Sonntag, 10. Februar 2008

female

von Patti Smith

female. feel male. Ever since I felt the need to
choose I'd choose male. I felt boy rythums when I
was in knee pants. So I stayed in pants.
I sobbed when I had to use the public ladies room.
My undergarments made me blush.
Every feminine gesture I affected from my mother
humiliated me.

I ran around with a pack of wolves. I puked on every
pinafore. Growing breasts was a nightmare. In agner
I cut off my hair and knelt glassy eyed before
god. I begged him to place me in my own barbaric race.
The male race. The race of my choice.

In answer he injected me with all the characteristics
of my gender. sultry. languid. wanton. dip into
summer skirts. go down with a narrow hipped boy
behind a bowling alley. bleed. come. fill my womb.

the misfit massacres the mustang pony just to feel
the soft rise of marilyn monroe against his chest.

bloated. pregnant. I crawl thru the sand. like a
lame dog. like a crab. pull my fat baby belly to
the sea. pure edge. pull my hair out by the roots.
roll and drag and claw like a bitch. like a bitch.
like a bitch.

(1967)


Montag, 28. Januar 2008

Die LINKE ist angekommen.

Seit gestern ist klar: mittelfristig kommt in Deutschland politisch keiner mehr an dieser Partei vorbei. Dass Koch in Hessen mit ziemlicher Sicherheit sein Amt als Ministerpräsident verloren hat, ist (neben seiner eigenen politischen Instinktlosigkeit) vor allem dem Einzug der LINKEN zu verdanken. Das politische Patt allerdings ebenso – und das nicht nur in den Ländern. Schließlich verdanken wir die Große Koalition im Bund genau der selben, kleinen, unbeliebten Partei, mit der momentan noch kaum einer spielen will. Dass diese ach so kleine Partei inzwischen Deutschlands drittstärkste politische Kraft ist (zumindest was Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europamandate anbelangt) wurde dabei von den meisten Journalisten geflissentlich übersehen.

Wohin der Weg dieses reichlich heterogenen Sammelbeckens zukünftig gehen soll, ist jedoch alles andere klar. Momentan fungiert sie (gerade im Westen) hauptsächlich als Protestpartei, weshalb sie trotz äußerst schwacher Wahlkämpfe in Hessen wie in Niedersachsen in den Landtag einziehen wird. Sie profitiert immer noch in hohem Maße von der verlorenen Glaubwürdigkeit der Sozialdemokratie und ihrer generell eher schwachen Aufstellung. Um allerdings langfristig überlebensfähig zu sein, muss sie sich auch in der Regierungsverantwortung beweisen, wozu sie kompetentes Personal und ein ausgearbeitetes Programm benötigt. An beidem mangelt es der Partei noch, wie sich die Partei entwickelt ist alles andere als absehbar. Denn noch wird diese äußerst heterogene Vereinigung zusammengehalten von den beständigen Wahlerfolgen. Nur in zwei Bundesländern musste sie seit 2005 mit Verlusten rechnen, und das waren eben jene, in denen sie grauen Regierungsalltag zu bewältigen hatten. Zugang zur Macht ist für die LINKE deshalb eine äußerst zwiespältige Angelegenheit, an der sie allerdings nicht vorbeikommt, will sie als Partei langfristig überleben.

Zunächst freilich kann sie sich noch gemütlich zurücklehnen, die Verwirrung genießen, die sie bei den anderen Parteien ausgelöst hat dabei zusehen, wie diese auf die veränderte Situation in einem 5-Parteien-System reagieren. Spätestens im April allerdings, wenn sich die neuen Landtage konstituieren (und ein recht sicherer Einzug in die Hamburger Bürgerschaft gelungen ist), wird es Zeit sich zu bewähren – wir dürfen gespannt sein…


...einen recht guten Artikel von Joachim Raschke über die veränderten Bedingungen in einem 5-Parteien-System, die Immobilität und die strukturelle Schwäche der deutschen Partei gibt es hier zu lesen.

Dienstag, 15. Januar 2008

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!


Die Politik braucht Feindbilder, auch und gerade in Zeiten des Wahlkampfes. Und einen solchen führt Deutschlands „brutalstmöglicher Aufklärer“ gerade, wie schon anno 1999 setzt er dabei auf die Anti-Ausländerkarte. Schwer zu vergessen, jene Unterschriftenaktion, die Koch erst an die Macht brachte („Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“), eine selten basisdemokratische Aktion einer ansonsten dem politischen Verstand des gemeinen Bürgers eher skeptischen gegenüberstehenden Partei.

Und nun? Die Geschichte ist bekannt, alle möglichen falschen und manch richtige Diskussion inzwischen geführt. Wie falsch der wiederholte Lügner Koch, dessen Rolle im CDU-Spendenskandal äußerst kritisch zu betrachten ist, mit seinen knackigen Thesen liegt und in welche Widersprüche er sich dabei angesichts einer mehr als trüben Bilanz in seinem eigenen Bundesland verstrickt, zeigen die Reaktionen der Experten dieser Republik. Wie sehr er mit seiner Konfrontation ein bisher leider weitgehend ignoriertes Problem ins Blickfeld rückte, die Leserbriefspalten der einschlägigen Tageszeitungen.

Ein gutes hat jene aus erschreckend nichtigem Anlass verübte Gewalttat in München und die darauf folgende Empörung allerdings: in Deutschland wird endlich wieder diskutiert. Dass dabei leider oft die schrillen, populistischen Stimmen die nachdenklichen übertönen, haben solche öffentlichen Diskurse an sich. Aber in der Mehrzahl wird nachgedacht, vernünftige Konzepte gesucht, die Gesetzeslage betrachtet, Möglichkeiten ausgelotet, kurz: lebendige Demokratie praktiziert. Zudem offenbart jene Diskussion die Sollbruchstellen in der Großen Koalition, die in den letzten zwei Jahren in einer schier unerträglichen Konsenssuppe zu ertrinken drohte, wie keine andere zuvor.

So viel zum Positiven. Das Negative ist ungleich offensichtlicher, denn die Scharfmacher schüren eine gefährliche Stimmung in diesem Lande, deren Grundkonsens spätestens seit der Wiedervereinigung an allen Ecken und Enden allmählich ausfranst. Die (realen und wahrgenommenen) sozialen Ungleichheiten verstärken sich, Solidarität ist für viele mehr als ein Fremdwort, verschiedenste Wertsysteme stehen sich zunehmend unvereinbar gegenüber. All das sind keine auf Deutschland beschränkten Phänomene, aber Deutschland scheint besonders unvorbereitet auf diesen sozialen Wandel.

Politik wie Bürger sind überfordert, wo früher ein gemächliches, aber alles in allem doch relativ effektives Konsenssystem waltete, scheint sich die Politik heute zumeist nur selbst zu blockieren. Ohne große Konzepte, Visionen und einen Blick für das langfristig Notwendige, regiert der inhalts- und orientierungslose Pragmatismus. Goldene Zeiten für Menschen mit einfachen Antworten – gleichgültig, ob sie Koch, Lafontaine oder Pastörs heißen. Und so hat Deutschland mit dem neuen Jahr auch seine neuen Schmuddelkinder: die Fremden im eigenen Lande, mit oder ohne deutschen Pass. Was vor wenigen Wochen noch höchstens seinen Weg in die Kommentare der Jungen Freiheit gefunden hätte, liest sich inzwischen täglich in der FAZ.

