Montag, 23. Juli 2007

Imaginäre Rede im sächsischen Landtag...

…an Herrn Holger Apfel gerichtet, seines Zeichens Fraktionsvorsitzender der NPD. Nur zur Erinnerung: gemeint ist der freundliche Herr auf dem Foto links, neben Udo Voigt, dem Vorsitzenden selbiger Partei und in gewohnter Pose:

„Was reden Sie von kriminellen Ausländern, Herr Apfel, wenn Sie selber mit Bombenbauern und Terroristen Tür an Tür lebten, damals, in Sinning, als Sie Verlagsleiter und Chefredakteur Ihrer Nazipostille Deutsche Stimme waren? Auf dem Anwesen Ihres Vermieters fand die Polizei Waffen und Sprengstoff. Der Vermieter ging ins Gefängnis, Sie gingen mit dem Verlag nach Riesa. Der Mitarbeiter des Verfassungsschutzes Didier Magnien blieb in Bayern und übernahm die „Kameradschaft Süd“, die im November 2003 bei der Grundlegung eines jüdischen Zentrums in München einen Sprengstoffanschlag plante.

Schon vergessen, dass im September 1980 dreizehn Menschen auf dem Oktoberfest in München starben und über 200 verletzt wurden, weil einer aus der Wehrsportgruppe Hoffmann – in der Ihr damaliger Vermieter einer der Führungsfiguren war – eine Bombe gelegt hatte? Ihnen wird man vermutlich nie nachweisen können, Bomben gelegt zu haben, weil Sie das eventuell nie taten. Sie nicht! Aber sie steckten nachweisbar mit Bombenlegern wenn nicht unter einer Decke, so aber mindestens unter einem Dach.

Wenn Terroristen an der Wiege Ihres neuen Deutschlands stehen, bekommt man eine Vorstellung, wie dieses Land dann aussehen könnte, bekämen es die nationalen Kräfte in die Hand, von denen Sie immer reden. Der Bundesverteidigungsminister meint, die deutsche Demokratie am Hindukusch gegen Terroristen verteidigen zu müssen. Das kann er gern tun – nachdem der Kampf gegen den Terror im eigenen Lande erfolgreich war. Wir sollten uns von dem verharmlosenden Begriff „geistige Brandstifter“ trennen. Wir haben es hier auch nicht mit Knallkörpern zu tun. Es handelt sich um gewissenlose Menschen, die den Sprengkopf am Fundament dieser Republik anbringen, um sie in die Luft zu jagen. Wir sollen deshalb davonjagen, bevor sie die Lunte legen können. Ab in die Wüste oder dorthin, wo der Pfeffer wächst.“

(aus: Jan Zobel, Volk am Rand, 2005)

Samstag, 21. Juli 2007

The district sleeps alone tonight

Bei "The district sleeps tonight" handelt es sich um eines der wenigen Musikstücke elektronischer Provenienz, denen ich etwas abgewinnen kann. Eine einleuchtende Interpretation, die ich dazu im Internet gefunden habe lautet wie folgt: In dem Song versetzt sich Ben Gibbard - seines Zeichens Sänger bei Death Cab for Cutie - in die Lage eines Gefängnisinsassen und richtet sich an seine (Ex-)Freundin: "I'll wear my badge, a vinyl sticker with big block letters / I'm only a visitor", "the guady apartment complex" ist eine weitere Umschreibung für das Gefängnis, "a stranger with the door key" ist der Wärter. Er assoziiert ihn mit dem Barkeeper, der das Licht ausmacht, sich selbst mit D.C. bzw. seinem district. Und er hat er ein Alkoholproblem: "and the only thing keeping me dry is where I am"...

The Postal Service - The district sleeps tonight

Smeared black ink... your palms are sweaty
And I'm barely listening to last demands
I'm staring at the asphalt wondering what's buried underneath
Where I am
Where I am

I'll wear my badge... a vinyl sticker with big block letters adherent to my chest
That tells your new friends I am a visitor here...
I am not permanent
And the only thing keeping me dry is
Where I am
Where I am
Where I am

You seem so out of context in this gaudy apartment complex
A stranger with your door key explaining that I am just visiting
And I am finally seeing
Why I was the one worth leaving
Why I was the one worth leaving

D.C. sleeps alone tonight
Where I am
Where I am
Where I am

You seem so so out of context in this gaudy apartment complex
A stranger with your door key explaining that I am just visiting
And I am finally seing
Why I was the one worth leaving
Why I was the one worth leaving

Where I am
Where I am
Where I am

The district sleeps alone tonight after the bars turn out their lights
And send the autos swerving into the loneliest evening
And I am finally seeing
Why I was the one worth leaving
Why I was the one worth leaving
Why I was the one worth leaving
Why I was the one worth leaving

Freitag, 20. Juli 2007

Der Ekel, das Sein und das Nichts



„Das Wesentliche ist die Kontingenz. Ich will sagen, dass die Existenz ihrer Definition nach nicht Notwendigkeit ist. Existieren, das ist dasein, ganz einfach; die Existierenden erscheinen, lassen sich antreffen, aber man kann sie nicht ableiten. Es gibt Leute, glaube ich, die das begriffen haben. Nur haben sie versucht, diese Kontingenz zu überwinden, indem sie ein notwendiges und sich selbst begründendes Sein erfanden. Doch kein notwendiges Sein kann die Existenz erklären; die Kontingenz ist kein Trug, kein Schein, den man vertreiben kann; sie ist das Absolute, folglich die vollkommene Grundlosigkeit.“ (Der Ekel, 1938)

Ein paar unsortierte Gedanken über Sartre: „Wenn Gott nicht existiert ist alles erlaubt“ (Dostojewski). Und laut Sartre gibt es keinen Gott, kann es ihn schlichtweg nicht geben. Die menschliche Grundsituation ist also die einer Geworfenheit, wir haben nicht gewählt zu existieren, aber wir tun es nun mal. Dabei geht die Existenz der Essenz voraus, d.h. wir sind dazu gezwungen, uns ein eigenes Wesen, eine eigene Identität zu erschaffen.

Nichts ist gewiss, alle Wege sind offen. Die wesentliche Bedingung unserer Lebensform ist deshalb die der Freiheit, wir sind nicht determiniert, aber wir müssen uns dennoch in die Masche des Determinismus zwängen, Sartre nennt das den „Widrigkeitskoeffizienten der Dinge“, der Mensch ist eben ein soziales Wesen und deshalb gezwungen, sich an gesellschaftliche Bedingungen anzupassen und sich in sie hinein zu fügen. Die wesentliche Bedingung dieser Freiheit ist das „Für-Sich-Werden“, das Erschaffen einer eigenen Identität, eines eigenen Seins. Unsere Freiheit ermöglicht uns dabei zunächst die „Nichtung“, d.h. Dinge abzulehnen, sie ist also zunächst eine negative.

Die Konsequenz aus dieser existenzialistischen Sicht ist die einer totalen Verantwortlichkeit. Zunächst einmal für sich selbst, letztlich jedoch auch für die ganze Menschheit. Die erste und zentrale Absicht des Existenzialismus ist es deshalb, den Menschen in den Besitz seiner selbst zu bringen und ihm die totale Verantwortung für seine Existenz aufzubürden.

Und als ob das nicht genug wäre, meint Sartre auch „wenn wir sagen, der Mensch wählt sich, verstehen wir darunter, jeder von uns wählt, doch damit wollen wir auch sagen, sich wählend wählt er für alle“. Jeder Mensch ist also eine Möglichkeit, ein Beispiel der Humanität und deshalb für alle verantwortlich, weil er durch seinen Weg ein Vorbild für andere nicht nur sein kann, sondern stets auch ist.

Doch der Mensch möchte nicht wirklich frei sein, weil er dadurch gezwungen ist, Fragen zu stellen, sich zu entscheiden. In der gottlosen Welt ist deshalb die Angst der Normalzustand, es gibt ja schließlich keine Gewissheiten. Und weil dieser Zustand unerträglich ist, fliehen die Menschen, um der permanenten Angst zu entgehen, in die Unaufrichtigkeit. Nur – unserer Verantwortung können wir uns NIE entziehen, denn selbst für das Verlangen, aus dieser Verantwortlichkeit zu fliehen sind wir schließlich verantwortlich.

Sartre geht soweit zu sagen, dass wir mit jeder Entscheidung, die wir treffen auch total für sie verantwortlich sind. Das heißt zum Beispiel für einen Soldaten im Krieg, dass er sich mit der Entscheidung, an ihm teilzunehmen, diesen als SEINEN, und nur seinen Krieg zu betrachten hat, weil er mit allen Konsequenzen leben muss!

Diese ziemlich radikale „Moral“ ist nur vor dem Hintergrund seiner Zeit zu verstehen, denn die Erfahrung des Weltkrieges, der Zusammenbruch jeglicher Ordnung, der Verlust aller Gewissheiten ist wohl ein spezifisches Phänomen seiner Generation. Ein großer Kritikpunkt an Sartre war stets, dass sich mit seinem Freiheitsverständnis ALLES rechtfertigen lässt, schließlich geht es ja nur darum, sich gegenüber sich selbst zu verantworten, der einzelne Mensch, und nur er ist der Maßstab. Welches Beispiel er dabei für den Rest der Menschheit abgibt, steht ihm absolut offen.

