Samstag, 24. Oktober 2009

Altlasten

Wenn tatsächlich stimmen sollte, was Thomas Avenarius in der gestrigen SZ berichtete, dann dürfte auch der letzte Rest an moralischer Integrität im "Kampf gegen den Terror" endgültig verloren sein. Das missionarische Sendungsbewusstsein der Neokonservativen bestimmte bekanntlichermaßen die längste Zeit das außenpolitische Handeln unter Bush. Ziel war es, die Welt mit den westlichen Werten von Demokratie und Menschenrechten zu beglücken, unter US-amerikanischer Führung und mit kriegerischen Mitteln, das versteht sich. Soweit, so bekannt.

Denn nach Abu Ghraib, Guantanamo, Bagram, gesetzlich genehmigter Folter, über 100.000 toten Zivilisten im Irak und einem alles andere als befriedeten und demokratischen Afghanistan, kann von einem irgendwie gearteten moralischen Überlegenheitsanspruch - den ja außer den USA nie wirklich jemand anerkannt hat - natürlich keine Rede mehr sein. Auch dies ist leidlich bekannt.

Dass jetzt allerdings die USA, während sie im Irak und Afghanistan Krieg gegen Dschihadisten führten, gleichzeitig im Iran viel Geld in die Dschundullah (die Soldaten Allahs), eine sunnitisch-islamistische Terrororganisation steckte, die just einen Anschlag gegen die iranischen Revolutionsgarden zu verantworten hatte, ist jedoch der Gipfel der Heuchelei.

Das amerikanische Jahrhundert ist lange vorbei, Bush war sein Totengräber und Obama gibt sich alle Mühe als Nachlassverwalter. Doch mit solch einer schweren Bürde wird es ihm schwer fallen, nicht zu scheitern.

Samstag, 10. Oktober 2009

Was tun?



Es sind stürmische Zeiten, in denen wir leben. Sie zu beschreiben ist eine der größten Herausforderungen für alle wachen Geister. Alles zerstäubt, zerfällt, zerfasert. Die alten Begriffe taugen nichts mehr. Die alten Lösungen noch weniger. Neue, innovative, ehrliche Ideen sind gefragt, doch kaum in Sicht. Die alten Bindungen sind nichts mehr wert, nur hohle Formeln, an der steilen Klippen der Realität zerberstend. Nichts ist von Dauer, nichts von Wert, wie leben den unendlichen, immer verfügbaren Shuffle-Modus.

Doch wie kann in einer sich atomisierenden Gesellschaft überhaupt noch sinnvoll kommuniziert werden? Mediale Inszenierungen von Diskursen laufen zumeist ins Leere, da noch nicht einmal die grundlegenden Prämissen offengelegt werden. Der akademische Diskurs hingegen verläuft weitestgehend jenseits der Öffentlichkeiten in eigenen, schwer durchdringbaren, selbstreferentiellen Sphären. Das begriffliche Instrumentarium der Sozialwissenschaften ist kaum in der Lage. die komplexen Realitäten zu fassen.

Die viel beschworene Mitte gibt es nicht (mehr). Der Partikularismus hat schon längst Überhand genommen: Maximale Ansprüche bei minimalem Selbsteinsatz, uneingeschränkte Bedürfnisbefriedigung, grenzenlose kapitalistische Haben-Orientierung und ein verkümmertes Sein-Bewusstsein verstellen uns den Blick aufs Wesentliche.

Weshalb dieser Kulturpessimismus? Weil die Fortschrittsideologien gescheitert sind, die den Menschen das Versprechen gaben, alles Leiden sei nur vorübergehende Notwendigkeit auf dem Weg zur Veredelung des Menschengeschlechts. Nein, niemand gibt sich mehr ernsthaft Illusionen über dessen moralische Fähigkeiten hin. Und der Glaube, einst erkämpfte zivilisatorische Errungenschaften seien für die Ewigkeit und nicht in ihr Gegenteil umkehrbar, ist naiv. Doch was tun? Nicht-Handeln?

Pflege des Lebens

Der SINN erzeugt.
Das LEBEN nährt.
Das Wesen gestaltet.
Die Kraft vollendet.
Also auch:
unter allen Geschöpfen ist keines,
das nicht den SINN ehrt
und das LEBEN werthält.
Wird der SINN geehrt und das LEBEN gewertet,
so bedarf es keiner Gebote:
und alles geht beständig von selber.
Darum, laß den SINN erzeugen,
nähren, vermehren,
bilden, vollenden,
reifen, aufziehen, schützen:
Erzeugen und nicht besitzen,
wirken und nicht behalten,
mehren und nicht beherrschen:
Das ist geheimes LEBEN.

(Laozi)

Manifeste

Wo bleiben die Manifeste?
Die rauschenden Feste
der Freiheit und des Glücks?
Sind sie verstohlen und hinterrücks

zur Tür hinaus und übern Berg?
Unsre Probleme gleichen dem Zwerg,
der vor dem Riesen steht und schweigt.
Wo ist der Weg, der aus dem Dunkel zeigt?

Freitag, 28. August 2009

"Ich bin sehr stolz auf unsere Geschichte"



Chinesen in Blauen Augen

von
Jay & dem Zeittotschläger

Zunächst eine Definition für Blaue Augen: Gemeint sind nicht die blauen Augen, die man nach einer Prügelei bekommen kann, sondern ein Symbol für Ausländer in chinesischen Augen. Ich bin schon fast drei Jahre in Deutschland, aber weiß immer noch nicht, wie die Chinesen überhaupt in deutschen Augen aussehen. Sind die Chinesen nur freundlich, höflich und fleißig? Bin ich überhaupt eine typische Chinesin oder eher untypisch? Eine kleine Diskussion zwischen dem Zeittotschläger und mir:

Wieso ist es so schwer, in das Innere der Chinesen zu blicken?

Es ist sehr einfach, diese Frage zu beantworten. Zuerst würde ich sagen, dass die Chinesen ungern ihr wahres Gesicht zeigen. Oder wir haben Angst, von anderen Leute durchschaut zu werden. Wie immer sind wir Chinesen eher zurückhaltend.

Ihr seid bescheiden, aber zugleich doch sehr stolz. Wovor habt ihr denn Angst?

Ich bin sehr stolz auf das Wirtschaftswachstum, unsere Kultur, die lange Geschichte. Aber ehrlich gesagt, weiß ich selbst zu wenig darüber. Wir haben Angst, unterworfen zu werden, Angst zu verlieren, Angst davor, Vergangenheit zu sein. Naja, was ich aus unserer Geschichte gelernt habe, ist, dass die Chinesen sich immer als Opfer darstellen, oder?

Das stimmt. Ihr wart groß und seid sehr tief gefallen. Manchmal scheint es mir, als wolltet ihr die Schmach der letzten 150 Jahre so schnell wie möglich vergessen machen, indem ihr uns in allem zu übertrumpfen versucht: der Wirtschaft, der Wissenschaft, dem Sport. Niemand will schließlich immer Opfer sein. Aber seid ihr nicht inzwischen auch Täter? Und wieso reagiert ihr so gereizt, wenn euch das jemand sagt?

William Shakespeare sagte: "To be or Not to be!" Manchmal glaube ich, dass unsere Opferrolle eine Motivation für uns ist. Täter? Was haben wir gemacht? Haben wir auch andere Volker ermordet?

