Sonntag, 22. April 2007

Manderlay: oder was ist Freiheit?



Mitte der Neunziger Jahre verfassten vier dänische Regisseure, unter ihnen Lars von Trier, ein Manifest, mit dem sie ein Gelübde ablegten wider den Geist des modernen Films mit seiner zunehmenden Wirklichkeitsverfremdung. Die Regeln von Dogma 95 hießen wie folgt:

1. Als Drehorte kommen ausschließlich Originalschauplätze in Frage, Requisiten dürfen nicht herbeigeschafft werden.
2. Musik muss im Film vorkommen (zum Beispiel als Spiel einer Band) und darf nicht nachträglich eingespielt werden.
3. Zur Aufnahme dürfen ausschließlich Handkameras verwendet werden.
4. Die Aufnahme erfolgt in Farbe, künstliche Beleuchtung ist nicht akzeptabel.
5. Spezialeffekte und Filter sind verboten.
6. Der Film darf keine Waffengewalt oder Morde zeigen.
7. Zeitliche oder lokale Verfremdung ist verboten – d.h. der Film spielt hier und jetzt.
8. Es darf sich um keinen Genrefilm handeln.
9. Das Filmformat muss Academy 35 mm sein.
10. Der Regisseur darf weder im Vor- noch im Abspann erwähnt werden.

Doch durch Dogville, den ersten Film seiner Amerika-Trilogie wurde das Dogma teilweise wieder durchbrochen. Als Kulisse diente lediglich eine aufs wesentliche reduzierte Theaterbühne, auf der mit einigen wenigen auf den Boden geschriebenen Wörtern und Linien der Schauplatz, jenes gottverlassene Dorf in der amerikanischen Provinz namens Dogville, dargestellt wurde. Eben jene Reduktion, und die einfache, aber harte Geschichte von Ausgrenzung und Erniedrigung waren es, die den Film so radikal machten. Manderlay verkörpert sowohl inhaltlich wie darstellerisch die Fortsetzung dieses düsteren, ersten Amerikafilms.

Der Film thematisiert die alte Freiheitsproblematik explizit an einem erschreckend rückständigen amerikanischen Dorf der Dreißiger Jahre, in dem, als hätte es den Amerikanischen Bürgerkrieg nie gegeben, die Sklaverei noch immer existiert. Grace, die weiße Hauptprotagonistin schafft diese – mithilfe der Waffengewalt ihres kriminellen Vaters und eines guten Advokaten – ab und hofft auf den Freiheitswillen der schwarzen Bewohner des Dorfes. Sie führt Regeln der Demokratie ein, will den ehemaligen Sklaven die positiven Seiten der Freiheit und der Demokratie nahe legen. Doch „Mam’s Law“, das ehemalige Manifest der Unterdrückung (in dem die „Nigger“ nach sieben Kategorien eingeteilt und dementsprechend behandelt wurden) übt weiterhin Macht über die ehemals Unfreien aus. Sie verhalten sich nicht so, wie es sich die liberale, progressive Humanistin, die mit dem Gefühl handelt, über hundert Jahre Unterdrückung sühnen zu müssen, erhofft hatte. So konnte sie zwar die physischen Ketten, die geistigen allerdings blieben bestehen, denn: „Wir sind, wozu sie uns gemacht haben!“ Und so bleiben die Menschen auch in der Freiheit ganz bewusst Sklaven: "Amerika war vor siebzig Jahren nicht bereit, uns Neger als Gleiche willkommen zu heißen, und ist es immer noch nicht. (...) Ich habe Angst, dass die Erniedrigung, die dieses Land für uns freie Schwarze bereit hält, jede Vorstellung überschreiten wird. Also haben wir abgestimmt. Und wir haben uns dafür entschieden, auf Manderlay einen Schritt rückwärts zu gehen und das alte Gesetz wieder einzuführen."

Die Handlung von Manderlay ist größtenteils angelehnt an Pauline Réages Histoire d'O: Eine Gruppe von Schwarzen, denen vor kurzem vom Gesetz die Freiheit geschenkt wurde, wendet sich an ihren ehemaligen Herrn, den sie darum bitten, sie wieder als Sklaven aufzunehmen. Doch dieser weigert sich, niemand weiß, ob aus Furcht oder aus Skrupel, oder einfach weil er ein gesetzestreuer Bürger war. Seine früheren Sklaven begannen nun, Gewalt auszuüben. Nachdem ihre vorsichtigen Versuche keinen Erfolg hatten, massakrierten sie ihren ehemaligen Herrn und dessen Familie. In der selben Nacht zogen die Schwarzen wieder in ihre ehemaligen Quartiere, wo sie damit fortfuhren, ihrer einstigen Arbeit so nachzugehen, wie sie es vor der Abschaffung der Sklaverei getan hatten.

Der Film hat, im Gegensatz zu Dogville, keine eindeutigen oder einfachen Antworten zu bieten. Er lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück, auch da sich gegen Ende die Rollen vertauschen. Er provoziert, da er die üblichen Denkmuster verwirft. Manderlay ist ein schmutziger, hässlicher Ort, auf den zu schauen man, wie bei ein hässlichen Ekzem, lieber verzichten mag. Aber er existiert noch in viel zu vielen Köpfen. Wann sind Menschen wirklich bereit für die Freiheit? Und wenn sie es sind, was machen sie mit ihrer Freiheit? Dass sie leider sehr oft die schlimmste Barbarei gebiert, dass sich Menschen, die plötzlich in Freiheit leben, aber noch nicht dazu bereit sind, mitunter fatal verhalten, zeigt die Menschheitsgeschichte ja nur zu deutlich...

Samstag, 21. April 2007

Musik...

...für ein Appartement und sechs Schlagzeuger. Ein Kurzfilm von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson. Wirklich erstaunlich, was sich so alles mit Haushaltsgegenständen machen lässt.

Sonntag, 15. April 2007

Schreiben Sie so über Afrika!

Als ich vor kurzem wieder einmal in dem wunderbaren Bildband "Unterwegs in Afrika" von Michael Martin und Andreas Allmann blätterte und einige der Geschichten las, kam mir folgender bitterböser Artikel des kenianischen Schriftstellers Binyavanga Wainaina wieder in den Kopf, der Anfang letzten Jahres in diversen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurde:

Schreiben Sie so über Afrika!
Stöhnen ist gut: Eine Anleitung

Verwenden Sie im Titel die Worte "Afrika", "Finsternis" oder "Safari", im Untertitel können außerdem Begriffe wie "Sansibar", "Nil", "Groß", "Himmel", "Schatten", "Trommel" oder "Sonne" auftauchen. Immer hilfreich sind Wörter wie "Guerillas", "zeitlos", "ursprünglich" oder "Stamm". Zeigen Sie niemals das Bild eines modernen Afrikaners auf dem Buchumschlag, es sei denn, er hätte den Nobelpreis gewonnen. Verwenden Sie stattdessen: eine Kalaschnikow, hervortretende Rippen, nackte Brüste. Falls Sie tatsächlich einen Afrikaner abbilden müssen, nehmen Sie einen Massai, Zulu oder Dogon.

In Ihrem Text sollten Sie Afrika als ein einziges Land behandeln. Es sollte heiß und staubig sein mit wogenden Weiden, riesigen Tierherden und großen, dürren Menschen, die Hunger leiden. Oder heiß und schwül mit sehr kleinen Menschen, die Affen essen. Verzetteln Sie sich nicht in detaillierten Beschreibungen. Afrika ist groß: 54 Länder und 900 Millionen Menschen, die viel zu sehr damit beschäftig sind, zu hungern, zu sterben, zu kämpfen und auszuwandern, als dass sie Zeit hätten, Ihr Buch zu lesen. Der Kontinent ist randvoll mit Wüsten, Regenwald, Savanne und vielem anderem, aber Ihrem Leser ist das egal, deshalb beschränken Sie sich am besten auf romantische, raunende und eher unspezifische Darstellungen. Betonen Sie, wie tief Musik und Rhythmus in der afrikanischen Seele verwurzelt sind, und bemerken Sie, dass Afrikaner Dinge essen, die niemand sonst runterbringt. Kein Wort über Reis, Rindfleisch oder Weizen. Zur afrikanischen Cuisine gehört Affenhirn, außerdem Ziege, Schlange, Würmer, Larven und jede Sorte Wild. Lassen Sie den Leser wissen, wie Sie gelernt haben, alles dies zu essen und sogar zu genießen. Weil Ihnen daran liegt. Enden Sie mit Mandela.