Für die wenigsten folgt daraus natürlich ein Altruismus, viele werden wohl eher einen radikalen Egoismus davon ableiten können. Und für den Soldaten im Krieg kann die Entscheidung, ob er desertieren soll oder nicht, ja auch nur zu einer essenziellen werden, wenn er bestimmte Moralvorstellungen besitzt. Da es aber keine absolute Moral gibt, stehen ihm hier ja auch wieder alle Wege offen.

An diesem Punkt ist der gute Herr Sartre absolut widersprüchlich, weil er ja implizit doch eine Moral voraussetzt, die er doch eigentlich zu negieren vorgibt. Sartre hat darauf mit seinem Essay Ist der Existentialismus ein Humanismus? reagiert, der diese Widersprüche allerdings nur bedingt auflösen konnte.

Ich hatte mal eine sehr interessante Diskussion über den Existenzialismus, in der wir nach und nach Sartre zerlegt haben. Leider kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, aber es schien mir sehr schlüssig zu sein, dass man Sartre mit Sartre widerlegen kann, sofern man ihn zu Ende denkt. Und letztlich ist das ein Problem aller Philosophie. Nichts ist absolut, alles relativ, und am Ende bleiben stets mehr Fragen als Antworten. Man sollte eben nie mit einem solchen Anspruch an die Philosophie herantreten, weil man ansonsten verzweifelt und Gefahr läuft zum Nihilisten zu werden…

„Luzide, reglos, verlassen ist das Bewusstsein zwischen Mauern gesetzt; es dauert. Niemand bewohnt es mehr. Eben noch sagte jemand ich, sagte mein Bewusstsein. Wer? Draußen gab es sprechende Straßen, mit bekannten Farben und Gerüchen. Zurück bleiben anonyme Mauern, ein anonymes Bewusstsein. Das gibt es: Mauern und zwischen den Mauern eine lebende und unpersönliche kleine Transparenz. Das Bewusstsein existiert wie ein Grashalm. Es döst, es langweilt sich. Flüchtige kleine Existenzen bevölkern es wie Vögel die Zweige. Bevölkern es und verschwinden. Vergessenes Bewusstsein, im Stich gelassen zwischen diesen Mauern, unter dem grauen Himmel. Und das ist der Sinn seiner Existenz: dass es Bewusstsein davon ist, zuviel zu sein. Es löst sich auf, es zersplittert sich, es sucht sich auf der braunen Mauer zu verlieren, an der Laterne dahinten, im Abenddunst. Aber es vergisst sich nicht. Es ist Bewusstsein davon, ein Bewusstsein zu sein, das sich vergisst. Das ist sein Los.“ (Der Ekel)

Sonntag, 15. Juli 2007

Meister der Melancholie Teil 4


Es ist an der Zeit, einen der unbestrittenen Meister der Melancholie zu würdigen, dessen musikalische Entwicklung völlig konträr zum landläufigen Kommerzialisierungseffekt verlief. Die Karriere von Mark Hollis nahm ihren Anfang in einer der wichtigsten und erfolgreichsten Bands der Achtziger namens Talk Talk. Ihre erfolgreichste Zeit hatte Talk Talk Mitte der Achtziger mit guten, aber nicht besonders außergewöhnlichem Synthiepop à la „It’s my life“. Doch von Album zu Album wurde die Musik differenzierter, eigenwilliger, sperriger, weniger mainstreamtauglich und fand ihren ästhetischen Höhepunkt in den beiden letzten Alben („The Spirit of Eden“ und „The Laughing Stock“), auf denen sie sich durch Improvisation mehr und mehr von klassischen Songstrukturen verabschiedeten und so eine völlig neue Sphäre musikalischen Ausdrucks zwischen Jazz, Klassik und Pop ausloteten (so etwa in „I believe in you“). Nach der Auflösung der Band wurde es ruhig um den scheuen Mark Hollis, der mit seiner Heroinsucht zu kämpfen hatte und sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückzog. Gleichzeitig arbeitete er jedoch manisch an seinem bisher einzigen Soloalbum, das nach fünfjähriger Arbeit 1998 schließlich erschien.

Schlicht „Mark Hollis“ betitelt und dem Prinzip der Reduktion folgend sind alle Klänge und Worte auf diesem Werk sorgsam gewählt, wird der Stille viel Raum gelassen – und dennoch entsteht eine Atmosphäre unvergleichlicher Intensität und Nähe. Klavier, Standbass, akustische Gitarre, Holzbläser, kein elektrisch verstärktes Instrument ist beteiligt, die gesamte Musik nur mit zwei Raummikrofonen aufgenommen. Das Album braucht Zeit, viel Zeit und ist zugleich komplett aus der Zeit entrissen. Es ist weltentrückt und doch eine der wirklichsten Platten. Sie kommt völlig ohne Fassade aus, der Hörer bekommt den Eindruck, direkt in die Seele eines Menschen zu schauen, der mit der Welt und sich hadert. Dennoch ist das Album von einer Ruhe beseelt, die unmittelbar auf den Hörer übergeht, vorausgesetzt er oder sie ist in der Lage, sich auf dieses schwierige, oftmals dissonante Album einzulassen.

„Mark Hollis“ entzieht sich allen Kategorien. Das erste Lied „The Colour of Spring“ (das erst nach zwanzig Sekunden Stille beginnt) mag mit Sicherheit noch das greifbarste Stück sein, doch was in den sieben darauf folgenden Liedern passiert, ist nur schwer in Worte zu fassen. Einer der absoluten Höhepunkte ist das achtminütige A life (1895-1915), das wohl auch ein gewisser Frederik Hahn zu schätzen wusste und zu einem herrlichen Sample in „Kapitel 29“ verarbeitete. 

A life (1895 - 1915)

Uniform
Dream cites freedom
Avow
Relent
Such suffering
Few certain
And here I lay

Es beginnt mit dissonanten Bläsern, die nach zwei Minuten von einem Kontrabass begleitet werden und nach einer furchtbar langen Zeit auch von der gehauchten Stimme Hollis, irgendwann auch ein Schlagzeug, bevor es schließlich in der Mitte des Stückes in einem mantraartigen Klaviermotiv gipfelt, das die vielen Stränge zusammenführt, allerdings wieder in sich zusammenbricht und sich der Dissonanz ergibt. A life endet schließlich wieder, wie es begonnen hat, lediglich mit einer Variation des Ausgangsmotivs und den kaum hörbaren Worten „and here I lay“. Spätestens jetzt wird das der geneigte Hörer auch tun, auf der Wiese, im Bett oder auf dem Boden, erschlagen ob der Gewalt dieses leider viel zu wenig beachteten Jahrhundertalbums. Für den Musikbetrieb ist der melancholische Eigenbrödler wohl einfach zu leise, und so endet das Album auch wie es begann: nach den letzten Takten von „A new Jerusalem“ folgt über eine Minute Stille…

Was ist Politik?

„Die Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber „Dennoch!“ zu sagen vermag, nur der hat den „Beruf“ zur Politik.“

(Max Weber, Politik als Beruf, 1919)

Mittwoch, 11. Juli 2007

Ein Badener dreht durch


In der Internationalen Politik gibt es den Erklärungsansatz der „bureaucratic politics“, der nichts anderes besagt als „where you stand is where you sit“, d.h. dass die Position, in der sich ein Mensch in einem Organisationsprozess befindet sein Agieren bis zu einem gewissen Grad determiniert. In vielen Fällen ließen sich damit überraschende Persönlichkeitswandlungen durch Ämter ansatzweise erklären. Doch manchmal scheinen Menschen in ihren Ämtern erst über sich hinauszuwachsen, sich geradezu selbst zu verwirklichen, insbesondere in so exponierten Positionen wie der eines Innenministers. Wohin das führen kann, verdeutlicht uns die deutsche Politik gerade eindrucksvoll. 

Dass Wolfgang Schäuble eher zu letzterer Gruppe zählt, klingt recht plausibel und dürfte zu einem großen Teil seinem überlebten Anschlag zu schulden sein. Seit fast zwei Jahren provoziert er nun schon mit immer neuen Vorschlägen, die die Grenzen des Grundgesetzes doch recht stark aufweichen. Einmal die Verwendung der Mautdaten von Lkws, dann der Einsatz der Bundeswehr im Innern, der Abschuss gekaperter Flugzeuge und schließlich die weitgehende Abschaffung der Unschuldsvermutung. 

