Donnerstag, 29. März 2007

Die herrschende Klasse...


Das herrschende System = das System der Herrschenden? Wie lässt sich das System der Reproduktion von Macht durchbrechen? Und ist das überhaupt sinnvoll? Was passiert mit der Ordnung, wenn ihre Eliten sich nicht mehr reproduzieren, gar abgeschafft werden? Stabilität und Wissen gehen verloren, dafür wird neuen Ideen Platz gemacht, die Gesellschaft öffnet sich, wird flexibler, etwas anarchischer, aber auch besser?
DIE Streitfrage zwischen Konservativen und Liberalen (als Sammelbegriff für alle an Veränderung Interessierten/Progressiven) – aber so einfach zu lösen ist sie nicht, und nicht selten werden Progressive, haben sie einmal Blut geleckt, zu glühenden Verteidigern des Konservatismus. Zudem sind die Begriffe so kontextabhängig, dass eine eindeutige Bestimmung schwer fällt.
Genauso schwer fällt es mir, mich im Moment politisch zu verorten. Im Politischen hat beides seine Berechtigung, und wie immer ist eine gesunde Mischung aus den Antipoden das Sinnvollste. Aber wie hat man sich denn bitte einen reaktionär-progressiven Liberal-konservativen vorzustellen? Solche Menschen werden Künstler, heißen Bob Dylan oder Neil Young, das Geschäft der Politik bleibt (mal ganz undifferenziert in den Raum geworfen) eindimensionalen, kurzfristig agierenden, dem Machtkalkül versessenen Menschen vorbehalten.
Und was ist mit der KULTUR? Die Gefahren jeglicher Extreme sind offenbar, aber lassen sich bestimmte politische Verhaltensregeln (etwa Toleranz, Freiheitlichkeit oder Pluralismus) denn überhaupt beliebig übertragen? Wird der Liberale nicht zwangsläufig (wenn auch ungewollt) zum Kulturimperialisten? Wird er nicht im Diskurs ebenso zum Dogmatiker, wenn er seine Werte – erscheinen sie uns westlich-demokratisch geprägten Menschen auch noch so human - absolut setzt?
Und über Werte streiten? Das ist ein Fall für die Philosophie – hier lässt sich nichts auflösen. Und was sagte Nietzsche über das Philosophieren: "Wer aber die Grundtriebe des Menschen daraufhin ansieht, wie weit sie gerade hier als i n s p i r i e r e n d e Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen gerade s i c h gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als berechtigten H e r r n aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als s o l c h e r versucht er zu philosophiren." Wird so nicht letztlich alle Politik zur Philosophie, unentrinnbar gefangen in einem Netz aus Werten und Lebensentwürfen, bleibt uns also nicht mehr als das, was der gute Sokrates schon erkannte? Nein.
Aber ohne Gott kann es doch nichts Absolutes, nichts Transzendentales geben, bleibt der Mensch stets in sich selbst gefangen, in seinen relativen, inkonsequenten, wandelbaren und sterblichen Werten und Normen, nur Bruchstücke, nichts Ganzes? Nur mit Hilfe der Konstruktion eines Göttlichen, Übernatürlichen scheint es möglich, die menschliche Fehlbarkeit zu überwinden! Gleichzeitig jedoch muss der Mensch sich von Gott lösen, möchte er nicht blind durch die Welt laufen. Denn Gott erhöht und entmündigt ihn zugleich.
Was das alles mit liberalem Denken zu tun hat? Nunja, die Aufklärung ließ Gott in den Hintergrund treten, an seiner Statt sollte die Vernunft treten, die jedem Menschen innewohne und derer er sich nur zu betätigen brauche, um sich von seiner Unmündigkeit zu befreien. Vernunft- und Menschheitsglaube sind zutiefst liberal, wohingegen der Konservatismus Vernunft gering schätzt, sie im Gegenteil für eine Gefahr hält, und die Menschen stets vor sich selbst beschützen möchte, womit er sie letztlich in ihrer Unmündigkeit belässt.
Die für mich grundlegende Frage des Politischen lautet also: SIND DIE MENSCHEN FÄHIG ZUR MÜNDIGKEIT – UND WOLLEN SIE DAS ÜBERHAUPT? Solange ich diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, bin ich auch nicht imstande, mich politisch eindeutig zu verorten. Und erst aus der Bejahung beider Fragen kann ernsthafte Kultur- und Systemkritik folgen. Denn was ist schon ein revolutionäres Subjekt wert, das seine Kraft aus der Unmündigkeit zieht?
Ich bin kein Revolutionär, höchstens Sofasesselsozialist, versuche, die Widersprüche zu sehen – und das auf beiden Seiten. Das lähmt mich. Führt also (meine vermeintliche) Mündigkeit zur Passivität, zur reinen Beobachterperspektive, gar zum Fatalismus? Nein. Im besten Falle führt sie zu einem Wandel der Mittel, zu intelligenterer, pragmatischerer „Kriegsführung“, sie erst ermöglicht wahre Politik FÜR das Volk, für die MENSCHEN, für ALLE Menschen?
NUR: Mündigkeit alleine macht die Menschen nicht weniger egozentrisch, egoistisch, narzisstisch und anfällig für Verblendungen. Wir sind ja keine Götter – und spätestens hier drehen wir uns wieder im Kreise. Mein Denken reicht nicht aus, die Widersprüche und Fallstricke der Realität zu überwinden. Sie zu erkennen, mit ihnen zu leben, nicht ständig gegen sie anzurennen, sie gar zu akzeptieren und nicht ständig zu negieren, ist mir momentan geistige Leistung genug.

Mittwoch, 28. März 2007

Zueignung

Mein Reisebericht lässt weiter auf sich warten. Stattdessen ein Gedicht von Goethe, das ich in den letzten Wochen wohl an die zwanzig Mal gelesen und mir nach und nach erarbeitet habe. Auf der Reise hatte ich meinen Gedichtband des guten Johann Wolfgang stets dabei und oft die Möglichkeit, mir Gedanken zu machen über sein facettenreiches lyrische Werk, eines der beeindruckendsten und wichtigsten in der Geschichte der Lyrik. „Zueignung“ aus dem Jahre 1808 ist ein schönes Beispiel für die lyrische Meisterschaft des berühmten Hessen.


Zueignung

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.

Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.

Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?

Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!

Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.

Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!

Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?

Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.

Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.

Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.

So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.


Freitag, 23. März 2007

La Carencia

¡Hola queridos lectores!
Bevor ich euch von meinen Eindrücken aus Lateinamerika berichten werde hier schon mal als kleiner Vorgeschmack eines meiner absoluten Lieblingslieder. Panteón Rococó aus Mexico sind eine unglaublich gute Liveband, und „La carencia“ das Lied, bei dem die Stimmung stets am höchsten schlägt. Denn es verbindet eine kämpferische Botschaft mit sehr tanzbaren Rhythmen, mahnt und ermuntert doch zugleich. Als ich durch die Straßen Perus gelaufen bin, musste ich sehr oft an den Text denken. Leider soll es Menschen unter uns geben, die des Spanischen nicht mächtig sind. Jenen sei dringend angeraten, sich einen Übersetzer zu suchen. Oder sich mit der Aussage “Pues en un mundo globalizado / La gente pobre no tiene lugar” – sinngemäß: denn in einer globalisierten Welt ist kein Platz für arme Leute – zu begnügen und seinen zu Teil denken… ¡Que se divierta!


La carencia

Por la mañana yo me levanto
No me dan ganas de ir a trabajar.
Subo a la kombi, voy observando
Que toda la gente comienza a pasar.

Por la avenida va circulando
El alma obrera de mi ciudad.
Gente que siempre esta trabajando
Y su descanso lo ocupa pá soñar.

