"Denn wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt" (Luhmann)
Anstelle eines Nachrufes drei Videos zum Tod des legendären Avantgardisten Captain Beefheart, laut Jason Ankeny "one of modern music's true innovators. The owner of a remarkable four-and-one-half octave vocal range, he employed idiosyncratic rhythms, absurdist lyrics and an unholy alliance of free jazz, Delta blues, latter-day classical music and rock & roll to create a singular body of work virtually unrivalled in its daring and fluid creativity":
1. Ein Auftritt am Strand von Cannes vom 27. Januar 1968:
2. Ella Guru von seinem verstörenden Meisterwerk Trout Mask Replica aus dem Jahre 1969:
3. Hair Pie: Bake 1 - ebenfalls aus Trout Mask Replica:
wer ruft mit abgerissenem mund
aus der nebelkammer? wer schwimmt,
einen gummiring um den hals,
durch diese kochende lache
aus bockbier und blut?
er ist es,
für den ich dies in den staub ritze,
er, der es nicht entziffert.
wer ist ganz begraben von zeitungen
und von mist? wer hat uran im urin?
wer ist in den zähen geifer
der gremien eingenäht? wer
ist beschissen von blei?
siehe,
er ists, im genick die antenne,
der sprachlose fresser mit dem räudigen hirn.
was sind das für unbegreifliche ohren,
von wüstem zuckerguß triefend,
die sich in kurszettel wickeln
und in den registraturen staplen
zu tauben mürrischen bündeln?
geneigte,
ohren verstörter verräter, zu denen
rede ich kalt wie die nacht und beharrlich.
"Immer nie am Meer" ist ein herrlich reduzierter und tragikomischer Film von Antonin Svoboda (u.a. Produzent von Free Rainer und Die fetten Jahre sind vorbei). Spielen die ersten 15 Minuten noch an verschiedenen Orten und führen den Zuschauer in die Charaktere des Kammerstücks ein, so ist der Raum für die restlichen 70 Minuten sehr begrenzt. Der Zufall hat die drei tragischen Helden Anzengruber (Christoph Grissemann), Baisch (Dirk Stermann) und Schwanenmeister (Heinz Strunk) in eine unmögliche Situation gebracht: An ein abgelegenes Waldstück, der Mercedes (da von Kurt Waldheim ersteigert mit Panzerglas ausgestattet) eingeklemmt zwischen zwei Baumstümpfen, das Handy ohne Netz, ausgestattet lediglich mit ein wenig Sekt, Heringssalat und einem Akkordeon.
Was sich dann entwickelt ist eine höchst unterhaltsame Tragödie über das Scheitern und die Lächerlichkeit der menschlichen Existenz. Alle drei sind zwar schon vor ihrem Zusammentreffen gescheiterte Gestalten: Baisch ist ein langweiliger Archäologe, dessen Ehe aufgrund seiner Bräsigkeit gerade in die Brüche ging (und dessen Frau gerade auf seine Kosten mit ihrem Geliebten im Flieger Richtung Süden sitzt), Anzengruber ein zynischer, depressiver Alkoholiker, und Schwanenmeister, nunja, ein durch Absteigen tingelnder Alleinunterhalter. Doch die Extremsituation lässt alle Fassaden fallen. Dabei geraten die Temperamente der beiden Österreicher und des Norddeutschen ebenso aneinander, wie der Weltekel Anzengrubers und Baischs allzu brüchige bürgerliche Fassade.
Trotz minimalistischer Bühne langweilt dieser sehr österreichische Film keine Minute, was an der genialen Konstellation der Protagonisten, an den sadistischen Experimenten eines kleinen Jungen, der in diese Versuchsanordnung eingreift, ohne die Gefangenen zu befreien, aber auch an dem sorgsam ausgewählten Soundtrack liegt. Unbedingt empfehlenswert.
