Freitag, 19. April 2013

Augenrändercharme


Kaum ein Album habe ich im vergangenen Jahr öfter gehört als Augenrändercharme. Und dennoch fällt es mir immer noch schwer, darüber zu schreiben. Vielleicht, weil ich den Musiker kenne. Daher wird diese Besprechung zwangsweise etwas persönlich. Vielleicht aber auch, weil dieses Werk für mich nur schwer zu fassen ist. 

Das liegt mit Sicherheit an der Sprache von Christian Rottler, der auch schon mit mehreren Hörspielen glänzte. Nichts ist da klar, alles steckt voller Zitate, Anspielungen. Er stellt schier endlose Bezüge her - vor allem zu Literatur und Philosophie. Der Künstler ist ein sehr belesener Mensch. An manchen Stellen scheint er sich hinter diesen Bezügen verstecken zu wollen. Dann aber bringt er so ein Stück wie "Perfektion". Das ist keiner der Songs, die bei mir gleich angeschlagen haben. Überhaupt nicht. Aber irgendwann traf es mich. Da versucht einer, sich zu winden, ein Versprechen auf ein Morgen abzugeben, das wohl nie kommen wird. Verspricht "schlichte Perfektion".

Oder nehmen wir "Feuer", das es als Single anno 2006 in die Heavy Rotation von Motor-FM geschafft hat. Bilder steigen auf, aber am Ende bleibt vieles, wie so oft, unklar. Denn Christian Rottlers Texte sind meist eher assoziativ, denn erzählend. Sein musikalischer Stil hingegen ist spielerisch, regelrecht leicht, eigenwillig. Er lässt sich ebenso wenig in eine Schublade einordnen wie die Texte. Es sei denn, es würde Augenrändercharme draufstehen. 

Apropos Schubladen: Das erstaunlichste an dieser Platte ist, dass sie seit mittlerweile sieben Jahren in eben einer solchen liegt. Auf den Beachtungs-Erfolg der "Feuer"-EP, sowie die Split-EP "Das funktionierende Leben", die er mit Somos zusammen veröffentlichte, folgte einfach nichts. Wir haben es hier also mit einem Werk zu tun, das eine für den Künstler längst abgeschlossene Lebensphase abbildet. Vieles würde er heute wohl ein wenig anders machen. Die atemlose Dringlichkeit der Stücke etwa. Oder den Text von "Free Solo - Freihand". Das Gesamtwerk jedoch bleibt stimmig. Ob seine Abrechnung mit Proust (Proust ist mein Leben), sein Jörg Fauser-likes "Wasser hat ein Gedächtnis und schlägt mir gegen die Schädelwand", sein extrem assoziativer "Salon", in dem er Entspannungspolitik auf Taschendieb reimt. Oder die John Cage-Hommage 4:33. Christian Rottler hat seinen eigenen Stil.

Man darf dem Musiker daher nur wünschen, dass er über seinen Schatten springt und das Album endlich einmal veröffentlicht. Für die Schublade ist es einfach zu schade. Doch wie formuliert es Rottler in seinem Proust-Stück selbst so schön: "Verschwendung von Talent ist auch eine Entscheidung." Schade auch, dass es seine Band Galakomplex mittlerweile nicht mehr gibt. Seine Lieder sind in dieser Form wohl nur noch auf der Platte zu hören. Zeit, dass mehr Menschen etwas davon mitbekommen. 

Die Last der Freiheit


Es sind nur wenige Informationen, die aus Nordkorea nach außen dringen. Wenn wir etwas über das Land erfahren, dann meist nur, wenn die Führung dieses bitterarmen Staates wieder einmal militärisch provoziert. Dabei geht es stets um das politische Überleben dieses seltsamen Staates und seiner Führungs-Dynastie. George Friedman beschrieb diese Strategie in einer lesenswerten Analyse unlängst als ein Wechselspiel von "ferocious, weak and crazy". 

Doch über die Menschen und ihren Alltag ist nur wenig bekannt. Auch eine der dunkelsten Seiten dieses Landes, sein Lagersystem, ist bisher kaum beleuchtet. Dabei existieren die Arbeitslager, in denen noch heute Hunderttausende leben, arbeiten und sterben, bereits doppelt so lang wie Stalins Gulags und zwölf mal so lang wie Hitlers KZs. Nordkoreas Führung bestreitet ihre Existenz bis heute, obwohl sie mit Google Earth inzwischen für jeden sichtbar sind.

Einem Mann jedoch, Shin Dong-Hyuk, gelang die Flucht aus einem der berüchtigsten Lager, dem Camp 14. Seine Lebensgeschichte ist mittlerweile in einer Biographie beschrieben und verfilmt worden (hier der Trailer). "Escape from Camp 14" von Blane Harden sei hiermit jedem ans Herz gelegt, der verstehen will, wie dieses sehr fremde Land funktioniert und was es mit den Menschen macht, die unter dem Regime der Kims aufwachsen und leben.

Besonders bemerkenswert ist die Geschichte dieses Mannes, weil er einer jenen Menschen ist, die in diesen Lagern geboren wurden. Eine Welt außerhalb hat er bis zu seiner Flucht nie kennengelernt.  Liebe, Vertrauen, Freiheit hatte er nie erfahren. Stattdessen Zwangsarbeit, Hunger, Folter, Verrat und Mord. Seit seinem sechsten Lebensjahr musste er arbeiten - stets mit hungrigem Magen. Als 13-Jähriger musste er mit ansehen, wie Mutter und Bruder öffentlich exekutiert wurden, nachdem er deren Fluchtpläne verraten hatte. Nach den Regeln des Lagers war dies die einzig vernünftige Entscheidung. Shin Dong-Hyuk war sich sicher, die beiden hätten diese Strafe verdient. Er war nicht traurig. So etwas wie Trauer kannte er nicht. Er war wütend.

In dem gut 200 Seiten starken Buch wird aber nicht nur die so berührende wie bedrückende Vita des jungen Mannes erzählt. Der Leser erfährt auch einiges über den sonst kaum beleuchteten Alltag der Nordkoreaner, für die der Hunger ein ständiger Begleiter ist. Als Shin Dong-Hyuk von der Freiheit zu träumen beginnt, stellt er sich diese in Form von gegrilltem Fleisch vor. Etwas, das er im Lager nur zu essen bekam, wenn er heimlich Ratten jagte und dabei harte Strafen riskierte. Das Essen ist ein wichtiges Thema für den jungen Mann, dessen Leben im Lager vor allem in einem permanenten Konkurrenzkampf um die knappen, kargen Mahlzeiten bestand. Er kann sich an keinen Moment seines Lagerlebens erinnern, an dem er sich satt fühlte. 

Doch nicht nur für die Menschen in den Lagern ist der Hunger Teil des Alltags. Mehr als eine Million Nordkoreaner sind in den 90er Jahren verhungert, als die Wirtschaft des Landes nach dem Untergang der Sowjetunion zusammenbrach. Und das bei einer Bevölkerung von rund 23 Millionen. Noch immer ist das Volk unterernährt, aber dank internationaler Lebensmittellieferungen (von denen nur ein Teil wirklich beim Volk ankommt) stirbt heute kaum jemand mehr daran. 

Der Leser erfährt auch einiges über den Wandel, den die große Hungersnot im Land mit sich gebracht hat. Mehr Menschen sind inzwischen informiert über den Rest der Welt. Das Schauen südkoreanischer Serien und das Hören freier Radiosender ist zwar strengstens verboten, aber mittlerweile durchaus verbreitet. Es gibt im Ansatz so etwas wie freie Märkte. Diebstahl und Korruption nehmen zu. Ohne die von der Militär erzeugte Angst würde das Regime wohl kaum mehr die Kontrolle behalten. Männer müssen zehn, Frauen sieben Jahre dienen. Mit den Reservisten beträgt die Größe der Armee fünf Millionen.