Man muss ja nicht gleich Völker ermorden... Ich meinte nur, dass die Chinesen große Patrioten sind und daher ungern Fehler zugeben. Schließlich lebt ihr immer noch in einer Diktatur, die viele Meinungen, Kulturen und Lebensweisen unterdrückt. Tucholsky sagte einmal in den 1930er Jahren "Im Übrigen gilt in Deutschland derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht". Ist das nicht auch ein Sinnbild für das heutige China?

Sprichst du echt vom heutigen China? Ich glaube, dass im heutigen China die Leute folgendes fragen würden: Kann man Tucholsky essen? Oder welche Währung ist das? Ist er schon an der Börse notiert? Wie sieht der Wechselkurs aus zwischen chinesischem Yuan und Tucholsky?

Die Chinesen denken also sehr materialistisch. Sie arbeiten gerne und viel, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Dazu muss man sich eben anpassen, und wer das nicht tut, ist selbst schuld...

Die Deutschen haben das Leben, das wir gerne wollen, weil in unseren Augen alles was von außen kommt immer besser ist, als das was wir haben! "Good good study, day day up" hat doch Mao gesagt. Daran glauben wir immer noch. Aber manchmal denke ich, dass wir auch an etwas anderes glauben sollten, nicht nur an das Geld.

Zum Beispiel an die Zukunft. Ihr Chinesen seid pragmatische Optimisten. Da könnten wir Deutschen uns eine gute Scheibe davon abschneiden. Was muss passieren, dass die Chinesen den Glauben an sich selbst verlieren?

Wenn die Chinesen nicht mehr auf der Welt sind... oder wenn der Aktienkurs sinkt. Ich weiß es echt nicht:-)

Danke für das Gespräch.

Donnerstag, 27. August 2009

Schwarze Lippen



Mein erstes Konzert

von Jay aus China

20. August, es ist schwül, trüb, das Wetter scheint schlechte Laune zu haben. Es lässt die Leute nicht in Ruhe. Aber mein Herz ist sowieso wie ein springendes Reh. Drei Ritter sind unterwegs auf meinem ersten Konzert. Oh nein, nur ich bin unterwegs zu meinem ersten Konzert.

Stuttgart war noch nie ein Fremdwort für mich, aber eine fremde Stadt. Ich weiß nicht, wie diese Stadt entstanden ist. Nach fünf Minuten rumlaufen stelle ich fest, dass Stuttgart aus türkischen Dönerläden, Musik, Ausländern und Wirtschaft besteht. Es gibt wahrscheinlich viele Dönerläden hier, aber der Preis wurde nicht aus Sicht der Makroökonomie, nach Angebot und Nachfrage, definiert.

Naja, es ist auch völlig unwichtig. Oh, jetzt kommen wir zu den drei Rittern: der Zeittotschläger, der Salamander und ich. Wir sind keine normalen Ritter. Zeittotschläger, ein hinter seinem unaußergewöhnlichen Gesicht echt zurückhaltender Mann mit mannigfaltigem Musikgeschmack. Salamander, ein geheimnisvoller Regisseur, der nicht genau weiß, womit er anfangen soll - seinem Leben, seiner Musik... Und ich, eine Frau, die nicht aufhören kann, unendlich zu reden, kein Musiktalent, splitternackter Musikgeschmack, eine Musikrichtung wie Kraut & Rüben.

Jetzt kommt die Band: Black Lips. So wie sie angekommen sind, mit verschlafener Frisur und Gesichtsausdruck. Ehrlich gesagt hat mir das nicht gefallen. Nach meiner Definition spielt Arbeitsdisziplin eine unheimlich wichtige Rolle, egal wie spät die Arbeit auch anfängt. Ein Durcheinander im Leben bringt auch chaotische Musik hervor. Ich bin wieder am Zweifeln. Gegen 10 Uhr haben sie endlich angefangen, Musik zu spielen. Das Schocken hat sein Ziel schon erreicht. Niemand weiß, wie viele Getränke schon über die Theke gingen...

Die Musik war gut, aber es fehlt die Kontroverse, die Leidenschaft. Es sind nur Noten, Klänge, Schreie, blitzende Lichter, eine verrückt tanzende Meute, schweißnasse Klamotten, mehr nicht mehr! Ich habe nur Unzufriedenheit gehört. Musik ist ein zivilisiertes Instrument, um den Missmut heraus zu lassen. Aber für mich bedeutet Musik noch mehr. Ich bin nicht betrunken von dieser Musik.

Musik kann uns nicht einfach abfaulen, Musik zieht uns körperlich und geistig in sie hinein. Musik ist wie Wasser im Fluss, sie ist gekommen, ohne uns Bescheid zu sagen. Sie ist auch gegangen, ohne Spuren zu hinterlassen. Musik ist wie Feuer im Wald, sie ist warm, so dass jeder sie fühlen und merken kann. Sie ist auch gefährlich, jeder kann sich an ihr verbrennen.

Musik ist wie Essen auf dem Tisch, sie wird nur gegessen, wenn sie lecker ist. Und was ist mit schlechter Musik? Wer definiert überhaupt schlechte Musik? Ich bin völlig durcheinander. Ich habe mich endgültig in der Musik verlaufen.

Ist Musik auch die Lösung? Ich weiß es nicht mehr.

Sonntag, 16. August 2009

Beende deine Jugend


Die Boxhamsters zählen zu den unterschätztesten Bands dieses Landes. Seit mehr als 20 Jahren liefern sie in regelmäßigen Abständen lyrische Punkmeisterwerke ab, von denen die angeblich so wichtigen und großen deutschen Punkbands weiter entfernt nicht sein könnten. Ihre Songs sind unprätentiös, ehrlich und bisweilen satirisch. In der Entwicklung zwischen dem Debüt "Wir Kinder von Bullerbü" und dem letzten, sehr ruhigen und eingängigen "Demut & Elite" spiegelt sich stets das Leben der Hessen wie der Zustand dieser Republik. Und da nächsten Monat ein neues Album (das mittlerweile achte) der vielleicht besten Punkrocker zwischen Flensburg und Oberstdorf erscheint sei an dieser Stelle noch einmal mit "Beende deine Jugend", neben "Unfallflucht" dem einzigen Video in der Bandgeschichte, an diese sehr spezielle Band aus Gießen erinnert.