Tabu-Themen sind Alltag, Liebe (es sei denn, es ginge auch um Tod), afrikanische Schriftsteller oder Intellektuelle, Schulkinder, die nicht unter Ebola oder anderen schlimmen Krankheiten leiden. Der Ton Ihres Buches sollte gedämpft sein und eine gewisse Komplizenschaft mit dem Leser zum Ausdruck bringen. Ihre Haltung ist ein betrübtes "Ich-hatte-so-viel-erwartet". Erwecken Sie früh den Eindruck einer zutiefst liberalen Grundeinstellung, und kommen Sie rasch auf Ihre unerschütterliche Liebe zu Afrika zu sprechen. Afrika ist der einzige Kontinent, den Sie lieben dürfen - machen Sie was draus! Wenn Sie ein Mann sind, werfen Sie sich dem jungfräulichen Regenwald in die Arme. Sind Sie eine Frau, betrachten Sie Afrika als Mann mit Buschjacke auf dem Weg in den Sonnenuntergang. Afrika muss man bemitleiden, ihm huldigen oder es beherrschen. Aber ganz egal, wofür Sie sich entscheiden - ohne Ihr Engagement und Ihr Buch würde Afrika vor die Hunde gehen. Lassen Sie daran keinen Zweifel.

Zu den afrikanischen Figuren Ihres Buches könnten nackte Krieger, treue Diener, Wahrsager und Seher gehören, weise alte Männer in phantastischer Einsamkeit. Außerdem korrupte Politiker, polygame Reiseleiter und Prostituierte, mit denen Sie geschlafen haben. Der Treue Diener benimmt sich in der Regel wie ein Siebenjähriger und braucht eine strenge Hand. Er fürchtet sich vor Schlangen, ist kinderlieb und verwickelt Sie ständig in seine häuslichen Streitereien. Der Weise Alte Mann gehört immer zu einem edlen Stamm (nicht zu den geldgierigen Gikuju, Igbo oder Shona). Er hat triefende Augen und ist innig mit der Erde verbunden. Der Moderne Afrikaner ist ein raffgieriger Fettsack, der in einem Visabüro arbeitet und sich weigert, qualifizierte Mitarbeiter aus dem Westen einreisen zu lassen, obwohl ihnen wirklich an Afrika liegt. Er ist ein Feind jeder Entwicklung und nutzt sein Regierungsamt, um pragmatische und gutherzige Ausländer daran zu hindern, eine Nicht-Regierungs-Organisation aufzuziehen. Vielleicht ist er aber auch ein ehemaliger Oxford-Absolvent, der in der Politik zum Serienkiller wurde und feine Anzüge trägt. Ein Kannibale mit einer Vorliebe für eine bestimmte Champagner-Marke und einer Hexe als Mutter, die in Wahrheit das Land regiert.

Auf keinen Fall darf die Hungernde Afrikanerin fehlen, die sich halbnackt von Lager zu Lager schleppt. Ihre Kinder haben Fliegen in den Augenwinkeln und Hungerbäuche, ihre Brüste sind leer. Sie hat keine Geschichte, keine Vergangenheit, das würde nur die Dramatik des Augenblickes stören. Stöhnen ist gut. Bringen Sie außerdem irgendwie eine warmherzige, mütterliche Frau mit tiefem Lachen unter. Sie nennen sie Mama. Ihre Kinder sind Kriminelle. Gruppieren Sie diese Figuren um Ihren Helden. Der Held sind Sie selbst (Reportage) oder eine gut aussehende tragische Berühmtheit, die sich im Tierschutz engagiert (Roman). Zu den Bösewichtern aus dem Westen könnten die Kinder konservativer Abgeordneter gehören oder Afrikaner, die für die Weltbank arbeiten. Falls Sie die Ausbeutung durch ausländische Investoren erwähnen möchten, denken Sie an Chinesen und Inder. Geben Sie dem Westen die Schuld an der Misere in Afrika. Aber bleiben Sie vage.

Vermeiden Sie es, lachende Afrikaner zu beschreiben oder Menschen, die einfach nur ihre Kinder erziehen oder irgendetwas Banales tun. Die Afrikaner in Ihrem Buch sollten bunt, exotisch, überlebensgroß sein - aber hohl, ohne Entwicklungen und Tiefe. Das würde die Sache nur verkomplizieren. Beschreiben Sie detailliert nackte Brüste (junge, alte, vor kurzem vergewaltigte, große, kleine), verstümmelte Genitalien oder geschmückte Genitalien. Jede Art von Genitalien. Und Leichen. Nein, noch besser: nackte Leichen. Am besten: nackte verwesende Leichen. Denken Sie daran, dass schmutzige, unglückliche Menschen als das "wahre Afrika" gelten. Sie müssen sich deshalb nicht schlecht fühlen. Sie versuchen ja nur, Hilfe aus dem Westen zu mobilisieren. Keinesfalls sollten Sie allerdings jemals tote oder leidende Weiße zeigen. Tiere wiederum beschreiben Sie als hochkomplexe Charaktere. Tiere sprechen oder grunzen, sie haben Namen, Ziele und Sehnsüchte. Und sie legen Wert auf ihre Familien: Haben Sie bemerkt, wie schön die Löwen mit ihren Jungen spielen? Elefanten sind liebevoll, sie sind gute Feministinnen oder eindrucksvolle Patriarchen. Gorillas ebenfalls. Sagen Sie nie, nie, nie etwas Schlechtes über einen Elefanten oder einen Gorilla. Selbst wenn ein Elefant Häuser niedertrampelt und vielleicht Menschen tötet.

Neben Prominenten und Helfern sind Umweltschützer die wichtigsten Menschen in Afrika. Legen Sie sich nicht mit ihnen an, schließlich wollen Sie sie mal auf ihrer riesigen Ranch interviewen. Jeder sonnengebräunte Weiße in Khaki-Shorts, der mal eine Hausantilope hatte, ist ein Tierschützer, der um Afrikas reiches Erbe ringt. Fragen Sie nie, wie viel Geld er wirklich für Afrika ausgibt. Fragen Sie nie, wie viel er mit seiner Safari-Ranch verdient. Fragen Sie nie, was er seinen Angestellten zahlt.

Vergessen Sie nicht, das Licht in Afrika zu erwähnen, Ihre Leser wären enttäuscht. Den großen, roten Sonnenuntergang. Den weiten Himmel. Weite leere Räume und wilde Tiere sind unverzichtbar. Afrika ist geradezu das Land weiter leerer Räume. Sollten Sie allerdings über die Vielfalt von Pflanzen und Tieren schreiben, erwähnen Sie die Überbevölkerung. Sollte sich Ihr Held in der Wüste oder im Dschungel bei irgendeinem indigenen Volk befinden (Hauptsache, es ist klein), dürfen Sie erwähnen, dass Aids und Kriege Afrika entvölkern. Beenden Sie Ihr Buch mit einem Nelson-Mandela-Zitat, am besten mit irgendetwas über Regenbögen oder Wiedergeburt. Weil Ihnen daran liegt.

Samstag, 14. April 2007

Peinliche Lieblingslieder Teil 1



"Ein verhallender Gesang von der Utopie der Schönheit und von der Schönheit der Utopie, die vielleicht die wahre Liebe erahnt und vielleicht nie ganz erreicht".

Mal ehrlich, jeder von uns hat insgeheim diese Vorliebe für Songs, die man höchstens seinen besten Freunden offenbart. Einer von jenen, dessen Name ich hier geflissentlich verschweige, hat vor bald sechs Jahren eben jene, im jungendlichen Überschwang verfasste Zeilen zu dem wohl besten der leider viel zu vielen Eurodancesongs der Neunziger auf Papier gebracht. Viel mehr fällt mir ehrlich gesagt dazu auch nicht ein, außer dass Haddaway sich hiermit ein kleines – wenn auch etwas zweifelhaftes – Denkmal, das die Roxbury Guys zusammen mit dem von mir eher gering geschätzten Jim Carrey schließlich ad absurdum geführt haben, gesetzt hat. Entscheidet selbst:

Freitag, 13. April 2007

Null Respekt?