Doch das Land ist noch stabil. Auch dank der von Friedman beschriebenen Strategie: Das Regime gibt sich zugleich ferocious (grimmig), weak (schwach) und crazy (verrückt). Zwischen diesen Polen schwankt die Politik des Landes nach außen. Es wirkt zu schwach, um eine wirkliche Bedrohung zu sein, erscheint dem Zusammenbruch stets nah, gibt sich aber grimmig und gefährlich, so dass es dennoch ernst genommen wird. Und die Führung erweckt einen unberechenbaren, verrückten Eindruck, scheint zu allen Opfern bereit. Eine letztlich sehr erfolgreiche Strategie. 

Auch das von Kim Il Sung etabliere neofeudalistische Kastensystem trägt zur Stabilität bei. Drei Großkasten mit 51 Unterkasten gibt es in Nordkorea. Die Herrscherkaste befindet sich in und um Pjöngjang und genießt (zumindest nach nordkoreanischen Standards) außerordentliche Privilegien. Nur ihnen ist es vorbehalten Regierungs- oder Parteiarbeiten zu übernehmen. Sie besteht im Wesentlichen aus den Familien, die gemeinsam mit Kim Il Sung gegen die Japaner gekämpft haben. Die mittlere, neutrale Kaste führt ein bescheidenes Leben in begrenzter Freiheit. Der Teil der Bevölkerung, der zur untersten, feindlichen Kaste gezählt wird, darbt - oft seit Generationen in den Arbeitslagen. 1957 legte der ewige Staatschef des Landes diese Unterteilung fest. Am schlimmsten erging es dabei jenen, deren Familienangehörige in den Süden flohen oder für die japanischen Besatzer tätig waren. Über drei Generationen, so seine Ansicht, vererbe sich diese Blutschuld. Auch Shin Dong-Hyuks Familie hat solch eine Schuld auf sich geladen. 

Inzwischen lebt der Nordkoreaner in Freiheit. Zumindest äußerlich. Denn das Leben und die Regeln des Lagers stecken immer noch in ihm, halten ihn weiterhin gefangen. Der Verrat an seiner Familie ist ihm erst jetzt bewusst geworden und quält. So viel Stärke der junge Mann, der in seinem kurzen Leben unfassbare Grausamkeiten erlebte, auch bewiesen hat - auf ein Leben in Freiheit hat ihn niemand vorbereitet. Die Regeln des Lagers, die über Leben und Tod entschieden, sind plötzlich nutzlos. Nach acht Jahren in Freiheit sehnt sich Shin Dong-Hyuk zurück nach Nordkorea. Er möchte wieder leben - in einem Arbeitslager.

Donnerstag, 4. April 2013

Manchmal auch bei Nacht, Marie


Deutschsprachige Musik mit anständigen Texten ist leider immer noch eine Seltenheit. Zu sehr steckt unsere Sprache voller Fallstricke und Tücken für all jene, die sie laut zu singen wagen. Songwriter Tristan Vox weiß mit unserer Sprache umzugehen und verwendet sie auf seinem Debütalbum in einem zugleich episch wie lakonisch anmutendem Sinne. Musikalisch betritt er dabei nicht unbedingt Neuland. Während seine Stimme bisweilen an Tom Liwa, den großen Emo-Esoteriker unter den deutschen Songwritern, erinnert, lässt er an manchen Stellen den melancholisch-verträumten Charme von Element of Crime anklingen.

Doch seine Musik (die er komplett selbst eingespielt hat) weist über diese Bezüge hinaus, ertönt mal sanft, mal widerspenstig, stets dringlich. Tristan sinniert zwar mit Vorliebe melancholisch-schwelgerisch über das Zwischenmenschliche, doch dies mit solch kunstvoller Eleganz, dass die üblichen Vergleiche schon recht bald überflüssig werden. Der Kontext, in dem er sich popkulturell bewegt, funktioniert bei der Auseinandersetzung mit diesem erstaunlichen Werk letztlich nur als Fallnetz beim Erstkontakt. Je tiefer der Hörer in die zehn Stücke eintaucht, desto weniger nützen diese Referenzen. 

„Manchmal auch zur Nacht, Marie“ macht es dem Hörer daher gewiss nicht einfach. Hinter den oft unscheinbar wirkenden Worten verbirgt sich eine in deutscher Sprache selten zu vernehmende Tiefe. Trotz aller lyrischen Distanz haben wir es hier eben keinesfalls mit einem ironischen Beobachter zu tun. Ob der Tod des eigenen Vaters (Abendmahl) oder die fragile Konstruiertheit des Sozialen (Wirklich) – stets findet Tristan Vox treffende Worte, die sich schon bald ins Gedächtnis des Hörers einbrennen. Am stärksten wirken die mehrfach codierten Zwischentöne. So endet das Album konsequenterweise programmatisch. Und auf die von einer Spielfigur bewusst schief gespielte Internationale folgt das melancholische „Marie / Vielleicht“. Letztlich bleibt die Welt fragil, die Gewissheiten, das worauf wir bauen, flüchtig. Ein Feuer bricht aus, vielleicht.

Manchmal auch bei Nacht, Marie erscheint im Mai bei Voodokind

Dienstag, 2. April 2013

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.

Die I. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

(Erich Kästner, 1931)

Impressionen No. XXX





Samstag, 16. März 2013

Der idealistische Ur-Grüne


Wir leben in krisenhaften Zeiten. Ob in Wirtschaft und Politik oder im Umgang mit der Natur: Überall erleben wir einen dramatischen Vertrauensverlust. So zumindest die Annahme des Grünen-Urgesteins Gerald Häfner, der sich am Donnerstagabend bei einem Vortrag an der Freien Waldorfschule Engelberg auf die Suche nach den Ursachen dieser Entwicklung begab.

Gerald Häfner weiß aus der Innenansicht, wovon er spricht. Er ist Mitbegründer der Grünen, Waldorfpädagoge und Bürgerrechtler. Dreimal saß er im Bundestag, um dann immer wieder in seinen normalen Beruf zurückzukehren. Momentan ist er als Abgeordneter für die Grünen im Europaparlament. Er war bei der Gründung zahlreicher Initiativen für mehr Demokratie und Bürgerbeteiligung beteiligt. Zehn Jahre arbeitete er als Vorstandssprecher von Mehr Demokratie e.V.

Das politische Klein-Klein ist dem Münchner aus der Praxis also sehr bekannt. Doch an diesem Abend wird er grundsätzlich: „Wir wissen heute so viel, können so viel, hatten noch nie so viele Mittel, aber dennoch wird die Erde und das Leben der Menschen systematisch zerstört.“ Neben der ökologischen Krise sei das bemerkbar an einer ungemein tiefen ökonomischen, sozialen und fiskalpolitischen Krise: „Wir machen Schulden, um Schulden tragfähiger zu machen, das ist doch Irrsinn!“ Auch weil die Politik keine Zeit mehr für Grundsatzfragen habe. Entscheidungen werden immer schneller getroffen und dann als alternativlos präsentiert: „Ständig wird Feuer gelöscht, aber der Brand wird immer größer.“ Die Demokratie sieht Häfner daher in der Krise.

Das liege unter anderem am Vertrauen. Das ist für Häfner die Grundlage jeglichen menschlichen Zusammenlebens: „Ohne Vertrauen keine Entwicklung“. Doch in den vergangenen Jahrzehnten habe es eine dramatische Entwicklung gegeben. Heute gelte als dumm, wer anderen vertraue. In allen gesellschaftlichen Bereichen sei das so, nur zwei Beispiele: Während Bankbeamte einst den Kunden dienten, denke dieser heute nur noch: „Die wollen uns sicher nur was andrehen, das uns schadet.“ Und während Ärzte früher das Wohl des Patienten im Blick hatten, handelten sie heute oft aus rein ökonomischen Motiven – ganz entgegen ihres Berufsethos'.

