Samstag, 16. August 2008

Right Where it Belongs

Nine Inch Nails - Right where it belongs (2002)

See the animal in his cage that you built,
Are you sure what side you're on?
Better not look him too closely in the eye,
Are you sure what side of the glass you are on?
See the safety of the life you have built,
Everything where it belongs
Feel the hollowness inside of your heart,
And it's all... right where it belongs

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you think you know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is it all you want it to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

What if all the world's inside of your head?
Just creations of your own
Your devils and your gods all the living and the dead
And you're really all alone
You can live in this illusion,
You can choose to believe.
You keep looking but you can't find the woods,
While you're hiding in the trees

What if everything around you,
Isn't quite as it seems?
What if all the world you used to know,
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection,
Is that all you want to be?
What if you could look right through the cracks,
Would you find yourself... find yourself afraid to see?

Mittwoch, 9. Juli 2008

Jungfernflug

Long Distance Calling spielen Postrock vom feinsten, live eine ziemlich mitreißende Band, auf Platte etwas gezügelter, das physische Element fehlt einfach, kommt dank exzellenter, punktgenau präsenter Spielweise nahezu ohne Worte aus...

Donnerstag, 3. Juli 2008

En passant

Ursprüngliche Ruhe, Wasser -
keine Menschen, trockne Erde,
und ein irrer, warmer Wind,
der mir fährt durch dünnes Haar.

Dann wieder Lärm und Straßenstaub,
einzeln Lachen, Sonnenstrahlen,
doch die Luft sie riecht nach Fäulnis,
das Licht ist seltsam irreal.

Lauter laute Lärmewesen,
ohnmächtiges Krächzen, Stöhnen,
fern ein monotones Schlagen,
hässliche Fratzen noch und nöcher.

Ein einzig Jammern, Wehen, Klagen,
Busse voller Schnauzbartträger,
Gestank von ungewaschnem Haupt,
wohin mit all dem fahlen Staub?

(28/6/2008)

Samstag, 14. Juni 2008

Electric Junk


Dekonstruktivismus? Orientierungslosigkeit? Oder doch nur exzessiver Drogenkonsum? Was Guru Guru 1973 darboten, ist nicht leicht einzuordnen. In den 70er Jahren entstand der wenig aussagekräftige Ausdruck Krautrock, der für die Experimentierfreude jenseits popkultureller Schubladen so unterschiedlicher deutscher Bands wie Neu!, Amon Düül, Kraftwerk, Grobschnitt, aber auch Tangerine Dream stand.

Anfang dieses Jahres hatte ich die Ehre, einem Auftritt der aktuellen Band des ehemaligen Guru Guru-Drummers beizuwohnen, was einen extrem verstörenden Eindruck bei mir hinterließ. Von jeglichen Strukturen befreit spielte Acid Mothers Guru etwas mehr als anderthalb Stunden einen dreckigen Jam.

Nahezu alle musikalischen Grenzen sind inzwischen gesprengt, Eklektizismus allenthalben. Gibt es nur noch Variationen der Wiederkehr des immer Gleichen? Kann ein Musiker heute noch ähnlich Revolutionäres bewirken? Was kann Musik heute überhaupt noch bewirken? Ist sie nicht längst verkommen zu einem wertlosen Wegwerfprodukt, unreflektiertem Konsum? Oder bietet vielmehr gerade die neue digitale Welt ungeahnte Experimentiermöglichkeiten dank nie dagewesener Unabhängigkeit von der nicht mehr zeitgemäßen Musikindustrie?

Überhaupt: welche Rolle kann Musik noch spielen? Massen zu bewegen gelingt ihr nur noch äußerst selten, und wenn, handelt es sich dabei nicht um eine höchst fragmentierte, atomisierte Ansammlung von Individuen? The times they are a-changin, oder was?

Freitag, 6. Juni 2008

Mephistopheles


The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

Dienstag, 3. Juni 2008

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

(Rainer Maria Rilke)

Dienstag, 27. Mai 2008

Sozialdemokratie


"Der eigentümliche Charakter der Sozial-Demokratie faßte sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie verschiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die Umänderung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung innerhalb der Grenzen des Kleinbürgertums. Man muß sich nur nicht die bornierte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgertum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen Repräsentanten nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie können ihre Bildung und ihrer individuellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Kleinbürgers macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben Aufgaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben."
aus: Marx, Karl: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte (1852), S. 141f.

Montag, 12. Mai 2008

Vom Chinabild der Medien



Angesichts der tibetischen Proteste schien die bundesdeutsche Presse wie gleichgeschaltet. Täglich aufs Neue wurde über die Grausamkeit des brutalen chinesischen Unterdrückungsregimes berichtet. Ein Urteil schien schnell gefällt: China auf der Anklagebank.

Der immanente Widerspruch in der moralisierenden westlichen Berichterstattung ist und bleibt die Doppelmoral mit der Opfer- und Täterschemata vermischt werden. Denn wir erinnern uns: die Vorfälle der vergangenen Monate begannen mit einem Gewaltausbruch von Tibetern gegen Han und Hui, vorwiegend Händler. Ein wütender Mob zog brandschatzend durch die Straßen Lhasas, etliche unschuldige Hui und Han ließen dabei ihr Leben. Die Bilder aus Lhasa ließen eher Erinnerungen an Clichy-sous-Bois als an Tiananmen aufkommen. In den deutschen Medien fand dies allerdings, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung. Stattdessen schoss sich die Presse auf die chinesischen Sicherheitskräfte ein. Tibet sei eine chinesische Kolonie, besetzt und in jeglicher Hinsicht unterdrückt.