Despues de ocho horas de andar laborando
Desesperanza se siente en el hogar,
Pues con la friega que hay a diario
Ya no alcanza pá progresar.

Y asi han pasado decenas de años,
Pues en un mundo globalizado
La gente pobre no tiene lugar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Con lo que gano en esta empresa
No me alcanza pá tragar.

Y la carencia, arriba!
Y los salarios abajo!
Y yo le digo a mi teresa:
No me voy a resignar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Con lo que gano es esta empresa
No me alcanza pá tragar.

Y la carencia, arriba!
Y lo salario, abajo!
Y yo le digo a mi teresa?:
Vente, vamos a bailrar porque...

Ahi viene antidoping.
Ahi viene el salario.
Ahi viene santa sabina.
Ahi viene la maldita.
Ahi viene los de abajo.
Ahi viene el salón.
Ahi viene...
Quien viene.

Ahi viene el chile que te mantiene
Y en la cama te entretiene
Y en la boca lo retienes.
Mejor trae atu pareja
Y sóplale una oreja
Páque mueva la cintura
Y le de la calentura
Y después de la sobada
Ella ya no quiera nada
Y te diga: que no, que no
Que no, que no, que no, que no
Que que nooooooo!


Nach unten!
Nach oben!
Und Springen!

Donnerstag, 15. Februar 2007

Viajar otra vez

Der Zeittotschläger wird sich die nächsten vier Wochen im Nordwesten Südamerikas herumtreiben. Sollte er lebend und gesund wieder zurückkommen, wird er an dieser Stelle darüber berichten. Die Reise beginnt in Peru und führt den Zeittotschläger über das kleine, aber hübsche Ecuador und das große, leider sehr unsichere Kolumbien direkt ins Herz der "Bolivarischen Revolution" zu Herrn Hugo Chavez. ¡Que me divierta, que tenga buen viaje y mucha suerte!

Samstag, 3. Februar 2007

Coffee and Cigarettes

Eine herrliche Episode aus Jim Jarmuschs Hommage an Nikotin und Koffein. Tom Waits und Iggy Pop kennen sich nicht gut, können auch nicht viel miteinander anfangen, sie wissen beide nicht so recht, warum sie hier eigentlich zusammensitzen und obendrein auch noch zusammen rauchen (wo sie doch beide - eigentlich - inzwischen Nichtraucher sind).

Über den Film allzu viele Worte zu verlieren, wäre müßig, Jim Jarmusch eben wie er leibt und lebt, die Qualität der im Laufe mehrerer Jahre entstandenen Episoden schwankt zwar, aber insgesamt war mein Gesamteindruck positiv, auch und gerade wegen der wundervollen, versöhnlichen Schlussminuten.

Und wie sang der Chor der rauchenden Zigarettenmädchen bei Bizet so schön: "Seht, wie die Raucheswolken ziehn / In die Lüfte kreiselnd dahin / Und verbreiten holde Düfte / Sanft betäubt, schlürft den Rauch / Mit den Lippen, und wie im Hauch / Lasst uns süße Wonne nippen / Ist so ein Mann Liebe zu schwören bereit / Das ist Hauch / Sagt er, dass er uns sein Leben geweiht / Leicht wie Rauch!"...

Samstag, 27. Januar 2007

Tiempo de soleá

Die hierzulande noch relativ unbekannten Ojos de Brujo aus Barcelona mit einem ihrer eher ruhigeren, konventionelleren Songs, begleitet von einem sehr schön gezeichneten Video. An dieser Stelle demnächst mehr zu einer der grandiosesten spanischen Bands und ihrem einzigartigen Stilmix, irgendwo zwischen Flamenco und Hip Hop verortet. Für die des Spanischen mächtigen hier nochmal der Text zum mit- und/oder nachlesen:


Rodeá de tanta gente y yo me siento tan sola
Mi corazón es como una bomba pum pum!!! Una bomba
De relojería fina a punto de estallar
Extranjera y con papela caducá
No hay son ni guaguancó que me consuele
El tiempo es de soleá y a mi me duele
Voy por la calle y escuchando los quejíos
El futuro en cada esquina pende de un hilo
Y entre apretones de manos se juegan el destino
De la tierra y de los seres que en ella vivimos
No conocen el respeto, les sigue un oscuro sino
Con lo linda que es la vida!! En que la habéis convertío!!!
La situación tiene danger, mucho danger
Siempre prisa por llegar a ninguna parte
La situación tiene danger, mucho danger, mucho danger!!!
Por la calle balas perdías, ¡críos y crías van!
Equilibrio en la cuerda floja, ¡se me para la vida!
De ver tanto sufrimiento, de ver tanto delirio
A mi me quita el sentío, voy con el pecho partío
No hay son ni guaguancó que me consuele
El tiempo es de soleá y a mi me duele
Voy por la calle y escuchando los quejíos
El futuro en cada esquina pende de un hilo...
Detrás de las cuatro paredes por el callejón de atrás
Soleás y martinetes las cartas están marcás
Detrás de las cuatro paredes por el callejón de atrás
Tiros y tiros van!! Tiros y tiros van!! Van!!
Aquí un poquillo de jiphip flamenquillo
Pa toas las quillas, pa tós los quillos
Aquí un poquillo de jiphop flamenquillo
Pa que te metas por la vena cosa rica chica sí!!!

conText


All jenen, denen es aus welchen Gründen auch immer entgangen sein sollte, dass es uns gibt, allen, denen ich kein Exemplar in die Hand drücken konnte und allen, die uns bisher ignorierten sei hiermit nochmals ausdrücklich die Erstausgabe der wunderbaren Passauer politischen Zeitschrift conText ans Herz gelegt, die seit einigen Tagen nun endlich auch online verfügbar ist. Artikel gibt es zu den verschiedensten Themen: Nordkorea, dem Polenbild der Deutschen, dem mexikanischen Wahlchaos, der schleichenden rechten Hegemonie, bedenklichen Tendenzen im deutschen Hip Hop, u.v.m. Hier könnt ihr euch ein eigenes Bild machen...

Donnerstag, 25. Januar 2007

Engel des Universums














Island Ende der 60er Jahre. Der vielseitig talentierte Páll sprüht vor Ideen, er malt, musiziert, beschäftigt sich mit Philosophie, er hat große Pläne, das Leben hat scheinbar noch viel mit ihm vor. Doch leider ist er genau an jenem Tag geboren, als sein Land der NATO beitrat, was ihm noch zum Verhängnis werden sollte, denn „als Island in die NATO eingetreten ist, hat es seinen Wahnsinn in meinen Kopf abgewälzt.“. Zunächst jedoch scheint alles zum Guten zu streben: er verliebt sich in ein Mädchen, darf ihre Nähe spüren, fühlt sich verstanden, geht ganz in ihr auf. Doch er stammt aus dem falschen Milieu, die versnobten Eltern lehnen ihn ab – und nach und nach entfernt sich auch sein Mädel von ihm. Der leidenschaftliche Páll kommt damit nicht zurecht, er kämpft, doch mit jeden Schritt verstrickt er sich weiter hinein in einen Wahn, er bekommt rasende Kopfschmerzen. Er erkennt erst spät, dass sie aus seinem Herzen kommen. Zu spät, denn er hat sich schon zu weit entfernt von der Welt um ihn herum. Er kommt nach Kleppur, einer „Insel“ für scheinbar Wahnsinnige wie ihn. Doch ist er wirklich wahnsinnig, oder entspricht er einfach nur nicht mehr den erforderlichen Konventionen?