In gewisser Weise ist auch das wieder gut, denn Deutschland ist endgültig aus seinem multikulturellen Dornröschenschlaf erwacht. In einem Lande, das so viele verschiedene Kulturen beherbergt wie die heutige Bundesrepublik, regeln sich die Konflikte nicht durch ignorante Toleranz. Gerade die Politik muss den Konflikten offen und konstruktiv begegnen. Das stillschweigende Nebeneinander, das die Menschen (egal welcher Herkunft und Nationalität) einander zunehmend entfremdet, muss zu einem lebendigen Miteinander werden. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, aber so werden sie frühzeitig wahrgenommen – und nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Die Menschen in diesem Lande sind einander fremd geworden, weshalb allzu oft aneinander vorbei geredet wird. Das zieht sich durch alle Schichten, Religionen, Altersgruppen und Nationalitäten. Wir brauchen eine lebendige Diskussion über die Zukunft dieses Landes. Mit den Schmuddelkindern, nicht (nur) über und gegen sie…

Freitag, 11. Januar 2008

Lebenslauf

Lebenslauf (Hölderlin)

Größers wolltest auch du,
aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht

Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

Montag, 17. Dezember 2007

Das Klima wird rauer




Wilhelm Heitmeyer, einer der renommiertesten Pädagogen der Republik erforscht seit geraumer Zeit die „deutschen Zustände“ und veröffentlicht unter gleichem Namen empirische Studien über die Einstellungen und Lebensweisen der Menschen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. In den letzten Tagen ist der sechste Band seiner Forschungen erschienen – und wie immer sind die Ergebnisse alles andere als erfreulich. Das Klima in der Republik wird zunehmend rauer.

Sicher, Berlin ist nicht Rio de Janeiro und Deutschland noch lange nicht Brasilien – im Guten wie im Schlechten, aber alle empirischen Studien kommen zum gleichen Ergebnis: die Schere der sozialen Ungleichheit öffnet sich mehr und mehr, und die gesellschaftliche Spaltung ist nur noch schwer aufzuhalten. Nicht, dass Deutschland – allen Unkenrufen à la Schelsky zum trotz – je eine sehr egalitäre Gesellschaft gewesen wäre, spätestens die vielen Analysen zu den verschiedenen PISA-Studien dürften den Klassencharakter der Republik eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Aber spätestens seit der zweiten Legislaturperiode der rot-grünen Regierung und den konsensuell von allen Parteien (außer der LINKEN) beschlossenen Reformen der Agenda 2010 verschärfen sich die Gegensätze.

Sie alleine darauf zurückzuführen wäre sicher verkürzt, in vielerlei Hinsicht haben sie existierende soziale Ungleichheitsverhältnisse erst in ihrer Dramatik offenbart, de facto aber die Lage vieler Menschen am sozialen Rand verschlechtert. Viele kritische Faktoren (die sicher einer näheren wissenschaftlichen Analyse bedürfen) treffen vor allem (aber längst nicht nur) in den migrantisch geprägten Großstadtmilieus zusammen.

Dass sich jugendlichen Gewaltdelikte im Laufe der letzten zehn Jahre beinahe verdoppelt haben, kann deshalb kaum überraschen, ist jedoch angesichts der Abnahme der Gewaltverbrechen wie der Kriminalität insgesamt durchaus bemerkenswert. Nicht nur in Großstädten verbindet sich eine ungute Mischung aus einem sozial höchst ungerechten Bildungssystem, sozialer Deprivation, schlechten Familienverhältnissen, Perspektivlosigkeit und einem eklatanten Mangel an guten Vorbildern zu einem explosivem Gemisch, das zu einer Zunahme brutaler roher Gewalttätigkeit (auf dem Boden Liegende immer noch mit Schlägen traktieren) führt.

Einfache Gegenmittel sind schnell bei der Hand, aber weder eine Verschärfung des Jugendstrafrechts, noch aus gleicher Feder stammende Initiativen zu mehr moralischer Erziehung schlagen greift wirklich an der Wurzel des Problems an. Unkenrufe dieser Art sind stets dann zu beobachten, wenn der ethische Konsens einer Gesellschaft längst verloren gegangen ist – in der Postmoderne ein grundlegendes, doch durchaus lösbares Problem.

Denn die nötigen Diskussionen werden längst geführt, liegen z.T. schon weit zurück, doch an der konsequenten Umsetzung bzw. der ernsthaften Beachtung bereits geführter Diskurse hapert es – die Wiederkehr des immer gleichen eben…

Sonntag, 16. Dezember 2007

Demokratie durch Intervention?


Demokratisierungsprozesse sind komplex, langwierig und nur erfolgreich, wenn sie aus einer Gesellschaft heraus geschehen und nicht von außen mittels Zwang erfolgen. Sie sind komplex, da sie einer Diskussionskultur bedürfen, die verschiedene Ansichten (vorausgesetzt sie sind durch die Verfassung des jeweiligen Staates gedeckt) als prinzipiell gleichwertig akzeptiert. Dass dies selbst in gefestigten Demokratien problematisch sein kann, zeigen nicht zuletzt die hitzigen Diskussionen um die Ausübung der Religionsfreiheit europäischer Muslime in eigenen repräsentativen Gotteshäusern. Eine Demokratie ohne Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit ist ein Widerspruch in sich. Zur Gewährleistung dieser Rechte allerdings bedarf es (gerade in homogenen Gesellschaften) eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses, der abweichende Meinungen akzeptiert. Dass dieser Prozess langwierig ist, liegt an den offensichtlichen Nachteilen der Demokratie: langwierige Diskussionen und Entscheidungs- findungsprozesse verhindern bisweilen notwendige Reformprozesse und lassen in Krisensituationen ein autoritäres Herrschaftssystem als effizienter erscheinen. Und letztlich bedarf es einer Einbettung der Demokratie in die nationale, regionale und kulturelle Tradition der jeweiligen Gesellschaften. Eine von außen aufoktroyierte Herrschaftsform wird zumeist als fremd empfunden und erlangt weit weniger Akzeptanz (eine durch Krieg herbeigeführte verringert dabei die Wahrscheinlichkeit) als eine gewachsene, mit den spezifischen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen zusammenhängende.

Marquis de Sades Fazit auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution: „Wenn ihr in eurem Inneren unüberwindlich und eurer wohlgeordneten Zustände und guten Gesetze wegen Vorbild aller Völker seid, werdet ihr alle Staaten der Welt dazu zwingen, euch nachzuahmen, und ein jeder wird es sich zur Ehre rechnen, mit euch verbündet zu sein; aber wenn ihr des eitlen Ruhmes wegen, eure Grundsätze in die Ferne zu tragen, die Sorge um eure eigene Glückseligkeit aufgebt, dann wird der bloß schlummernde Despotismus wiedererstehen, innere Zwistigkeiten werden euch zerrütten, eure Finanzen und Soldaten werden erschöpft sein, und all dies, um schließlich wieder die Ketten eurer Tyrannen zu küssen, die euch während eurer Abwesenheit unterjochten; alles, was ihr begehrt, könnt ihr erreichen, ohne eure Häuser zu verlassen; mögen sich dann die anderen (…) ein Beispiel nehmen und ebenso frei und einträchtig und glücklich sein wie wir, die wir ihnen durch unser mustergültiges, eines republikanischen Staates würdiges Verhalten die Bahnen hierfür vorschreiben.“

Freitag, 14. Dezember 2007

Mertesdorf


Seit nunmehr fast drei Monaten wohne ich in Mertesdorf. In einem SWR-Beitrag wird dieser (wahrscheinlich älteste deutsche) Weinort gewürdigt, in dem u.a. auch mein Vermieter vom alteingesessenen Weingut Grünhaus, Herr Schubert, zu Wort kommt...