Allerdings: Tibet ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert Teil von China. Lediglich während der turbulenten Jahre des Bürgerkriegs und der Selbstfindung zwischen 1913 und 1950 war Tibet wirklich autonom, wenn auch von keinem Staat der Welt anerkannt. Was gemeinhin als Besatzung von Tibet bezeichnet wird - der Einmarsch der Volksbefreiungsarmee anno 1950 - war nicht weniger als eine militärische Wiederangliederung eines schwer zugänglichen und deshalb in den Kriegswirren vergessenes Stück Land.

Das "alte Tibet" umweht allerdings eine solch starke Mystik, dass eine objektive Berichterstattung darüber nahezu unmöglich erscheint. Die publizierte Meinung schwankt dabei stets zwischen einer Glorifizierung des weltentrückten Gebirgsreiches als mythisches "Shangri-La" und der Dämonisierung als feudales, mittelalterliches Sklavensystem. Dass aus dem alten Tibet kaum säkulare Schriften überliefert sind, dafür aber umso mehr Reiseberichte westlicher wie östlicher Provenienz existieren, macht eine Bewertung der Lage kaum einfacher. Wirklich objektive Berichte über das Leben existieren wenige und so werden stets aufs Neue Bilder konstruiert.

Der Buddhismus, insbesondere dessen tibetische Variante, scheint zudem die letzte, unhinterfragbare Religion zu sein. Für auch nur einen kritischen Artikel über die alles andere als paradiesisch anmutende Herrschaft der Dalai Lamas im alten Tibet - oder gar seine Heiligkeit Tenzin Gyatso, muss man die ach so kritische deutsche Medienlandschaft schon sehr sorgfältig durchforsten. Es gilt als unerwünscht, kritische Fragen über den Friedensnobelpreisträger zu stellen. Wer dies tut, läuft Gefahr, ins politische Abseits zu geraten, wie Christiane Schneider, die im Hamburger Parlament daran erinnerte, dass die Weltgemeinschaft mit politischen Religionsführern keine all zu guten Erfahrungen gesammelt hätte.

Viel zu lesen war auch von der Unterdrückung der tibetischen Kultur, der Dalai Lama verstieg sich gar zu der Aussage, Bejing betriebe "kulturellen Völkermord". Nicht von der Hand zu weisen sind natürlich die Veränderungen traditioneller tibetischer Lebensformen als Resultat der Öffnung der Region sowohl für in- und ausländische Touristen als auch für Investitionen – was die meisten Tibeter auch nicht prinzipiell ablehnen. Vor allem Lhasa hat sich in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug wirtschaftlich erfolgreicherer Han stark verändert. Nur schaffen die neuen Möglichkeiten eben auch neue (v.a. ökonomische) Disparitäten, und diese scheinen wohl viel mehr Ursache der Unruhen zu sein als eine wie auch immer geartete kulturelle Unterdrückung.

Wenig bis überhaupt nichts zu lesen war dagegen von den Fortschritten, die dank chinesischer Hilfe in Tibet erreicht wurden: der Verbesserung des Lebensstandards (die Autonome Provinz Tibet ist nicht mehr ärmste Provinz Chinas), dem Bau von Krankenhäusern und Schulen, den Infrastrukturmaßnahmen, der Befreiung von jeglichen Steuern, der Bevorzugung von Tibetern (wie allen übrigen Minderheiten) im Hochschulsystem. Tibet ist dank der chinesischen Führung in der Moderne - mit all ihren positiven und negativen Begleiterscheinungen - angekommen. 81 Prozent der Kinder in Tibet besuchen inzwischen eine Schule, während dies im alten Tibet nur einer verschwindend geringen Minderheit möglich war. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt heute bei 67 Jahren, während im alten Tibet nur wenige das vierzigste Lebensjahr überschritten haben. Und nicht zuletzt verzeichnete die tibetische Bevölkerung einen sprunghaften Zuwachs – schließlich ist sie (wie alle Minderheiten im Vielvölkerstaat) von der Ein-Kind-Politik ausgeschlossen, so dass sie sich in den letzten fünfzig Jahren auf 2,5 Millionen verdoppelte. Alle offiziellen Zahlen sind natürlich nur unter Vorbehalt zu genießen…

Von alldem war in den großen Leitmedien der Republik wenig bis gar nichts zu lesen. Die Journalisten dieses Landes sollten sich selbstkritisch fragen, weshalb sie von alldem nicht ausgewogen berichten und stattdessen lautstarkes China-Bashing betreiben. Denn damit ist weder dem Westen, noch China und schon gar nicht den Tibetern geholfen…

P.S. Einen sehr treffenden Artikel zur selben Thematik gibt es von Altbundeskanzler Helmut Schmidt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT zu lesen: Tibet als Prüfstein

Freitag, 25. April 2008

Third


Lang musste der geneigte Hörer warten, beinahe hätte er sie schon abgeschrieben. Aber elf Jahre nach dem letzten, selbstbetitelten Studioalbum und neun Jahre nach dem requiemartigen Livealbum Roseland NYC haben sich die Englander von Portishead doch noch einmal aufgerafft.

„Third“, so der reichlich profane (und mit einem ziemlich hässlichen Cover versehene) Titel des Werks, hat dabei ein schweres Erbe anzutreten, denn es steht im Schatten zweier grandioser Alben, die für sich jeweils den Zeitgeist trafen und doch zugleich zeitlos blieben. Der Erstling „Dummy“ war so etwas wie der Startschuss für die kurze Hochzeit des Trip Hop Mitte der Neunziger – ein klinischer Sound, kalt, düster und distanziert – tief, aber dennoch tauglich als Hintergrundmusik für den gepflegten Small Talk. Von „Portishead“, dem schwierigen zweiten Album ließ sich dies nur noch schwerlich behaupten, der Sound wurde noch ein gutes Stückchen düsterer, abgründiger, schleppender und besser. Es war ein Abgesang auf den zur Formel gewordenen Trip Hop und zugleich ein Abgesang auf Beth Gibbons & Co. Danach konnte erstmal nichts mehr kommen – und das mit einem Orchester eingespielte Livealbum „Roseland NYC“ glich daher auch einem Todesseufzer.