Beende deine Jugend

Du bist ein einsamer Wurm - so steht es niedergeschrieben
aus einer anderen Zeit - da bist Du übrig geblieben
bist an Orten gewesen wo die Tränen wohnen
durch die Fratze der Hässlichkeit sich die Menschen belohnen

Du hast Geschichte erlebt - hast um dein Leben getanzt
und Geschichten erzählt - dich an der Bar verschanzt
deine Welt alter Helden, aufgeschrieben in Sagen
oder sind es bloß Märchen die nicht mal Kinder ertragen

Die Zeit läuft weiter und soll ich dein schärfster Richter sein?
halt sie nicht an, spring einfach auf sonst bleibst Du ganz allein
schau dich nur um wieviele Menschen dir die Hände reichen

Im dunklen Todesstreifen hast du die Liebe genossen
und durch rosarote Wolken auf die Engel geschossen
doch das Leben geht weiter und du hast schlecht gezielt
und für wen hast du dir deine Finger blutig gespielt?

die falschen Bücher im Schrank - du bist studiert und frustriert
bis zum Grunde deines Glases völlig emanzibiert
durchs Labyrinth der Gefühle bist du einfach gerannt
den Rest erspar'n wir uns - es ist doch alles bekannt

Donnerstag, 16. Juli 2009

Die Finanzkrise nach Marx



aus der taz vom 14.01.2009:

Die Finanzkrise nach Karl Marx
Die Spielregeln, nicht die Spieler

Profitmaximierung und Konkurrenz werden immer wieder Krisen wie die gegenwärtige hervorbringen. Eine Verstaatlichung tauscht lediglich die Akteure aus, ohne die Strukur anzutasten. VON MICHAEL HEINRICH

MICHAEL HEINRICH, 51, ist Mathematiker und Politologe. Er ist Redakteur von Prokla - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft und lehrt an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Er schrieb “Die Wissenschaft vom Wert” (Westfälisches Dampfboot, 2003) und “Wie das Marxsche Kapital lesen?” (Schmetterling, 200 8) u. a.

Der Kapitalismus ist ein tückisch buntes Riesenrad, in dem es immer wieder nach unten geht.

Nicht nur Politiker, auch Ökonomen haben ihre Not mit der Finanzkrise. Die an Universitäten und in Beratergremien vorherrschende neoklassische Wirtschaftstheorie kennt in ihren Marktmodellen überhaupt keine Krisen. Wenn es doch zu “Störungen” komme, dann nur durch Eingriffe von außerhalb des Marktes. Daher haben die Neoklassiker jahrein, jahraus den angeblich so effizienten Markt angepriesen, der, wenn man ihn nur ließe, alle unsere Probleme lösen würde - von der Arbeitslosigkeit bis zu den Kosten von Altersrente und Gesundheit.

Inzwischen sind die Auftritte der radikalen Marktverfechter nur noch peinlich. So behauptet nun der aus unzähligen Talkshows bekannte Hans-Werner Sinn - derselbe Mann, dem in der Vergangenheit jede noch so niedrige Lohnforderung der Gewerkschaften zu hoch erschien -, er sei schon immer für mehr Regulierung des Finanzsektors gewesen und im Übrigen würden sich jetzt die Nachteile einer Lohnpolitik zeigen, die für den schwachen Binnenmarkt verantwortlich sei.

Keynesianer haben es etwas besser. Sie hatten schon immer auf die Grenzen des Marktes hingewiesen und betont, dass auch Lohnsenkungen nicht automatisch zu Vollbeschäftigung führten. Kapitalismus würde immer wieder Arbeitslosigkeit hervorbringen, da die Investitionen in der Regel nicht ausreichten, um alle Arbeitskräfte zu beschäftigen. Mit einem unerschütterlichen Vertrauen in die Möglichkeiten staatlichen Handelns forderten sie, dass der Staat mit Investitionsanreizen und Konjunkturprogrammen Krisen entgegenwirken solle.

Wer die Wirtschaftskrisen nicht ignorierte oder auf prinzipiell kontrollierbare Störungen reduzierte, war Karl Marx. Dass er jetzt wieder öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, überrascht nicht. Zwar ist sein “Kapital” schon mehr als 140 Jahre alt, doch analysierte Marx nicht bloß den englischen Kapitalismus seiner Zeit. Dieser, so betonte er, diene ihm nur als “Illustration” der “theoretischen Entwicklung”. Was er darstellen wolle, sei nicht eine bestimmte Entwicklungsphase des Kapitalismus, sondern dessen grundlegende Strukturen und Mechanismen.

Allerdings müssen die Marxschen Einsichten von den starken Simplifizierungen abgegrenzt werden, die man sowohl bei manchen Marxisten als auch bei vielen Marx-Kritikern findet. Oft wird Marx’ Ansatz auf eine bloße Arbeitswert- und Ausbeutungstheorie reduziert, wobei seine Untersuchungen zu Geld und Kredit ignoriert werden. Dabei war die Arbeitswerttheorie bereits Bestandteil der klassischen Schule von Adam Smith und David Ricardo, auf deren Grundlage etwa die ricardianischen Sozialisten eine Theorie der Ausbeutung formulierten.

Marx kritisierte an all diesen Theorien, dass sie nur die Austauschrelationen betrachten würden, aber nicht den Charakter der “wertbildenden” Arbeit. Er selbst fragte nach der Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenhangs in einer auf Warentausch beruhenden Gesellschaft. Einerseits sind nämlich die produzierenden Einheiten (Einzelproduzenten wie auch ganze Betriebe) aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sachlich aufeinander angewiesen, andererseits erfolgt die Produktion “privat”, das heißt unabhängig von den anderen. Erst im Nachhinein, auf dem Markt, zeigt sich, inwieweit diese private Produktion als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, indem ihre Produkte nachgefragt werden.

Wo klassische und neoklassische Ökonomen mit den Wirkungen von Angebot und Nachfrage argumentieren, hält Marx zunächst einmal fest, dass sich am Markt die Tauschenden nur über ihre Produkte aufeinander beziehen und sich die gesellschaftlichen Charaktere ihrer Arbeiten daher nur als gegenständliche Eigenschaften der ausgetauschten Waren zeigen. Mit diesen gesellschaftlichen Eigenschaften ausgestattet, entfalten die Waren ein Eigenleben, dem die Menschen ausgeliefert sind: Gebannt starren die Produzenten auf die Entwicklung der Güterpreise, entsetzt blicken die Aktionäre auf die Kursstürze, als handle es sich um Naturereignisse.

Dieser Verselbstständigung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die Marx unter dem Stichwort “Fetischismus” analysiert, folgt er die drei “Kapital”-Bände hindurch in ihre Verästelungen und deckt eine Reihe “mystifizierter” und “verrückter” Formen auf. In der herrschenden Ökonomie werden die von diesen verrückten Formen ausgehenden “Sachzwänge” bewusstlos reproduziert (”Der Markt verlangt …”, “Die Globalisierung erfordert …”).

Allseitig aufeinander beziehen lassen sich die Waren nur durch Geld. Marx betont den grundsätzlichen Unterschied zwischen geldvermittelter Warenzirkulation und Produktentausch: Beim unmittelbaren Tausch A gegen B ist der Verkauf von A mit dem Kauf von B identisch. Beim geldvermittelten Tausch folgt aus dem Verkauf aber nicht automatisch die Verwendung des eingenommenen Geldes für einen Kauf. Die Zirkulationskette kann reißen. Mit der Geldvermittlung ist die “Möglichkeit der Krise” gegeben. Die Neoklassik hingegen reduziert Geld auf eine bloße Recheneinheit. De facto geht sie damit von einem nicht geldvermittelten Tausch aus und “beweist” dann, dass es in dieser Fantasiewelt keine Krisen geben kann.

Kapital ist zudem nicht einfach eine Wertsumme, sondern Wert, der sich verwertet, Mehrwert hervorbringt - durch die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Diese Verwertung kennt keine innere Grenze, sie ist maßlos. Der Druck der Konkurrenz zwingt den einzelnen Kapitalisten diese Maßlosigkeit auf, ob sie individuell besonders gierig sind oder nicht, spielt dabei keine große Rolle.