Mein Ruin


Mein Ruin

Mein Ruin das ist zunächst
Etwas das gewachsen ist
Wie eine Welle die mich trägt
Und mich dann unter sich begräbt
Mein Ruin ist was mich zieht
Wiederholung als Prinzip
Ein Zusammenbruch
Ein Fall
Ein Versuch
Ein Donnerhall
Mein Ruin ist Heiligtum
Diebstahl und Erinnerung
Geboren aus Unsicherheit
Freude und Zerbrechlichkeit
Mein Ruin ist Unverstand
Kein Märtyrer
Kein Komödiant
Nur aus Kälte und Distanz
Verleih ich mir den Lorbeerkranz
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin nicht einer von euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich zerstäubt
Mein Ruin das ist mein Ziel
Die Lieblingsrolle die ich spiel
Mein Ruin ist mein Triumph
Empfindlichkeit und Unvernunft
Eine Befreiung
Eine Pracht
Sanfter als die tiefste Nacht
Die ab jetzt für immer bleibt
Und ihre eigenen Lieder schreibt
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin nur einer von euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich betäubt
Mein Ruin ist weiterhin
Eine Arbeit ohne Sinn
Etwas das man nie bereut
Eine Abgeschiedenheit
Mein Ruin ist nur verbal
Feigheit vor dem Feind
Der Qual
Der Trauer und der tiefen Not
Mein größtes Glück
Ein tiefes Rot
Mein Ruin ist mein Bereich
Denn ich bin einer unter euch
Mein Ruin ist was mir bleibt
Wenn alles andere sich zerstäubt
Mein Ruin das ist zunächst
Etwas das gewachsen ist
Wie eine Welle die mich trägt
Und mich dann unter sich begräbt

(Tocotronic, 2007)

Samstag, 8. Dezember 2007

Das Mindeste


Nicht nur von Liberalen wird der Mindestlohn nur allzu gerne als populistisch und kontraproduktiv, da Arbeitsplätze vernichtend angesehen. Und siehe da: kaum vereinbart die Regierung einen Post-Mindestlohn, erklärt eine der Öffentlichkeit bisher kaum bekannte Konkurrenzfirma namens PIN massiven Stellenabbau. Die wirtschaftsliberale Logik scheint sich also zu bewahrheiten. Doch bei näherer Betrachtung ergibt sich ein etwas anderes Bild.

Zu allererst zeigt dieser Fall nämlich eines: Mindestlöhne können Dumping-Geschäftsmodelle verhindern. Um nichts anderes handelt es sich nämlich bei der PIN-Group, hinter der mit einem Aktienanteil von 71,6% niemand geringeres als die berüchtigte Axel Springer AG steckt. Um mit der Deutschen Post AG in Konkurrenz treten zu können, wurden dort bisher die Löhne so weit nach unten gedrückt, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Mitarbeiter auf eine Aufstockung des Einkommens durch den Staat angewiesen war – das Kombilohnmodell von Frau Merkel quasi in Reinform.
 
Des weiteren beträgt der Durchschnittslohn der Postzusteller bei der Deutschen Post AG sage und schreibe 16 €. Mit einem Mindestlohn von 9,80 € kann sie mehr als gut leben, aber nicht nur das: sie hat sogar Potenzial für zusätzliche Mitarbeiter und deshalb unlängst angekündigt, von PIN entlassene Mitarbeiter zu „vernünftigen Löhnen“ einzustellen. Die pauschale Behauptung, Mindestlöhne würden automatisch Arbeitsplätze vernichten, lässt sich zumindest hier nicht aufrechterhalten.

Was sich an diesem Beispiel aufzeigen lässt: nicht die Forderung nach einem Mindestlohn, die polemische Kritik an ihm ist verkürzt. Der Postmarkt mag sicherlich ein spezieller Fall sein, aber die Ausbreitung des Beschäftigungsmodells Dumpinglohn + ALG II-Aufstockung bzw. Zweit- oder Drittjob, und damit die Entstehung sog. „working poor“ ist in vollem Gange. Wer sich also gegen einen Mindestlohn ausspricht sollte gleichzeitig auch die sozialen Folgen einer solchen Polarisierung von Arbeitsmarkt und Gesellschaft offen benennen und nicht von sozialer Marktwirtschaft reden, wo doch letztlich nur Marktliberalismus gemeint ist.
 
Deutschland zählt zu den wenigen Industrieländern, die noch keinen Mindestlohn eingeführt haben – selbst die durch den Thatcherismus von jeglichem Staatsinterventionismus entwöhnten, staatlichen Eingriffen von jeher skeptisch gegenüberstehenden Briten haben ihn seit 1999. Und mit umgerechnet 7,96 € liegt er momentan sogar über den von SPD und Gewerkschaften geforderten (und von Wirtschaftsverbänden, CDU und FDP als fatal bezeichneten) 7,50 €. Ein einfacher Blick auf die Wirtschaftsdaten des Landes offenbart: die Einführung des Mindestlohnes zeitigte keine signifikanten Auswirkungen auf das Beschäftigungsniveau, stattdessen erhöhte sich nicht nur das reale wie relative Lohnniveau, nein, es verringerte sich zudem die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen.

Auch der Vergleich mit anderen Mindestlohn-Ländern zeigt: aus der Einführung eines Mindestlohnes folgt zunächst – außer einer Verbesserung der Lebenslagen von im Niedriglohnsektor Beschäftigten – recht wenig. Die ständig wiederholte Litanei von damit automatisch verknüpften Arbeitsplatzverlusten in gigantischem Ausmaße, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als reine marktliberale Ideologie. Entscheidend sind letztlich die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und unter liberalen Regimen gewinnen dabei stets nur zwei: die Ungleichheit und die ohnehin Privilegierten…

Dienstag, 4. Dezember 2007

Don't eat the yellow snow



Frank Zappa mit einem seiner vielen Klassiker aus dem Jahre 1974 - animiert für das 21. Jahrhundert. Spricht für sich selbst...

Montag, 3. Dezember 2007

Die neuen Nazis

Dass die NPD nun schon ein gutes Jahr im Schweriner Landtag sitzt, war dem NDR eine durchaus umstrittene Doku wert. "Die neuen Nazis" rief, vor etwa einem Monat erstmals ausgestrahlt, nicht zuletzt deshalb Kritik hervor, weil (so war es vor allem aus den Mündern der einschlägigen Politiker zu vernehmen) der Film zu undistanziert gewesen und Udo Pastörs, das wohl größte Polittalent der Rechtsextremen, zu gut dabei weggekommen sei. Nun ist es ja durchaus eine umstrittene Frage, wie ein Dokumentarfilmer die von ihm porträtierten Gegebenheiten darstellen soll:
Sollte eine Dokumentation einen möglichst unverstellten Blick auf die Realität haben, diese kritisch reflektieren oder einseitig Position beziehen? Unabhängig vom jeweiligen Thema, das sicher einen Einfluss auf die Art und Weise der Berichterstattung hat – und das aus gutem Grunde – ist doch gerade bei gesellschaftlich heiklen Themen (und um ein solches handelt es sich nun einmal bei dem Phänomen des parlamentarischen Rechtsextremismus) Vorsicht angebracht. Allerdings: wer davon ausgeht, dass ein durchaus kritischer, aber vorrangig dokumentarischer Bericht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von den Bürgern nicht selbst kritisch reflektiert werden kann, der hat wahrlich das nötige Vertrauen in die Demokratie verloren. Und da liegt doch letztlich auch das entscheidende Problem: einer Demokratie, die sich vor der offenen, argumentativen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rändern scheut, droht irgendwann auch der Verlust der viel beschworenen Mitte.

Dass es sich bei Pastörs um einen durchaus bürgernahen und rhetorisch begabten Politiker handelt macht die Sache sicher nicht leichter, gerade in jenem Bundesland, das wohl am wenigsten von der Wiedervereinigung profitiert und am meisten unter Abwanderung zu leiden hat. Die Augen vor der Realität zu verschließen – und der parlamentarische Rechtsextremismus ist das nun mal leider – wäre aber fatal. Deshalb sind möglichst unverstellte Dokumentationen kompetenter Journalisten unabdingbar. In den letzten Jahren (nicht zuletzt verursacht durch die unsäglichen Filme eines gewissen Herrn Moore) ist jedoch eine deutliche Tendenz zur Verflachung und Verkürzung zu beobachten, eine Verschiebung von der Reflexion zur Unterhaltung, die nicht nur politische Dokumentationen betrifft, aber bei ihnen besonders negativ zu tragen kommt. „Die neuen Nazis“ hebt sich davon wohltuend ab (und wird entgegen anders lautender Kritik letztlich doch deutlich). Doch seht selbst: Die neuen Nazis – ein Film von Anke Hahns und Felix Pankow

Freitag, 30. November 2007

Bunny



Bunny war 1998 einer der ersten Animationsfilme - und setzte damit Standards. Der nur siebenminütige Film gewann über 25 internationale Preise, darunter gar einen Oscar. Er handelt von Liebe und Tod, aber auch von Wiedervereinigung und einem möglichen Leben nach dem Tod. Die Musik stammt von Tom Waits, Regie und Drehbuch von Chris Wedge. Viel Spaß damit!