Erstaunlich an dieser Entwicklung ist nun, dass sich eigentlich jeder bewusst sei, wie falsch er sich verhalte. „Kein Mensch will das eigentlich“. Aber alle denken, es ginge nicht anders, ganz nach dem Motto: „So läuft das Business eben.“ Als Ursache dieser Paradoxie sieht er das alle Lebenswelten durchdringende Menschenbild der Ökonomie. Danach handle der Mensch stets rational und versuche, seinen Nutzen zu maximieren. Auf dieser Annahme basiert unsere Wirtschaftsordnung. Doch stimmt sie auch?

Häfner hat da so seine Zweifel. Eine Reihe von Experimenten habe immer wieder gezeigt, dass die Menschen im Alltag keine reinen Nutzenmaximierer seien. Sie handeln sehr wohl sozial. Und er verweist auf Elinor Ostrom, die 2009 als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Sie konnte nachweisen, dass Gemeineigentum in gewissen Fällen sinnvoller und effizienter ist als Privateigentum. Vorausgesetzt alle sehen sich als Gleiche unter Gleichen an und die Nutzung ist klar geregelt.

Die Regeln unseres Zusammenlebens müssen daher auf einen neuen Boden gestellt werden, da ist sich Gerald Häfner ganz sicher. Nur als freie Vereinbarung freier und gleicher Menschen sei das möglich, „und das treibt mich wirklich um, warum wir nicht daran arbeiten“. Als einen Bösewicht macht er das Geld aus, das in den letzten Jahrzehnten ein zunehmendes Eigenleben entwickelt hat und die Köpfe der Menschen verdreht. „98 Prozent des Geldes, das zirkuliert, ist rein spekulativer Natur, ist völlig irreal. Das Animalische, von dem Waldorf-Gründer Rudolf Steiner sprach, hier ist es“.

„Nicht alles in Brüssel entscheiden“

Konkrete Ansätze, wie ein Weg aus dieser Krise aussehen könnte, bleibt Häfner an diesem Abend aber leider schuldig. Er spricht nur etwas wolkig davon, dass eine neue Form europäischer Demokratie notwendig sei. „Nicht alles sollte in Brüssel entschieden werden.“ Er plädiert für mehr direkte Demokratie. Doch in Politik und Wissenschaft sei das Misstrauen gegenüber dem Volk mittlerweile immens. Die Menschen verstünden das ja ohnehin nicht mehr, so die unausgesprochene Ansicht vieler im Politikbetrieb. Und nach den Referenden über die europäische Verfassung habe sich bei vielen EU-Politikern die Haltung eingeschlichen: „Wir sollten die Leute besser nicht mehr fragen.“

Eine fatale Haltung, wie Häfner findet. Denn oft haben Menschen mit Ideen keine Macht. Jene mit Macht aber haben allzu oft keine Ideen, sind selbst Getriebene. Das könne er jeden Tag in Straßburg beobachten. Und schließlich beweise die Schweiz ja seit gut 150 Jahren, dass direkte Demokratie möglich sein. Sachthemen statt Personen sollten viel mehr im Mittelpunkt stehen. Eine Demokratie müsse sich eben stets weiterentwickeln. Und Gerald Häfner ist sich sicher: „Die Menschen sind viel, viel weiter als die politischen Verhältnisse, in denen sie leben.“

Info:
1979 gehörte der gelernte Waldorf-Lehrer zu den Gründern der bayerischen Grünen und ist ihnen bis heute ebenso treu geblieben wie den Schwerpunkten seiner Arbeit: Mehr Bürgerbeteiligung, Transparenz und Bürgerrechte. Als Mitgründer von Mehr Demokratie e.V. berät und unterstützt er Bügerinitiativen und agiert als Lobbyist für mehr direktdemokratische Instrumente. Der gebürtige Münchner erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 2001 das „Silberne Mikrofon“ als bester Redner der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und 2005 den vom Economic Forum Deutschland vergebenen „National Leadership Award für Politische Innovation“ in der Kategorie Verbesserung des politischen Systems.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Minimal China

Nachsichtigkeit ist angebracht, denn China ist musikalisch noch Entwicklungsland. In der Mao-Ära beschränkte man sich auf das Absingen von Revolutionsliedern, westliche Musik galt als dekadent und war strengstens verboten. Erst in den Achtzigern begann allmählich eine Öffnung hin zur globalen Popkultur. Doch gut 90 Prozent der chinesischen Musik besteht heute aus glattgebürstetem Pop, harmlosen Liebesliedern westlicher Prägung. Aufgrund des starken sozialen Drucks sehen es die meisten Eltern zudem nicht gerne, wenn sich ihre Kinder - abgesehen vom Erlernen des Klavier- und Geigespiels - zu viel mit Musik beschäftigen. Bildung ist alles, Musik gilt da nur als gefährliche Ablenkung. Möglichkeiten zu Konzertbesuchen sind rar, Jugendkulturen noch kaum vorhanden. Musik spielt für den Alltag der meisten Chinesen nur eine untergeordnete Rolle.

Die Doku "Minimal China" zeigt an der mehr als überschaubaren Techno-Szene des Landes exemplarisch, wie sehr die Leidenschaft für Musik jenseits von klassischer Hochkultur noch den Aussteigern vorbehalten ist und auf wie wenig Verständnis in Gesellschaft und Familie diese Pioniere hoffen können.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Montag, 4. Februar 2013

Eine Inszenierung von Normalität


Im Kernland der Liberalen hatte sich am Sonntag ein liberaler Hoffnungsträger angekündigt. Der schleswig-holsteinische Fraktionsvorsitzende Wolfgang Kubicki gab den Seelentröster und plädierte selbstbewusst für eine Wiederbelebung der liberalen Idee.

Von der wohl schwersten Krise in der Geschichte der FDP ist an diesem Sonntagmorgen wenig zu spüren. In Fellbach lebt es noch, das liberale Bürgertum. Doch ein Bedürfnis an Zuspruch ist beim traditionellen Neujahrsempfang auch hier deutlich zu spüren. Und niemand könnte dieses trotzige Beharren wohl gerade besser verkörpern als der Norddeutsche und alles andere als kühle Querdenker Kubicki.

Doch bevor der Stargast seine Ermunterungsrede halten darf, ist es an der lokalen Politprominenz, den Gästen - und sich selbst - Selbstbewusstsein zuzusprechen. Der Kreistagsabgeordnete Ulrich Lenk etwa kritisiert den Hang zur Selbstinszenierung mancher Parteikollegen mit harten Worten: „Man muss auch mal die Klappe halten, anstatt Parteikollegen öffentlich madig zu machen.“ Und der Fellbacher OB Christoph Palm verweist stolz auf das liberale schwäbische Bürgertum, das schon immer nach dem Motto lebe: „Müßiggang ist uns fremd.“

Auch der Bundestagsabgeordnete Hartfrid Wolff sieht die Aussichten für seine Partei vor der Bundestagswahl optimistisch: „Das liberale Milieu ist da und lebt.“ Er verweist auf die Rolle der FDP als Anwalt der Steuerzahler im Rahmen der Euro-Krise und äußert sich in Richtung des politischen Gegners: „Eine Gesellschaft lässt sich alleine mit Dagegensein nicht zusammenhalten.“

Fundamentalkritik an der grün-roten Landesregierung

Ex-Innenminister und Landtagsabgeordneter Ulrich Goll schließlich übt Fundamentalkritik an der grün-roten Landesregierung, die mit den pragmatischen Landes-Traditionen breche und praktisch auf keinem Politikfeld etwas zu Wege brächte. Sei es die Bildungs-, die Wirtschafts- oder auch die Integrationspolitik: Überall vermisse er Impulse und sehe allenthalben Politik, die sich auf die falschen Prämissen stütze. Mit Blick auf die Neuverschuldung mahnt er gar: „Das ist der Weg nach Griechenland!“

Nach einer Stunde Vorspiel betritt dann Kubicki die Bühne. In schnellen Stakkato-Sätzen spricht er abschätzig über all jene, die seine FDP auf dem absteigenden Ast sehen. „Wenn Sie Forsa-Aktien haben, verkaufen Sie sie“, rät er im Hinblick auf die schlechten Umfragewerte, die den Wahlerfolgen in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und unlängst Niedersachsen vorausgingen. Bei der kommenden Bundestagswahl, äußert er siegessicher, werde wieder dasselbe passieren.