Im vorwärts, der alteingesessenen SPD-Parteizeitschrift, die es seit einiger Zeit wieder am Kiosk zu kaufen gibt, und die zwar etwas zahm, aber alles in allem doch besser als von mir erwartet daherkommt, las ich heute einen Artikel von Sascha Verlan. Er zeichnet nicht nur verantwortlich für das legendäre blaue Reclambüchlein "Rap-Texte", sondern ist auch zusammen mit dem berüchtigten Hannes Loh Autor des kritischen Wälzers „25 Jahre Hip Hop in Deutschland“ und in letzter Zeit schwer damit beschäftigt, an eben jenem (leicht marxistisch angehauchte) Fundamentalkritik zu üben. Und dass ich dem grundsätzlich positiv gegenüber stehe dürfte dem aufmerksamen Leser sicher geläufig sein. Deshalb möchte ich euch hier einfach ein paar lesenswerte, wenn auch in ihrer Substanz nicht gerade revolutionäre, Ausschnitte aus dem Artikel zitieren:

Zunächst beschäftigt er sich mit den Ursprüngen der Hip Hop-Kultur in der New Yorker Bronx: „Am Anfang von Hip Hop stand die Gewalt, nämlich die Zerstörung eines intakten Wohnviertels: Ende der 60er Jahre treibt die New Yorker Stadtverwaltung eine vielspurige Autobahn durch die Bronx. (…) Wer die finanziellen Möglichkeiten hatte, der verließ die Bronx auf dem schnellsten Weg.“ Der Grundstein für die Ghettoisierung der Bronx – und damit die Entstehung von Hip Hop - war gelegt. „Hip Hop nimmt in vielerlei Hinsicht Bezug auf die Gewalt, die in den Ghettobezirken herrscht. Zu allererst natürlich in den Rap-Texten, aber auch ganz konkret: (…) Anstatt mit Fäusten aufeinander loszugehen, traf man sich zum Battle und löste seine Konflikte auf dem kreativen Schlachtfeld. (…) Durch Rap haben die Jugendlichen in den Armenvierteln die Definitionsmacht über ihr Leben und ihre Situation wiedererlangt. (…) So dass das Ghetto verherrlicht wird zu einem Ort, dem einzigen Ort, an dem man wirklich frei sein kein.“

Nicht so in Deutschland, denn „bis heute ist der Bezugspunkt hierzulande nicht das Ghetto oder die Straße, sondern die Hip Hop-Szene in den USA, kein existierender Ort also, sondern ein imaginärer. Der Bezugspunkt ist nicht sozial, sondern ästhetisch, ein medial verbreitetes und verzerrtes Abbild von Hip Hop.“ Auch wenn dies nicht immer so war, so wird es doch bei all den Möchtegern-Gangstern (vor allem aus Berlin) sichtbar, wie unter einem Brennglas. „Dabei ist nicht entscheidend, ob all die deutschen Gangster-Rapper in schwierigen Verhältnissen groß geworden sind oder nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass da keiner ist, der versuchen würde, die aktuelle Situation zu verändern. (…) Und zugleich ist keiner da, der dieses harte Leben in einer Art und Weise beschreiben könnte, dass es nachvollziehbar würde, (…) auch hier ist nichts außer Klischees und großen Worten: Alle sind gegen mich! Ich mach euch fertig! Ich zeigs euch! Ich komm von ganz unten! Während Hip Hop in den USA ein Weg war heraus aus dem Ghetto, kokettiert Hip Hop in Deutschland mit dem Ghetto-Feeling. (…) Dabei geht es nicht um Texte, sondern um Biographien. Und weil das so ist, messen sich Deutschlands Rapper nicht in ihrer eigenen Kunst, dem Rap, sondern mit ihren echten oder erfundenen kriminellen Taten. (…) Ein Wettstreit um Authentizität möchte man meinen.“ Aber dass es das nicht ist, wird jedem klar, der sich auch nur einen Moment lang mit der Situation in den USA beschäftigt hat, denn „das ist es, was einen Rapper authentisch und real macht, diese Rückbindung an sein Viertel, an seine Vergangenheit, dass er versucht, die sozialen Verhältnisse dort zu ändern.“ Hip Hop war, wie gesagt, in den USA immer ein Weg, diese sozialen Verhältnisse zu überwinden, „in Deutschland führt Hip Hop, wie er von den Berliner Krawall-Rappern verkörpert wird, geradewegs hinein in die Misere.“

Dienstag, 10. April 2007

Heilige Schriften?


Vor einiger Zeit habe ich – nach langer, langer Zeit – mal wieder in der Bibel gelesen, nachdem ich mich zuvor ein wenig dem Koran zugewendet hatte, aber ob der wortgewaltigen Sprache nur wenige Suren geschafft habe. Zudem hatte ich mir eine relativ schlechte Übersetzung besorgt – und wer weiß, dass das Schriftarabische völlig ohne Vokale auskommt, dem dürfte auch bewusst sein, wie wichtig und entscheidend es ist, eine gute Übersetzung dieser heiligen Schrift (die ja eigentlich gar nicht übersetzt werden dürfte, aber deswegen extra Arabisch zu lernen erschien mir dann doch zu viel des Guten) zu lesen. Zudem gibt es durchaus gravierende Unterschiede zwischen den verschiedenen Interpretationen (nichts anderes sind sie ja), wen es interessiert, der kann sich auf www.nur-koran.de alle gängigen Übersetzungen Stelle für Stelle gegenüber stellen lassen – kaum eine Religion ist wohl aus ihrer Schrift heraus so interpretationsfähig. Deshalb halte ich es auch immer für fragwürdig, wenn Islamkritiker aus Suren einer fundamentalistischen Übersetzung zitieren, um etwa die prinzipielle Frauenfeindlichkeit der Religion (meiner bescheidenen Meinung nach eher eine Folge der männlichen Interpretation, als in der Religion selbst verankert) beweisen zu wollen, weil es eine Eindeutigkeit vorspiegelt, die der Koran nun einmal nicht bietet. So ist es letztlich stets die Sichtweise des Exegeten, welche das Ergebnis der Lektüre vorherbestimmt.

Nun, aber eigentlich sollte es hier ja nicht um den durchaus interessanten Islam, sondern um das alte Christentum und seine Heilige Schrift gehen, bei der (im Gegensatz zum Koran) wohl kein halbwegs vernünftiger Mensch bestreiten kann, dass sie von verschiedenen Menschen verfasst wurde und deshalb von vorne herein interpretationsbedürftig ist. Nun ist ja die Bibel als ein weitgehend dröges, widersprüchliches Märchenbuch verschrien, aber in dem - mit mehr als tausend Seiten gegenüber dem Koran wesentlich dickeren - Schmöker finden sich doch auch immer wieder erhellende, durchaus lesenswerte Passagen. So etwa die berühmt-berüchtigte Bergpredigt Jesu, die nicht nur Nietzsche gut zweitausend Jahre später in die Weißglut treiben sollte, da ihre Konsequenzen ziemlich radikal waren. Zwei Stellen in eben jener historisch nicht ganz folgenlosen Rede hatten mir es schon immer angetan. Da wir ja nicht nur gerade ein großes christliches Fest hinter uns gebracht haben und die Weltlage (verschuldet durch das Verhalten angeblich christlicher bzw. muslimischer Nationen) gerade mal wieder alles andere als rosig aussieht, zitiere ich hier einfach mal besagte, den meisten wohl bekannte Stellen aus meiner Luther-Bibel von 1912, die ich einfach mal so stehen lasse: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“ (Mt, 5,44) und, noch viel schöner und passender: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Mt, 7, 1-3)

Samstag, 7. April 2007

Trainspotting


„Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hunderten von Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, dass Du am Sonntagmorgen nicht mehr weißt, wer du bist. Sag ja dazu auf Deiner Couch zu hocken und Dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen, und Dich dabei mit scheiß Junk-Frass vollzustopfen. Sag ja dazu, am Schluss vor Dich hinzuverwesen, Dich in einer elenden Bruchbude vollzupissen und den missratenen Ego-Ratten von Kindern, die Du gezeugt hast, damit sie Dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben. Aber warum sollte ich das machen? Ich habe zum ja sagen nein gesagt. Die Gründe? Es gibt keine Gründe. Wer braucht Gründe, wenn man Heroin hat?“

Es gibt keinen Film, den ich in meinem kurzen Leben so oft gesehen habe wie Trainspotting. Die Geschichte um Rents, Sick Boy, Begbie und Spud, die im Schottland der ausgehenden Achtziger und frühen Neunziger Jahren spielt, habe ich inzwischen exakt vierzehn Mal gesehen. Was mich immer wieder an der Geschichte fasziniert? Ich hatte wohl schon immer eine Vorliebe für Geschichten von Verlierern, Menschen, die gescheitert sind, die sich der Gesellschaft entsagt haben, die abseitige Wege beschreiten, die Nein sagen. Und dieses Kleinod der Neunziger hat es mir vielleicht deshalb so angetan, weil es radikal ist, weil es unterhaltsam und zugleich erschreckend ist. Sich für ein Leben mit Heroin zu entscheiden ist sicher alles andere als eine intelligente Entscheidung, der Film ist auch gewiss keine Verleitung zum Drogenkonsum: „das sieht so aus, als ob es ganz easy wäre, aber das ist es nicht, es sieht aus wie der bequeme Weg, als würde man eine ruhige Kugel schieben, aber so zu leben ist ein Fulltimejob.“

Viel über die Geschichte zu verlieren, wäre unnötig, da es wohl kaum jemand gibt, der sie in den elf Jahren, die der Film inzwischen auf dem Buckel hat, noch nicht gesehen hätte, sie ist ein Klassiker – und einer DER Filme der Neunziger. Dass in einem geschätzten Viertel aller WG-Klos, die ich bisher aufgesucht habe, obiges, die legendäre Szene auf dem "beschissensten Klo Schottlands" widerspiegelnde Poster hing, spricht wohl für sich. Der Film beschreibt – eingebettet in einen grandiosen Soundtrack - alle Höhen und Tiefen im Leben eines Junkies, und zugleich die Ambivalenz von Rents, den Versuch, doch noch irgendwie den Weg in ein normales Leben zu finden, er erzählt von Hoffnungslosigkeit, Aggression und Lebensgier. Das schafft der Film, ohne sentimental zu werden, ohne mit dem pädagogischen Finger zu zeigen, ohne die Droge Heroin zu glorifizieren.