Welk



Ein heller, warmer Sonnenstrahl,
ein klares, kleines Licht,
doch meine Welt ist grau und fahl,
und faltig mein Gesicht.

Ich schau ins Grün, seh all das Leben,
auch wenn es sichtbar bald verwelkt
von seiner Kraft kann es nichts geben,
bevor es in sich selbst zerfällt,

seh beständig nur das Dunkle,
weil dunkel es auch ist in mir,
dass mein Auge wieder funkle,
wünsche ich mir im Jetzt und Hier.

Lang ist es her, dass Sterne strahlten
über meinem Haupt so klar,
die Tage waren gleich gemalten,
alle Nächte frei und wahr.

Heute gleichen sie grauen Ratten,
die Tage halt ich kaum noch aus,
denk an den Glanz, den sie einst hatten,
geh selten in die Welt hinaus.

Sie ist mir fremd, ein dunkles Grau,
beweg mich in ihr ungelenk,
verschanz mich stets in meinem Bau,
was immer ich auch mach und denk:

noch selten komm ich da heraus,
aus den Zweifeln und den Ängsten –
wär ich nur keine graue Maus
könnte ich noch selbst den längsten

Weg alleine und erfolgreich gehn,
niemand hielt mich dann noch auf,
die Welt im Innersten auch verstehn
dann bei meinem Lebens-Lauf.

Noch strauchle ich, bin viel zu träge,
noch steigt kein Fünkchen Hoffnung auf,
noch seh ich nichts, und doch erwäge
bald ich schon einen neuen Lauf.

Dinge, die ich vor mir seh,
Wege, die zu gehen sind,
die ich dann alsbald versteh
kommen schließlich nicht geschwind.

Das Leben, es braucht seine Zeit,
neue Wege zu entfalten,
ich hoffe ich bin dann bereit,
mein Leben auch zu erhalten.

Bis dahin bleibt vieles grau,
das muss ich leider akzeptieren,
und ein neues, tiefes Blau
auch weiterhin nur fantasieren.

(Herbst 2007)

Samstag, 24. November 2007

Jenseits gängiger Klischees


Mein erstes richtiges Konzert seit einem halben Jahr - früher ein undenkbarer Zustand, bei den gegenwärtigen Preisen und angesichts meines bisherigen, nicht gerade konzertfreundlichen Wohnortes leider Realität. Aber nicht nur deshalb ist meine Vorfreude auf den Abend enorm, schließlich haben sich mit Boban und Marco Markovic zwei der besten Balkantrompeter angekündigt. So war ich auch zunächst etwas irritiert, in der Trierer Tufa einen bestuhlten Saal vorzufinden, der immerhin noch ein paar Meter vor der Bühne Platz für etwaige Tanzfreudige ließ.

Als schließlich zwölf unscheinbare Herren (neun Bläser, drei Schlagzeuger) die Bühne betreten und mit einem extrem langsamen, melancholischen Stück beginnen, bleibt das gut durchmischte Publikum auch zunächst recht ruhig. Zunächst ist nur der Applaus stürmisch, was sich erst ändern sollte, als die Musiker nach und nach das Tempo anziehen.

Dass die Deutschen nicht zu den begabtesten Tänzern zu zählen sind, ist sicher kein Geheimnis, wurde uns (und den sichtlich amüsierten Roma) aber wieder einmal exemplarisch an den ersten wagemutigen Tänzern vorgeführt. Fehlendes Rhythmusgefühl gepaart mit einer Prise Bewegungslegasthenie – die Band scheint es nur zu noch vertrackteren Rhythmen und –wechseln animiert zu haben…

Denn Boban und sein Sohn Marco Markovic sind zwei der begnadetsten Trompeter nicht nur des Balkans. Sie sind die zwei besten Trompeter, die ich je live erleben durfte. Zusammen mit den anderen sieben Bläsern fabrizieren sie eine Blasmusik, wie man sie sich angesichts der hiesigen verschnarchten Blaskapellen nur schwer vorstellen kann. Die dabei entstehende Lärmkulisse wirkt durchaus wild, entgeht dabei aber geschickt den gängigen Balkan-Klischees. Am besten sind sie dabei immer dann, wenn Boban Markovic mal nicht singt (was durchaus auch seinen Reiz hat) und beide sich einen Wettstreit an den Trompeten liefern.

Und da die Herren aus Vladicin Han, dem serbischen Zentrum des Gypsy Brass, das traditionelle Repertoire mit Elementen aus Jazz, lateinamerikanischer Musik und etwas Pop anreicherten, verharren sie auch nicht in reiner Folklore – ihre Musik wird dadurch universell (womit sich auch die unheimliche momentane Beliebtheit dieser Musik erklären könnte). Das merkt in der Tufa irgendwann auch der letzte – und so fordert das nach anderthalb Stunden und einer stetig schneller und lauter gewordenen Musik heftig in Wallung geratene Publikum auch lautstark nach Zugaben.

Einige Zugaben für den interessierten Leser: Über Guča, seit 1961 Ort des wohl wichtigsten und größten Musikfestivals auf dem Balkan, gibt es sowohl einen gleichnamigen Kinofilm, in dem Marco Markovic eine Hauptrolle als einer von zwei um die "Goldene Trompete konkurrierenden Trompetern spielt, sowie eine gleichnamige Doku, die das „serbische Woodstock“ mit seinen bis zu 300.000 Zuschauern unter die Lupe nimmt. Gute Videos von Boban Markovic selbst habe ich leider keine gefunden, nur den schon recht bekannten Bukovina Dub, in dem Shantel ein Stück von Markovic etwas überarbeitet (und vereinfacht) hat...

Sonntag, 28. Oktober 2007

SPD - wohin?

Der in den letzten Wochen ungewohnt deutlich und öffentlich ausgetragene Richtungsstreit in der SPD thematisierte das vielleicht wichtigste und gleichsam umstrittenste Reformpaket in der wiedervereinigten Bundesrepublik, und täuscht doch über das größte Problem der ältesten deutschen Partei hinweg: ihre weitgehende Profillosigkeit.
 
Zwischen einer links überholenden CDU und einer, alte sozialdemokratische Positionen besetzenden Linkspartei ist der Platz dünn geworden für die alte Tante SPD. Keine Partei leidet wohl momentan unter einer schlechteren öffentlichen Wahrnehmung, keine leidet so sehr unter der Parteiverdrossenheit auch und gerade der jüngeren Deutschen und keine weiß wohl momentan schlechter, wo sie sich nun eigentlich selbst verorten soll. Wer oder was ist die SPD nach Schröder?

Die Identitätsfrage stellt sich jedoch nicht erst seit dem recht unsouveränen Abgang des einstigen Basta-Kanzlers. Im Prinzip befindet sich (nicht nur) die deutsche Sozialdemokratie schon seit bald dreißig Jahren in einer veritablen Identitätskrise. Und rückblickend sind ihre Wahlerfolge unter Schröder weniger politischer Attraktivität als Überdruss nach 16 Jahren Kohl (1998) und weltpolitischen wie nationalen Verwerfungen (die Oderflut und der sich anbahnende Irakkrieg anno 2002) zu verdanken.

Die Sozialdemokratie ist dabei nicht zuletzt Opfer ihres eigenen Erfolges: den Errungenschaften der organisierten Arbeiterschaft (deren Heimat von Beginn an bei den Erben Lasalles zu finden war), welche im Laufe des 20. Jahrhunderts das begründeten, was heute bisweilen verächtlich als Wohlfahrtsstaat bezeichnet wird. Dass die Klassenstruktur dieser Gesellschaft sich zudem hin zu einer verstärkt individualisierten Milieustruktur wandelte, so etwas wie Klassenidentität oder –solidarität nur noch in Geschichtsbüchern stattfindet, schlug sich auch in Programmatik und Auftreten der Partei nieder.