Die unmittelbaren Produzenten, die Arbeiter und Arbeiterinnen, sind in dieser auf immer mehr Verwertung ausgerichteten Produktion ein Kostenfaktor, den es zu reduzieren gilt, während gleichzeitig die Produktivität dieses Faktors immer weiter gesteigert werden soll. Diese Konstellation hat nicht nur äußerst zerstörerische Konsequenzen für die Arbeitskraft (wie auch für die Natur), sie bildet auch eine wesentliche Ursache der Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Produktionsweise.

Der permanenten Steigerung der Produktivität, die meist eine Produktionsausweitung erfordert, steht eine Tendenz zur Beschränkung der Konsummöglichkeiten gegenüber, da aus Kostengründen Lohnhöhe und Beschäftigtenzahl gering bleiben sollen. Es ist, als ob man beim Autofahren Gaspedal und Bremspedal stets gleichzeitig betätigt, was auf Dauer nicht gut gehen kann. Nicht äußere Störungen, sondern das Ziel kapitalistischer Produktion, die beständige Steigerung der Kapitalverwertung, liegt der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus zugrunde.

Etablierte Wirtschaftswissenschaftler wie linke Kritiker gehen häufig davon aus, dass es sich bei der kapitalistischen Produktion einerseits und den Finanzmärkten andererseits um völlig verschiedene Welten handle. Hier die solide Produktion, dort die windige Spekulation. Dabei wird aber vergessen, dass auch die kapitalistische Produktion auf Spekulation beruht: Auch der Autoproduzent spekuliert beispielsweise darauf, dass die teuren Benzinfresser genug Abnehmer finden - eine Spekulation, die genauso schiefgehen kann wie die Spekulation auf steigende Aktienkurse.

Unzureichend sind auch die momentan gängigen Krisenerklärungen, dass es sich bei den Finanzmärkten um Einrichtungen handle, die der kapitalistischen Produktion zwar äußerlich seien, die aber durch zu viel Spekulation und zu große Risikobereitschaft der Banken und Fonds erheblichen Schaden anrichten könnten.

Derlei Erklärungen hält Marx entgegen, dass eine entfaltete kapitalistische Produktion ohne entwickeltes Kreditsystem gar nicht möglich sei. Was oft mit Bezug auf den Konsumgütermarkt gesagt wird, dass “Autos keine Autos kaufen können”, lässt sich auf den Produktionsmittelsektor übertragen: “Maschinen kaufen keine Maschinen.” So wie die Arbeitskräfte Löhne benötigen, um ausreichend Konsumgüter nachfragen zu können, benötigen auch kapitalistische Unternehmen Verkaufseinnahmen, um selbst kaufen zu können. Bei einer stark wachsenden Wirtschaft muss zumindest ein Teil dieser Einnahmen in Gestalt von Krediten vorgeschossen werden. Eine entfaltete kapitalistische Ökonomie ist nur bei sich ausdehnenden Kreditbeziehungen möglich. Ein entwickeltes Kreditsystem funktioniert aber nur, wenn der Kredit selbst, das heißt die verbrieften Schulden, zur handelbaren Ware werden, wenn es Finanzmärkte gibt.

Diese handelbaren Finanzprodukte (Aktien, Anleihen, Optionen etc.) bezeichnet Marx treffend als “fiktives Kapital”. Während das “industrielle Kapital” für Produktionsanlagen und Löhne verausgabt wird, sodass Produkte oder Dienstleistungen produziert werden, die dann mit Gewinn verkauft werden können, stellt das “fiktive Kapital”, kein wirkliches, irgendwo vorhandenes Kapital dar, sondern lediglich einen Anspruch auf bestimmte Zahlungen: bei Anleihen den Anspruch auf Zins- und Tilgungszahlungen, bei Aktien den auf Dividendenzahlung.

In den Börsenkursen werden diese Ansprüche “bewertet”: Steigen die Gewinnerwartungen eines Unternehmens, steigt sein Aktienkurs. Erwartungen können sich in kürzester Zeit ändern, daher können auch Kurse so enorm schnell steigen oder fallen. Das fiktive Kapital entwickelt damit ein Eigenleben, das zwar immer auf die Verwertung des industriellen Kapitals bezogen bleibt, aber nicht als Abbild seiner gegenwärtigen Lage, sondern als Ausdruck der Erwartung seiner zukünftigen Entwicklung.

Daran wird deutlich, dass Finanzmärkte nicht viel mit Spielkasinos gemeinsam haben, wie in der scheinbar plausiblen Forderung “Das Kasino schließen” unterstellt wird. In einem Spielkasino sind Wahrscheinlichkeiten und Risiken weitgehend bekannt. So übersichtlich geht es an den Finanzmärkten nicht zu. Vor allem aber ist das Spiel im Kasino ein Nullsummenspiel: Dem Gewinn des einen Spielers stehen gleich große Verluste der anderen gegenüber. Im Kasino wird die Summe des Geldes nicht verändert, sondern nur umverteilt.

Anders sieht es mit den Kurswerten an der Börse aus. Habe ich gestern eine Aktie für 100 Euro gekauft, die heute für 110 Euro gehandelt wird, dann ist der Kurswert meines Aktienvermögens um 10 Euro gestiegen, ohne dass ein anderer 10 Euro verloren hätte. Zwar handelt es sich bei den Kurswerten zunächst nur um einen Buchwert; würden alle Aktienbesitzer versuchen, ihre Kursgewinne zu Geld zu machen, würden die Kurse sofort fallen. Trotzdem haben diese Kurssteigerungen ganz reale Auswirkungen. Die Aktienbesitzer sparen weniger und konsumieren mehr, was die Nachfrage belebt und die Unternehmen zur Ausdehnung der Produktion oder zu Preisaufschlägen veranlasst. Vor allem aber können die im Kurs gestiegenen Aktien in höherem Umfang beliehen werden, was häufig zum Kauf neuer Aktien genutzt wird. Das sind jene “Hebelgeschäfte”, die die Eigenkapitalrendite und die Aktienkurse in so schwindelerregende Höhen treiben.

Die Welt des Kapitals scheint völlig in Ordnung zu sein, und nicht wenige Ökonomen bemühten sich darum, dies mit immer neuen mathematischen Modellen der Risikoberechnung auch zu “beweisen”. Wenn aber schließlich zu viele Aktienbesitzer den Buchwert ihrer Aktien in hartes Geld verwandeln wollen, wofür es eine Vielzahl von Anlässen gibt, kehrt sich der ganze Prozess um. Ein guter Teil des “Werts” des fiktiven Kapitals verschwindet ins Nichts, die Aktienbesitzer verlieren, ohne dass andere gewinnen. Zusätzlich werden jetzt die Kredite, die wegen des Sinkens der Aktienwerte nicht mehr gedeckt sind, von den Banken zurückgefordert und treiben so manchen Aktionär in den Ruin und die Bank eventuell gleich mit, wenn sie zu viele Kredite abschreiben muss.

An dem grundlegenden Charakter des von Marx analysierten fiktiven Kapitals hat sich seither nichts geändert. Allerdings haben sich die Formen dieses Kapitals vervielfacht. Längst gibt es nicht nur Ansprüche auf Zahlungen, sondern davon abgeleitete Ansprüche (”Derivate”), also Ansprüche auf andere Ansprüche auf Zahlungen. Die Anspruchsketten lassen sich beliebig verlängern und komplizieren, wodurch die Bewertung eines Papiers von einer Vielzahl von Faktoren abhängig wird.