Was Ingvar E. Sigurdsson mit diesem kleinen, tragischen, zuweilen urkomischen Film provoziert, ist die Frage nach gesellschaftlichen Normen. Wo beginnt Verrücktheit? Wo liegt die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn? Und ist am Ende nicht die ganze Gesellschaft verrückt? Kleppur ist überall… Dieser kleine isländische Film basiert auf Einar Már Gudmundssons gleichnamigem Buch, in dem er den Leidensweg seines Bruders und Freundes Sigurdssons aus dessen posthumer Perspektive beschreibt. „Die Gesellschaft will den Wahnsinn auf der Welt nicht sehen und kämpft mit Gewalt dagegen an. Und ein Wahnsinniger, das ist ein Abbild der Welt, so wie sie ist: zerrissen, schizophren, ein chronisches Delirium.“ Sicher, Páll ist nicht normal, er passt nicht in die Welt, in der er lebt, er versucht ihr zu entfliehen – und möchte doch zugleich ein Teil von ihr sein. Den alltäglichen Wahnsinn verkörpert sein bester, ihm bis zum bitteren Ende treuer Freund Rögnvaldur, der als Arzt, treu sorgender Ehemann und Familienvater scheinbar perfekt angepasst und normal erscheint, unter dessen Oberfläche sich jedoch ähnliche Konflikte abspielen.

Dass es für Páll kein Happy End geben kann, ist selbstverständlich. Seine Gefährten in der „Heilanstalt“ schwanken wie er zwischen den Extremen. Der zuweilen sehr brutale und menschenverachtende Alltag in Kleppur lässt die einen zermürben, die anderen in sympathischer Weise ihren zwecklosen, aber richtigen Kampf gegen eben jenes System führen, in das sie so offensichtlich nicht zu passen scheinen. Dabei bedienen sie sich alle diversen Chiffren der „Normalen“. Denn die zentralen Figuren sind letztlich alle gescheitert an den eigenen Fähigkeiten, intelligente Menschen, aber unfähig, eingetretene Pfade zu begehen. Verrückt? Sicher. Aber krank? Das ist die entscheidende Frage: wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die anders sind, die Konventionen übertreten? Wie dünn die zivilisatorische Decke ist, haben nicht zuletzt soziologische Experimente der Ethnometho- dologen bewiesen. Sie gehen davon aus, dass jene Strukturen, die wir erkennen immer auf eigene kulturelle Symbole bezogen werden, dass also ein objektiver Blick auf Dinge, die uns fremd erscheinen, nicht möglich ist. Was wir erkennen können, sind lediglich strukturelle Differenzen. Nur der Bruch von Selbstverständlichkeiten führt so zur bewussten Reflexion über jene kulturellen Deutungsmuster, die sowohl unbewusst auf individueller Ebene, als auch kollektiv verbindlich kulturprägend wirken.

Engel des Universums ist einer dieser viel zu oft übersehenen, sehr ruhigen, kleinen Meisterwerke. Ein poetischer Film, der nachdenklich machen sollte, der Grenzen auslotet, diese überschreitet, der schwankt, uneindeutig ist, der keine letztgültigen Antworten liefert. Die Entscheidung, ob der Protagonist nun krank ist oder nicht, bleibt im Endeffekt jedem Zuschauer selbst überlassen. Diese Ambivalenz unterscheidet ihn wohltuend von vielen anderen Filmen, die sich schon dieser Thematik widmeten. Meine Interpretation des Filmes ist keine zwangsläufige – ob das Scheitern Pálls nun unabwendbar ist, bleibt jedem selbst überlassen. Der Film ist es aber allemal wert, sich diese Frage zu stellen und zu einer subjektiven Antwort darauf zu gelangen. Und vielleicht liegt es ja auch letztlich an Island: „Du bist schizophren, aber das ist tief in unserer Kultur und in unserem Wesen verwurzelt. Dieser ganze Aberglaube, diese ganzen Fabelwesen, all die Elfen und all die Trolle – das ist Schizophrenie.“

Mittwoch, 24. Januar 2007

"Eine eigene Geschichte"

Heute früh war es in der Zeitung zu lesen: Blumfeld werden sich auflösen – der Kreis habe sich für sie geschlossen. Nach einer Abschiedstournee im April/Mai wird es keine Zukunft mehr geben für Distelmeyer & Co. Eine Institution der deutschen Rockmusik nimmt also ihren Hut. Nach sechzehn Jahren und sechs Alben scheint alles gesagt…


Werfen wir also einen kleinen Blick zurück: „Ein Lied mehr, das Dich festhält /und nicht da hin lässt, wo Du hin willst / weg von hier / das wiegt schwer, wie mein neues T-Shirt /auf dem was draufsteht / baut eine Mauer um mich herum /baut eine Mauer“. 1992 war es, als drei Herren aus Hamburg der deutschen Musik einen kräftigen Arschtritt verpassten, indem sie Dinge neu und anders formulierten. Die Musikpresse war schnell angetan von Ich-Maschine, denn der Sprechgesangs-Indie-Diskurs-Rock erschallte hinein ein trauriges Vakuum. Deutschsprachige Musik war wieder einmal an einem Tiefpunkt angelangt. Die Platte fiel auf fruchtbaren Boden und die Feuilletonisten und Intellektuelle hatten praktisch über Nacht eine neue Lieblingsband gefunden, an der sie sich nun abarbeiteten. Distelmeyers Texte waren direkt, aber dennoch voller Querverweise, Zitate, schlauer Sprüche, gar Humor. Und Politik: Was Blumfeld schrieben, waren nicht weniger als die besten deutschen politischen Songs seit Ton Steine Scherben. Erst Die Goldenen Zitronen sollten 1994 mit „Das bisschen Totschlag“ eine vergleichsweise eigene, wenn auch gänzlich andere politische Sprache finden.


Was die erste, rohe, etwas rumpelige Platte nur erahnen ließ, wurde 1994 mit L’Etat et Moi Gewissheit: hier sprach der Primus einer neuen Generation deutscher Musik: „Es hat uns niemand gefragt / wir hatten noch kein Gesicht / ob wir leben wollten oder lieber nicht / hin und her und hin und her gerissen / zwischen verstehen wollen handeln müssen / keine Liebe keine Arbeit kein Leben / an meinem Kissen schlag ich mir den Kopf auf / und wenn der Tag kommt bleibt es kleben / und der Staat ist kein Traum / sondern bleibt wie mein Kissen /ein mich gestaltender, die Fäden, die rissen / und Welt verwaltender Zustand / der sich durch mich und mich bewegt / durch Gedanken aus Stein aus Licht eine Mauer / eine Sonne a
us Eisen eine Sprache aus Trauer“. Schnell war die Rede von einer „Hamburger Schule“ – als Referenz an die Herkunft (Kolossale Jugend, ostzonensuppen- würfelmachenkrebs, Tocotronic, Die Sterne, etc. kamen ja alle aus der Hansestadt) und wegen der diskursiven Herangehensweise als Anspielung auf die „Frankfurter Schule“.

Während nun allerdings Tocotronic und Co. Mitte der Neunziger erst richtig loslegten und ihre wichtigsten Alben veröffentlichten, wurde es um Blumfeld ruhig. Statt Alben zu machen tourten sie lieber fleißig durchs Land. Die Bürde von L’Etat et Moi schien zu groß und die Band an einer Neuausrichtung ihrer Musik interessiert gewesen zu sein. 1999 dann der Schock: Tausend Tränen tief, das Video mit Helmut Berger, die Popsingle, das Liebeslied, Kitsch? Old Nobody, das dazugehörige Album war und ist bis heute der Spaltpilz im Bewusstsein der Hörer - ab hier scheiden sich die Geister. Denn da standen plötzlich echter, unverfälschter Pop und direkte, unzweideutige Texte neben dem üblichen Diskursrock, der aber in einer neuen Sanftheit à la Prefab Sprout daherkam. Nichtsdestotrotz sind einige der besten, tiefgründigsten Lieder gerade auf dieser Übergangsplatte zu finden – das zehnminütige „So lebe ich“ etwa: „Ein neuer Tag / kein neues Leben / ein freier Markt / bewegt die Welt / besetzt die Nischen / beherrscht die Sphären / regiert die Nacht / verteilt das Geld. / Ein Widerstand / mit anderen Mitteln / ein Wort, ein Weg / ein erster Schritt / in der Erwartung / durch dunkle Drittel / ein Traumbild kommt / und nimmt mich mit“. Nicht zu vergessen das fünfminütige, epische, das Album eröffnende Gedicht „Eines Tages“!