Ohne Worte. Nein doch, aber nur soviel: Um den schüchternen Mann ist ja inzwischen schon ein regelrechter Hype entstanden. Seitdem in der FAS vor kurzem ein ganzseitiger Artikel über ihn erschien, mache ich mir schon langsam Sorgen... Dabei hat er mit seinem zweiten Album "Hurra, Hurra, so nicht" ganz bewusst den Mainstream-Weg ausgeschlagen, die Rockelemente reduziert und die Rolle des düster-depressiven Liedermacher ausgefeilt. Doch der Aufstieg des nachdenklichen Rheinhessen, der mit vollem Namen tatsächlich Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen heißt, scheint stetig und unaufhaltsam - da scheint wohl zufällig jemand den Zeitgeist getroffen zu haben.
Immerzu höre ich von ihr reden
als wär sie an allem Schuld.
Seht nur, wie sanft und bescheiden
sie unter uns Platz nimmt!
Warum besudeln wir denn
ihren guten Namen
und leihen ihn
dem Präsidenten der USA,
den Bullen, dem Krieg
und dem Kapitalismus?
Wie vergänglich sie ist,
und das was wir nach ihr nennen
wie dauerhaft!
Sie, die Nachgiebige,
führen wir auf der Zunge
und meinen die Ausbeuter.
Sie, die wir ausgedrückt haben,
soll nun auch noch ausdrücken
unsere Wut?
Hat sie uns nicht erleichtert?
Von weicher Beschaffenheit
und eigentümlich gewaltlos
ist sie von allen Werken des Menschen
vermutlich das friedlichste.
Was hat sie uns nur getan?
(Hans-Magnus Enzensberger, 1964)
...rezitiert von Harald Schmidt (1999).
Ein wunderbares Lied von Yasmine Tourist aus Backnang. Das ganze ist ein Ausschnitt von ihrem wirklich bemerkenswerten Auftritt bei TV Noir zusammen mit Gisbert zu Knyphausen, von dem auch das überragend und spontan interpretierte Paranoid Android stammt. Diese Band sollte man im Auge behalten...
Übrigens: Da die Band bisher noch keinen Plattenvertrag hat, lassen sich auf ihrer Last.FM-Seite jede Menge Songs kostenlos herunterladen.
meinte der dänische Semiotiker Frederik Stjernfelt letzte Woche in einem Interview mit der Jungle World anlässlich der Veröffentlichung von "Die Politik der Segregation. Multikulturalismus - Ideologie oder Wirklichkeit", das er zusammen mit Jens-Martin Eriksen verfasste. Die Stoßrichtung der Kritik geht hierbei genen den Multikulturalismus der Linken, der lediglich die Kehrseite der "Nationalkultur" der Rechten bzw. des Ethnopluralismus à la Benoit darstelle. Beide überschätzten die Abhängigkeit des Einzelnen von der Kultur und übersähen die Komplexität der Identitäten in der Moderne (und tappten somit in die "Identitätsfalle" von Amartya Sen). Und beide führten daher in letzter Konsequenz zur Segregation. Auch der linke Multikulturalismus stelle laut Stjernfelt eine Gefahr für die Ideale der Aufklärung ("der Autonomie des Einzelnen, den persönlichen Rechten, der Gleichheit vor dem Gesetz und der offenen Gesellschaft") dar. Ihn gelte es daher gleichermaßen zu bekämpfen und den Kulturalismus durch einen klaren Säkularismus zu ersetzen.
Doch wie lassen sich unbestreitbar vorhandene kulturelle Unterschiede ohne eine Vorstellung von Multikulturalismus oder "Leitkultur" innerhalb eines Staatswesens zusammenbringen ohne zugleich die gesamtgesellschaftliche Solidarität aufzugeben? Handelt es sich beim Säkularismus nicht letztlich auch um eine historisch gewachsene, westliche "Leitkultur" im Mantel des Universalismus? Und ist die säkulare Gesellschaft nicht zwangsweise auch eine multikulturelle? Die Kritik am radikalen Multikulturalismus leuchtet ein, ebenso wie die Forderung nach Abschaffung besonderer religiöser Vorrechte. Dass damit der Schlüssel zur Lösung kultureller Konflikte (wie konstruiert diese auch immer seien) gegeben sei, mag ich allerdings zu bezweifeln. So leicht scheint sich die kulturelle Falle dann doch nicht umgehen zu lassen.