Nein, der Film will unterhalten, aber zugleich zum Nachdenken anzuregen, er ist mit einem sehr trockenen, schwarzen Humor versehen – und zeigt zugleich, wie erbarmungslos Heroin Menschen zerstören kann. Dass er diese Balance hält zwischen Coolness und Grauen, zwischen Verständnis und Abscheu, das ist es wohl, was ihn zu einem wahrhaft großen Film macht. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Irvin Welsh, der in ziemlich derber Sprache die dreckige Seite von (Leith, einem schmuddeligen Stadtteil von) Edinburgh thematisiert, gelang hier dem Regisseur Danny Boyle nicht nur eine kleine, wenn auch etwas ungewöhnlich Hommage an das (eigentlich wunderschöne) Schottland - "ich scheiß drauf Schotte zu sein, wir sind der letzte Dreck, der Abschaum der Menschheit, das erbärmlichste, jämmerlichste, unterwürfigste Gesindel, das jemals ins Leben geschissen wurde. Manche Leute hassen die Engländer, ich nicht, das sind ja nur Wichser. Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonisieren lassen, wir konnten uns nicht mal von einer anständigen Zivilisation erobern lassen, beherrscht von degenerierten Arschlöchern, das ist ein scheiß Zustand" (Rents) - er erschuf auch einer der wohl besten (Drogen-)Filme aller Zeiten…

Donnerstag, 5. April 2007

König der Lügen

Und noch ein wunderschönes, poetisches Stück Musik von Tom Liwa, das mir – weshalb wohl? – gerade im Kopf herumschwirrt…


KÖNIG DER LÜGEN

Ich sitz in einem dunklen Kino,
das nach Bohnerwachs riecht
und aus irgendeinem Grund nach Äpfeln
Ich bin zu schnell in mir,
um dem Film zu folgen
und zu träge, um die Bilder zu fassen in meinem Kopf
Was genau ist bei Dir anders ?
Und was genau hat es zu tun mit mir ?
Du stehst am Fenster & ich merk, daß Du weit weg bist -
in Gedanken
wo ich noch nie war & niemals hinkomm
Schäfchenwolken zu meinen Füßen, meinen feuchten Zehen
Wieviel Katastrophen noch ?
Wieviel muß noch kaputtgehen,
bis ich ankomm am Ende meines Traums
und ohne Utopien ?
Ich wünschte, dieser Teil von mir
hätte kein Gefühl
doch wenn ich mich drüberwegsetz, dass es nicht so ist
& mich jenseits davon definier,
verbiet ich mir
jeden Schritt von hier -
egal in welche Richtung
Noch immer gilt mein Mitgefühl denen,
die naiv genug sind,
sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen -
auch wenn ich lange schon ahne,
daß ihr Kampf nichts weiter als ein Bastard
der Erwartungen ist
Warum halt ich fest ?
Und was macht das Verlieren so romantisch
und den Verlust so endlos schal ?
Es muss doch jenseits der Todessehnsucht Liebe geben -
und jenseits dieser Liebe Leben ...
Deine Haut - Dein Körper
Dein Geruch sind soviel eindeutiger
als all die Worte & holen mich zurück
Da ist kein Tag, an dem ich mich nicht zu Dir hindenk
und doch bin ich auch hier
Und das zerreißt mich- oder
macht zumindest kraftlos,
wenn auch jung
& ich sagte schon: träge
Egal, wie die Sache läge,
würde ich probiern, mich ihr
von allen Seiten nacheinander anzuschleichen
In diesem dunklen Kino,
wo ich sitz
hab ich zum ersten mal seit Wochen
vergessen, mich zu erinnern
& stattdessen
mich von hier fort geschrieben
in eine Zukunft
ohne Sehnsucht nach dem Halt
Alles in Bewegung
hab ich einen neuen Namen
Nenn mich ab heute
König der Lügen
(und alle Sterne am Himmel
sind gefallene Könige wie ich-
und doch nicht mehr als Licht...)

(aus: Ich & Ich, 1996)

Mote

Mote, der vielleicht beste Song aus Goo, dem Album von Sonic Youth, das 1990 die Hinwendung zu leichter goutierbaren Klängen dokumentierte. Noch ist der Noise spür- und hörbar (gerade im hypnotischen Krach der letzten Minuten), schließlich waren es ja auch Sonic Youth, die ihn sozusagen salonfähig gemacht haben. Heute als Stilmittel weitestgehend akzeptiert, klangen die harten Dissonanzen in den Achtziger Jahren noch revolutionär. Dementsprechend hart bewegten sich die Alben der ersten Jahre auch an der Grenze der Hörbarkeit. Für in den Neunziger Jahren geschulte Ohren mag das heute alles relativ harmlos klingen, die meisten musikalischen Grenzen wurden schließlich längst überschritten, gerade was den Krach angeht. Aber man sollte nie vergessen, wer die Wege geebnet hat, wer die Grenzen zuerst ausgelotet und experimentiert hat. An dieser Band führt da kein Weg vorbei, auch wenn sie mit den Jahren schwer an Relevanz verloren haben, so schufen sie doch jene bahnbrechenden Werke, auf denen inzwischen ganze Generationen von Indiebands aufbauen konnten. Dass Sonic Youth unendlich viel spannender, weil roher, authentischer und radikaler versteht sich von selbst...

Sonic Youth sind bis heute ein vorbildliches (sich auch politisch verstehendes) und sehr aktives Konzept, das sich erfrischend abhebt von gängigen Rockmusik- wie Indieklischees, auch wenn die Hinwendung zu einer stärkeren Verknüpfung von Dissonanz und Harmonie der Musik vieles an Spannung genommen hat.


Mote

when you see the spiral turning through alone
and you feel so heavy that you just can't stop it
when this sea of madness turns you into stone
picture of your life shoots like a rocket
all the time

put 'me' in the equation it's alright
I've seen you moving in and out of sight
my friends tell you it'll all cut through you
from nowhere - to nowhere
cut together - cutting through

I'm island-bound, a mote inside my eye
I can't see you breathing as before
I am airless - a vacuum child
I can't stand to reason at your door
in this time

put 'me' in the equation it's alright
I've seen you moving in and out of sight
my friends tell me it's all cut through you
from nowhere - to nowhere
come together

I'm down in the daytime out of sight
comin' in from dreamland I'm on fire
I can see it's all been here before
dream a dream that lies right at your door

when the seasons circle sideways out of turn
and words don't speak just fall across the carpet
you're just in time to watch the fires burn
it seems a crime but your face is bright you love it
all the time

Mittwoch, 4. April 2007

Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht


Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht - und weiß nicht, wie ich es aushalten konnte. Was Tocotronic vor gut zwölf Jahren - im wahrsten Sinne des Wortes - hingeschrammelt haben ist nach wie vor ein Manifest für alle, die nicht verstehen können, wie die Jahre vergehen und das Leben dennoch weiter geht, wie wir weiter machen können, anstatt uns das Leben zu nehmen, wie wir weiter machen können in dieser Gesellschaft, "in der man bunte Uhren trägt - in einer Gesellschaft wie dieser bin ich nur im Weg".

In einer Gesellschaft, die ewige Jugend zu einem der wichtigsten Ziele auserkoren hat, ist es in der Tat schwer, erwachsen zu werden. Wir sind ein Land der ewig Jugendlichen, wir drücken uns vor der Verantwortung, die das Alter mit sich bringt und wollen stattdessen stets verweilen in der ewigen Rebellion, die zu vollziehen wir doch zu faul sind. "In dem Bett aus dem ich herkam / liegt es sich immer noch unbequem und einsam / ich habe nichts gegen Menschen als solche / meine besten Freunde sind welche / aber leider lebenslänglich mein Platz / an der Seite derer, die randvoll Beischlaf morden / als Lügner gefiel ich dir besser / gefiel ich dir besser?" formulierte schon 1992 Jochen Distelmeyer und traf damit den Nerv der Zeit, die auf Musik, welche die später titulierte Hamburger Schule fabrizieren sollte, nur zu warten schien. Tocotronic verkörperten damals die typischen Jugendkonflikte zwischen Ich und den Anderen, die Blumfeld auf einer höheren, mehr gesellschaftlichen Ebene schon formuliert hatten.