Was danach kam, war nicht mehr überraschend, sondern lediglich konsequente Fortsetzung
des eingeschlagenen Weges. Der Schwerpunkt verlagerte sich von verklausulierten, mit noisigem Indie-Gitarren-Geschrubbel unterlegten Referenzmonster wie „Sing Sing“, deren Entschlüsselung schon wissenschaftliche Arbeiten beschäftigte, zu direkten, klar verständlichen, Slogans und Liebesliedern, immer haarscharf an der Grenze zur Banalität. Auch und gerade in den Liebesliedern war nun die angestrebte Befreiung der Menschen wieder zu finden, die Liebe als einzig Antikapitalistisches im Kapitalismus schien ein (Aus-)Weg.


Drei weitere Alben und ein Haufen schöner, wichtiger Songs sollten noch folgen. Aber auch ein schleichender Bedeutungsverlust, mit einem in gleicher Weise zunehmenden kommerziellen Erfolg einhergehend. Einige Feuilletonisten verloren ihr Interesse an der Musik, aber die Band konnte letztlich ihre Stellung als eine der wenigen Instanzen der deutschen Musik behaupten. Verbotene Früchte, von den einen hoch gelobt als bestes Album, von vielen als absoluter textlicher Tiefpunkt kritisiert, sollte die Kritiker noch einmal polarisieren. Dass der Fokus plötzlich auf die Natur verlagert wurde, dass die Sprache geradezu märchenhaft wurde, das Politische scheinbar völlig verschwand, Distelmeyer stattdessen lieber über Flüsse, Winde, Tiere und den Apfelmann sang, schien einigen alten Hörern doch einem persönlichen Angriff zu gleichen. Dass sie dabei ein kleines, wunderschönes, lustiges Album verpassten – sei’s drum…

Der Zeitpunkt der Auflösung hätte letztlich kaum besser gewählt werden können. Blumfeld hinterlassen uns ein opulentes, vielschichtiges, sehr zitierfähiges und rundes Werk, ohne uns eine wirklich schlechte Platte zugemutet zu haben. Verlieren werden wir eine der unterhaltsamsten Livebands Deutschlands und einen wichtigen zeitgeschichtlichen
Bezugspunkt. Das letzte Wort sei deshalb nochmals Blumfeld überlassen:

Ich – wie es wirklich war

„Ich war dabei mir ein Art von Verschwinden
die den Tod bezwingt auszudenken
und ließ mich nieder
wo ich mich beherrsche
in den Liedern und in den Sätzen
nahm ich kein Ende
nur eine Wendung
zurück zum ersten Bild
das wäre zu erfinden
geriet zum Strudel
in ein Recycling
und sah das Ende
in sich verschwinden
und e
s fragt sich
war das etwa schon alles?

lügt denn die Welt und wenn nicht?
ist sie am Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte

Ich war dabei ei
ne Art von Verschwinden
die den Text bezwingt zu erfinden
andere
Reime auf die Geschichte
nicht auszudenken

und ich verlor an Gewicht
genau wie die Gedichte
geriet in ein Rauschen
oder warn das die Mittel
mit denen ich mich bewegte
die Erfindung einzutauschen
und es fragt sich
war das etwa schon alles
lügt denn die Welt und wenn nicht
ist sie am Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte

Ic
h war dabei eine Art von Verschwinden
die schließlich mich b
ezwingt zu Ende zu denken
gegen den Schmerz
unter dem ich mich krümme
zurück zum frühsten Bild
von dem ich eigentlich komme
ein New Age Poster
ein Lebenszeichen
auf
der Reise ins Innere der Trauer
komm ich zum Ende
vielleicht ein Anfang

einer Art von Verschwinden
und ich frag dich
war denn das schon alles
lügt denn die Welt und wenn nicht
ist sie am
Ende
im Rückstand
gegenüber der Moral der Geschichte
und ich bin am E
nde
im Rückstand
der Moral der Geschichte“

(aus: L’Etat et Moi)


Das Werk:




1991/92: Die Welt ist schön (Singles) ***






1992: Ich-Maschine *** 1/2






1994: L'Etat et Moi *****







1999: Old Nobody ****







2001: Testament der Angst *** 1/2






2003: Jenseits von Jedem ****






2006: Verbotene Früchte **** 1/2





Samstag, 20. Januar 2007

Filmanalyse

"Der Mensch im Abfallbehälter. Das ist doch das Volk im Abfall jener Konsumgüter, deren Produktionsstätten sich im Besitz des Großkapitals befinden."

"Nein. Der Mensch ist eingeschlossen in den komplizierten Mechanismus unserer modernen Zivilisation, der bei der geringsten falschen Bewegung aus dem Gleichgewicht gerät. Und wenn der Mann den Deckel dieses Mechanismus lüftet, sieht er sich allein gelassen - von jeder Seite."

"Das ist nie ergreifender insziniert worden. Da erhebt sich das ausgebeutete Individuum aus dem Untergrund und bietet seinen Unterdrückern die Stirn."

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: ein absoluter Klassiker!

Freitag, 12. Januar 2007

What's goin on

"Who's willing to try / to safe a world that is destined to die"

Marvin Gayes einfache, aber richtige Frage, was denn eigentlich los sei, schlug 1971 große Wellen. Soul ist seitdem nicht mehr dasselbe, denn hier manifestierte ein Mann seinen Schmerz auf nie da gewesene Art & Weise. Er transportierte den Soul auf eine andere Ebene. Beinahe transzendental schwebt die Musik, eine engelsgleiche Stimme fragt, von einem samtenen Orchester umschmiegt „what’s happening brother / what’s been shaken up and down the line / I want to know cause I’m slightly behind the line”. Soul verbindet sich mit Jazz, Jazz mit Soul und alles zusammen mit God. Ja, Gaye ist ein gläubiger Mensch, und What’s goin on seine Klage über den Zustand der Welt an sich und den Mangel an Liebe - uns selbst gegenüber, wie unseren Nächsten und letztlich der ganzen Welt als Schöpfung Gottes - im speziellen. So etwa die Öko-Hymne „Mercy, Mercy Me“ , eine Liebeserklärung an die Natur. „All you need is love“ möchte man sagen und an die Beatles denken. Aber das hier ist mehr. Es ist spirituell, ein Album gewordener Gottesdienst, ein wahrhaft großer Gottesdienst.

Acht Jahre nun schon bin ich nicht mehr gläubig. aber ich respektiere den Glauben, da ich selbst einst seine Kraft spüren durfte. Nur schaffen es leider wenige, seine Kraft positiv zu nutzen, denn Glaube ist auch gefährlich. Aber hier geht es um Soul, echten Soul, afroamerikanische Musiktraditionen, um die ganze Geschichte der Verschleppung und Versklavung, die bei allen großen schwarzen Künstlern immer - zumindest implizit - mitschwingt. Und wenn es etwas gibt, das die Vereinigten Staaten wirklich an originärer Kulturleistung hervorgebracht hat, so war es die afroamerikanische Musik des 20. Jahrhunderts. God spielte dabei keine geringe Rolle.

