung oder der direkte Weg in Rezession und Enteignung?

Umstrittene rot-grüne Steuerpläne

Für Dr. Joachim Pfeiffer (CDU) und Hartfrid Wolff (FDP) waren es auf jeden Fall vier gute Jahre. Diesen Weg gelte es nun fortzusetzen. „Das Entscheidende dafür ist die Wettbewerbsfähigkeit“, betont Wolff. Die stellt auch Pfeiffer in den Mittelpunkt und warnt zugleich: „Es wäre fatal, wenn die Steuerpläne von Rot-Grün umgesetzt werden“. Beide Parteien fordern unter anderem einen höheren Spitzensteuersatz, die SPD zudem eine Vermögenssteuer, die Grünen eine Vermögensabgabe. Für Wolff ein ganz klarer Fall von „falscher Enteignung“. Die deutsche Wirtschaft könne das nur schwerlich verkraften. Eine junge Dame aus dem Publikum äußert gar echte Zukunftsangst im Falle eines möglichen rot-grünen Wahlsiegs.

SPD-Kandidat Alexander Bauer sieht die Zukunft hingegen optimistischer. Denn der geplante Spitzensteuersatz von 49 Prozent treffe ohnehin nicht die Mittelschicht. Auch Grünen-Kandidatin Andrea Sieber betont: „Ein Großteil der Bevölkerung wird durch unsere Pläne entlastet“. Und fügt hinzu: „Ein Teil bekommt die Chance, sich zu beteiligen“ - eine Bemerkung, die im Publikum lautes Gelächter hervorruft. Die zentrale Frage sei eben die nach sozialer Gerechtigkeit. Alexander Bauer: „Ohne sozialen Frieden ist alles andere nichts. Er ist das Rückgrat unserer Demokratie“. 

Agenda 2010 – Kahlschlag oder Impuls für die Wirtschaft?

Beide fordern daher auch Korrekturen an der Agenda 2010, die Rot-Grün unter Schröder damals selbst eingeführt hatte. Bauer nennt sie „das wunde Herz der SPD“. Es gelte nun, die Stellschrauben neu zu stellen. Auch Sieber meint: „Die Absicht der Gesetze war gut, doch es gibt es ganz großen Nachbesserungsbedarf“. Unsere gute Wirtschaftslage, darauf legt sie wert, sei allerdings ohne diese Gesetze nicht möglich gewesen. FDP-Mann Wolff kann da nur den Kopf schütteln: „Und daher wollen sie die jetzt wieder abschaffen?“ Für Udo Rauhut, den Kandidaten der Linkspartei gibt es da gar nichts herum zu diskutieren, sein Urteil ist eindeutig: „Das war der größte soziale Kahlschlag in der Geschichte der Bundesrepublik“. Pfeiffer hingegen spricht bei den Gesetzen, die im Bundesrat von allen Parteien außer der damaligen PDS beschlossen wurden, von einer „Gemeinschaftsleistung aller“. Wer diese zurückdrehen wolle, riskiere dass Deutschland wieder zum „kranken Mann Europas“ werde. Was wir vielmehr bräuchten sei eine Agenda 2030.

Und die Energiewende? Für Wolff und Pfeiffer aufgrund der Energiepreisentwicklung eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Wolff plädiert klassisch liberal: „Wir müssen zusehen, dass die Bürokratie- und Steuerlast nicht zu hoch wird“. Und Pfeiffer spricht von „Gefahr in Verzug“, denn „Energiekosten sind die momentan entscheidendste Frage für die Wirtschaft“. Bauer hingegen mag diese Angstmacherei nicht verstehen. Er sieht die Energiewende vielmehr als langfristige Investition und appelliert an die Unternehmen: „Bitte nicht zu kurzfristig denken!“ Doch gelingen könne sie, da ist er sich mit der Grünen- und dem Linken-Kandidaten einig, nur dezentral. 