Während Tocotronic sich in ihrer Frühphase mit dem Sujet der Abgrenzung und Ich-Findung, dem Wunder des Lebens in modernen Zeiten und seinen Falltüren beschäftigten, waren Blumfeld mit ihrem ersten Album schon mindestens einen Schritt weiter, der unbedarfte, punkige und auf einzige Art und Weise naiv selbstreflektive Charme der ersten vier Tocotronic-Alben (der spätestens seit KOOK einer neoromantisch weltentrückten Poetik gewichen ist) jedoch bleibt unerreicht. Mit Digital ist besser konnten sich (aufgrund der gewollt diffus-dilletantischen Texte) viele identifizieren. Es heute zu hören erscheint mir wie eine Reise in die Vergangenheit, eine Zeit, in der Lehrer, das Schulsystem und das "System an sich" die größten Feinde waren, eine Welt, die noch Eindeutigkeiten kannte, eine Welt, die noch Orientierung versprach, schwarz und weiß kannte. Die Welt ist Ambivalenz in Reinform, das ist mir inzwischen klar. Dennoch: "Zahme Vögel singen von der Freiheit, wilde Vögel fliegen davon" (SAS)

Ich habe 23 Jahre mit mir verbracht


Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht
Und in 23 Jahren hab ich mich nie mit mir verkracht
Manchmal frag ich mich wie hab ich das gemacht
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht

Ich bin zu jung um meine Biographie zu schreiben
Und zu alt um ewig jung zu bleiben
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht

Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht
Und in 23 Jahren hab ich nie über mich gelacht
Manchmal frag ich mich wie hab ich das gemacht
Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht (3x)

Ohhhoo...

Ich hab 23 verdammte Jahre mit mir verbracht

Ohhhoo...

Montag, 2. April 2007

Respekt


Die großartigen (wenn auch mit einem eher zweifelhaften Namen ausgestatteten) Flowerpornoes haben sich noch einmal aufgerafft und nach elf Jahren Pause eine neue Platte mit dem wunderbaren Namen "Wie oft musst du vor die Wand laufen bis sich der Himmel auftut" herausgebracht. Für gewöhnlich hasse ich Reunions, da meistens (aufgrund hauptsächlich finanzieller Motivation) nichts dabei herauskommt, als ein kalter Aufguss des schon dagewesenen, aber bei Tom Liwa und seinen Flowerpornoes habe ich (nicht zuletzt aufgrund der Songs, die ich bisher vom neuen Album gehört habe) ein gutes Vorgefühl. Diese Band hat, trotz absoluter kommerzieller Erfolglosigkeit, viele der schönsten und wichtigsten deutschen Lieder geschrieben, von denen im Internet leider nicht viel zu finden ist. Da die Texte jedoch stets wichtiger waren als die (nichtsdestrotz schöne) Musik, hier einer der Songs, die mich schon viele Jahre begleiten:

Respekt

Du kannst überall Liebe finden
In den Autos von Freunden
und in den Zimmern von Freundinnen
Doch da ist etwas, das viel schwerer zu finden ist
und das ist: Respekt
Sie sieht Dir in die Augen,
als würd sie sich selber sehn
Doch grade deshalb würd sie nie sagen,
sie könnte Dich verstehn
Respekt stiehlt Dein Herz
wie ein Meisterdieb
Respekt nimmt alles von Dir,
genau so, daß hinterher nichts fehlt
Sie kann Dich kritisieren -
härter als irgendwer sonst
Doch sie wird Dich nicht verletzen,
so daß Du werden kannst, was Du bist
Du kannst überall Liebe finden
Sie war schon da bevor Du kamst
Doch wenn Du Respekt auch nur einmal von weitem zu sehn kriegst,
hast Du Glück gehabt
Sie sieht Dir in die Augen,
sieht durch Dich durch nach draußen,
tut einfach so, als wärst Du gar nicht da
& fühlt sich wie zuhause
Respekt erschlägt Dich kurz und schmerzlos,
spielst Du nach Mitternacht Klavier
Respekt wird immer das beste draus machen,
gehst Du für fünf Minuten vor die Tür
Sie sagt : Du kannst überall Liebe finden
Selbst an einem Ort, an dem sie Dir erzählen,
auch Respekt wär nur ein Wort
Ist es nicht seltsam, wie Du immer wieder herkommst
und immer wieder merkst,
wie sich alles zu wiederholen scheint,
die Euphorie wie der Schmerz
Sie gibt Dir ein Dach überm Kopf
und nimmt Dich in den Arm,
macht Dir ein neues Paar Schuhe
damit Du weiterkannst,
hält Dich nicht einen Moment länger fest,
als bis Du gehen willst
und nimmt sich nicht vor, es wär das letzte Mal gewesen,
wenn Du Dich zu bedanken vergißt
Du kannst überall Liebe finden
und wirst nicht aufhörn,
ihr nachzuspüren
doch Respekt ist das einzige, was Dich retten kann
vor ihren Falltüren

(aus: Ich & Ich, 1996)

Donnerstag, 29. März 2007

Die herrschende Klasse...


Das herrschende System = das System der Herrschenden? Wie lässt sich das System der Reproduktion von Macht durchbrechen? Und ist das überhaupt sinnvoll? Was passiert mit der Ordnung, wenn ihre Eliten sich nicht mehr reproduzieren, gar abgeschafft werden? Stabilität und Wissen gehen verloren, dafür wird neuen Ideen Platz gemacht, die Gesellschaft öffnet sich, wird flexibler, etwas anarchischer, aber auch besser?
DIE Streitfrage zwischen Konservativen und Liberalen (als Sammelbegriff für alle an Veränderung Interessierten/Progressiven) – aber so einfach zu lösen ist sie nicht, und nicht selten werden Progressive, haben sie einmal Blut geleckt, zu glühenden Verteidigern des Konservatismus. Zudem sind die Begriffe so kontextabhängig, dass eine eindeutige Bestimmung schwer fällt.
Genauso schwer fällt es mir, mich im Moment politisch zu verorten. Im Politischen hat beides seine Berechtigung, und wie immer ist eine gesunde Mischung aus den Antipoden das Sinnvollste. Aber wie hat man sich denn bitte einen reaktionär-progressiven Liberal-konservativen vorzustellen? Solche Menschen werden Künstler, heißen Bob Dylan oder Neil Young, das Geschäft der Politik bleibt (mal ganz undifferenziert in den Raum geworfen) eindimensionalen, kurzfristig agierenden, dem Machtkalkül versessenen Menschen vorbehalten.
Und was ist mit der KULTUR? Die Gefahren jeglicher Extreme sind offenbar, aber lassen sich bestimmte politische Verhaltensregeln (etwa Toleranz, Freiheitlichkeit oder Pluralismus) denn überhaupt beliebig übertragen? Wird der Liberale nicht zwangsläufig (wenn auch ungewollt) zum Kulturimperialisten? Wird er nicht im Diskurs ebenso zum Dogmatiker, wenn er seine Werte – erscheinen sie uns westlich-demokratisch geprägten Menschen auch noch so human - absolut setzt?
Und über Werte streiten? Das ist ein Fall für die Philosophie – hier lässt sich nichts auflösen. Und was sagte Nietzsche über das Philosophieren: "Wer aber die Grundtriebe des Menschen daraufhin ansieht, wie weit sie gerade hier als i n s p i r i e r e n d e Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen gerade s i c h gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als berechtigten H e r r n aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als s o l c h e r versucht er zu philosophiren." Wird so nicht letztlich alle Politik zur Philosophie, unentrinnbar gefangen in einem Netz aus Werten und Lebensentwürfen, bleibt uns also nicht mehr als das, was der gute Sokrates schon erkannte? Nein.
Aber ohne Gott kann es doch nichts Absolutes, nichts Transzendentales geben, bleibt der Mensch stets in sich selbst gefangen, in seinen relativen, inkonsequenten, wandelbaren und sterblichen Werten und Normen, nur Bruchstücke, nichts Ganzes? Nur mit Hilfe der Konstruktion eines Göttlichen, Übernatürlichen scheint es möglich, die menschliche Fehlbarkeit zu überwinden! Gleichzeitig jedoch muss der Mensch sich von Gott lösen, möchte er nicht blind durch die Welt laufen. Denn Gott erhöht und entmündigt ihn zugleich.
Was das alles mit liberalem Denken zu tun hat? Nunja, die Aufklärung ließ Gott in den Hintergrund treten, an seiner Statt sollte die Vernunft treten, die jedem Menschen innewohne und derer er sich nur zu betätigen brauche, um sich von seiner Unmündigkeit zu befreien. Vernunft- und Menschheitsglaube sind zutiefst liberal, wohingegen der Konservatismus Vernunft gering schätzt, sie im Gegenteil für eine Gefahr hält, und die Menschen stets vor sich selbst beschützen möchte, womit er sie letztlich in ihrer Unmündigkeit belässt.
Die für mich grundlegende Frage des Politischen lautet also: SIND DIE MENSCHEN FÄHIG ZUR MÜNDIGKEIT – UND WOLLEN SIE DAS ÜBERHAUPT? Solange ich diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, bin ich auch nicht imstande, mich politisch eindeutig zu verorten. Und erst aus der Bejahung beider Fragen kann ernsthafte Kultur- und Systemkritik folgen. Denn was ist schon ein revolutionäres Subjekt wert, das seine Kraft aus der Unmündigkeit zieht?
Ich bin kein Revolutionär, höchstens Sofasesselsozialist, versuche, die Widersprüche zu sehen – und das auf beiden Seiten. Das lähmt mich. Führt also (meine vermeintliche) Mündigkeit zur Passivität, zur reinen Beobachterperspektive, gar zum Fatalismus? Nein. Im besten Falle führt sie zu einem Wandel der Mittel, zu intelligenterer, pragmatischerer „Kriegsführung“, sie erst ermöglicht wahre Politik FÜR das Volk, für die MENSCHEN, für ALLE Menschen?
NUR: Mündigkeit alleine macht die Menschen nicht weniger egozentrisch, egoistisch, narzisstisch und anfällig für Verblendungen. Wir sind ja keine Götter – und spätestens hier drehen wir uns wieder im Kreise. Mein Denken reicht nicht aus, die Widersprüche und Fallstricke der Realität zu überwinden. Sie zu erkennen, mit ihnen zu leben, nicht ständig gegen sie anzurennen, sie gar zu akzeptieren und nicht ständig zu negieren, ist mir momentan geistige Leistung genug.