Der für seine markigen Sprüche bekannte Politiker, der sich anschickt, beim nächsten Parteitag ins FDP-Präsidium gewählt zu werden, lässt kein gutes Haar an der herrschenden politischen Kultur. Die Political Correctness führe dazu, dass nur noch denunziert werde, anstatt über Sachthemen zu sprechen.

Bestes Beispiel: Die aktuelle Sexismus-Debatte, die ihm „mächtig auf den Senkel geht“. Denn auch hier werde nur wieder über Personen und nicht die Sache diskutiert. Und wenn er mit seinen 60 Jahren aus der Zeit gefallen erscheine, dann sei das eben so: „Ich werde auch in Zukunft einer Frau in den Mantel helfen - und gegebenenfalls auch wieder hinaus.“ Der vor allem bei den Grünen vorherrschende Erziehungsgedanke und das Moralisieren sei ihm zuwider: „Das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint“. Wie übrigens alle seine Vorreder verurteilt er „rot-grüne Staatsgläubigkeit und Verschuldungspolitik“ und schreibt seinem alten Studienkollegen Peer Steinbrück ins Stammbuch: „Der Staat ist nicht der bessere Akteur im Wirtschaftsleben.“

Genüsslich zitiert er aus dem letzten Buch des SPD-Kanzlerkandidaten, dem er eine hohe finanzpolitische Kompetenz attestiert und kontrastiert diese Aussagen mit den aktuellen Forderungen der SPD. Egal ob Steuern, Europapolitik oder die Haltung zur Agenda 2010: Überall verabschiede sich Steinbrück von seinen Grundhaltungen. „Dass sie sich davon verabschieden, wird der SPD massiv auf die Füße fallen.“

Ein Traum: Die Vereinigten Staaten von Europa

Wolfgang Kubicki plädiert für eine klare pro-europäische Haltung der Liberalen: „Wenn wir auch künftig weltweit Regeln nach europäischen und nicht konfuzianischen Werten durchsetzen wollen, gelingt das nur mit der EU.“ Es könne kein Zurück geben, sondern nur ein Mehr an Integration: „Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa.“

Das hieße nicht nur, mehr Parlamentarismus und Kontrolle zu fordern, sondern auch Solidarität mit den Griechen zu üben, sie gar in unser Land einzuladen: „Griechen, kommt zu uns. Wir leben alle in einem gemeinsamen europäischen Haus.“

Die FDP sei aber vor allem eine Rechtsstaatspartei. Gleichheit vor dem Gesetz solle daher auch für Großunternehmen und systemrelevante Banken gelten. Die Verlagerung von Haftung im Rahmen der Finanzkrise sei daher abzulehnen. Wenn Banken schlecht wirtschaften, hätten sie eben zu schrumpfen: „Ich will nicht in einem Staat leben, in dem Hedgefonds auf Staaten wetten. Das gehört verboten!“

Diesem für Liberale eher ungewöhnlichen Appell folgt am Ende der Rede die Betonung des sozialen Charakters der FDP. „Im sozialen Elend kann keine Freiheit wachsen, das wusste schon Friedrich Naumann.“ Doch Sozialpolitik, da gibt sich Kubicki wieder klassisch liberal, könne nur durch das ehrenamtliche Engagement der Bürger errungen werden. Die Verantwortung liege bei den Leistungsfähigen. Eine Botschaft, die gut ankommt beim liberalen Publikum, das den Stargast für seinen komplett frei gehaltenen Vortrag mit lang anhaltendem Beifall belohnt.

Freitag, 1. Februar 2013

Die Neuerfindung des Sozialen


  • Informationen über den Soziologen Stephan Lessenich, Uni Jena
  • Eine linke Kritik der "Neuerfindung des Sozialen"
  • "Her mit dem guten Leben" - ein Interview mit dem Deutschlandradio Kultur
  • "Von der Krise zur Transformation des Wohlfahrtsstaats?" - ein Diskussionsanreiz (pdf) in dreizehn Dreizeilern

Impressionen XXVII




An das Publikum

O hochverehrtes Publikum, 
sag mal: Bist du wirklich so dumm, 
wie uns das an allen Tagen 
alle Unternehmer sagen? 
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: "Das Publikum will es so!" 
Jeder Filmfritze sagt: "Was soll ich machen? 
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!" 
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: 
"Gute Bücher gehn eben nicht!" 
Sag mal, verehrtes Publikum: 
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät, 
immer weniger zu lesen steht? 
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein; 
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein; 
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn 
könnten mit Abbestellung drohn? 
Aus Bangigkeit, es käme am Ende 
einer der zahllosen Reichsverbände 
und protestierte und denunzierte 
und demonstrierte und prozessierte... 
Sag mal, verehrtes Publikum: 
Bist du wirklich so dumm?

Ja dann... 
Es lastet auf dieser Zeit 
der Fluch der Mittelmäßigkeit. 
Hast du so einen schwachen Magen? 
Kannst du keine Wahrheit vertragen? 
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-? 
Ja, dann... 
Ja, dann verdienst dus nicht besser

(Kurt Tucholsky, 1931)

Montag, 21. Januar 2013

Mixtape No. 7: Weixiaode lianxi


1. Villagers - Becoming A Jackal (2010)
2. Lloyd Cole - No more love songs (2003)
3. Rodriguez - Crucify your mind (1970)
4. Tallest Man on Earth - King of Spain (2011)
5. Tocotronic - Auf dem Pfad der Dämmerung (2013)
6. Die Nerven - Nichts Neues (2012)
7. Chelsea Light Moving - Burroughs (2012)
8. Swans - No words no thoughts (2010)
9. Jaques Brel - Ne me quitte pas (1959)
10. Savoy Grand - Arm the lonely (2001)
11. Morten Lauridsen - O Magnum mysterium (1994)

Und hier das ganze als Youtube-Playlist...


Montag, 31. Dezember 2012

High Fidelity Teil 5: Zeichen & Pfade


Heute: Willkürlich und ephemer - eine Lektüreliste (Belletristik)*:

2012:
1. David Foster Wallace - Unendlicher Spaß (1996)
2. Jörg Fauser - Rohstoff (1985)
3. Christian Kracht - Imperium (2012)
4. Thomas Bernhard - Holzfällen (1984)
5. Karl Capek - Der Krieg mit den Molchen (1936)


Bestenliste:
1. Fjodor Dostojewski - Der Idiot (1869)
2. David Foster Wallace - Unendlicher Spaß (1996)
3. Gabriel Garcia Marquez - Hundert Jahre Einsamkeit (1967)
4. Imre Kertesz - Roman eines Schicksallosen (1975)
5. Jean Paul Sartre - Der Ekel (1938)
6. Lu Xun - Auf der Suche (1924)
7. Hans Fallada - Der Trinker (1944)
8. George Orwell - 1984 (1948)
9. Jörg Fauser - Rohstoff (1985)
10. Art Spiegelman - Maus - die Geschichte eines Überlebenden (1986/91)

*"Talent borrows - genius steals"

Freitag, 26. Oktober 2012

Impressionen XXVI

Ideologie.

Reduktion.

Schauspiel.

Lichtblick.

Blues.

The XX - Heart skipped a beat (2009)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Flüchtige Notizen VI: Fragment

5/5/2006:

Was war? Was ist passiert? Welch vollendete Wunder anzuschauen! In der Zauberei war sie mehr. Gekonnte Illusion, und auf der Straße begegnete ich ihr, bekleidet mit einem gelben Umhang...