Viel wurde schon im Vorfeld über „Third“ spekuliert und berichtet. Eine Herausforderung solle es sein für die alten Fans, schwer zugänglich und fast ausschließlich mit Instrumenten, dafür gänzlich ohne Samples produziert. Und beim ersten Hören stellt sich durchaus ein etwas ungewohntes – für Kenner des Soloalbums von Beth Gibbons & Rustin Man „Out of Season“ jedoch nicht ganz unbekanntes – Gefühl ein. Denn von der Atmosphäre der folkigen, unzeitgeistigen Zusammenarbeit der Portishead-Sängerin und des Bassisten von Talk Talk profitiert „Third“ ungemein.

In der Tat hat sich einiges getan im Portishead-Kosmos, und dennoch atmet „Third“ in jeder Note den Geist von Portishead. Alte Qualitäten verbinden sich mit einem organischeren, rockigeren Sound. Der Ansatz, weg von den Samples und hin zu echter, dynamischer Musik als Band wirkt sehr schlüssig. Das Spektrum an Klängen hat sich beträchtlich erweitert und schafft auf voller Albumlänge eine hypnotische, düstere Atmosphäre, die zum konzentrierten, aufmerksamen Hören, zum Versinken und sich Verlieren einlädt. Das Spektrum reicht dabei von zerbrechlichen Folksongs à la „Deep Water“ bis zu aggressiven, enervierenden Elektrostücken wie „Machine Gun“ oder „We carry on“ – als Hintergrundmusik ist es völlig untauglich, da zu verschroben, gebrochen, anstrengend und schräg.

Mit „Third“ ist einer der relevantesten Bands der Neunziger Jahre eine äußerst lebendige und gute, da in sich schlüssige Platte gelungen, die all jene Lügen straft, die sie lediglich als Zeitgeistphänomen betrachteten. Der geneigte Hörer darf gespannt sein, was da in den nächsten Jahren noch auf ihn zukommen mag, denn Portishead haben beweisen, dass sie immer noch relevant sind…

Dienstag, 15. April 2008

Stille.

Weshalb so viel Schweigen an dieser Stelle in letzter Zeit? Weshalb nur so wenige Kommentare? Weshalb so wenig Kritik? Weshalb so wenige Worte, wo doch so viel zu sagen und beklagen wäre ?

Vielleicht, weil ich gerade mehr Fragen als Antworten habe. Vielleicht, weil ich die Stille gerade all dem Lärm vorziehe. Vielleicht, weil ich all der arroganten und selbstgerechten Besinnungsaufsätze überdrüssig bin.

"Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben in die Tiefe der Abgründe hineingetaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir wähnen eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert der Schatz im Finstern unverändert." (Maurice Maeterlinck)

Sonntag, 30. März 2008

Hurt



HURT

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that's real
The needle tears a hole
The old familiar sting
Try to kill it all away
But I remember everything

What have I become
My sweetest friend
Everyone I know goes away
In the end
And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

I wear this crown of thorns
Upon my liar's chair
Full of broken thoughts
I cannot repair
Beneath the stains of time
The feelings disappear
You are someone else
I am still right here

What have I become
My sweetest friend
Everyone I know goes away
In the end
And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

If I could start again
A million miles away
I would keep myself
I would find a way

(Nine Inch Nails)

Sonntag, 10. Februar 2008

female

von Patti Smith

female. feel male. Ever since I felt the need to
choose I'd choose male. I felt boy rythums when I
was in knee pants. So I stayed in pants.
I sobbed when I had to use the public ladies room.
My undergarments made me blush.
Every feminine gesture I affected from my mother
humiliated me.

I ran around with a pack of wolves. I puked on every
pinafore. Growing breasts was a nightmare. In agner
I cut off my hair and knelt glassy eyed before
god. I begged him to place me in my own barbaric race.
The male race. The race of my choice.

In answer he injected me with all the characteristics
of my gender. sultry. languid. wanton. dip into
summer skirts. go down with a narrow hipped boy
behind a bowling alley. bleed. come. fill my womb.

the misfit massacres the mustang pony just to feel
the soft rise of marilyn monroe against his chest.

bloated. pregnant. I crawl thru the sand. like a
lame dog. like a crab. pull my fat baby belly to
the sea. pure edge. pull my hair out by the roots.
roll and drag and claw like a bitch. like a bitch.
like a bitch.

(1967)


Montag, 28. Januar 2008

Die LINKE ist angekommen.

Seit gestern ist klar: mittelfristig kommt in Deutschland politisch keiner mehr an dieser Partei vorbei. Dass Koch in Hessen mit ziemlicher Sicherheit sein Amt als Ministerpräsident verloren hat, ist (neben seiner eigenen politischen Instinktlosigkeit) vor allem dem Einzug der LINKEN zu verdanken. Das politische Patt allerdings ebenso – und das nicht nur in den Ländern. Schließlich verdanken wir die Große Koalition im Bund genau der selben, kleinen, unbeliebten Partei, mit der momentan noch kaum einer spielen will. Dass diese ach so kleine Partei inzwischen Deutschlands drittstärkste politische Kraft ist (zumindest was Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europamandate anbelangt) wurde dabei von den meisten Journalisten geflissentlich übersehen.