Ein Thema, bei dem sich die Kandidaten zumindest in der Problemdefinition einig sind ist die Infrastruktursituation im Kreis. Viele Straßen, so der einhellige Tenor, seien in einem katastrophalen Zustand. Die Instandhaltung der bestehenden Infrastruktur schreiben sich alle Kandidaten auf die Fahne. Bei der Frage, ob zusätzliche Straßen gebaut werden sollen, gehen die Meinungen allerdings wieder auseinander. Rauhut meint dazu: „Warum sollen die Bürger das nicht selbst entscheiden? In der Schweiz funktioniert das ja auch“. Wolff und Pfeiffer würden lieber heute als morgen mit dem Ausbau etwa von B14 und B29. Auch Bauer spricht sich für einen Ausbau der B29 Richtung Aalen aus. Nur Andrea Sieber von den Grünen möchte „weiter denken, anders denken“. Mobilität ist für sie mehr als nur Automobilität. Sie fordert einen Mobilitätsplan, der Konzepte für die Carsharing, Fahrradwege und einen verbesserten öffentlichen Nahverkehr beinhaltet. Dies betreffe letztlich auch Fragen der Inklusion, denn „es ist momentan gar nicht für alle möglich, an Mobilität teilzunehmen. Und das sind Sachen, die mich tatsächlich bewegen. “

Montag, 15. Juli 2013

Das Geschäft mit deutschen Waffen



Deutschland ist drittgrößter Waffenexporteur weltweit. Und der Umfang der Exporte nimmt stetig zu. Seit Jahrzehnten sorgen deutsche Regierungen – ganz gleich welcher Kombination – so für Tod und Leid in Krisengebieten. Auf Einladung der Schorndorfer Jusos hat Jürgen Grässlin in der Manufaktur dieses Thema beleuchtet und zusammen mit SPD-Bundestagskandidat Alexander Bauer diskutiert.

Der Waffenhandel in Deutschland ist für Jürgen Grässlin ein Lebensthema. Seit mehr als dreißíg Jahren ist er als Friedensaktivist aktiv, seit 1999 Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft. Die Rüstungsindustrie kennt er wie kein zweiter. Zahlreiche Bücher hat er über sie verfasst. Seine Hauptgegner: Heckler & Koch und Daimler/EADS. Und er besucht regelmäßig Opfer deutscher Waffen in Kriegsgebieten. Jetzt hat er in einem 624 Seiten dicken Wälzer namens „Schwarzbuch Waffenhandel“ sein gesammeltes Wissen komprimiert.

Und darin steht eine ganze Menge darüber, wie der Waffenhandel in Deutschland funktioniert, wer zu den Verantwortlichen zählt und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass heute etwa jedes zweite Gewehr der Welt eine G3 von Heckler & Koch ist, übertroffen nur noch von der Kalaschnikow. „Handfeuerwaffen wohlgemerkt sind die tödlichste aller Waffen überhaupt“, sagt Grässlin - und gerade bei diesen sei der Export in den letzten Jahren geradezu explodiert. Eine deutsche Spezialität: das Hochrüsten verfeindeter Bevölkerungsgruppen und Staaten.

„Beim Waffenhandel gibt es keine Demokratie“

Dafür macht Grässlin zunächst die Politik verantwortlich, denn „beim Waffenhandel gibt es keine Demokratie“. Über Exporte bestimmt der Bundessicherheitsrat, ein geheim tagendes Gremium, bestehend aus Kanzlerin, Vizekanzler, sowie sieben Ministern. Was dieser beschließt bleibt für die Öffentlichkeit, selbst für das Parlament im Verborgenen. Kein anderer Kanzler habe mehr Exporte zu verantworten als Helmut Kohl. Doch Angela Merkel sei auf dem besten Wege, ihn zu übertreffen. 2010 erreichte sie mit einer Exportsumme von knapp 2,2 Mrd. Euro den bisherigen Höchstwert. Die Masse an „Dual-Use“, also der zivil wie militärisch nutzbaren Güter nicht mitgerechnet.