Deshalb sollte man sich nicht von etwaigen Vorurteilen dazu verleiten lassen, diesen musikalischen Schatz zu ignorieren. Nun, es mag sicher genügend Menschen geben, die zu diesem Album aus den unterschiedlichsten Gründen keinen Zugang finden werden. Und vielleicht ist das auch richtig so. Aber jeder, dessen Herz dem Soul zugänglich ist, wird ihm verfallen. Denn eine vergleichbar intensive Platte sollte erst der frühe, musikalisch noch äußerst facettenreiche Stevie Wonder 1976 mit seinen „Songs in the Key of Live“ erschaffen.


Falk

Vorsicht: sich selbst öffnende Hip-Hop-Sendung!

Gestern, als ich beiläufig mein geschätztes österreichisches Musikradio FM 4 hörte, durfte ich eine altbekannte Stimme vernehmen: Falk a.k.a. Hawkeye a.k.a. Mr. Supreme vom ehemals weltbesten und einzig echten Musiksender VIVA ZWEI. Da ich seit geraumer Zeit keinen Fernseher mehr besitze und seit dem Untergang besagten Senders sowieso keine Musiksender (falls es solche überhaupt noch geben sollte) mehr goutierte, erreichte mich seine vertraute, ruhige, etwas schüchterne Stimme wie ein verstaubtes Bild aus der Vergangenheit. Er verriet den Hörern, dass nach dem Ende von Supreme für ihn als Moderator noch nicht Schluss gewesen sei und er zum bis dahin nicht annähernd so guten Mixery Raw Deluxe gewechselt sei. Dort habe man die Sendung allerdings auch schon nach kurzer Zeit ebenfalls eingestellt. (Tja, die Entmusikalisierung der Musiksender musste eben voranschreiten.)

Seit Anfang 2006 hat er sich deshalb ein behäbigeres Plätzchen in den Weiten des Internets gesucht. Auf
www.mixeryrawdeluxe.tv erfreut er uns jetzt wieder, ganz wie in alten Zeiten, einmal wöchentlich mit einer knappen Stunde angenehmem Musikjournalismus. Dass die Sendungen jedem zur freien Verfügung stehen, macht die ganze Angelegenheit recht sympathisch und musste von mir natürlich sofort genutzt werden. Erfreut euch also an einem kleinen Ausschnitt aus der Jurassic-5-Sendung von Weihnachten zum Thema Sampling:

...an dieser Stelle war mal ein kleiner Mixery-Raw-Deluxe-Player. Aber da er sich stets von selbst zu öffnen begann und uns bei jedem Besuch des Zeittotschlägers mit J5 beglückte, wurde er von mir wieder entfernt. Dafür gibts den Link, denn die Jungs haben was zu sagen: Hier könnt ihr euch anschauen, was bei Falk und im Hip Hop an sich noch geht. Viel Spaß damit!


Dienstag, 9. Januar 2007

Wege



An diesen grauen, feuchten, lauwarmen Tagen überkommt mich eine seltsame Stimmung. Ich erinnere mich an ein kühles Morgengrauen im Juli als mir jene Zeilen durch den Kopf gingen…


Ein Glockenklang, der hell und klar
Von fern erschallt, mich sanft umschmiegt,
Bringt mich zurück wo ich einst war,
Ein schweres Nein nun vor mir liegt.

"Wo ist der Platz, den du erträumt?
Wo ist das Glück, das du gesucht?"
Die Plätze hab ich einst versäumt,
Das Glück nur selten mich besucht.

Gefühl, Verstand und Triebgewalt -
Alles macht mich nur verrückt,
Woran ich mich auch letztlich halt -
viel ist mir damit nie geglückt

Die Triebe lassen essen, schlafen,
Suchen nach dem kurzen Glück,
Doch jeder scheinbar sichre Hafen
Schickt mich aufs weite Meer zurück.

Gefühle nun sind ehrlich, tief,
Konnt sie nur selten richtig führen,
Die Geister, die ich damit rief
Ließen mich zu oft verlieren.

Und der Verstand, als letztes Los?
So klar, so rein, so effektiv,
doch die Gefühle warn zu groß,
und letztlich auch zu negativ.

So hab ich nun mit keinem Mittel
Den rechten Weg zum Ziel gefunden,
leg sie jetzt ab wie alte Kittel
Und bleibe frei und ungebunden.

Obgleich ich keins der drei mehr hab -
Im reinen Sinne, das versteht sich -
Bleibt mir doch das, was man mir gab:
Der Blick auf mein gezeichnet Ich.

Es reift und wächst, doch welkt zugleich,
Ist arm und auch bedrückend reich,
Kämpft und irrt, ist faul und satt -
es weiß nicht, was es an sich hat.

Der Glockenklang ist längst verhallt,
Die Nacht neigt sich dem Ende zu,
Ist noch so jung und doch schon alt,
Sie schenkt uns noch ein wenig Ruh.

Gleich kommt der Tag mit seinen Fragen,
Noch nimmt er mir nicht meine Ruh,
Ich habe ihm noch viel zu sagen,
Doch jetzt mach ich die Augen zu.

Dienstag, 2. Januar 2007

Babel

















Alejandro González Iñárritu ist ein beeindruckender Regisseur. War sein Debütfilm Amores Perros schon höchst vielschichtig und multiperspektivisch, so gelang ihm mit 21 Gramm sein bisheriges Meisterwerk – ein schmerzhaftes Filmerlebnis voller Verzweiflung, das den Zuschauer auf keinen Fall unberührt entlässt. Beide Filme kreisen um das Thema Schuld & Sühne, in beiden bringt ein Unfall die Charaktere schicksalhaft miteinander in Verbindung. Und in beiden Filmen ringen die Menschen um den richtigen Weg, die richtigen Entscheidungen – und viel zu oft treffen sie letztlich die falschen, gelangen somit nahe an den Abgrund oder stürzen tief in ihn hinab.

Mit diesem Vorgefühl und und einer Handvoll begeisterter Rezensionen im Hinterkopf betrat ich das Kino, um den aktuellen, dritten Film Iñárritus zu sehen, der ebenfalls dieser schweren Thematik gewidmet ist: Babel, Gewinner für die beste Regie bei den Filmfestspielen in Cannes. Das Prinzip des Films ist dasselbe wie bei seinen beiden vorherigen. Auch hier ist es ein Unfall, der alle Geschichten miteinander verbindet, und auch hier steht die Frage nach den richtigen Entscheidungen, nach Schuld & Sühne im Mittelpunkt, diesmal erweitert um das Problem der Kommunikation. Der Film spielt abwechselnd in Marokko, Mexiko, den USA und Japan. Missverständnisse, Sprachgewirr, nicht zuhören zu können, trotz der selben dennoch verschiedene Sprachen zu sprechen, Fehlinterpretationen, Vorurteile - all das thematisiert der Film. Doch der Film ließ mich mit einem seltsam leeren Gefühl zurück, ganz so, als sei die Geschichte nur so an mir vorbeigerauscht, als hätte ich kurz das Leben dieser Personen gestreift, einen Blick durch die Fenster gewagt, um auch gleich wieder zu verschwinden. Der Blick war zu flüchtig. Dieser Film schmerzt nicht (wie 21 Gramm), er reißt nicht mit (wie Amores Perros), er gleicht vielmehr einem dokumentarischen, distanzierten Blick auf einen Moment im Leben verschiedener Menschen.

Babel ist sehr reif, sehr ruhig, sehr bedacht. Die Kameraführung ist klar, die Musik sehr gewählt, die Schauspieler gut besetzt und die Regie perfekt. Aber vielleicht liegt gerade hierin das entscheidende Problem des Films: ihm fehlen die Kanten und Ecken von Amores Perros, das In-negativen-Gefühlen-Suhlen und die tiefere Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne von 21 Gramm. Der Film ist zu glatt, zu perfekt, bleibt deshalb letztlich zu sehr an der Oberfläche, ergötzt sich an seiner selbst. Er fühlt sich ein wenig an wie viele dritte Alben von inzwischen etablierten Bands: ambitioniert, sauber, dick produziert, aber leider ohne den Reiz und die Energie früherer Tage.

