Mittwoch, 12. April 2017

Impressionen No. XLVIII: April

Hazel. 

Right off, Mr. Miles Davis!

Zufall. 

Ein Anfang.

Trio.

Weit schweifend.

Oh, beetlebum.


Aus einem April

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser. 
(Rainer Maria Rilke, 1902)

Freitag, 17. März 2017

Ein Bild steht nie nur für sich selbst

Der Schrifsteller Teju Cole ("Open City", "Jeder Tag gehört dem Dieb") ist seit geraumer Zeit auch als Fotografie-Kritiker der New York Times tätig. In seiner neusten Kolumne "A photograph never stands alone" beschäftigt sich Cole mit Danny Lyons ikonischem “The Cotton Pickers”.

Das Bild zeigt schwarze Gefangene, die als Baumwollpflücker Ende der 60er Jahre auf einem Feld in Texas arbeiten müssen. Es ist Teil eines lang angelegten Projekts über texanische Gefängnisse und bildete später die Basis des Buchs "Conversations with the dead".

"This photograph has an extraordinary sense of rhythm, a rhythm that makes it (...) visually arresting", schreibt Cole, der bekennt, das Foto zugleich zu hassen und zu lieben. Zu hassen, weil es eine demütigende Situation zeigt. Zu lieben aufgrund der kompositorischen Harmonie. Eine Harmonie, die in Kontrast zum Gezeigten steht - und zugleich auf eine Reihe ikonischer Fotografien zu dem Thema verweist.

Damit deutet Cole auf ein Problem hin, mit dem heute angesichts der Bilderflut jede Fotografie konfrontiert ist: Ein Bild steht nie nur für sich selbst. "Images make us think of other images. Photographs remind us of other photographs, and perhaps only the earliest photographs had a chance to evade this fate."

Jedoch: "Even the earliest photographs are themselves now burdened by this reality, because when we look at them, we do so in the knowledge of everything that came after. All images, regardless of the date of their creation, exist simultaneously and are pressed into service to help us make sense of other images. This suggests a possible approach to photography criticism: a river of interconnected images wordlessly but fluently commenting on one another." 

Dienstag, 14. März 2017

Immer weiter nach rechts

Die WDR-Doku "Das braune Netzwerk" mag zwar etwas reißerisch inszeniert sein, liefert aber zahlreiche Hinweise dafür, wie stark AfD, alte Rechte, Neue Rechte, Identitäre Bewegung, Holocaust-Leugner und Reichsbürger inzwischen miteinander vernetzt sind.

Ob sich daraus wohl bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) tatsächlich eine gemeinsame Agenda ergibt oder sich die rechte Szene (was zu hoffen wäre) einmal mehr selbst zerfleischt?

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten

Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehrt er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.

Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst, in liebendem Entzünden,
Der Masse Wust, die ist sogleich entfaltet,
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Dienstag, 7. März 2017

Mixtape No. 12: Alternative Songs statt alternativer Fakten

1. A Tribe Called Quest - We the people... (2016)
2. Solange - Don't touch my hair (2016)
3. Thundercat - Show you the way feat. Michael McDonald & Kenny Loggins (2017)
4. Flying Lotus - Never catch me feat. Kendrick Lamar (2014)
5. Omar Sosa - Cha-amarillo (2000)
6. Gil Scott-Heron - The bottle (1974)
6. Stevie Wonder - Too high (1973)
7. Marvin Gaye - Inner city blues (1971)
8. Thelonious Monk - Don't blame me (1963)
9. Charles Mingus - Moanin (1960)
10. Miles Davis - So what (1959)

...und hier das ganze als Youtube-Playlist.

Sonntag, 5. März 2017

Impressionen No. XLVII: New Mayflower

 Youmin wishes.
Nanchang laocheng.
Lost in translation.
Youmin Tempel.
 Jiangxi.
Street life.
My dear friend, I'm coming now.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Jaki Liebezeit (1938-2017)

Jaki Liebezeit, ehemals Drummer von Can, der wichtigsten deutschen Band der 70er Jahre, ist kürzlich im Alter von 78 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Warum Can und die anderen "Krautrock-Bands" so wichtig waren (und in Deutschland heute fast vergessen sind), erklärt die an dieser Stelle schon einmal empfohlene Doku "Krautrock - The rebirth of Germany" ganz gut.