Wohin der Weg dieses reichlich heterogenen Sammelbeckens zukünftig gehen soll, ist jedoch alles andere klar. Momentan fungiert sie (gerade im Westen) hauptsächlich als Protestpartei, weshalb sie trotz äußerst schwacher Wahlkämpfe in Hessen wie in Niedersachsen in den Landtag einziehen wird. Sie profitiert immer noch in hohem Maße von der verlorenen Glaubwürdigkeit der Sozialdemokratie und ihrer generell eher schwachen Aufstellung. Um allerdings langfristig überlebensfähig zu sein, muss sie sich auch in der Regierungsverantwortung beweisen, wozu sie kompetentes Personal und ein ausgearbeitetes Programm benötigt. An beidem mangelt es der Partei noch, wie sich die Partei entwickelt ist alles andere als absehbar. Denn noch wird diese äußerst heterogene Vereinigung zusammengehalten von den beständigen Wahlerfolgen. Nur in zwei Bundesländern musste sie seit 2005 mit Verlusten rechnen, und das waren eben jene, in denen sie grauen Regierungsalltag zu bewältigen hatten. Zugang zur Macht ist für die LINKE deshalb eine äußerst zwiespältige Angelegenheit, an der sie allerdings nicht vorbeikommt, will sie als Partei langfristig überleben.

Zunächst freilich kann sie sich noch gemütlich zurücklehnen, die Verwirrung genießen, die sie bei den anderen Parteien ausgelöst hat dabei zusehen, wie diese auf die veränderte Situation in einem 5-Parteien-System reagieren. Spätestens im April allerdings, wenn sich die neuen Landtage konstituieren (und ein recht sicherer Einzug in die Hamburger Bürgerschaft gelungen ist), wird es Zeit sich zu bewähren – wir dürfen gespannt sein…


...einen recht guten Artikel von Joachim Raschke über die veränderten Bedingungen in einem 5-Parteien-System, die Immobilität und die strukturelle Schwäche der deutschen Partei gibt es hier zu lesen.

Dienstag, 15. Januar 2008

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!


Die Politik braucht Feindbilder, auch und gerade in Zeiten des Wahlkampfes. Und einen solchen führt Deutschlands „brutalstmöglicher Aufklärer“ gerade, wie schon anno 1999 setzt er dabei auf die Anti-Ausländerkarte. Schwer zu vergessen, jene Unterschriftenaktion, die Koch erst an die Macht brachte („Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“), eine selten basisdemokratische Aktion einer ansonsten dem politischen Verstand des gemeinen Bürgers eher skeptischen gegenüberstehenden Partei.

Und nun? Die Geschichte ist bekannt, alle möglichen falschen und manch richtige Diskussion inzwischen geführt. Wie falsch der wiederholte Lügner Koch, dessen Rolle im CDU-Spendenskandal äußerst kritisch zu betrachten ist, mit seinen knackigen Thesen liegt und in welche Widersprüche er sich dabei angesichts einer mehr als trüben Bilanz in seinem eigenen Bundesland verstrickt, zeigen die Reaktionen der Experten dieser Republik. Wie sehr er mit seiner Konfrontation ein bisher leider weitgehend ignoriertes Problem ins Blickfeld rückte, die Leserbriefspalten der einschlägigen Tageszeitungen.

Ein gutes hat jene aus erschreckend nichtigem Anlass verübte Gewalttat in München und die darauf folgende Empörung allerdings: in Deutschland wird endlich wieder diskutiert. Dass dabei leider oft die schrillen, populistischen Stimmen die nachdenklichen übertönen, haben solche öffentlichen Diskurse an sich. Aber in der Mehrzahl wird nachgedacht, vernünftige Konzepte gesucht, die Gesetzeslage betrachtet, Möglichkeiten ausgelotet, kurz: lebendige Demokratie praktiziert. Zudem offenbart jene Diskussion die Sollbruchstellen in der Großen Koalition, die in den letzten zwei Jahren in einer schier unerträglichen Konsenssuppe zu ertrinken drohte, wie keine andere zuvor.

So viel zum Positiven. Das Negative ist ungleich offensichtlicher, denn die Scharfmacher schüren eine gefährliche Stimmung in diesem Lande, deren Grundkonsens spätestens seit der Wiedervereinigung an allen Ecken und Enden allmählich ausfranst. Die (realen und wahrgenommenen) sozialen Ungleichheiten verstärken sich, Solidarität ist für viele mehr als ein Fremdwort, verschiedenste Wertsysteme stehen sich zunehmend unvereinbar gegenüber. All das sind keine auf Deutschland beschränkten Phänomene, aber Deutschland scheint besonders unvorbereitet auf diesen sozialen Wandel.

Politik wie Bürger sind überfordert, wo früher ein gemächliches, aber alles in allem doch relativ effektives Konsenssystem waltete, scheint sich die Politik heute zumeist nur selbst zu blockieren. Ohne große Konzepte, Visionen und einen Blick für das langfristig Notwendige, regiert der inhalts- und orientierungslose Pragmatismus. Goldene Zeiten für Menschen mit einfachen Antworten – gleichgültig, ob sie Koch, Lafontaine oder Pastörs heißen. Und so hat Deutschland mit dem neuen Jahr auch seine neuen Schmuddelkinder: die Fremden im eigenen Lande, mit oder ohne deutschen Pass. Was vor wenigen Wochen noch höchstens seinen Weg in die Kommentare der Jungen Freiheit gefunden hätte, liest sich inzwischen täglich in der FAZ.