Mittwoch, 28. März 2007

Zueignung

Mein Reisebericht lässt weiter auf sich warten. Stattdessen ein Gedicht von Goethe, das ich in den letzten Wochen wohl an die zwanzig Mal gelesen und mir nach und nach erarbeitet habe. Auf der Reise hatte ich meinen Gedichtband des guten Johann Wolfgang stets dabei und oft die Möglichkeit, mir Gedanken zu machen über sein facettenreiches lyrische Werk, eines der beeindruckendsten und wichtigsten in der Geschichte der Lyrik. „Zueignung“ aus dem Jahre 1808 ist ein schönes Beispiel für die lyrische Meisterschaft des berühmten Hessen.


Zueignung

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.

Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.

Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?

Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!

Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.

Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!

Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?

Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.

Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.

Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.

So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.


Freitag, 23. März 2007

La Carencia

¡Hola queridos lectores!
Bevor ich euch von meinen Eindrücken aus Lateinamerika berichten werde hier schon mal als kleiner Vorgeschmack eines meiner absoluten Lieblingslieder. Panteón Rococó aus Mexico sind eine unglaublich gute Liveband, und „La carencia“ das Lied, bei dem die Stimmung stets am höchsten schlägt. Denn es verbindet eine kämpferische Botschaft mit sehr tanzbaren Rhythmen, mahnt und ermuntert doch zugleich. Als ich durch die Straßen Perus gelaufen bin, musste ich sehr oft an den Text denken. Leider soll es Menschen unter uns geben, die des Spanischen nicht mächtig sind. Jenen sei dringend angeraten, sich einen Übersetzer zu suchen. Oder sich mit der Aussage “Pues en un mundo globalizado / La gente pobre no tiene lugar” – sinngemäß: denn in einer globalisierten Welt ist kein Platz für arme Leute – zu begnügen und seinen zu Teil denken… ¡Que se divierta!


La carencia

Por la mañana yo me levanto
No me dan ganas de ir a trabajar.
Subo a la kombi, voy observando
Que toda la gente comienza a pasar.

Por la avenida va circulando
El alma obrera de mi ciudad.
Gente que siempre esta trabajando
Y su descanso lo ocupa pá soñar.

Despues de ocho horas de andar laborando
Desesperanza se siente en el hogar,
Pues con la friega que hay a diario
Ya no alcanza pá progresar.

Y asi han pasado decenas de años,
Pues en un mundo globalizado
La gente pobre no tiene lugar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Con lo que gano en esta empresa
No me alcanza pá tragar.

Y la carencia, arriba!
Y los salarios abajo!
Y yo le digo a mi teresa:
No me voy a resignar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Con lo que gano es esta empresa
No me alcanza pá tragar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Y yo le digo a mi teresa?:
Vente, vamos a bailrar porque...

Ahi viene antidoping.
Ahi viene el salario.
Ahi viene santa sabina.
Ahi viene la maldita.
Ahi viene los de abajo.
Ahi viene el salón.
Ahi viene...
Quien viene.

Ahi viene el chile que te mantiene
Y en la cama te entretiene
Y en la boca lo retienes.
Mejor trae atu pareja
Y sóplale una oreja
Páque mueva la cintura
Y le de la calentura
Y después de la sobada
Ella ya no quiera nada
Y te diga: que no, que no
Que no, que no, que no, que no
Que que nooooooo!


Nach unten!
Nach oben!
Und Springen!

Donnerstag, 15. Februar 2007

Viajar otra vez

Der Zeittotschläger wird sich die nächsten vier Wochen im Nordwesten Südamerikas herumtreiben. Sollte er lebend und gesund wieder zurückkommen, wird er an dieser Stelle darüber berichten. Die Reise beginnt in Peru und führt den Zeittotschläger über das kleine, aber hübsche Ecuador und das große, leider sehr unsichere Kolumbien direkt ins Herz der "Bolivarischen Revolution" zu Herrn Hugo Chavez. ¡Que me divierta, que tenga buen viaje y mucha suerte!

Samstag, 3. Februar 2007

Coffee and Cigarettes

Eine herrliche Episode aus Jim Jarmuschs Hommage an Nikotin und Koffein. Tom Waits und Iggy Pop kennen sich nicht gut, können auch nicht viel miteinander anfangen, sie wissen beide nicht so recht, warum sie hier eigentlich zusammensitzen und obendrein auch noch zusammen rauchen (wo sie doch beide - eigentlich - inzwischen Nichtraucher sind).

Über den Film allzu viele Worte zu verlieren, wäre müßig, Jim Jarmusch eben wie er leibt und lebt, die Qualität der im Laufe mehrerer Jahre entstandenen Episoden schwankt zwar, aber insgesamt war mein Gesamteindruck positiv, auch und gerade wegen der wundervollen, versöhnlichen Schlussminuten.

Und wie sang der Chor der rauchenden Zigarettenmädchen bei Bizet so schön: "Seht, wie die Raucheswolken ziehn / In die Lüfte kreiselnd dahin / Und verbreiten holde Düfte / Sanft betäubt, schlürft den Rauch / Mit den Lippen, und wie im Hauch / Lasst uns süße Wonne nippen / Ist so ein Mann Liebe zu schwören bereit / Das ist Hauch / Sagt er, dass er uns sein Leben geweiht / Leicht wie Rauch!"...

Samstag, 27. Januar 2007

Tiempo de soleá

Die hierzulande noch relativ unbekannten Ojos de Brujo aus Barcelona mit einem ihrer eher ruhigeren, konventionelleren Songs, begleitet von einem sehr schön gezeichneten Video. An dieser Stelle demnächst mehr zu einer der grandiosesten spanischen Bands und ihrem einzigartigen Stilmix, irgendwo zwischen Flamenco und Hip Hop verortet. Für die des Spanischen mächtigen hier nochmal der Text zum mit- und/oder nachlesen:


Rodeá de tanta gente y yo me siento tan sola
Mi corazón es como una bomba pum pum!!! Una bomba
De relojería fina a punto de estallar
Extranjera y con papela caducá
No hay son ni guaguancó que me consuele
El tiempo es de soleá y a mi me duele
Voy por la calle y escuchando los quejíos
El futuro en cada esquina pende de un hilo
Y entre apretones de manos se juegan el destino
De la tierra y de los seres que en ella vivimos
No conocen el respeto, les sigue un oscuro sino
Con lo linda que es la vida!! En que la habéis convertío!!!
La situación tiene danger, mucho danger
Siempre prisa por llegar a ninguna parte
La situación tiene danger, mucho danger, mucho danger!!!
Por la calle balas perdías, ¡críos y crías van!
Equilibrio en la cuerda floja, ¡se me para la vida!
De ver tanto sufrimiento, de ver tanto delirio
A mi me quita el sentío, voy con el pecho partío
No hay son ni guaguancó que me consuele
El tiempo es de soleá y a mi me duele
Voy por la calle y escuchando los quejíos
El futuro en cada esquina pende de un hilo...
Detrás de las cuatro paredes por el callejón de atrás
Soleás y martinetes las cartas están marcás
Detrás de las cuatro paredes por el callejón de atrás
Tiros y tiros van!! Tiros y tiros van!! Van!!
Aquí un poquillo de jiphip flamenquillo
Pa toas las quillas, pa tós los quillos
Aquí un poquillo de jiphop flamenquillo
Pa que te metas por la vena cosa rica chica sí!!!

conText


All jenen, denen es aus welchen Gründen auch immer entgangen sein sollte, dass es uns gibt, allen, denen ich kein Exemplar in die Hand drücken konnte und allen, die uns bisher ignorierten sei hiermit nochmals ausdrücklich die Erstausgabe der wunderbaren Passauer politischen Zeitschrift conText ans Herz gelegt, die seit einigen Tagen nun endlich auch online verfügbar ist. Artikel gibt es zu den verschiedensten Themen: Nordkorea, dem Polenbild der Deutschen, dem mexikanischen Wahlchaos, der schleichenden rechten Hegemonie, bedenklichen Tendenzen im deutschen Hip Hop, u.v.m. Hier könnt ihr euch ein eigenes Bild machen...