Doch was sich der Herr aus dem Schwarzwald nun ausgedacht hat, übersteigt selbst die kühnsten Vorstellungen von law und order in diesem Lande. Schäuble will eine Lizenz zum staatlichen Töten. Er argumentiert dabei mit dem finalen Rettungsschuss, der Polizisten jetzt schon gestattet ist, vorausgesetzt eine Rettung von Geiseln ist nicht anders möglich. Mal ganz davon abgesehen, dass in dieser Republik - aus guten Gründen - die Todesstrafe von jeher verboten war: aus einer absoluten Ausnahmegenehmigung ein generelles Tötungsrecht abzuleiten ist mehr als fragwürdig. Doch damit nicht genug: potenziellen Straftätern will er zukünftig mit Freiheitsentzug begegnen, von vorbeugender Haft ist die Rede. Welche Konsequenzen mit diesem Vorschlag, würde er denn tatsächlich realisiert, einhergingen, ist nur zu offensichtlich. Von Rechtsstaat kann keine Rede mehr sein und die Parallelen zu Guantanamo sind zu offensichtlich.

Was bezweckt der Minister also? Spricht aus ihm die gekränkte Eitelkeit als ewiger Zweiter (als Kanzlerkandidat, wie als Präsidentenkandidat) und von Merkel (als CDU-Vorsitzender) Abgewickelter, die er mit möglichst starker Rhetorik zu kompensieren sucht? Ist die Ursache vielmehr in seiner eigenen lebensbedrohlichen Attentatserfahrung zu suchen, die in ihm die Sicherheit zur obersten Maxime hat werden lassen? Oder haben wir es hier schlicht und ergreifend mit einem CDU-Rechtsaußen zu tun, der es mit dem Grundgesetz nicht ganz so ernst nimmt – einer Gefahr für unsere Verfassung und unsere Demokratie also?

Der Sicherheitsdiskurs wurde unter dem gewendeten ehemaligen RAF-Anwalt und vom Grünen zum konservativen Sozi mutierten Schily im Zuge des 11. Septembers schon mächtig nach rechts gerückt. Doch was Schäuble in seiner zweiten Amtszeit als Innenminister in den öffentlichen Diskurs geworfen hat, überschreitet die Grenzen des Erträglichen: „Die rote Linie ist ganz einfach: Sie ist immer durch die Verfassung definiert, die man allerdings verändern kann." Kann denn niemand diesen Mann stoppen?

Down with the sickness



Da verfolgt man deutschen Hip Hop nur noch am Rande, denkt, es passiert eh nichts essenzielles mehr – und dann wird man innerhalb von wenigen Tagen aus der Lethargie gerissen: Erst waren da die Jungs von Aggro Grünwald, dann ein gewisser B-Tight, dann G-Hot und letztlich die Jungs von Hirntot Records. Aber eins nach dem anderen…

Zu Beginn das netteste, Aggro Grünwald: Eigentlich nicht der Rede wert, ein Scherz, eine satirische Reaktion auf Aggro Berlin in Form der „Stehkrägen“, die verkündeten: „Eure Armut kotzt mich an“. Oder meinten es da manche doch ernst? In der SZ war gestern etwas zu lesen über die Hintergründe, u.a. der Domain, die betrieben wird von einer Aktiengesellschaft namens Levitian: "Da liest man die Namen Ludwig von Bayern und Severin Meister - und da pfeifen Kenner des Münchner Hochadligen- und Superreichen-Milieus dann doch durch die Zähne. Hier agiert nicht nur die jüngste Generation der Wittelsbacher, sondern auch die der Habsburger."...

Über B-Tight viele Worte zu verlieren wäre gleichermaßen überflüssig. Deshalb lasse ich die taz sprechen: "Tatsächlich spielt B-Tight wohl mit so sämtlichen Klischeebildern, die es über schwarze Menschen jemals gegeben hat. Der Berliner Rapper, der bürgerlich Robert Edward Davis heißt, inszeniert sich zum triebgesteuerten und überpotenten Urtier. Seine Stücke tragen wenig feinsinnige Titel wie "Zack! Zack!", "ein Schlag" oder "In den Mund!!!", und so klingen sie auch. Die Darstellung ist allerdings völlig überzeichnet: auf dem Cover seines Albums posiert er als eine Art Kannibale, der gerade einem Weißen den Kopf abgehackt hat." Seine Provokation als triebgesteuerter „Neger“ wird nun inzwischen innerhalb der Szene selbst kritisiert. Der Rassismus, den er sich selbst auferlegt hat und scheinbar nicht einmal zu begreifen scheint, stößt inzwischen so einigen der alten Garde sauer auf.

Nun das eher unerfreuliche: G-Hot (was nicht gerade ungewollt nach Djihad klingt), der Homophobie zum Prinzip erhoben hat: „Keine Toleranz" / wir dulden keine Schwuchteln“. Da rappt sich einer den Frust von der Seele, überall von Homos belästigt zu werden, „es gab Zeiten, da wurdn sie mit der Axt halbiert“. Eben jene scheint sich der leidlich sympathische Kerl wohl zurückwünschen und skandiert die Vertreibung der Homosexuellen. Das war selbst den ewigen Provokateuren von Aggro Berlin zu heftig, weshalb er inzwischen aus diesem illustren Kreise entlassen wurde. 

Und schließlich die Jungs von Hirntot Records. Allein der Name dürfte eigentlich disqualifizierend genug sein… Wer sich die Mühe macht, mal einem der „Songs“ des Labels zu lauschen, der wird seine wahre Freude haben an „Todesschwadron“ oder „Hirntot Elite“, die Gewaltfantasie an Gewaltfantasie reihen. Ein Beispiel: "misanthrop und geisteskrank / mit dem skalpell in der hand / fahr ich durch die gottverdammte stadt / ich hab euch ficker satt / geh nen schlitzen in der u-bahn /augenstechen in der s-bahn / köpfe spalten auf dem bahnsteig / knochen brechen wie im wald / dr jekyll ist bekannt, dr jekyll ist verrückt / ich bin die chirurgin, die patienten mit dem tod beglückt / wo zum teufel komm ich her, wo zum teufel geh ich hin / mit dem skalpell in der hand suche ich nach einem sinn." Im Prinzip nichts wirklich Neues, gerade im Untergrund sind Sex und rohe Gewalt schon lange das dominierende Thema. Doch zumindest einigen unter ihnen scheint ihr Gesäusel wohl etwas zu sehr in den Kopf gestiegen zu sein. Nach einer Morddrohung wurde die Polizei aktiv und wurde auch fündig. Unter den beschlagnahmten Waffen befand sich ein Maschinengewehr…

Fazit: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, hier einen Patient im Todeskampf zu sehen. Mit den Generationen verschwand auch mehr und mehr das Wissen, was Hip Hop ist, woher er kommt und wohin er will. Eine grundsätzlich emanzipatorische Sache hat inzwischen in weiten Teilen eine zutiefst reaktionäre Entwicklung eingeschlagen.

Donnerstag, 28. Juni 2007

Die neue alte, alte neue LINKE.

2005 trat die PDS als Linkspartei wieder eindrucksvoll auf die politische Bundesbühne. Dank umstrittener Sozialreformen der damaligen rot-grünen Regierung, mit Hilfe eines ehemaligen SPD-Vorsitzenden aus dem Saarland und in Kooperation mit der WASG erlebte sie einen zweiten Frühling und durfte nach drei Jahren Abstinenz wieder in Fraktionsstärke in den Bundestag einziehen.

Gleichzeitig geschah etwas für linke Parteien erstaunliches, denn recht bald schon war die Rede von Vereinigung anstatt der ansonsten üblichen Spaltung und Selbstzerfleischung. Der Parteitag gab unlängst grünes Licht: Deutschland ist in der europäischen Normalität angelangt und besitzt nun auch eine gesamtdeutsche Partei links von der Sozialdemokratie.

Zwei äußerst eigenwillige Gewächse des politischen Systems unserer Republik sind es, die sich am 16. Juni unter dem selbstbewussten Namen „DIE LINKE.“ zusammenschlossen. Auf der einen Seite die Linkspartei, als SED ehemalige Staatspartei, im Osten beinahe so etwas wie eine Volkspartei, im Westen jedoch kaum mehr als eine Splitterpartei und politischer Krämerladen linker Ideen. Auf der anderen Seite die Kleinstpartei WASG, zur Hochkonjunktur der Proteste gegen die rot-grünen Sozialreformen entstanden, vornehmlich im Westen der Republik aktiv und zu einem Großteil aus ehemaligen langjährigen SPD- und Gewerkschaftsmitgliedern bestehend. Der zunehmenden Identitätslosigkeit der SPD ist es schließlich auch geschuldet, dass Platz entstand für eine vermeintliche linke Alternative.