Die Linke hat sich deshalb auch schon lange abgewendet von Deutschlands ältester Partei, zu oft hat sie sich gewandelt, zu sehr ist sie in der ominösen Mitte der Gesellschaft angekommen, zu oft hat sie (neben all den Erfolgen) versagt: schon als sie für den 1. Weltkrieg votierte, als sie in der Weimarer Republik die Demokratie nicht stabilisieren konnte, als sie während der ersten Großen Koalition für die Notstandsgesetze votierte, als 1982 der NATO-Doppelbeschluss abgesegnet wurde, als sie 1992 den umstrittenen Asylkompromiss mittrug, als sie Deutschland in den ersten Kriegseinsatz nach dem 2. Weltkrieg (zudem ohne UN-Mandat) führten – die Agenda 2010 nicht zu vergessen… „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“

Was also ist zu erwarten von dieser SPD, die selten weniger attraktiv war als jetzt? Nicht viel, denn neben charismatischem Führungspersonal mangelt es der einstigen Volkspartei vor allem an Ideen. Sicher, Politik in der Postmoderne mag komplexer, weniger eindeutig und glücklicherweise auch weniger ideologisch sein als noch zu Zeiten von Marx und Lasalle. Aber etwas mehr als Mehrwertsteuererhöhung, Rente mit 67, Senkung von Unternehmenssteuern, Kriegseinsätze oder die just abgesegnete Bahnprivatisierung dürfte selbst für eine solch bräsige Vereinigung wie jene in die Jahre gekommene SPD drin sein. Ansonsten dürfte es der Partei bald in der ganzen Republik gehen wie in Sachsen, wo sie unlängst in Umfragen gar von der NPD überholt wurde…

Samstag, 27. Oktober 2007

Dem Abgrund bedrohlich nahe




Nicht, dass man es als Kickers-Fan je leicht gehabt hätte, aber was der gemeine Fan diese Saison durchmachen muss, ist schon als äußerst grenzwertig zu bezeichnen. Denn diese Saison wird über das Schicksal des Vereins bestimmen: ab nächster Saison gibt es eine dritte bundesweite Profiliga, welche die Regionalligen ersetzen wird. Platz 10 ist dabei minimales Saisonziel, ansonsten droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, Schulden, gar Insolvenz. Und die glorreichen Zeit der Degerlocher liegen bekanntermaßen schon geraume Zeit zurück, seit nunmehr fünf Jahren spielt der Vizemeister der ewigen 2. Bundesliga in der (finanziell wie spielerisch) wenig attraktiven Regionalliga Süd mit dementsprechend durchwachsenen Leistungen. Schien vor etwa einem Jahr der Aufstieg in die 2. Liga noch greifbar, so spielt sich die Mannschaft seitdem mehr und mehr in die Krise.

Aktueller Tabellenplatz: 10. Allerdings: nach unten ist kaum mehr Luft und der mediokre Tabellenstand entspricht in keinster Weise den katastrophalen Leistungen der Mannschaft, die nur mit viel Glück zu vier Siegen kam und immer noch auf den ersten Heimsieg wartet. Dass sie zudem aus dem WFV-Pokal, den sie in den beiden vorherigen Jahren souverän gewann, schon früh mit einem miserablen 0:3 gegen die Amateurkicker aus Kirchheim ausschied, bildete den vorläufigen Tiefpunkt. Eine ungesunde Trainerdiskussion vergiftet die Stimmung auf der Waldau, auch wenn sich Vereinsführung und Mannschaft unlängst hinter den erfolglosen und unbeliebten Zeidler stellte. Ob das nach diesem Wochenende auch noch der Fall sein wird ist fraglich, da sich die Situation deutlich zuspitzt. Ein wieder einmal unnötig verlorenes Spiel gegen die schwache zweite Mannschaft der 60er (zu dem gerade einmal 40 Fans angereist waren) und laute Rufe der Fans nach einem Trainerwechsel lassen es fraglich erscheinen, dass Zeidler nächste Woche noch Trainer der Degerlocher ist.

Allerdings: die Finanzsituation ist äußerst angespannt, die neue Vereinsführung agiert ungeschickt und Gerüchte um eine mögliche Nichtzulassung zur 3. Liga (die Finanzsituation ist äußerst angespannt, manche sprechen gar von einer drohenden Insolvenz) machen die Runde. Dass zudem die Oberligamannschaft abgeschlagen auf dem letzten Platz steht, wird da fast schon zu einer vernachlässigbaren Fußnote. Es geht um nichts geringeres, als die Zukunft des Vereins!

Samstag, 6. Oktober 2007

Kinder

Olaf Schubert mag sicher etwas gewöhnungsbedürftig sein, für manche gar gänzlich unlustig, ich aber bin von seiner herrlich pseudo-intellektuellen Art, seiner gestelzten Art der Bühnenpräsenz, seinem hässlichen immergleichen Pollunder und der ewig griesgrämigen Mimik inzwischen recht angetan.

was sie dir tun können


was können sie dir tun?
dir die zunge ausreißen.
ein besonderer redner warst du nie.
dir die augen ausstechen.
hast du nicht genug gesehen?
dich deiner mannbarkeit berauben.
viel hast du als mann nicht gegolten.
deine finger abtragen.
du solltest ohnehin nicht in der nase bohren.
dir die füße abhacken.
in deinem alter wird man seßhaft.
dich bis zum irrsinn foltern,
für verrückt wurdest du schon längst gehalten.

(Ernst Jandl)

Freitag, 5. Oktober 2007

High Fidelity Teil 3: Elliott Smith




Teil III meiner nerdigen Audiophilen-Kategorie ist einem meiner liebsten Songwriter gewidmet, der auch schon in der Kategorie “Meister der Melancholie” gewürdigt wurde. In den etwa zehn Jahren seines musikalischen Schaffens als Solokünstler hinterließ er nicht nur sechs reguläre Studioalben (incl. des posthumen „From a basement on the hill“, kurz: FABOTH), sondern auch eine ganze Reihe unveröffentlichter Songs, von denen eine Reihe auf dem kürzlich erschienenen „New Moon“ versammelt sind. Smiths musikalische Entwicklung führte von den ersten beiden sehr reduzierten Akustikalben über die deutlich lauteren und ausgefeilteren mittleren Werke hin zum leicht psychedelischen und am schwersten zugänglichen „From a basement on the hill“. Dabei schuf Elliott (der unter nicht ganz geklärten Umständen vor vier Jahren mehreren Messerstichen erlag – wahrscheinlich war es Selbstmord) eine ganze Reihe von lyrischen wie musikalischen Meisterwerken, deshalb hier der Versuch, eine Rangliste seiner Studioalben zu erstellen:

6. Roman Candle (1994): Das Debütalbum lasst schon vieles erahnen, ist aber insgesamt noch sehr zurückhaltend. Dennoch versprühen die lediglich neun Lieder einen eigenen Charme, der vielen Erstlingswerken innewohnt. Deutlich erkennbar ist dies noch ein Soloalbum des Heatmiser-Sängers, der Songwriter Smith ist noch auf der Suche…

5. Figure Eight (2000): Für viele sein bestes, weil vielleicht am leichtesten zugängliches, für mich ein solides, aber mit wenigen wirklich bewegenden Liedern versehenes Album. Son of Sam, Somebody that I used to know, Everything reminds me of her, I better be quiet now und Can’t make a sound überzeugen, der Rest ist gut, aber eine Spur zu rockig und beinahe Beach-Boys-mäßig insziniert.

4. From a basement on the hill (2004): Das posthum erschienene Werk wirkt nicht nur beim ersten Hören schwierig, etwas unzugänglich und stellenweise zerfahren. Deutlich spürbar ist die Verzweiflung, welche Elliott letztlich in den Selbstmord trieb und den Perfektionisten sein Werk nicht mehr zu Ende führen ließ. FABOTH ist sein pompösestes, komplexestes, am schwersten verdaulichstes Werk, klingt psychedelisch, von einigen Ausnahmen abgesehen laut und gipfelt im programmatischen „A distorted reality is now a necessity to be free“, Elliotts letztem Song.