Es war an jenem Punkt, da ich wusste, dass es gut war, der Suche zu folgen, ohne zu wissen was, noch wen. Wer aufwacht, schläft ein andermal. Wenn es dieses Glück ist, das ich nicht verlieren möchte, schlafe ich ein andermal ein, und sie kommen, zu geben. Danach weiter, den Wind im Gesicht, das Meer atmend.

Einige Zeit später, in einem Schiff, ich könnte sie küssen und wüsste, dass ich sie lieben werde. In ihrem besonderen Schaukelstuhl könnte sie sich nicht entschließen, sich anzuvertrauen, so hypnotisiert sie auch war. Es war dort...

Heute ist wie immer gestern, heute, da genau so ein morgen existiert.

Freitag, 12. Oktober 2012

R.I.P. Nils Koppruch


Unlängst veröffentlichte er noch ein viel und zurecht gelobtes Album mit Gisbert zu Knyphausen. Als Kid Kopphausen begannen sie gerade ihre Tour. Beide hatten zusammen noch viel vor. Doch nun ist der Hamburger Musiker Nils Koppruch völlig überraschend verstorben. Deutschland verliert mit ihm einen seiner profiliertesten Musiker. Der Leisetreter war musikalisch einer der Großen. Sein kulturelles Verdienst ist es, deutschsprachige Countrymusik mit Stil und (wie es die Zeit einst formulierte) als proletarisches Statement im Pop etabliert zu haben. Ein Billiger Trick? Mitnichten. Das Leben? Ein Messerkampf

Mit seiner 1996 gegründeten Band Fink ebnete er den Weg für seine hierzulande bisweilen immer noch exotisch anmutende musikalische Ausdrucksform. Nach sechs Alben (von denen ich Mondscheiner, 1999, sowie das selbstbetitelte Fink, 2001, für die gelungensten halte) und einer immer mehr ins elektronisch-repetitive tendierenden Entwicklung löste sich die Band im Jahre 2006 auf. Es folgten zwei reduziert wirkende Soloalben und das bereits erwähnte Album mit Knyphausen.

Nils Koppruch erlangte über eine bis zuletzt viel zu kleine Anhängerschaft hinaus kaum größere Bekanntschaft. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich der Hamburger als freischaffender und recht erfolgreicher Maler. Für den Mann der mit knarziger Stimme vorgetragenen lakonischen Zwischentöne hat der Lebensweg mit 46 Jahren ein viel zu frühes Ende genommen. Am Mittwoch, den 10. Oktober ist er friedlich eingeschlafen. Doch, in seinen Worten: Es gibt ne menge Leute, aber er war Immerhinda.

 "Hier kannst du mich finden / wenn du mich suchst / wenn du nicht siehst / dass ich längst neben dir sitz"

Fink - Sieh mich nicht an... (2001)


Kurzportrait von KonspirativeKüchenKonzerte

Freitag, 28. September 2012

Steinbrücks Kandidatur

Schon seit Monaten hatte man es raunen gehört. Doch jetzt ist es endlich gewiss: Peer Steinbrück wird Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten. Im nächsten Herbst will er Angela Merkel herausfordern. Der Wahlkampf könnte also am Ende doch nicht gar so langweilig werden. Denn Steinbrück genießt bis weit ins CDU-Lager hinein Anerkennung.

Die SPD will es nun also doch wissen und lässt den Kandidaten ins Rennen, der die besten Aussichten hat, parteiintern allerdings wohl auch am schmerzhaftesten sein wird. Sonderlich beliebt hat er sich in der SPD nie gemacht. Und als diplomatisch wird er auch nicht gerade gerühmt. Der Hanseate gilt als herrisch, undiplomatisch und autoritär. Zudem steht er mit vielen Ansichten am rechten Rand der Sozialdemokratie. In Helmut Schmidt-Manier könnte er also theoretisch einen Kanzler abgeben, der respektiert wird, aber nach Ansicht vieler Wähler "leider in der falschen Partei" ist.

Das wahrscheinlichste Szenario: Steinbrück wird Vizekanzler

Auch wenn der Wahlkampf so an Spannung gewinnt, deutet nur wenig darauf hin, dass er Angela Merkel als Kanzler beerben wird. Das wahrscheinlichste Szenario für die kommende Bundestagswahl ist eine Wiederauflage der Großen Koalition von 2005-2009 mit Peer Steinbrück als Vizekanzler (auch wenn der Kandidat das momentan noch kategorisch ausschließt). Denn es wird wohl für keines der beiden politischen Lager reichen. Dafür ist unser Parteiensystem schlicht zu fragmentiert. Außerdem ist bekannt, dass die Kanzlerin den ungeliebten Koalitionspartner nur allzu gerne loswerden würde.

Zu den kleinen Parteien: Der Höhenflug der Grünen, die letztes Jahr schon vor der SPD gesehen wurden, ist definitiv beendet und die Partei auf Normalmaß zurückgestutzt. Ein gutes Wahlergebnis werden sie dennoch erzielen. Probleme, die sich die Liberalen nur erträumen dürfen. Die FDP kann froh sein, wenn sie es überhaupt wieder in den Bundestag schafft. Doch am Ende wird sie den Sprung schon schaffen. Allerdings werden die entscheidenden Prozente für Schwarz-Gelb fehlen. Auch die Linke wird an den Wahlerfolg von 2009 nicht anknüpfen können, aber nicht aus dem Bundestag fliegen. Und die Piraten? Wenn sie die 5-Prozent-Hürde überwinden, wird es definitiv weder für Rot-Grün noch Schwarz-Gelb reichen. Schwer vorherzusagen, ob sie es schaffen werden. In einem wohl von der Euro-Krise dominierten Wahlkampf werden sie es allerdings sehr schwer haben, sich zu profilieren.

Zu den beiden - gar nicht mehr so - großen Parteien: Es sind Krisenzeiten, und in diesen fürchten die Menschen nichts mehr als die Veränderung. Ein Großteil der Deutschen fühlt sich schließlich von Angela Merkel gut durch die Krise geführt, welche die meisten hierzulande ohnehin nur aus dem Fernsehen kennen. Die Kanzlerin ist beliebt, beliebter auch als ihre Partei. Von einer Wechselstimmung ist nichts zu spüren. Das liegt auch an einer SPD, deren Glaubwürdigkeit in den langen Jahren der Regierungszeit nachhaltig Schaden genommen hat. Während sich die CDU modernisierte und teils gar sozialdemokratische Agenda kaperte, wirkt die SPD immer noch traumatisiert. Eine wirkliche politische Alternative, eine Gegen-Agenda zu Schwarz-Gelb, ist von der Oppositionspartei bisher nicht erkennbar.

Zwar wird die SPD sicher besser abschneiden als bei ihrer historischen Wahlniederlage von 2009. Aber auch mit einem Steinbrück, der jetzt die Finanzmärkte regulieren will, die er einst deregulierte, wird es der SPD wohl kaum gelingen, stärkste Partei zu werden. Das haben in der deutschen Geschichte ohnehin nur zwei Sozialdemokratien geschafft: Willy Brandt anno 1972 gegen Rainer Barzel und Gerhard Schröder 1998 gegen den altersmüden Helmut Kohl. Doch besitzt weder Steinbrück das Charisma von Brandt oder Schröder, noch lässt Angela Merkel Altersmüdigkeit erkennen.

Angela Merkel - die ewige Kanzlerin?

Für die SPD kommt erschwerend hinzu, dass die Regierungsjahre, insbesondere die Agenda-Politik, immer noch auf den Genossen lasten. Unter Schröder und in der Großen Koalition hat die Partei viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt und bis heute keinen richtigen Umgang mit dieser Zeit gefunden. Viele traditionelle SPD-Wähler haben sich enttäuscht abgewendet. Und mit Steinbrück wird einer der prominentesten Protagonisten dieser Zeit nun zum Gesicht der Partei werden. Ein glaubwürdiger Neuanfang sieht anders aus. Innerparteiliche Konflikte sind vorprogrammiert.