Zudem sind die Finanzmärkte in den letzten drei Jahrzehnten erheblich schneller gewachsen als die Produktion. Dieses enorme Wachstum ist unter anderem die Folge enormer Umverteilungsprozesse in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Während die Reallöhne seit den Achtzigerjahren nur mäßig gestiegen sind, haben Unternehmensgewinne und die Einkommen aus selbstständiger Arbeit enorm zugenommen. Zugleich wurden viele Schwellen- und Entwicklungsländer zu Nettokapitalexporteuren. In Form von Zins- und Tilgungszahlungen exportierten sie weit mehr Kapital in die entwickelten Länder, als sie von dort in Gestalt von Direktinvestitionen und sogenannter Entwicklungshilfe erhalten haben. Immer größere Teile der wachsenden Unternehmensgewinne, der steigenden Einkommen der oberen Einkommensklassen und des den Drittweltländern entzogenen Kapitals flossen in die seit den Siebzigerjahren zunehmend deregulierten Finanzmärkte.

Wenn nun gefordert wird, die Banken und Finanzinstitutionen sollten sich doch auf ihre “eigentliche” Aufgabe konzentrieren, nämlich die Unternehmen mit Kapital zu versorgen, und sich nicht einer ausufernden Spekulation hingeben, dann gerät das Entscheidende aus dem Blick. Genauso wenig wie der Zweck der Automobilindustrie darin besteht, Mobilität herzustellen, besteht der Zweck des Bankensystems in der Kapitalversorgung. Die Automobilindustrie stellt Autos her, um damit Profit zu machen, Banken vergeben Kredite, um Gewinn zu machen. Beide versuchen ihre Geschäfte so einzurichten, dass der Gewinn maximal wird - nur damit können sie ihr ökonomisches Überleben sicherstellen.

Zu kurz gegriffen ist auch die Forderung nach einer Verstaatlichung des Bankensektors. Wenn eine staatliche Bank nicht permanent mit Steuergeldern unterstützt werden soll, kann sie sich im kapitalistischen Markt auch nicht viel anders verhalten als eine Privatbank. Nicht die jeweiligen Spieler (ob öffentlich oder privat) sind das Problem, sondern die Spielregeln. Soll versucht werden, über ein verstaatlichtes Bankensystem die kapitalistische Produktion in gesellschaftlich sinnvolle Bereiche zu lenken oder sie wenigstens weniger krisenhaft zu machen, dann muss auch in den kapitalistischen Charakter dieser Produktion eingegriffen werden. Die Verstaatlichung einiger Schlüsselindustrien (die sogar vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in die Diskussion gebrachtwurde) würde nicht viel ändern.

Im Unterschied zu manchen Marxisten hatte Marx kein naives Vertrauen in Verstaatlichungen. Um die Spielregeln zu ändern, müsste die Produktion nämlich nicht nur gesellschaftlicher Kontrolle unterworfen werden (was etwas anderes ist als staatliche Kontrolle), vor allem müssten die Ziele und Mittel der Produktion neu bestimmt werden. Solange jedoch Profitmaximierung und Konkurrenz vorherrschen, werden wir immer wieder Krisen wie die gegenwärtige erleben.

Montag, 26. Januar 2009

Die drei Schätze


Aus Tao Te King - dem Buch vom Sinn und Leben (Laotse):

Die drei Schätze

Alle Welt sagt, mein SINN sei zwar großartig,
aber er scheine für die Wirklichkeit nicht geschickt.
Aber gerade das ist ja seine Größe,
dass er für die Wirklichkeit nicht geschickt erscheint.
Denn die Geschicklichkeit führt auf die Dauer zu Kleinlichkeit.
Ich habe drei Schätze,
die ich schätze und hüte:
Der eine ist die Liebe,
der zweite ist die Genügsamkeit,
der dritte ist die Demut.
Die Liebe macht, dass man mutig sein kann,
die Genügsamkeit macht, dass man weitherzig sein kann,
die Demut macht, dass man fähig wird zu herrschen.
Heutzutage ist man mutig unter Preisgabe der Liebe,
weitherzig unter Preisgabe der Genügsamkeit,
den andern voran unter Preisgabe der Demut:
das ist der Tod.
Denn die Liebe siegt im Kampfe,
ist fest in der Verteidigung.
Wen der Himmel retten will,
den schützt er durch die Liebe.

Le chien andalou


Le chien andalou - ein surreales Meisterwerk von Salvador Dalí und Louis Buñuel aus dem Jahre 1929. Die Bilder sind traumhaft, scheinbar unzusammenhängend, verstörend, nichts erscheint logisch, angefangen beim Titel. Doch seht selbst…


„Der Film erzielte die von mir erwarteten Resultate. Er machte an einem einzigen Abend zehn Jahre pseudointellektuellen Nachkriegsavantgardismus zunichte. Dieses schändliche Zeug, das man abstrakte Kunst nannte, fiel uns auf den Tod verwundet vor die Füße, um nie wieder aufzustehen, nachdem sie gesehen hatten, wie das Auge eines Mädchens von einer Rasierklinge durchschnitten wird. In Europa war kein Platz mehr für die manischen kleinen Rechtecke von Herrn Mondrian“ (Dalí)

Montag, 22. Dezember 2008

Wir haben die Musik


Wieder einmal fing alles an mit diesem Klopfen an der Tür,
das selten Gutes verspricht, aber Geschichten garantiert.
Es war mitten in der Nacht und draußen stand eine Frau,
drei Meter groß und schüchtern, traurig und grau.
Sie sagte " Du kennst mich nicht - doch ich kenn Deine Lieder,
hab sie alle gehört und Du erzählst immer wieder,
daß niemand wirklich allein ist und dass Du mich verstehst,
und jetzt bin ich hier und hoff ich muss nicht gleich wieder gehn!
Ich bin zu groß - ich pass nicht in meine Familie,
und kann nicht aufhören, sie zu hassen nur weil sie mich nicht lieben.
Auch Freunde mit denen ich reden könnte hab ich keine,
und wenn ich ehrlich bin : am liebsten würd ich bei Dir bleiben !"
Nicht aus Prinzip, sondern weil ich sie irgendwie mochte,
sagte ich erst " bück Dich und komm rein !" und dann, was ich wirklich dachte:
"Du wirst ziemlich bald merken, ich bin nur ein Idiot von vielen
UND ich werd mich immer klein neben Dir fühlen !"
darauf sie: "Bei uns ist das egal, denn wir haben die Musik!"
Langer Rede kurzer Sinn : sie zog bei mir ein
und sie HAT es gemerkt und ich FÜHLTE mich klein,
was uns nicht hinderte, erst Freunde, dann Geliebte zu werden
und alles weitere vorerst unter den Tisch zu kehren.
Wenn wir Sex hatten, dann war sie das Meer
und mal als Wal, mal als Nußschale trieb ich auf ihr umher.
Sie kam wie die Brandung und spülte mich an Land,
wo ich mich in ihren langen, starken Armen wiederfand.
Die Tage vergingen, dann sah ich sie nach ein paar Wochen
immer häufiger verloren in ihrem Frühstück stochern.
Ich wußte, es wird nicht mehr lange dauern bis sie geht,
wenn ihr die Zerrissenheit schon so auf die Stirn geschrieben steht.
Dann eines Morgens sagte sie " ich hab was zu erledigen,
genauer jemanden - um mich von einem ewigen
Schmerz ein für alle mal und für immer zu befreien.
Doch versprich mir vorher eins: Du wirst mir verzeihn..."
Ich sagte: "Geh Du nur und erschieß Deine Eltern,
aber laß Dich nicht erwischen, pass gut auf Dich auf, denn
groß wie Du bist wird es Dir schwerfallen, keine Spuren zu hinterlassen,
also vergiss um Himmels Willen nicht das Denken übers Hassen,
und mach Dir um mich keine Sorgen - ich hab ja die Musik!"
Das Licht am Ende des Tunnels ist kein Licht,
es ist nur ein Spiegel und darin spiegeln sich
unsere Suchscheinwerfer - doch wenn wir uns entfernen,
sehen wir uns nie ins Gesicht und können auch nicht lernen
wer die sind, die in unserer Haut stecken,
weil wir immer nur in allem das andere entdecken.
Wir lieben solche Theorien UND
wir tun alles was wir tun aus irgendeinem Grund.
Sie ging aus dem Haus mit ihrem Seesack auf dem Rücken,
unten an der Tür sah ich sie sich zum letzten mal bücken
Sie ist nie wiedergekommen, doch ich weiß, sie ist da draußen
und sie ist in meinem Herzen: sie ist innen und außen.
Ich setzte mich hin und, wie es so meine Art ist,
tat ich genau das, was Du von mir erwartest:
Ich begann damit, ihr Leuchten im Dunkeln zu beschreiben
und es mir in achtundvierzig Versen einzuverleiben.
Nein: niemand ist allein! Und wir haben die Musik...