Der Drummer mit seinem unverwechselbar mechanischen Stil - Holger Czukay sagte einst „Jaki spielt wie eine Maschine. Bloß besser.“ - war aber auch jenseits von Can gefragt und geschätzt. Er arbeitete unter anterem mit Brian Eno, Depeche Mode oder Michael Rother. Und ist nebenbei auch noch verantwortlich für den treibenden Schlagzeug-Beat beim "Goldenen Reiter". Bei Pitchfork gibt es eine kleine Zusammenstellung mit Jakis wichtigsten Drum-Parts ohne Can.

Seinen vielleicht besten Schlagzeug-Part als Mitglied von Can hatte Liebezeit wohl bei Vitamin C, dem eingängigsten Stück des Albums Ege Bamyasi (1972):

Freitag, 20. Januar 2017

High Fidelity No. 8: Granulate


Meine Bücher des Jahres 2016
1. Jonathan Franzen – Die Korrekturen 
2. Christoph Kucklich – Die granulare Gesellschaft 
3. Thees Uhlmann – Sophia, der Tod und ich 
4. Riad Satouff – Der Araber von morgen 
5. Roger Willemsen – Das hohe Haus

BELLETRISTIK:

Thees Uhlmann – Sophia, der Tod und ich: Das Buch hat mich (nach Distelmeyers Totalreinfall Otis) sehr positiv überrascht. Zumal Uhlmanns Songtexte nicht annähernd solch ein Format haben. Ein Buch mit Tiefgang und Witz, definitiv kurzweilig.

Rainald Goetz – Johann Holtrop: Ein Roman so kalt wie der Kapitalismus und seine Folgen, weshalb die Lektüre nicht immer Freunde bereitete. Spitzenmanager wie Middelhof (nach dem Goetz seinen Hauptdarsteller geformt hat) führen im Grunde ein schreckliches Leben.

Anton Tschechov – Taugenichts: Schöne russische Erzählung, bei der, anders als bei Eichendorff, nichts literarisch überhöht wird.

Riad Satouff – Der Araber von morgen: Der Comic behandelt in harten Bildern Satouffs eigene Kindheit als Kind einer Französin und eines Arabers zwischen Frankreich, Libyen und Syrien in den 80er Jahren. Witzig und tiefgängig zugleich. Der Autor zeichnet dabei ein gerade aus der kindlichen Perspektive ziemlich düsteres Bild des Nahen Ostens.

Jonathan Franzen – Die Korrekturen: Seit „Der unendliche Spaß“ habe ich keinen so guten amerikanischen Roman mehr gelesen.

Christian Siglinger – Alles nur ein Spiel: Bubeck und Siglinger arbeiten seit mehreren Jahren an Kunstprojekten, die Text und Bild kombinieren: Lyrik mit Fotos („Gespräche mit dem Tod“, Erzählung mit Gemälde („Ich heiße“). Bei „Alles nur ein Spiel“ haben die beiden gleich ein komplettes Universum mit eigener Sprache und eigenen Regeln entworfen, das natürlich Fantasy ist, ohne aber in den üblichen eskapistischen Kitsch zu fallen. Das Projekt steht noch am Anfang, der erste Text ist schon mal sehr vielversprechend.

Wolfgang Herrndorf – Tschick: Toller Jugendroman mit klarer Sprache, eigenem Sound und einer guten Geschichte.

SACHBÜCHER:

Misha Glenny – König der Favelas: Kenntnisreiche, gut recherchierte Reportage über eine Favela in Rio und ihren langjährigen Drogenboss Nem. Das Buch bietet einen guten Einblick in die brasilianische Gesellschaft. Glenny hat dafür ein knappes Jahr selbst in der Favela gelebt und ist den Protagonisten sehr nahe gekommen. Fast etwas zu nahe, fällt doch das Porträt Nems ziemlich wohlwollend aus.

Wolfram Lüders – Wer den Wind sät: Das Buch bietet keine wirklich neuen Erkenntnisse, aber einen guten Überblick über all die Sauereien und Dummheiten der Außenpolitik des Westens im Nahen Osten, beginnend mit dem Sturz Mossadeghs im Jahr 1953. Die harsche Israel-Kritik des Autors teile ich nicht, ansonsten ist der Blick recht realistisch.