Ist die Linkspartei sozialistisch…

Während die WASG in Sachen Extremismus aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte mehr oder weniger unverdächtig war, wurde die ehemalige PDS auch siebzehn Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch als linksextrem eingestuft, vornehmlich um sie und ihre Mitglieder aus dem bundesrepublikanischen demokratischen Konsens ausschließen und diffamieren zu können. Dass der extreme Flügel innerhalb der Linkspartei (speziell die Kommunistische Plattform und das Marxistisches Forum) schon lange marginalisiert war, wird von ihren Gegnern dabei geflissentlich übersehen. Auch ein Blick in das Parteiprogramm ließ nur wenig revolutionären Charakter erahnen – stattdessen jede Menge Ziele, die vor gar nicht allzu langer Zeit auch im Programm der Sozialdemokraten Platz gefunden hätten. Interessanterweise gab sich die SPD selbst in ihrem Bad Godesberger Programm von 1959 – gemeinhin als Markstein hin zu einer regierungsfähigen, demokratischen Volkspartei betrachtet – wesentlich marxistischer und extremer als die geschmähte Linkspartei. Und spätestens die Regierungsbeteiligungen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin dürften gezeigt haben, wes Geistes Kind die plötzlich handzahm, ja gar „neoliberal“ agierenden Postsozialisten in der Praxis doch sind.

…populistisch…

Unter tosendem Applaus verkündete Lafontaine auf dem Parteitag die Verwirklichung von „Freiheit durch Sozialismus“. Diesen Begriff mit Inhalt zu füllen gelang ihm jedoch leider nur unzureichend, und so blieb der Sozialismus kaum mehr als ein rhetorisches Moment, eine Phrase, um die Seele der Delegierten zu streicheln, so wie der Sozialismus seit geraumer Zeit in der Partei kaum mehr als ein Feigenblatt darstellt. Dieses Spielen mit den jeweils opportunen Begriffen ist es, das die „LINKE.“ von heute unterscheidet von jener zu Zeiten von Brie, Zimmer, Gysi und Bisky. Generell praktiziert die Partei zunehmend einen unangenehm undifferenzierten Politikstil, der mit der auf dem Parteitag eingeforderten Glaubwürdigkeit nur schwer zu vereinbaren ist.

Jener neue Populismus wird von niemandem besser verkörpert als dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden, der sich vor Pauschalisierungen, Redundanzen und Polemiken wahrlich nicht scheut. Ein stellvertretendes Beispiel aus der jüngeren Zeit: in einer Bundestagsrede bezeichnete er den Bundeswehreinsatz in Afghanistan als terroristischen Akt. Zwar nimmt hinter den Kulissen die Kritik an dem Egozentriker und seinem autokratischen Gebaren seit geraumer Zeit zu, doch die Parteiführung ist sich völlig bewusst, wie sehr man ihn gerade im Westen als Zugpferd benötigt, um die Etablierung einer gesamtdeutschen Linkspartei weiter voranzutreiben.

…oder gar konservativ?

„DIE LINKE.“ ist jedoch letztlich in vielen Belangen auch eine (im eigentlichen Sinne von bewahrend) konservative Partei, nimmt sie doch inzwischen mit Vorliebe die Rolle des Bewahrers altbundesrepublikanischer Errungenschaften (wie Wohlfahrtsstaat, Vollbeschäftigung, mehr oder weniger pazifistischer Außenpolitik oder sozialer Marktwirtschaft) ein. Viel mehr als eine Restauration der Verhältnisse ist von ihr nicht zu erwarten, weshalb auch ein Großteil der Vorschläge reichlich unzeitgemäß wirkt. Einer der Gründe auch, weshalb innerhalb der reichlich kriselnden Gewerkschaften eine zaghafte Öffnung gegenüber den Postsozialisten stattfindet. Verbände sich mit der Linken heutzutage noch die Idee von Fortschritt, wäre man fast dazu geneigt, den Namen der Partei als Etikettenschwindel aufzufassen.

Doch die Linke an sich ist (wie alle großen politischen Entwürfe) seit geraumer Zeit in einer gewaltigen Sinnkrise, und „DIE LINKE.“ als einer ihrer anachronistischsten Auswüchse versucht in jenes Vakuum zu stoßen, welches die SPD seit ihrer weitestgehenden Abkehr von sozialdemokratischen Werten hinterlassen hat. Viele Forderungen erhalten bei weiten Teilen der Bevölkerung Zustimmung, und in Umfragen wird ihr inzwischen in Fragen der sozialen Gerechtigkeit eine weitaus höhere Kompetenz zugewiesen als der SPD. Da sie sich in der Oppositionsrolle um Details oder Fragen der Umsetzbarkeit kaum Gedanken machen muss und vieles mehr nach einem Wunschkatalog denn einem Programm klingt, obgleich auf große Utopien verzichtet wird, dürfte sich dies auf absehbare Zeit auch kaum ändern.

Von wem wird sie gewählt?

Unterschichten wie Bildungseliten sind in der Anhängerschaft der Partei, von der eine Mehrheit über eindeutig linke oder libertäre Einstellungen verfügt, überrepräsentiert. Ein detaillierterer Blick fördert jedoch Bemerkenswertes zu Tage: Nach einer vergangenen Winter erschienenen Rechtsextremismusstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung besitzen 28,6 % ihrer Anhänger ausländerfeindliche Einstellungen – der höchste Wert unter allen Anhängern demokratischer Parteien! Die größten Wählerzuwächse konnte sie in den letzten Jahren zudem bei Nichtwählern, Arbeitslosen und gering verdienenden Arbeitern erzielen, jenen Gruppen also, die laut besagter Studie stark überdurchschnittliche ausländerfeindliche Einstellungen besitzen.

Dass eine Partei zuweilen anders denkt als Teile, Wähler und Anhänger ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Linken. So fördert dieselbe Studie ebenfalls zu Tage, dass nur eine Minderheit derjenigen, die über ein rechtsextremes Weltbild verfügen auch rechtsextreme Parteien wählt. Aber dass gerade zwischen Linkspartei und NPD die höchsten Wählerwanderungen stattfinden, deutet neben der Tatsache, dass beide (auch) als Protestwahlpartei fungieren, auf einen weiteren erstaunlichen Punkt hin: Die NPD, welche sich seit Jahren mit einem sozialistischen Image schmückt und vor allem mit sozialen Themen Wähler gewinnt, gilt den Parteistrategen (neben der SPD) als wichtigster Konkurrent um gewichtige Wählerstimmen. Dies mag begreiflich machen, weshalb auch Herr Lafontaine gerne in trüben rechten Gewässern fischt, was nicht zuletzt seine umstrittene „Fremdarbeiter“-Rede deutlich offenbarte. Gerade in Bezug auf Außen- und Wirtschaftspolitik ist dies auch durchaus mit den Zielen der Partei vereinbar, die dort eine erstaunlich nationalistische und protektionistische Note tragen.

Was bedeutet das für unser Parteiensystem?

Dass die SPD sich in absehbarer Zeit doch noch von der Möglichkeit einer Koalition mit den Postsozialisten im Bund überzeugen lassen wird, ist unwahrscheinlich. Das mag zum einen an ganz banalen zwischenmenschlichen Problemen liegen (Lafontaine wird bei den Sozialdemokraten verständlicherweise als Abtrünniger geächtet). Zum anderen aber scheint sich die Linke aber auch in der Rolle der zwar nahezu einflusslosen, aber dankbaren Opposition besser zu gefallen denn als undankbares Zünglein an der Waage. Man denke nur an die Auswirkungen der Regierungsbeteiligung in der Hauptstadt, die nach einer Legislaturperiode neben der Halbierung der Wählerschaft zu einer fundamentalen inneren Spaltung führte.

Sollte sich die Partei etablieren, so wird sie unter den demokratischen Parteien vornehmlich der ewig kränkelnden SPD Wähler abspenstig machen. Dies wird entweder zu einer (möglicherweise) dauerhaften Blockade des politischen Systems führen, da weder links noch rechts Mehrheiten zu machen sind. Oder die mit dem Kanzlerinnenbonus gesegneten Christdemokraten und die seit einigen Jahren vor Kraft nur so strotzende FDP werden zusammen doch eine knappe Mehrheit zustande bringen und damit die SPD, die von der Großen Koalition kaum profitiert und der es an attraktiven Führungskräften mangelt aus der Regierungsverantwortung drängen.

Die viel beschworene strukturelle Mehrheit der Linken – etwas mehr als 53% der Sitze im Bundestag verteilen sich momentan auf SPD, Grüne und „DIE LINKE.“ – könnte sich so zugleich zu ihrem Dilemma entwickeln. Ob sie in absehbarer Zeit doch noch zu einer politisch machbaren Mehrheit wird, hängt vornehmlich davon ab, ob und wenn ja wie sich die SPD aus ihrer Dauerkrise befreit und wieder verstärkt modernes sozialdemokratisches, aber dennoch linkes Profil zurückgewinnt. Ansonsten droht eine dauerhafte Etablierung links von der SPD, die neben einer beständigen Lähmung des linken politischen Lagers – leider – recht wenig zur Folge haben wird.