(Tom Liwa, 2000)

Freitag, 19. September 2008

Where y'all at ?

Passend zum aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den USA...

Where y'all at (Wynton Marsalis, 2007)

You got to speak the language the people
Are speakin'

Specially when you see the havoc it's wreakin'
Even the rap game started out critiquin'
Now it's all about killing and freakin'

All you '60s radicals and world beaters
Righteous revolutionaries and Camus readers
Liberal students and equal rights pleaders
What's goin' on now that y'all are the leaders

Where y'all at? (That's what I'm talkin' about)
Where y'all at? (Where y'all at?)
Where y'all at?
Where y'all at? (Lord have mercy)

Don't turn up your nose
It's us that's stinkin'
And it all can't be blamed on the party
Of Lincoln
The left and the right got the country sinkin'
Knocked the scales from Justice hand and
Set her eyes a-blinkin'

All you patriots, compatriots, and true
Blue believers
Brilliant thinkers and overachievers
All you "when I was young
We were so naïve'ers
Y'all started like Eldridge and now
You're like Beaver

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

We supposed to symbolize freedom and pride
But we got scared after King and the
Kennedys died
We take corruption and graft in stride
Sittin' around like owls talkin' 'bout "WHO?
Who lied?"

All you po' folks victims of rich folks game
All you rich folks gettin' ripped off in the
Same name
All you gossips cacklin' "It's a dirty shame"
And whistle blowers cryin' 'bout who's to blame

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

Well, it ain't about black and it ain't about
The white
They'll get together to make your pocket light.
When you just keep on payin' do your jaws
Get tight?
Taxes, that's your real inalienable right

All you afro-wearers and barbershop experts
Cultists, sectarians, political disconcerts
Big baggy pants wearers with the long
White T-shirts
The good man that counter what the
Bad man asserts

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

After 9/11 the whole world
Was ready to love us
Now everybody can't wait to rub us
We runnin' all over the world with a blunderbuss
And the Constitution all but forgot in the fuss

All you feminists and mothers, fathers
And brothers
I guess you'd pimp your daughters if you
Had your druthers
All you "It's not me" it's always others
You watch the crimes, you close your shutters

Folks watchin' Fox and CNN News
Seekin' a cure for the Red, White, and Blues
Well, it won't matter which side you choose
If we end up payin' international dues

All you "In my day it used to be" frauds
All you "So what"s and "Leave it to the Lawd"s
All you "I'll just deal with whatever cards"
All you extend adolescent American Bards

Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?
Where y'all at?

aus: From the Plantation to the Penitentiary, 2007 (in voller Länge bei last.fm)

Donnerstag, 18. September 2008

High Fidelity Teil 4



Heute: Gitarrensongs mit Überlänge

5. Savoy Grand - Change is an engine: Reduktion, Entschleunigung, Sanftheit und Räumlichkeit sind die Prinzipien dieser englischen Band. Und "Change is an Engine" verkörpert alle Stärken dieser extrem langsamen Musik, die sich Stück für Stück in den Gehörgang fräst.

4. Logh - Thieves in the palace: Mit ihren letzten Album "North" lieferten Logh ihr melodiösestes Meisterstück ab und entfernten sich endgültig von den kühlen, kargen, instrumental geprägten Klanglandschaften der ersten Alben. Was sie dennoch von vergleichbaren Bands unterscheidet ist ihre Fähigkeit, auch über acht Minuten ein schlüssiges, eingängiges und keineswegs aufgeblasenes Kleinod zu erschaffen, an dem keine einzige Note und keine einzige Zeile unnötig erscheint. Und so verbindet dieses Stück, das im Internet leider nirgends verfügbar ist, die Ursprünge der Band im Postrock mit der neuen Lust an klassischen Songstrukturen und Melodien.

3. Long Distance Calling - Fire in the mountain: Im April dieses Jahres hatte ich das Glück, auf dem exzellenten Roadburn-Festival in Tilburg/NL Bekanntschaft zu machen mit dieser noch sehr jungen deutschen Postrockformation, die alle Tugenden dieses Genres verkörpert, und von denen in Zukunft noch einiges zu erwarten ist. Fire in the mountain war der erste Song der Münsteraner überhaupt - und schon der hat es in sich. Langsam, aber heftig entwickelt sich, unterstützt von einem exzellent auf den Punkt spielenden Drummer. eine Gitarrenwand, die gnadenlos vom Hörer Besitz ergreift.

2. Sonic Youth - Trilogy: Die 14minütige Trilogy (im Internet leider nur in seinen einzelnen Teilen verfügbar) bildet den Abschluss von Daydream Nation. Wer sich mit diesem für SY-Verhältnisse recht eingängigen Werk nie so recht hat anfreunden können, der wird mit dem opulenten Noise des letzten Songs definitiv entschädigt. Die ersten beiden Teile übernimmt Thurston Moore, der mit "The Wonder" zunächst schnell beginnt, um dann mit "Hyperstation" das Tempo herauszunehmen und einen repetetiven, hypnotischen Noise aufzubauen, der schließlich in den letzten zweieinhalb Minuten durch Kim Gordons punkiges "Eliminator Jr." gnadenlos zerstört wird. Grandios!