Christoph Kucklich – Die granulare Gesellschaft: Mit der die Digitalisierung verschwindet allmählich das Verbindende, das Gesellschaften im Kern ausmacht. Die Menschen vereinzeln und werden zugleich sichtbarer, ansprechbarer, identifizierbarer für Politik und Wirtschaft, wodurch die Ungleichheit radikal zunimmt. So zumindest die These von Kucklichs nüchtern geschriebener Zeitdiagnose, die ich weitestgehend für korrekt halte.

Albrecht von Lucke – Die Schwarze Republik: Blätter-Herausgeber Lucke analysiert das Scheitern der politischen Linken in Deutschland. Sein (wenig überraschendes) Rezept: Die SPD sollte wieder gesellschaftskritisch links werden und Rot-Rot-Grün regieren. Im Moment wohl eher Wunschdenken.

Stefan Schulz – Redaktionsschluss: Schulz, früher mal Mitarbeiter der FAZ, diagnostiziert das Ende der Zeitung, sieht die Schuld dafür einzig und alleine bei den Journalisten, geizt aber mit praktischen Vorschlägen, wie es besser zu machen wäre, arbeitet gerade übrigens an einem Zeitungsprojekt und hat mich nur teilweise überzeugt.

Roger Willemsen – Das hohe Haus: Kluges Buch eines sehr guten Beobachters, der ein Jahr lang jede Sitzung des Bundestages besuchte und dessen Stimme nun leider fehlt.

Ilija Trojanow – Meine Olympiade: Der Schriftsteller absolviert im Selbstversuch alle olympischen Einzeldisziplinen. Liest sich interessanter als es klingt, denn Trojanow entdeckt dabei die unter Leistungsdruck und Rekordsucht verborgene Poesie des Sports.

Claude Levi-Strauss – Mythos und Bedeutung: Die fünf Radiovorträge bieten eine gute Einführung in das Denken des Strukturalisten.

Patrick Kingsley – Die neue Odyssee: Für diese Reportage über die jüngste Flüchtlingskrise hat der Migrations-Korrespondent des Guardian 17 Länder auf drei Kontinenten besucht. Er führt dabei eindrucksvoll vor Augen, dass die Menschen nicht zu stoppen sind.

Harald Welzer – Die smarte Diktatur: Während Kucklich sachlich über die Folgen der digitalen Revolution schreibt, argumentiert Welzer polemisch. Wie schon in „Selbst denken“ greift er dabei gerne auf das Mittel der Publikumsbeschimpfung zurück. Die Digitalisierung führt zur freiwilligen Selbstentmündigung und bedroht damit die Grundlagen unserer liberalen Demokratie, so die Kernthese des Soziologen. Nach der Lektüre möchte man am liebsten sein Smartphone aus dem Fenster schmeißen

Cigdem Akyol – Erdogan: Gute, differenzierte Biografie, die noch vor dem Putschversuch erschien, allerdings etwas darunter leidet, dass Akyol nicht mit Erdogan, seiner Familie und seinem Umfeld reden konnte. Die Journalistin sieht in dem türkischen Präsidenten weniger einen Islamisten als einen Machtpolitiker, der aus dem Bauch heraus handelt und dessen Agenda schlicht "Recep Tayyip Erdogan" heißt.

Till Reiners – Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Linker Nachwuchskabarettist begibt sich auf die Spuren von AfD, Pegida & Co, um zu verstehen, woher all die Furcht und der Hass kommen. Hätte ich wohl nie gelesen, wäre Reiners nicht Kommilitone von mir gewesen. War dann positiv überrascht, dass er diese Einstellungen ernsthaft verstehen wollte, seine eigenen Unzulänglichkeiten offen gelegt und als studierter Politikwissenschaftler sein Handwerk nicht verlernt hat.

Armin Riller / Heike Holdingshauen – Wir konsumieren uns zu Tode: Es handelt sich um eine Binse, dass unser jetziges Konsum- und Wirtschaftsverhalten nicht nachhaltig ist. In diesem Buch erklären ein Professor für Ressourcenmanagement und eine taz-Redakteurin auf sachlich-informative Weise, warum wir unseren Lebensstil verdammt noch mal ändern sollten.

Montag, 16. Januar 2017

Impressionen No. XLVI: Total noise

Schaffenskrise.

"Part of our emergency is that it's so awfully tempting to do this sort of thing right now, to retreat to narrow arrogance, preformed positions, rigid filters, the "moral clarity" of the immature. The alternative is dealing with massive, high-entropy amounts of info and ambiguity and conflict and flux; it's continually discovering new vistas of personal ignorance and delusion. In sum, to really try to be informed and literate today is to feel stupid nearly all the time, and to need help. 