Donnerstag, 21. Juni 2007

"If you hate being emo say yeah"


Es mag eine alte Binsenweisheit sein, dass die Größe eines Konzertes in keinster Weise mit seiner Qualität korrelieren muss. Doch je mehr Konzerte ich sehe, desto weniger glaube ich daran, dass eine gute Atmosphäre jenseits der kritischen Grenze von 500 Zuschauern überhaupt möglich ist. Die kleinen Auftritte in familiärer Atmosphäre und zu einem fairen Preis wie jenes von Jason Anderson, der gestern im ZAKK (dem "Zentrum für ambulante Kritik" und letzter DIY-Bastion in der konservativen Dreiflüssestadt) gastierte, scheinen meine Erfahrung nur zu untermauern. Ein Mann, eine Gitarre, die ganze Klaviatur der Gefühle – und das mit dreißig Menschen. Gleich zu Beginn die Aufforderung, einen Kreis zu bilden, teilzunehmen, mitzusingen, möglichst nah zu sein, um jegliche mögliche Distanz zu verhindern. Was danach folgt sind anderthalb Stunden feinste Musik. Anderson ist independent, aber nicht Indie, emotional, aber nicht Emo. Er schreit, tobt, flüstert, lacht. Neben einem großen Unterhaltungsfaktor vermitteln seine Texte dabei immer auch viel Emotionalität, ohne jedoch zur reinen Pose zu erstarren. Das ganze gipfelt darin, dass die ganze Bagage kollektiv singend das ZAKK verlässt und sich selbst feiernd bis kurz vor Mitternacht die umliegenden Straßen an ihrer Lebensfreude an diesem Mittwochabend teilhaben lässt, einer Botschaft echter unverfälschter Menschlichkeit - "Emo" im besten Sinne eben…

Montag, 18. Juni 2007

Ist das DIE LINKE.?


Seit Samstag gibt es in Deutschland endlich „DIE LINKE.“. Die aus Linkspartei.PDS und WASG (sowie dem trotzkistischen Linksruck, der sich kurzerhand auflöste und geschlossen in die Partei eintrat) hervorgegangene neue Partei zeugt schon im Namen von nicht allzu großer Bescheidenheit. Sich den Namen einer Bewegung zu geben und dahinter auch noch einen Punkt zu setzen ist mehr als anmaßend. Das mag PR-technisch nicht das unklugste sein, jenen aber die links sind, aber nicht „Linke.“ wird die Abgrenzung in Zukunft äußerst schwer fallen. Anmaßend waren auch die meisten Parteitagsreden der Führungsspitze um Lafontaine, Gysi, Bisky und Ernst. So hält sich meine Begeisterung verständlicherweise auch in Grenzen. Hier fünf zentrale Kritikpunkte an der neuen Partei:

1. Spätestens seit Lafontaine hat sich ein unangenehmer, undifferenzierter Politikstil etabliert, der mit der auf dem Parteitag eingeforderten Glaubwürdigkeit nur schwer zu vereinbaren, dem Image der Linken in Deutschland zudem abträglich ist, die Partei selbst in eine unseriöse, einseitige Oppositionsrichtung führt und linke Mehrheiten in der Bundesrepublik dauerhaft blockieren könnte.

2. Dass Frauen plötzlich in die zweite Reihe gedrängt werden ist seit der Besetzung der Doppelspitze im Bundestag ja nichts neues mehr. Die einst zu fast 55% aus Frauen bestehende PDS hatte schon damals zu Gunsten der eitlen Fraktionsvorsitzenden auf die 50%-Quote verzichtet. Sowieso werden im Führungszirkel der neuen Partei machtbewusste Gewerkschaftsmänner das Sagen haben. Mit ihnen drohen autoritärer Führungsstil und Maßregelungen per Parteischluss, ein innerparteilicher Demokratiezuwachs ist kaum zu erwarten.

3. In welche Richtung sich die Partei entwickelt und in welchem Verhältnis Rhetorik und Politik stehen ist noch völlig undurchschaubar. Während sie in Berlin fröhlich „neoliberal“ regiert, redet der neue Vorsitzende von Verstaatlichung und Vorbildern à la Chavez, sind Vertreter aus Weißrussland, der letzten europäischen Diktatur, eingeladen und ist auch sonst viel die Rede von Sozialismus, gar „Freiheit durch Sozialismus“. Doch mehr als eine Phrase scheint mir jener kaum zu sein.

4. Das Verhältnis der Partei zu sozialen Bewegungen ist äußerst zwiespältig. Gerade von Seiten der ehemaligen WASG bestehen große Vorbehalte. Diese favorisiert eine starke Gewerkschaftsbindung, was jedoch eine Spaltung und Schwächung derselben zur Folge haben könnte.

5. Es besteht die mit Händen zu greifende Gefahr, dass „Die Linke.“ eine antimodernistische Partei des Ressentiments wird, die sich vornehmlich der Ängste in der Bevölkerung bedient und somit das emanzipatorische Element der Linken dauerhaft diskreditieren wird. Mal ganz davon abgesehen, welchen Wert Bezeichnungen wie links oder rechts heute noch besitzen, halte ich es für äußerst fragwürdig, diese Bezeichnung auf die neue Partei anzuwenden - sie erscheint mir vielmehr wie ein grandioser Etikettenschwindel…

Samstag, 16. Juni 2007

Die PDS ist tot.

Es lebe DIE LINKE! Oder auch nicht... Angesichts der heutigen historischen Parteineugründung etwas Nostalgie. Mehr zu der "neuen" Linken demnächst an dieser Stelle.

Donnerstag, 14. Juni 2007

Eins und Alles











Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend höchste Meister
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

(Johann Wolfgang Goethe)

Anmerkungen:

* Überdruß: an individuellem Dasein, von dessen Begrenzheit die folgenden Verse sprechen
** Weltseele/Weltgeist: Der Kampf zwischen Wollen und Sollen von Strophe 1 wird hier in das Innere der Gottnatur selbst verlegt

***farbigen Erden: im Gegensatz zur lichten Sonne ist das Irdische farbig, d.h. nach Goethes Farbenlehre aus Licht und Dunkelheit gemischt

****alles muss in Nichts zerfallen: was am Sein teilhaben will, muss sich der ständigen Umgestaltung unterwerfen und insofern stets neu "in Nichts zerfallen"

Mittwoch, 6. Juni 2007

Tarnation - Leben am Abgrund


„An exuberantly personal work smeared with the lipstick traces from the likes of David Lynch” (L.A. Times)

Tarnation (2004) ist einer der erschütternsten, persönlichsten und außergewöhnlichsten Dokumentarfilme aller Zeiten. Psychotischen Schüben gleich wird der Zuschauer mit dem Leben einer texanischen Familie konfrontiert, in der sich hinter der bürgerlichen Fassade alle nur möglichen menschlichen Katastrophen abspielen. Renee, die Mutter von Jonathan Caouette, Hauptprotagonist und zugleich Regisseur wird von ihrer schizophrenen Mutter missbraucht und geschlagen. Aufgrund ihrer Schönheit wird sie in frühem Alter durch Zufall zu einem bekannten Kindermodel. Diese Karriere endet jedoch nach einem Sturz aus dem Fenster abrupt, sie ist für Monate gelähmt und bekommt auf ärztlichen Rat Elektroschocks versetzt. Der Körper kommt allmählich wieder, aber ihr Geist durchläuft von nun an eine endlose Abwärtsspirale. Als sie später ihren Sohn zur Welt bringt, ist der Vater schon lange verschwunden und der schizophrenen Renee wird recht schnell das Sorgerecht entzogen. Jonathan kommt für einige Jahre in Pflegefamilien, wo er ebenfalls massiven Missbrauch erlebt, bevor ihn schließlich seine nicht minder kranken Großeltern aufnehmen. Eines Tages holt seine Mutter ihn ab, sie möchte mit ihm in Chicago neu anfangen. Am ersten Abend wird die Mutter vor den Augen ihres Sohnes vergewaltigt. Und das ist erst der Anfang.

Der weitere Verlauf beider Geschichten spiegelt sich in den Filmaufnahmen von Jonathan, der schon früh zur Kamera greift und sein Leben dokumentiert. Dabei sind die Bilder gleichermaßen distanzlos – ihm, wie seiner Familie gegenüber. Er will Schauspieler werden, dreht Kurfilme, dokumentiert schonungslos die ihn umgebende kleine Welt. Mit zwölf Jahren spielt er (nur für sich selbst im in Schummerlicht getauchten großelterlichen Bad) vor der Kamera eine vergewaltige Frau. Er spielt sich dabei in Rage, hört nicht auf, bis die Tränen fließen und sich ganz plötzlich einfach alles transzendiert. So ergibt sich in der Retrospektive ein Bild seines Lebens und dem seiner Familie, collagiert aus unzähligen gesammeltem persönlichen, Bildern, Filmausschnitten, persönlichen Super-8, VHS- und Digitalaufnehmen, Fotos und Tonaufnahmen von Anrufbeantwortern. Dabei verzichtet er bewusst auf einen außenstehenden Erzähler. Stattdessen strukturieren immer wieder eingeworfene Texte einen zutiefst tragischen Film, unterlegt von einem wunderbaren Soundtrack, der die abgründigen Bilder perfekt zu kontrastieren versteht.