Doch heikle Rüstungsexporte sind beileibe keine Spezialgebiet der Bürgerlichen. Auch Rot-Grün ist sich unter Schröder nicht zu schade dafür gewesen und unterstützte ab 2004 den libyschen Diktator Gaddafi. Merkels neuster Großinvestor ist nun seit kurzem Saudi-Arabien. Für den Häuserkampf zugeschnittene Leopardpanzer hat die Bundesrepublik im Angebot. „Die lassen sich prima dazu einsetzen, in Demonstrantenmassen reinzufahren.“ Das sei Teil ihrer Doktrin: „Mehr Rüstungsexporte, weniger Soldaten“. Eine sich christlich nennende Partei unterstütze also ausgerechnet ein Land mit Waffen, in dem es unter Strafe verboten ist, eine Bibel mit sich zu tragen. Sogar eine Linzenz zur Produktion von G36-Sturmgewehren habe das Land erhalten. Ganz vorne mit dabei, wenn es um Rüstungslobbyismus geht: CDU-Fraktionschef Volker Kauder. In seinem Wahlkreis beheimatet: Heckler & Koch. Zwei Millionen Todesopfer habe dieses Unternehmen laut Grässlin seit seinem Bestehen zu verantworten, „die Heckler & Koch-Uhr, sie tickt“.

Illegale Exporte von Heckler & Koch

Immer wieder sei das Unternehmen aus Oberndorf aufgefallen durch seine illegalen Waffenexporte. 2010 hat Grässlin den Konzern deshalb angezeigt. Seine Begründung: das Rüstungsunternehmen habe illegal Waffen in Unruheprovinzen Mexicos geliefert. Ein Vorwurf, der inzwischen von mehreren ehemaligen Mitarbeitern bestätigt wurde. Noch hat das Landgericht nicht entschieden, ob es ein Strafverfahren einleitet. Grässlin: „Der Kampf gegen die Rüstungsindustrie ist auch manchmal ein Kampf gegen die Justiz.“

Doch der Friedensaktivist ist zuversichtlich. Zwei Unterlassungsklagen von Daimler aus dem Jahre 2005 hat er bereits überstanden. Bis zum Bundesgerichtshof ging die Sache, wo die Klage schließlich abgelehnt wurde. Denn Grässlin war Daimler ein Riesendorn im Auge. Als einer der Kritischen Aktionäre bei Daimler (Grässlin besitzt genau eine Aktie) war er über Jahre bei jeder Jahreshauptversammlung anwesend um sein Rederecht zu nutzen. Da sprach er dann etwa über die 150 000 Militärunimogs, die der Autohersteller in über 80 Länder (darunter Syrien und Irak) geliefert hat. Oder die Geschäfte der EADS, Europas zweitgrößtem Rüstungskonzern. Erst vor wenigen Wochen hat Daimler seine Anteile daran verkauft. Ein kleiner Erfolg für den Friedensaktivisten, immerhin.

Grässlin möchte aber, dass sich etwas ganz grundsätzlich ändert in Deutschland. 78 Prozent der Deutschen seien für ein völliges Verbot des Waffenhandels. Genau dies fordert nun die Initiative „Aufschrei Waffenhandel“, um deren ausdrückliche Unterstützung er bittet. Die bekommt er vom SPD-Bundestagskandidaten zwar nicht schriftlich. Dennoch zeigt sich Bauer in der anschließenden Diskussion sichtlich nachdenklich. Und verspricht zumindest, sich der Sache anzunehmen, sofern er es denn in den Bundestag schafft.

Die drei „Lebenslügen“ der Rüstungsindustrie (nach Grässlin): 
  1. Die Rüstungsindustrie sichert wichtige Arbeitsplätze – Grässlin: Arbeitsplätze der Vergangenheit vielleicht. Allein die Energiewende hat schon ein zigfaches mehr an Arbeitsplätzen geschaffen als die Rüstungsindustrie, das ist die Zukunft.
  2. Wenn wir nicht liefern liefern die anderen – Grässlin: Falsch. In der Realität ist es so: Wenn die andern nicht liefern, liefern wir. 
  3. Regt euch nicht auf, eine Waffe ist neutral – Grässlin: Eine Waffe ist nie neutral, denn ihr Ziel ist es, zu töten. 
Mehr Infos:
www.aufschrei-waffenhandel.de
Rüstungsinformationsbüro: www.rib-ev.de