(...) What free, informed adulthood might look like in the context of Total Noise: not just the intelligence to discern one’s own error or stupidity, but the humility to address it, absorb it, and move on and out there from, bravely, toward the next revealed error." (David Foster Wallace, 2007)
 
Störrisches Kind.

Insomnia.


Europe is lost.

Sonntag, 15. Januar 2017

Die Algorithmisierung der Verlage

Gute Zeitungen werden dringend gebraucht, aber immer seltener gemacht. Das liegt am Konsumverhalten der Konsumenten, aber auch an den Konzepten der Medienproduzenten - und wird mittelfristig zu einem Problem für die Demokratie.

In den letzten zehn Jahren hat ein tiefgreifender Wandel im Medienkonsum stattgefunden: weg von den klassischen Medien (Fernsehen, Tageszeitung, Radio) – hin zu den neuen sozialen Medien (Facebook, Twitter, Snapchat) sowie Google. Wobei die Inhalte nach wie vor häufig aus den klassischen Medien stammen. Was wir über die Gesellschaft erfahren, bestimmen immer seltener Journalisten, sondern Algorithmen, über deren Zusammensetzung jedoch nur wenig bekannt ist.

Facebook und Google denken aber nicht journalistisch. Sie wollen ihre Nutzer nicht auf unerwartete Themen stoßen, sondern unterhalten und das liefern, was gefällt und was sie ohnehin denken. Dadurch werden Weltbilder verstärkt und verfestigt, selten in Frage gestellt.

Content Marketing und Klickzahl-Kannibalismus

Die meisten Verlage (die zudem zunehmend auf jenes Content Marketing setzen, von dem sie zugleich bedroht werden) unterwerfen sich den intransparenten Regeln der neuen Gatekeeper und Medien-Hegemonen, anstatt ihnen etwas entgegen zu setzen. Personalisierung, Skandalisierung und Emotionalisierung bestimmen das Alltagsgeschäft – immer seltener die gründliche Recherche. Die Klickzahl wird zum Schicksal und der Journalismus kannibalisiert sich.

Der Wandel der Medien hat einen fundamentale Veränderung in der Selbstbeschreibung der Gesellschaft zur Folge: Vertrauen (nicht nur in die Medien) schwindet – und die Gesellschaft wird, ohnehin getrieben durch die Digitalisierung, zunehmend granularer: sie zerfällt in Gruppen und Individuen. Das gemeinsam Verbindliche schwindet. Das Fundament der Demokratie droht damit zu erodieren.

Freitag, 13. Januar 2017

Terror von ganz rechts

Terrorismus von rechts ist in der Bundesrepublik nicht erst durch die Taten des NSU entstanden. Seit den 60er-Jahren haben Rechtsextremisten immer wieder Sprengstoffanschläge verübt und Menschen ermordet. Im öffentlichen Bewusstsein sind die Taten der Hepp-Kexel-Gruppe, der Aktion Widerstand oder Ekkehard Weil und Manfred Roeder jedoch in Vergessenheit geraten.

Eine Erinnerungskultur an jene 12 Entführungen, 174 bewaffnete Überfälle, 123 Sprengstoffanschläge, 2173 Brandanschläge sowie 229 Morde, die der Politikwissenschaftler Daniel Köhler rechten Terroristen zuordnet, gibt es bisher nicht.  Umso wichtiger, dass sich das Deutschlandradio in seinen Zeitfragen des Themas kürzlich angenommen hat. Der Beitrag lässt sich hier nachlesen und anhören.

Montag, 9. Januar 2017

Verkehrte Welt

Das ist ja die verkehrte Welt,
Wir gehen auf den Köpfen!
Die Jäger werden dutzendweis
Erschossen von den Schnepfen.

Die Kälber braten jetzt den Koch,
Auf Menschen reiten die Gäule;
Für Lehrfreiheit und Rechte des Lichts
Kämpft die katholische Eule.

Der Häring wird ein Sanskülott,
Die Wahrheit sagt uns Bettine,
Und ein gestiefelter Kater bringt
Den Sophokles auf die Bühne.

Ein Affe läßt ein Pantheon
Erbauen für deutsche Helden.
Der Maßmann hat sich jüngst gekämmt,
Wie deutsche Blätter melden.