In gewisser Weise ist auch das wieder gut, denn Deutschland ist endgültig aus seinem multikulturellen Dornröschenschlaf erwacht. In einem Lande, das so viele verschiedene Kulturen beherbergt wie die heutige Bundesrepublik, regeln sich die Konflikte nicht durch ignorante Toleranz. Gerade die Politik muss den Konflikten offen und konstruktiv begegnen. Das stillschweigende Nebeneinander, das die Menschen (egal welcher Herkunft und Nationalität) einander zunehmend entfremdet, muss zu einem lebendigen Miteinander werden. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, aber so werden sie frühzeitig wahrgenommen – und nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Die Menschen in diesem Lande sind einander fremd geworden, weshalb allzu oft aneinander vorbei geredet wird. Das zieht sich durch alle Schichten, Religionen, Altersgruppen und Nationalitäten. Wir brauchen eine lebendige Diskussion über die Zukunft dieses Landes. Mit den Schmuddelkindern, nicht (nur) über und gegen sie…

Freitag, 11. Januar 2008

Lebenslauf

Lebenslauf (Hölderlin)

Größers wolltest auch du,
aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht

Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

Montag, 17. Dezember 2007

Das Klima wird rauer




Wilhelm Heitmeyer, einer der renommiertesten Pädagogen der Republik erforscht seit geraumer Zeit die „deutschen Zustände“ und veröffentlicht unter gleichem Namen empirische Studien über die Einstellungen und Lebensweisen der Menschen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. In den letzten Tagen ist der sechste Band seiner Forschungen erschienen – und wie immer sind die Ergebnisse alles andere als erfreulich. Das Klima in der Republik wird zunehmend rauer.

Sicher, Berlin ist nicht Rio de Janeiro und Deutschland noch lange nicht Brasilien – im Guten wie im Schlechten, aber alle empirischen Studien kommen zum gleichen Ergebnis: die Schere der sozialen Ungleichheit öffnet sich mehr und mehr, und die gesellschaftliche Spaltung ist nur noch schwer aufzuhalten. Nicht, dass Deutschland – allen Unkenrufen à la Schelsky zum trotz – je eine sehr egalitäre Gesellschaft gewesen wäre, spätestens die vielen Analysen zu den verschiedenen PISA-Studien dürften den Klassencharakter der Republik eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Aber spätestens seit der zweiten Legislaturperiode der rot-grünen Regierung und den konsensuell von allen Parteien (außer der LINKEN) beschlossenen Reformen der Agenda 2010 verschärfen sich die Gegensätze.

Sie alleine darauf zurückzuführen wäre sicher verkürzt, in vielerlei Hinsicht haben sie existierende soziale Ungleichheitsverhältnisse erst in ihrer Dramatik offenbart, de facto aber die Lage vieler Menschen am sozialen Rand verschlechtert. Viele kritische Faktoren (die sicher einer näheren wissenschaftlichen Analyse bedürfen) treffen vor allem (aber längst nicht nur) in den migrantisch geprägten Großstadtmilieus zusammen.

Dass sich jugendlichen Gewaltdelikte im Laufe der letzten zehn Jahre beinahe verdoppelt haben, kann deshalb kaum überraschen, ist jedoch angesichts der Abnahme der Gewaltverbrechen wie der Kriminalität insgesamt durchaus bemerkenswert. Nicht nur in Großstädten verbindet sich eine ungute Mischung aus einem sozial höchst ungerechten Bildungssystem, sozialer Deprivation, schlechten Familienverhältnissen, Perspektivlosigkeit und einem eklatanten Mangel an guten Vorbildern zu einem explosivem Gemisch, das zu einer Zunahme brutaler roher Gewalttätigkeit (auf dem Boden Liegende immer noch mit Schlägen traktieren) führt.

Einfache Gegenmittel sind schnell bei der Hand, aber weder eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, noch aus gleicher Feder stammende Initiativen zu mehr moralischer Erziehung schlagen greift wirklich an der Wurzel des Problems an. Unkenrufe dieser Art sind stets dann zu beobachten, wenn der ethische Konsens einer Gesellschaft längst verloren gegangen ist – in der Postmoderne ein grundlegendes, doch durchaus lösbares Problem.

Denn die nötigen Diskussionen werden längst geführt, liegen z.T. schon weit zurück, doch an der konsequenten Umsetzung bzw. der ernsthaften Beachtung bereits geführter Diskurse hapert es – die Wiederkehr des immer gleichen eben…

Sonntag, 16. Dezember 2007

Demokratie durch Intervention?


Demokratisierungsprozesse sind komplex, langwierig und nur erfolgreich, wenn sie aus einer Gesellschaft heraus geschehen und nicht von außen mittels Zwang erfolgen. Sie sind komplex, da sie einer Diskussionskultur bedürfen, die verschiedene Ansichten (vorausgesetzt sie sind durch die Verfassung des jeweiligen Staates gedeckt) als prinzipiell gleichwertig akzeptiert. Dass dies selbst in gefestigten Demokratien problematisch sein kann, zeigen nicht zuletzt die hitzigen Diskussionen um die Ausübung der Religionsfreiheit europäischer Muslime in eigenen repräsentativen Gotteshäusern. Eine Demokratie ohne Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit ist ein Widerspruch in sich. Zur Gewährleistung dieser Rechte allerdings bedarf es (gerade in homogenen Gesellschaften) eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses, der abweichende Meinungen akzeptiert. Dass dieser Prozess langwierig ist, liegt an den offensichtlichen Nachteilen der Demokratie: langwierige Diskussionen und Entscheidungs- findungsprozesse verhindern bisweilen notwendige Reformprozesse und lassen in Krisensituationen ein autoritäres Herrschaftssystem als effizienter erscheinen. Und letztlich bedarf es einer Einbettung der Demokratie in die nationale, regionale und kulturelle Tradition der jeweiligen Gesellschaften. Eine von außen aufoktroyierte Herrschaftsform wird zumeist als fremd empfunden und erlangt weit weniger Akzeptanz (eine durch Krieg herbeigeführte verringert dabei die Wahrscheinlichkeit) als eine gewachsene, mit den spezifischen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen zusammenhängende.