Mit jedem Film rückte Iñárritu dem Hollywoodkino ein Stückchen näher und entfernte sich im gleichen Maße vom lateinamerikanischen. Was ihm bei 21 Gramm noch gelang (Massentauglichkeit, Anspruch und emotionale Tiefe miteinander zu verbinden) kann er in Babel nicht mehr richtig umsetzen und verhäddert sich dabei etwas in Anspruch und Bild. Babel ist Iñárritus bester und zugleich schlechtester Film. Denn die gradiose Leistung des Regisseurs schnürt den Film zu sehr ein, lässt ihm wenig Luft zum Atmen. Schön ist er dennoch.

Dienstag, 26. Dezember 2006

Mehr als die Summe der einzelnen Teile








Sodele,

ich hoffe, ihr habt die Feiertage alle zusammen gut überstanden. Ich jedenfalls kann mich nicht beklagen. Da das Jahr sich nun bald zu Ende neigt, ist es an der Zeit, nicht nur Resumees zu ziehen, sondern auch nach vorne zu blicken und neuen Plänen entgegenzuschauen. Einigen unter euch konnte ich meine glorreiche Idee schon unterbreiten, mit der ich in das neue Jahr starten möchte, andere werden auf diesem Wege zum ersten Mal davon erfahren – und ich bin schon sehr gespannt, ob und wenn ja welche Reaktionen sie hervorrufen wird. Nun denn:

Vielleicht geht es ja einigen unter euch genau wie mir und ihr seid nicht nur an Musik interessiert und konsumiert sie, sondern lebt mit ihr und betrachtet sie als essenziellen Bestandteil eures Lebens. Und vielleicht erkennt auch ihr ein gewaltiges Defizit, was gute und leidenschaftliche Medien über Musik betrifft. Als ehemaliger Stammleser diverser Musikmagazine weiß ich davon ein Lied zu singen, denn abgesehen von einigen Foren im Internet bewegt mich die musikalische Presselandschaft hierzulande nicht mehr wirklich. Dass die gute alte SPEX jetzt auch noch dem Altar des Kommerzes geopfert werden soll, gab mir den endgültigen Anstoß, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dem guten alten DIY-Prinzip folgend möchte ich also die Welt mit leidenschaftlichen, sachlichen, informativen, witzigen, unterhaltsamen Texten beglücken. Und ihr dürft mir dabei helfen, ein solches Medium auf die Beine zu stellen und es maßgeblich mitzugestalten. Denn alleine erreicht man selten viel – und mehrere Perspektiven sind immer erhellender und interessanter als eine einzige.

Früher hätte ich mich wohl einfach hingesetzt, Texte gesammelt, sie zusammengetackert und als Fanzine unter die Leute gebracht. Aber das ist zu aufwändig und kostspielig. Deshalb soll das ganze im Internet stattfinden. So können nicht nur potenziell viel mehr Menschen erreicht werden, das ganze ist auch organisatorisch viel einfacher zu bewerkstelligen. Und so kann auch jeder nach Gusto Videos, Bilder oder mp3s hinzufügen. Welchen Namen, welchen Umfang und welchen Grad an Professionalität die Sache erreichen wird hängt natürlich maßgeblich davon ab, wie viele Menschen meiner Idee etwas abgewinnen können. Ansonsten werde ich wohl weiter vor mich hinwerkeln und den Zeittotschläger füttern, was auch nicht schlecht, aber doch bedeutend weniger ist. Ganz simpel ließe sich das ganze als Blog aufziehen: verursacht gestalterisch den geringsten Aufwand, jeder muss sich nur anmelden, kann seinen Senf dazu geben und fertig. Eine richtige Homepage wäre natürlich reizvoller, aber auch aufwändiger – und es müsste sich jemand (DB z.B.?) dazu bereit erklären, eine schicke zu designen, damit das auch nach was aussieht. Aber prinzipiell ist mir der Inhalt natürlich wichtiger als die Form.

So, und jetzt macht mit der Idee was ihr wollt, schmunzelt drüber und vergesst sie oder seid von meiner leichten Euphorie angesteckt, aber denkt dran: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst / Doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist!“

P.S. Dass gestern der kongeniale James Brown verstorben ist, soll an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben. RIP Mr. Godfather of Soul!

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Boogie Down Brown



















Und noch ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sehr heute die Reflexion verloren gegangen und von einer törichten, negativen, klischeehaften Selbstzuschreibung à la "Der Neger" abgelöst wurde. Ich könnte sicher Stunden damit verbringen, darüber zu diskutieren. Stattdessen lasse ich aber lieber die schlauen Worte des jungen Denyo für sich sprechen. Schließlich wird Flashnizm, das erste Album der Beginner, mit all seinen vielen kreativen Ideen, dem Einsatz echter Instrumente und des jugendlichen Idealismus leider viel zu oft unterschätzt...


BOOGIE DOWN BROWN (Absolute Beginner, 1996)

Sieh mich an, kannst du mich sehn, sieh mich noch mal an
Guckst du genau hin, wirst Du's sehn, ich komm aus HH, Mann
Hab nen Veermaster gesehn, da hast du noch in deine Windeln geschissen
Und deine Ködel gefressen, dich damit beschmissen
Das hättste nicht gedacht
In der Dunkelheit hast du mich nicht gesehn, jetzt hab' ich Licht gemacht
und ich war immer da, nimmer da
An dem Ort, wo die meisten denken, daß ich dort schon immer war
ich brauch ein Vibe, "ein Weib?", nein, ein Vibe
Viele neue Vibes, damit ich vorantreib
Nehm mir ein Stück Vibe von hier und ein Stück Flash von dort
Pack dann alles zusammen, denk mir die Mischung macht's
Bin es manchmal leid, ein Stück von hier, ein Stück von dort zu sein
reiß mich zusammen, denk mir meine Mischung macht's
Ich wusste früh, ich wollt' kein Deutscher sein, spät war mir klar
Meine Fahne weht auch nicht in Afrika

Gäb' es keinen Mix, wär DJ MAD nicht auf der Welt
Ich laß es flown wie nix nur durch meine Mixtur
Hits durch Tips und Tricks und Styles und Snares und Kicks
Ich bin ein Mischling, misch mich ein und mische mit
Aah, ich bringe Farben, die euch entzücken
und baue Brücken von Rot zu Gelb, zu Grün, zu Schwarz, zu Weiß
"Zu heiß" ich sage nur was ich denke
Sicher viele stolze Schwarze, die ich kränke
doch nur 'n HamburgMedaillon wär, so wie's echt wär
Mein Kopf ist voll mit dieser Stadt, ohne sie wär's echt leer
Ich habe Dreads, komme nicht aus Jamaica
Bin auch kein Gee, weil ich noch nie bei einem GangFight war
Keine Rudeboy, meine Zunge nicht so schnell wie deine
Rhythmus nicht im Blut, weil ihn zu lern' für mich nicht leicht war
Ich liebe meine Farbe und hasse meine Rasse
Wenn ich durch sie mich in 'ne Klasse presse
Und mich an Werten messe, die als farbenunterscheidende Manie
Tausende das Leben kostete

... frisch auf einem Plattenteller serviere ich
das RapMenü weder Fleisch noch Fisch auf deinen Tisch
geb dir 'nen Tip bevor Du mir nen Tip gibst in deiner Tasche wühlst
dich dann von mir noch ausgebeutet fühlst
braun und deutsch im Heim heimatlos sein
ohne Stolz kein Sinn mit nur noch "IN" sein
"cool" ich bin so cool wie Superman in seinem Trikot
aaah, ich bin braun, wo ist der schwarze ComicHeld?
Das stimmt mich traurig
Zweifel, frustriere
nicht und wähle HipHop Kanäle kanalisiere
der Lifestyle macht mich glücklich wieder
ich hol tief Luft, N frischen Wind und stärke meine Glieder
mein Gedanke ein Dank, der an FlashGott geht
ohne Kreuz, weil sich alles im eigen Kopf dreht
bunte Künste, scheiss auf Herkunft, Haut, Geschlecht und schaut
zu wie wir entstehen und weitergehn ...