Mein Leben hangelt sich an Autobahnen entlang
Automobile hasse ich mehr als alles
Werd mir einen Zebrastreifen malen
Wie sie ihrem Ziel entgegen rasen
Wie sich auf der Überholspur Penisse jagen
Mein Blick verbeugt sich mehr und mehr
Aus dem Straßengraben befühle ich die Dinge neu
Ich liege so krumm und falte mir die Ohren dicht
Nachts ist manchmal für fünf Minuten Ruhe
Über mir die Frau im Mond
doch ihr Glänzen steckt im Stau
Ich habe vertrocknete Tinte für ein dickes Buch im Bauch
Blei auf der Stirn und Rost unter den Augen
Der Weg ist denkbar ausschließlich
Ich murmele einige Bartworte auf mein Blech
überwuchert von Planken und Heulen
Wieder ein Jahr
Ich friste den Winter mit Schreiben für Klarinette
Der wärmste Klang den ich mag
Es darf nicht jeder Ton vorkommen
Es braucht Zeit
Ein Stück schreibt sich in so drei Monaten
wenn ich Glück habe zwei bis zum Gruen
Wenn die Frösche zur Wanderschaft rufen
habe ich bald Freunde die mit großen Augen
ohne Sorge Geisterbahnfahrer beschwören
Ich sehne das Fest herbei
Am Ende der Storchenwiese feiern wo ich liege
Wir basteln Flügel aus Unrat
Hitzesommerpolaroids
von Ellenbogen über sonnendurchglutetem Teer
Fuer meine Glasfasergalerie im Spinnennet
sammle ich robbend Zigarettenstummel
um von dem Pfand die Maut zu zahlen
Ein Ellenbogen wäscht den andern
Im Herbst halte ich Winterschlaf
umgeiert von Raben über mir wie fettes Laub
Ich habe einen Deal mit den Ratten des naheliegenden Abortes
Sie bringen mir siebzig Kilo Kastanienlaub
und ich verrate ihnen in welcher Karosse Kokain lagert
Urlaub unter Laub
In der fünften Jahreszeit
der schwierigsten im Graben
verharre ich im Lunayoga
Es funktioniert im Liegen und ist lebensnotwendig
wo angestaunte Touristen meinen Tod diagnostizieren
Ein im Jahre 2007 (und damit noch vor der Finanzkrise) von einem französischen "Unsichtbaren Kommittee" verfasstes anarchokommunistisches Manifest namens "L'insurrection qui vient" (Der kommende Aufstand) schlägt inzwischen auch jenseits der linksradikalen Szene hohe Wellen. Rezensionen erschienen in der Zeit, der SZ, der taz und im Freitag. Vor kurzem würdigte sogar die FAS in einer ausführlichen Kritik dieses Werk, dem es das Potenzial bescheinigt "das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit werden" zu können, es jedoch erwartungsgemäß als utopisch verwirft.
Was ist also dran an diesem Text? Und was lässt ihn so wirkmächtig erscheinen, dass sich sogar die bürgerliche Presse den Kopf darüber zerbricht? Es mag die sprachliche Qualität des Manifestes sein, welche dem 92 Seiten starken Werk über die übliche linksradikale Rhetorik hinaus eine gewisse Evidenz verleiht. Zentrale Entwicklungen in der westlich-kapitalistischen Welt werden präzise wie provokant herausgearbeitet: Die Veränderungen der Arbeitswelt, der Zerfall gesellschaftlichen Zusammenhalts, die neoliberale Durchdringung des Alltags, die Selbstausbeutung und Perfektionierung des Egos unter dem Banner "I am what I am", sowie die Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Demgegenüber stehe eine Linke, die entweder paralysiert sei vom Zusammenfall des Staatsozialismus oder in Form der Ökologie- und die Antiglobalisierungsbewegung (die beide aufs Schärfste kritisiert werden) nur eine neue, moderne Variante kapitalistischer Kontrolle und Verwaltung aufzeige.