3. Either/Or (1997): erweitert das Repertoire des vorherigen Werks dezent, bildet den Abschluss der frühen, akustischen Phase, deutet stellenweise schon an, wohin der musikalischen Weg noch führen sollte und beinhaltet das vielleicht beste Lied, das er je auf eine Platte pressen ließ: Angeles.

2. XO (1998): XO ist eine Art Übergangsplatte und vereint den akustischen wie den rockigen Smith und schafft es, beide zu etwas Gesundem, Rundem und sehr Ansprechendem zu formen. Was bei Figure Eight zu sehr ins rockige abdriftet und bei FABOTH völlig im kreativen Chaos endet, fügt sich hier organisch zu einem logischen und schnell erschließbaren Ganzen.

1. Elliott Smith (1995): Klang das Debüt noch unsicher und suchend, so wirkt sein Zweitlingswerk leicht, souverän und schlüssig. Vom ersten bis zum letzten Lied ist hier alles vorhanden, was eine gute, melancholische Akustikplatte benötigt. Die ruhige Atmosphäre und die eindringlichen, melancholischen (oft nur mit einer leisen Gitarre vorgetragenen) Lieder gehören zum Besten, Reduziertesten, was die Songwritergilde an akustischen Alben zu bieten hat und reiht sich locker in eine Reihe ein mit Nick Drakes „Pink Moon“ oder Bob Dylans „The freewheelin“.

Zu guter letzt allerdings noch ein paar Wort zu Relativierung: seine Musik und vor allem seine Texte sind so ergiebig und langlebig, dass solche Ranglisten nie mehr als Momentaufnahmen bleiben werden. Jedes einzelne Werk hat seinen eigenen Reiz und jedes einzelne ist so speziell (Elliott hat sich nie wirklich wiederholt), dass sie immer wieder aufs Neue entdeckt werden können…


P.S. Die dazugehörigen Texte findet der geneigte Hörer auf der Fanseite www.elliottsmith.de

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Trierer Platt

Kein Kommentar...

Samstag, 22. September 2007

Islam & Demokratie I


In der Diskussion um Demokratiedefizite in islamischen Ländern ist oftmals die Rede von einer grundlegenden Unvereinbarkeit von Islam und Politik, nicht selten gar von einem kulturellen Kampf der westlichen Zivilisation gegen die orientalisch-muslimische Barbarei (à la Huntington). Ein oberflächlicher Blick auf den islamischen Kulturkreis scheint dieses Vor-Urteil zunächst auch zu bestätigen: kein islamisches Land – vom Sonderfall Türkei und dem äußerst fragilen Indonesien einmal abgesehen – ist demokratisch.

Auf der anderen Seite jedoch sind es nicht zuletzt die westlichen Regierungen, die vermehrt auf Demokratisierung islamischer Länder mittels kriegerischer Mittel setzen. Mit welchen Problemen solche missionarischen Demokraten zu kämpfen haben, zeigen nicht zuletzt die Zustände in Afghanistan und im Irak. Und wiederum sind es in diesen Ländern – wie es scheint – religiös motivierte Kämpfer, die der Etablierung einer Demokratie entgegen treten, auch wenn die Motive und Rechtfertigungen ihres als solchen bezeichneten Befreiungskampfes in der westlichen Welt kaum vernommen und noch weniger verstanden werden. So wird aus mangelndem Wissen Ablehnung – die Vorurteile gegen den Islam, die Muslime (und damit auch gegen die eigenen Mitbürger) verhärten sich: Islam und rechtsstaatliche Demokratie seien nicht vereinbar. Dabei ist fundiertes Wissen über die äußerst heterogene islamische Staatenwelt und deren Gesellschaften selbst in der Wissenschaft schwer zu finden. Stattdessen dominieren Vorurteile, Arroganz und Angst.

Dabei schließe ich mich durchaus selbst in diese Kritik mit ein, doch mein Vor-Urteil ist äußerst ambivalent. Problematisch erscheint mir einerseits die kriegerische Geschichte Mohammeds, der den Islam zu einer weitaus politischeren Religion als etwa das Christentum gemacht hat und den einigenden Glauben als Mittel zur Vereinigung der zerstrittenen arabischen Stämme nutzte und in Folge dessen zu einer Blütezeit islamischer Großreiche führte. Auch sprechen eine Reihe von Suren – vor allem die medinischen, die oft in deutlichem Widerspruch zu den mekkanischen stehen – eine strenge und intolerante Sprache. Doch fehlt dem Islam eine einigende Instanz, bleibt es letztlich jedem selbst überlassen, ihn zu interpretieren. Zudem hält das Hocharabische, in dem die Originaltexte verfasst sind, einige Tücken für Leser wie Übersetzer bereit, da (wie im Hebräischen) die Vokale nicht geschrieben werden. So bleiben viele Stellen selbst im Original in unterschiedlichster Weise interpretierbar. Gleiches gilt für die Scharia, die eine Vielzahl zum Teil widersprüchlicher Traditionen in sich vereint.

Deshalb bin ich jenen gegenüber äußerst misstrauisch, die stets von DEM Islam reden, da es eben nicht eine, sondern viele Spielarten des Glaubens gibt und diese Religion genauso widersprüchlich ist, wie alle anderen Schriftreligionen. Dennoch wäre es an der Zeit, sich näher mit den Grundlagen jenes Glaubens - dem doch immerhin geschätzte 1,4 Milliarden Menschen anhängen - auseinanderzusetzen...

Montag, 17. September 2007

Der ideelle Konsument




Herr Tournier
von Feridun Zaimoglu


Galaxy: Herr Wilfried Tournier. Sie bezeichnen sich als ideellen Konsumenten. In Funk, Film und Fernsehen singen Sie das Loblied auf den Kaufsouverän in der magischern Warenwelt und werden dafür von Vertretern der Kirchen und Gewerkschaften als Ultra-Economy-Monster, Konsumjubelposer oder auch als analrenitenter Ordnungsfuzzi beschimpft. Was heißt überhaupt analrenitent?


Herr Tournier: Laut Duden bedeutet Renitention die Zurückhaltung auszuscheidender Flüssigkeiten. Wenn ich die Polemik richtig verstehe, bin ich in den Augen der Hysteriker, die eine Gegnerschaft zu mir konstruieren wollen, ein Mensch, der keine Toilette aufsucht, wenn ihn der große Stuhlgang plagt. Was sie damit aussagen wollen, ist wahrscheinlich auch ihnen selbst schleierhaft.


G: Ohne Zweifel haben Sie diese Leute auf die Palme gebracht. Haben Sie dafür eine Erklärung?


T: Das ist eine künstliche Aufregung. Nicht mehr und nicht weniger.


G: Anscheinend lassen auch Sie sich davon anstecken. Einen Gewerkschaftsfunktionär als „stinkendes Element“ zu beschimpfen, zeigt auch nicht von ausgesuchter Höflichkeit.


T: Ich bin nicht sehr glücklich über diese meine Entgleisung…


G: Machen wir einen harten Schnitt und kommen auf ihre Thesen und Theorien. Was genau wollen Sie und verkaufen, Herr Tournier?


T: Ich behaupte mit gewissem Recht, dass der Konsum eine Sichtachse in die Wildnis geschlagen hat. Und es ist meine feste Überzeugung, dass dem Konsum, in all seinen Variationen, die optimale Platzausnutzung des Glücksterrains innewohnt.


G: Das haben Sie schön gesagt, wir haben es trotzdem nicht verstanden…


T: Die freie Marktwirtschaft ist die beste aller Welten, und auch die Subversiven, die vor gar nicht so langer Zeit die Systemfrage gestellt hatten, haben sich wie Parasiten im großen Wirtschaftskörper eingenistet. Kritik gilt in unserem Lande als Zeichen der Intelligenz. Deshalb will niemand mit der ganzen Wahrheit herausrücken, die da heißt: In der kapitalistischen Gesellschaft wird jeder glücklich! Der Konsum ist keine kranke Sucht, auch der Kauf von entbehrlichen Luxusgütern gibt uns das bisschen Freude, auf das wir alle ein Anrecht haben. Also weg mit dem schlechten Gewissen!