Marquis de Sades Fazit auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution: „Wenn ihr in eurem Inneren unüberwindlich und eurer wohlgeordneten Zustände und guten Gesetze wegen Vorbild aller Völker seid, werdet ihr alle Staaten der Welt dazu zwingen, euch nachzuahmen, und ein jeder wird es sich zur Ehre rechnen, mit euch verbündet zu sein; aber wenn ihr des eitlen Ruhmes wegen, eure Grundsätze in die Ferne zu tragen, die Sorge um eure eigene Glückseligkeit aufgebt, dann wird der bloß schlummernde Despotismus wiedererstehen, innere Zwistigkeiten werden euch zerrütten, eure Finanzen und Soldaten werden erschöpft sein, und all dies, um schließlich wieder die Ketten eurer Tyrannen zu küssen, die euch während eurer Abwesenheit unterjochten; alles, was ihr begehrt, könnt ihr erreichen, ohne eure Häuser zu verlassen; mögen sich dann die anderen (…) ein Beispiel nehmen und ebenso frei und einträchtig und glücklich sein wie wir, die wir ihnen durch unser mustergültiges, eines republikanischen Staates würdiges Verhalten die Bahnen hierfür vorschreiben.“

Freitag, 14. Dezember 2007

Mertesdorf


Seit nunmehr fast drei Monaten wohne ich in Mertesdorf. In einem SWR-Beitrag wird dieser (wahrscheinlich älteste deutsche) Weinort gewürdigt, in dem u.a. auch mein Vermieter vom alteingesessenen Weingut Grünhaus, Herr Schubert, zu Wort kommt...

Mein Ruin


Mein Ruin

Mein Ruin das ist zunächst
Etwas das gewachsen ist
Wie eine Welle die mich trägt
Und mich dann unter sich begräbt
Mein Ruin ist was mich zieht
Wiederholung als Prinzip
Ein Zusammenbruch
Ein Fall
Ein Versuch
Ein Donnerhall
Mein Ruin ist Heiligtum
Diebstahl und Erinnerung
Geboren aus Unsicherheit
Freude und Zerbrechlichkeit
Mein Ruin ist Unverstand
Kein Märtyrer
Kein Komödiant
Nur aus Kälte und Distanz
Verleih ich mir den Lorbeerkranz
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin nicht einer von euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich zerstäubt
Mein Ruin das ist mein Ziel
Die Lieblingsrolle die ich spiel
Mein Ruin ist mein Triumph
Empfindlichkeit und Unvernunft
Eine Befreiung
Eine Pracht
Sanfter als die tiefste Nacht
Die ab jetzt für immer bleibt
Und ihre eigenen Lieder schreibt
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin nur einer von euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich betäubt
Mein Ruin ist weiterhin
Eine Arbeit ohne Sinn
Etwas das man nie bereut
Eine Abgeschiedenheit
Mein Ruin ist nur verbal
Feigheit vor dem Feind
Der Qual
Der Trauer und der tiefen Not
Mein größtes Glück
Ein tiefes Rot
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin einer unter euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich zerstäubt
Mein Ruin das ist zunächst
Etwas das gewachsen ist
Wie eine Welle die mich trägt
Und mich dann unter sich begräbt

(Tocotronic, 2007)

Samstag, 8. Dezember 2007

Das Mindeste


Nicht nur von Liberalen wird der Mindestlohn nur allzu gerne als populistisch und kontraproduktiv, da Arbeitsplätze vernichtend angesehen. Und siehe da: kaum vereinbart die Regierung einen Post-Mindestlohn, erklärt eine der Öffentlichkeit bisher kaum bekannte Konkurrenzfirma namens PIN massiven Stellenabbau. Die wirtschaftsliberale Logik scheint sich also zu bewahrheiten. Doch bei näherer Betrachtung ergibt sich ein etwas anderes Bild.

Zu allererst zeigt dieser Fall nämlich eines: Mindestlöhne können Dumping-Geschäftsmodelle verhindern. Um nichts anderes handelt es sich nämlich bei der PIN-Group, hinter der mit einem Aktienanteil von 71,6% niemand geringeres als die berüchtigte Axel Springer AG steckt. Um mit der Deutschen Post AG in Konkurrenz treten zu können, wurden dort bisher die Löhne so weit nach unten gedrückt, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Mitarbeiter auf eine Aufstockung des Einkommens durch den Staat angewiesen war – das Kombilohnmodell von Frau Merkel quasi in Reinform.
 
Des weiteren beträgt der Durchschnittslohn der Postzusteller bei der Deutschen Post AG sage und schreibe 16 €. Mit einem Mindestlohn von 9,80 € kann sie mehr als gut leben, aber nicht nur das: sie hat sogar Potenzial für zusätzliche Mitarbeiter und deshalb unlängst angekündigt, von PIN entlassene Mitarbeiter zu „vernünftigen Löhnen“ einzustellen. Die pauschale Behauptung, Mindestlöhne würden automatisch Arbeitsplätze vernichten, lässt sich zumindest hier nicht aufrechterhalten.