Donnerstag, 25. Januar 2007

Engel des Universums














Island Ende der 60er Jahre. Der vielseitig talentierte Páll sprüht vor Ideen, er malt, musiziert, beschäftigt sich mit Philosophie, er hat große Pläne, das Leben hat scheinbar noch viel mit ihm vor. Doch leider ist er genau an jenem Tag geboren, als sein Land der NATO beitrat, was ihm noch zum Verhängnis werden sollte, denn „als Island in die NATO eingetreten ist, hat es seinen Wahnsinn in meinen Kopf abgewälzt.“. Zunächst jedoch scheint alles zum Guten zu streben: er verliebt sich in ein Mädchen, darf ihre Nähe spüren, fühlt sich verstanden, geht ganz in ihr auf. Doch er stammt aus dem falschen Milieu, die versnobten Eltern lehnen ihn ab – und nach und nach entfernt sich auch sein Mädel von ihm. Der leidenschaftliche Páll kommt damit nicht zurecht, er kämpft, doch mit jeden Schritt verstrickt er sich weiter hinein in einen Wahn, er bekommt rasende Kopfschmerzen. Er erkennt erst spät, dass sie aus seinem Herzen kommen. Zu spät, denn er hat sich schon zu weit entfernt von der Welt um ihn herum. Er kommt nach Kleppur, einer „Insel“ für scheinbar Wahnsinnige wie ihn. Doch ist er wirklich wahnsinnig, oder entspricht er einfach nur nicht mehr den erforderlichen Konventionen?

Was Ingvar E. Sigurdsson mit diesem kleinen, tragischen, zuweilen urkomischen Film provoziert, ist die Frage nach gesellschaftlichen Normen. Wo beginnt Verrücktheit? Wo liegt die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn? Und ist am Ende nicht die ganze Gesellschaft verrückt? Kleppur ist überall… Dieser kleine isländische Film basiert auf Einar Már Gudmundssons gleichnamigem Buch, in dem er den Leidensweg seines Bruders und Freundes Sigurdssons aus dessen posthumer Perspektive beschreibt. „Die Gesellschaft will den Wahnsinn auf der Welt nicht sehen und kämpft mit Gewalt dagegen an. Und ein Wahnsinniger, das ist ein Abbild der Welt, so wie sie ist: zerrissen, schizophren, ein chronisches Delirium.“ Sicher, Páll ist nicht normal, er passt nicht in die Welt, in der er lebt, er versucht ihr zu entfliehen – und möchte doch zugleich ein Teil von ihr sein. Den alltäglichen Wahnsinn verkörpert sein bester, ihm bis zum bitteren Ende treuer Freund Rögnvaldur, der als Arzt, treu sorgender Ehemann und Familienvater scheinbar perfekt angepasst und normal erscheint, unter dessen Oberfläche sich jedoch ähnliche Konflikte abspielen.

Dass es für Páll kein Happy End geben kann, ist selbstverständlich. Seine Gefährten in der „Heilanstalt“ schwanken wie er zwischen den Extremen. Der zuweilen sehr brutale und menschenverachtende Alltag in Kleppur lässt die einen zermürben, die anderen in sympathischer Weise ihren zwecklosen, aber richtigen Kampf gegen eben jenes System führen, in das sie so offensichtlich nicht zu passen scheinen. Dabei bedienen sie sich alle diversen Chiffren der „Normalen“. Denn die zentralen Figuren sind letztlich alle gescheitert an den eigenen Fähigkeiten, intelligente Menschen, aber unfähig, eingetretene Pfade zu begehen. Verrückt? Sicher. Aber krank? Das ist die entscheidende Frage: wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die anders sind, die Konventionen übertreten? Wie dünn die zivilisatorische Decke ist, haben nicht zuletzt soziologische Experimente der Ethnometho- dologen bewiesen. Sie gehen davon aus, dass jene Strukturen, die wir erkennen immer auf eigene kulturelle Symbole bezogen werden, dass also ein objektiver Blick auf Dinge, die uns fremd erscheinen, nicht möglich ist. Was wir erkennen können, sind lediglich strukturelle Differenzen. Nur der Bruch von Selbstverständlichkeiten führt so zur bewussten Reflexion über jene kulturellen Deutungsmuster, die sowohl unbewusst auf individueller Ebene, als auch kollektiv verbindlich kulturprägend wirken.

Engel des Universums ist einer dieser viel zu oft übersehenen, sehr ruhigen, kleinen Meisterwerke. Ein poetischer Film, der nachdenklich machen sollte, der Grenzen auslotet, diese überschreitet, der schwankt, uneindeutig ist, der keine letztgültigen Antworten liefert. Die Entscheidung, ob der Protagonist nun krank ist oder nicht, bleibt im Endeffekt jedem Zuschauer selbst überlassen. Diese Ambivalenz unterscheidet ihn wohltuend von vielen anderen Filmen, die sich schon dieser Thematik widmeten. Meine Interpretation des Filmes ist keine zwangsläufige – ob das Scheitern Pálls nun unabwendbar ist, bleibt jedem selbst überlassen. Der Film ist es aber allemal wert, sich diese Frage zu stellen und zu einer subjektiven Antwort darauf zu gelangen. Und vielleicht liegt es ja auch letztlich an Island: „Du bist schizophren, aber das ist tief in unserer Kultur und in unserem Wesen verwurzelt. Dieser ganze Aberglaube, diese ganzen Fabelwesen, all die Elfen und all die Trolle – das ist Schizophrenie.“

Mittwoch, 24. Januar 2007

"Eine eigene Geschichte"

Heute früh war es in der Zeitung zu lesen: Blumfeld werden sich auflösen – der Kreis habe sich für sie geschlossen. Nach einer Abschiedstournee im April/Mai wird es keine Zukunft mehr geben für Distelmeyer & Co. Eine Institution der deutschen Rockmusik nimmt also ihren Hut. Nach sechzehn Jahren und sechs Alben scheint alles gesagt…


Werfen wir also einen kleinen Blick zurück: „Ein Lied mehr, das Dich festhält /und nicht da hin lässt, wo Du hin willst / weg von hier / das wiegt schwer, wie mein neues T-Shirt /auf dem was draufsteht / baut eine Mauer um mich herum /baut eine Mauer“. 1992 war es, als drei Herren aus Hamburg der deutschen Musik einen kräftigen Arschtritt verpassten, indem sie Dinge neu und anders formulierten. Die Musikpresse war schnell angetan von Ich-Maschine, denn der Sprechgesangs-Indie-Diskurs-Rock erschallte hinein ein trauriges Vakuum. Deutschsprachige Musik war wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt. Die Platte fiel auf fruchtbaren Boden und die Feuilletonisten und Intellektuelle hatten praktisch über Nacht eine neue Lieblingsband gefunden, an der sie sich nun abarbeiteten. Distelmeyers Texte waren direkt, aber dennoch voller Querverweise, Zitate, schlauer Sprüche, gar Humor. Und Politik: Was Blumfeld schrieben, waren nicht weniger als die besten deutschen politischen Songs seit Ton Steine Scherben. Erst Die Goldenen Zitronen sollten 1994 mit „Das bisschen Totschlag“ eine vergleichsweise eigene, wenn auch gänzlich andere politische Sprache finden.


Was die erste, rohe, etwas rumpelige Platte nur erahnen ließ, wurde 1994 mit L’Etat et Moi Gewissheit: hier sprach der Primus einer neuen Generation deutscher Musik: „Es hat uns niemand gefragt / wir hatten noch kein Gesicht / ob wir leben wollten oder lieber nicht / hin und her und hin und her gerissen / zwischen verstehen wollen handeln müssen / keine Liebe keine Arbeit kein Leben / an meinem Kissen schlag ich mir den Kopf auf / und wenn der Tag kommt bleibt es kleben / und der Staat ist kein Traum / sondern bleibt wie mein Kissen /ein mich gestaltender, die Fäden, die rissen / und Welt verwaltender Zustand / der sich durch mich und mich bewegt / durch Gedanken aus Stein aus Licht eine Mauer / eine Sonne a
us Eisen eine Sprache aus Trauer“. Schnell war die Rede von einer „Hamburger Schule“ – als Referenz an die Herkunft (Kolossale Jugend, ostzonensuppen- würfelmachenkrebs, Tocotronic, Die Sterne, etc. kamen ja alle aus der Hansestadt) und wegen der diskursiven Herangehensweise als Anspielung auf die „Frankfurter Schule“.