Germanische Bären glauben nicht mehr
Und werden Atheisten;
Jedoch die französischen Papagein,
Die werden gute Christen.

Im uckermärkschen Moniteur,
Da hat mans am tollsten getrieben:
Ein Toter hat dem Lebenden dort
Die schnödeste Grabschrift geschrieben. Laßt uns nicht schwimmen gegen den Strom,
Ihr Brüder! Es hilft uns wenig!
Laßt uns besteigen den Templower Berg
Und rufen: es lebe der König!


(Heinrich Heine, 1844)

Freitag, 6. Januar 2017

Find my phone

Im Zuge der Digitalisierung geben wir immer mehr Daten von uns Preis. Manch Kritiker sieht uns deshalb bereits auf dem Weg in die smarte Diktatur. China ist von dieser Horrorvision nicht  mehr weit entfernt. Dort bastelt die Regierung gerade an einem digitalen Bürgerbewertungssystem. Spätestens 2020 soll es in Kraft treten. Auch wenn keine westliche Regierung das bislang offiziell anstrebt: Die Potenziale dafür sind zweifellos auch hier vorhanden. Zumal die meisten mit den Instrumenten der Kontrolle recht arglos umgehen.

Das Smartphone (vom Internet der Dinge ganz zu schweigen) zum Beispiel wird im Handumdrehen zur digitalen Superwanze, wie dieser sehenswerte Kurzfilm des Niederländers Anthony van der Meer zeigt. Dem 23-Jährigen gelang es, den Dieb seines Handys mittels smarter Technologie erfolgreich und erschreckend intim auszuspionieren.

Neuer Himmel, neuer Mensch

"Die Vorstellung, dass es eine andere Welt geben kann, sei es das Jenseits wie im Christentum, sei es das Diesseits wie im Kommunismus, ist nicht mehr da. Stattdessen macht man Selfies", sagt der Philosoph Boris Groys im Gespräch mit der SZ zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution. Der Kommunismus habe die Welt globalisiert, doch die Ideologie der Globalisierung komme gerade an ihr Ende.

Marx sei damit aber keineswegs erledigt, so Boys, der bis Anfang der 1980er-Jahre in der Sowjetunion wissenschaftlich tätig war: "Dieser extreme Individualismus, die Hoffnung, sich völlig von der übrigen Gesellschaft zu isolieren, um es allein zu schaffen, das ist die Utopie unserer Zeit. (...) Aber dieser Glaube funktioniert nur so lange, bis die Kluft zwischen Reich und Arm viel größer wird, sodass der Einzelne die Hoffnung verliert, sie zu überwinden. Wir sind noch nicht so weit, aber so weit wird es kommen. Und dann werden Marx' Gespenster zurückkommen."

Montag, 26. Dezember 2016

Montag, 12. Dezember 2016

Wir Sklavenhalter

Ausbeutung und Sklaverei sind deutscher Alltag - in Schlachthäusern (worauf ich bereits vor zwei Jahren hingewiesen hatte), der häuslichen Pflege, auf dem Bau oder im Rotlichtmilieu, wie diese ARD-Doku zeigt:


Sonntag, 30. Oktober 2016

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Mixtape No. 11: Love and Betrayal

1. D'Angelo & The Vanguard - Betray my heart (2014)
2. Skepta - Freestyle feat. JME (2016)
3. Mykki Blanco - Highschool never ends (2016)
4. Clipping - A better place (2016)
5. Nick Cave and The Bad Seeds - Push the sky away (2013)
6. Blood Orange - Hadron Collider (2016)
7. Benjamin Clementine - London (2015)
8. Charles Mingus - Memories of you (1963)
9. Leszek Możdżer - Etude op. 25 no. 4. (2010)
10. Mark Hollis - The gift (1998)
11. Tindersticks - Like only lovers can (2016)

Und hier das Mixtape als Youtube-Playlist.