Was sich an diesem Beispiel aufzeigen lässt: nicht die Forderung nach einem Mindestlohn, die polemische Kritik an ihm ist verkürzt. Der Postmarkt mag sicherlich ein spezieller Fall sein, aber die Ausbreitung des Beschäftigungsmodells Dumpinglohn + ALG II-Aufstockung bzw. Zweit- oder Drittjob, und damit die Entstehung sog. „working poor“ ist in vollem Gange. Wer sich also gegen einen Mindestlohn ausspricht sollte gleichzeitig auch die sozialen Folgen einer solchen Polarisierung von Arbeitsmarkt und Gesellschaft offen benennen und nicht von sozialer Marktwirtschaft reden, wo doch letztlich nur Marktliberalismus gemeint ist.
 
Deutschland zählt zu den wenigen Industrieländern, die noch keinen Mindestlohn eingeführt haben – selbst die durch den Thatcherismus von jeglichem Staatsinterventionismus entwöhnten, staatlichen Eingriffen von jeher skeptisch gegenüberstehenden Briten haben ihn seit 1999. Und mit umgerechnet 7,96 € liegt er momentan sogar über den von SPD und Gewerkschaften geforderten (und von Wirtschaftsverbänden, CDU und FDP als fatal bezeichneten) 7,50 €. Ein einfacher Blick auf die Wirtschaftsdaten des Landes offenbart: die Einführung des Mindestlohnes zeitigte keine signifikanten Auswirkungen auf das Beschäftigungsniveau, stattdessen erhöhte sich nicht nur das reale wie relative Lohnniveau, nein, es verringerte sich zudem die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen.

Auch der Vergleich mit anderen Mindestlohn-Ländern zeigt: aus der Einführung eines Mindestlohnes folgt zunächst – außer einer Verbesserung der Lebenslagen von im Niedriglohnsektor Beschäftigten – recht wenig. Die ständig wiederholte Litanei von damit automatisch verknüpften Arbeitsplatzverlusten in gigantischem Ausmaße, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als reine marktliberale Ideologie. Entscheidend sind letztlich die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und unter liberalen Regimen gewinnen dabei stets nur zwei: die Ungleichheit und die ohnehin Privilegierten…

Dienstag, 4. Dezember 2007

Don't eat the yellow snow



Frank Zappa mit einem seiner vielen Klassiker aus dem Jahre 1974 - animiert für das 21. Jahrhundert. Spricht für sich selbst...

Montag, 3. Dezember 2007

Die neuen Nazis

Dass die NPD nun schon ein gutes Jahr im Schweriner Landtag sitzt, war dem NDR eine durchaus umstrittene Doku wert. "Die neuen Nazis" rief, vor etwa einem Monat erstmals ausgestrahlt, nicht zuletzt deshalb Kritik hervor, weil (so war es vor allem aus den Mündern der einschlägigen Politiker zu vernehmen) der Film zu undistanziert gewesen und Udo Pastörs, das wohl größte Polittalent der Rechtsextremen, zu gut dabei weggekommen sei. Nun ist es ja durchaus eine umstrittene Frage, wie ein Dokumentarfilmer die von ihm porträtierten Gegebenheiten darstellen soll:
Sollte eine Dokumentation einen möglichst unverstellten Blick auf die Realität haben, diese kritisch reflektieren oder einseitig Position beziehen? Unabhängig vom jeweiligen Thema, das sicher einen Einfluss auf die Art und Weise der Berichterstattung hat – und das aus gutem Grunde – ist doch gerade bei gesellschaftlich heiklen Themen (und um ein solches handelt es sich nun einmal bei dem Phänomen des parlamentarischen Rechtsextremismus) Vorsicht angebracht. Allerdings: wer davon ausgeht, dass ein durchaus kritischer, aber vorrangig dokumentarischer Bericht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von den Bürgern nicht selbst kritisch reflektiert werden kann, der hat wahrlich das nötige Vertrauen in die Demokratie verloren. Und da liegt doch letztlich auch das entscheidende Problem: einer Demokratie, die sich vor der offenen, argumentativen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rändern scheut, droht irgendwann auch der Verlust der viel beschworenen Mitte.

Dass es sich bei Pastörs um einen durchaus bürgernahen und rhetorisch begabten Politiker handelt macht die Sache sicher nicht leichter, gerade in jenem Bundesland, das wohl am wenigsten von der Wiedervereinigung profitiert und am meisten unter Abwanderung zu leiden hat. Die Augen vor der Realität zu verschließen – und der parlamentarische Rechtsextremismus ist das nun mal leider – wäre aber fatal. Deshalb sind möglichst unverstellte Dokumentationen kompetenter Journalisten unabdingbar. In den letzten Jahren (nicht zuletzt verursacht durch die unsäglichen Filme eines gewissen Herrn Moore) ist jedoch eine deutliche Tendenz zur Verflachung und Verkürzung zu beobachten, eine Verschiebung von der Reflexion zur Unterhaltung, die nicht nur politische Dokumentationen betrifft, aber bei ihnen besonders negativ zu tragen kommt. „Die neuen Nazis“ hebt sich davon wohltuend ab (und wird entgegen anders lautender Kritik letztlich doch deutlich). Doch seht selbst: Die neuen Nazis – ein Film von Anke Hahns und Felix Pankow

Freitag, 30. November 2007

Bunny



Bunny war 1998 einer der ersten Animationsfilme - und setzte damit Standards. Der nur siebenminütige Film gewann über 25 internationale Preise, darunter gar einen Oscar. Er handelt von Liebe und Tod, aber auch von Wiedervereinigung und einem möglichen Leben nach dem Tod. Die Musik stammt von Tom Waits, Regie und Drehbuch von Chris Wedge. Viel Spaß damit!