Es handelt sich bei "Der kommende Aufstand" um ein zeitgemäßes anarchistisches Pamphlet, das jegliche politische Organisationsstruktur ablehnt und ganz auf die Kraft der Situation und der Dekonstruktion setzt. Vieles bleibt hier sehr im französischen Kontext (Pariser Commune, action directe, Banlieu-Aufstände, Proteste und Generalstreiks) verhaftet und knüpft an die situationistische, dekonstruktivistische und postmoderne Tradition der politischen Philosophie an. Und wo die Analyse bisweilen messerscharf seziert, wirkt die Handlungsanleitung seltsam dünn. Viel mehr als Selbstorganisation ohne Organisation, Illegalität, Subversion und Destruktion haben die Autoren leider nicht im Angebot. Damit lassen sich die Widersprüche des Anarchismus nur schwer beheben.
Was bleibt ist eine intellektuell anregende Lektüre, die ich mit mehr Gewinn gelesen habe als das theorielastige, kryptische Empire von Hardt/Negri. Um das kommunistische Manifest des 21. Jahrhundert - wie vielfach behauptet - handelt es sich wohl allerdings bei keinem der beiden Werke. Und daher kann ich mich nur Aram Linzel von der taz anschließen: "Mit derartigen Grobschnitzereien bedient dieser Diskurs das grassierende Ressentiment gegen repräsentative Demokratien und ihre Institutionen. Nichteinverstandensein einfach gemacht. Der Situationismus-Update veredelt diese Haltung mit Theorieglamour und dem Nimbus des Radikalen. So bekommt der Leser das gute Gefühl, sich vom gewöhnlichen Protest-Nichtwähler kulturell zu unterscheiden. Mit ihrem Kult der Unmittelbarkeit sind diese Publikationen Anleitungen zur Regression in eine vielleicht verführerische, aber letztlich klaustrophobische Politidylle."
Ergänzung: Die Debatte ist immer noch in vollem Gange: In der FR ist inzwischen auch eine Rezension erschienen. Die taz hat inzwischen kräftig nachgelegt, das Pamphlet in die Nähe von Carl Schmitt und der konservativen Revolution gerückt und es als antidemokratisch und -modern in die rechte Ecke gestellt. In der SZ erschien darauf eine Erwiderung. Faszinierend, auf welchen Resonanzboden das Werk doch fällt...
Ergänzung II: Die von der SZ ins Spiel gebrachte, rechte Sezession hat inzwischen reagiert und die Analogie zwischen dem Unsichtbaren Komittee und Fight Club näher beleuchtet. Und auch die taz hat noch nicht genug von dem Buch und stellt den antimodernen Duktus in eine linke wie rechte Tradition.
Ergänzung III: Und nochmal die Sezession als Reaktion auf die Jungle World, die meinte: "Links ist das nicht".
Ergänzung IV: Auch der Spiegel hat das Werk inzwischen entdeckt und setzt es in eine Reihe mit dem a aktuellen Schmöker des Zeitgeist-Philosophen Precht und der "Müdigkeitsgesellschaft" des mir bisher unbekannten Byung-Chul Han. Aber auch die Sezession kann die Finger (noch) nicht von diesem Werk lassen.