Dienstag, 4. Oktober 2016

Marschliedchen

Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen
In die Kasernen der Vergangenheit
Glaubt nicht, dass wir uns wundern, wenn ihr schreit
Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien

Ihr kommt daher und lasst die Seele kochen
Die Seele kocht und die Vernunft erfriert
Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert
Weil dann gesungen wird und nicht gesprochen

Marschiert vor Prinzen, die erschüttert weinen:
Ihr findet doch nur als Parade statt!
Es heißt ja: Was man nicht im Kopfe hat,
Hat man gerechterweise in den Beinen

Ihr liebt den Hass und wollt die Welt dran messen
Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin
Damit es wächst, das Tier tief in euch!
Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen

Ihr möchtet auf den Trümmern Rüben bauen
Und Kirchen und Kasernen wie noch nie
Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie
Und möchtet Fideikommißbrot kauen

Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärts drehen
Und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf
Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand auf!
Nur eure Uhr wird nicht mehr richtig gehen

Wie ihr's euch träumt, wird Deutschland nie erwachen
Denn ihr seid dumm und seid nicht auserwählt
Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt:
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!

(Erich Kästner, 1932)

Sonntag, 25. September 2016

Der Anhalter



Heinrich Kurzrock sagt, er befinde sich auf seiner letzten Reise. Zu Dignitas in Zürich, einem Sterbehilfeverein. Er habe Knochenkrebs im Endstadium. Die Reporter Stephan Beuting und Sven Preger haben ihn am Kölner Verteilerkreis mitgenommen. Entstanden ist daraus ein packendes Hörspiel-Feature der Tiefenblick-Reihe im WDR5.

Seit 40 Jahren trampt Anhalter Heinrich durch Deutschland. Seine Lebensgeschichte hat er dabei schon vielen Menschen erzählt. Sie klingt tragisch: die jüdischen Eltern seien nach dem Krieg ermordet worden, Heinrich schon als Säugling in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gekommen. Die Kindheit: geprägt von schlagenden, demütigenden und strafenden Nonnen. Als Erwachsener sei er dann nie wieder auf die Beine gekommen, habe sich keine bürgerliche Existenz aufgebaut. Es folgten Aufenthalte im Knast und ein Leben auf der Straße, dem er nun ein Ende setzen wolle. Er könne einfach nicht mehr. Auch weil er Knochenkrebs im Endstadium habe - und einen nicht mehr operierbaren Gehirntumor. Zum Beweis zeigt er auf die dicke Beule an seiner Stirn, die er mit einer Mütze zu verdecken pflegt.

Doch stimmt das wirklich? Preger trifft ihn im Oktober 2013 am Verteilerkreis, sein Kollege Beuting ein Jahr später - und beide Male ist er auf dem Weg nach Zürich. Wie kann das sein? Die Reporter sind skeptisch, doch die Geschichte lässt die beiden nicht mehr los. Sie beginnen zu recherchieren - und finden Heinrich nach zehn Wochen schließlich. Aber nicht in Zürich, sondern in Deutschland, er wirkt dabei ziemlich lebendig. Über ein Jahr begleiten sie ihn. Und schnell wird klar: Nicht alles, was Heinrich erzählt ist wahr. In den Jahren auf der Straße hat der Anhalter gelernt, wie er die Menschen zum Zuhören bringt: Indem er es bisweilen mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Ein geschlossenes System aus Angst und Gewalt

Vieles aber erweist sich als richtig: Die schlimme Kindheit im St. Johannes-Stift in Marsberg etwa, der die Reporter mithilfe von Heinrich auf die Spur kommen. Für die Nonnen des Stifts stand  in den 50er- und 60er-Jahren weniger das Kindeswohl im Mittelpunkt. Ihnen ging es um Ruhe und Ordnung - und beides wurde mit brachialer Gewalt durchgesetzt. Wenig davon drang bisher nach außen. Die Anstalt war ein geschlossenes System, in dem die Angst regierte. Heute ist der St. Johannes-Stift eine moderne Einrichtung. Doch die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. Heinrich stellt sich dieser dunklen Kindheitserinnung. Der Anhalter bekommt Einsicht in seine Akte. Ein Beweis, dass dieser Teil seiner Lebensgeschichte nicht erflunktert ist.

Immer dabei auf der Reise durch Heinrichs Leben: Zigaretten und Kaffee. Der 66-Jährige lebt von Kippen, Kaffee und der Stütze. Und wohnt eigentlich gar nicht mehr auf der Straße. Auf der Erlacher Höhe bei Backnang hat der Anhalter inzwischen ein Zimmer. Er nennt es "seine Zelle".