Montag, 18. Dezember 2006

Simpsons Christmas Story

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte und eine (leider) eher dämliche Episode, aber es sind immer noch die Simpsons... Und für alle, die eine klassische, sentimentale Weihnachtsgeschichte suchen hier das allererste Christmas Special der Simpsons. Fröhliche Weihnachten!

Mo money - mo problems










Um mein Lamentieren über den Zustand des Hip Hop im Allgemeinen, sowie des deutschen im besonderen noch zu komplettieren, hier ein Text, der so in dieser Form heute wohl nicht mehr möglich ist. Vor lauter Bling Bling bleibt den armen Rappern gar keine Zeit mehr fürs Reflektieren. Billiger Materialismus ersetzt dabei die Kreativität und den Spaß - nicht so hier. Deshalb viel Spaß damit...

BLAUER SCHEIN (Torch)

Ich wurde geboren in Frankfurt am Main
In der Deutschen Zentralbank, als Hundert Mark Schein.
Der Vater heisst Krieg, ein Betrüger ein Lügner, ein Dieb,
Die Mutter ist die Gier, die täglich über uns siegt,
Die Kinder Zinsen auf internationalen Banken, die seit
Sie denken konnten nur kühle kalte Konten kannten.
Meine Opfer sind Menschen so wie du,
Ich geb euch die Illusion von Macht und ihr gebt Ruh.
So viele denken, ich gehöre ihnen,
Doch sie gehören alle mir - schau nur, wie sie mir dienen,
Ich kontrollier ihre Ziele und Träume, ihr Verhalten
Und Verlangen, bis sie mich zu vergöttern anfangen,
Bringe Paare zusammen, reiss Familien entzwei -
Und hört man von Streit, sei sicher ich war dabei,
Ich nahm Gott den Glauben und hab den Teufel getauft
Und auch...diese Platte wurde durch mich gekauft.
Alle meine Macht reicht so weit wie das Himmelsreich,
Blauer Samt, wie das Meer so weich und kalt zugleich,
Auch bei dir bin ich ein immer gern gesehener Gast, aber
Sieh dich vor, dass du dich nicht zu meinem Sklaven machst.

Er war angestellt, ackert hart für das Geld,
Freitag ist Zahltag - kaum zu Hause Nutte bestellt
...Er hielt mich so Fest in seiner Hand,
Doch wie schnell gab er mich frei, als sie in seinem Zimmer stand,
Gierig die Lippen geleckt, Chantré anstatt Sekt.
Mit feuchten Fingern hat er mich in ihren Ausschnitt gesteckt,
Gutes Geschäft, ne Nummer Hundert Mark,
Doch ihr Glück währte leider nur bis zum nächsten Tag.
Ihr Freund ein Verlierer, ein Schläger, Autoschieber,
Schräger Dealer, Hehler, Spieler, wie im Fieber
Den Zaster verprasst, vor lauter Hast
Nicht aufgepasst, von den Bullen gefasst,sitzt im Knast.
Den Kopf voller Koks hört er wie der Bulle sagt:
"Heut ist dein Glückstag, ich lass dich gehen fürn geringen Betrag".
So kam ich in die Uniform von nem Polizist, denn
Ich bin der Grund, warum man Recht und Gesetz vergisst.
Das Vokabular von Geld kennt kein Nein - und
Kennt ihr TORCH?...auch er fiel auf mich rein.
Auch der Pfarrer nahm mich feierlich auf, wie besessen,
Zelebrierte mich verehrte mich in seinen Messen,
Dankte mir mit weissem Brot und rotem Wein, denn
Nichts ist ihm so heilig wie der Blaue Heiligenschein.
In den vorderen Reihen sitzen die, die wissen was läuft.
Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich ein bisschen entäuscht,
Kaum kam ich ins Spiel hab euch nicht wieder erkannt,
Werd immer wieder in eueren Liedern genannt,
Als Problem oder Held oder Ziel dir bekannt,
Ihr seht in mir etwas, was sich nie da befand.
Ich würde selber gerne wissen, wie das entstand,
denn helfen kann ich auch doch es liegt in deiner Hand...

DJ Danielson Koolism
Torch is chillin' Bou is Chillin'
What more can I say Top Billin'

Freitag, 8. Dezember 2006

Meister der Melancholie Teil 3

Schwarz, schwer und unendlich lang wie eine skandinavische Winternacht zieht dich Opeth wie in dieser Liveaufnahme des relativ heftigen The drappery falls hinab in ein tiefes, unentrinnbares Nichts. Es gibt keine Hoffnung, die ganze Schwere des Daseins, alles Leid, alles Negative, alles Tragische, Melancholische komprimiert sich hier in einer Musik, die göttlich und zugleich teuflisch erscheint. In nur wenigen Momenten schaffen sie so eine schmerzhaft mitreißende Stimmung, die zu schaffen nur wenige Musiker imstande sind.
Dass sie dabei das klischeebehaftete Genre des Metals bedienen, kann nur jene abschrecken, welche Opeth noch nicht gehört und erlebt haben. Hier gibt es nämlich mehr als lange, fettige Haare, stinkende Jeans und verkrampftes Männlichkeitsgehabe. Sie schaffen es, auch und vor allem auf Blackwater Park - ihrem vielleicht besten Album - verschiedenste Stilmittel zu einer einzigartigen Stimmung zu komprimieren. Ausgehend von vom Grunzen dominiertem (und von mir wenig geschätztem) Death Metal gehen die Fähigkeiten der Band doch weit über diese eintönige, mit der Zeit extrem nervige Sparte hinaus und so erschaffen sie etwas, das im weitesten Sinne als Prog bezeichnet werden könnte. Selten wurden Gegrunze, Double-Bass, melancholische, wunderschöne Melodien und ausgefeiltes Songwriting besser in Einklang gebracht. Und selten gelang es einer Band, kraftvollere, rundere, tiefere und bewegendere Musik zu kreieren. Gerade in diesen dunklen Tagen die beste Musik, um die – aufgrund des ausfallenden Schnees besonders ausgeprägten – Winter- depressionen zu pflegen…
Und all jenen, die The drappery falls als zu Death Metal-lastig und hart empfinden, seien an dieser Stelle zwei weitere, gänzlich Death-Metal-freie Songs ans Herz gelegt: noch ein wunderschönes Lied aus Blackwater Park : Harvest - und der Opener aus dem ruhigsten Album Damnation (2002): Windowpane.