Die SPEX beschäftigt sich mit dem Phänomen Mutter schon von Beginn an. Ein paar denkwürdige Zeilen aus einem klugen Artikel von 1993:
"Wo andere wegsehen, schaut er nicht nur hin, ja, er kann das von allen nicht gesehene sogar anfassen, ohne es zu beschmutzen. In einem relativ geschützten, weil ästhetisch codierten Raum lebt es stellvertretend für alle aus, was den anderen unmöglich ist: Max Müller, der freundliche, kleine Schmerzensmann, trägt alle Last, alle Schuld, alle Peinlichkeiten dieser Welt auf seinen schmalen Schultern. Und deshalb muß er länger wachbleiben als der Rest. Nicht, um einfach mitzusumpfen, wie all die anderen, die das Leben in der Subkultur als eine bessere Ausrede für Zeitverschwendung betrachten; er bleibt länger wach, um achtzugeben, daß jetzt nicht alles untergeht; einer muß ja aufpassen, nachts in Deutschland, wenn alle schlafen, obwohl sie glauben, daß sie wach sind; also wachbleiben, alleine durch die Stadt schweifen, finden, ohne zu suchen, und dann sieht man ihn um sieben Uhr morgens übernächtigt, aber seltsam verklärt an der Skalitzer Straße stehen, Stunden nachdem sich die Wege getrennt haben, um einem mit dem Döner in der rechten Hand den Weg zurück zum Schlafplatz zu weisen, weil man sich verlaufen hat." (Christoph Gurk)
Und wie hieß es schon in Ohne diese Dinge leben, einem der ersten Texte von Max Müller?
"Solange es Menschen gibt / und solange sie denken müssen / wird es schlechte, kranke Gedanken geben / Vergewaltigungen, Folter und Mord / und das ist gut so! / und das ist gut so! / Denn ich will / in keiner Welt / ohne diese Dinge leben / Und niemand sollte verbieten / was er vielleicht selber fühlt / Und niemand sollte bestimmen / was man sehen darf / und was nicht / Und ich will - und ich will / in keiner Welt / ohne diese Dinge leben / Ich will in keiner besseren Welt... / ich will in keiner schöneren, gerechteren Welt leben / Ohne Teufel gäb es keinen Gott / und alles was vorhanden ist / existiert auch / Du ertrinkst auch wenn du es verbietest / du verzögerst es nur / Und alles was verboten wird / kommt zurück auf eine andere Art / Du kannst sagen was richtig und was falsch ist / was gut und was böse ist / und ich will in keiner Welt / ohne diese Dinge leben."
Ebenfalls aus dem Jahre 1971, Ausschnitt aus einer Dokumentation:
Live im deutschen Fernsehen, anno 1972:
Paperhouse
Take a light shining on the land,
Off the wall,
Up and down, free everything,
What you feel is all gone.
You can make everything
What you want with your head,
You're OK and be aware
Everywhere with your mind.
Two times, goodbye love,
You're sorting out for your room.
Too many savage songs,
Laugh with him today.
Playing everything,
You and your mind
And flying paperhouse
Way back on the laugh.
You just can't give them no more,
You just can't give them no more,
You just can't give them no more.
Honey back, fake everything,
Make them feel so bad.
You can make everything
What you want with your head.
Honey back, fake everything,
Make them feel so bad.
You can make everything
What you want with your head.
Flying paperhouse,
Let's stop in the sky.
Every day my paperhouse
Reaches out, comes in,
Every day my paperhouse
Coming in, reaching out.
Rot ist uns der blinde Graus.
Grau stehn vor uns die steinernen Hallen,
Zeugnisse der letzten gescheiterten Revolutionen,
Revolutionen, die, ins Gegenteil verkehrt,
heute den Wandel verschandeln?
Ich sehe nur Hülsen, übergestreifte Revers.
Wo ist Platz für Gedanken,
da der Hirnriss längst versteinert?
Gebetshallen solltet ihr ihnen errichten,
euren eigenen dahinsiechenden Dogmen.
Schwingt euch hinauf, ihr Hurensöhne
auf den Wogen des Narrenhimmels,
in dem euch eure Führer schon erwarten.
Platzt heraus aus euren Seifenblasen
und stellt euch der kalten Realität!
Werdet Misanthrop, genau wie ich...