Welk



Ein heller, warmer Sonnenstrahl,
ein klares, kleines Licht,
doch meine Welt ist grau und fahl,
und faltig mein Gesicht.

Ich schau ins Grün, seh all das Leben,
auch wenn es sichtbar bald verwelkt
von seiner Kraft kann es nichts geben,
bevor es in sich selbst zerfällt,

seh beständig nur das Dunkle,
weil dunkel es auch ist in mir,
dass mein Auge wieder funkle,
wünsche ich mir im Jetzt und Hier.

Lang ist es her, dass Sterne strahlten
über meinem Haupt so klar,
die Tage waren gleich gemalten,
alle Nächte frei und wahr.

Heute gleichen sie grauen Ratten,
die Tage halt ich kaum noch aus,
denk an den Glanz, den sie einst hatten,
geh selten in die Welt hinaus.

Sie ist mir fremd, ein dunkles Grau,
beweg mich in ihr ungelenk,
verschanz mich stets in meinem Bau,
was immer ich auch mach und denk:

noch selten komm ich da heraus,
aus den Zweifeln und den Ängsten –
wär ich nur keine graue Maus
könnte ich noch selbst den längsten

Weg alleine und erfolgreich gehn,
niemand hielt mich dann noch auf,
die Welt im Innersten auch verstehn
dann bei meinem Lebens-Lauf.

Noch strauchle ich, bin viel zu träge,
noch steigt kein Fünkchen Hoffnung auf,
noch seh ich nichts, und doch erwäge
bald ich schon einen neuen Lauf.

Dinge, die ich vor mir seh,
Wege, die zu gehen sind,
die ich dann alsbald versteh
kommen schließlich nicht geschwind.

Das Leben, es braucht seine Zeit,
neue Wege zu entfalten,
ich hoffe ich bin dann bereit,
mein Leben auch zu erhalten.

Bis dahin bleibt vieles grau,
das muss ich leider akzeptieren,
und ein neues, tiefes Blau
auch weiterhin nur fantasieren.

(Herbst 2007)

Samstag, 24. November 2007

Jenseits gängiger Klischees


Mein erstes richtiges Konzert seit einem halben Jahr - früher ein undenkbarer Zustand, bei den gegenwärtigen Preisen und angesichts meines bisherigen, nicht gerade konzertfreundlichen Wohnortes leider Realität. Aber nicht nur deshalb ist meine Vorfreude auf den Abend enorm, schließlich haben sich mit Boban und Marco Markovic zwei der besten Balkantrompeter angekündigt. So war ich auch zunächst etwas irritiert, in der Trierer Tufa einen bestuhlten Saal vorzufinden, der immerhin noch ein paar Meter vor der Bühne Platz für etwaige Tanzfreudige ließ.

Als schließlich zwölf unscheinbare Herren (neun Bläser, drei Schlagzeuger) die Bühne betreten und mit einem extrem langsamen, melancholischen Stück beginnen, bleibt das gut durchmischte Publikum auch zunächst recht ruhig. Zunächst ist nur der Applaus stürmisch, was sich erst ändern sollte, als die Musiker nach und nach das Tempo anziehen.

Dass die Deutschen nicht zu den begabtesten Tänzern zu zählen sind, ist sicher kein Geheimnis, wurde uns (und den sichtlich amüsierten Roma) aber wieder einmal exemplarisch an den ersten wagemutigen Tänzern vorgeführt. Fehlendes Rhythmusgefühl gepaart mit einer Prise Bewegungslegasthenie – die Band scheint es nur zu noch vertrackteren Rhythmen und –wechseln animiert zu haben…

Denn Boban und sein Sohn Marco Markovic sind zwei der begnadetsten Trompeter nicht nur des Balkans. Sie sind die zwei besten Trompeter, die ich je live erleben durfte. Zusammen mit den anderen sieben Bläsern fabrizieren sie eine Blasmusik, wie man sie sich angesichts der hiesigen verschnarchten Blaskapellen nur schwer vorstellen kann. Die dabei entstehende Lärmkulisse wirkt durchaus wild, entgeht dabei aber geschickt den gängigen Balkan-Klischees. Am besten sind sie dabei immer dann, wenn Boban Markovic mal nicht singt (was durchaus auch seinen Reiz hat) und beide sich einen Wettstreit an den Trompeten liefern.

Und da die Herren aus Vladicin Han, dem serbischen Zentrum des Gypsy Brass, das traditionelle Repertoire mit Elementen aus Jazz, lateinamerikanischer Musik und etwas Pop anreicherten, verharren sie auch nicht in reiner Folklore – ihre Musik wird dadurch universell (womit sich auch die unheimliche momentane Beliebtheit dieser Musik erklären könnte). Das merkt in der Tufa irgendwann auch der letzte – und so fordert das nach anderthalb Stunden und einer stetig schneller und lauter gewordenen Musik heftig in Wallung geratene Publikum auch lautstark nach Zugaben.

Einige Zugaben für den interessierten Leser: Über Guča, seit 1961 Ort des wohl wichtigsten und größten Musikfestivals auf dem Balkan, gibt es sowohl einen gleichnamigen Kinofilm, in dem Marco Markovic eine Hauptrolle als einer von zwei um die "Goldene Trompete konkurrierenden Trompetern spielt, sowie eine gleichnamige Doku, die das „serbische Woodstock“ mit seinen bis zu 300.000 Zuschauern unter die Lupe nimmt. Gute Videos von Boban Markovic selbst habe ich leider keine gefunden, nur den schon recht bekannten Bukovina Dub, in dem Shantel ein Stück von Markovic etwas überarbeitet (und vereinfacht) hat...