Während nun allerdings Tocotronic und Co. Mitte der Neunziger erst richtig loslegten und ihre wichtigsten Alben veröffentlichten, wurde es um Blumfeld ruhig. Statt Alben zu machen tourten sie lieber fleißig durchs Land. Die Bürde von L’Etat et Moi schien zu groß und die Band an einer Neuausrichtung ihrer Musik interessiert gewesen zu sein. 1999 dann der Schock: Tausend Tränen tief, das Video mit Helmut Berger, die Popsingle, das Liebeslied, Kitsch? Old Nobody, das dazugehörige Album war und ist bis heute der Spaltpilz im Bewusstsein der Hörer - ab hier scheiden sich die Geister. Denn da standen plötzlich echter, unverfälschter Pop und direkte, unzweideutige Texte neben dem üblichen Diskursrock, der aber in einer neuen Sanftheit à la Prefab Sprout daherkam. Nichtsdestotrotz sind einige der besten, tiefgründigsten Lieder gerade auf dieser Übergangsplatte zu finden – das zehnminütige „So lebe ich“ etwa: „Ein neuer Tag / kein neues Leben / ein freier Markt / bewegt die Welt / besetzt die Nischen / beherrscht die Sphären / regiert die Nacht / verteilt das Geld. / Ein Widerstand / mit anderen Mitteln / ein Wort, ein Weg / ein erster Schritt / in der Erwartung / durch dunkle Drittel / ein Traumbild kommt / und nimmt mich mit“. Nicht zu vergessen das fünfminütige, epische, das Album eröffnende Gedicht „Eines Tages“!

Was danach kam, war nicht mehr überraschend, sondern lediglich konsequente Fortsetzung
des eingeschlagenen Weges. Der Schwerpunkt verlagerte sich von verklausulierten, mit noisigem Indie-Gitarren-Geschrubbel unterlegten Referenzmonster wie „Sing Sing“, deren Entschlüsselung schon wissenschaftliche Arbeiten beschäftigte, zu direkten, klar verständlichen, Slogans und Liebesliedern, immer haarscharf an der Grenze zur Banalität. Auch und gerade in den Liebesliedern war nun die angestrebte Befreiung der Menschen wieder zu finden, die Liebe als einzig Antikapitalistisches im Kapitalismus schien ein (Aus-)Weg.


Drei weitere Alben und ein Haufen schöner, wichtiger Songs sollten noch folgen. Aber auch ein schleichender Bedeutungsverlust, mit einem in gleicher Weise zunehmenden kommerziellen Erfolg einhergehend. Einige Feuilletonisten verloren ihr Interesse an der Musik, aber die Band konnte letztlich ihre Stellung als eine der wenigen Instanzen der deutschen Musik behaupten. Verbotene Früchte, von den einen hoch gelobt als bestes Album, von vielen als absoluter textlicher Tiefpunkt kritisiert, sollte die Kritiker noch einmal polarisieren. Dass der Fokus plötzlich auf die Natur verlagert wurde, dass die Sprache geradezu märchenhaft wurde, das Politische scheinbar völlig verschwand, Distelmeyer stattdessen lieber über Flüsse, Winde, Tiere und den Apfelmann sang, schien einigen alten Hörern doch einem persönlichen Angriff zu gleichen. Dass sie dabei ein kleines, wunderschönes, lustiges Album verpassten – sei’s drum…

Der Zeitpunkt der Auflösung hätte letztlich kaum besser gewählt werden können. Blumfeld hinterlassen uns ein opulentes, vielschichtiges, sehr zitierfähiges und rundes Werk, ohne uns eine wirklich schlechte Platte zugemutet zu haben. Verlieren werden wir eine der unterhaltsamsten Livebands Deutschlands und einen wichtigen zeitgeschichtlichen
Bezugspunkt. Das letzte Wort sei deshalb nochmals Blumfeld überlassen:

Ich – wie es wirklich war

„Ich war dabei mir ein Art von Verschwinden
die den Tod bezwingt auszudenken
und ließ mich nieder
wo ich mich beherrsche
in den Liedern und in den Sätzen
nahm ich kein Ende
nur eine Wendung
zurück zum ersten Bild
das wäre zu erfinden
geriet zum Strudel
in ein Recycling
und sah das Ende
in sich verschwinden
und e
s fragt sich
war das etwa schon alles?

lügt denn die Welt und wenn nicht?
ist sie am Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte

Ich war dabei ei
ne Art von Verschwinden
die den Text bezwingt zu erfinden
andere
Reime auf die Geschichte
nicht auszudenken

und ich verlor an Gewicht
genau wie die Gedichte
geriet in ein Rauschen
oder warn das die Mittel
mit denen ich mich bewegte
die Erfindung einzutauschen
und es fragt sich
war das etwa schon alles
lügt denn die Welt und wenn nicht
ist sie am Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte

Ic
h war dabei eine Art von Verschwinden
die schließlich mich b
ezwingt zu Ende zu denken
gegen den Schmerz
unter dem ich mich krümme
zurück zum frühsten Bild
von dem ich eigentlich komme
ein New Age Poster
ein Lebenszeichen
auf
der Reise ins Innere der Trauer
komm ich zum Ende
vielleicht ein Anfang

einer Art von Verschwinden
und ich frag dich
war denn das schon alles
lügt denn die Welt und wenn nicht
ist sie am
Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte
und ich bin am E
nde
im Rückstand
der Moral der Geschichte“

(aus: L’Etat et Moi)


Das Werk:




1991/92: Die Welt ist schön (Singles) ***






1992: Ich-Maschine *** 1/2






1994: L'Etat et Moi *****







1999: Old Nobody ****







2001: Testament der Angst *** 1/2






2003: Jenseits von Jedem ****






2006: Verbotene Früchte **** 1/2





Samstag, 20. Januar 2007

Filmanalyse

"Der Mensch im Abfallbehälter. Das ist doch das Volk im Abfall jener Konsumgüter, deren Produktionsstätten sich im Besitz des Großkapitals befinden."

"Nein. Der Mensch ist eingeschlossen in den komplizierten Mechanismus unserer modernen Zivilisation, der bei der geringsten falschen Bewegung aus dem Gleichgewicht gerät. Und wenn der Mann den Deckel dieses Mechanismus lüftet, sieht er sich allein gelassen - von jeder Seite."

"Das ist nie ergreifender insziniert worden. Da erhebt sich das ausgebeutete Individuum aus dem Untergrund und bietet seinen Unterdrückern die Stirn."

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: ein absoluter Klassiker!

Freitag, 12. Januar 2007

What's goin on

"Who's willing to try / to safe a world that is destined to die"

Marvin Gayes einfache, aber richtige Frage, was denn eigentlich los sei, schlug 1971 große Wellen. Soul ist seitdem nicht mehr dasselbe, denn hier manifestierte ein Mann seinen Schmerz auf nie da gewesene Art & Weise. Er transportierte den Soul auf eine andere Ebene. Beinahe transzendental schwebt die Musik, eine engelsgleiche Stimme fragt, von einem samtenen Orchester umschmiegt „what’s happening brother / what’s been shaken up and down the line / I want to know cause I’m slightly behind the line”. Soul verbindet sich mit Jazz, Jazz mit Soul und alles zusammen mit God. Ja, Gaye ist ein gläubiger Mensch, und What’s goin on seine Klage über den Zustand der Welt an sich und den Mangel an Liebe - uns selbst gegenüber, wie unseren Nächsten und letztlich der ganzen Welt als Schöpfung Gottes - im speziellen. So etwa die Öko-Hymne „Mercy, Mercy Me“ , eine Liebeserklärung an die Natur. „All you need is love“ möchte man sagen und an die Beatles denken. Aber das hier ist mehr. Es ist spirituell, ein Album gewordener Gottesdienst, ein wahrhaft großer Gottesdienst.

Acht Jahre nun schon bin ich nicht mehr gläubig. aber ich respektiere den Glauben, da ich selbst einst seine Kraft spüren durfte. Nur schaffen es leider wenige, seine Kraft positiv zu nutzen, denn Glaube ist auch gefährlich. Aber hier geht es um Soul, echten Soul, afroamerikanische Musiktraditionen, um die ganze Geschichte der Verschleppung und Versklavung, die bei allen großen schwarzen Künstlern immer - zumindest implizit - mitschwingt. Und wenn es etwas gibt, das die Vereinigten Staaten wirklich an originärer Kulturleistung hervorgebracht hat, so war es die afroamerikanische Musik des 20. Jahrhunderts. God spielte dabei keine geringe Rolle.

Deshalb sollte man sich nicht von etwaigen Vorurteilen dazu verleiten lassen, diesen musikalischen Schatz zu ignorieren. Nun, es mag sicher genügend Menschen geben, die zu diesem Album aus den unterschiedlichsten Gründen keinen Zugang finden werden. Und vielleicht ist das auch richtig so. Aber jeder, dessen Herz dem Soul zugänglich ist, wird ihm verfallen. Denn eine vergleichbar intensive Platte sollte erst der frühe, musikalisch noch äußerst facettenreiche Stevie Wonder 1976 mit seinen „Songs in the Key of Live“ erschaffen.