Die Berliner Band Mutter veröffentlichte, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, im August dieses Jahres ihr neuestes Album "Trinken Singen Schießen", das wie immer auf jegliche Ironie verzichtet und stattdessen auf maximale Selbstentblößung und unbedingte, schmerzhaft intime Wahrheitsuche setzt. Weil die Alben des Quintetts um den legendären Max Müller (Die Tödliche Doris), von Thurston Moore in den 80ern als prägender Einfluss auf die Entwicklung von Sonic Youth genannt, mit den Jahren zwar hörbarer wurde aber dennoch nicht weniger gebrochen, blieb ihnen Bekanntheit und Erfolg bis heute erspart. Hier eines der zu- und eingänglichsten Lieder aus dem Album "Europa gegen Amerika" (2001):
Mutter - Der Krieg ist vorbei (2001)
(mit Ausschnitten aus dem Film "Für Axel" (Regie: Max Müller und Florian Koerner von Gustorf)
Also erklärst du Probleme dieser Welt
sagst was zu tun ist
aus deiner Welt heraus
ist klar was zu tun ist
Und du lernst schnell
das Schwarz, das Weiß zu unterscheiden
Grau ist keine Farbe, Grau ist keine Farbe
Krieg ist vorbei, ein neuer beginnt
dort sind die Feinde zeig du mir die Opfer
Krieg ist vorbei, ein neuer beginnt
von dem du nie erfahren wirst
Probleme dieser Welt auf deinem Rücken ausgetragen
in einem Augenblick wo du zu erkennen glaubst
keinen Standpunkt zu haben
ist die Schwäche der Anderen
zu schwach zu erkennen
was du zu erkennen glaubst
Krieg ist vorbei, ein neuer beginnt
dort sind die Opfer zeig du mir die Feinde
Krieg ist vorbei, ein neuer beginnt
von dem du nie erfahren wirst
„Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgen sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde.“ (Napoleon)
"Im Übrigen gilt in Deutschland derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht" (Kurt Tucholsky)
"Lass dich nur zu keiner Zeit zum Widerspruch verleiten: Weise verfallen in Unwissenheit, wenn sie mit Unwissenden streiten." (J.W. Goethe)
In den letzten Tagen musste ich immer wieder an folgendes Zitat denken:
"Ich verstehe es und billige es, wenn ein Mensch viel von sich selbst verlangt, wenn er aber diese Forderung auf andere ausdehnt und sein Leben zum "Kampf" für das Gute macht, so muß ich mich des Urteils darüber enthalten, denn ich halte von Kampf, Aktion, Opposition nicht das mindeste; ich glaube zu wissen, daß jeder Wille zur Änderung der Welt zu Krieg und Gewalt führt, und kann darum mich keiner Opposition anschließen, denn ich billige die letzten Konsequenzen nicht, und halte das Unrecht und die Bosheit auf Erden nicht für heilbar.
Was wir ändern können und sollen, das sind wir selber: unsere Ungeduld, unseren Egoismus (auch der geistige), unser Beleidigtsein, unseren Mangel an Liebe und Nachsicht. Jede andere Änderung der Welt, auch wenn sie von den besten Absichten ausgeht, halte ich für nutzlos."
„In diesem vollgefressnen Land, da wird die Dummheit ewig siegen" (Boxhamsters)
Deutschland schafft sich ab. Sarrazin hat Recht! Dieses Land blutet intellektuell aus – und er ist das beste Beispiel dafür. Selten wurde eine gesellschaftliche Konfliktlinie so deutlich wie bei der unsäglichen Debatte um Sarrazins Bestseller. Wer dachte, die neoliberale Ideologie hätte sich durch die Finanzkrise selbst widerlegt, der irrt. Sie ist lebendiger und akzeptierter denn je.