In fünf Mal 30 Minuten kommen die beiden WDR-Reporter Heinrich Kurzrock ziemlich nahe. Sie entdecken dabei auch die wahre Geschichte seiner Familie. Doch weil Heinrich nichts davon wissen möchte, erfährt auch der Zuhörer keine Details. "Der Anhalter" ist ein sehr ehrliches Porträt, das einen gescheiterten, sehr schwierigen Menschen mit all seinen Widersprüchen zeigt. Und das ein dunkles, lange tabuisiertes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte thematisiert: die unmenschlichen Bedingungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit deren Folgen die Betroffenen ein Leben lang zu kämpfen haben.  

Das ganze Hörspiel ist als Podcast auf der Homepage des Radiosenders. Eine kurze Zusammenfassung mit Videoausschnitten von Heinrich gibt es hier.

Nachtrag (3.5.17): Mittlerweile ist ein Porträt von Heinrich Kurzrock in der Lokalzeitung erschienen.

Bild: Screenshot von der WDR-Homepage

Freitag, 9. September 2016

Impressionen No. XLIV: Risse

 
Ein Abriss.

 
"Hier sitzt die Wut".

 Private Matters should matter.

Der schönste Vandalismus.

1816: Das Jahr ohne Sommer


Es war der größte Vulkanausbruch der Neuzeit. Als vor 200 Jahren in Indonesien der Tambora explodierte, hatte das auch auf in Württemberg dramatische Auswirkungen. Doch die Naturkatastrophe gab zugleich den Anstoß für die Modernisierung des Königreichs.

Eine gigantische Eruption erfasste die Erde, als auf der indonesischen Insel Sumbawa am 5. April 1815 der Vulkan Tambora ausbrach. Zehn Tage lang spuckte der Vulkan heiße Lava. Eine riesige Aschewolke stieg auf in den Himmel. Der Ascheregen war so umfangreich, die Menge an Aerosolen so gewaltig, dass sie sich 30 Kilometer hoch in die Atmosphäre ausbreiteten, einen Großteil der Sonnenstrahlung abschirmten und einen drei Jahre dauernden globalen vulkanischen Winter verursachten.

Am 15. April war der Ausbruch vorbei und der einst 4300 Meter hohe Berg maß nur noch 2850 Meter. Es war der größte Vulkanausbruch der Neuzeit. Von den 70 000 Einwohnern der Insel Sumbawa überlebten nur wenige.

Der große Hunger

Mit einem Jahr Verzögerung erreichte die Asche Europa – die Auswirkungen waren dramatisch: 1816 gilt als das kälteste und dunkelste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es ging in die Geschichte ein als das „Jahr ohne Sommer“. In Mitteleuropa war es um 1,4 Grad kühler als im Durchschnitt. Besonders stark betroffen war Süddeutschland, das unter starkem Regen, niedrigen Temperaturen und dem Wegbleiben der Sonne zu leiden hatte. Das führte zu Ernteausfällen und einem starken Anstieg der Lebensmittelpreise.

Eine große Hungersnot grassierte im Südwesten, der bereits in den Jahren zuvor unter feuchten und kalten Sommern zu leiden hatte. Die dramatische Klimaveränderung traf das Land zudem nach zwei Jahrzehnten auszehrender Napoleonischer Kriege. Viele landeten im Armenhaus – oder wanderten aus.

Besonders notleidend waren die Wengerter, die über wenig oder gar kein Ackerland verfügten. Die Grundnahrungsmittel hatten sie sich mit den Erlösen aus dem Weinverkauf teuer auf dem Fruchtmarkt zu erkaufen. Fehlte der Herbstertrag, so fehlten auch die Mittel, sich zu ernähren.

In Erwartung des Weltuntergangs

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand von den wahren Ursachen des Sommer-Ausfalls. 1816/17 stieg die Auswanderung aus dem Südwesten stark an. Im Königlich-Württembergischen Staats- und Regierungsblatt sind die Namen jener Auswanderer dokumentiert, die eine Bürgerrechtsverzichtserklärung unterschrieben. Viele verließen das Land jedoch, ohne sich abzumelden – oftmals mit hohen Schulden.

Manchen Auswanderer trieb nicht nur die pure Not in die Migration. Viele Pietisten sahen in der Hungersnot ein Vorzeichen für das nahende Ende der Welt. Bestärkt wurde diese Sichtweise durch die Prophezeiungen des 1687 in Winnenden geborenen Theologen Johann Albrecht Bengel. Der Erbauungsschriftsteller hatte die Wiederkunft Jesu für das Jahr 1836 vorausgesagt. Johann Michael Hahn, Gründer der Hahn’schen Gemeinschaft, predigte die bevorstehende Apokalypse.