G: So weit so gut. Sie fordern aber alle Bevölkerungsschichten dazu auf, noch mehr noch schneller zu kaufen. Reicht Ihnen die immense Verschuldung der Haushalte nicht?


T: Es gibt Menschen, die sind derart weltfremd, dass sie sich als Touristen vorkommen, wenn sie kurze Zeit vor die Tür gehen.


G: Wie sollen wir das jetzt bitteschön verstehen?


T: Wir leben in paradiesischen Verhältnissen. Um das feststellen zu können, muss man sich jedoch anbequemen, die eigene Stube zu verlassen.


G: Gut, wir haben also die Wohnung verlassen, haben auch hinter uns abgeschlossen und sind jetzt an der frischen Luft. Was erwartet uns also Ihrer Meinung nach?


T: Was wir sehen, ist der Kalte Krieg der Logos, ist die Logo-Inflation, sind die Logoträger. Die Botschaft lautet: Ich bin markiert und habe einen langen kommerziellen Atem. Meine Markierung gegen die deine. Die Jagd nach der Konsummarke, nach dem Unikat, treibt die Massen an. Was die kommunistische Doktrin unter Zwang versucht, jedoch nicht geschafft hat, ist Wirklichkeit geworden: Mit der Selbstbedienung haben alle Volksmassen das Glück auf Erden gefunden.


G: Es fällt auf, dass Sie in der Tonlage eines religiösen Eiferers reden.


T: Der Konsum macht Nächstenliebe möglich. Er hilft mir, meine hässlichen Mitmenschen, wenn nicht zu lieben, so doch in gewisser Weise zu ertragen. Meine Vitalität nimmt über meine Kauffreude zu.


G: Kaufen macht frei?


T: Eine schönere Korrespondenz wie zwischen dem Kaufgebildeten und dem Produkt kann es nicht geben. Gott nimmt man nicht in einer Einkauftüte mit nach Hause. Das Gespür für das begehrte Objekt ist eine ungleich feinere Geistesausstattung als sie jede Religion ihren Gläubigern zu geben vermochte.


G: Das könnte aber auch als Blasphemie durchgehen!


T: Sie fragen mich danach, ob der Konsum selig macht. Und ich sage: Nieder mit dem Verzichtsdogma! Nieder mit der Konsumaskese! Es lebe die Logo-Inflation! Es lebe…


G: Ist ja gut! Lassen Sie uns doch bitteschön aus dem Nebel der Philosophie heraustreten. Sie haben vorhin den Ausdruck „Kaufgebildeter“ benutzt. Was meinen Sie damit?


T: Die Shopper-Primitiven wissen nicht um die in den Gebrauchsdingen kondensierte Dingseele. Sie sind unendlich dumm und können nur Ware als Ware kaufen. Ein Konsumaristokrat dagegen springt nicht unbedingt auf ein plausibles Preisschild an.


G: Konsum bildet, ich verstehe. Aber was macht Sie, der Sie ja wie wir Normalsterblichen Ihren Einkaufswagen zur Kasse fahren und für dessen Inhalt zahlen müssen, so besonders?


T: Wir sprechen vom Prinzip Konsum, von der Idee darin und dahinter. Im Konsum haben wir zweifelsohne ganz flache Hierarchien, und Kaufhäuser gibt es in allen zivilisierten Ländern. Jeder kann kaufen. Jeder soll kaufen. Ich persönlich bin zutiefst kaufkonservativ. Im Gegensatz zu der Rinderherde der gemeinen Konsumenten gehe ich strikt nach Einkaufszettel vor. Ich kaufe Produkte und Luxuswaren, die zu meinem Glück tatsächlich fehlen. Ich sehne mich nach dem Einzelstück, und kurz bevor ich an meiner Konsummelancholie verzweifle, kaufe ich es. Also bin ich ein Finanzsouverän, ein Ritter der gebremsten Geldverschwendung.


G: Sie schönen und veredeln ihr Biedermeierglück


T: Sie wollen doch wohl nicht der Mangelwirtschaft der DDR das Wort reden, oder?


G: Ich glaube einfach, Sie unterwerfen sich der Totalstimulation der Warenwelt und bezeichnen ihr Elend als Privileg. Das ist so, als wenn Plantagensklaven ein dreifaches Lebewohl auf den Massa skandierten.

T: Sie sind ideologisch verblendet. Ich habe ein klares Credo und es lautet: Ja, ich bin gebrauchswertintendiert! Ja, ich fühle mich wohl dabei! Ja, die Waren sind Inventarstücke meiner Existenz!

G: In einer Anzeige für Möbeldesign ist von so einem „souveränen Sofa“ und einem „vollwertigen Bett“ die Rede. Finden Sie es nicht bedenklich, dass erwachsene Menschen einem Sofa Souveränität und einem Bett Vollwertigkeit andichten?


T: Die Werbung kann auch in Gagapropaganda umschlagen.


G: Schön, dass Sie mir zustimmen. Um in Ihren Worten zu reden: Wieso bitteschön sollten wir Ihnen etwas abkaufen, wenn wir den Verdacht haben, dass Sie uns also mit Gagapropaganda ein nutzloses Produkt andrehen wollen?


T: Sehen Sie, die Art von Kapitalismuskritik, mit der Sie mich und Ihre Leserschaft agitieren, ist auch nichts anderes als Ware. Im emotional gestörten, linken Chaoten von heute erkenne ich meines Geistes zukünftiges Kind. Er wird allen oppositionellen Kräften folgen und sich ebenso dem Kaufhausindividualismus ergeben. Beuys hat den Begriff der sozialen Physik geprägt, ich spreche von der Warenausstellungsfläche Deutschland.


G: Herr Wilfried Tournier, in ihrer schönen neuen Warenwelt scheint es die Armen nicht zu geben.

T: Der Arme ist ein potenzieller Aufsteiger. Seine knappen Ressourcen bremsen ihn noch. Er kann sich trotzdem noch zu einem Besserverdiener hoch entwickeln. Seine Kaufzurückhaltung wird sich dann geben. Ich spreche natürlich nicht von den professionellen Opiumessern, die uns allen auf der Tasche liegen. Dieses Gevölk braucht die harte Medikation.

G: Haben Sie Ambitionen, in die Politik einzusteigen?


T: Nein.


G: Na, Gott sei Dank. Herr Tournier, sie wohnen und leben in Kiel. Kiel gilt zwar als Landeshauptstadt, ist aber meines Wissens als Metropole nicht so recht in Erscheinung getreten. Sind Sie dort als Konsumaristokrat nicht vielleicht doch fehlplatziert?


T: Die Marktdynamik entfaltet sich allerorten, sie erfasst sozusagen alle Standorte. Ihre Frage entbehrt insofern jeglichen Hintersinns, als dass das tropische Konsumklima, wie ich das heiß temperierte Kaufverhalten bezeichne, in jeder noch so kleinen Siedlung vorherrscht. In Kiel wie in Konstanz wird die Marktplatzierung nicht nur des Produkts, sondern auch des Einzelverbrauchers vorgenommen.


G: Wenn man Sie so reden hört, wird man das Gefühl nicht los, dass Sie sich mit einer Litfasssäule verwechseln.


T: Mein Stilmuster gehört mir. Das ist der Effekt.


G: Ich will mich plakatieren, wie ich will, um frei nach einer Margarinewerbung zu sprechen…

T: Der Vergleich hinkt. Ich habe einen freien Willen und ich bin, wie alle Menschen, total komfortfunktional ausgerichtet. Dieser totale Wille setzt sich durch und es liegt einzig und allein an mir, für die für meinen Lebensstil gebräuchlichen Warenmuster aufzukommen. Was für mich als Komfortindividualisten gilt, hat auch seine Gültigkeit bei einem Polit-Rocker, der sich mit seinesgleichen zusammenrottet, um Sachschäden zu verursachen. Man muss ihn mit dem Kostenverursachungsprinzip konfrontieren.