Sarrazin muss aus der SPD ausgeschlossen werden! Gabriel hat Recht. Denn wer das Buch tatsächlich gelesen hat, wird sehr schnell feststellen, worum es bei der Debatte eigentlich geht: der alte konservative Wohlfahrtsstaat soll abgeschafft werden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist nicht mehr bereit zur Solidarität. Die Diskussion um angebliche und tatsächliche Integrationsprobleme von Migranten verdeckt, worauf die Argumentation Sarrazins eigentlich basiert: auf dem Glauben an die Gerechtigkeit der Ungleichheitsverhältnisse in diesem Lande. Wer unten ist, gehöre auch dahin und gefälligst nicht respektiert! Und wer oben ist, verdiene Anerkennung, Wohlstand und selbstverständlich einen privilegierten Lebenswandel. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen…
Wenn Sarrazin wirklich nur ausgesprochen hat, was die schweigende Mehrheit schon immer dachte, dann ist es auch wenig verwunderlich, dass Parallelgesellschaften von unten und oben immer offener zutage treten. Der Deutsche möchte unter sich sein und zeigt wenig Verständnis für die Probleme anderer. Dass die Volksparteien im Auflösungszustand befinden, liegt mit Sicherheit auch daran, dass die Gesellschaft sich aufspaltet in Interessengruppen, in Subkulturen, die selbstreferentiell bleiben und nur oberflächlich am Kontakt zu anderen Gruppen interessiert sind. Die „Elite“ bleibt unter sich, genauso wie die Unterschicht. Und wie sollte auch Verständnis füreinander aufkommen, wo man sich in der Realität kaum begegnet?
Deutschland hat ein Bildungsproblem, auch wenn Sarrazin das konsequent leugnet. Bildung wird gerne in Sonntagsreden beschworen, aber die Realität zeichnet ein anderes Bild. Selektion, Zuordnung und gesellschaftliche Schichtung waren schon immer die zentralen Ziele dieses einstigen preußischen Ständesystems. Und wer auch nur einen oberflächlichen Blick auf die Entwicklungen an unseren Gymnasien und Universitäten wagt, der muss erkennen, dass ökonomische Effizienz und nicht solidarisches Miteinander und ethisch-moralische Erwägungen unsere Bildungsanstalten dominieren.
Doch wer mag es den Migranten verdenken, dass sie sich in dieser Kultur nicht angenommen fühlen, wo nicht einmal die Alteingesessenen dieses Land zu lieben imstande sind? Eine Kultur, die ihre Grundwerte aus einer historischen Schuld ableitet und jede Herausforderung als Krise, jede Veränderung als Problem, jeden Optimismus als Naivität versteht, eine Kultur, die ihre Untergangspropheten feiert und ihre Visionäre bekämpft, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie die Menschen desillusioniert.
Und wer glaubt, dass Deutschland ein Unterschichten-/Integration-/Hartz-IV-Problem hat und es als dringlichste Aufgabe sieht, die Unterprivilegierten dieser Nation in periodischen Abständen wahlweise als unnütz/faul/dumm/antriebslos/kriminell/unsolidarisch zu diffamieren, der soll sich doch bitte fragen, in welcher Gesellschaft er leben möchte! Die großen Krisen der letzten Jahre wurden jedenfalls von ganz anderen, privilegierten und akzeptierten gesellschaftlichen Gruppen verursacht…
Wie viel Wert jedenfalls unsere Bundesregierung diesen Menschen beimisst, zeigen nicht nur die Debatten der letzten Monate, sondern auch die Sparpläne der Bundesregierungen, die nicht nur Arbeitslose massiv betreffen (als politisches Subjekt sind diese ohnehin nicht mehr relevant), sondern auch die enorm wichtigen und völlig überlaufenen Integrationskurse betreffen und in ihrem Fundament bedrohen. Selbst die FAZ musste heute feststellen, dass die Regierungspolitik hier wohl unter einem eklatanten Widerspruch zwischen Rhetorik und Realität leidet. Auch das Dossier der ZEIT vom 16.9.2010 dokumentiert, wie fahrlässig dieses Land mit den intellektuellen Ressourcen seiner Migranten umgeht und straft all jene Lügen, die immer noch an die Mär vom Recht auf Asyl in Deutschland glauben.