Mittwoch, 26. Juni 2013

Wo das Geld der "Griechenland-Rettung" wirklich landet

Kaum ein Volk wurde in den letzten Jahren so sehr gescholten wie die Griechen. Doch die angebliche Rettungspolitik von EU und IWF diente hauptsächlich dem Finanzsektor. Dazu gibt es nun endlich Zahlen. Einer neuen Attac-Studie zufolge sind ca. 160 von 207 Milliarden Euro direkt bei Banken und Kapitalanlegern gelandet, darunter nicht wenige aus Deutschland. Und von den ca. 47 Milliarden, die im griechischen Staatshaushalt angekommen sind, flossen knapp 35 Milliarden als Zinsen gleich weiter an die Besitzer griechischer Staatsanleihen. Nur so als Argumentationshilfe, wenn sich demnächst mal wieder jemand darüber beschwert wie viel Geld wir doch den "faulen Griechen" in den Rachen geworfen haben.

Das deutsche Medien-Oligopol

Die hiesigen Zeitungsverlage haben für die Herausforderung der Digitalisierung noch keine wirkliche Lösung gefunden. Anzeigeneinnahmen gehen drastisch zurück und immer weniger Menschen sind bereit, Geld für Informationen auszugeben, die sie auch online kostenlos bekommen. Dennoch: nur in wenigen Ländern gibt es eine solch vielfältige, qualitativ hochwertige Presselandschaft. Noch, denn die deutsche Mainstream-Medienlandschaft täuscht mittlerweile eine Vielfalt vor, die so nicht mehr existiert. Zehn Medienhäuser, die vor allem auf Profit aus sind, bilden ein Oligopol, sie dominieren den Markt. Ihr Geld und ihr Einfluss bestimmen, was gedruckt oder gesendet wird. Unabhängiger Journalismus wird zunehmend erschwert. In vielen Regionen haben sie keine Konkurrenz mehr. Und der Konzentrationsprozess verstärkt sich, auch intern - auf Kosten der Qualität. Arbeitsplätze werden abgebaut, Redaktionen zusammengelegt, Newsdesks als Fortschritt verkauft, die eigentlich nur der Kosteneinsparung dienen. Die Bedingungen für die schreibende Zunft, sie sind zunehmend prekär. Wie da in Zukunft noch unabhängiger Qualitätsjournalismus möglich sein soll, bleibt fraglich. Einige dieser Aspekte beleuchtet ein kürzlich erschienener Essay über die "Krakenarme der Medienmultis" in der Wochenzeitung Kontext.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Dienstag, 4. Juni 2013

Wie Ernst Heinkel von den Nazis profitierte

Eine Schule haben sie in Grunbach nach ihm benannt und sein Name ziert unzählige Straßen. Doch wie sehr sich Ernst Heinkel in der NS-Zeit schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat, wurde bisher kaum beachtet. Das Bild von Ernst Heinkel muss nach neustem Stand der Forschung korrigiert werden.

Denn bisher ist Ernst Heinkel vor allem als Technikpionier bekannt. Als jemand, der einen Zeppelinabsturz mit eigenen Augen erlebte und beschloss, fortan selbst bessere Flugzeuge zu konstruieren. Und der am 27. August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, eine He 178 auf dem Flughafen Rostock-Marienehe zum Starten bringt. Der Jungfernflug des ersten Düsenflugzeugs der Welt gilt als Meilenstein der Luftfahrtgeschichte.

Doch Technik ist nie völlig neutral. Und ganz besonders war sie das nicht während der Zeit der NS-Herrschaft, schon gar nicht im Fall von Ernst Heinkel, denn „kaum ein Industrieller war im Dritten Reich mehr mit dem Regime verstrickt als Heinkel“, sagt Historiker Dr. Lutz Budraß, ein Experte auf dem Gebiet der deutschen Luftfahrt.

Unlängst habe ich zu dem Komplex "Ernst Heinkel und der Nationalsozialismus" einen Text veröffentlicht. Hier der Link.

Eine Sammlung der Artikel zur Heinkel-Debatte in seinem Geburtsort Grunbach findet sich auf der Homepage des Museumsvereins Remshalden.