G: Von Konsum zu law and order – ein gewagter Spagat…


T: Ich gehe sogar einen Schritt weiter. Das Sozialsystem wird belastet von den Aussaugern. Wir, ein Volk aus anständigen Steuerzahlern, brauchen für die notorischen Faulenzer in den lower classes Einzelbetreuung und ein individuell zugeschneidertes Aussteigerprogramm.

G: Der Arme als Chaot und Sozialparasit – damit machen Sie sich keine Freunde.

T: Ich bin unbedingt dafür, den Sumpf der sozial nicht tragbaren Elemente trocken zu legen. Früher gab es Kriege, um das Arbeitslosenheer einer alternativen Beschäftigungspolitik zuzuführen. Auch wenn man sich unbeliebt macht, es wird Zeit, über ungewöhnliche Maßnahmen laut nachzudenken.

G: Sie propagieren allen Ernstes den Krieg als Wunderwaffe gegen die Arbeitslosigkeit?

T: Ich mache nur unkonventionelle Vorschläge. Manchmal ist es nicht damit getan, den Paradedegen zu ziehen.

G: Eine allerletzte Frage: Was ist ihre Lieblingsspeise?

T: Polenta auf Tomatenlauch!

Freitag, 14. September 2007

Durch jede Stunde...


Durch jede Stunde,
durch jedes Wort
blutet die Wunde
der Schöpfung fort,

verwandelnd Erde
und tropft den Seim
ans Herz dem Werde
und kehret heim.

Gab allem Flügel,
was Gott erschuf,
den Skythen die Bügel
dem Hunnen den Huf -

nur nicht fragen,
nur nicht verstehn;
den Himmel tragen,
die weitergehn,

nur diese Stunde
ihr Sagenlicht
und dann die Wunde,
mehr gibt es nicht.

Die Äcker bleichen,
der Hirte rief,
das ist das Zeichen:
tränke dich tief,

den Blick in Bläue,
ein Ferngesicht:
das ist die Treue,
mehr gibt es nicht,

Treue den Reichen,
die alles sind,
Treue dem Zeichen,
wie schnell es rinnt,

ein Tausch, ein Reigen,
ein Sagenlicht,
ein Rausch aus Schweigen,
mehr gibt es nicht.

(Gottfried Benn, 1933)

Donnerstag, 13. September 2007

Moderne Nazis im Fokus


Rechtsextremismus ist ein scheinbar dankbares Thema für Dokumentarfilmer: ein paar Glatzköpfe, dumme Sprüche, schrille Musik, ein moralisierender Kommentator und jede Menge Allgemeinplätze bestimmen so auch die meisten Dokus in den Politmagazinen der öffentlich-rechtlichen wie privaten Sender. Dennoch gibt es daneben auch Filmemacher, die sich ernsthaft mit diesem Phänomen befassen und ein realitätsnaheres Bild der Szene zeichnen. Einige exemplarische, gute Dokus (die jedoch letztlich auch nicht ganz den üblichen Klischees entrinnen können) möchte ich an dieser Stelle empfehlen:

Jung, rechts, gewaltbereit ist schon etwas älter (1998) und thematisiert die Methoden der Nachwuchsrekrutierung der zu jenem Zeitpunkt wiederauferstehenden NPD.

…und morgen die ganze Welt (2001) berichtet (wenn auch etwas reißerisch) von den Allmachtsfantasien europäischer Neonazis und ihrem Kampf um die Bewahrung der weißen Rasse. Alle zentralen Köpfe (Straßenkämpfer, Holocaustleugner Parteistrategen, Intellektuelle) kommen dabei zu Wort…

Nebenan der braune Sumpf (2005) ist eine (auch schon etwas ältere, aber nichtsdestotrotz) exzellente, teils sehr erschreckende Doku über die Ruhrpottszene rund um den inzwischen inhaftierten Axel Reitz (nebst seinem obskuren lechts-rinken KDS) und „SS-Siggi“, sowie die modernen Strategien des Nationalen Widerstands und der Autonomen Nationalisten (wie jene im obigen Foto).

Skinhead Attitude (2003) hingegen räumt endlich auf mit dem weit verbreiteten Vorurteil, Skinheads wären Nazis, verschafft einen differenzierten Einblick in die Entwicklung der Kultur von ihren jamaikanischen Wurzeln über das Eindringen Rechtsextremer in die ursprünglich antirassistische Kultur Anfang der 80er Jahre bis hin zur Gegenwart, die von krassen Gegensätzen bestimmt wird.

Zitat im Context

„Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“ (Joschka Fischer am 7. April 1999)

Joschka Fischer, einst erster grüner Außenminister der Bundesrepublik, äußerte diese Worte wenige Wochen vor dem ersten deutschen Kriegseinsatz seit dem 2. Weltkrieg. Nie zuvor hatte sich ein deutscher Außenminister mit so direktem Bezug auf die Shoa zur außenpolitischen Verantwortung dieser Republik geäußert, ein Erbe wohl auch seiner 68er Sozialisation. Jene zutiefst moralische Begründung der Notwendigkeit einer Intervention blieb allerdings nicht unkritisiert, ließen sich die Worte doch auch missverständlich als Relativierung deutscher Verbrechen (oder zumindest als Instrumentalisierung) auffassen.

Anlass war nicht zuletzt die Entdeckung von 44 Leichen in der Nähe des kleinen Dorfes Racak. Handelte es sich dabei um ein Massaker der serbischen Armee? Bis heute sind die Umstände nicht gänzlich geklärt, in der aufgeheizten Atmosphäre jenes Winters fiel diese Meldung allerdings auf fruchtbaren Boden und bot allen Befürwortern einer Intervention ein weiteres starkes Argument, auch und gerade in der Partei des Außenministers.

Die GRÜNEN, aus den sozialen Bewegungen der 70er Jahre erwachsen, verstanden sich schließlich von Beginn an als radikalpazifistische Partei, als eine Art institutionalisierte Friedensbewegung. Ökologie, Pazifismus und Basisdemokratie waren gerade in den unsteten Anfangstagen der noch sehr heterogenen Anti-Parteien-Partei in den 80er Jahren beständige, unhinterfragte Grundsätze. Und auch als sich Anfang der 90er Jahre die radikale Linke weitestgehend aus der Partei verabschiedete und die Basisdemokratie einer mehr und mehr hierarchisch strukturierten Parteiorganisation wich – Pazifismus und Ökologie blieben stets Konsens.

Welche Wellen die Entscheidung der Regierungsmitglieder für eine Intervention deshalb verständlicherweise innerhalb der Partei schlagen musste, verdeutlichte nicht zuletzt der Farbbeutelwurf auf Joschka Fischer während des Chaosparteitages von Bielefeld im Mai 1999. Doch das Ende der GRÜNEN als radikalpazifistischer Partei und ihr Weg in die parteipolitische Normalität war da längst besiegelt, auch wenn es 2001 anlässlich der Abstimmung über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan noch einmal zu einem letzten symbolischen Aufbäumen kommen sollte. Echte Pazifisten hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrer einstigen Partei abgewandt oder waren angesichts der grauen Realpolitik verstummt.

Dass der erste deutsche Kriegseinsatz nach dem 2. Weltkrieg ausgerechnet von einer ehemals pazifistischen Partei und einer linken Regierung ermöglicht wurde (ein Einsatz unter einer konservativen Regierung hätte sich ungleich schwieriger gestaltet), zählt wohl zu den typischen Antinomien der Politik. Und dass zur Rechtfertigung jenes Krieges ausgerechnet Auschwitz herangezogen wurde, verdeutlicht wie grundlegend der Einschnitt in das Selbstverständnis deutscher Außenpolitik war. Man mag diesen Schritt hin zum Interventionismus begrüßen oder nicht, und es lässt sich auch trefflich darüber streiten, ob der völkerrechtswidrige Kosovo-Krieg gerechtfertigt war oder nicht. Joschka Fischers zutiefst moralische Begründung steht am Anfang jener Entwicklung, ohne die wir heute wahrscheinlich nicht über den Afghanistaneinsatz und die Frage, ob Deutschland tatsächlich am Hindukusch verteidigt wird, diskutieren würden.