1. Mogwai - Take me somewhere nice: Wer jung und männlich ist und aus einer so hässlichen, regnerischen Stadt wie Glasgow stammt, muss wohl entweder seine Zeit in Pubs & Fußballstadien verbringen - oder er gründet eine Band. Die Herren von Mogwai haben sich glücklicherweise für letzteres entschieden und beglücken uns nun seit mehr als zehn Jahren mit ausufernden, meist instrumentalen Klanglandschaften. "Take me somewhere nice" ist eines der wenigen Stücke, das sich ausgewählter, aber kaum verständlicher Worte bedient, wobei sich die Stimme wie ein weiteres Instrument einfügt und unterordnet und somit den Sinn des mysteriösen Textes mehr verschleiert denn offenbart. In den sieben Minuten dieses Stückes , das sich auf einem der schwächsten Alben der Band befindet, passiert eigentlich recht wenig. Aber das wenige, das passiert, ist mit das Intensivste und Atmosphärischste, was diese sich stets neu erfindende Band je geschaffen hat.

Samstag, 16. August 2008

Right Where it Belongs

Nine Inch Nails - Right where it belongs (2002)

See the animal in his cage that you built,
Are you sure what side you're on?
Better not look him too closely in the eye,
Are you sure what side of the glass you are on?
See the safety of the life you have built,
Everything where it belongs
Feel the hollowness inside of your heart,
And it's all... right where it belongs

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you think you know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is it all you want it to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

What if all the world's inside of your head?
Just creations of your own
Your devils and your gods all the living and the dead
And you're really all alone
You can live in this illusion,
You can choose to believe.
You keep looking but you can't find the woods,
While you're hiding in the trees

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you used to know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is that all you want to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

Mittwoch, 9. Juli 2008

Jungfernflug

Long Distance Calling spielen Postrock vom feinsten, live eine ziemlich mitreißende Band, auf Platte etwas gezügelter, das physische Element fehlt einfach, kommt dank exzellenter, punktgenau präsenter Spielweise nahezu ohne Worte aus...

Donnerstag, 3. Juli 2008

En passant

Ursprüngliche Ruhe, Wasser -
keine Menschen, trockne Erde,
und ein irrer, warmer Wind,
der mir fährt durch dünnes Haar.

Dann wieder Lärm und Straßenstaub,
einzeln Lachen, Sonnenstrahlen,
doch die Luft sie riecht nach Fäulnis,
das Licht ist seltsam irreal.

Lauter laute Lärmewesen,
ohnmächtiges Krächzen, Stöhnen,
fern ein monotones Schlagen,
hässliche Fratzen noch und nöcher.

Ein einzig Jammern, Wehen, Klagen,
Busse voller Schnauzbartträger,
Gestank von ungewaschnem Haupt,
wohin mit all dem fahlen Staub?

(28/6/2008)

Samstag, 14. Juni 2008

Electric Junk


Dekonstruktivismus? Orientierungslosigkeit? Oder doch nur exzessiver Drogenkonsum? Was Guru Guru 1973 darboten, ist nicht leicht einzuordnen. In den 70er Jahren entstand der wenig aussagekräftige Ausdruck Krautrock, der für die Experimentierfreude jenseits popkultureller Schubladen so unterschiedlicher deutscher Bands wie Neu!, Amon Düül, Kraftwerk, Grobschnitt, aber auch Tangerine Dream stand.

Anfang dieses Jahres hatte ich die Ehre, einem Auftritt der aktuellen Band des ehemaligen Guru Guru-Drummers beizuwohnen, was einen extrem verstörenden Eindruck bei mir hinterließ. Von jeglichen Strukturen befreit spielte Acid Mothers Guru etwas mehr als anderthalb Stunden einen dreckigen Jam.

Nahezu alle musikalischen Grenzen sind inzwischen gesprengt, Eklektizismus allenthalben. Gibt es nur noch Variationen der Wiederkehr des immer Gleichen? Kann ein Musiker heute noch ähnlich Revolutionäres bewirken? Was kann Musik heute überhaupt noch bewirken? Ist sie nicht längst verkommen zu einem wertlosen Wegwerfprodukt, unreflektiertem Konsum? Oder bietet vielmehr gerade die neue digitale Welt ungeahnte Experimentiermöglichkeiten dank nie dagewesener Unabhängigkeit von der nicht mehr zeitgemäßen Musikindustrie?

Überhaupt: welche Rolle kann Musik noch spielen? Massen zu bewegen gelingt ihr nur noch äußerst selten, und wenn, handelt es sich dabei nicht um eine höchst fragmentierte, atomisierte Ansammlung von Individuen? The times they are a-changin, oder was?

Freitag, 6. Juni 2008

Mephistopheles


The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

Dienstag, 3. Juni 2008

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke)

Dienstag, 27. Mai 2008

Sozialdemokratie


"Der eigentümliche Charakter der Sozial-Demokratie faßte sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung innerhalb der Grenzen des Kleinbürgertums. Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen Repräsentanten nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie können ihre Bildung und ihrer individuellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben."
aus: Marx, Karl: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte (1852), S. 141f.

Montag, 12. Mai 2008

Vom Chinabild der Medien



Angesichts der tibetischen Proteste schien die bundesdeutsche Presse wie gleichgeschaltet. Täglich aufs Neue wurde über die Grausamkeit des brutalen chinesischen Unterdrückungsregimes berichtet. Ein Urteil schien schnell gefällt: China auf der Anklagebank.

Der immanente Widerspruch in der moralisierenden westlichen Berichterstattung ist und bleibt die Doppelmoral mit der Opfer- und Täterschemata vermischt werden. Denn wir erinnern uns: die Vorfälle der vergangenen Monate begannen mit einem Gewaltausbruch von Tibetern gegen Han und Hui, vorwiegend Händler. Ein wütender Mob zog brandschatzend durch die Straßen Lhasas, etliche unschuldige Hui und Han ließen dabei ihr Leben. Die Bilder aus Lhasa ließen eher Erinnerungen an Clichy-sous-Bois als an Tiananmen aufkommen. In den deutschen Medien fand dies allerdings, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung. Stattdessen schoss sich die Presse auf die chinesischen Sicherheitskräfte ein. Tibet sei eine chinesische Kolonie, besetzt und in jeglicher Hinsicht unterdrückt.

Allerdings: Tibet ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert Teil von China. Lediglich während der turbulenten Jahre des Bürgerkriegs und der Selbstfindung zwischen 1913 und 1950 war Tibet wirklich autonom, wenn auch von keinem Staat der Welt anerkannt. Was gemeinhin als Besatzung von Tibet bezeichnet wird - der Einmarsch der Volksbefreiungsarmee anno 1950 - war nicht weniger als eine militärische Wiederangliederung eines schwer zugänglichen und deshalb in den Kriegswirren vergessenes Stück Land.

Das "alte Tibet" umweht allerdings eine solch starke Mystik, dass eine objektive Berichterstattung darüber nahezu unmöglich erscheint. Die publizierte Meinung schwankt dabei stets zwischen einer Glorifizierung des weltentrückten Gebirgsreiches als mythisches "Shangri-La" und der Dämonisierung als feudales, mittelalterliches Sklavensystem. Dass aus dem alten Tibet kaum säkulare Schriften überliefert sind, dafür aber umso mehr Reiseberichte westlicher wie östlicher Provenienz existieren, macht eine Bewertung der Lage kaum einfacher. Wirklich objektive Berichte über das Leben existieren wenige und so werden stets aufs Neue Bilder konstruiert.