Gegen Ende des Films ist Jonathan 31 Jahre alt, selbst schwer gezeichnet von dem belastenden Mutter-Sohn-Verhältnis, nahezu am Ende seiner Kräfte und voller Sorge, dass die „Mutter in ihm“ ihn ebenfalls aufzufressen und auszulöschen droht. Tarnation (zu deutsch: „verdammt“) ist eine außergewöhnliche Hommage an eine Mutter, in seiner Form bisher einmalig und setzt Maßstäbe für zukünftige Dokumentarfilme. Durch die Entfremdung des Protagonisten von sich selbst wie vom Betrachter entsteht zugleich eine intime Nähe, die Innen und Außen verschwimmen lässt. Doch trotz der Intimität hinterlässt er den Betrachter verzweifelt, der 91 Minuten lang in eine Welt eintaucht, die er weder ergründen noch verändern kann. Was bleibt sind Ratlosigkeit und viele Fragezeichen. Nicht nur darin erinnert Tarnation an David Lynch, mit dem kleinen aber entscheidenden Unterschied, dass dies alles bestürzende Wirklichkeit ist.

Dienstag, 5. Juni 2007

There's a riot goin on...


…fragt sich nur wofür? Diese Frage stellt sich wohl gerade so mancher angesichts der unschönen Bilder aus Rostock. Innerhalb von nur wenigen Stunden schafften es die berüchtigten Autonomen vom Schwarzen Block, in der Bevölkerung beinahe jegliche Sympathie für den durchaus berechtigten Protest gegen den Gipfel der Großen Acht zu verspielen. Wie schon anno 2001, als es zum tragischen Tod von Carlo Giuliani kam, der von einem Polizisten erschossen wurde, spielten sich Szenen ab, die von einer entfesselten Gewalt auf beiden Seiten zeugen und etwa an die 1000 Verletzte zur Folge hatten. Doch im Gegensatz zu Genua ging die Gewalt gestern eindeutig von den Autonomen aus, die der zunächst äußerst friedlich verlaufenden Demonstration mithilfe von aus dem Asphalt entfernten Pflastersteinen ein Ende bereiteten.

Nicht nur, dass diese Gewalt völlig sinnlos und weitestgehend unpolitisch war (bei einem Großteil der Autonomen herrscht leider ein äußerst diffuses Politikverständnis vor), sie legitimierte innerhalb von Stunden auch die repressive Vorgehensweise des Innenministeriums im Vorfeld von Heiligendamm. Genau solche Bilder, wie sie in den vergangenen Stunden durch alle Medien gingen spielen doch jenen in die Hände, die vordergründig kritisiert werden sollten. Die Taktik der gewalttätigen Protestierer, durch eigene Angriffe der angeblich faschistoiden Staatsmacht die demokratische Maske abzureißen, ist aberwitzig, aber vor allem egoistisch und politisch unklug. Bei aller Kritik ist Deutschland doch immer noch eine Demokratie. Und in einer eben solchen ist es nun mal nicht gerechtfertigt, grundlos gewalttätig zu werden gegen die Staatsmacht. Während alle sozialen Bewegungen dieser Republik ihr Dagegensein im Namen eines prinzipiellen Anspruchs auf Zugehörigkeit formulieren, scheren die Schwarzen mit heroischer Selbstexklusion aus.

Alles was sie damit letztlich erreichen, ist eine ziemlich masochistische Art von Selbstbestätigung, denn in der durchaus harschen Reaktion der Polizei, die vornehmlich die alten Bullenhasser traf, spiegeln sich genau jene Zerrbilder wider, die das Denken der jegliche Staatsmacht ablehnenden Pseudoanarchisten prägen. Gehörig unter die Räder gerieten dabei leider jene ernsthaften Kritiker, die seit Wochen und Monaten fieberhaft auf den zivilgesellschaftlichen Protest gegen den undemokratischen Gipfel hinarbeiteten. Wer stattdessen Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte? Neben den „linken“ Chaoten einige hundert NPDler, die aufgrund des mangelnden Polizeiaufgebots öffentlichkeitswirksam einen spontanen Demonstrationszug durch das Brandenburger Tor veranstalteten. Na wenn das mal nicht ein Erfolg war!

Freitag, 1. Juni 2007

High Fidelity Teil 1: Punk


Dem ein oder anderen dürfte es vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich euch seit einiger Zeit in der kleinen Seitenrubrik namens High Fidelity von meinen momentanen Lieblingsplatten in Kenntnis setze. In Zukunft möchte ich diese Rubrik in losen Abständen auf eine gewisse Zeit oder Sparte, einen bestimmten Künstler oder eine bestimmte Band etwas ausführlicher anwenden. Der Anfang gebührt dem Punk. Nun denn: die fünfzehn besten Punksongs, natürlich zutiefst subjektiv und nicht viel mehr als eine verhuschte Momentaufnahme:

15. Minor Threat – Straight edge (1980): DIE Ur-Hardcore- Straight-Edge-Band

14. Fehlfarben – Kebapträume (1980): die vielleicht deutscheste aller Punkbands, Peter Heins Stimme ist sicher Geschmackssache, aber „Monarchie & Alltag“ ein Meilenstein der deutschen Musikgeschichte und Kepabträume sicher einer der am leichtesten missverständlichen Lieder: „Wir sind die Türken von morgen“… (Dazu gibt es bei youtube leider kein passendes Video, nur das obligatorische Ein Jahr, der von der Band ungeliebteste, schlechteste, unpunkigste, aber leider bekannteste Song)

13. Die Goldenen Zitronen – Schorsch und der Teufel (1994): spätestens mit ihrer Politisierung Anfang der Neunziger wurde Punk in Deutschland intelligent und verließ das starre Ufta-Ufta-Schema (hab leider hier auch nicht das passende Video gefunden, aber 0:30 gleiches Ambiente ist auch nicht schlecht)

12. Turbostaat – Drei Ecken, ein Elvers (2001): „Emopunk“ auf deutsch mit intelligenten Texten

11. Ramones – Beat on the brat (1976): kurz, prägnant und natürlich mit dem obligatorischen 1,2,3,4…

10. Sex Pistols – Anarchy in the UK (1977): Sicher keine allzu große Überraschung, aber die Jungs um Johnnie Rotten verkörpern nun mal den kurzen Londoner Frühling, leider alles nur ein großer Rock’n’Roll-Swindle

9. Bad Brains - Pay to cum (1980): grandioser Song der einzigen mir bekannten schwarzen Punk/HC/Reggae-Band

8. Fugazi - Waiting room (1990): diese Auswahl fiel mir sicher am schwersten, da die recht komplexe Postpunkband (hervorgegangen aus Minor Threat) so viele gute Platten herausgebracht hat, und das seit 1988 auf gleich bleibend hohem Niveau! Hab mich letztlich doch für einen alten Klassiker entschieden

7. Cockney Rejects – Oi! Oi! Oi! (1981): mit der Rückbesinnung auf die Ideale begann so vieles, leider auch negatives

6. Rancid – Maxwell murder (1995): das erste Lied auf dem besten Album der besten unter den großen US-Punkbands der Neunziger

5. Dead Kennedys – Viva Las Vegas (1980): herrlich, wie Rock’n’Roll und Punk hier so wunderbar miteinander fusionieren 

4. NoFX – The decline (1999): mit seinen knapp 20 Minuten sicher der längste Punkrocksong der Welt

3. Social Distortion – Trough these eyes (1996): das beste Lied der Band um Mike Ness und meiner bescheidenen Meinung nach der beste Punkrocksong schlechthin (auch wenn ein gewisser Herr R. immer noch behauptet, dass es Punkrock gar nicht geben kann)

2. The Clash – Janie Jones (1977): erster Song, erste Platte, klare Ansage!


1. The Stooges – Raw Power (1973): das gleichnamige Album war so etwas wie die Blaupause für Punk, Iggy als selbstzerstörererischer Berserker auf der Bühne tat sein übriges zu einem ziemlich (im wahrsten Sinne des Wortes) gewaltigen Gesamteindruck – unerreicht. (Grade für das beste gab es kein gescheites Video, aber Search and Destroy ist fast so gut.)

G8 - wozu?


Seit Wochen bestimmen die Vorbereitungen auf das Gipfeltreffen der großen Industrienationen in der beschaulichen „weißen Stadt“ (die ich zufälligerweise letzten Sommer besuchte) an der Ostsee das politische Tagesgeschehen und die journalistische Berichterstattung. Und mit jedem Tag fällt es mir schwerer, noch einen Sinn darin zu erkennen. Als Altkanzler Helmut Schmidt und seine damaligen Kollegen Mitte der Siebziger, ausgelöst durch die Ölkrise, sich zum ersten Mal abseits von den üblichen politischen Veranstaltungen zusammensetzten, hatten diese Treffen noch den informellen Charakter eines Kamingesprächs und waren dementsprechend relativ erfolgreich. Davon kann heute keine Rede mehr sein: uns erwartert stattdessen ein aufgeblasenes, viel zu teures Medienspektakel, zu dem die Regierungschefs mit einem gigantischen Stab an Mitarbeitern und Beratern anreisen, und das nicht nur zur Aushöhlung von Grundrechten zu führen scheint, sondern obendrein auch noch – wie die Jahre zuvor – aller Aussicht nach reichlich ergebnislos verlaufen wird. Stattdessen wird es wie immer viel Symbolik geben, die den Kritikern der marktliberalen Globalisierung viel Angriffsfläche bietet und den üblichen Verdächtigen wie Bono, Grönemeyer, Campino & Co. eine Bühne bietet, um ihr Gutmenschentum in vollen Zügen ausleben zu können.