Deutschland schafft sich ab. Und wir schauen nur zu…
Bis neulich, die aktuelleste Version des Programms von Volker Pispers, des wohl bestinformiertesten, sachlichsten und gerade daher gnadenlosesten politischen Kabarettisten dieser Republik, gibt gab es bis vor kurzem komplett (insgesamt mehr als zwei Stunden) bei Youtube zu sehen. Hier ist war der erste Teil als Anreiz für alle, sich einmal genauer vertraut zu machen mit dieser mehr als beachtlichen Persönlichkeit. Alternativ hier die aktuellste Version des Programms aus dem Radio bzw. das immer noch verfügbare alte Programm.
Ein sehr kluger Artikel aus den Blättern für deutsche und internationale Politik zu der ganzen Kontroverse um Sarrazin, der, auch wenn er schon im Dezember letzten Jahres erschien und sich auf die damaligen Äußerungen bezog, den Kern der Problematik recht gut herausarbeitet:
Unbedingt unterstützenswert ist diese grandiose Idee: Quartiermeister - ein Non-Profit Bier aus dem Kiez für den Kiez. Eine Initiative von Sebastian Jacob, die dank der Süddeutschen auch schon eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. Wer das unterstützen möchte kann dies gerne hier tun: Gründerwettbewerb Kopf schlägt Kapital 2010
Auf einem Weg, den steinig zu beschreiben jedweder Beschreibung spottet, umfangen mich Gerüche, die meine umherschweifenden Gedankengänge jäh zersetzen.
An einem Ort, der leer und ohne Hoffnung darbt, dessen kahle, staubtrockene Seele Hunger leidet, möchte ich schreien, doch meine Stimme findet keinen Ausdruck.
An dieser Stelle, die einst voller Träume, voller Hoffnung und Vision, doch fern von Vernunft, hier bleibt Bewegung aus und mir nichts anderes übrig als zu fliehen.
Unter all den Enttäuschungen, die uns des Glaubens und des Muts beraubten, liegen Trümmer, die zu bergen niemand wagt, ob viel zu vieler Zweifel, die wir leiden...
Die Schablone einer Welt, aufgebaut durch Geometrie, Verstand und Expressivität, verblasst, wenn die Realität in existenzialistischer Art und Weise hervortritt. Wie dunkel und fragmentarisch die Realität doch erscheint, und wie gleichzeitig vergleichsweise durchsichtig und hell die Schablone.
Der Weg in der Mitte ist der Todesmarsch: links und rechts des Weges das "Guten, Wahren und Schönen", rechterhand das mathematisch Fassbare, das keine Farben benötigt. Linkerhand das Sinnliche, das farbenfrohe, aber giftig-unecht-gelbe Auge des Meisters. Geradewegs aber befindet sich nur der Tod, die blanke Realität, mit den Sinnen nur schwer bis überhaupt nicht fassbar, und dem Mathematisch-Analytischen gänzlich verschlossen.
Hier offenbart sich die Tragödie des amerikanischen Volkes (dessen Schablone, nebenbei gesagt, an solch einem Tag besonders überdimensioniert erscheint) besonders deutlich, der jeglicher Blick auf den schimmrigen, dreckigen Mist von Wirklichkeit gänzlich aberzogen wurde. (Hiermit würde sich das Auge als hypnotisches Zentrum der Lachleute, Nettmenschen, aber auch Konzeptkünstler und sonstigem Müll erklären lassen.)
Die amerikanische Gesellschaft jedoch ist tief gespalten. Wer einem der beiden Gipfel nah ist, befindet sich im Gipfelrausch, nahe am Schwachsinn. Links Utopia und rechts Mathematica. Wer auf der Ebene steht, steht im Dreck, ist weder erhaben noch glücklich im menschlich-degenerierten Sinne, sondern kennt nur ein Ziel: das Joch der Unkenntnis und die tiefen Weiten der Hölle - unserer Wirklichkeit.
"Und allen Plänen gegenüber begleitet mich die Frage: "Was soll der Unsinn?"; eine Frage, die überhaupt ganz und gar von mir Besitz zu nehmen droht."
(Fontane)