Und Angela Merkel? Ein Ende ihrer Kanzlerschaft liegt wohl noch in weiter Ferne. Nach der Wende galt sie als "Kohls Mädchen". Diese Zeiten sind lange vorbei. Niemand wird die Kanzlerin heute noch ernsthaft unterschätzen. Ihr einstiger Förderer - "der ewige Kanzler" - stand 16 lange Jahre an der Spitze dieses Staates. Die Kanzlerin ist nun bereits sieben Jahre im Amt., und weit und breit niemand in Sicht, der sie beerben könnte. Angela Merkel - auf dem Weg zur "ewigen Kanzlerin"?

Montag, 24. September 2012

Impressionen XXV: Trophane


et henüz pişmemiş...

Jörg Fauser - Trophane (1984), aus seinem
autobiographischen  Roman Rohstoff komprimierte Lyrik.

Kule Optik.

No more lies.

Montag, 3. September 2012

Cradle to Cradle


Jeder Deutsche produziert rund 450 Kilogramm Hausmüll - und das jedes Jahr. Im EU-Durchschnitt sind es sogar stolze 524 Kilogramm. Würde die ganze Welt so viel Abfall hinterlassen wie die EU-Bürger, wären das 3 668 000 000 000 Kilogramm Müll pro Jahr. Dass unser Planet dies nur schwer verkraften kann, liegt auf der Hand. Doch noch konsumieren nicht alle Menschen so viel wie die Europäer. 

Damit auch der Rest der Welt künftig unserem Konsumverhalten frönen kann, bedarf es eines neuen Umgangs mit dem Abfall, den wir produzieren. Denn momentan wird in den Entwicklungsländern ein Großteil unseres teils gefährlichen Abfalls wiederverwertet - auf Kosten von Natur und Gesundheit der dortigen Bevölkerung. Doch es gibt auch Konzepte, die es ermöglichen, aus diesem ungesunden Kreislauf auszusteigen. Das Stichwort heißt Cradle to Cradle (C2C), zu deutsch: von der Wiege bis zur Wiege. 

Umweltschutz ist mehr als effektive Müllproduktion 

Einer der deutschlandweit bekanntesten Befürworter von C2C ist der Chemiker Michael Braungart. Sein Credo lautet: "Müll ist Nahrung". Im Jahre 1987 trennte er sich von seinem vorherigen Arbeitgeber Greenpeace und gründete das EPEA-Institut, um Organisationen hinsichtlich ihrer Ökoeffektivität zu beraten. Dabei kritisiert er das hierzulande vorherrschende Mainstream-Verständnis von Ökologie. Im Gespräch mit N-TV sagt er: "Es ist irrsinnig zu glauben, Umweltschutz besteht aus einer möglichst effektiven Zerstörung der Rohstoffe." Sein Vorwurf an die Deutschen: Sie optimieren, aber leider optimieren sie das falsche System.


Braungarts Grundprinzip: Schon bei der "Geburt" eines Produktes soll ein mögliches zweites Leben eingebaut sein: von der Wiege bis zur Wiege eben - ein Kreislaufsystem. Mit den Produkten sollen keine Giftstoffe in die Umwelt gelangen, für ihre Produktion und Entsorgung keine Rohstoffe ausgebeutet und keine fossilen Brennstoffe verheizt werden. Für Braungart sind potenziell alle Materialien kompostierbar, egal ob Metall, Plastik, Textilien oder Holz. Und Waren wie Möbel, Elektrogeräte oder Textilien lassen sich so produzieren, dass die Hersteller sie nach Gebrauch in ihre Einzelteile zerlegen und wiederverwerten können. 

Ein weiterer Protagonist der C2C-Szene ist der US-amerikanische Architekt William Mc Donough. Er übersetzte die Ideen Braungarts in eine nachhaltige Gebäudeplanung. Beide blicken auf eine langjährige gemeinsame Zusammenarbeit zurück, haben Bücher verfasst und Büros in vielen Ländern eröffnet. Mit ihren Konzepten haben die beiden so manches Unternehmen überzeugt, darunter Größen wie Nike oder Puma. Der Sportartikelhersteller Nike nimmt inzwischen Turn­schu­he aller Marken zu­rück und verwertet sie weiter zu Laufbahnen oder Bas­ket­­ball­plät­zen. Oder hierzulande Trigema. Der Burladinger Textilhersteller hat seit kurzem eine eigene C2C-Kollektion und produziert kompostierbare Klamotten. Firmenchef Grupp gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Enorm: "Nichts Unverwertbares entsteht, nichts geht verloren. Das ist die eigentliche Revolution." 

Taugt C2C zu mehr als Sonntagsreden? 

Kritik an C2C gibt es ausgerechnet vom Umweltbundesamt. Dieses zweifelt an der Praktikabilität der Vorschläge Braungarts. Die seien nicht ausreichend zu Ende gedacht, Rohstoffströme nur unzureichend geplant. Das bereits bestehende Kreislauswirtschaftsgesetz reiche vollkommen aus. Zwar machen sich, so Joachim Wuttke vom Fachbereich Nachhaltige Produktion in der Zeit, seine Ideen gut in Sonntagsreden. Aber "in der praktischen flächendeckenden Umsetzung stoßen wir auf zahlreiche Grenzen, die uns politische und ökonomische Rahmenbedingungen setzen." Damit seine Ideen funktionieren, müssten schon alle mitmachen, am besten weltweit. 

Braungart würde dem wohl nur zum Teil widersprechen, fordert er doch, so der Titel eines seiner Bücher, nicht weniger als "die nächste industrielle Revolution". Davon ist die weltweite industrielle Produktion zwar noch weit entfernt. In den Niederlanden aber hat sich die C2C-Idee bereits verbreitet. Zahlreiche Firmen haben auf ein Kreislaufsystem umgestellt. Die Region Venlo bezeichnet sich gar als "Cradle-to-Cradle-Region". Die niederländische Regierung unterstützt das nachhaltige Konzept und will in Zukunft nur noch C2C-Design einkaufen. Seit 2008 gibt es auch einen eigenen Cradle-to-Cradle-Lehrstuhl an der Erasmus-Universität Rotterdam. Die Professur hat Michael Braungart. 

Annäherung an ein Ideal 

Braungart versteht C2C als Prozess. Unsere Konsumprodukte enthalten eine Vielzahl von Chemikalien. Zudem kommen allein bei der Herstellung von Textilien rund 7 000 Chemikalien zum Einsatz. Dass von heute auf morgen ohne diese hergestellt werden kann, hält auch er für illusorisch. Daher zertifiziert das EPEA -Institut C2C-Produkte mit Bronze, Silber, Gold und Platin, je nachdem wie sehr sich das jeweilige Produkt dem Ideal annähert. So versucht man auch der Gefahr zu entgegnen, dass Unternehmen, die sich mit C2C schmücken nur Greenwashing betreiben. 

Auch in den USA ist das Interesse an C2C groß. Im Jahre 2003 wurde Braungart mit dem "Presidential Green Chemistry Award" ausgezeichnet. 2007 ernannte das Time Magazine McDonough und Braungart zu "Helden der Umwelt". Einer seiner prominentesten Befürworter ist außerdem Arnold Schwarzenegger. In seiner Zeit als kalifornischer Gouverneur machte er die Idee prominent. San Francisco feiert inzwischen einmal jährlich den Cradle-to-Cradle-Tag. Auch Regisseur Steven Spielberg arbeitet an einem Dokumentarfilm über den Visionär und unterstützt die Idee mit Millionenspenden. In Deutschland , dem Mutterland der Ökologiebewegung, wird Braungart hingegen mit seinen Ideen hingegen noch kaum wahrgenommen. Die von ihm ersehnte "nächste industrielle Revolution" werde hierzulande bisher verschlafen. 