Die Hungersnot betrachteten die Pietisten auch als göttliche Strafe für die gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Aufklärung mit sich brachte. Die Auswanderungsbewegungen in Richtung Kaukasus, vor allem Bessarabien, hatten darum oftmals einen religiösen Hintergrund. Bei der Wiederkehr Christi wollten die Pietisten dem Heiligen Land möglichst nahe sein. Und da Reisen nach Palästina zu dieser Zeit fast unmöglich waren, gab man sich eben mit der Ansiedlung am Schwarzen Meer zufrieden.

Die Modernisierung Württembergs

Der Vulkanausbruch machte die Rückständigkeit des Südwestens schmerzhaft offensichtlich. Die Tragödie war zugleich Beginn einer landwirtschaftlich-technischen Revolution im Armenhaus Württemberg. Wilhelm I. übernahm im Oktober des Schicksalsjahrs 1816 die Herrschaft über das Königreich. Zusammen mit seiner Frau, der russischen Zarentochter Katharina Pawlowna, betrieb er die Modernisierung des rückständigen Südwestens.

Anfang des 19. Jahrhunderts bedeutete das vor allem, mit neuer Technik und modernen Produktionsmethoden massiv in die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion zu investieren. Gegen den grassierenden Hunger gab Wilhelm die Kornspeicher frei, verbot Exporte und führte den Anbau von Kartoffeln und Zuckerrüben ein. Am 1. Januar 1818 erfolgte die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Im November desselben Jahres wurde dann die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt gegründet, die heutige Universität Hohenheim. Erster Direktor war Johann Nepomuk Schwerz, dessen Hauptanliegen es war, die Feldarbeit der Bauern zu erleichtern. Schwerz gilt heute als einer der Väter der modernen Landwirtschaft.

Im selben Jahr erfolgte auch die feierliche Eröffnung des „landwirtschaftlichen Festes in Kannstadt“, aus dem das heutige Volksfest hervorging. Hier sollten sich die Bauern austauschen, um sich mit dem neusten Wissen in Sachen Anbau- und Erntetechniken vertraut zu machen. Die Fruchtsäule auf dem Wasen kündet heute noch von seiner Geschichte.

1818 war auch das Gründungsjahr der Württembergischen Landessparkasse und des Landeswohltätigkeitsvereins. Beides entstand auf Initiative der Königin, um den Württembergern den Weg in die Selbstständigkeit zu ermöglichen.

Die besonnene Regentschaft Wilhelm I. sollte den Grundstein legen für den späteren Aufstieg Württembergs. Doch bis dahin sollte das 19. Jahrhundert noch manche Bitterkeit für die Bevölkerung bereithalten.

(Eine andere Version dieses Textes erschien bereits im April 2015 in der Waiblinger Kreiszeitung)

Photo credit: NASA Johnson via Visual Hunt / CC BY-NC


Sonntag, 4. September 2016

Christian Rottler: Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr


Für einen kurzen Abend kehrte der Schriftsteller Marcel Proust zurück ins legendäre Stuttgarter Café Weiß. Am 31. August 2016 hatte Christian Rottlers Hörspiel "Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr" im SWR2 Premiere. Mit Texten und Musik zum Hörspiel feierten Joe Bauer, Nicole Heidrich, Christian Rottler und seine Band Lenin Riefenstahl am 23. August schon mal vor. Das Video gibt einen kleinen Einblick in den literarisch-musikalischen Abend.

Worum es bei dem Hörspiel geht, wer Christian Rottler überhaupt ist und warum sich die Auseinandersetzung mit diesem Künstler definitiv lohnt, erklärt hier Kollege Peter Schwarz.

Mittwoch, 31. August 2016

Mixtape No. 10: A quick one


1. Radiohead - Burn the witch (2016)
2. Pixies - The Happening (1990)
3. Steve Gunn - Ancient Jules (2016)
4. The Who - A Quick One (While He's Away) (1969)
5. The Kinks - Rainy Day In June (1966)
6. Georges Moustaki - Voyage (1969)
7. Talk Talk - I Believe in You (1988)
8. Talkin Heads - A clean break (1982)
9. Richard & Linda Thompson - Shoot out the lights (1982)
10. Motorpsycho - The other fool (2000)
11. Can - Vitamin C (1972)

und hier gibt es das gesamte Mixtape als Youtube-Playlist.