Der Buddhismus, insbesondere dessen tibetische Variante, scheint zudem die letzte, unhinterfragbare Religion zu sein. Für auch nur einen kritischen Artikel über die alles andere als paradiesisch anmutende Herrschaft der Dalai Lamas im alten Tibet - oder gar seine Heiligkeit Tenzin Gyatso, muss man die ach so kritische deutsche Medienlandschaft schon sehr sorgfältig durchforsten. Es gilt als unerwünscht, kritische Fragen über den Friedensnobelpreisträger zu stellen. Wer dies tut, läuft Gefahr, ins politische Abseits zu geraten, wie Christiane Schneider, die im Hamburger Parlament daran erinnerte, dass die Weltgemeinschaft mit politischen Religionsführern keine all zu guten Erfahrungen gesammelt hätte.

Viel zu lesen war auch von der Unterdrückung der tibetischen Kultur, der Dalai Lama verstieg sich gar zu der Aussage, Bejing betriebe "kulturellen Völkermord". Nicht von der Hand zu weisen sind natürlich die Veränderungen traditioneller tibetischer Lebensformen als Resultat der Öffnung der Region sowohl für in- und ausländische Touristen als auch für Investitionen – was die meisten Tibeter auch nicht prinzipiell ablehnen. Vor allem Lhasa hat sich in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug wirtschaftlich erfolgreicherer Han stark verändert. Nur schaffen die neuen Möglichkeiten eben auch neue (v.a. ökonomische) Disparitäten, und diese scheinen wohl viel mehr Ursache der Unruhen zu sein als eine wie auch immer geartete kulturelle Unterdrückung.

Wenig bis überhaupt nichts zu lesen war dagegen von den Fortschritten, die dank chinesischer Hilfe in Tibet erreicht wurden: der Verbesserung des Lebensstandards (die Autonome Provinz Tibet ist nicht mehr ärmste Provinz Chinas), dem Bau von Krankenhäusern und Schulen, den Infrastrukturmaßnahmen, der Befreiung von jeglichen Steuern, der Bevorzugung von Tibetern (wie allen übrigen Minderheiten) im Hochschulsystem. Tibet ist dank der chinesischen Führung in der Moderne - mit all ihren positiven und negativen Begleiterscheinungen - angekommen. 81 Prozent der Kinder in Tibet besuchen inzwischen eine Schule, während dies im alten Tibet nur einer verschwindend geringen Minderheit möglich war. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt heute bei 67 Jahren, während im alten Tibet nur wenige das vierzigste Lebensjahr überschritten haben. Und nicht zuletzt verzeichnete die tibetische Bevölkerung einen sprunghaften Zuwachs – schließlich ist sie (wie alle Minderheiten im Vielvölkerstaat) von der Ein-Kind-Politik ausgeschlossen, so dass sie sich in den letzten fünfzig Jahren auf 2,5 Millionen verdoppelte. Alle offiziellen Zahlen sind natürlich nur unter Vorbehalt zu genießen…

Von alldem war in den großen Leitmedien der Republik wenig bis gar nichts zu lesen. Die Journalisten dieses Landes sollten sich selbstkritisch fragen, weshalb sie von alldem nicht ausgewogen berichten und stattdessen lautstarkes China-Bashing betreiben. Denn damit ist weder dem Westen, noch China und schon gar nicht den Tibetern geholfen…

P.S. Einen sehr treffenden Artikel zur selben Thematik gibt es von Altbundeskanzler Helmut Schmidt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zu lesen: Tibet als Prüfstein

Freitag, 25. April 2008

Third


Lang musste der geneigte Hörer warten, beinahe hätte er sie schon abgeschrieben. Aber elf Jahre nach dem letzten, selbstbetitelten Studioalbum und neun Jahre nach dem requiemartigen Livealbum Roseland NYC haben sich die Englander von Portishead doch noch einmal aufgerafft.

„Third“, so der reichlich profane (und mit einem ziemlich hässlichen Cover versehene) Titel des Werks, hat dabei ein schweres Erbe anzutreten, denn es steht im Schatten zweier grandioser Alben, die für sich jeweils den Zeitgeist trafen und doch zugleich zeitlos blieben. Der Erstling „Dummy“ war so etwas wie der Startschuss für die kurze Hochzeit des Trip Hop Mitte der Neunziger – ein klinischer Sound, kalt, düster und distanziert – tief, aber dennoch tauglich als Hintergrundmusik für den gepflegten Small Talk. Von „Portishead“, dem schwierigen zweiten Album ließ sich dies nur noch schwerlich behaupten, der Sound wurde noch ein gutes Stückchen düsterer, abgründiger, schleppender und besser. Es war ein Abgesang auf den zur Formel gewordenen Trip Hop und zugleich ein Abgesang auf Beth Gibbons & Co. Danach konnte erstmal nichts mehr kommen – und das mit einem Orchester eingespielte Livealbum „Roseland NYC“ glich daher auch einem Todesseufzer.

Viel wurde schon im Vorfeld über „Third“ spekuliert und berichtet. Eine Herausforderung solle es sein für die alten Fans, schwer zugänglich und fast ausschließlich mit Instrumenten, dafür gänzlich ohne Samples produziert. Und beim ersten Hören stellt sich durchaus ein etwas ungewohntes – für Kenner des Soloalbums von Beth Gibbons & Rustin Man „Out of Season“ jedoch nicht ganz unbekanntes – Gefühl ein. Denn von der Atmosphäre der folkigen, unzeitgeistigen Zusammenarbeit der Portishead-Sängerin und des Bassisten von Talk Talk profitiert „Third“ ungemein.

In der Tat hat sich einiges getan im Portishead-Kosmos, und dennoch atmet „Third“ in jeder Note den Geist von Portishead. Alte Qualitäten verbinden sich mit einem organischeren, rockigeren Sound. Der Ansatz, weg von den Samples und hin zu echter, dynamischer Musik als Band wirkt sehr schlüssig. Das Spektrum an Klängen hat sich beträchtlich erweitert und schafft auf voller Albumlänge eine hypnotische, düstere Atmosphäre, die zum konzentrierten, aufmerksamen Hören, zum Versinken und sich Verlieren einlädt. Das Spektrum reicht dabei von zerbrechlichen Folksongs à la „Deep Water“ bis zu aggressiven, enervierenden Elektrostücken wie „Machine Gun“ oder „We carry on“ – als Hintergrundmusik ist es völlig untauglich, da zu verschroben, gebrochen, anstrengend und schräg.

Mit „Third“ ist einer der relevantesten Bands der Neunziger Jahre eine äußerst lebendige und gute, da in sich schlüssige Platte gelungen, die all jene Lügen straft, die sie lediglich als Zeitgeistphänomen betrachteten. Der geneigte Hörer darf gespannt sein, was da in den nächsten Jahren noch auf ihn zukommen mag, denn Portishead haben beweisen, dass sie immer noch relevant sind…

Dienstag, 15. April 2008

Stille.

Weshalb so viel Schweigen an dieser Stelle in letzter Zeit? Weshalb nur so wenige Kommentare? Weshalb so wenig Kritik? Weshalb so wenige Worte, wo doch so viel zu sagen und beklagen wäre ?

Vielleicht, weil ich gerade mehr Fragen als Antworten habe. Vielleicht, weil ich die Stille gerade all dem Lärm vorziehe. Vielleicht, weil ich all der arroganten und selbstgerechten Besinnungsaufsätze überdrüssig bin.

"Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hineingetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert." (Maurice Maeterlinck)