Links: 

Dienstag, 28. August 2012

Mixtape No. 6: An den Rändern


1. Christian Rottler - Feuer (2006)
2. Tim Kasher - Bad, bad dreams (2010)
3. Soléy - Pretty face (2012)
4. Wilco - On and on and on (2007)
5. Gravenhurst - Cities beneath the sea (2005)
6. The XX - Crystalized (2009)
7. Destroyer - Kaputt (2011)
8. Cursive - We're going to hell (2009)
9. Vincent Gallo - Yes, I'm lonely (2001)
10. Songs: Ohia - Captain Badass (1999)

...und hier das Mixtape als Youtube-Playlist.


Montag, 20. August 2012

Das Fanal von Rostock


Es war ein Fanal in der jungen Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands. Ein Rostocker Hochhaus stand im August 1992 unter tagelanger Belagerung des rassistischen Mobs - auch weil die Sicherheitskräfte zu zurückhaltend agierten. Nur mit Glück konnten Tode verhindert werden.

1992, Deutschland ist gerade wiedervereinigt, der Eiserne Vorhang gefallen. Auf dem Balkan nimmt derweil der Jugoslawienkrieg seinen Lauf. Und Deutschland erlebt einen nie gekannten Ansturm an Asylbewerbern. Insgesamt sollten bis Ende des Jahres rund 440 000 Anträge gestellt werden. Etwa zwei Drittel aller Anträge der Europäischen Union fallen zu diesem Zeitpunkt auf Deutschland. Gut vier Prozent davon werden bewilligt. Der Zustrom erhitzt die Gemüter der Deutschen und lässt die Asyldebatte hochkochen. Die Republikaner sitzen seit 1989 im Europaparlament und haben im April des Jahres mit 10,9 Prozent den Einzug in den baden-württembergischen Landtag geschafft. Aber auch Unionspolitiker wie der Bremer Spitzenkandidat Ulrich Nölle machten Wahlkampf unter dem Schlagwort "Asylmissbrauch".

Zu diesem Zeitpunkt war Antonia Amadeo Kiowa - das erste Opfer rechtsextremer Gewalt nach der Wiedervereinigung - bereits fast zwei Jahre tot. Der Mosambikaner kam als Vertragsarbeiter im Jahre 1987 in die DDR und wurde in einer Dezembernacht von Neonazis brutal ermordet, ohne dass anwesende Polizisten einschritten. Bereits im September 1991 tobte auch ein Mob im sächsischen Hoyerswerda, der sich gegen ein Heim von Vertragsarbeitern und Flüchtlingen richtete. Nachdem dieses über eine Woche lang immer wieder belagert und angegriffen wurde, kamen die Flüchtlinge schließlich unter Polizeischutz aus dem Ort. Im Deutschland der frühen 1990er Jahre herrschte eine feindselige Stimmung gegenüber Fremden.

Unhaltbare Zustände im Aufnahmelager

So auch in Rostock-Lichtenhagen, wo sich ein großes zentrales Aufnahmelager für Flüchtlinge befand. Aufgrund der starken Zuströme, vor allem aus dem Osten Europas, war dieses im Sommer 1992 heillos überlastet. Für hunderte Asylbewerber, darunter viele Sinti und Roma, fand sich nicht einmal mehr ein Platz in der Unterkunft. Sie campierten - bar jeglicher sanitären Versorgung - vor dem Hochhaus. Anwohner Lichtenhagens beschwerten sich über die Zustände vor dem "Sonnenblumenhaus" genannten Plattenbau. Bereits im Juli 1991 warnte Oberbürgermeister Klaus Kilimann: „Schwerste Übergriffe bis hin zu Tötungen sind nicht mehr auszuschließen“.

Doch es geschah... nichts. Neonazis nutzten die aufgeladene Stimmung und verteilten Flugblätter mit Aufrufen zur Gewalt. Am frühen Abend des 22. August versammelten sich schließlich rund 2 000 Menschen vor dem Zentralen Aufnahmelager und skandierten ausländerfeindliche Parolen. Eintreffende Polizisten wurden verprügelt. Der Mob hatte zeitweise die Kontrolle über Lichtenhagen erlangt. Was dann in den darauffolgenden Stunden und Tagen passierte, ist ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte. Denn erst in der Nacht des 25. August sollte es der Polizei gelingen, die Kontrolle über den Stadtteil zurückzuerlangen.

Rassistische Volksfeststimmung vor dem Sonnenblumenhaus

In der Zwischenzeit herrschte auf dem Platz vor dem Sonnenblumenhaus eine Art Volksfeststimmung. Neonaziführer aus dem Westen wie Christian Worch gesellten sich unter die Menge und heizten die Stimmung an. Zuschauer applaudierten und gröhlten rassistische Parolen. Am Abend des 23. August stürmten dann hunderte von Jugendlichen das Haus. Wieder gelang es den Polizeibeamten nur schwer, die Meute zu kontrollieren. Am 24. August wurde das Aufnahmelager geräumt. Die Situation schien sich zu beruhigen. Gegen 21 Uhr zogen sich die Polizisten fatalerweise zurück. Denn der Mob gab sich keineswegs damit zufrieden. Nun verlagerte sich das Geschehen auf das daneben liegende Wohnheim, in dem sich über 100 Vietnamesen befanden. Molotow-Cocktails wurden geworfen, das Haus gestürmt. Ein Reporter-Team von "Kennzeichen D" war zu diesem Zeitpunkt mit den Vietnamesen im Haus, weshalb Flucht und Todesangst filmisch gut dokumentiert sind (bei Youtube leider nur mit italienischen Untertiteln).

Nur knapp konnten die Vietnamesen in dieser Nacht dem Flammentod entgehen. Stundenlang hindern Randalierer die Feuerwehr an Löscharbeiten, von der Polizei ist lange nichts zu sehen. Im letzten Moment retten sich die eingeschlossenen Vietnamesen über das Dach des Nachbarhauses, Kurz vor Mitternacht gelang den Sicherheitskräften schließlich die Evakuierung der gut hundert Menschen aus dem brennenden Gebäude. Unter dem Beifall einer johlenden, "Deutschland den Deutschen" gröhlenden Menge wurden sie schließlich mit Bussen abtransportiert. Am letzten Tag der Ausschreitungen, dem 25. August, waren schließlich keine Fremden mehr da. Die Gewalt richtete sich nun direkt gegen die Staatsgewalt, die drei Tage lang nicht nur zu schlecht ausgestattet war, sondern auch zu zögerlich und nicht weitsichtig genug agierte. Dann war der Spuk vorbei. Der Staat hatte versagt, der Mob sein Ziel erreicht. Aber Rostock-Lichtenhagen bildete nur den Auftakt. Noch im selben Jahr kam es zum Mordanschlag von Mölln, kurz darauf zum Brandanschlag von Solingen.

Lehren aus den Ausschreitungen?

Das politische Ergebnis dieser rassistischen Pogrome war der Asylkompromiss Ende 1992. War Deutschland bis dahin eines der eher liberaleren Länder für Asylsuchende, wurde es nun zu einem der europaweit restriktivsten. Die Aussicht auf Anerkennung eines Asylantrags tendiert seitdem gegen Null. Die Zahl der Asylanträge ging in den nächsten Jahren stetig zurück. Ebenso die Erfolge der Republikaner. Der erste Jugoslawienkrieg ging 1995 zu Ende. Das Thema Asyl verschwand mehr und mehr aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Eine nennenswerte juristische Aufarbeitung der Brandnacht hat aber nie stattgefunden. Zwar wurden 370 Personen festgenommen, doch die meisten Verfahren schnell eingestellt. Lediglich vier Brandstifter kamen ins Gefängnis, drei von ihnen erst zehn Jahre nach dem Pogrom. Zehn Jahre später und wenige Tage vor dem Lichtenhagener Friedensfest verübten Jugendliche einen Brandanschlag auf einen asiatischen Imbiss, einen asiatischen Supermarkt, sowie ein Büro der Arbeiterwohlfahrt im Sonnenblumenhaus.