Hinzu kommt, dass es sich bei dieser ganzen Angelegenheit um eine alles andere als demokratische und zudem rein weiße Veranstaltung handelt, bei der mal wieder (zur Beruhigung des schlechten Gewissens) mit Vorliebe paternalistisch über die ach so armen, hilfsbedürftigen Afrikaner geredet wird. Dass an einem Tag wenige afrikanische Regierungschefs, so Merkel "vorgeladen" werden, macht die Sache letztendlich auch nicht unbedingt legitimer. Der Erfolg vergangener G8-Gipfel, die Afrika thematisierten, spricht für sich. Wem nützt also dieser alles andere als zeitgemäße G8-Gipfel? Den neurotischen Profilierungssüchten der großen Acht, die sich damit selbst vergewissern können, immer noch die Geschicke dieser Welt zu bestimmen? Dem angeblichen Souverän bestimmt nicht. Deshalb plädiere ich für die sofortige Abschaffung dieser unnötigen und politisch fragwürdigen Veranstaltung!

Mittwoch, 30. Mai 2007

Tabloid oder was?


Die von mir bisher stets sehr geschätzte Frankfurter Rundschau, seit knapp drei Jahren nun meine Tageszeitung, hat sich runderneuert und erschien heute zum ersten mal im handlichen Tabloid-Format, das ich bisher schon an der El Pais zu schätzen wusste. Seit Monaten sorgt die angekündigte Umstellung für heiße Diskussionen in der Leserschaft. Format und Layout scheinen mir, nun da die neue FR vor mir liegt, recht ansprechend, und mir hat es ohnehin nie so recht eingeleuchtet, weshalb Tagesszeitungen so großformatig und unhandlich sein müssen. Als absolutes Negativbeispiel fällt mir da stets die ZEIT ins Auge. Einer der Gründe, weshalb ich sie so selten kaufe ist definitiv ihr Mammutformat, das mir bei Zugfahrten stets zu schaffen macht, sollte ich mal nicht den Luxus genießen dürfen, zwei Plätze für mich alleine zu haben. Sicher, so einen riesen Fetzen Papier vor sich zu halten mag etwas weltmännisches haben, aber nur, solange man nicht umblättern oder zusammenfalten muss. Welch Wohltat dagegen eine Zeitung wie die El Pais: klein, übersichtlich und trotzdem hochqualitativ.

Dass sich die in den letzten Jahren ziemlich krisengeschüttelte FR durch die Umstellung retten könnte ist recht wahrscheinlich. (Die seit Jahren gesunkene Auflage liegt jetzt bei 150.000 verkauften Exemplaren; im ersten Quartal 2007 verkaufte die FR 11.000 Exemplare weniger als noch ein Jahr zuvor. Von einst mehr als 1.600 Mitarbeitern waren noch 720 übrig, als Ende September der Abbau weiterer 200 Stellen angekündigt wurde.) Ob sie mit neuem Format und Stil allerdings Vorreiter oder Einzelgänger bleibt, wird sich noch zeigen. Dass ich heute über zwei Stunden in der Tageszeitung las - etwas, das ich ansonsten höchstens am Wochenende zustande bringe - könnte zwar durchaus als positives Signal gedeutet werden. Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es daran gelegen haben mag, dass sie ein wenig bequemer und bunter geworden ist – mehr Feuilleton, weniger Politik. Sollte sich das dauerhaft ändern, muss ich mich leider nach einer neuen Tageszeitung umschauen, vielleicht sogar der Konkurrenz aus der Mainmetropole…




Montag, 28. Mai 2007

Briefe an die Leser


„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“ (Chlodwig Poth)

Als ich meine erste Titanic käuflich erwarb, tat ich dies noch mit D-Mark und unter dem Dicken aus Oggersheim als amtierendem Kanzler, der obendrein auch noch irre vom Cover heruntergrinste. Seitdem habe ich mir keine Ausgabe entgehen lassen, auch wenn die Qualität von Ausgabe zu Ausgabe recht stark schwankt, was auch an den eher prekären, anarchischen Produktionsbedingungen des „endgültigen Satiremagazins“ liegen mag. (Wen es interessiert, wie eine der wenigen wirklich unabhängigen deutschen Zeitschriftenredaktionen funktioniert, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.) Doch auf einige Rubriken kann man sich stets verlassen: die Kolumne von Goldt, die exzellente Humorkritik von Hans Mentz – und natürlich die Briefe an die Leser, Deutschlands beste Leserbriefseiten. Die exzellente Idee, den Spieß einfach herumzudrehen und in wenigen Worten das Verhalten oder die Aussagen potenzieller Leser zu kommentieren, hat schon so manch durchwachsene Ausgabe (und mir so manche Tage) gerettet, weshalb ich mir sie stets als letztes zu Gemüte führe. Auch diesen Monat waren wieder einige satirische Schmankerl von Hilke Raddatz dabei, von denen ich hier einfach mal eines herauspicke:

Apropos, Hartmut Perschau!

Als Vorsitzender der Bremer CDU-Bürgerschaftsfraktion mussten Sie natürlich mit „Erstaunen und Unverständnis“ auf die Meldung reagieren, wonach die vor über zehn Jahren aus der Haft entlassene Ex-RAF-Frau Susanne Albrecht seit ebenso vielen Jahren in Bremen Ausländerkindern Deutschunterricht gibt. Laut ddp nannten Sie es „völlig untragbar, dass unsere Kinder von einer verurteilten RAF-Terroristin unterrichtet werden“. Resozialisierung sei ja schön und gut, aber die dürfe „nicht auf dem Rücken unserer Kinder erfolgen“. 

Auch wenn, Hartmut Perschau, ein, zwei Wochen vor den Bürgerschaftswahlen schon mal bisschen was durcheinander geraten kann: Glauben Sie wirklich, dass Ihnen Ihre Stammwähler das honorieren, wenn sie die Kanakenbälger als „unsere Kinder“ bezeichnen? Wir meinen ja nur: Propaganda und Profilierung mit Hilfe der billigsten RAF-Reflexe – schön und gut. Aber muss das wirklich auf dem Rücken der Ausländerfeindlichkeit sein?

Ihre PR-Berater von der 
Titanic

Sonntag, 27. Mai 2007

conText 2


conText, die erste Passauer Zeitschrift für Politik, ist seit wenigen Wochen mit ihrer zweiten Ausgabe draußen und arbeitet schon fieberhaft an der dritten, die Ende Juni erscheinen wird. Noch steckt sie in den Kinderschuhen, aber auch die können sich durchaus sehen lassen. Noch sind die Kreise, welche sie gezogen hat bescheiden, aber die Ausbreitung über die Unis, Kneipen und Bibliotheken der Republik schreitet voran. Und besonders erfreulich: seit kurzem sind wir auch im Internet zu finden. Noch steckt auch die Website in den Kinderschuhen, nimmt aber von Tag zu Tag mehr Gestalt an und wird in Zukunft als multimediales Surrogat dienen für all jene, die aus den verschiedensten Gründen leider keine Printversion in die Hand bekommen konnten. Etwa vier Wochen nach deren Erscheinen werden dort alle Artikel (bei Bedarf auch in einer ausführlicheren Version) zu finden sein. Achja, die zweite Ausgabe war übrigens schwerpunktmäßig der südlichen Hemisphäre dieses Planeten und dem leidigen Nord-Südkonflikt gewidmet und musste leider ohne einen Artikel meinerseits auskommen…

Mittwoch, 23. Mai 2007

(K)ein Lied mehr

Ein lauer Frühlingsabend in Schorndorf. Blumfeld haben sich angekündigt, ein allerletztes Mal in der Daimler-Stadt zu gastieren. Bei diversen Auftritten in der Manufaktur wussten sie in den Jahren zuvor schon zu überzeugen. Aber zum Abschied schien die deutlich in die Jahre gekommene, gemütliche Manu jedoch zu klein, weshalb die Barbara-Künkelin-Halle als Ort des letzten Konzertes der Hamburger in schwäbischen Gefilden dienen sollte.

Ein Fehler? Vielleicht, denn der eher für klassische Konzerte und Tagungen ausgerichtete große Saal hat wenig Atmosphäre: Getränke sind verboten, ebenso wie das Rauchen, die Mehrheit der Plätze ist bestuhlt, lediglich wenige Meter vor der Bühne sind den stehenden Gästen vorbehalten. Zudem arbeitet die Klimaanlage dem sichtlich erkälteten Distelmeyer wahrlich nicht entgegen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein gelungenes Konzert! Doch die Band hat spätestens nach dem dritten indierockenden Klassiker der Frühphase nahezu alle Widrigkeiten hinweggespielt. Das Publikum dankt mit warmem, sehr langem Applaus, verharrt jedoch in schwäbisch zurückhaltender Genießerpose.