The drappery falls

"Please remedy my confusion
And thrust me back to the day
The silence of your seclusion
Brings night into all you say
Pull me down again
And guide me into pain
I'm counting nocturnal hours
Drowned visions in haunted sleep
Faint flickering of your powers
Leaks out to show what you keep
Pull me down again
And guide me into
There is failure inside

This test I can't persist
Kept back by the enigma
No criterias demanded here
Deadly patterns made my wreath
Prosperous in your ways
Pale ghost in the corner
Pouring a caress on your shoulder
Puzzled by shrewd innocence
Runs a thick tide beneath
Ushered into inner graves
Nails bleeding from the struggle
It is the end for the weak at heart
Always the same
A lullaby for the ones who've lost all
Reeling inside
My gleaming eye in your necklace reflects

Stare of primal regrets
You turn your back and you walk away
Never again
Spiralling to the ground below
Like Autumn leaves left in the wake to fade away
Waking up to your sound again
And lapse into the ways of misery"




Blackwater Park (2000)








Damnation (2002)

Donnerstag, 7. Dezember 2006

Main Concept - Der 58er (2003)

Ja, es gibt noch deutschen Hip Hop, der etwas zu sagen hat jenseits von "Ich bin der Größte und alle anderen sind wack" oder es zumindest sympathischer verpackt. Und es gibt noch Hip Hop mit Beats zum zurücklehnen und entspannten Scratches. Und es gibt tatsächlich noch Hip Hop in Minga - jenseits von Blumentopf. Mit Sicherheit ist "Der 58er" nicht das Beste, was David Pe und Main Concept zu bieten haben, die einst im Jahre 2000 das Kunststückchen vollbrachten, ein ganzes Album (Plan 58) nur mit Freestyles zu füllen. Aber im Kontext der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes herausragend... Viel Spaß damit!

Samstag, 2. Dezember 2006

Abschied

WIE hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes -, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig losgeflogen.

(Rainer Maria Rilke, 1907)

Donnerstag, 30. November 2006

Lethargie



Es gibt diese Momente, da wird einem die ganze Sinnlosigkeit allen Handelns und Seins so offenbar, dass jede Motivation, überhaupt etwas zu tun schlagartig erlahmt. Anstatt in das (Welt-)Geschehen in irgendeiner Form einzugreifen, lässt man sich fatalistisch treiben. Alles passiert einfach, nichts wozu eine Anstrengung lohnen würde, kein Ziel mehr vor Augen, reine Bedürfnisbefriedigung, kein Wille - nur Vegetieren, keine Veränderung - nur Beobachtung.
An der Stelle wird es zur Herausforderung, NICHT zum Zyniker oder Nihilisten zu werden. Weshalb auch nicht? Jeder Idealismus ist letztlich zum scheitern verdammt, wenn er nicht zum Glaube wird. Aber woran sollen wir denn noch glauben? Und weshalb? Was soll das überhaupt? Und wieso lässt sich jener Knopf im Kopf einfach nicht finden, mit dem sich das Denken ausschalten lässt?

Samstag, 18. November 2006

Insomnia

"Making excess / mess in darkness / No electricity, Something's all over me, greasy / Insomnia please release me / and let me dream of making mad love to my girl on the heath / Tearing off tights with my teeth / But there's no release, no peace / I toss and turn without cease / Like a curse / I open my eyes and rise like yeast”

Manch einer wird sich noch erinnern an dieses Lied, das Mitte der Neunziger überall zu hören war und zu den wenigen House-Tracks zählt, die ich heute noch gerne höre. Nun, wie komme ich bloß darauf, plötzlich über House zu schreiben? Die Antwort ist einfach: mir geht es ähnlich wie Maxi Jazz. I can’t get no sleep – und das schon seit beinahe sechs Wochen. Die Welt um einen herum erscheint mit der Zeit immer surrealer, ich fühle mich abwechselnd high und down, hibbelig und lethargisch, voll aufnahmebereit und weit weit weg. Das wirklich faszinierende ist, dass sich der Körper überlisten lässt, dass er den fehlenden psychischen Ausgleich kompensieren kann, dass ich dennoch funktioniere.

Mitten in der Nacht aufzuwachen und auf einen Schlag hellwach zu sein hat schon etwas extrem unangenehmes. Nach zwei Stunden Schlaf am nächsten Abend dann partout nicht einschlafen zu können, sich beinahe zwei Stunden im Bett zu wälzen, um dann – endlich eingeschlafen – nach drei Stunden schon wieder im Bett stehen zu müssen, macht schon direkt wütend, wäre man nicht durch den Mangel an Schlaf so geschwächt.

Und nun? Ich fange an, mich an meine Insomnie zu gewöhnen, nutze die Zeit, mich in sinnlose Gedanken zu versteigen, die Welt zu verfluchen und hoffe, dass meine Schlaflosigkeit sich nicht in eine allgemeine Boshaftigkeit gegen die Welt entwickelt. Denn neben der allgemeinen Ambivalenz der Gefühle, die sie bei mir auslöst, macht sie mich unausgeglichen und reizbar gegenüber meinen Mitmenschen. So sitze ich an diesem trüben Samstagnachmittag an meinem Fenster, starre apathisch in die spätherbstlich entblätterten Äste der Bäume gegenüber, doch wie sang schon 1963 der inzwischen mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte Wolf Biermann: „Wartet nicht auf bessre Zeiten / Wartet nicht mit eurem Mut / Gleich dem Tor, der Tag für Tag / An des Flusses Ufer wartet / Bis die Wasser abgeflossen / die doch ewig fließen“…

Sonntag, 12. November 2006

Femme fatale















"Frauen sind mehr innerweltlich orientiert als Männer, sie stehen dem Körper näher, schützen sich mehr gegen aussen. Frauen sind Gemälde. Männer sind Probleme. Wenn Sie wissen wollen, was eine Frau wirklich meint - was übrigens immer ein gefährliches Unterfangen ist - sehen Sie sie an, und hören Sie ihr nicht zu. "

"Die Stärke der Frauen rührt aus der Tatsache her, daß die Psychologie sie nicht zu deuten vermag. Männer kann man analysieren, Frauen nur anbeten."

(Oscar Wilde)

FEMME FATALE
(The Velvet Underground & Nico)

Here she comes, you better watch your step
She's going to break your heart in two, it's true
It's not hard to realize
Just look into her false colored eyes
She builds you up to just put you down, what a clown

'Cause everybody knows (She's a femme fatale)
The things she does to please (She's a femme fatale)
She's just a little tease (She's a femme fatale)
See the way she walks
Hear the way she talks

You're written in her book
You're number 37, have a look
She's going to smile to make you frown, what a clown
Little boy, she's from the street
Before you start, you're already beat
She's gonna play you for a fool, yes it's true

'Cause everybody knows (She's a femme fatale)
The things she does to please (She's a femme fatale)
She's just a little tease (She's a femme fatale)
See the way she walks
Hear the way she talks

Samstag, 11. November 2006

Dazed and confused ?!
















Zwischen den Bahngleisen, unweit der Biegung des Flusses spiegelt sich mein eigenes Ich im ganzen Spektrum seiner Farben. Züge rollen ungefragt, Menschen gehen ohne zu sehen, ich höre den Wind und stell mir tausend Fragen. Doch bald schon merke ich: ohne dich macht alles keinen Sinn. Du bist die große Ungefragte, Monolith des Geistes, Manifestation der Unvernunft. Wer kann dich sehen? Werd ich dein Wesen je verstehen? Oder bleib ich einfach stehen, hier und jetzt, für immer gefangen in diesem Moment, dieser Sekunde voller Zweifel, Dunkelheit und Kälte? Was kann, was will, was vermag ich noch zu wissen? Und wohin soll ich damit? "Zur Hölle - wo liegt das?"
 

DAZED AND CONFUSED
(Led Zeppelin - grandioses Live-Video von 1969)

"Been dazed and confused for so long its not true / Wanted a woman, never bargained for you / Lots of people talk and few of them know / Soul of a woman was created below / You hurt and abused tellin all of your lies / Run around sweet baby lord how they hypnotize / Sweet little baby, I dont know where you've been / Gonna love you baby, here I come again / Every day I work so hard Bringin home my hard earned pay / Try to love you baby, but you push me away / Don't know where youre goin' Only know just where youve been / Sweet little baby, I want you again / Been dazed and confused for so long, its not true / Wanted a woman, never bargained for you / Take it easy baby, let them say what they will / Will your tongue wag so much when I send you the bill?"