2012. Unlängst wurde die rassistische Mordserie des NSU aufgedeckt. Zwanzig Jahre später sitzt die NPD nun mit zwei Sitzen in der Rostocker Bürgerschaft und fünf Sitzen im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Einer von ihnen ist Michael Andrejewski, Initiator des hetzerischen Lichtenhagen-Flublatts im Sommer 1992. Und die NPD kommt immer wieder gerne zurück nach Lichtenhagen, um dort Wahlkampf zu machen gegen die Rostocker "Ausländer- und Überfremdungslobby". Oder erst kürzlich gegen den "Lichtenhagen-Schuldkult". Im Sonnenblumenhaus haben sich längst wieder Vietnamesen niedergelassen. Über die Geschehnisse im Sommer 1992 reden die Bewohner allerdings nur ungern. Zu tief sitzt das Trauma. Anfang August war Bundespräsident Gauck zu Besuch in Rostock. Er sprach davon, dass wir den Rechtsextremen "nicht unsere Angst schenken sollten". Doch die Angst, diese urdeutsche Angst, sie ist noch da.

Freitag, 17. August 2012

Zehn Jahre Hartz IV


Es war die größte Sozialstaatsreform der deutschen Geschichte - und eine der heißumstrittensten. "Hartz IV" wurde zum geflügelten Wort für Armut, Unterschicht und Ungleichheit. Die umstrittene Reform feiert nun ihren zehnten Geburtstag. Ein Grund, zu feiern? 

Am Ende der ersten Amtszeit von Gerhard Schröder war Deutschland in keiner guten Verfassung: Die deutsche Wirtschaft befand sich in einer Rezession, die Arbeitslosenzahlen waren so hoch wie nie. Und obendrein war man gerade dabei, als erstes europäisches Land die Maastricht-Kriterien zu brechen. Die Bundesrepublik galt als "kranker Mann Europas". Dabei war Schröder mit dem Versprechen angetreten, die Arbeitslosenzahlen deutlich zu senken. Daran wollte er seine Kanzlerschaft messen lassen. Oder zurücktreten. Wären das Elbhochwasser und das Nein zum Irakkrieg nicht gewesen, hätte Schröder wohl schon nach vier Jahren den Hut nehmen müssen.

Der Kanzler, Mann der Tat, berief daher eine Kommission ein, die Vorschläge für Wege aus dieser Krise liefern sollte. Zehn Jahre ist es nun her, dass diese Kommission um VW-Vorstand Peter Hartz Bundeskanzler Gerhard Schröder ihr Reformkonzept präsentierte. Als Schuldige waren dort schnell der angeblich verkrustete Sozialstaat und der unflexible Arbeitsmarkt ausgemacht. Ohne harte Strukturreformen, so das Fazit, ließe sich Deutschland nicht aus der Krise herausmanövrieren. Kernstück sollte die Aktivierung der Arbeitslosen werden: "Fordern und Fördern" war die Losung.

2005 wurde Hartz IV schließlich umgesetzt. Arbeitslosen- und Sozialhilfe wurden zusammengelegt und durch das Arbeitslosengeld II ersetzt. Wer dieses künftig beziehen wollte, musste seine Bedürftigkeit erst nachweisen und seine Vermögens-, Wohn- und Familienverhältnisse offen legen. Die als arbeitsfähig eingestuften (was laut Gesetz all jene sind, die drei Stunden pro Tag arbeiten können), mussten fortan beweisen, dass sie sich auch um eine Stelle bemühen. Als akzeptabel galt nun nahezu jede Arbeit. Wer sich etwas angespart hatte oder zu viel besaß, verfügte über keine Ansprüche mehr. Außerdem wurden Ein-Euro-Jobs eingeführt, mit denen Langzeitarbeitslose wieder ans Berufsleben herangeführt werden sollten. 

Nur Teil eines umfassenderen Reformkonzepts

Dass Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden, war nur ein Teil eines umfassenderen Reformkonzepts. Die zentralen Ziele: Arbeitslosigkeit sollte bekämpft und die Arbeitsmärkte entlastet werden. Die Hartz-Reformen setzten dafür an drei Punkten an: Erstens wurden die Lohnnebenkosten gesenkt und Minijobs eingeführt, um die Arbeitskosten zu verringern. Zweitens sollte die unternehmerische Flexibilität gestärkt werden. Befristete Arbeitsverhältnisse wurden gefördert, der Kündigungsschutz gelockert, Leiharbeit vereinfacht und Existenzgründungen (etwa in Form von Ich-AGs) erleichtert. Und schließlich sollte drittens die Arbeitslosenvermittlung verbessert werden durch verschärfte Zumutbarkeitsregeln und eine Reform der Arbeitsämter.

Die Schröder'schen Reformen erschütterten die ganze Republik. Montagsdemos gegen Hartz IV überzogen monatelang das Land. Die Linke entstand als politische Kraft, und Oskar Lafontaine feierte ein triumphales Comeback als Anti-Schröder. Die Sozialdemokratie selbst verlor unzählige Mitglieder und die Kanzlerschaft. Und auch die Arbeitswelt wurde kräftig durcheinander geschüttelt. Ironie der Geschichte: Im Jahr der Hartz-Reformen sollte die Arbeitslosigkeit erst einmal auf ein Allzeithoch von über fünf Millionen steigen.

Ungleichheit als Preis der Reformen

Der Preis der Reformen war schließlich ein rasanter Anstieg der sozialen Ungleichheit in Deutschland. Bis Ende der 1990er Jahre hatte Deutschland bei der Einkommensverteilung einen Gini-Koeffizienten von 0,25. Nach den Hartz-Reformen betrug er 0,29. Auch die Vermögensverteilung im Lande ging zunehmend auseinander. Allein von 2002 bis 2007 stieg der Vermögens-Gini-Index um drei Prozent auf 0,799. Beides ist nicht alleine den Hartz-Reformen zuzurechnen. Doch die rot-grünen Reformen trugen ihren guten Teil dazu bei. Denn heute verfügt Deutschland über Europas größten Niedriglohnsektor. Jeder vierte Beschäftigte wird dazu gezählt.

Hartz IV hat den Sozialstaat zudem pädagogisiert. Die strukturellen wirtschaftlichen Defizite wurden einfach zu individuellen Defiziten umdefiniert. Von nun an gab es den "würdigen" Arbeitslosen, der Ansprüche geltend machen kann und gefördert wird. Und es gab den "unwürdigen", der als Belastung empfunden wird, den es zu erziehen gilt - und sei es mit Leistungsentzug. Die charakterschwachen Menschen sind nach dieser Logik das Problem. Nicht die Strukturen. Auch wenn in den darauffolgenden Jahren am Hartz-IV-System immer wieder herumgedoktort wurde, an diesem Grundsatz hat sich wenig geändert.

Fazit

Nach zehn Jahren ergibt sich so ein widersprüchliches Bild. Die Wirtschaft hat sich von ihrem Tief wieder erholt. Und seit den Kontinent infolge der Finanzkrise eine Krise nach der anderen erschüttert, werden die Arbeitsmarktreformen immer wieder gerühmt. Ohne diese, so heißt es, würde Deutschland heute nicht so gut dastehen. Für die deutsche Wirtschaft waren die Reformen ein Segen. Doch wie steht es um die gesellschaftliche Wirkung? Ist dieses Land etwa solidarischer geworden? Ängstlicher jedenfalls ist es. Die sozialen Konflikte haben sich verschärft. Denn die Mittelschicht fürchtet den Abstieg. Und das öffentliche Bild der Arbeitslosen ist schlechter denn je. Zehn Jahre Hartz IV - das ist nicht unbedingt ein Grund, zu feiern.