Der Meister ist in bester Laune, plaudert munter zwischen den Liedern und behält trotz starkem Husten volle Kontrolle über seine Stimme. Auch dem Bassisten Lars Precht ist die Spielfreude anzumerken, die sich neben der musikalisch einwandfreien Leistung in einem verschmitzten Dauerlächeln und permanentem Bewegungsdrang offenbart. Die Band scheint perfekt eingespielt, neigt zu vielen kleinen Verspieltheiten, verziert ihre auf Platte doch zumeist recht straight arrangierten Lieder und beackert die ganze Bandbreite des Blumfeld-Universums zwischen „Tausend tränen tief“, der zu Unrecht gescholtenen Hommage an ein Lied, folkig angehauchten Liebesliedern, beinahe proggigen Kompositionen à la „Der Sturm“, Prefab Sprout-Pop, Ringo Starr-Dadaismus und dem politisch-persönlichen Diskursrock der Anfangstage. „Mein System kennt keine Grenzen“ war anno 1999 programmatische Ansage und plakative Abwendung vom Diskursiven zugleich.

Die Musik trat nun von Platte zu Platte mehr ins Zentrum, was sich auch am heutigen Abend wunderbar im Zusammenspiel der vier Musiker zeigt: da wird hier die Melodie etwas abgeändert, tritt dort eine geschmeidige zweite Gitarre in Form von Thomas Wenzel (seines Zeichens Bassist bei den Sternen) hinzu, macht Distelmeyer aus dem wütenden „Armer Irrer“ eine bedrohlich langsame Akustikversion, und geht nicht zuletzt das stets etwas entschwebende Klavier ganz eigene, zarte Wege.

Blumfeld sind im Laufe der vergangen Jahre in Auftritt und Attitüde stets lockerer geworden, weniger streng und straight, und doch gereifter. Dass nach sechs Alben nun genug ist, eine Band hier den Punkt erreicht hat, an dem sie immer so weiter machen könnte, aber es dennoch sein lässt, spricht für ein gutes Gefühl für Timing. Mit Sicherheit sieht das Publikum an diesem Abend nicht das beste Konzert der Band, aber aufgrund der Finalität ein wahrscheinlich nicht so leicht zu vergessendes. Ganze vier Mal verlässt die Band die Bühne, um doch wieder zurückkehren: zu Beginn des Konzertes, um nach „Wir sind frei“ den eisigen Verhältnissen auf der Bühne zu trotzen, gegen Ende des Abends jedoch um eine Menge herauszufordern, die bis zum Schluss nicht richtig aufzutauen scheint. Das versöhnliche „Die Welt ist schön“ beschließt schließlich das viertletzte Konzert der Band und entlässt die sichtlich zufriedenen Zuschauer in eine mittlerweile kühl gewordene Frühlingsnacht…

Mittwoch, 16. Mai 2007

Jóga


Vor langer Zeit, inzwischen mögen es bald zehn Jahre sein, vernahm ich zum allerersten Mal jene sonderbar urwüchsige und doch artifizielle isländische Stimme, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat und stets aufs Neue in ihren Bann zieht. Es war ein erhabener Augenblick, der mich die Wahrheit erheischen ließ. Jóga war so etwas wie eine Initialzündung zu meiner seither ungebrochenen Leidenschaft für Björk Guðmundsdóttir. Welch künstlerischen Wandlungen diese Frau inzwischen vollzogen hat, ist wirklich mehr als erstaunlich (zuweilen auch befremdend) - und Jóga mit Sicherheit nicht ihr bestes Lied. Doch ihre Geschichte ist längst Legende, weshalb ich mir an dieser Stelle unnötige Worte erspare und lieber die Töne sprechen lasse:





Jóga



All these accidents,
That happen,
Follow the dot,
Coincidence,
Makes sense,
Only with you,
You don't have to speak,
I feel.

Emotional landscapes,
They puzzle me,
Then the riddle gets solved,
And you push me up to this

State of emergency,
How beautiful to be,
State of emergency,
Is where I want to be.

All that no-one sees,
You see,
What's inside of me,
Every nerve that hurts,
You heal,
Deep inside of me, oo-oohh,
You don't have to speak,
I feel.

Emotional landscapes,
They puzzle me - confuse,
Then the riddle gets solved,
And you push me up to this

State of emergency,
How beautiful to be,
State of emergency,
Is where I want to be.

State of emergency,
How beautiful to be,

Emotional landscapes,
They puzzle me,
Then the riddle gets solved,
And you push me up to this

State of emergency,
How beautiful to be,
State of emergency,
Is where I want to be.

State of emergency,
How beautiful to be,
State of emergency,
State of, state of,
How beautiful,
Emergency,
Is where I want to be.

State of emergency,
How beautiful to be,
State of emergency,
Is where I want to be.

State of emergency,
How beautiful to be.

Samstag, 12. Mai 2007

Freiheit ...zum zweiten

Gerhard Polt ist und bleibt einer der besten Kabarettisten dieses Landes. Die Art und Weise, wie er dem Volk aufs Maul schaut und sich dabei seiner Sprache bedient und in dessen Rolle schlüpft ist so subversiv wie missverständlich, weshalb so manche(r) Ahnungslose(r) - vor allem Nicht-Bayer - den guten Herrn schon schockiert in die rechte Ecke stellte.
Doch er entlarvt nur, er verkörpert Karikaturen, er macht Realsatire - und das seit Jahrzehnten auf erstaunlich gleichbleibend hohem Niveau. Warum Freiheit und Sklaverei keine Widersprüche sein müssen zeigt dieses kurze, schon etwas ältere Stück des genialen Oberbayern. Viel Spaß!

Donnerstag, 10. Mai 2007

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)

Dienstag, 8. Mai 2007

Rudi Dutschke lebt!



Das ist natürlich eine glatte Lüge. Denn der Grandsegneur der Deutschen Studentenrevolte anno 68 weilt schon seit 28 Jahren, den Spätfolgen eines Attentats erlegen, nicht mehr unter uns. Und auch sein SDS, der legendäre Sozialistische Studentenbund – anfangs der SPD nahestehend, ab 1961 allerdings unabhängige intellektuelle wie aktivistische Kerntruppe der APO - sollte schon neun Jahre früher als sein langjähriger Agitator das Zeitliche segnen...

...bis gestern. Denn da gründete er sich nach 37 Jahren Abstinenz von neuem als Die Linke.SDS - nun jedoch als Sozialistisch- Demokratischer Studentenbund - der im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht als rein außerparlamentarische Opposition verstanden werden will. Diese verlieh eben jenem zwar eine (gewiss bedeutende) Zeit lang zwar eine historische Dynamik, führte aber in gleichem Maße zu dessen Untergang und der Zersplitterung der Linken in den Siebzigern. Dass uns nun neue Studentenrevolten drohen scheint allerdings angesichts der pragmatischen, zur politischen Lethargie neigenden Studentenschaft unserer Generation mehr als unwahrscheinlich.

Montag, 7. Mai 2007

Ghost Town


Ein Abgesang auf die kurze Blütezeit der zweiten Welle des britischen Ska, ein Abgesang auch auf einen ihrer besten und vielseitigsten Vertreter: The Specials. Ghost Town sollte das letzte Lied sein, das sie vor ihrer Trennung noch veröffentlichten. Teile der Band versuchten zwar als The Specials A.K.A. an die zwei legendären Alben der Original-Specials anzuknüpfen, erreichten aber wie so oft bei derartigen Neugruppierungen nie wieder die alte Dynamik und Spielfreude. Ghost Town ist letztlich aber auch ein Abgesang auf die positiven Werte, die der nach dem stilprägenden 2-Tone-Label benannte Ska verkörperte. Die härter werdenden Zeiten spiegeln sich in diesem letzten Lied recht gut wieder: Boneheads nahmen nach und nach den Platz der smarten Rude Boys ein und prägten, indem sie Kultur und Style übernahmen und dabei zugleich neu interpretierten und definierten, das heute vorherrschende Bild des Skinheads als glatzköpfigen Naziproleten. Die sich zuspitzende Spaltung der britischen Gesellschaft, welche konsequenterweise zu einem Erstarken der extremistischen Kräfte führte (und schließlich in die bekannten Rassenunruhen der Achtziger Jahre mündete), mag in Ghost Town nur angedeutet sein, wird aber in der verlassenen, grauen Atmosphäre des Videos, das es hier zu begutachten gibt, sehr plastisch…

This town, is coming like a ghost town
All the clubs have been closed down
This place, is coming like a ghost town
Bands won't play no more
too much fighting on the dance floor

Do you remember the good old days
Before the ghost town?
We danced and sang,
And the music played inna de boomtown

This town, is coming like a ghost town
Why must the youth fight against themselves?
Government leaving the youth on the shelf
This place, is coming like a ghost town
No job to be found in this country
Can't go on no more
The people getting angry

This town, is coming like a ghost town